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"Abbruch Umbruch Aufbruch" ist eine Sammlung mit humorvollen, manchmal bitterbösen und immer wieder überraschenden Kurzgeschichten von folgenden Autorinnen und Autoren:Christa Dannenberg, Anja Eckmüller, Julia Platz, Gisela Westenkirchner, Joachim Biedermann, Karl Blanke, Manfred Pfund und der Herausgeberin Rosemarie Benke-Bursian
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Die Autorinnen und Autoren dieser Anthologie kommen aus der Region des Fünfseenlandes und haben sich in der Textstube Tutzing zusammengefunden, einer Autoren-Schreibgruppe, in der auch die Idee zu dieser Anthologie geboren wurde.
Breit gestreut sind auch der Erfahrungsschatz und die Erzählstile, weshalb jede Kurzgeschichte ihre, jedes Gedicht seine ganz persönliche und einzigartige Note aufweist.
Rosemarie Benke-Bursian ist eine Autorin, die bereits in unterschiedlichen Genres veröffentlicht hat, darunter auch mehrere Krimis.
Seit vielen Jahren leitet sie diverse Schreibwerkstätten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, arbeitet als Autorencoach, freiberufliche Lektorin und leitet seit 2008 eine Schreibwerkstatt für Kinder- und Jugendliche sowie seit 2014 für Erwachsene die Textstube Tutzing.
https://www.rosemarie-benke-bursian.de/
Die Textstube Tutzing ist eine Schreibwerkstatt für angehende und etablierte Autorinnen und Autoren, in der sich alles ums Schreiben, Veröffentlichen und Vermarkten dreht.
Neue Interessenten sind jederzeit herzlich willkommen.
Christa Dannenberg:
Abbruch – Umbruch – Aufbruch
Vom Glück des Vergessens
Leuchtender Stern
Erfüllung
Joachim Biedermann
:
Ein Liter Therapie
Tausend Millionen Nachtigall
Chip
Gisela Westenkirchner
:
Endlich
Einer
Blätterzirkus
Julia Platz
:
Das Märchen von Opa Biene
Hallo, ihr Sch...!
Gisela Westenkirchner
:
Mondlicht
Spurlos?
Ich bin
Karl Blanke
:
Emociones
Die Reise
12 Quadratmeter – Die kleine Apotheke
Anja Eckmüller
:
Kreatives Potential
Rosemarie Benke-Bursian
:
Stumme Wut
Unendlichkeit
Wartezeit
Der verdammt gute Roman
Manfred Pfund
:
Entrümpelung
Hoffentlich beißt etz nix
Wiedersehen im Museum
Scheiß – Art
Wertstoffhof für Gedanken gesucht
Gisela Westenkirchner
:
Tränen der Nacht
Was hast du getan?
Ende und Anfang
Kurzweil
Rosemarie Benke-Bursian
:
Sieger ist …
Frau Wiedemann
Abseitig
Wörter machen Geschichte
Sie ist bereits Ende 50 und fragt sich: War mein Leben schon oder kommt noch was?
Ein glückliches Leben hat sie nicht gelernt, ein unglückliches will sie nicht mehr.
Vielleicht ist jetzt die Zeit reif, eigene Bedürfnisse zu erspüren, endlich den eigenen inneren Gesetzen zu gehorchen.
Sie kannte sich bisher nur als Erfüllungsgehilfin ihres Umfelds, sei es im Büro oder in ihren beiden trostlosen Ehen, dafür gab es weder Dank noch Anerkennung, vertraute Defizite aus der Kindheit.
Abbruch.
Nun dieser unbekannte Zustand, nur sich selbst genug sein, ohne feste Struktur, ohne Druck, kein Streit, vor allem keine Liebe – niemals? Sie empfindet nur noch ein Vakuum, ein unfreiwilliger Kokon!
Der Tag wird unendlich lang, beinahe feindselig und das Leben verkürzt sich jeden Tag.
Die Zeit interessiert sich nicht für mich, grübelt sie, die Zeit macht nur alt.
Sie denkt zurück an all ihre verlorenen Jahre, ein an ihren Neigungen vorbeigehendender Beruf, an die zweimal zehn Jahre in jeweils einer vernunftgesteuerten Ehe, alles beschlossen und geschlossen durch anerzogenen Pragmatismus, kombiniert mit Existenzangst, stete Begleiter ihrer Kindheit.
