Abdallahs Taufe - Immanuel Rauhut - E-Book

Abdallahs Taufe E-Book

Immanuel Rauhut

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Beschreibung

Das Buch verpackt die Diskussion über die christliche Taufe in eine Geschichte, die in einem weitgehend islamischen afrikanischen Land angesiedelt ist. So gibt es in der Handlung natürlich viele Taufen, die einerseits zeigen, was dies in einer islamischen Umgebung bedeutet, aber auch innerkirchliche Konflikte über die Taufe aufgreifen.

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Seitenzahl: 565

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Immanuel Rauhut

Abdallahs Taufe

tredition

© 2020 Immanuel Rauhut

Autor: Immanuel Rauhut

Umschlaggestaltung, Illustration: Immanuel Rauhut

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-02216-4 (Paperback)

 

978-3-347-02217-1 (Hardcover)

 

978-3-347-02218-8 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis:

Kapitel 1 - In der Kirche

Kapitel 2 – Fatimes Taufe

Kapitel 3 – Gemischte Gefühle

Kapitel 4 – Alles wird neu

Kapitel 5 – Neue Freunde

Kapitel 6 – Ungewohnte Wege

Kapitel 7 – Mangelndes Verstehen

Kapitel 8 – Man lernt stets dazu

Vorwort

In diesem Buch geht es um die Taufe. Das muss zu Anfang gleich betont werden, denn wahrscheinlich fällt das nicht sofort auf, weil man zu diesem Thema eher eine sachliche Abhandlung erwartet als einen Roman. Warum also ein Roman?

Erstens: Die Taufe ist ein Gebiet, auf dem schon viele und heftige Kämpfe stattgefunden haben, Spaltungen ihren Ursprung hatten, und das zwischen Menschen, die dabei mal mehr, mal weniger behaupteten, vom Heiligen Geist beseelt zu sein und Gott auf ihrer Seite zu haben. So stapelt sich manche Leiche im Keller der Gemeinden. Etwas anderes ist es, wenn man diesen Kampf von anderen ausfechten lässt während man sich gemütlich ins Sofa kuschelnd in einen Roman vertieft.

Zweitens: Wenn man sich näher mit der Taufe beschäftigt und gar noch ein Buch darüber schreiben möchte, so stellt man fest, welch ein weites Feld man damit zu beackern beginnt und wie viele unterschiedliche Facetten dieses Thema hat. Wollte man also die Taufe unter ihren vielfältigen Gesichtspunkten sachlich geordnet entfalten, so wäre der geneigte Leser irgendwann während der Lektüre ermüdet und legte wahrscheinlich das Buch vorzeitig ganz nach hinten ins Regal oder in die Mottenkiste. So schien es mir am geeignetsten, der Taufe durch eine Handlung, die nicht immer nur mit diesem Thema zu tun hat, Lebendigkeit einzuhauchen.

Fazit: Wir lassen die handelnden Personen dieses Romans sich mal wortwörtlich, mal im übertragenen Sinn wegen der Taufe die Köpfe einschlagen. Da liegen die Leichen nachher nicht im Keller, sondern ruhen friedlich zwischen den Buchdeckeln.

Andrerseits, muss ich auf diese Weise nicht sagen: „So und so ist es! So ist es richtig, und so ist es falsch!“ sondern in der Vielzahl der Protagonisten darf jede Meinung geäußert werden – meine eigene Meinung etwas öfter. Und wem eine geäußerte Meinung nicht passt, der braucht sich nicht gegen den real existierenden Rauhut erregen, sondern kann seinen Zorn auf dessen fiktive Geschöpfe richten, welche solcherlei unvertretbare Ansichten vertreten.

Kapitel 1 – In der Kirche

Ungemütlich war es. Der harte Stuhl unter ihm war da allerdings das geringste Übel. Zuhause hatten sie ja auch nur rohe Holzbänke zum Sitzen; und in der Moschee hockten bzw. meistens knieten sie ja auf dem blanken Boden, nur mit einer dünnen Matte darüber. Nein, das Unangenehme war, dass er sich in einer Kirche aufhielt, obwohl er doch zeitlebens gelehrt worden war, dass es keinen Gott gibt außer Allah, der Mohammed den Koran als abschließende, ultimative Offenbarung gegeben hatte, und dass alle, die das ablehnten, Ungläubige und somit verdammungswürdig seien. Und zudem waren diese Christen in diesem afrikanischen Land hier nur eine unbedeutende ausländische Religion. Zumindest konnte er hier drinnen das Tuch, das er sich teils gegen den vom Wind aufgewirbelten Staub, vor allem aber um nicht erkannt zu werden, um den Kopf gewickelt hatte, vom Gesicht ziehen.

Und da sah er auch schon die Ursache seiner Ungemütlichkeit und Objekt seiner Begierde mit einigen Freundinnen hereinkommen. Das ältere Ehepaar, das kurz dahinter hereinkam, schienen ihre Eltern zu sein. Ach ja, jetzt erkannte er auch die Frau wieder. Die machten eigentlich einen sehr sympathischen Eindruck. Verflixt nochmal, warum mussten diese Christen so sympathisch sein und manchmal – nun ja, ganz besonders eine von ihnen – so außerordentlich anziehend auf ihn wirken? Auch jetzt hatte er nur Augen für sie, für Priscilla, solange bis sie sich vorn irgendwo zwischen den andern Gottesdienstbesuchern hinsetzte und somit für ihn, der sich in die letzte Reihe gesetzt hatte, wachsam wie eine Antilope, die jederzeit mit Gefahr rechnet, nur noch selten einmal andeutungsweise sichtbar wurde. So nahm er immerhin den Gottesdienst bewusster wahr.

Zunächst wurde er aber aus seinen Gedanken und seinem wachsamen Beobachten gerissen, weil sich ein Mann neben ihn setzte, an dessen Seite sich gleich seine Frau und drei Kinder aufreihten. „Mouchar“ stellte der sich vor und streckte ihm die Hand hin. „Du bist neu hier? Herzlich willkommen.“ Zögernd schlug er ein: „Abdallah. Nun ja, ist wohl offensichtlich, dass ich noch nie hier war.“ „Ja, wir kennen uns hier eigentlich alle mehr oder weniger, und dein Gesicht ist mir unbekannt. Wo kommst du denn her, und wie hast du zu uns gefunden?“ Abdallah überschlug blitzschnell seine Chancen, eine erfundene Geschichte glaubhaft zu machen. Er entschied sich, nahe bei der Wahrheit zu bleiben. „Ich bin von hier.“ Er machte eine Handbewegung Richtung Stadt. „Nun ja, hört man schon am Namen, dass ich kein Christ bin. Aber man muss ja informiert sein, was in unserm Ort so alles läuft.“ Mouchar schaute ihn interessiert an. „Übrigens“, bemerkte er, „unser Pastor heißt Mohamed.“

Es war eben dieser Pastor Mohamed al Qoumran, der gerade in diesem Moment nach vorn trat und die Gemeinde begrüßte, wodurch er zu Abdallahs großer Erleichterung ihr Gespräch abrupt beendete. Er hätte es seinem Sitznachbarn ganz gewiss nicht erzählt, dass er, Abdallah, ein überzeugter Moslem, ausschließlich wegen eines christlichen Mädchens namens Priscilla in diese Kirche gekommen war. Wegen einer sturen Christin! Seit er auf dem Markt auf den Stand gestoßen war, an dem dieses Mädchen ihre Mutter beim Verkauf von Mangos und anderen Früchten unterstützte, da gab es für ihn nur noch diesen einen Stand, wo er Obst und Gemüse kaufte, sofern sie das hatten, was er brauchte.

Unterdessen ließ die Mutter ihre Tochter häufig allein den Stand betreuen. Das hatte er versucht zu nutzen, um jener näher zu kommen, und schließlich sogar nach ihrer Adresse zu fragen, um bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten. Die freundliche und unbefangene Art, in der sie immer mit ihm geplaudert hatte, schien ihm darauf hinzuweisen, dass er in ihr die Frau seines Lebens gefunden hätte. Er hatte sehr wohl gemerkt, dass sie der Kirche angehörte, aber das war ja kein Problem. Sobald sie seine Frau wäre, würde sie offiziell eine Muslima sein und sich schon darein fügen. Doch als er nun zur Sache gekommen war, da hatte er erkennen müssen, dass dies ein größeres Hindernis darstellte, als er sich eingebildet hatte. Die Adresse hatte sie nicht preisgegeben, sondern vielmehr erklärt, dass sie auf den Namen ihres Gottes Jesus getauft sei. Das sei ein festes Bündnis, und sie gehöre nun zu Jesus und lasse ihr Leben von ihm bestimmen. Ein anderes Bündnis, ein Ehebündnis könne sie nur mit jemand eingehen, der ebenfalls getauft sei und sein Leben von Jesus bestimmen lasse. Diese Worte mussten ihr wohl ihr Pastor oder ihr Vater eingegeben haben, denn spontan hatte sie nur geantwortet, daraus würde wohl nichts, und, nachdem er nachhaken wollte, abgewehrt mit den Worten, so schnell könne sie darauf nichts sagen. Erst bei der nächsten Begegnung hatte sie ihm mit Hinweis auf die Taufe einen Korb gegeben und ergänzt, selbst wenn er bei ihrem Vater um ihre Hand anhielte, bekäme er von dem nur dieselbe Antwort. Abdallah konnte zwar mit dem Begriff „Taufe“ nichts anfangen, aber es reichte ihm zu wissen, dass das etwas derart Ernstes und Radikales sein musste, dass es ihn hindern konnte, die Frau seines Lebens zu gewinnen, und dass es sein sehnsüchtiges Herz jedes Mal ins Leere pochen ließ.

