Abenteuer Ozeanien - Felix Gross - E-Book

Abenteuer Ozeanien E-Book

Felix Gross

0,0

Beschreibung

Felix Gross packte nach dem Studium die Koffer und startete zu einer knapp dreimonatigen Reise ans andere Ende der Welt, um seiner Passion für die Natur und die Fotografie nachzugehen. Der Autor nimmt den Leser in seinem Reisetagebuch mit auf eine Tour durch Neuseeland und Australien - zu entlegenen Orten, malerischen Küstenstreifen, einsamen Straßen und schneebedeckten Gipfeln. Für ein Foto ist ihm dabei kein Sonnenaufgang zu früh, kein Weg zu weit und kein Berg zu hoch. Von Auckland führt ihn der Weg über die beiden neuseeländischen Inseln bis nach Christchurch, entlang der australischen Ostküste von Melbourne nach Sydney und auf dem Rückweg einmal quer durch Singapur. Immer mit dabei sind Stativ und Kamera auf der Suche nach dem perfekten Moment, Sonnenaufgänge, Fjorde, Gletscher und sogar den Sternenhimmel fotografisch festzuhalten. Interessante Landschaften, kuriose Erlebnisse und spannende Begegnungen machen den Trip zu einem unvergesslichen Abenteuer - und wecken die Lust aufs Nachreisen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Intro

Reiseroute Neuseeland

Reiseroute Australien

Dienstag, 8. März 2016 – Aufbruch ins Ungewisse

Mittwoch, 9. März 2016 – Kulturschock am Changi International Airport

Donnerstag, 10. März 2016 – Kia Ora oder die unsanfte Landung in Auckland

Freitag, 11. März 2016 – Regentag in Avondale

Samstag, 12. März 2016 – Auckland

Sonntag, 13. März 2016 – Kitekite Falls und Sonnenuntergang am Baylys Beach

Montag, 14. März 2016 – Cape Reinga

Dienstag, 15. März 2016 – 90 Mile Beach & Bay of Islands

Mittwoch, 16. März 2016 – Einöde an der Pazifikküste

Donnerstag, 17. März 2016 – Ein Tag zum Vergessen

Freitag, 18. März 2016 – Coromandel und Cathedral Cove

Samstag, 19. März 2016 – Auf Umwegen zu den Geysiren von Rotorua

Sonntag, 20. März 2016 – Flucht vor dem Regen

Montag, 21. März 2016 – Der lange Weg zum East Cape

Dienstag, 22. März 2016 – Sonnenaufgang am East Cape

Mittwoch, 23. März 2016 – Kilometerfressen von Gisborne nach Taupo (1/2)

Donnerstag, 24. März 2016 – Kilometerfressen von Gisborne nach Taupo (2/2)

Freitag, 25. März 2016 – Whakapapa

Samstag, 26. März 2016 – Widrige Bedingungen an den Tama Lakes

Sonntag, 27. März 2016 – Silica Rapids

Montag, 28. März 2016 – Mount Egmont, Maunga Taranaki oder keiner

Dienstag, 29. März 2016 – Cape Palliser

Mittwoch, 30. März 2016 – Rien ne va plus

Donnerstag, 31. März 2016 – Wellington

Freitag, 1. April 2016 – Mit der Fähre zur Südinsel

Samstag, 2. April 2016 – Regnerischer Abel Tasman National Park

Sonntag, 3. April 2016 – Golden Bay & Nelson Lakes National Park

Montag, 4. April 2016 – Entlang der Westküste

Dienstag, 5. April 2016 – Franz Josef Glacier & Fox Glacier

Mittwoch, 6. April 2016 – Über den Haast Pass zum Lake Wanaka

Donnerstag, 7. April 2016 – Pause am Boundary Creek

Freitag, 8. April 2016 – Lake Hawea & Lake Wanaka

Samstag, 9. April 2016 – Roy's Peak

Sonntag, 10. April 2016 – Queenstown & Bob's Peak

Montag, 11. April 2016 – Von Queenstown nach Te Anau

Dienstag, 12. April 2016 – Te Ana Au Caves

Mittwoch, 13. April 2016 – Milford Sound

Donnerstag, 14. April 2016 – Doubtful Sound

Freitag, 15. April 2016 – Monkey Island

Samstag, 16. April 2016 – Auf Umwegen durch die Catlins zum Nugget Point

Sonntag, 17. April 2016 – Farbenfroher Weg durch Otago

Montag, 18. April 2016 – Sonnenaufgang am Lake Ohau & Mount Cook

Dienstag, 19. April 2016 – Hooker Valley und Lake Pukaki

Mittwoch, 20. April 2016 – Lake Tekapo

Donnerstag, 21. April 2016 – Dolce Vita am Lake MacGregor

Freitag, 22. April 2016 – Aufbruch in die Canterbury Plains

Samstag, 23. April 2016 – Regentag in Geraldine

Sonntag, 24. April 2016 – Sehnsüchtiger Blick zum Lake Coleridge

Montag, 25. April 2016 – Arthur's Pass National Park

Dienstag, 26. April 2016 – Der unrühmliche Tagesabschluss von Christchurch

Mittwoch, 27. April 2016 – Neuseeland-Finale auf den Port Hills

Donnerstag, 28. April 2016 – Von Christchurch nach Melbourne

Freitag, 29. April 2016 – Gemischter Australien-Auftakt in Melbourne

Samstag, 30. April 2016 – Albert Park & Queen Victoria Market

Sonntag, 1. Mai 2016 – Unwetter an der Bass Coast

Montag, 2. Mai 2016 – Phillip Island & Cape Woolamai

Dienstag, 3. Mai 2016 – Stürmischer Wilson's Promontory National Park

Mittwoch, 4. Mai 2016 – Über den Great Alpine Highway nach Bright

Donnerstag, 5. Mai 2016 – Mount Buffalo National Park

Freitag, 6. Mai 2016 – Mount Kosciuszko

Samstag, 7. Mai 2016 – Charlotte Pass & Perisher

Sonntag, 8. Mai 2016 – Ein kurzer Ausflug zum Lake Eucumbene

Montag, 9. Mai 2016 – Canberra, die Erste

Dienstag, 10. Mai 2016 – Canberra, die Zweite

Mittwoch, 11. Mai 2016 – Entlang der Ostküste zu den Fitzroy Falls

Donnerstag, 12. Mai 2016 – Burragorang Valley & Blue Mountains

Freitag, 13. Mai 2016 – Katoomba & Blue Mountains

Samstag, 14. Mai 2016 – Der lange Weg nach Sydney

Sonntag, 15. Mai 2016 – Taronga Zoo & Sydney Harbour

Montag, 16. Mai 2016 – Sydney Harbour Bridge

Dienstag, 17. Mai 2016 – Ein erster Eindruck von Singapur

Mittwoch, 18. Mai 2016 – Singapore River & Gardens by the Bay

Donnerstag, 19. Mai 2016 – Sentosa Island & Singapore Flyer

Freitag, 20. Mai 2016 – Ab nach Hause

Nachwort

Vorwort

Draußen ist es inzwischen stockdunkel. Nur die Scheinwerfer meines Wagens geleiten mich durch die sternenklare Nacht. Etwa alle zehn Minuten kommt mir ein Fahrzeug auf der kurvenreichen Landstraße entgegen. Eigentlich sollte ich längst im Bett liegen, habe ich doch heute schon eine Wanderung zum Sonnenaufgang und mehr als 500 Kilometer Autofahrt in den Knochen. Aber als ich auf der Passhöhe ankomme, ist das alles schnell verdrängt. Der Blick auf die Milchstraße über mir ist einfach überwältigend. Und natürlich will ich die Szenerie auch auf den Chip meiner Kamera bannen. Das ist meine Motivation. Dafür bin ich hierher gefahren. Die Handgriffe sitzen, das Foto ist im Kasten. Zufrieden lege ich mich ins Auto schlafen. Bis zum nächsten Sonnenaufgang.

Ein typischer Tagesablauf auf einer meiner Reisen. Gestatten, Felix Gross – Jahrgang 1991, eigentlich beruflich ein Schreibtischtäter, aber im Herzen Abenteurer, Naturliebhaber, Globetrotter, leidenschaftlicher Landschaftsfotograf und Blogger auf www.enviadi.com. Die Begeisterung für das Reisen und Entdecken ist seit jeher ein fester Bestandteil meines Lebens.

