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Die Unternehmensberaterin Lena Keller kündigt auf der Stelle, als sie erfährt, dass sie erneut nicht zur Partnerin in ihrer Firma befördert worden ist. Aber was nun? Eigentlich möchte sie so rasch wie möglich zurück ins Business, nur das haut mit einem Mal nicht mehr hin. Um der Leere zu entkommen, nimmt sie die Einladung ihrer Freundin Joelle an, das Haus deren kürzlich verstorbenen Tante auf dem Land zu räumen. Zudem ist ihr Bruder Thomas heilfroh, dass Lena die Familienhündin hütet, während er mit seiner Familie in die USA reist. Aber schon bald ist es mit der Ruhe vorbei. Lena kriegt unerwartet Besuch, muss als Hundemutti einspringen und dann kreuzt auch noch ihr ehemaliger Vorgesetzter und Liebhaber aus der Firma wieder auf: mit einem unglaublichen Jobangebot.
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Seitenzahl: 736
Veröffentlichungsjahr: 2020
Zum Buch
Der Roman spielt in den Jahren 2011/2012 und erzählt die Geschichte von Lena Keller, die in einer Affekthandlung aus ihrer Karriere aussteigt. Er spielt in Zürich und im Toggenburg, in der Schweiz. Die Handlung ist frei erfunden. Übereinstimmungen mit lebenden Personen sind zufällig.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Epilog
Die Lifttüren öffneten sich geräuschlos. Lena trat ein und drückte die Taste vier: Chefetage bei Mancuso & Partners. Ihr Herz pochte bis zum Hals. Gleich würde sie da sein. Andrea, die Assistentin des CEO, hatte sie am Morgen angerufen und ihr für den Nachmittag einen Termin beim Chef gegeben. Genau so war es gewesen, als Stephan befördert worden war. Die letzten Jahre hatte sie vergeblich auf ein Beförderungsgespräch gewartet. Erst am Mitarbeitergespräch hatte sie jeweils erfahren, weshalb es noch immer zu früh sei für eine Aufnahme als Partnerin in die Unternehmung. Die Lifttüren öffneten sich und gaben die Sicht auf einen tiefblauen, samtenen Teppich frei, der das Klackern eines jeden Absatzes schluckte. Sollte sich ihr endlich diejenige Welt erschließen, von der sie schon so lange geträumt hatte? Sie klopfte und trat in Andreas Büro ein.
«Hallo Lena.» Andrea drückte auf einen Knopf am Telefon. «Lena ist da.»
«Partnerin bei Mancuso & Partners Unternehmensberatung»: die magischen Worte, die sie gesellschaftlich endlich dahin bringen würden, wo sie schon lange hingehörte. Sie versuchte, in ihrem Kopf Sätze zu formulieren, die sie sagen würde, wenn Hannes ihr die Beförderung mitteilte. Sie würde die Überraschte mimen, keine Frage. Aber auch ein bisschen cool bleiben. Sie sollten nicht denken, dass sie darauf gewartet hatte. Sie räusperte sich und setzte ein ernstes Gesicht auf. Dann öffnete sich die Tür.
Als sie in das Büro des CEO trat, stellte sie überrascht fest, dass er nicht allein war. Es waren noch zwei Partner anwesend, einer davon war Stephan, ihr Vorgesetzter und Beratungsgruppenleiter. Was will denn der hier, schoss es ihr durch den Kopf. Er sah irgendwie schuldbewusst aus und vermied den Augenkontakt mit ihr. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie anfangs Woche wieder einmal eines ihrer gelegentlichen Tête-à-Têtes über Mittag abgehalten hatten. Sie blieb stehen, bis ihr Hannes einen Stuhl zuwies. Er räusperte sich und setzte sich umständlich gerade hin. «Lena, du weißt ja, dass wir zurzeit am Kämpfen sind, um unseren Hauptkunden nicht zu verlieren.»