Daraufhin hatte er bei jedem Obst- und Gemüsekauf die Vorzüge des Islams und dessen Wahrheitsgehalt gerühmt. Sie könne dadurch einmal das Paradies genießen, wo alles, was sie sich wünsche, im Überfluss vorhanden sein werde. Der Islam erweise sich durch seine Macht und seinen Einfluss als wahr, und sie könne, wenn sie ihm folge, auf der Seite der Macht stehen. Außerdem sei der Koran wortwörtlich von Allah, dem einzigen Gott, diktiert worden, also völlig unverfälscht. Sie hatte hilflos versucht, etwas zu erwidern, es aber schließlich aufgegeben und ihn nur noch bedient, nachdem sie noch etwas von Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist erwähnt hatte und er daraufhin erst recht aufgetrumpft hatte. Das erweise doch die Wahrheit des Islam, dass er schon immer gelehrt habe, dass Gott nur einer sei, während das Christentum drei Götter verehre, wie sie gerade gezeigt habe, und das auch noch ableugne. Auch ihre Mutter, wenn sie mal mit am Stand saß, hatte sich nicht dazu geäußert. Nur einmal ließ sie die Bemerkung fallen, es sei schade, dass er kein Christ sei, bei dem missionarischen Eifer…

Hatte er anfangs noch gemeint, diese Sprachlosigkeit bedeute, dass er sie mit der Zeit überzeugen und für seinen Glauben und für sich gewinnen könne, so musste er sich schließlich eingestehen, dass er bei ihr keinen Schritt vorwärts kam. Wahrscheinlich würde sie in ihrer Kirche entsprechend indoktriniert. Das wollte und musste er herausfinden.

Das Mädchen war einfach zu attraktiv anzusehen. Hatte ihn nicht bei ihren früheren Gesprächen auch ihr freundliches Wesen stark angezogen? Und dann alle die Phantasien von einem gemeinsamen Leben. Nein, er konnte nicht aufgeben. Schließlich ging es jetzt auch um seine Ehre und die Ehre seiner Religion. Dass solch eine Ungläubige, ihm, dem stolzen Muslim, ihren Willen aufzwingen sollte, das konnte er nicht zulassen. Hier in der Kirche müssten sich doch Hinweise finden lassen, wo er wirkungsvoll ansetzen könnte, um doch noch ans Ziel zu kommen.

Während Abdallah noch diese ganzen Ereignisse durch den Kopf gingen, die ihn hierher gebracht hatten, waren unterdessen alle anderen aufgestanden und hatten begonnen zu singen. Ein seltsamer Musikstil war das, fand er. Wahrscheinlich sangen so die Europäer, die diesen Glauben eingeschleppt hatten. Na immerhin die Begleitung mit Trommeln passte zu ihrer eigenen Kultur. Die Leute hier schienen richtig begeistert zu sein von dem, was sie sangen, nach dem zu urteilen, wie sie dabei klatschten und tanzten und wie laut sie ihre Stimmen tönen ließen. Eigentlich wollte er ja nur sehen und belauschen, was hier abging, aber unwillkürlich begann er sich auch leicht zum Rhythmus zu bewegen.

Andrerseits konnte das doch beileibe kein ausreichender Grund sein, um so impertinent eine Grenze zwischen ihnen aufrecht zu erhalten. Erst recht nicht dieses Chaos, das sie Gebet nannten, konnte ganz und gar keine Ursache sein, sich dem Islam und einem seiner freundlichsten Anhänger zu verweigern. Er sollte Priscilla vielleicht mal aufklären, welch wunderbare Ordnung bei ihren muslimischen Gebeten herrsche, jeder weiß, was er zu beten hat und welche Haltung er dazu einnehmen muss. Ja, und die Haltung drückt wirklich etwas von Ergebenheit aus, wie es einem Gott zweifelsohne gebührt. Aber hier muss einer das Gebet leiten, indem er sagt: „Betet für dieses“, und dann alle anfangen, laut und mit eigenen Worten und alle gleichzeitig durcheinander zu reden. Ein paar Leute laufen dabei hin und her, schreien mitunter nahezu, fuchteln mit den Armen, als wollten sie mit ihrem Gott kämpfen, als wollten sie ihn zu etwas zwingen. Wie erbärmlich! Man kann doch Gott zu nichts zwingen, eher umgekehrt. Gott kann man doch nur unterwürfig anbeten! Höchstens privat kann man bescheiden eine konkrete Bitte anbringen.

Plötzlich brachte der Leiter alle zum Verstummen, indem er mit vielen Worten sagte: „Betet für jenes“, woraufhin wieder das allgemeine Durcheinander einsetzte. So ging das noch eine ganze Weile weiter. Immer wieder ergriff der Leiter das Wort, um zu erklären, wofür nun gebetet werden solle, manchmal wenn das Getöse langsam verebbte, manchmal, indem er es unterbrach.

Fast verwunderte es Abdallah, als plötzlich, nachdem der Leiter besonders nachdrücklich „Amen“ gesagt hatte, alles still war und mit Ausnahme einiger kleiner Kinder jeder friedlich auf seinem Platz saß. Er bemerkte, dass sie alle aufmerksam nach vorn schauten, wo nun wieder Pastor Mohamed hinter das Rednerpult trat. Mit lauter Stimme, damit er auch in der letzten Bank noch zu verstehen sei, kündigte er an: „Heute wollen wir uns mit der Taufe beschäftigen. Vor einigen Wochen haben mir nämlich der Bruder Mouchar und seine Frau Fatime mitgeteilt, dass sie sich an Ostern taufen lassen wollen, und waren nun schon mehrere Male im Taufunterricht.“ Dann wendete er sich direkt an das besagte Ehepaar. „Wir freuen uns, dass ihr diesen mutigen Schritt tun wollt. Möge der Herr Jesus euch in dieser Entscheidung festigen und segnen. Halleluja!“ Während er eine Handbewegung machte, welche die beiden zum Aufstehen aufforderte, rief er: „Lasst uns dem Herrn applaudieren!“

Blitzschnell duckte sich Abdallah ab, denn als sich Mouchar und Fatime erhoben und die Gemeinde klatschte, drehten sich viele Gesichter zu ihnen um. Seine Platzierung so direkt neben den beiden hätte ihn sonst unweigerlich den Blicken und wohl auch der Aufmerksamkeit ausgesetzt. Dieser Schreckmoment ging glücklicherweise schnell vorbei. Als er hörte, dass der Pastor wieder das Wort ergriff, um nun wirklich mit der Predigt zu beginnen, setzte sich Abdallah wieder aufrecht hin. Es war ihm klar, dass das Folgende ihm mit Sicherheit wichtige Aufschlüsse geben würde.

„Die Taufe, was ist das?“ fragte Pastor Mohamed und fuhr fort: „Den entscheidenden Text, der uns das erklärt, finden wir in Römer 6. Wir lesen die Verse 3 bis 11. Wer die Stelle gefunden hat, möge sie vorlesen.“ Soweit Abdallah sehen konnte, hatten die meisten von denen, die hier zusammengekommen waren, ein Buch dabei, in dem sie nun eifrig zu blättern begannen. Das musste wohl ihre Bibel sein, die sie anstelle des Koran für heilig hielten. Aber der Pastor hatte doch nicht von der Bibel geredet, sondern von „Römer“. Abdallah schielte zu Mouchar rüber, der ebenfalls angestrengt in seiner Bibel rumblätterte. Dabei sah er, dass immer oben auf der Seite ein Name stand mit einer oder mehreren Zahlen dahinter. Die Namen änderten sich, und schließlich stand auch bei Mouchar „Römer“. Abdallah wurde klar, dass offensichtlich diese Bibel der Christen aus verschiedenen Abschnitten bestand, die jeder einen Namen hatten und nochmals in Kapitel unterteilt waren. Klar, war ja logisch, der Koran war ja auch in Suren unterteilt, die alle Namen hatten, nur dass die zusätzlich durchnummeriert waren und nicht noch weiter in Kapitel sondern gleich nur in Verse unterteilt wurden.

Noch bevor Mouchar Kapitel 6 gefunden und dann die Bibel halb zu Abdallah rübergeschoben hatte, damit der mitlesen könne, hatte sich ein junger Mann erhoben und las: „Wort Gottes aus Römer 6, Verse 3 bis 11: Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir in Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir in ihm eingepflanzt sind zu gleichem Tode, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein, weil wir ja wissen, dass unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde aufhöre, dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt und frei von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. Also auch ihr, haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebet Gott in Christus Jesus.“ Damit setzte er sich wieder.