‹‹ Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon. ››

(Aurelius Augustinus)

Verantwortlich dafür war anfänglich ein höchst ungewöhnliches Hobby – Seilbahnen. Schon bei meinen ersten Skiversuchen im Alter von zwei Jahren galt meine Aufmerksamkeit stets den bunten Kabinen statt einem korrekten Parallelschwung. Die Begeisterung für Seilbahnen und ihre Technik ließ mich auch in späteren Jahren nie mehr los. Und so unternahm ich unzählige Reisen zu originellen, einzigartigen und kultigen Seilbahnen in den Alpen und Europa. Kombiniert mit meiner Leidenschaft für die Natur, die Berge und die Fotografie widmete ich mich mit der Zeit aber auch immer häufiger anderen Zielen, über die ich auf meinem Blog berichtete. Einmalige Landschaften, fremde Kulturen und malerische Städte standen fortan ebenfalls auf meiner Liste. Kein Sonnenaufgang war mir zu früh, kein Weg zu weit und kein Berg zu hoch. Nur Europa hatte ich bis dato nie verlassen.

Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass die Zeit gekommen war, diese Tatsache zu ändern. Zeit, etwas Neues zu wagen. Und der ideale Zeitpunkt dafür schien genau jetzt gekommen zu sein. Zwar hätte ich am Ende meines Studiums auch unmittelbar in eine Vollzeitstelle übergehen können. Der bequemere und finanziell lukrativere Weg wäre es sicher gewesen. Aber würde ich jemals noch einmal die Möglichkeit haben, eine längere Reise zu unternehmen? Würde ich jemals die Chance haben, meiner Passion für die Natur und für die Fotografie in vollen Zügen nachzugehen? Würde ich jemals wissen können, ob mir nicht auch ein Leben als Langzeitreisender, als Vagabund oder als professioneller Fotograf Spaß bereiten würde? Würde ich später wirklich vor der Frage stehen wollen, was alles hätte sein können?

‹‹ In 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus dem sicheren Hafen. Erfasse die Passatwinde mit deinen Segeln. Erforsche. Träume. ››

(Mark Twain)

Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Und so brach ich nach langer Vorbereitung und Klärung der Finanzen schließlich nach Abschluss meines Studiums im März 2016 zu einer Fotoreise auf. Etwa drei Monate würde ich Zeit haben, mich voll und ganz meiner Fotografie- und Naturleidenschaft zu widmen. Eine Reise, auf der der Weg das Ziel werden würde. Eine Reise, die alles andere als ein entspannter Urlaub werden würde. Eine Reise, die das größte Abenteuer meines Lebens werden würde.

Dieses Buch erzählt meine knapp elfwöchige Reise durch Neuseeland und Australien. Ein persönliches Tagebuch von einem Trip durch das Land der Kiwis und entlang der australischen Ostküste. Vom Tag des Abfluges in eine mir unbekannte Welt bis hin zur Rückkehr in die Heimat. Von Auckland nach Christchurch, von Melbourne nach Sydney und auf dem Rückweg einmal quer durch Singapur. Von Erlebnissen, Entdeckungen und Pannen auf der Suche nach atemberaubenden Landschaften, interessanten Begegnungen und spannenden Fotogelegenheiten während 74 Tagen.

Intro

Lange hatte ich überlegt, wo mich meine Reise hinführen soll. In die Berge – so viel stand schon recht schnell fest. Und nach Möglichkeit in eine Region, die ich so schnell nicht wieder erreichen könnte – also am besten ans andere Ende der Welt. Nicht zuletzt würde sich durch die Verschiebung der Jahreszeiten bei einer Reise zur Südhalbkugel auch die Möglichkeit ergeben, eine Fahrt in den Herbst zu unternehmen – zum Fotografieren die mit Abstand beste Jahreszeit. Ozeanien erschien mir dabei von Beginn an als die am besten geeignetste Destination. Keine Sprachbarriere, wie es für mich beispielsweise in Südamerika der Fall gewesen wäre, eine große landschaftliche Vielfalt und aufgrund zahlreicher Fotos und Berichte von Bekannten eine riesige Vorfreude, diesen anderen Winkel unseres Planeten endlich einmal kennen zu lernen. Also auf nach Neuseeland und Australien!

Ich bin nicht der typische Backpacker, der sich ohne genauen Plan in ein Abenteuer stürzt, sich einfach treiben lässt und auf diese Weise versucht, zu sich selbst zu finden. Genauso wenig bin ich aber ein Pauschalurlauber, der möglichst alle Eventualitäten schon vor der Reise eliminiert. Nicht, dass ich diese Herangehensweisen irgendwie als falsch betrachte, sie entsprechen einfach nicht meinem Naturell. Meinen Reisestil würde ich irgendwo zwischen diesen beiden Welten ansiedeln. Möglichst gut vorbereitet, um keine bösen Überraschungen zu erleben, aber doch mit einem Höchstmaß an Flexibilität unterwegs, um meine Reisepläne spontan notfalls auch komplett über den Haufen werfen zu können. Aus diesem Grund studiere ich in den Monaten vor meinem Abflug Reiseführer, Wikipedia und Internetblogs, um einen Eindruck davon zu erhalten, was mich am anderen Ende der Welt erwartet. Wichtige Informationsquellen stellen auch Karten und Luftbilder dar. Auf ihnen kann ich am ehesten erkennen, wo sich interessante Fotogelegenheiten ergeben könnten. Denn es wird keine Reise, bei der jeder Tag ein Sonntag ist. Im Fokus steht die Fotografie. Die besten Lichtverhältnisse gibt es stets am frühen Morgen und am späten Abend. Und auch wenn ich die Fotografie nicht professionell betreibe, so habe ich den Ehrgeiz, für ein gutes Foto notfalls ein paar Stunden zu warten, mitten in der Nacht aufzustehen oder unzählige Kilometer zu laufen.

Meine geplante Route steht in der Folge recht schnell fest. Sieben Wochen werde ich ab März zunächst nach einem Flug mit Zwischenstopp in Singapur durch das Land der langen weißen Wolke, Neuseeland, reisen. Von der größten Agglomeration des Landes, Auckland, will ich zunächst den subtropischen Norden erkunden, ehe ich mich kontinuierlich über das zentrale Vulkanplateau der Nordinsel zur Hauptstadt Wellington nach Süden vorarbeite. Mit der Fähre soll es im Anschluss zur Südinsel gehen, die mit den knapp 4.000 Meter hohen Südalpen, ihren Gletschern und Seen den Hauptgrund für meinen Besuch darstellt. Von der Stadt Christchurch will ich Ende April nach Melbourne fliegen und in der verbleibenden Zeit zumindest einen kleinen Teil Australiens erkunden. Von Melbourne favorisiere ich eine Strecke, die mich zunächst der Südostküste des Kontinents entlang durch einige Nationalparks führt, ehe ich durch die australischen Alpen die Metropole Sydney ansteuere. Von Sydney soll es Mitte Mai nach Singapur gehen, wo ich vor meiner Rückkehr nach Europa einen zweitägigen Aufenthalt plane.

Hin- und Rückflüge buche ich fix vorab, doch alles, was dazwischen passiert, kann ich nach meinem Gusto spontan entscheiden. Weil ich alleine reise. Diese Tatsache lässt mich zwar immer wieder ein wenig zweifeln, denn das Reisen zu zweit oder in einer Gruppe bringt eine gewisse Sicherheit und einen gewissen Komfort mit sich. Aber nur als Alleinreisender habe ich die Freiheit, alles tun und lassen zu können, was ich möchte. Und so halte ich Anfang März schließlich alle wichtigen Dokumente in den Händen. Reisepass, Impfbuch, eine Reiseroute für 74 Tage, Flugdaten, wichtige Adressen und eine Buchungsbestätigung für meine Mietwagen in Neuseeland und Australien. Lange habe ich überlegt, wie ich mich in den beiden Ländern fortbewegen soll. Als Alleinreisender sind Bus und Hostels die einfachste Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen. Aber öffentliche Verkehrsmittel und feste Unterkünfte rauben mir jegliche Flexibilität, die gerade für die Fotografie so essentiell ist. Zudem sind die Hostels in Neuseeland trotz anbrechender Nebensaison teils über Wochen im Voraus ausgebucht – keine guten Voraussetzungen für spontane Planänderungen. Daher lautet die Devise Mietwagen und Camping. Eine sowohl in Neuseeland als auch in Australien typische Art und Weise, die Länder auf eigene Faust zu entdecken.

Reiseroute Neuseeland

„Landkarte Neuseeland“ von GinkoMaps (ginkgomaps.com), lizenziert unter CC-BY 3.0.

Reiseroute Australien

„Landkarte Australien“ von GinkoMaps (ginkgomaps.com), lizenziert unter CC-BY 3.0.