Klar wusste sie das. Aber was hatte das mit ihrer Beförderung zu tun? «Die Zeiten sind schwierig. Und wie mir Stephan berichtet hat, hast du dich wirklich enorm angestrengt und deinen Teil dazu beigetragen, dass wir dieses Jahr dennoch erfolgreich abschließen können.» Er machte eine Pause. «Aber wir hinken insgesamt der Konkurrenz hinterher. Wir werden uns gewaltig anstrengen müssen, damit wir unsere Stellung als Marktleader halten können. Wir müssen Opfer bringen, alle zusammen.» Hannes, der CEO, redete und redete. Sie bekam nur noch Gesprächsfetzen mit von dem, was er sagte. Lena fühlte sich, als würde der Boden unter ihr wegrollen. Sie war ein Gepäckstück auf dem Förderband, unterwegs zu einem falschen Gate.
«Deshalb haben wir uns dafür entschieden, dieses Jahr bis auf eine Ausnahme keine weiteren Partner aufzunehmen.» Lena richtete sich gerade auf. «Und das heißt?», fragte sie. «Das heißt, wir können dir dieses Jahr keine Partnerschaft anbieten, obwohl du gut gearbeitet hast.» Lena schwieg, ihr blieb die Luft weg. Sie presste die Lippen aufeinander und versuchte, die Fassung zu bewahren. Das Schlimmste war, dass sie sich derart verschätzt hatte.
«Du hast von einer Ausnahme gesprochen.»
Hannes schaute unangenehm berührt zu seinen beiden Partnern hinüber.
«Das tut doch jetzt nichts zur Sache.»
«Doch. Ich möchte wissen, wer die Ausnahme ist und weshalb.»
«Romer. Er hat den höchsten Umsatz gemacht und wir müssen junge Kräfte nachziehen, bevor sie abspringen. Du hast den zweithöchsten Umsatz, aber wie gesagt, er ist ein Jungspund und…»
Lena nickte. «Romer. Ja, klar.» Romers Vater besaß eine eigene Firma und verfügte über ein gutes Beziehungsnetz, zu dem der Sohn Zugang hatte. So etwas ließen sie sich natürlich nicht entgehen, auch wenn Romer noch keine vierzehn Monate bei Mancuso war.
«Ok. War’s das?»
Hannes nickte. «Es tut mir wirklich leid, Lena. Nächstes Jahr…»
«Für mich wird es kein nächstes Jahr geben, Hannes», unterbrach sie ihn kühl und stand auf. «So, wie es ausschaut, kann diese Firma in Zukunft gut auf meinen Beitrag verzichten. Ich kündige hiermit. Ihr findet doch sicher noch einen weiteren engagierten Juniorberater, der froh ist, wenn er meine Mandate erben und sich so richtig ins Zeug legen kann.» Sie drehte sich um, lief zur Tür und schloss diese hinter sich, ohne sich nochmals umzudrehen.
Sie ging mit kurzem Gruß an Andrea vorbei, lief den gleichen Korridor wieder zurück, mit den Tränen kämpfend. Hinter ihr erklangen eilige Schritte. Ohne sich umzuschauen, wusste sie, dass es Stephan war. Er holte sie ein und fasste sie an der Schulter, aber sie riss sich los. «Was zum Teufel soll denn das werden? Bist du verrückt geworden?»
«Lass mich los! Ihr habt mich jetzt lange genug hingehalten», fauchte sie. «Ich bin nicht mehr bereit, auch nur einen Tag mehr für diese Firma zu arbeiten!» Sie ließ Stephan stehen und ging zurück in ihr Büro. Mit zittrigen Händen packte sie ihre Sachen zusammen und bestellte ein Taxi. Dann riss sie sich zusammen, trat aus ihrem Büro heraus und machte sich mit einem Karton unter dem Arm in Richtung Ausgang davon. Sie spürte die Blicke der Assistentinnen auf ihrem Rücken. Am Empfang nahm sie den Praktikanten wahr, der verlegen an einem Kugelschreiber drehte, als sie vorbeistapfte.