Nur über den Weg der Krankheit gelingt ihr der Durchbruch in die innere und äußere Freiheit.
Freiheit verpflichtet, Erkenntnisse auch.
Aufbruch!
Sprießende, unbekannte, neue Kräfte sammeln sich, sie ist verwundert.
Soll sie einmal Verrücktes wagen, einen Resetknopf drücken, ihren Computer erforschen?
Ungeahnte Möglichkeiten.
Umbruch.
Sie meldet sich mutig bei einer Datingplattform an.
Viel muss man hier preisgeben, von sich und seinem Inneren, eine Art Präsentierteller, Druck stellt sich ein und das Schlimmste: Es muss ein passables Foto her.
Ein neuralgischer Punkt – sie ließ sich schon als Kind nur unter Zwang fotografieren, lächelte nie.
Sie war es nicht – auf keinem Bild.
Endlich ist ihr Profil erstellt, sehr unsicher noch, sendet sie es nun in eine unberechenbare Welt.
Vorsichtig prüfend, öffnet sie am nächsten Tag ihr Postfach.
Sie traut ihren Augen nicht, nicht ihrem Verstand, nicht ihrem Gefühl, sie ist verwirrt.
Jede Menge Zuschriften von Interessenten, alles ansehnliche Männer, bitten um Kontaktaufnahme. Sie liest und forscht in den Profilen Altersangaben, angedeutete Wünsche und Hoffnungen, Fotos, sympathische Kandidaten.
Sie glaubt sich in einem Abenteuerland, da knallt ein neues Profil auf den Bildschirm, beinahe aufdringlich, bebend staunt sie: ein atemberaubendes Männerbild – ein Bild von Mann – ein Filmstargesicht – zu schön für ein banales Leben, denkt sie.
Fiebernd liest sie seinen englischen Text, da ist schon der kleine Haken, sinniert sie, er ist in Florida wohnhaft, möchte aber eine deutsche Frau und zwar sie, sie sei es, die eine, von der er angeblich immer geträumt hat. Moment – beruhigt sie sich – sie ist also seine Traumfrau?
Ja, ihr Foto hätte ihn sofort gefangen genommen, filtert sie aus dem langen Text heraus.
Sie fühlt sich auch gefangen und befangen, in ihrem Inneren scheinen sich alle Organe zu verschieben, sie fühlt sich schwindelig und gleichzeitig in einem Glückstaumel.
Er will mehr, alles, über sie wissen, sie soll für diese Infos einen sogenannten Messenger außerhalb der Datingplatform einrichten, und: ihr Profil sofort löschen, um andere Kandidaten auszuschließen.
Dieser Mann weiß was er will, fasziniert von diesem männlichen Verhalten, erkundigt sie sich nach einer unruhigen Nacht bei ihrem computererfahrenen Nachbarn über die Einrichtung eines Messengers.
So geht sie neue Wege des Kennenlernens.
Er ist Geschäftsmann für elektronische Geräte, international tätig, weltoffen, deshalb möchte er auch andere Kulturen und Länder kennenlernen, sportlich, er habe gute Manieren, erfährt sie. Auch sie teilt alle Details ihrer Situation mit.
Gefühlvoll, mit guten Wünschen für den Tag und die Nacht verabschiedet er sich. So geht es die nächsten Tage weiter, sie formulieren schon Zukunftsvisionen, voll Liebe und Erfüllung und dazu der Sonnenschein in Florida.
Auch intime Fragen, wie lang man schon ohne Partner sei, Wünsche, Hoffnungen werden ausgetauscht. Liebesgrüße am Morgen, Gute Nachtwünsche und sensible Worte begleiten sie in den Schlaf. Ihr Glückskarussell dreht sich. sie schläft nicht, ihr Kreislauf läuft im Kreis, sie schwebt, blüht, verglüht.
Sie legitimiert sich vor sich selbst, sie habe nach all den Entbehrungen und Härten das Recht auf einen inneren Lichtschacht.
So tauschen sie weiter ähnliche, beglückende Empfindungen aus, bewegen sich ihren beiderseitigen Traumvorstellungen entgegen.