Dienstag, 8. März 2016 – Aufbruch ins Ungewisse

Gegen 17 Uhr fahren mich meine Mutter und meine Schwester an diesem 8. März 2016 zum Flughafen nach Frankfurt, von wo aus am Abend mein Flieger über Singapur nach Auckland startet und mich zum ersten Mal in meinem Leben außerhalb der Grenzen Europas absetzen wird. Bis Ende Mai werde ich unterwegs sein – meine mit Abstand längste Reise überhaupt. Entsprechend fällt mir der Abschied an der Personenkontrolle nicht leicht. Wohl auch deshalb, weil ich genau weiß, dass auf der anderen Seite der Erde niemand auf mich wartet. Und so kommen doch wieder ein paar Zweifel auf, die ich während der intensiven Vorbereitung völlig verdrängt habe. Ist das wirklich das Richtige für mich? So lange alleine unterwegs? Aber jetzt, hier am Gate, gibt es keinen Weg mehr zurück.

Pünktlich um 21.55 Uhr hebt die Maschine von der Startbahn ab und nimmt nach einer leichten Linkskurve Kurs in Richtung ihres Heimatflughafens Singapur. Am Fenster sitzend blicke ich auf die hell erleuchteten Städte, die aber schon bald nur mehr schemenhaft zu erkennen sind. Mein ebenfalls aus Deutschland stammender Sitznachbar fliegt die Route nach Singapur bereits zum vierten Mal. Ich erzähle ihm von meinen Plänen und er berichtet, dass er nach dem Studium ebenfalls eine Reise nach Nordamerika und Costa Rica unternommen hatte. Diesmal führt ihn der Weg über Singapur aber nach Malaysia. Da ich zum Abschied am Flughafen noch einmal ein typisch deutsches Cordon Bleu gegessen habe, überlasse ich das Abendessen im Flieger den anderen. Um 23 Uhr noch zu Abend zu essen ist mir ohnehin zu spät, zumal ich versuchen will, mich bereits etwas an die zwölfstündige Zeitverschiebung anzupassen. Da ich noch nie eine Zeitverschiebung von mehr als einer Stunde erlebt habe, bin ich gespannt, wie mein Körper mit dem Jetlag umgeht. Daher versuche ich zu schlafen, was allerdings bei den ganzen flimmernden Bildschirmen um mich herum keine einfache Angelegenheit darstellt.

Das Frühstück, das nach einem ruhigen Flug kurz vor der Landung um 17 Uhr Ortszeit aufgetischt wird, ist nach knapp 12 Stunden sitzen und mehr schlechtem als rechtem Schlaf eine willkommene Abwechslung. Zudem kann sich die Zusammenstellung durchaus sehen lassen – von Croissant über Joghurt, Obstsalat, Brot, Marmelade und Apfelpfannkuchen in Vanillesauce ist so ziemlich alles vertreten.

Mittwoch, 9. März 2016 – Kulturschock am Changi International Airport

Nach der Landung am Changi International Airport in Singapur trifft mich dann nicht ganz unerwartet zunächst einmal wettertechnisch der Schlag. Temperatur 33° C, Luftfeuchtigkeit an die 80%. Warum die Gates auch noch vollständig aus Glas bestehen und damit für einen netten Treibhauseffekt sorgen, das weiß vermutlich auch nur der Architekt. Jedenfalls sind nicht nur das Klima, sondern auch die entsetzlich kitschigen Duty-Free-Geschäfte im Transitbereich schon äußerst gewöhnungsbedürftig. Immerhin, der Flughafen ist auf eine durchaus angenehme Temperatur klimatisiert. So bin ich froh, in weniger als drei Stunden bereits weiterfliegen zu können, ohne nach draußen gehen zu müssen. Das blüht mir dann erst auf dem Rückweg, auf welchem ich zwei Tage Halt in Singapur machen werde.

Am Changi International Airport in Singapur.

Nachdem ich ähnlich wie in Frankfurt schon gefühlt mehr gelaufen als später geflogen bin, erfahre ich am Gate A5, dass der Anschlussflug nach Auckland neu am Gate B2 abfliegen wird, was für mich zwei weitere Kilometer Fußmarsch bedeutet. Immerhin habe ich ja nur mein Handgepäck, das Aufgabegepäck soll direkt nach Auckland kommen. Wenn das dann in der Praxis auch mal funktioniert! Wie schon in Frankfurt gibt es auch hier bei der Sicherheitskontrolle keinerlei Beanstandungen. Im Vorfeld war ich mir da etwas unsicher, was meine doch recht umfangreiche Fotoausrüstung angeht. In diversen Blogartikeln war zu lesen, dass das unter Umständen ein Problem darstellen könnte. Aber weder Kameras und Objektive noch die zahlreichen Ersatzakkus, meine Powerbank oder sonstiges Zubehör wecken in irgendeiner Weise Interesse bei den Kontrolleuren.

Wie schon in Frankfurt hebt meine Maschine pünktlich um 20.50 Uhr Ortszeit in Richtung Auckland ab. Im Gegensatz zur Boeing 777-300 ist der Airbus A380 nicht nur viel leiser, sondern auch noch viel leerer. Neben mir hat sich niemand eingefunden, sodass ich ganz angenehm ohne Platzeinschränkungen das Abendessen, bestehend aus Rindfleisch mit Kartoffelpüree, Bohnen, Karotten, zwei Keksen, einem Brötchen und einem Dessert, genieße, ehe sich der dank der Zeitverschiebung wohl kürzeste Tag meines Lebens dem Ende neigt. Vor dem Schlafengehen will ich mir dann noch schnell die Zähne putzen, was nach fast 24 Stunden definitiv mal wieder notwendig ist. Leider muss ich allerdings fast eine Viertelstunde warten, bis endlich eine der Toiletten frei wird. Warum man in ein so großes Flugzeug wohl so wenige Toiletten einbaut?

Donnerstag, 10. März 2016 – Kia Ora oder die unsanfte Landung in Auckland

Der nächste Morgen begrüßt mich mit einem grandiosen Sonnenaufgang über der Tasmansee. Hinter Sydney wird es langsam hell und die Sonne erleuchtet das dichte Nebelmeer unter mir. Kurze Zeit später wird das Frühstück serviert, wieder in recht üppiger Form mit Croissant, Organgensaft, Obstsalat und einer etwas ungewöhnlichen Kombination aus Omelett, Kartoffeln und einer Bratwurst. Passt alles nicht so wirklich zusammen. Dafür fühle ich mich beim Betrachten des original Schweizer Joghurts aus Luzern schon wieder fast zu Hause.

Sonnenaufgang über der Tasmansee.

Schon eine Dreiviertelstunde früher als im Zeitplan vorgesehen setzt meine Maschine zum Landeanflug auf Auckland an. In einem weiten Bogen überqueren wir Neuseelands Nordinsel, die hier weniger als 100 Kilometer Breite misst, und nehmen Kurs auf den Flughafen. Im Anflug wundere ich mich über den ungewöhnlich lange andauernden Tiefflug. Zudem ist deutlich zu spüren, wie das Flugzeug immer wieder stark beschleunigt. Auch kurz vor der Landung ist nochmals deutlich eine Beschleunigung zu vernehmen und der Aufprall ist so hart, dass das Flugzeug noch einmal abhebt und erst nach einer „zweiten“ Landung ganz am Ende der Landebahn zum Stehen kommt. Ich bin kein Flugexperte, aber das kann so nicht geplant gewesen sein.

So bin ich froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, als ich den Airbus verlasse und Richtung Zoll marschiere. Der Beamte ist ausgesprochen freundlich und befragt mich zu meinen Angaben, die ich auf dem Einreiseformular angegeben habe. Letztlich ist er zufrieden, drückt mir den Stempel für das dreimonatige Besuchervisum in den Reisepass und verabschiedet mich mit den Worten „Welcome to New Zealand, Felix“. Bin ja mal gespannt, ob mich der deutsche Zoll im Mai auch wieder so freundlich zurück empfängt! Vorbei an einigen Geschäften geht es als nächstes zur Kofferrückgabe, wo ich meine Tasche glücklicherweise vollständig und unversehrt wieder in Empfang nehmen kann. Anschließend mustert mich ein weiterer Officer der „New Zealand Biosecurity Control“ und fragt mich nochmals, ob ich auch wirklich kein Essen, keine Pflanzen oder irgendwelche Schädlinge nach Neuseeland importieren will. Schließlich hat er auch an meinen frisch geputzten Wanderschuhen nichts zu beanstanden und so stehe nach einem weiteren Scan der Koffer auf potentiell gefährliche Inhalte ohne die angedrohte Strafe von 400 NZD, für den Fall, dass doch etwas gefunden werden sollte, am Ausgang des Flughafens Auckland.