„Ich möchte die Verse 3 und 4 nochmals wiederholen, nach einer anderen Übersetzung“ begann nun wieder Pastor Mohamed. „ ‚Wisst ihr etwa nicht, dass alle, die im Namen Jesu Christi getauft wurden, Anteil an seinem Tod haben? Durch die Taufe sind wir also mit Christus gestorben und begraben. Und wie Christus durch die Herrlichkeit und Macht seines Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir ein neues Leben führen‘. Ganz schön radikal, was der Apostel Paulus da sagt, nicht wahr? Das kann er doch nicht ganz so gemeint haben, dass die Taufe Tod bedeutet, schließlich sitzt ihr Getauften doch jetzt sehr lebendig und munter vor mir.“

Abdallah dachte spöttisch: „Na, wie wird er sich jetzt da rausreden?“ „Genau“, reagierte der Pastor auf eine Bemerkung aus der ersten Reihe, „wir sind nicht nur gestorben, sondern auch wieder lebendig gemacht, um ein neues Leben zu führen.“

Abdallah zuckte zusammen bei dem plötzlichen Gedanken, diese Taufe könne irgendeine magische Handlung sein. Wenn die mit derartigen Dingen zu tun hätten, dann könnte es hier noch sehr gefährlich werden. Der Gedanke trug bei ihm nicht gerade zu mehr Wohlbefinden bei, ganz und gar nicht. Zumindest bot sich dadurch für ihn eine Erklärung an, warum Priscilla ihn so ablehnte. Sie war offensichtlich okkult gebunden und konnte einfach nicht vernünftig entscheiden. Armes Mädchen!

Doch sofort war er wieder ganz Ohr für die Predigt, als er hörte: „Um das zu verstehen, müssen wir uns zunächst klarmachen, was eigentlich die Grundlage unseres Glaubens ist. Was ist denn das Zentrum unseres Glaubens, ohne das wir eine beliebige Religion verträten?“ Aus den Zuhörern rief jemand: „Dass Jesus für uns gekreuzigt wurde, um uns zu erlösen.“

In Abdallah sträubte sich alles. Im Koran hieß es doch ganz eindeutig, dass sie Jesus zwar kreuzigen wollten, dass Allah das aber listig verhindert hätte.

Aber Pastor Mohamed sagte: „Genau das ist es. Unser Herr Jesus Christus ist gestorben, ganz real, auf unserer Erde, und ganz grausam an einem Kreuz. Weshalb war das denn nötig?“ Sofort rief jemand: „Um uns zu retten.“ „Jaaa. Von unserer Geburt an sind wir Sünder und tun vieles, was schlecht ist und uns von Gott trennt. Wir denken nur an uns selbst, wir lügen, wir fürchten die Wahrheit und leugnen sie einfach oder verdrängen sie mit Alkohol und anderen Suchtmitteln. Wir fügen den anderen Schaden zu und bilden uns manchmal dabei ein, wir retteten damit Gottes Ehre.“

„Jetzt will der uns wohl noch weismachen, diejenigen, die sich mit vielen Ungläubigen zusammen in die Luft sprengten, seien keine Märtyrer, sondern Verbrecher, und kämen nicht sofort ins Paradies“, sinnierte Abdallah ärgerlich. Sein Unmut steigerte sich noch durch die folgenden Worte des Pastors: „Wenn wir dann alle am Ende der Welt vor Gottes Gericht erscheinen müssen, werden wir alle, so wie wir natürlicherweise beschaffen sind, verurteilt werden und in die ewige Verdammnis gehen. Da helfen die besten und frömmsten Taten nichts. Amen?“ „Amen“, erscholl es aus der Gemeinde. „Das reicht alles aus. Wenn ihr in diesem sechsten Kapitel Vers 23 lest, dann wird euch gesagt: „Die Sünde wird mit dem Tod bezahlt“. Aber als Jesus am Kreuz gestorben ist, da hat er stellvertretend für sämtliche Menschen die Strafe verbüßt und sie von sämtlichen Sünden gerettet. Halleluja! Er hat sie von der grundlegenden Sünde, nämlich der Trennung von Gott, gerettet und damit vom Verdammungsurteil in seinem Gericht. Auch von dem Zwang, sich für alles zu rächen, hat er uns befreit. Darum ist der Tod Jesu am Kreuz das zentrale Ereignis der ganzen Weltgeschichte.“

Während Abdallah auf die weiteren Ausführungen hörte, was es für Jesus bedeutete, am Kreuz zu sterben, dachte er: „Das ist ja ungeheuerlich schizophren! So ein großer Gesandter Allahs, wie Jesus es ist, kann doch nicht eine derartig schmähliche Niederlage erleiden“. Andrerseits musste er sich eingestehen, dass der Pastor mitnichten so redete, als sei das tatsächlich eine Niederlage gewesen. Nein, das tat er wirklich nicht, denn nun erklärte er: „Dadurch hat der Herr Jesus sogar den Tod besiegt und uns vom ewigen Tod gerettet. Halleluja?“ „Halleluja!“ tönt es aus dem Kirchenraum. „Das hat er ja ganz deutlich gemacht, indem er am dritten Tag nach seinem Tod aus dem Totenreich zurückkehrte und seinen Anhängern lebendig begegnete.

Warum konnte der Herr Jesus das denn tun, also durch seinen Tod unsere ganze Sünde wegnehmen und am dritten Tag danach wieder lebendig werden? Warum ist keiner von uns, kein anderer Mensch also, dazu in der Lage?“ „Weil er Gottes Sohn war“, klang es aus einer Ecke der Kirche. „Weil er sündlos war“, aus einer anderen, und ein dritter fügte hinzu: „Der Vater hatte ihn dazu auf die Erde geschickt.“

„Genauso ist es“, fuhr der Pastor fort. „Sein Vater im Himmel, der allmächtige Gott, liebt uns so sehr, dass er es nicht ertragen konnte, dass wir, seine Geschöpfe von ihm getrennt sind und einmal alle in die Verdammnis gehen müssen. Amen?“ „Amen“, sagte die Gemeinde. „Darum hat er seinen Sohn zu uns geschickt, um die Menschen, z.B. uns hier, Zugang zu Gott und ein ewiges Leben zu verschaffen. Dazu musste der Herr Jesus, sein einzigartiger Sohn, ganz und gar Mensch werden, von Anfang an. Das bedeutet, er musste sein menschliches Leben wie wir alle mit der Geburt beginnen. Nur dass er als Gottes Sohn von keinem menschlichen Vater gezeugt wurde und darum sündlos war. Als er dann am Kreuz zu Tode gebracht wurde, da erlitt er die Strafe, die ein Mensch für seine Sünde verdient. Aber er hatte doch gar keine Sünde getan, die er damit gesühnt hätte. Was nun?“ Schweigen unter den Zuhörern. „So wurde damit anstelle seiner eigenen Sünde, die er ja nicht getan hatte, die Sünde aller anderen Menschen gesühnt.“

In Abdallah rebellierte es dagegen, dass einer stellvertretend für andere gestraft werden könnte, schließlich war ihm das völlig anders beigebracht worden. Daneben meldete sich auch noch der Zweifel, ob nicht der Pastor trotz allem mit Recht so sicher seine Meinung vertrat. Grundsätzlich wäre es ja ganz angenehm, wenn einem jemand die Schuld bezahlte. Vorausgesetzt, das ginge tatsächlich. Aber nein! Das wäre zu niederträchtig, einen anderen für seine Fehler büßen zu lassen. Er wollte für seine Vergehen selber grade stehen, sofern er erwischt würde.

Da traf ihn, wie auch die anderen Zuhörer die Frage: „Sind wir jetzt also alle von unserer Sünde gerettet und haben ewiges Leben? Auch alle Muslime um uns herum und die Animisten in den Dörfern?“ Jemand meinte vorsichtig: „Ja“. Ein anderer ließ sich mit einem „Nein“ vernehmen. Pastor Mohamed schmunzelte und gab dann selbst eine Antwort: „Natürlich reicht der Tod des Herrn Jesus aus, um alle Menschen von der Sünde zu befreien, aber wirklich gerettet sind nur diejenigen, die das auch glauben und die mit dem Herrn Jesus leben wollen. Also letztlich diejenigen, die getauft sind.“

„Hä?“ fragte sich Abdallah. „Was hat das alles nun mit Taufe zu tun?“

„Was hat das nun mit der Taufe zu tun?“ fragte auch Pastor Mohamed, fuhr aber gleich fort: „Der Herr Jesus hat seinen Tod und seine Auferstehung einmal auch als Taufe bezeichnet. In Lukas 12 Vers 50 sagt er: „Ich muss mich taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde.“ Die Taufe hat also immer mit Sterben zu tun. Etwas Altes, Minderwertiges muss sterben, aber nur zu dem Zweck, damit etwas Neues, Besseres entstehen kann. Wenn sich ein Mensch taufen lassen will, bekundet er damit, dass er sein altes Leben, in dem er von Gott getrennt war und bereit, viel Schaden anzurichten, jetzt aufgeben will und ein neues Leben beginnen möchte, in dem er in Gemeinschaft mit Gott lebt und die Kraft hat, böse Taten zu vermeiden. Amen?“ „Amen“ kam die Antwort.