Sie fragt sich in den Nächten, wie es sein kann, sich an einen eigentlich Unbekannten so zu verlieren, so zu vertrauen.
Ein Foto, schöne ergreifende Texte, überbordend. Nie Gelesenes, nie Erlebtes, nur Ersehntes-nun alles auf einmal.
Ein Rauschzustand, Worte die streicheln, sie hat kein Zeitgefühl, auch kein Bedürfnis, sich ihrer Umwelt mitzuteilen.
Nur schreiben an ihn, sie wird poetisch, was ihr erstaunlicherweise leicht in englischer Sprache fällt, das Wörterbuch stets in ihrer Nähe, längst ein enges Bündnis.
Der Wunsch, seine Stimme zu hören, wird stark, sie hat genaue Vorstellungen, wie sie sein wird: sanft, zärtlich, männlich, passend zum ausgedruckten Foto, sie spürt Wärme – überall!
Sie teilt ihm ihre Telefonnummer mit.
Und mitten in der Nacht schrillt ihr Telefon, zitternd hebt sie ab:
Ein kratziges, beinahe aggressives „Hello“ im seltsam unbeholfenen Englisch, amerikanisches Englisch? Nein, kein amerikanisches, notiert sie im Hinterkopf.
Während die seltsame Stimme enttäuschend Belangloses fragt, läuft parallel der Vergleich zwischen Foto und Stimme, wie geht das zusammen?
Das Foto ist Gold, die Stimme Blech.
Holprig und unkonzentriert läuft der dünne Gesprächsfaden weiter, während in ihr unheilvolle Ahnungen aufsteigen.
So endet das sprachliche Intermezzo, sie schläft nicht, Wachsamkeit dominiert sie.
Ein neuer Morgen, fast furchtsam schaut sie in ihren PC.
Die bereits vertrauten, verwöhnenden Zeilen begrüßen sie, auch lobt er ihre sexy-Stimme, sie erwähnt die seinige nicht, immer noch hoffend, sie sei im Irrtum ihrer inneren Warnung.
Sie will und muß weiter vertrauen!
Sie wird belohnt!
Er will sie dringend in Deutschland besuchen, er will ihr Umfeld kennen lernen, er will zu ihr.
Zuvor läßt er sie wissen, müsse er noch einen wichtigen Deal in Westafrika abwickeln,
Vom hohen Gewinn ist die Rede, die Ware wäre bereits auf dem Seeweg, dann müsse er persönlich vor Ort sein, um das Geld wegen der Korruptionsgefahr im Lande zu sichern.
Mit diesem Gewinn könnten sie dann Luxustage in Paris verbringen und mehrere Wochen in ihrer Heimat bleiben.
Sie steht in Flammen, welch ein Entgegenkommen!
Zwei Tage muss sie nun ohne seinen Kontakt auskommen, da er die Geschäftsreise und die Abwicklung durchführen muß.
Natürlich hat sie volles Verständnis für seine Situation, sie wird ja um so mehr belohnt.
Mit diesen Gedanken an ihn und Afrika umhüllt sie ein leichter Schlaf, der jäh durch einen Anruf unterbrochen wird.
Schon im Moment des Abhebens stößt ihr ein wildes „I need you – Help!“ entgegen, fordernd, unhöflich, sie solle weitere Erklärungen im Messenger lesen.
Ende des Gesprächs.
Völlig geschockt, verwirrt, angstbebend, Böses ahnendes startet sie den PC.
Eine schlimme Nachricht, voller Konfusion, er werde genötigt, erpresst von afrikanischen Zollbehörden. Er muß hohe, unvorhersehbare Summen zur Freigabe seiner Ware zahlen.
Diese Summe habe er nicht bei sich, der Besuch in Deutschland sei somit auch gefährdet.
Sie, nur sie, kann ihn retten, liest sie, er benötigt dringend 5000 Euro, per Blitzüberweisung, sie könne jetzt ihre Liebe beweisen, selbstverständlich bekäme sie das Geld sofort zurück.
In ihrem Leben stets hilfsbereit, denkt sie fieberhaft über eine Lösung nach.
Sie selbst hat sich noch nie Geld leihen müssen.
Diese Ausnahme würde sie nur für ihn machen, aber es gibt niemanden, der helfen könnte.