Dort wechsele ich als allererstes meine SIM-Karte. Für Neuseeland und Australien habe ich mir zwei Prepaid-Karten mit jeweils 3 GB Datenvolumen gekauft, um wenigstens die Möglichkeit zu haben, meine E-Mails von unterwegs abzurufen, kurz ins Internet zu gehen und im Notfall telefonieren zu können, ohne gleich ein Vermögen loszuwerden. Freies WLAN ist hier unten ein absolutes Fremdwort – wenn man Glück hat und es überhaupt WLAN gibt, dann nur mit Volumenbeschränkung und exorbitanten Preisen – auf Campingplätzen zwischen 50 und 250 MB für 5 bis 10 NZD.

Im zweiten Anlauf bucht sich mein Handy dann auch tatsächlich ins Netz ein und das Internet funktioniert. Während ich noch mit dem Handy beschäftigt bin, bietet mir ein Mann gleich einmal einen Kaffee an, den ich aber dankend ablehne. Als nächstes mache ich mich auf zum Mietwagenverleih, der sich genau am anderen Ende des Flughafens befindet. Zwar hätte ich mir auch ein Taxi nehmen können, aber nach der vielen Sitzerei im Flugzeug tut ein kleiner Fußmarsch gerade bei dem heutigen schönen, warmen Wetter gut. Die Formalitäten sind relativ schnell erledigt und für die Autofähre von der Nord- auf die Südinsel buche ich auch gleich ein Ticket für den ersten April. Nach einer kleinen Einführung in die Besonderheiten meines kleinen Campervans trete ich die erste Fahrt in meinem zu Hause für die nächsten sieben Wochen an.

Der neuseeländische Linksverkehr ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig und fordert gerade bei dem starken Verkehr rund um den Flughafen äußerste Konzentration. Etwas nördlich vom Flughafen lege ich dann aber auch schon gleich einen ersten Stopp an einem Supermarkt ein, um mich für die nächsten Tage mit ein paar grundlegenden Dingen einzudecken. Nudeln, Reis, Gewürze, Wasser, Salat und einige andere Dinge sind schnell im Einkaufswagen gelandet. In der Folge kaufe ich mir im angrenzenden Campingfachgeschäft noch einen Wasserkanister. Unschlüssig bin ich dagegen, ob ich mir auch eine kleine chemische Toilette besorgen soll, denn mein Campervan ist nichts anderes als ein umgebauter Hochdachkombi mit Bett und kleiner Küchenzeile im Kofferraum. Eine Toilette ist daher nicht eingebaut.

Für die ersten Tage spielt das allerdings auch keine allzu große Rolle, denn der Campingplatz, von dem aus ich in den nächsten beiden Tagen Auckland erkunden möchte, zählt zu den besser ausgestatteten und sollte daher auch saubere Toiletten bieten. Im Avondale Motorpark, in einem südlichen Vorort von Auckland gelegen, parke ich meinen Van auf einem Zeltstellplatz für die nächsten drei Nächte. Da das Auto ohnehin keinen externen Stromanschluss besitzt, kann ich auf die teureren Camper-Stellplätze verzichten. Strom gibt es nur via Bordsteckdose und Spannungsumwandler für den Laptop, alle restlichen Geräte können aber per USB auch an einer zweiten Batterie aufgeladen werden, die gleichzeitig auch einen kleinen Kühlschrank und die Innenbeleuchtung betreibt.

Vom Camper an sich bin ich nach einer eingehenden Betrachtung eher weniger begeistert, da das Konzept mit Küche im Kofferraum und kombinierbarem Wohn- / Schlafbereich zwar prinzipiell gut durchdacht ist, mit Koffer, Getränken und Nahrungsmitteln ist allerdings gleich so wenig Platz, dass man eigentlich immer irgendetwas nach draußen stellen muss, wenn man sich innen bewegen will. Für mich alleine ist die Größe noch gerade akzeptabel, wie hier allerdings zwei Leute unterkommen sollen, ist mir ein wenig rätselhaft. Etwas angesäuert bin ich zudem über den Zustand der Küche. Einerseits eine Unverschämtheit vom Vormieter, das Auto in einem derart dreckigen Zustand zurückzugeben, andererseits aber auch vom Vermieter nicht in Ordnung, den Wagen so weiterzugeben. So befülle ich erst einmal auf umständliche Weise den Wassertank, ehe ich die Küche komplett reinige, was mit dem winzigen Waschbecken keine einfache Angelegenheit darstellt. Als ich fertig bin, ist es dann auch schon 19 Uhr und da ich keine große Lust mehr habe, mir jetzt noch etwas zu kochen, gibt es nur ein Sandwich zum Abendessen. Glücklicherweise macht sich dafür der Jetlag in keiner Weise bemerkbar. Genau genommen habe ich nicht einmal den Eindruck, dass sich überhaupt irgendetwas verschoben hat. Den ganzen Tag über war ich hellwach und nun kommt mir das Schlafengehen gerade recht – genau wie sonst auch.

Freitag, 11. März 2016 – Regentag in Avondale

Am nächsten Morgen wache ich nach einer ruhigen, aber etwas unbequemen Nacht gegen acht Uhr auf. Wie schon am Vortag angekündigt hat sich das gute Wetter leider verzogen und leichter Nieselregen ist aufgekommen. So verbringe ich den Vormittag erst einmal gemütlich im Camper und bringe mein Tagebuch auf den aktuellsten Stand.

Nachdem ich morgens auf dem Rückweg von der Dusche noch nass geworden bin, hat sich der Regen um die Mittagszeit soweit verzogen, dass ich mir zumindest einmal einen Salat in meiner Kofferraum-Küche anrichten kann. Da in jedem Fall die Heckklappe zum Kochen offen sein muss, ist mir noch nicht ganz klar, wie das bei schlechtem Wetter funktionieren soll.

Da sich die Wolken am Nachmittag verziehen, entschließe ich mich noch zu einer kurzen Wanderung zum in der Nähe gelegenen Mount Albert, einem ehemaligen Vulkangipfel, von dem aus man die Skyline von Auckland aus der Ferne betrachten kann. Der Weg führt mich durch eine scheinbar eher wohlhabendere Wohngegend mit Häusern im Bungalow-Stil. Im Gegensatz zu den anderen Straßen sind hier auch modernere europäische Autos zu sehen und nicht nur japanische Wagen von anno dazumal. Oben auf dem Mount Albert ist die Aussicht zwar ganz nett, aber nicht unbedingt spektakulär. Der Berg scheint ohnehin mehr ein Ausflugshügel für Anlieger zu sein. Touristen begegnen mir keine, dafür aber jede Menge Einheimische, die hier ihre Hunde zu einer „dog off-leash training zone“ ausführen.

Ausblick vom Mount Albert auf die Vororte von Auckland.

Zurück in Avondale koche ich mir zur Einweihung der Küche ein paar Spaghetti mit Tomatensauce – für den Anfang muss man es ja nicht übertreiben. Mit dem Gaskocher und dem vorhandenen Topf muss ich Nudeln und Sauce zwar hintereinander kochen, aber prinzipiell scheint mir die Küche durchaus auch für etwas aufwendigere Gerichte geeignet zu sein. Mal sehen, wie sich das in Zukunft entwickelt. Diesmal bin ich dann auch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit fertig, sodass ich nicht wie am Vortag von einer Horde Stechmücken überfallen werde.

Samstag, 12. März 2016 – Auckland

Nach einer unglaublich kalten Nacht (wie soll das erst im April auf der Südinsel werden?!) stehe ich zeitig auf und erledige noch ein paar Aufräumarbeiten, bevor es zur nahegelegenen Bahnstation geht, um nach Auckland City zu gelangen. Am Ticketautomaten wechsele ich einen Schein gegen Münzen, um endlich etwas Kleingeld zu haben, was ich in den nächsten Tagen zum Bezahlen der etwas abgelegeneren Campingplätze ohne Campingwart noch brauchen werde. Der Zug setzt sich pünktlich um 9.17 Uhr in Bewegung und rund zehn Minuten später steige ich an der Station Mount Eden wieder aus, um den gleichnamigen Berg zu besteigen. Von diesem erloschenen Vulkan mit noch sichtbarem Krater soll sich laut meinem Reiseführer die beste Sicht auf Auckland bieten. Oben angekommen bestätigt sich das, denn das Panorama ist wirklich überwältigend. Im Gegensatz zum Mount Albert am Vortag sind hier auch jede Menge Touristen anzutreffen.