Abdallah schielte zur Seite auf Mouchar und Fatime. Ob die sich vorher bewusst waren, was da von ihnen verlangt würde? Er konnte allerdings keine Hinweise darauf finden, was sie dachten, denn beide schauten sehr aufmerksam zur Kanzel, bei Fatime lediglich von gelegentlichen Seitenblicken auf ihre Kinder unterbrochen.

So erfuhren sie, dass dieser Wechsel im Leben eines Menschen nur möglich sei, wenn man sich eng an Jesus bindet. „Wir taufen ja auf den Namen des Herrn Jesus oder auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, wurde ihnen erklärt. „Vielleicht habt ihr auf der Bank ein Konto. Wenn jemand auf euren Namen auf dieses Konto einzahlt, dann heißt das: Dieses Geld gehört euch. Genauso gehört ihr auch dem Herrn Jesus, wenn ihr auf seinen Namen getauft werdet. Halleluja!“ Vereinzeltes „Halleluja“ im Raum. „Ihr seid dann so eng mit ihm verbunden, dass das, was ihm passiert ist, gewissermaßen auch euer Erleben ist. Wenn er am Kreuz gestorben ist, dann seid ihr praktisch mit ihm zusammen gestorben, und damit liegt eure Sünde hinter euch und ist abgebüßt. Amen! Aber ebenso seid ihr dann auch auferstanden aus diesem Tod, um ein neues Leben zu führen, weil ja auch der Herr Jesus nach seinem Tod wieder lebendig wurde. Und da begann damals auch etwas ganz Neues, so dass plötzlich seine engsten Vertrauten oft Mühe hatten, ihn wiederzuerkennen.“

Was der Pastor dann sagte, gab Abdallah endlich eine praktische Vorstellung davon, wie er sich eine Taufe vorzustellen hätte.

„Das wird ja in der Taufhandlung sehr anschaulich. Wenn der Täufling im Wasser untergetaucht wird, ist er erst mal weg, wie gestorben und begraben. Aber dann taucht er gleich wieder auf, wie ein neuer Mensch, ja wie ein Auferstandener. Ich habe schon manche erlebt, die hatten beim Untertauchen solche Angst, als müssten sie jetzt wirklich sterben. Für die war das Auftauchen eine derartige Erleichterung, als hätten sie auch ihr irdisches Leben ganz neu geschenkt bekommen.“

„Muss für sie ganz besonders eindrücklich gewesen sein“, murmelte Fatime.

Abdallah sah, wie sich einige Gemeindeglieder derartig verständnisinnig anschauten, dass ihm völlig klar war, dass sie mit der geschilderten Situation bestens bekannt waren.

Pastor Mohamed war noch nicht am Ende: „Der Herr Jesus nennt den radikalen Wechsel eine neue Geburt. Da wird nicht das Leben weitergeführt, wie bisher, nur dass man jetzt in die Kirche geht, nein, sondern da fängt ein wirklich neues Leben an, ohne Blutrache und Hass. Da erkennt man, dass es nur Schaden bewirkt, wenn man zur Wahrsagerin geht oder seine Tochter beschneiden lässt. Dann hat man es auch nicht mehr nötig, andere zu betrügen, egal welche Hautfarbe der Andere hat. Amen?“ Ein etwas verhalteneres „Amen“ antwortete ihm. „Viele von euch wissen außerdem: Als euer früherer, sündiger Mensch gestorben ist, um dem neuen Leben mit dem Herrn Jesus Platz zu machen, da war das tatsächlich wie Sterben. Damit wart ihr für eure Familie, vielleicht auch für eure Nachbarn gestorben, nämlich enterbt, ausgestoßen, gemieden. Manchmal musstet ihr auch fliehen, um Misshandlungen, die euch zum Islam zurückführen sollten oder sogar einem sogenannten Ehrenmord zu entgehen.“ Fatime schaute zu ihrem Mann. Der nickte wissend und murmelte: „Oder dass sie einem die Frau und die Kinder wegnehmen.“

Abdallah dachte mit Grimm: „Na, wenn denen ein derartig schlimmes Bild von uns vermittelt wird, brauch ich mich ja nicht zu wundern. Dann ist ja alles klar.“ Und er entschloss sich, Priscila den Islam von der besten Seite zu zeigen. Aber wie bloß?

„Aber auch dann, wenn ihr den Tod eures alten Menschen so deutlich zu spüren bekommt“, antwortete Pastor Mohamed auf seine eigenen Worte, „dann könnt ihr euch sagen: ,Ich bin getauft auf den Namen des Herrn Jesus. Ich bin neu geboren. Jetzt bin ich somit ein Kind Gottes. Ich gehöre zum allmächtigen und barmherzigen Gott. Der kümmert sich um mich und gibt mit ein ewiges, lohnendes Leben‘. Ist das nicht wunderbar? Halleluja! Amen!!! Möge Gott euch segnen.“ Die Zuhörer erwiderten das finale Amen.

Dann betete der Pastor mit der Gemeinde, und diesmal waren alle anderen still. Er dankte, dass sie durch die Taufe die Bestätigung ihrer neuen Geburt bekommen hätten und nun zu Gott und zu seiner Gemeinde gehörten. Er betete außerdem, dass auch die Muslime um sie herum den Herrn Jesus erkennen möchten, seine Rettung annähmen und neue Menschen würden.

Abdallah fühlte sich zutiefst angegriffen. Aber er sagte sich: „Die können viel beten. Wenn sie nicht zum echten Gott, zu Allah beten, wird daraus sowieso nichts.“ Er war sich sicher, dass sie aus ihm keinen Christen machen könnten, wenn sie auch noch so viel beteten. Dass es ihm gelänge, aus einer Christin eine Muslima zu machen, da war er sich leider nicht in der gleichen Weise sicher. Aber eigentlich war es ja keine schlechte Idee, es mal mit Gebet zu versuchen. Man musste nur den richtigen Gott anrufen. Vielleicht würde der barmherzige Erbarmer, wie er im Koran immer genannt wurde, ihm ja wohlgesonnen sein. Ärgerlich, dass ausgerechnet die Christen ihn auf den Gedanken bringen mussten! Nun ja, und diese Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde empfand er, zumindest in einem Fall, überhaupt nicht als Grund zum Danken.

Plötzlich standen sie alle von ihren Plätzen auf. In der Meinung, jetzt sei Schluss und sie würden gehen, erhob sich auch Abdallah, doch es bewegte sich niemand weiter. Als er wie sie nach vorn schaute, sah er wie der Pastor die Hände hob und begann: „Der Ewige segne dich, und er behüte dich.“ Jetzt wurde er auch noch christlich gesegnet! Obwohl Abdallah sich sagte, dass dies nur leere Worte seien, wurde ihm dabei mulmig. Er wollte sich schon wieder setzen, um sich zu distanzieren, da hörte er von vorn: „…und gebe dir Frieden“, woraufhin sich nun tatsächlich einige Leute in Bewegung setzten in Richtung Ausgang.

Andere begannen miteinander zu schwatzen. Zweie liefen zum Pastor, offensichtlich, um eine Frage loszuwerden. Einige suchten und fanden Freunde im Getümmel, das nun eingesetzt hatte. Eine Sekunde lang überlegte Abdallah, ob er nicht auch auf die Suche gehen sollte – nach Priscilla. Aber schon in der zweiten Sekunde entschied er sich, dass er ihr hier nicht begegnen wollte, nicht ausgerechnet hier in der Kirche. Das sähe ja so aus, als fände er das Christentum anziehend. Nein, eigentlich wollte er niemand hier begegnen, sondern möglichst schnell weg. Wenn da bloß nicht Mouchar und seine Familie im Wege gestanden hätten.