Als Lena die Haustür hinter sich abgeschlossen und den Karton auf den Boden gestellt hatte, ging sie in ihr Schlafzimmer, kickte die Pumps weg und legte sich aufs Bett. In Gedanken sah sie sich dort liegen und beobachtete verwundert, was mit ihr geschah. Passierte das wirklich gerade mit ihr oder war sie etwa krank? Was war nur mit diesem Tag los? Und wie kam es, dass sie bei Mancuso nach acht Jahren harter Arbeit und guten Resultaten einfach nicht mehr weiterkam? Sie wusste, dass sie nicht einfach ihre Arbeitsstelle hätte verlassen dürfen. Und ihre mündliche Kündigung machte die Sache nur noch schlimmer. Aber daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie kuschelte sich in ihre Bettdecke und lag in Embryostellung da, vollkommen leer. Ihre Gedanken wurden wirr, traumähnlich. Sie ließ es geschehen. Lange, nachdem es dunkel geworden war, erwachte sie, ging aufs Klo, schminkte sich ab und schlüpfte in ihren Pyjama. Ihr Handy klingelte, aber sie ging nicht ran.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war es im Haus mäuschenstill. Erst nach einer Weile wurde ihr klar, dass sie nicht zur Arbeit gehen musste. Sie hatte mündlich gekündigt und nach ihrem abrupten Abgang von gestern würden sie sie freistellen. Schamgefühle stiegen in ihr auf, als sie sich an die Ereignisse vom Vortag erinnerte. Langsam stand sie auf, ging in die Küche und machte sich einen Latte Macchiato. Sie nahm ihn mit ins Bad, duschte ausgiebig, schlüpfte in eine Trainingshose und zog sich ein T-Shirt über. Dann legte sie sich wieder aufs Bett. Die Vorhänge waren gezogen, das Zimmer lag im Halbdunkel. Das Fenster war offen. Alltagsgeräusche drangen von der Straße hinauf. Es war ein ganz normaler, sonniger Tag an der Schwelle vom Frühling zum Sommer. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal um diese Tageszeit in ihrer Wohnung gewesen war. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Vor ihrem geistigen Auge spielte sich Mal für Mal die Szene des Treffens mit dem CEO und seinen Partnern ab. Nach jeder Szene schien eine unsichtbare Hand die Wiederholungstaste zu drücken. Sie konnte es gar noch nicht richtig fassen. Sie würde nicht Partnerin in einer der renommiertesten Unternehmensberatungen werden. Wie hatte sie nur annehmen können, sie sei am Ziel? Ihr Magen zog sich zusammen, wenn sie an den Moment zurückdachte, an dem sie es gemerkt hatte. Und Stephan war dabei gewesen und hatte zugeschaut. Welche Erniedrigung! Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Irgendwann musste sie wieder eingeschlafen sein. Es war schon spät am Nachmittag, als sie wieder aufwachte. Sie fühlte sich erschöpft. In ihrem Alltag war bisher kein Platz für Erschöpfungsgefühle gewesen. Sie hatte jeweils einfach einen Kaffee mehr getrunken, einen Energydrink genommen und nochmals eine Vitamintablette mehr eingeworfen.
Sie ging in die Küche und trank zwei Glas Wasser. Dann nahm sie eine Schmerztablette auf nüchternen Magen. Sie konnte jetzt nicht essen. Sie nahm ihr Handy. Stephan hatte ihr am Vorabend geschrieben, ob das wirklich ihr Ernst sei. Dieser Idiot!
Hannes hatte sich nicht gemeldet. Sie öffnete ihren Mailaccount, aber die Verbindung zum Server kam nicht zustande. Sie fluchte. Natürlich. Sie hatten ihr Mailkonto bereits gekappt. Sie war freigestellt. Genau wie damals bei Jürgen. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ihr Beraterkollege Jürgen kurz vor der Scheidung das Gespräch mit der Geschäftsleitung gesucht wegen der vielen Überstunden, die es kaum zuließen, ein Familienleben zu führen. Schließlich hatte er gekündigt. Noch am selben Tag war er freigestellt worden und hatte jegliche Verbindung zu seinen Arbeitskollegen umgehend abbrechen müssen. Wer Kritik an den Arbeitsmethoden oder dem Pensum übte, wurde früher oder später abserviert. Bei ihr war es noch schlimmer. Sie hatte sich gleich selber abserviert. Es gab keine Entschuldigung für ihr Benehmen. Es diente höchstens als Beweis dafür, dass sie tatsächlich keine gute Partnerin abgegeben hätte.