Ausblick vom Mount Eden auf die Skyline von Auckland.

Wieder zurück im Tal angelangt entschließe ich mich spontan dazu, durch den Auckland Domain Park zu laufen. Eine gute Entscheidung, denn die Flora und Fauna ist hier wirklich sehenswert. Teilweise fühle ich mich wie im tiefsten Dschungel bei all den dichten Pflanzen und ungewohnten Tiergeräuschen. Noch mehr Lärm macht allerdings eine Gruppe Sportler, die auf einer größeren Wiese den neuseeländischen Nationalsport Kricket spielt.

Blumen im Auckland Domain Park.

Über einige weitere Straßen gelange ich schließlich in die Innenstadt von Auckland und bewege mich Richtung Fährterminal, wo ich eine kleine Mittagsrast in einem der zahlreichen Restaurants einlege. Die Kellnerin fragt mich kurioserweise erst einmal nach meinem Ausweis, bevor sie mir etwas zu essen anbietet. Nach eingehender Untersuchung meines Reisepasses bringt sie mir dann die Speisekarte. Wenn man schon so nah am Wasser speist, muss es natürlich Fisch sein, und so bestelle ich eine große Portion Fish & Chips mit Salat, die ihrem Namen gerecht wird, denn so satt war ich schon lange nicht mehr. Der Preis ist mit 26 NZD recht happig, dürfte aber der Lage an einem Touristenhotspot geschuldet sein. Wie auch immer, zumindest ist das Wasser – ähnlich wie in Amerika – gratis und Trinkgeld ist in Neuseeland ebenfalls unüblich. Somit relativiert sich das Ganze wieder etwas.

Hebebrücke im Hafengelände von Auckland.

Nachdem ich mich noch etwas im Hafengelände aufgehalten habe, kaufe ich ein Ticket für die Fähre nach Devonport, einer Halbinsel nördlich von Auckland. Das Schiff ist gut besetzt und verkehrt im Halbstundentakt von einem Ufer zum anderen. Schon von unterwegs genieße ich einen grandiosen Blick auf die Hochhäuser von Auckland, der später mit einer geplanten Besteigung des Mount Victoria sicher noch einmal übertroffen wird. Zuerst will ich aber eigentlich eine Pause an der Anlegestelle einlegen, als mich eine Frau anspricht. „My name is Mrs. Wang from South Korea“ nuschelt sie in einem völlig unverständlichen Englisch und alles was ich noch mitbekomme ist „May I sit down?“. Ja klar, von mir aus gerne, wenn ich irgendwie weiterhelfen kann. Daraufhin hält sie mir aber plötzlich eine Mappe mit irgendeinem dubiosen Text und Piktogrammen unter die Nase, den ich ihr nachsprechen soll. Der Mensch sei unvollkommen und wenn man diesen Test durchführt ist man vollkommen – oder so ähnlich. Schon 4.515 Menschen hätten mit dieser wissenschaftlichen Sensation zur Vollkommenheit gefunden – na schön, da bin ich aber sicher nicht die Nummer 4.516. Eigentlich höre ich Frau Wang auch gar nicht zu, sondern überlege nur noch, wie ich aus der Nummer möglichst schnell wieder herauskomme. Schließlich löst sich das Problem, indem sie mich fragt, ob ich bereit für diesen Test sei, was ich einfach mit nein beantworte und mich aus dem Staub mache. Frau Wang findet sicher noch irgendeinen Depp, der ihr diesen Mist abkauft.

Unterwegs mit der Fähre nach Devonport.

So mache ich mich auf zum Mount Victoria, den ich nass geschwitzt eine halbe Stunde später erreiche. Auch hier sind wieder recht viele Touristen unterwegs, was angesichts des sehenswerten Panoramas auf Auckland aber auch nicht erstaunt. Dennoch gefällt mir der Blick nicht ganz so gut wie der vom Mount Eden.

Aufstieg zum Mount Victoria.

Zurück in Auckland geht es auf direktem Weg zum Skytower, dem höchsten Fernsehturm der südlichen Hemisphäre. Dank Studentenrabatt geht es etwas günstiger nach oben – die Fahrt im Fahrstuhl ist den Preis aber auf jeden Fall wert. 52 Stockwerke in 40 Sekunden, das geht ordentlich auf die Ohren! Oben angekommen geht es nach einigen Fotos auf der Hauptebene noch zum höchsten Stockwerk mit der Nummer 61, wo sich eine weitere 360°-Verglasung befindet. Hier lege ich eine Pause ein und genieße den Ausblick, bevor es wieder ganz nach unten geht. Dort will mir dann einer der Verkäufer im Souvenir-Shop ein Foto andrehen, das von jedem Fahrgast vor der Fahrt gemacht wird. 35 NZD soll ich dafür zahlen? Ne, danke, für das Geld übernachte ich lieber ein paar Mal mehr auf einem anständigen Campingplatz!

Mit dem Zug geht es schließlich vom Hauptverkehrsknotenpunkt Britomart zurück nach Avondale, wo mir die letzte Nacht auf dem dortigen Campingplatz bevorsteht. Meine Stellplatznachbarn, ein englisches Pärchen, reist ebenfalls morgen ab. Die beiden machen zwei Jahre lang Work & Travel in Neuseeland und sind auf der Suche nach einem Job, weil nach einem Monat Reise durch den Norden des Landes das Geld langsam knapp wird.

Mit ein paar Nudeln und Pesto beschließe ich den anstrengenden Tag und ziehe mich vor Ankunft der Stechmücken in mein Schlafgemach zurück. Morgen steht dann die erste Etappe in Richtung Cape Reinga, dem nördlichsten Punkt der neuseeländischen Nordinsel an, wobei ich zuerst aber noch neue Vorräte einkaufen muss – mal sehen, ob das hier sonntags so ohne Weiteres geht. Unschlüssig bin ich ja immer noch, ob ich mir eine Toilette anschaffen soll, denn die gibt es hier wirklich wie Sand am Meer.

Ausblick vom Mount Victoria auf Auckland.

Auckland aus der Vogelperspektive vom Skytower.

Am Verkehrsknotenpunkt Britomart.

Sonntag, 13. März 2016 – Kitekite Falls und Sonnenuntergang am Baylys Beach

Heute heißt es Abschied nehmen vom Campingplatz in Avondale und der eigentliche Roadtrip kann langsam aber sicher beginnen. Zeitig stehe ich auf, obwohl ich eigentlich gerne noch ein wenig unter der warmen Decke geblieben wäre. Aber der Weg Richtung Norden ist weit, und ich will heute so weit wie möglich vorankommen, um am Montagabend am nördlichsten Punkt der Nordinsel, dem Cape Reinga, zu sein. So fülle ich noch einmal mein Wasserreservoir auf, stecke alle zu ladenden Akkus in den Spannungsumwandler und verabschiede mich in Avondale. Bevor ich den Weg Richtung Sonne antrete, ist für den Vormittag aber noch eine Station westlich von Auckland geplant. In der Bucht von Piha an der Westküste des Landes sind die Kitekite-Wasserfälle ein bekanntes Naturschauspiel, das zahlreiche Touristen anlockt und gleichzeitig auch als Naherholungsgebiet von Auckland gilt. Die Straße nach Piha verläuft zunächst durch die Vororte von Auckland, führt dann aber durch immer ländlicheres Gebiet mit zahlreichen Kurven und Kehren.

Die Bucht von Piha in der Vormittagssonne.

Bei der Einfahrt in die Bucht bietet sich mir ein grandioses Panorama auf die umliegenden Wälder, Klippen und die Tasmansee. Der Parkplatz am Eingang des Kitekite Falls Track ist schnell gefunden und glücklicherweise ergattere ich noch einen letzten Platz im Schatten. Wie schon in Auckland finden sich auch hier überall Hinweisschilder, die davor warnen, Wertsachen im Auto zurückzulassen. Auch wenn Neuseeland im Allgemeinen als sicheres Reiseland gilt, sollte man nicht leichtsinnig werden. Autoeinbrüche und Diebstähle sind gerade an den bekannten Touristenparkplätzen an der Tagesordnung. So nehme ich wie schon an den Vortagen wieder alles Wertvolle im Rucksack mit, auch wenn das Tragen von Kameraausrüstung, Stativ und Laptop nicht gerade angenehm ist.

Kitekite Falls.