Und nun wendete sich Mouchar auch noch zu allem Überfluss ihm zu, als wollte er ein Gespräch beginnen. Abdallah wollte in diesem Moment nichts so wenig, wie ausgefragt zu werden. Darum entschloss er sich, die Initiative zu ergreifen. „Meinst du, der hat Recht?“ fragte er kurzentschlossen mit einer Kopfbewegung zum Pastor hin. Mouchar starrte ihn zunächst nur an, grübelnd, worauf der junge Mann wohl hinaus wolle. Dann antwortete er: „So wie ich Pastor Mohamed kenne, weiß der ganz genau, was er sagt. Man merkt jedenfalls, dass er sich immer sehr sorgfältig vorbereitet für seine Predigten. Wir“, er deutete auf Fatime und sich, „haben hier schon viel gelernt. Zuhause sprechen wir jedes Mal nochmals darüber und vergleichen in der Bibel, ob das tatsächlich so stimmt.“ Inzwischen hatten sie sich ein ganzes Stück zum Ausgang hin bewegt. Es wunderte Abdallah, dass Mouchar, der anscheinend noch nicht lange Christ war, und sogar seine Frau es wagten, selbständig in ihrer Heiligen Schrift zu forschen und über die Predigten ihres religiösen Führers zu urteilen. Sowas könnte bei ihnen nicht vorkommen. Diese Christen erschienen ihm als ein ziemlich arrogantes Gesindel. So konnte er einen ärgerlichen Grundton nicht unterdrücken, als er feststellte: „Von Muslimen haltet ihr offensichtlich gar nichts.“ Man konnte Mouchar ansehen, dass er verzweifelt nach einer Antwort suchte, mit der er nicht in eine Mine treten würde, aber auch nicht seine Überzeugung verleugnete, vielmehr versöhnlich wirkte. Was dabei herauskam, war die simple Frage: „Wie kommst du darauf?“ „Er da redet, als wären wir alle Gewalttäter“, Abdallah schaute sich um und dämpfte die erregte Stimme, damit ihn nicht auch noch andere hörten, „Mörder, ohne Familiensinn, und ihr nickt alle dazu. Anscheinend geht unser ganzes Leben vor die Hunde, wenn wir uns nicht durch eure Taufe total anders machen lassen.“ „Ey, das hat doch jeder Mensch nötig, nicht nur …“, begann Mouchar, doch Abdallah, der sah dass er endlich freie Bahn hatte, unterbrach ihn mit einem knappen Abschiedswort und stürmte davon.

Plötzlich merkte er, dass er grad im Begriff stand, direkt vor Priscilla vorbei zu laufen, wollte im allerletzten Moment noch abdrehen, aber da hatte sie ihn auch schon gesehen. „Hey Abdallah, was machst du denn hier?“ rief sie ihm zu, offensichtlich erfreut, ihn aus der Kirche kommen zu sehen. Mensch war das peinlich, denn dadurch drehten sich zusätzlich einige Umstehende zu ihnen um. Mit finsterem Blick zischte er ihr ins Gesicht: „Ich hab’s saumäßig eilig, und wehe wenn du mich aufhalten willst, du …“ Den üblen Titel für sie, den er auf den Lippen hatte, konnte er gerade noch verschlucken. Während er weiterstürmte, rief sie ihm hinterher: „Was ist denn mit dir los heute? Du bist doch sonst ganz anders!“

Unterdessen lag die Kirche schon ein ganzes Stück hinter Abdallah, aber er fühlte sich unbehaglicher als vorhin. Er fährt das Mädchen an, das er eigentlich liebt. Dabei wollte er ihr doch demonstrieren, wie sympathisch Muslime seien und welch einer edlen Religion sie folgten. Was war da bloß in ihn gefahren?

Kapitel 2 - Fatimes Taufe

Fatime, die mit den Kindern beschäftigt gewesen war und daher nicht sonderlich auf Abdallahs Unterhaltung mit ihrem Mann geachtet hatte, nahm aber sehr wohl wahr, wie er plötzlich entfloh. Erstaunt schaute sie ihm nach. „Was war das jetzt?“ kam es aus ihr heraus. Mouchar antwortete: „Das war ein Moslem, dem es sauer aufgestoßen ist, dass auch er vor Gott ein verlorener Sünder ist und allein durch Christus Jesus gerettet wird.“ Während sie Abdallah noch nachschauten, entfuhr es Fatime: „Ey, was ist das denn? Will sich Priscilla etwa an den ranwerfen? Die weiß wohl nicht, dass das ein Moslem ist. Die macht sich doch nur unglücklich. - Da hat sie aber von ihm eine Abfuhr erhalten. – Egal, ich sprech mal mit ihr.“ Damit reichte sie ihren Kleinsten, den sie grad vorher auf den Arm genommen hatte, an Mouchar weiter.

„Hallo Fatime!“ rief ihr auf dem Weg die Frau des Pastors zu. „Wie geht’s?“ „Danke, es geht gut.“ „Und den Kindern?“ „Es geht ihnen sehr gut?“ „Und der Gesundheit?“ „Geht es sehr gut. Entschuldige, aber ich wollte noch schnell mit Priscilla reden.“ Damit beschleunigte sie wieder den Schritt.

Als sie sich zu Priscilla stellte, stoppte die Unterhaltung, die diese unterdessen mit einer Freundin begonnen hatte. Man begrüßte sich erst. „Also“, begann Fatime dann, „ich habe grad diesem jungen Mann nachgesehen, der eben hier raus gerannt ist. Es sah so aus, nun, sagen wir mal, als hättest du Interesse an ihm. Er ist allerdings Moslem, weißt du.“ „Ich weiß“, unterbrach sie Priscilla, während sich ihr Blick trübte. „Du weißt?“ „Ja ich weiß. Aber es ist alles ganz anders“, antwortete Priscilla etwas ausweichend mit einem Blick auf ihre Freundin, bei dem Fatime klar wurde, dass Priscilla etwas so Persönliches nicht in deren Gegenwart diskutieren wollte. Vielleicht wollte sie sich trotzdem mal aussprechen. Deshalb lud Fatime sie kurzerhand zum Essen ein. Nun erst schaute Priscilla sie direkt an, schon etwas gelöster, wie es schien. Mit den Worten „Einverstanden. Sag bloß schnell meinen Eltern Bescheid“ war sie auch schon auf der Suche nach denen.

Fatime wandte sich an das andere junge Mädchen: „Tut mir Leid, dass ich euer Gespräch so unterbrochen habe. Vielleicht könnt ihr’s später mal fortsetzen.“ Aber die meinte nur: „Ach, wir haben sowieso nur ein bisschen geplaudert. Nichts von Bedeutung. Übrigens, zwischen den beiden läuft doch nichts. Das wüsste ich, unter Garantie.“ Damit lief sie zu einer nahebei stehenden Gruppe junger Gottesdienstbesucher. Fatime dachte, während sie ihr nachsah: „Dem Verhalten nach zu urteilen, stehen die Dinge nicht ganz so einfach.“

Weil sie sah, dass Mouchar und die Kinder schon auf sie zukamen, blieb sie gleich stehen bis sie bei ihr waren. Dann teilte sie ihrem Mann mit, dass sie Priscilla eingeladen habe, und ergänzte: „Die muss sich offensichtlich mal von Frau zu Frau aussprechen.“ „Schön“, sagte der. „Wir sind ja immer offen für nette Gäste.“ Um zu bekunden, dass er verstanden habe, fügte er an: „Besonders wenn wir damit Lebenshilfe leisten können.“

Es dauerte noch eine Weile, bis Priscilla zu ihnen stieß und sie aufbrechen konnten. Auf dem Weg unterhielten sie sich zunächst über den Gottesdienst.

Die Kinder schauten immer wieder prüfend auf die junge Frau, die sie jetzt begleitete. Gesehen hatten sie sie ja in fast jedem Gottesdienst, aber sonst hatten sie mit ihr noch nicht näher zu tun gehabt. Plötzlich schob sich eine kleine Hand in Priscillas Hand. Sie schaute runter und lächelte das Kind an, das da einen Annäherungsversuch unternahm, und griff auch zu. Fatime, die das wahrnahm, stellte vor: „Das ist Habakuk unser Mittlerer.“ „Wie alt?“ wollte Priscilla wissen. „Fünf Jahre“, erfuhr sie. Mouchar griff den Faden auf. Mit dem Kopf auf das Kind weisend, das immer noch auf seinem Arm war, erklärte er: „Das hier ist Mussa. Er wird bald zwei Jahre alt.“ „Und du?“ stieß Fatime das kleine Mädchen an. Folgsam sagte die: „Lydia. Sieben Jahre.“ Priscilla lächelte sie alle an und sagte: „Ich bin Priscilla. Freut mich, euch endlich richtig kennen zu lernen.“

Dann schaute sie wieder hoch zu den Eltern und fragte: „An Ostern, werden da eure Kinder auch mit getauft?“ „Aber nein“, wurde ihr entschieden geantwortet. Fatime überlegte: „Sie gehört doch meines Wissens von klein auf zur Gemeinde. Da muss sie doch eigentlich wissen, dass Kindertaufe bei uns nicht gemacht wird.“ Allem Anschein nach wusste Priscilla das nicht, denn sie fragte zurück: „Warum nicht?“ Jetzt war es Mouchar, der erklärte: „In unserer Gemeinde werden doch nur Erwachsene getauft. Kinder können ja noch gar nicht verstehen, was das bedeutet, sich taufen zu lassen, Erlösung, Wiedergeburt, alle diese wesentlichen Dinge.“

Was mochte wohl Priscilla geritten haben, dass sie sich daraufhin zu Lydia wandte und fragte: „Ihr versteht also nicht, was die Taufe ist?“ Mit einem Grinsen, das die Lust zur Provokation verriet, erwiderte Lydia: „Doch. Der Pastor hat’s doch heute erklärt.“

Mouchar ließ sich nicht beirren: „Wenn du den Pastor fragst, wird er dir auch erklären, dass ein Kind sich vielleicht nur gefühlsmäßig entscheidet, getauft zu werden, vielleicht weil die Eltern oder Freunde getauft sind. Oder weil es beeindruckt ist, wenn es sieht, wie jemand anderes getauft wird. Vielleicht weil es meint, dann erst gehöre es richtig dazu, oder warum auch sonst immer. Und später wird es dann möglicherweise dem Glauben absagen und über die Taufe spotten.“

Fatime wollte wissen: „Du bist doch aus einer christlichen Familie. Wann bist du denn getauft, in welchem Alter?“ Priscilla musste sich kurz besinnen: Mit sechzehn. Ostern vor zwei Jahren.“ Dann, in Erinnerung daran, ergänzte sie: „Meine Eltern meinten, es wäre langsam Zeit, dass ich getauft würde. Da hab ich’s also gemacht.“ Irgendetwas kam Fatime daran seltsam vor, als sei damals bei Priscillas Taufe etwas falsch gelaufen. Aber was?