Sie schreibt ihm flatternd, sie könne keine finanzielle Hilfe leisten, will ihn trösten, verspricht nach Möglichkeiten zu suchen.
In dieser Nacht antwortet er nicht mehr.
Ihr Herz scheint mit Stacheldraht umwickelt zu sein, so groß ist der Schmerz, sie fällt in einen komaähnlichen Schlaf.
Am nächsten Morgen aber warten wieder versöhnliche Zeilen auf sie, er entschuldigt sich, sie solle doch nochmal über Hilfe nachdenken. Er würde wieder anrufen.
Vor dieser Stimme fürchtet sie sich, mit dieser Blechstimme will sie nicht vertraut werden.
Erneut die aggressive Forderung nach Geld, drohend. Innerlich vereist, legt sie auf.
Sie hat das Gefühl, ein Fremder sei im Raum.
In den kommenden Nächten wird das Telefon ihr Feind, in dicken Handtüchern verpackt, will sie sich dem akustischen Gespenst entziehen.
Ihr Hirn spielt verrückt, war alles nur wieder eine trügerische Einbildung, verfehlte Sehnsüchte und Hoffnungen: Kann sie sich überhaupt noch selbst trauen?
Diese hilflose Leere, jetzt hätte sie großen Redebedarf mit Freunden, die aber hatte sie ausgeklammert.
Diese Peinlichkeit, dieses abgrundtiefe Schamgefühl – wohin damit?
Denn ihr ist grausam klar geworden, daß sie einem Betrüger über den Weg der Liebestäuschung aufgesessen ist.
Er wollte nur Geld! Diese fremde Stimme warnte sie bereits in den ersten Momenten, da hing sie aber schon im Netz der Illusionen.
Aufbruch!
Ungezählte Heilungswochen später, zappt sie im TV, bleibt in einem Kanal stecken.
Sie hört einen völlig unbekannten Begriff: „Romance Scamming“, dieser Internetbetrug, so vernimmt sie, nutzt die Gefühle überwiegend älterer Frauen schamlos aus. Mit gestohlenen Identitäten aus dem Netz erpressen sie dann Geld von ihren Liebesopfern.
Gebannt verfolgt sie dann noch mutige Opferberichte geschädigter Frauen und gefakte Fotos toller Beispielmänner sind zu sehen
Sie hatten bezahlt, viel bezahlt.
An dieser Stelle war sie froh, nur emotional bezahlt zu haben, aber was wäre geschehen, wenn sie Geld gehabt hätte?
Strafrechtliche Verfolgung, so wurde berichtet gibt es kaum, da ja alles im Ausland abläuft und die Täter schwer zu ermitteln sind.
Wenigstens fühlt sie sich jetzt weniger allein – es gibt eine Opfergemeinschaft!
Seltsam getröstet, beinahe schmunzelnd denkt sie: Ich könnte ja eine Selbsthilfegruppe gründen.
Auf zu neuen Ufern!
Du bist alt geworden, ohne dir jemals begegnet zu sein.
Ich lud dich zu mir nach Hause ein, du konntest dich hier frei, ohne jegliche Verpflichtung bewegen, was bei deinem in der Nähe lebenden Sohn so nicht möglich war.
Mich machte deine verträumte, nicht-sehen-wollende Veranlagung immer noch wütend.
Du warst schon in jungen Jahren denkbequem, bautest stets eine Mauer um deinen anstrengenden Ingenieursalltag herum, und es wurde im Alter natürlich nie mehr besser mit deinem Gedächtnis.
Nun, während deines Besuchs, war für mich kaum noch ein Gesprächsverlauf spürbar. Stattdessen kamen die ewigen Geschichten und scheinbaren Abenteuer während deines Studiums zur Sprache, für mich ermüdend und langweilig.
Und ich stellte fest, du beherrschtest die einfachsten Arbeitsabläufe nicht mehr: Zum Beispiel konntest du in meiner überschaubaren Küche nichts finden, weder die Kaffeetasse noch den Kaffee.
Unsere Diskussionen führten nur zu Missverständnissen und Wiederholungen des gerade Gesprochenen. Wir schleppten uns durch die Tage. Ich war sehr genervt und froh, dass ich nach einer Woche wieder allein war.