Der Weg zu den Wasserfällen ist allerdings konditionell auch nicht besonders fordernd, dafür verläuft er durch einen Wald voller exotischer Pflanzen. Palmen und riesige Baumfarne finden sich ebenfalls am Wegrand. Um die Kauri-Wälder zu schützen, müssen am Eingang des Wanderwegs die Schuhe mit einer Reinigungsflüssigkeit geputzt werden – habe ich so auch noch nicht erlebt! Nach einer halben Stunde erreiche ich schließlich die imposanten Wasserfälle, die hier rund 50 Meter in die Tiefe donnern. Ein idealer Ort, um zum ersten Mal etwas aufwendigere Fotos zu machen, denke ich, und montiere einen Graufilter auf meine Linse. Doch genau in diesem Moment trifft eine Reisegruppe ein, die vor den Wasserfällen schwimmen geht, was meine Ambitionen einer Naturaufnahme gleich wieder zunichtemacht. Geduldig warte ich, bis sich alle am kühlen Nass erfreut haben, als sich plötzlich neben den Wasserfällen jede Menge Kletterer abseilen. Ärgerlich! Nachdem diese dann auch endlich fertig sind, kann ich endlich anfangen, allerdings laufen mir dennoch ständig irgendwelche Leute vor die Kamera, sodass ich am Ende mit nicht ganz zufriedenstellenden Ergebnissen wieder den Rückzug antrete. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz kommen mir unzählige Touristen entgegen. Offenbar lockt das sonntägliche gute Wetter auch die Kiwis für einen Trip ins Grüne.

Aus Piha geht es wieder zurück Richtung Auckland, wo ich aber schon in einem Vorort auf den Northwest-Motorway einbiege und schließlich in Helensville flink in einem Supermarkt die Einkäufe für die nächsten Tage erledige. Dass die Supermärkte sonntags alle ganztags geöffnet sind, scheint in Neuseeland das Selbstverständlichste auf der Welt zu sein. Kurze Zeit später lege ich dann an einem Aussichtspunkt an der Straße eine Mittagsrast ein. Als Unterkunft finde ich auf meiner praktischen Camping-App einen Platz hinter Dargaville, der an der Westküste direkt am Strand liegt. Da der Weg bis dahin aber noch weit ist, beschließe ich, erst einmal zu schauen, wie ich vorankomme und dann gegebenenfalls auch schon früher auf einen anderen Platz zu fahren. Letztlich komme ich dann aber doch bis Dargaville und halte dort zunächst an einem in der Stadt gelegenen Campingareal, wo allerdings niemand an der Rezeption erreichbar ist. So fahre ich schlussendlich doch noch ein Stück weiter bis zum Baylys Beach, wo ich einen Stellplatz für eine Nacht buchen kann. Die Chefin erzählt mir, dass es bis zum Strand nur wenige Minuten zu Fuß seien, und dass die Aussicht von den dortigen Klippen wunderschön sei. So entschließe ich mich dazu, schnell etwas zu Abend zu essen, bevor ich gesättigt in Richtung Strand aufbreche. Leider habe ich mehr und mehr Probleme mit einer Blase am Fuß, die ich mir gestern in Auckland gelaufen habe. Schon gestern habe ich mir ein paar Socken damit vollgeblutet und auch heute sieht es trotz Blasenpflaster nicht viel besser aus.

Auf dem Weg in Richtung Norden durchquere ich malerische Landschaften.

Die Strapazen werden dann aber mit einem grandiosen Sonnenuntergang belohnt. Rund 60 Meter über dem Strand genieße ich den Ausblick auf die schroffen Klippen um mich herum und auf die zahlreichen Leute, die weiter unten am Strand dem Sonnenuntergang beiwohnen – ein schönes Erlebnis, auch wenn ich mir zum Fotografieren noch ein paar Wolken gewünscht hätte.

Sonnenuntergang am Baylys Beach.

Panoramaaufnahme des Sonnenuntergangs am Baylys Beach.

Der klare Himmel wird mir dann aber kurze Zeit später noch zum Geschenk, als ich bei Dunkelheit zu den Duschen laufe. Über mir leuchtet die Milchstraße, und das, obwohl hier ringsherum jede Menge Straßenlaternen brennen und auch der Mond noch nicht untergegangen ist. Aufnahmen von der Milchstraße sind einer der Hauptgründe meiner Reise nach Neuseeland, aber geplant habe ich sie eigentlich mehrheitlich auf der Südinsel im Gebirge. Doch auch hier im Norden ist der Anblick atemberaubend. So mache ich spontan auf dem Campingplatz noch ein paar Aufnahmen in Richtung des galaktischen Zentrums.

Die Milchstraße leuchtet über dem Campingplatz am Baylys Beach.

Montag, 14. März 2016 – Cape Reinga

Obwohl ich nach den Aufnahmen von der Milchstraße, Tagebuch schreiben und der Bearbeitung einiger Fotos erst gegen Mitternacht ins Bett gehe, stehe ich am nächsten Morgen schon früh wieder auf, da ich endlich die ersten Texte und Fotos auf meinen Blog stellen möchte. Eigentlich sollte dafür auch das mobile Internet von meiner Prepaid-SIM-Karte ausreichen, aber der Netzbetreiber erlaubt kein Tethering, sodass ich mein Handy nicht als WLAN-Hotspot nutzen kann – sehr ärgerlich, denn dafür hatte ich mir die Karten extra besorgt. Für 2 NZD gönne ich mir daher sage und schreibe 250 MB WLAN auf dem Campingplatz, die ich nun noch aufbrauchen will. Bei der Abfahrt gegen 10 Uhr fülle ich noch einmal den Wassertank auf und verarzte meine inzwischen leider etwas entzündete Blase am Fuß. Irgendwo unterwegs will ich dann noch in einer Apotheke vorbeischauen und mir für alle Fälle ein Desinfektionsmittel und eine Salbe besorgen.

Straße in Richtung Cape Reinga, der nördlichste Punkt der neuseeländischen Nordinsel.

Von Baylys Beach geht es in der Folge über kurvenreiche Straßen immer weiter nach Norden – oder besser gesagt in Richtung Äquator, denn „Norden“ klingt für einen Mitteleuropäer ja irgendwie so gar nicht nach warmen und sonnigen Gefilden. Nach einer langen Fahrt mit kurzer Mittagsrast zwischendurch erreiche ich schließlich Kaitaia, wo ich die ersehnte Apotheke ansteuere. Dank meiner Offline-Navigation auf dem Handy ist das glücklicherweise kein Problem – mit Online-Navigations-Apps kommt man in Neuseeland aufgrund der schlechten Netzabdeckung nämlich nicht weit. Nach einem ersten Tankstopp in Awanui, der letzten größeren Stadt vor dem „Nordkap“ Cape Reinga, geht es über unzählige Kilometer und ebenso viele Kurven und Kehren schlussendlich zum Parkplatz am nördlichsten Leuchtturm Neuseelands. Da mein rechter Fuß schon beim Anziehen der Wanderschuhe schmerzt, geht es stattdessen in Flip-Flops den gut ausgebauten Weg zum Leuchtturm hinunter. Dort genieße ich bei äußerst windigen Bedingungen einen großartigen Blick auf die endlos erscheinende Tasmansee und den Pazifik, die hier an diese Stelle ineinander übergehen.

Ausblick vom Cape Reinga auf die Tasmansee und den Pazifik.

Einige Minuten sehe ich der atemberaubenden Szenerie zu und höre das Rauschen der Wellen, die rund 100 Meter weiter unterhalb gegen die schroffen Felsen klatschen. Eigentlich ein unwirtlicher Ort, und gerade deshalb irgendwie faszinierend, trotz der überaus gut ausgebauten Infrastruktur. Dieser Punkt ist mir in der Zwischenzeit schon häufiger in Neuseeland aufgefallen. Die Natur ist zwar absolut einmalig, aber irgendwie ist zumindest hier im Norden alles derart auf den Tourismus eingestellt, dass man sich bei den ganzen Reglementierungen eher so vorkommt, als wenn man zwischen sich und der Natur noch eine Art Schaufenster hätte.

Leuchtturm und Wegweiser am Cape Reinga.

Richtig natürlich wird es dagegen am Nachmittag, als ich den Tapotupotu Campground ansteuere, Neuseelands nördlichsten Campingplatz. Dieser wird von der Umweltbehörde Department of Conservation (DOC) betrieben und ist lediglich mit einfachsten sanitären Anlagen ausgestattet. Dafür liegt er direkt malerisch an einer Bucht an der Pazifikküste und ist nur über eine spektakuläre, enge Schotterstraße erreichbar. In meinen Mietwagenbedingungen steht eigentlich, dass ich nicht auf Schotterstraßen fahren darf, außer bei einem „reasonable amount to public campgrounds“. Zwei Kilometer sehe ich mal noch als „reasonable“ an, zumal ich ohenhin nicht ganz nachvollziehen kann, wo nun genau der Unterschied zwischen einer gut ausgebauten Schotterstraße und einem unbefestigten Campingstellplatz auf einer Wiese sein soll, die ich ja logischerweise auch befahren darf.