So gingen sie alle nachdenklich nebeneinander her. Nur Habakuk, der unterdessen Priscillas Hand wieder losgelassen hatte, und Lydia tollten lachend auf dem Weg herum. Mehr zu sich selbst, als zu den anderen sagte Priscilla: „Verstehen wir als Erwachsene denn schon alles und sind außer Gefahr, vom Glauben abzufallen?“ Fatime schaute sie an. Sie hatte den Eindruck, dass bei diesen Worten ein konkretes Erlebnis im Hintergrund stand.

Doch als sie zuhause ankamen hatte sich die Stimmung wieder gelockert. Fatime holte gleich den Holzkocher aus dem Haus und zündete darin das Feuer an. Das Essen hatte sie bereits vorbereitet. Die Kinder tobten ums Haus herum und hatten bald mit den Nachbarskindern zusammengefunden. Mouchar zog sich ins Haus zurück, um bis zur Mahlzeit den Predigttext noch einmal zu studieren, nachdem er Priscilla einen Hocker hingestellt und sie zum Sitzen aufgefordert hatte.

Als sie nun mit Priscilla allein war, begann Fatime: „Also Abdallah“, während sie nebenher mit dem Essen hantierte. Sie besann sich aber sofort: „Ach, wenn du mitisst, sollte ich noch mehr Kuskus dazutun. Und noch zwei Zwiebeln? Gib doch mal bitte den Becher und das Messer da drüben rüber. – Ja genau, das beides. – Ja, danke.“ Sie eilte ins Haus und kam mit dem Becher voll Kuskus und mit zwei Zwiebeln zurück. Noch ehe sie sich wieder gesetzt hatte, nahm sie den Faden wieder auf: „Also, welche Beziehung hast du eigentlich zu ihm?“

Priscilla druckste etwas herum, als sei sie sich nicht ganz sicher, ob sie wirklich irgendjemand von ihrem Problem erzählen sollte, murmelte dann aber: „Ich glaube, dir kann ich’s schon erzählen.“ „Also ich würde mich selbst verachten, wenn ich dein Vertrauen missbrauchte“, ermunterte sie Fatime. „Glaub mir, es ist eine große Befreiung, wenn man mal jemand einfach erzählen kann, was einen bedrückt.“

„Gut.“ Priscilla fasste sich ein Herz und begann. „Abdallah kenne ich vom Markt. Wir haben da doch einen Obst- und Gemüsestand. Ich weiß nicht, wann er das erste Mal bei uns gekauft hat. Jedenfalls kam er schließlich sehr oft. Der war immer so lustig, erzählte mir auch gleich, wie er heißt, und der war wirklich interessiert, was ich so mache, welche Meinung ich habe.“ Bei der Erinnerung daran lächelte sie verzückt. „Aber er hat mir auch von sich selbst erzählt, was er so macht.“

Fatime fragte dazwischen: „Hat er sich auch mal mit deiner Mutter unterhalten? Die verkauft doch auch mit, oder?“ „Ja früher hat sie immer verkauft. Ich habe ihr eigentlich nur ein bisschen geholfen. Jetzt ist sie nur noch hin und wieder auf dem Markt“, antwortete Priscilla zunächst. Dann überlegte sie und kam schließlich auf die eigentliche Frage zu sprechen: „Wenn ich ganz genau überlege, haben die beiden höchstens mal über die Ware und den Preis geredet. Sonst hat er sie nie angesprochen.“

Sie schaute Fatime verwundert an, wohl ahnend worauf diese hinaus wollte. „Mama sagte auch irgendwann, dass er wohl nur wegen mir immer käme, denn so viel Bedarf an Obst und Gemüse könnte seine Familie gar nicht haben, wenn man nach dem geht, was er über sie erzählt hat. Na und? Ist das denn falsch?“ „Ja ja“, erwiderte Fatime verständnisvoll, während sie die Soße abschmeckte, „wenn sich so ein gut aussehender junger Mann derartig um uns bemüht, dann hinterlässt das tiefe Spuren hier.“ Sie klopfte sich auf’s Herz. Sie musste an den Beginn ihrer Ehe denken und auch an die Zeit vor zwei Jahren, als sich ihr Mann noch in ganz anderer Weise um sie bemüht hatte.

Aber sie riss sich gleich wieder von der Erinnerung los und fragte: „Hat Abdallah nicht irgendwann mal von einer intimeren Beziehung gesprochen, von Heiraten, oder so?“ „Doch.“ Priscillas Blick verriet eine Erinnerung, die nicht mehr dasselbe Entzücken auslöste. „Ausgerechnet als Mama meinte, ich könnte den Verkauf eigentlich alleine machen, da wollte er plötzlich wissen, wo wir wohnen, um bei Papa um meine Hand anzuhalten, wie er sagte. Er würde auch einen guten Brautpreis zahlen.“

„Da hattest du ihm vorher schon mächtig Hoffnungen gemacht, wie?“ warf Fatime ein. „Ich? Wie?“ Priscilla verstand nicht. Beim Umrühren zählte Fatime auf: „Indem du dich jederzeit auf ein nettes Gespräch mit ihm eingelassen hast, ihn angelächelt hast, offenherzig von dir erzählt hast. Aber wie hast du denn auf seinen Wunsch reagiert? Er hatte dir doch wahrscheinlich vorher mal gesagt, dass er Moslem ist.“

Priscilla fuhr fort, zunächst etwas stockend, weil sie offensichtlich erst noch die neue Erkenntnis über ihren eigenen Beitrag zu Abdallahs Begehren verarbeiten musste. „Ich weiß nicht, aber auf einmal wurde das alles wirklicher Ernst. Darum hab ich ihn erst mal abgewimmelt, irgendwie auf später vertröstet. Zuhause hab ich das gleich Papa erzählt. Der meinte, wenn Abdallah nochmal damit käme, sollte ich sagen, dass ich getauft bin und dadurch Jesus gehöre und deshalb nicht gleichzeitig ihm gehören könne. Abdallah fing beim nächsten Mal wieder damit an, und ich sagte ihm das, was Papa mir gesagt hatte. Aber stimmt das denn so? Das sind doch zwei völlig verschiedene Dinge, zu Jesus zu gehören und mit einem Mann zusammenzugehören. Ich meine …“

„Ich verstehe“, sagte Fatime. „Du liebst Abdallah, und da ist es schwer für dich zu akzeptieren, dass diese Liebe keine Erfüllung finden kann, solange er Moslem ist. Sieh mal, dein Vater hat durchaus Recht. Als Getaufte gehörst du zu Jesus und nur er führt dich zum ewigen Leben. Wenn du zu einem muslimischen Mann gehörst, wird der dich automatisch als Muslima betrachten und zwingen, auch so zu leben und alles Christliche aufzugeben.“

Priscilla sprang vor Erregung fast auf. „Aber Abdallah doch nicht! Wozu hätte er sich sonst so viel Mühe gegeben, mir zu erklären, wie großartig der Islam ist. Ich dachte auch erst, ich müsste dagegen argumentieren, aber ich finde wirklich keine Argumente dagegen. – Als ich ihn heute aus der Kirche kommen sah, dachte ich, er hätte Interesse an unserem Glauben und ist auf dem Weg, Christ zu werden, und dann kommt alles in Ordnung.“ Sie stockte. Dann fügte sie resigniert hinzu: „Aber so wie der vorhin war, ist alles aus.“

Fatime war sich im Zweifel, ob wirklich alles aus sei. Sie wünschte, es wäre so, denn dieser junge Mann machte durchaus keinen sympathischen Eindruck auf sie. Nur um Priscillas willen wünschte sie eine positive Wendung. Hieß es nicht auch in der Bibel, dass sogar Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kämen?

„Wart’s ab“, sagte sie zu Priscilla, erhob sich, rief die Kinder zum Essen und erklärte bis zu deren Eintreffen: „Es würde mich ja auch interessieren, was Abdallah in den Gottesdienst gebracht hat. Hm, ob das vielleicht mit dir zu tun hat? Also, jedenfalls muss die Predigt für ihn ganz schön schwer verdaulich gewesen sein und ziemlich an seiner Moslemehre gekratzt haben. Da muss man ihm seine Erregung nachsehen. Außerdem, wenn der, so wie es aussieht, nicht gleichmütig darüber weggehen kann, dann wird es noch eine ganze Zeit an ihm arbeiten. Und wer weiß, was der Heilige Geist dadurch noch an ihm wirkt.“ Priscilla sah dankbar zu ihr auf.