Lena versuchte sich zusammenzureißen und nicht gleich wieder loszuheulen. Irgendwie würde es weitergehen. Sie war immer wieder mit schwierigen Situationen konfrontiert gewesen. Der dauernde Zeitdruck, unter dem sie gestanden hatte. Wie oft hatte sie noch eine Sitzung mehr eingeschoben oder in einer Nachtschicht ein dringend benötigtes Konzept verfasst. Aber jetzt war genau das Gegenteil der Fall. Alle ihre Termine und Beschäftigungen waren weg. Nervös fuhr sie sich durch die Haare. In ihrem Zustand wollte sie nicht unter Leute gehen. Sie nahm ihr Notebook und surfte ziellos darauf herum. Vielleicht war es Zeit für einen Ratgeber. Sie suchte eine Weile und gab dann auf. Die Ratgeberliteratur konzentrierte sich auf diejenigen, die ihren Job ohne Verschulden verloren hatten. Die Zielgruppe der Menschen, die aus einem Affekt heraus kündigten und dann Unterstützung suchten, musste mikroskopisch klein sein.
Die nächsten Stunden verbrachte Lena vor dem Fernseher. Sie pflügte sich durch sämtliche Vorabendprogramme, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Mit einem Mal verspürte sie Hunger. Aber ihr Kühlschrank gab außer einer vertrockneten Zwiebel und einem halben Liter Milch nichts her. Sie bestellte sich eine Pizza und der Verkäufer schwatzte ihr auch noch die Nachspeise des Hauses und eine Flasche Wein auf. Eine halbe Stunde später aß sie eine Pizza Diavola direkt aus dem Karton und trank dazu die Flasche Wein leer. Dann verputzte sie ungerührt die Nachspeise, während sie halbherzig eine Talkshow verfolgte. So fühlte man sich also als Erwerbslose. Es war völlig egal, ob sie sich schlafen legte oder nicht. Es wartete ja sowieso niemand auf sie. Als sie sich ins Bett legte, war es nach Mitternacht. Sie merkte, wie sich alles um sie drehte. So weit war es also schon. Sie trank eine Flasche Wein im Alleingang und wunderte sich, dass sie betrunken war. Dann schlief sie ein.
Am nächsten Morgen erwachte sie mit einem höllischen Kopfweh. Sie wankte ins Bad und durchforstete alle Schränke, bis sie eine Schachtel Alka-Seltzer fand. Sie nahm sicherheitshalber gleich zwei. Sie ließ sich einen doppelten Espresso heraus und trank diesen ohne Milch und Zucker. Dann stellte sie sich unter die Dusche. Und dieses Mal ließ sie das Wasser zwischendurch auch kalt laufen. Sie, die erfahrene Beraterin von Mancuso & Partners, welche schon etlichen Kunden neue Firmenstrategien entwickelt und verkauft hatte, war abgestürzt. Hatte keinen Boden mehr unter den Füßen. Sie fühlte sich mies und wertlos. Und das nach einem Tag weg vom Job. Trotzig marschierte sie zum Kleiderschrank und zog ein Business-Outfit hervor. Sie durfte sich nicht gehen lassen. Sie legte Make-up auf und schminkte sich dezent. Sie würde alles unter Kontrolle halten.
Nach zwei weiteren Espressos fühlte sie sich besser. Dann gab sie sich einen Ruck und rief ihre Freundin Joelle an. Länger konnte sie ihr das Ganze nicht mehr verschweigen.
«Sieh mal einer an. Du hast Zeit für mich an einem normalen Freitagmorgen. Bist du krank?»
«Ja, so könnte man es auch ausdrücken.» Sie versuchte den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken.
«Was hast du denn?»
«Ich habe meinen Job gekündigt.»
«Gekündigt, ja, aber weshalb bist du denn jetzt zuhause?»
«Na ja, ich bin freigestellt,» versuchte Lena.
«Hast du etwas ausgefressen?» Joelle klang nun beunruhigt.
«Nein, es ist nur… Sie haben mich wieder mal nicht befördert.» Lena versuchte einen Schluchzer zu unterdrücken.
«Sag mir, was passiert ist!»
Lena konnte nicht. Sie brachte nur die Worte «Job», «Partnerschaft», «rausgelaufen» aus sich heraus. Joelle sagte einige beruhigende Worte, so, wie man mit Kindern spricht, die sich wehgetan haben. Dann wurde sie bestimmt.