Die malerisch gelegene Tapotupotu-Bucht samt Campingplatz.

Nicht einmal Handyempfang gibt es hier unten in der Bucht, wie ich bei der Ankunft feststelle – jetzt bin ich also wirklich in der Natur angelangt! Der schon gut besetzte Platz liegt in der Nachmittagssonne, Möwen kreischen auf den umliegenden Wiesen und aus dem Kofferraum heraus sehe ich den Pazifik – und das alles für gerade einmal 6 NZD! Dafür gibt es zwar nur kalte Duschen und eine Trockentoilette, aber mehr benötige ich auch überhaupt nicht. Gegen Abend füllt sich der Platz dann immer weiter und so stehen die Camper dicht an dicht gedrängt, als ich mir gegen 18.30 Uhr mein Abendessen zubereite. Heute Abend gibt es Hühnchensteaks, die ich eigentlich schon gestern braten wollte, aber zugunsten des Sonnenuntergangs dann doch im Kühlschrank gelassen habe.

Nach dem Essen ist es auch schon schnell wieder dunkel, sodass ich mich vor den Stechmücken retten will, aber auch heute bin ich wieder nicht ganz erfolgreich. So verzichte ich darauf, noch ausgiebig Fotos zu bearbeiten und lösche alle vorhandenen Lichtquellen, um halbwegs ruhig schlafen zu können.

Dienstag, 15. März 2016 – 90 Mile Beach & Bay of Islands

Oberhalb der Bucht von Tapotupotu.

Eigentlich habe ich mir erhofft, an diesem Morgen ein paar Sonnenaufgangsfotos in der Bucht von Tapotupotu zu machen, aber dann ist mir aufgefallen, dass das Meer doch eher in Richtung Norden liegt, auch wenn ich mich hier an der Ostküste befinde. Als ich aufstehe, hat es ohnehin relativ dichte Wolken. So lasse ich es gemütlich angehen und überlege, ob ich noch ein wenig bleiben soll. Mit dem 10-Uhr-Checkout werden die das hier wohl nicht so ganz ernst nehmen, wo das Bezahlen per Einwurf in einen Briefkasten sowieso auf Vertrauensbasis funktioniert. Tja, denkste. Um Punkt 10 Uhr kommt natürlich ein Campingwart vorbei und sorgt für Ordnung. So packe ich meine Sachen schnell zusammen und mache mich wieder über die steile Schotterstraße auf den Weg zurück. Am Ausgang des Campingplatzes stoße ich dann auch auf die Duschen, die ich gestern im Dunkeln nicht gefunden habe. Aber egal, dann gibt es halt erst heute Abend die nächste Erfrischung.

Kilometermäßig ist für den heutigen Tag nicht allzu viel geplant, da ich endlich einmal etwas früher am nächsten Campingplatz ankommen will, um meine Fotos zu ordnen und zu bearbeiten. Zunächst geht es auf dem gleichen Weg wie am Vortag zurück, bis ich kurz hinter dem Örtchen Pukenui nach rechts abbiege, wo ein Wegweiser Richtung 90 Mile Beach meine Aufmerksamkeit erlangt. Der 90 Mile Beach ist ein schier endlos erscheinender Strand, über den eine offizielle Straße von Nord nach Süd führt. Diese darf ich zwar mit meinem Fahrzeug nicht fahren, da gemäß Berichten im Internet schon des Öfteren Touristen dort im wahrsten Sinne des Wortes „gestrandet“ sind, aber zumindest bis zum Strand hin sollte es kein Problem sein.

Nach wenigen Kilometern endet allerdings die asphaltierte Straße und geht in eine halb weggespülte Schotterpiste über, sodass ich lieber wende und nach anderen interessanten Zielen am Wegrand Ausschau halte. Zum ersten Mal seit Tagen regnet es auch wieder, allerdings nur unregelmäßig und kurzzeitig, und kurz vor Awanui scheint bereits wieder die Sonne. Dort entdecke ich dann abermals einen Wegweiser Richtung 90 Mile Beach und diesmal komme ich auch tatsächlich am Strand an.

Zu meinem Erstaunen ist entlang dieser „Straße“ tatsächlich ein für neuseeländische Verhältnisse ungeheurer Betrieb. Touristen sind dafür nur wenige auszumachen und so lege ich auf einem fast leeren Parkplatz hinter einer Sanddüne eine kleine Mittagsrast ein. Irgendwie muss ich endlich einmal das grauenhaft schmeckende Toastbrot aufbrauchen, das ich mir fälschlicherweise im Supermarkt gekauft habe.

Am 90 Mile Beach, mitten auf der „Straße“.

„Ich habe dich im Auge!“ – Vögel am 90 Mile Beach.

Je nach Sichtweise der Anfang oder das Ende der Straße über den 90 Mile Beach.

In Awanui biege ich schließlich nach links in Richtung Ostküste ab, wo ich noch bis zur Bay of Islands fahren will. Diese Bucht zählt zu den beliebtesten Urlaubsregionen in Neuseeland mit zahlreichen Stränden und einer breiten Palette an Freizeitaktivitäten. Die Strecke dorthin ist landschaftlich mal wieder nicht unbedingt eintönig, aber doch wenig abwechslungsreich, wie das schon auf der Hinfahrt weiter westlich der Fall war. Es reiht sich Kurve an Kurve, Kuppe an Senke und Farm an Farm. Eigentlich will ich unterwegs öfters einmal für ein Foto anhalten, aber die wenigen Haltebuchten liegen alle so unglücklich, dass man von dort nur Bäume oder Stromleitungen im Bild hat.

In der Nähe von Kerikeri fahre ich dann noch zu einem kleinen Park, wo kurioserweise jede Menge krähende Hähne über den Parkplatz laufen. Der Park erinnert an einen englischen Garten mit jeder Menge Enten und anderer Vögel. Die aufziehenden Regenwolken und die schwülheiße Luft veranlassen mich dann aber zu einer zügigen Weiterfahrt nach Paihia. So wahnsinnig vom Hocker reißt mich diese Region irgendwie nicht.

Strand nahe Awanui.

Auf dem Weg nach Paihia nehmen die Wolken zu.

Hinter Paihia erreiche ich wie geplant einen Campingplatz direkt am Meeresufer. Nicht so schön preiswert wie gestern, dafür gibt es aber wieder warme Duschen und normale Toiletten. Und – man höre und staune – unbegrenzt freies WLAN. Das ist hierzulande so außergewöhnlich, dass es schon an der Straße mit einem großen Schild beworben wird. Funktionieren tut es dann allerdings mehr schlecht als recht, aber immerhin kann ich ein paar E-Mails versenden und meinen Blog aktualisieren. Mit dem Hochladen neuer Fotos habe ich allerdings keinen wirklichen Erfolg. Für acht Megabyte dauert der Upload über drei Stunden.

Auch mit dem Kochen klappt diesmal nicht alles reibungslos, denn während ich Kartoffeln für ein Bauernomelett zubereite, segnet die Gaskartusche das Zeitliche und beim Wechseln verklemmt sich die Öffnung der neuen Flasche, sodass eine große Menge flüssiges Butan ausläuft. Nach eineinhalb Stunden ist das Essen dann endlich fertig, aber damit wieder viel zu spät, denn wieder schaffe ich es nicht vor Einbruch der Dunkelheit, alle Türen vom Camper zu schließen. So besteht meine abendliche Aufgabe erneut darin, auf Stechmückenjagd zu gehen.

Mittwoch, 16. März 2016 – Einöde an der Pazifikküste

Am Morgen werde ich diesmal ausnahmsweise nicht von Sonnenstrahlen geweckt, sondern von einer Entenfamilie, die laut quakend über den Campingplatz marschiert. Auch die Nacht durch war es durchwegs laut, einerseits wegen einiger anderer Campinggäste und andererseits wegen eines Baumes, unter dem mein Camper stand, da dieser regelmäßig irgendwelche Früchte oder Nüsse abgeworfen hat, die dann auf das Autodach gefallen sind. So nehme ich noch einmal die bislang modernsten und saubersten sanitären Anlagen auf meiner Reise in Anspruch, ehe ich mich von Paihia verabschiede und in Richtung Russell aufbreche. Der Ort liegt auf einer Halbinsel im Bereich der Bay of Islands und ist von Paihia aus nur über eine regelmäßig verkehrende Fähre zu erreichen. Für Fußgänger gibt es die Möglichkeit einer Direktverbindung, Autofahrer nehmen die Überfahrt von Opua nach Okiato in Anspruch. Am Fährterminal angelangt stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass laut einer großen Tafel die Tickets für die Fähre nicht etwa auf dem Schiff selbst oder an einem Schalter verkauft werden, sondern im nahegelegenen Tante-Emma-Laden. „Die machen sich das Leben aber echt schwer hier“, denke ich noch, als mir Tante Emma höchstpersönlich dann erzählt, dass man die Tickets heute ausnahmsweise doch auf der Fähre erhält und nicht hier im Laden. Na toll, und dafür bin ich jetzt extra hier herumgeeiert und habe ewig nach einem Parkplatz gesucht!