Während die Kinder den Vater holten, ergänzte Fatime: „Wir werden auf jeden Fall kräftig für ihn beten, nicht?“ Priscilla nickte entschieden.

Im Laufe des Essens ließ Fatime die Bemerkung fallen: „Priscilla wird von muslimischer Seite ziemlich intensiv missioniert. Der Missionar soll sehr gute Argumente haben.“ Mouchar, dem diese Information ja eindeutig galt, schaute fragend auf. „So? Was für Argumente sind denn das?“ Priscilla nannte einiges, womit Abdallah sie in Verlegenheit gebracht hatte. Mouchar war der Überzeugung, dass das keine ausreichenden Gründe waren, zum Islam überzutreten.

Er schlug vor: „Priscilla, wie wäre es, wenn du jeden Mittwochabend zu uns kommst. Dann sprechen wir darüber, auch über die neusten Ansätze deines Missionars, und schauen, welche Antworten wir in der Bibel finden.“ „Aber Liebling“, warf Fatime ein, „am Mittwoch haben wir doch immer Taufunterricht.“ „Ach ja, stimmt“, erinnerte sich Mouchar. „Na dann eben am Dienstag. Einverstanden?“ „Einverstanden“, sagte Priscilla mit Vorfreude, und Fatime nickte.

Beim Verabschieden bedankte sich Priscilla vielmals und fiel Fatime um den Hals.

Als sie ihr nachschauten, sagte Mouchar zu seiner Frau: „Da hat Gott in dir ein sehr funktionsfähiges Werkzeug gefunden.“ Sie schmunzelte. „Du hast hier aber auch deinen Teil beigetragen“, erwiderte sie. Er legte ihr den Arm um die Schulter und stellte fest: „Wir sind einfach ein gutes Team. - Wenn ich daran denke, dass das mal auf Messers Schneide stand …“

So kam also Priscilla am Dienstagabend zu ihnen. Ja, Abdallah wäre am Morgen an ihrem Stand erschienen. Ein religiöses Gespräch hätte er nicht angefangen, und sei auch mit keinem einzigen Wort auf den Sonntag eingegangen. Nur ihre Ware hätte er sehr gelobt, obwohl die, ehrlich gesagt, nicht besser sei, als diejenige an anderen Ständen. So redeten sie an diesem Abend darüber, wie man wissen könne, dass die Bibel die Wahrheit mitteile.

Am nächsten Abend hörten Fatime und Mouchar im drittletzten Taufunterricht vor ihrer Taufe zusammen mit drei anderen, die sich bereits früher zur Taufe angemeldet hatten, was Pastor Mohamed ihnen über die Früchte des Heiligen Geistes sagte.

Fatime war allerdings nur halb bei der Sache. Es ging ihr nicht aus dem Kopf, wie Lydia sie vorhin gefragt hatte, ob sie nicht mitkommen dürfe, sie wolle auch getauft werden. Sie hatte ihr erklärt, dass sie ja noch ein Kind sei. Sobald sie groß sei und alles richtig verstehe, könne sie sich taufen lassen. Lydia hatte geantwortet, sie wisse doch schon, dass der Herr Jesus ein Mensch geworden sei, um am Kreuz zu sterben und ihre Sünde wegzunehmen. Sie wisse auch, dass man fest an ihn glauben müsse, selbst wenn andere einem dafür Böses tun. Aber wenn wir beteten, dann höre Gott und rette uns. Fatime fragte sich: „Muss man wirklich erst noch mehr wissen und bekennen, um getauft zu werden?“

Irgendwann vorm nächsten Dienstag hatte Abdallah wieder Gemüse gekauft und diesmal in Priscilla Zweifel an der Gebetspraxis ihrer Gemeinde gesät, indem er von der wunderbaren Ordnung und Ehrfurcht des Gebets im Islam schwärmte. Als sie das am Abend berichtete, meinte Mouchar: „Ja, so redet man mit einem Despoten, allerdings nicht mit seinem Vater. Sind wir nicht Gotteskinder, die sehr persönlich mit ihrem Vater im Himmel reden dürfen? Die Muslime glauben doch auch, dass Gott allmächtig ist. Dann müsste ihnen eigentlich klar sein, dass es für ihn absolut kein Problem darstellt, jeden von uns ganz genau zu verstehen, selbst wenn wir alle gleichzeitig durcheinander beten.“ So war das Thema für dieses Mal vorgegeben. Es ging also ums Gebet.

Weil Priscilla zuhause kein Geheimnis von ihren Treffen mit ihren neuen Freunden machte, überredete Joseph, ihr nächstjüngerer Bruder sie, ihn beim nächsten Mal mitkommen zu lassen. Von da an begleitete er sie jedes Mal und gewann selbst manche neue Sichtweise.

Schließlich kam der Karfreitag und die Gemeinde versammelte sich am späten Nachmittag zu einem Gottesdienst. Wie üblich begannen sie mit Lobpreisliedern, machten einen Gebetsteil und gaben die Möglichkeit, den anderen von ihrem Erleben mit Gott zu erzählen. Es war diesmal nur eine junge Frau, die in diesem Gottesdienstteil aufstand. Sie sagte: Ich danke dem Herrn für alles, was er in meinem Leben tut, und dass er mich auch in dieser Woche bewahrt hat. Darum möchte ich ihm ein Lied singen.“ Weil sie ursprünglich aus einer anderen Region stammte, wo man eine andere Umgangssprache benutzte, ergänzte sie: „Das Lied ist in meiner Muttersprache.“ Die Gemeinde konnte zwar nicht mitsingen, klatschte aber dazu im Rhythmus.

Pastor Mohamed hielt eine sehr anschauliche Predigt darüber, wie Jesus Christus die verlorene Menschheit durch seinen Tod vom Satan, der Sünde und dem ewigen Tod losgekauft habe. Dazu ließ er die Gemeinde in der Bibel die Textstelle 1. Petrus 1 die Verse 18 und 19 aufschlagen.

Von der Predigt aus leitete er über zum Abendmahl, denn Karfreitag war traditionell der Tag, an dem im Gottesdienst das Heilige Abendmahl auf dem Programm stand. Zwei Älteste der Gemeinde reichten Teller mit kleinen runden Keksen durch die Reihen, mit den Worten: „Christi Leib für dich gegeben.“ Dazu stand die Gemeinde auf. Gerade wollte sich Mouchar, der am Anfang der Stuhlreihe stand, einen Keks nehmen, da machte der Älteste eine abwehrende Bewegung und schob den Teller bis zu Priscilla auf dem dritten Platz durch. Der Älteste raunte dem Ehepaar zu: „Ihr seid doch noch nicht getauft.“ Priscilla griff zwar den Teller, stockte aber einen Moment, ehe sie sich davon nahm, denn was sie da grad miterlebt hatte, erschien ihr reichlich kurios. Mouchar und Fatime schauten sich eher betroffen an, weil sie sich erinnerten, dass sie im Taufunterricht darauf vorbereitet worden waren. Als der Älteste kurz darauf sagte: „Christi Blut für dich vergossen.“ Zogen sie die Bäuche ein, damit er das Tablett, auf dem Gläschen mit Traubensaft standen, ungehindert bis zu Priscilla durchreichen konnte. Nun war ihnen klar, wie es laufen musste, und sie verhielten sich alle, als sei es das Normalste auf der Welt.

Bevor der Pastor die Gemeinde segnete, kündigte er noch ab, dass sie sich an Ostern um 8.00 Uhr am Fluss träfen, um die Taufen zu vollziehen.

Weil er wusste, dass um die jetzige abendliche Uhrzeit die Gemeinde sich ziemlich zügig verlaufen würde, stellte er sich an den Ausgang und verabschiedete die einzelnen Gottesdienstbesucher. Als so auch Priscilla an ihm vorbeikam, entfuhr es ihr, die sonst gegenüber Respektpersonen wie beispielsweise dem Pastor sehr zurückhaltend war: „Warum dürfen Fatime und Mouchar nicht das Abendmahl nehmen. Dass sie noch nicht getauft sind, ist doch kein Grund!“ „Doch, doch“, antwortete der Pastor. „Das ist eine gute Ordnung unserer Kirche, dass man vor der Taufe kein Abendmahl erhalten kann. Du erinnerst dich, dass ich vor der Austeilung des Abendmahls aus 1. Korinther 11 vorgelesen habe, dass derjenige, der nicht zwischen normalem Brot und Wein und dem Leib und Blut des Herrn unterscheiden kann, das Abendmahl sich selbst zum Gericht nimmt.“ „Ja, aber Fatime und Mouchar, die können das doch unterscheiden. Was die alles aus der Bibel wissen, das hab ich ja noch nicht mal gewusst, obwohl ich schon getauft bin. Was ich von denen schon alles gelernt habe…“ sie zuckte wortsuchend mit den Schultern. „Das ist einfach absurd.“ Der Pastor erwiderte: „Wenn wir erst einmal anfangen, Ausnahmen zu machen, kann das bald leicht außer Kontrolle geraten.“ Dabei sah er allerdings recht nachdenklich drein. „Aber übermorgen werden die doch schon getauft“, konterte Priscilla. „Ist doch schön. Dann können sie anschließend auch das Abendmahl nehmen“, wusste der Pastor nur zu sagen, während Fatime Priscilla sanft wegzog. „Lass mal, ist schon in Ordnung“, versuchte sie zu besänftigen, weil sie fand, dass diese Sache nicht wert sei, sich deswegen aufzuregen oder gar einen Streit vom Zaun zu brechen.