Nie aber nachtragend, wir beide, besuchte ich dich nun in deinem neuen, einsamen Leben, das in einer kleinen Zweizimmerwohnung eine erschwerende Begrenzung darstellte, insbesondere nach einem wechselreichen Leben mit mehreren Umzügen, Scheidungen und Herzinfarkt.
Du warst zwar in deinem Heimatort zurück, doch ohne je zuhause zu sein. Wie ein Statist, von Regalen umbaut, gefüllt mit alten und neuen Computerzeitschriften, nie gelesen.
Ich stellte in deiner Wohnung eine gewisse Verwahrlosung, so wie auch an dir selbst, fest.
Schmutz in Küche und Bad, seltsame Sammlungen von leeren Dosen und angerissenen Tütensuppen, ein Durcheinander, dominiert vom ranzigen Geruch einer verdreckten Fritteuse.
Auf meinen Einwand, dass diese Art der Ernährung, vor allem altes Fettiges, wohl kaum gesund sein könnte, antwortetest du desinteressiert, dass du sowieso wenig isst.
Über diese Art deiner Logik entzündeten sich immer wieder Debatten.
Ich war, und blieb jetzt erst recht, zu anstrengend für dich, du wolltest nicht denken, nur verdrängen.
Auch diese Eigenschaft kannte ich von früher, jetzt traten all diese Charakterelemente verstärkt zu Tage, was mich wiederum in alten negativen, unverarbeiteten Erlebniswelten hielt.
Du saßt vor einem Frühstücksbrötchen, lächeltest es an, nipptest am längst lauwarmen Kaffee, vergaßt aber zu essen. Verträumt, beinahe weggetreten, starrtest du an die Decke. Auf meine Gesprächsversuche respektive Fragen reagiertest du fast gar nicht.
Ich entdeckte ein Medikamentenpotpourri, jeden Tag solltest du aufgrund deiner Herzerkrankung regelmäßig eine Dosis schlucken, du wusstest aber nicht, wann du zuletzt Tabletten genommen hattest.
Ich versuchte, ein wenig Ordnung, schon um meiner selbst willen, zu schaffen, was für dich aber nervöse Umtriebigkeit bedeutete.
Wir haben beide, wenn auch nicht zufriedenstellend, die Tage überstanden.
Ich hatte aber ein ungutes Gefühl, dich zurückzulassen. Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit überkamen mich.
Ich beschloss, mich mehr zurückzuziehen, wenn auch mit ungutem Gefühl.
Als ich nach dieser Woche abgereist war, kreisten meine besorgten Gedanken dennoch ständig um dich.
Ein Jahr später ein erneuter Besuch bei dir.
Eine Steigerung meines Unbehagens. Es beginnt schon damit, dass du mich nicht, wie zwanzig Minuten vorher telefonisch angekündigt, am Bahnhof abholst.
Nach längerer Wartezeit rufe ich dich erneut an. Es dauert, bis du endlich ans Handy gehst. Du fragst erstaunt, warum ich nicht mit der Straßenbahn fahre. Ich reagiere aggressiv, war ich doch lange, aus Amsterdam kommend, unterwegs. Nun stehe ich in der januarkalten Bahnhofsgegend, die wenig vertrauenerweckend wirkt, sinnlos herum.
Du versprichst, sofort loszufahren, in zehn Minuten würdest du hier sein.
Es vergeht eine weitere halbe Stunde Dann endlich kommst du gehetzt an, ich werde innerlich noch ungehaltener über deine elende Erscheinung. Du täuschst Gelassenheit vor, dann beginnt eine wilde Autofahrt.
Zunächst achte ich nicht auf die Gegend, aber mir erscheint der Weg etwas seltsam. Ich frage, ob es nun eine Stadtrundfahrt gäbe, du antwortest lakonisch, viele Wege würden nach Rom führen.
In mir erwächst ein fürchterlicher Gedanke – Vielleicht hast du die Orientierung verloren? – so bemühe ich mich, mitzuschauen. Du wohnst in einem markanten Hochhaus, eigentlich von Weitem sichtbar.
Ich starte ein entspannendes Geplänkel, um dich nicht noch mehr zu verunsichern.
Dann aber, als du dein Wohnhaus durch weiterfahren ignorierst, beziehungsweise übersiehst, überkommt mich ein eisiger Verdacht: Anzeichen fortgeschrittener Vergesslichkeit? Demenz?