Segelboote in der Bay of Islands in der Nähe von Okiato.

So stelle ich mich also wieder in die Schlange der wartenden Autos und befahre kurze Zeit später die kleine Fähre, die etwa 15 Fahrzeugen Platz bietet. 12,50 NZD kostet die einfache Überfahrt. Den Rückweg benötige ich nicht, da es nach Süden eine Straße Richtung Whangarei gibt. Von Okiato mache ich noch einen kurzen Abstecher nach Russell, aber wirklich lohnend ist der Weg trotz des schönen Wetters nicht, da die Ausblicke von der Straße recht unspektakulär sind. Spannender wird es dafür auf dem Weg nach Whangarei, der größten neuseeländischen Stadt nördlich von Auckland. Die Straße von Russell nach Whangarei ist eine Route, die scheinbar von niemandem genutzt wird, denn teilweise kommt mir über 20 Minuten lang kein einziges Auto entgegen. Kein Wunder eigentlich, wenn man bedenkt, dass es entlang dieser kurvenreichen Straße keine wirklichen Dörfer gibt, sondern nur ganz vereinzelt ein paar Häuser. Das Leben scheint sich hier hauptsächlich weiter im Landesinneren abzuspielen. Der Kontrast zur belebten und touristisch bestens erschlossenen Bay of Islands könnte nicht größer sein. Landschaftlich ist die Gegend allerdings eine Wucht, denn immer wieder führt die Straße ganz nah an den schroffen Klippen der Pazifikküste vorbei. Es bietet sich mir mit den tief unter mir an die Felsen schlagenden Wellen ein gewaltiges Naturschauspiel, und ich kann gar nicht oft genug für ein Foto anhalten. Im Gegensatz zu vielen anderen neuseeländischen Straßen gibt es hier auch immer wieder Buchten, die sich für einen kurzen Zwischenstopp eignen.

An der dünn besiedelten, rauen Pazifikküste.

Irgendwann auf meiner Fahrt stoße ich auf eine etwa einen Kilometer lange Baustelle, bei der der Straßenbelag erneuert wird. Was mir in den letzten Tagen schon mehrmals aufgefallen ist, der Straßenbau in Neuseeland ähnelt stark demjenigen in Frankreich. Eine feste Unterlage gibt es meist gar nicht, stattdessen wird der Boden etwas begradigt und dann eine gehörige Ladung Rollsplitt verteilt, was zu einer rauen und damit beim Fahren ungewöhnlich lauten Oberfläche führt. Erschwerend kommt bei dieser Baustelle hinzu, dass gerade der Belag mit Zement gefestigt wurde, weswegen am Ende der Baustelle ein Schild angebracht ist, man solle doch auf jeden Fall heute noch sein Auto reinigen, um Schäden am Lack zu vermeiden. Irgendwie sind die Kiwis (Achtung, Wortspiel) ja schon lustige Vögel!

Nach rund eineinhalb Stunden Fahrt taucht mitten im Nirgendwo plötzlich ein Wegweiser mit der Aufschrift „Oakura“ auf. Auf den Namen bin ich irgendwo schon einmal bei meinen Planungen gestoßen, sodass ich kurzerhand abbiege und rund einen Kilometer nach Osten fahre, wo ich mit einem prächtigen Blick auf eine kleine Bucht mit Sandstrand belohnt werde. Da sich gerade neben der Straße ein größeres, schattiges Picknick-Areal befindet, beschließe ich, meine Mittagsrast einzulegen und endlich den Rest des grauenhaften Toastbrots zu vernichten. Auch wenn mir auf dem Weg nach Oakura einige Autos mehr begegnet sind als in den Stunden zuvor, wirkt der ganze Ort wie ausgestorben. Der Strand ist leergefegt, die öffentlichen Toiletten sind „out of order“ und ein paar Möwen sind die einzigen auszumachenden Lebewesen neben mir. Irgendwie schon seltsam, dass sich hierher um diese Jahreszeit niemand mehr verirrt, denn im Hochsommer scheint deutlich mehr Betrieb zu sein – zumindest erweckt die vorhandene Infrastruktur diesen Eindruck. Aber mir soll es Recht sein!

Mittagspause in Oakura.

Gegen 14 Uhr breche ich wieder auf und mache mich über eine nun etwas besser frequentierte Straße auf nach Whangarei, wo ich je nach Zeit noch einen Abstecher an die Küste einlegen will, bevor es zum nächsten Campingplatz gehen soll. Kurz vor dem Ortseingang stoße ich aber auf ein Hinweisschild, welches mich zu den Whangarei-Wasserfällen führt. Auf diese bin ich während meiner Planungen nicht gestoßen, aber da das Ganze recht interessant klingt, setze ich den Blinker und schaue mir die Sache einmal von nahem an. Und tatsächlich, die Wasserfälle sind wirklich sehenswert. Bei dem bewölkten Himmel bietet es sich zudem an, den Graufilter einzupacken und ein paar Langzeitbelichtungen zu machen, was mir in Piha bei den Kitekite Falls ja nur sehr eingeschränkt gelungen ist. Das Areal am Fuße des Wasserfalls ist wesentlich weitläufiger als in Piha, sodass ich diesmal einige schöne Aufnahmen anfertigen kann, bevor es wieder zurück zum Auto geht.

Wasserfälle in Whangarei.

Kurze Zeit später beginnt es wie aus Eimern zu schütten, was mich einerseits freut, denn dadurch wird das Auto endlich vom ganzen Staub der letzten Tage befreit, andererseits kommen aber Zweifel auf, ob ich wirklich wie geplant für eine Wanderung noch nach Whangarei Heads und weiter zum Ocean Beach fahren soll. Nachdem der Regen aber schnell wieder nachlässt, siegt dann doch die Neugier und etwa 40 Minuten später sowie nach dem Passieren zahlreicher kleinerer Buchten stehe ich wieder einmal an der Pazifikküste. Der Ausblick ist allerdings doch nicht ganz so interessant wie erhofft. Bei meinen Planungen hatte ich eigentlich einen nahegelegenen Berg im Visier, von dem sich sicher eine bessere Sicht bieten würde, aber nachdem ich wegen meiner Blase immer noch nicht wieder schmerzfrei in meinen Wanderschuhen laufen kann und zudem das Wetter nach wie vor unbeständig ist, verzichte ich auf eine Besteigung.

Wechselhaftes Schauerwetter begleitet mich auf dem Weg nach Süden.

So breche ich zu meinem Domizil für die Nacht auf, dem DOC-Campingplatz am Uretiti Beach, südlich von Whangarei, den ich gegen 17.30 Uhr erreiche. Laut der Neuseeland-Camping-App ist der Platz im Hochsommer regelrecht überlaufen, doch heute sind nur wenige der 300 Stellplätze belegt. Der Platz liegt in einem riesigen Areal direkt in den Dünen an der Pazifikküste und bietet wie die meisten DOC-Campingplätze nur minimale sanitäre Anlagen in Form von Trockentoiletten und kalten Duschen. Da die Rezeption erst ab 18 Uhr geöffnet ist, muss ich noch kurz warten, werde aber kurze Zeit später freundlich empfangen und registriere mein Fahrzeug für eine Nacht. Leider regnet es immer noch, sodass ich nach der Suche nach einem geeigneten Stellplatz überlege, wie ich am besten kochen kann, ohne nass zu werden. Denn meinen Gaskocher kann ich nur bei offener Heckklappe bedienen. Nach einiger Zeit hat der Himmel aber doch noch Erbarmen, sodass ich mir endlich einmal mein Gemüse zubereiten kann, das schon seit Tagen in dem kleinen Staufach im Kofferraum herumliegt. Zu den gebratenen Tomaten und Paprika gibt es noch den vorhandenen Rest Hühnerbrust und fertig ist das Abendessen – und zum ersten Mal seit Tagen bin ich dann auch vor Einbruch der Dunkelheit mit allen Aufräumarbeiten fertig.