Als Fatime und Mouchar mit ihren Kindern am Fluss ankamen, war es noch längst nicht 8.00 Uhr, doch sie sahen etwa 100 m zu ihrer Linken, wo wahrscheinlich die Taufstelle sein sollte, bereits Pastor Mohamed, der einem jungen Helfer Anweisungen gab, wo er das leichte Stehpult aufbauen solle. Als sie sich ihnen genähert und sie begrüßt hatten, deutete er auf das Pult und meinte grinsend: „Mancher braucht ja beim Zeugnisgeben etwas Halt.“ Mouchar und mehr noch Fatime hatten zwar durchaus etwas Lampenfieber, speziell vor dem „Zeugnisgeben“, wenn sie vor der ganzen versammelten Gemeinde erzählen sollten, wie sie zum Glauben an Jesus Christus gefunden hätten und, warum sie sich nun taufen lassen wollten, waren aber überzeugt, dass ihnen ein solches Pult keine Hilfe sein würde.

Etwas entfernt hatte sich auch die kleine Gesangsgruppe der Gemeinde bereits zusammengefunden und übten nochmals ihre Liedbeiträge für nachher. Sonst sah man nur in ziemlicher Entfernung einen Angler am Fluss sitzen.

Doch da kamen auch schon die drei anderen Täuflinge. Als sie nun alle beisammen waren, gab der Pastor den fünf Täuflingen letzte Erklärungen zum Ablauf und sie beteten zusammen.

Nun trafen zunehmend auch die anderen Gemeindeglieder ein, und es wurde immer lebhafter, weil sich alle begrüßten, Matten zum sitzen ausbreiteten, Neuigkeiten austauschten. Dabei fiel keinem auf, dass der Angler plötzlich ganz nahe bei der Taufstelle saß.

Nachdem die Gesangsgruppe mit einem Lied die Tauffeier eröffnet und damit gleich auch für Ruhe gesorgt hatte, las Pastor Mohamed aus der Bibel den Abschnitt Matthäus 28 die Verse 18 bis 20: „Und Jesus trat zu ihnen, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker: taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ An die Täuflinge gerichtet erklärte er dazu: „Wir taufen euch nun, weil der Herr Jesus selbst uns den Auftrag dazu gegeben hat. Er hat uns befohlen, Menschen aus allen Völkern zu taufen, damit sie seine Jünger werden, d.h. dass sie seine Schüler werden und bei ihm lernen. Durch die Taufe wird euch bescheinigt, dass ihr in der Eliteschule des dreieinigen Gottes eingeschrieben seid. Denkt dran, wir taufen euch jetzt einmal auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und das ist völlig ausreichend, aber dann seid ihr seine Schüler bis ans Ende eurer Tage und müsst jeden Tag neu sagen: ‚Rede Herr, denn dein Kind hört‘. Amen.“

Als Übergang zu den Glaubenszeugnissen der Täuflinge wurden dann zwei muntere Lobpreislieder gesungen.

Der erste, der seine Bekehrungsgeschichte erzählte, hatte schnell zum Ende gefunden. Es war ein Fünfzehnjähriger, der durch seine Familie im christlichen Glauben aufgewachsen war und nun den Zeitpunkt gekommen sah, sich auch noch taufen zu lassen.

Auch die Frau, die anschließend ans Pult trat, war in einer christlichen Familie aufgewachsen. Sie allerdings hatte das Christentum nicht überzeugt, so dass sie sich als Teenager davon losgesagt hätte. Doch die innere Leere, die das bewirkte, konnte sie nicht loswerden. Das Studium anderer Religionen, speziell der hier vertretenen, des Islams und des Animismusses, befriedigte lediglich ihren Wissensdurst, konnte sie aber nicht von deren Wahrheitsgehalt überzeugen. Immer wieder wurde sie an das erinnert, was sie aus der Bibel gehört hatte. Als ihre älteste Tochter begann, in die Gemeinde zu gehen und dadurch viel fröhlicher und umgänglicher wurde, da spürte sie Gottes Werben um sie so intensiv, dass sie schließlich kapitulierte. „Jetzt ist meistens alles viel schöner, und ich fühle mich wesentlich gelöster“, bekannte sie. „In einem Gespräch mit unserem Pastor habe ich mein Leben in Ordnung gebracht und die Gewissheit gewonnen, dass ich das mit der Taufe besiegeln solle.“

Der jüngere Mann, der als nächstes nach vorn trat, war vor einem halben Jahr aus dem Süden des Landes gekommen und hatte sofort Kontakt zur Gemeinde gesucht. Diejenigen, die es bisher noch nicht wussten, erfuhren jetzt, dass er aus einer katholischen Familie stamme. Als sich alle seine Freunde dort taufen ließen, ließ er sich ebenfalls in seiner katholischen Kirche taufen. Danach hätten er und seine Freunde das kräftig begossen. Er wisse nicht mehr, was sie im Vollrausch alles angestellt hätten, aber von da an seien ihm einige Leute aus dem Weg gegangen. Das hätte ihn dazu veranlasst, nach dem Motto zu leben „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“. Er druckste etwas herum, unsicher, ob er das genauer ausführen und einige Beispiele erzählen sollte, aber ließ das dann doch sein. Irgendwann sei er im Radio auf eine evangelistische Predigt gestoßen. Die hätte ihn sehr getroffen. Von da an habe er versucht, regelmäßig diese Sendung zu hören. Es sei ihm bewusst geworden, dass er sich durch seinen Lebenswandel immer mehr von Gott entferne. Das hätte er im Grunde schon vorher gewusst, aber sich nicht darum geschert. Er habe dann mit dem Pastor aus dem Radio Kontakt aufgenommen und ihn einmal besucht. Der hätte ihm eine Bibel geschenkt. Als seine Familie merkte, dass er die Bibel studiere und sich vorsichtig nach einer evangelischen Gemeinde umzusehen begänne, da habe es mächtig Ärger gegeben. Sie habe ihn mit allen Mitteln gehindert, die Radiosendungen zu hören, ständig diskutiert, sogar seine Bibel entwendet, so dass er sich schließlich entschlossen habe fortzugehen. So sei er hier gelandet, und der barmherzige Gott habe ihn sehr bald diese Gemeinde finden lassen. Er schloss: „ Hier habe ich mein Leben bewusst dem Herrn Jesus Christus übergeben und bin im Glauben so gewachsen, dass ich mich jetzt richtig taufen lassen will.“

Fatima raunte ihrem Mann zu: „Sagte unser Pastor nicht vorhin, eine Taufe sei genug?“ Mouchar raunte zurück: „Ja, so habe ich ihn eigentlich auch verstanden. Aber wenn das erste Mal vielleicht gar nicht als Taufe zu werten ist?“ Sie zuckten die Schultern. Pastor Mohamed werde schon wissen, was er macht, wen er taufen könne.

Der wusste im Moment erst einmal, dass nun für alle angesagt sei, sich zu erheben und zwischendurch ein Lied zu singen. Fatime schaute sich dabei um, wo sich ihre Kinder rumtrieben. Beruhigt entdeckte sie auch gleich Habakuk. Na, da würde wohl auch Lydia mit dem Kleinen auf dem Rücken in der Nähe sein. Das da zwischen den Leuten, das könnte sie gut und gerne sein.

Als nächstes machte sich Mouchar bereit, seine Geschichte zu erzählen. „Uns geht es genauso“, fing er an. „Wir sind auch nicht in dieser Stadt aufgewachsen. Unsere Familien allerdings waren überzeugte Muslime, wir also auch.“ Dann erzählte er.

Bei ihm war es eine evangelistische Schrift, die ihm ein Mann auf der Straße schenkte, welche ihn zum ersten Mal mit dem christlichen Glauben in Berührung brachte. Diese Schrift warf in ihm viele Fragen auf. Sie zitierte auch viele Bibelstellen. Mouchar hätte die gern verglichen und im Zusammenhang gelesen, aber natürlich gab es in ihrem Haushalt keine Bibel. Also ging er auf die Straße und suchte nach dem Mann, von dem er das Büchlein bekommen hatte. Als er ihn sah, lief er wie zufällig neben ihm her. Auf die Passanten sollte es den Eindruck