«Hör mal, Lena. Du bist zuhause, ja?»
«Ja», antwortete Lena leise.
«Du nimmst jetzt ein Taschentuch, schnäuzt dich mal kräftig und wartest, bis ich komme. Ok? Ich bin in fünfzehn Minuten bei dir.»
Lena tat, was Joelle ihr gesagt hatte. Sie setzte sich in einen ihrer teuren Sessel und schaute zum Fenster hinaus, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Joelle würde wissen, was sie tun sollte. Geduldig wartete sie, bis es klingelte. Sie öffnete die Tür nur einen schmalen Spalt und murmelte: «Schau mich bitte nicht an.» Joelle drängte sich hinein, schloss die Türe und nahm Lena in die Arme.
«Ach Lena, du hast mich sehr beunruhigt.»
Lena schüttelte den Kopf. Joelle nahm sie an der Hand und setzte Lena aufs Sofa. Dann zog sie ihre Jacke und Schuhe aus und brachte sie zur Garderobe.
«Wie sieht es denn hier aus? Hör mal, Lena, ich mache uns jetzt als Erstes einen Tee. Wo hast du den Tee?»
«In der Schublade hat es Kapseln. Daneben steht meine neue Teemaschine.»
«Tee in Kapseln. Also wirklich, Lena.» Joelle durchsuchte die Schachtel mit den Kapseln und bereitete zwei Tassen Grüntee zu. Dann kam sie zurück ins Wohnzimmer und reichte Lena eine.
«Hier, trink erst mal einen Schluck. Und dann möchte ich, dass du mir die Geschichte von Anfang an erzählst. Was also ist mit deinem Job?»
Lena nahm einige Schlucke und spürte, wie sich die Wärme in ihrem Magen ausbreitete. Dann erzählte sie von dem Gespräch und den Folgen.
«Und das ist gestern passiert?»
«Vorgestern.»
«Und weshalb hast du nicht angerufen? Heißt das, dass du gestern den ganzen Tag allein hier verbracht hast?»
«Ja, ich… ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich schäme mich so!»
«Bist du verrückt? Du hättest mich sofort anrufen sollen.»
«Ja schon, aber…»
«Aber du wolltest allein klarkommen.» Joelle nickte. «Hör mal, Lena. Ich finde, du solltest zum Arzt gehen. Du stehst unter Schock. Du musst dich unbedingt begleiten lassen. Zuerst arbeitest du dich wochenlang fast zu Tode und dann stehst du plötzlich ohne Job da.»
«Ich habe den Job ja nicht verloren, ich habe selbst gekündigt.»
«Klar. Und wo ist da der Unterschied? Du kommst aus einem Leben mit übervollem Terminkalender, alle deine Kollegen außer ich arbeiten in dieser Firma. So ist es doch, nicht? Und nun bist du draußen mit einer leeren Agenda und ohne persönliches Umfeld. Du bist wirklich die Einzige, die so was nicht mit dem Wort ‚Krise‘ umschreiben würde!»
Lena schwieg.
«Willst du nicht sicherheitshalber mal deinen Hausarzt anrufen und einen Termin vereinbaren?»
«Wozu denn? Außerdem habe ich keinen Hausarzt.»
«Ok. Hast du eine Frauenärztin?»
«Ja schon, aber…»
«Nichts aber, Lena. Du bist überarbeitet und ausgelaugt. Du solltest etwas mehr Sorge zu dir tragen.»
«Ja, mach ich vielleicht.»
«Nein, ich meine, jetzt gleich!» Lena seufzte. Sie bereute fast schon wieder, dass sie Joelle eingeschaltet hatte. Aber schließlich wählte sie die Nummer und ließ sich einen Termin für den nächsten Tag geben.
Joelle hatte in der Zwischenzeit einen Blick in den Kühlschrank geworfen. Auf dem Tresen fiel ihr Blick auf die leere Pizzaschachtel.
«Weißt du was? Wir gehen jetzt einkaufen. Dein Kühlschrank ist leer.»
«Nein, ich kann nicht. Ich…»
«Wenn ich allein gehe, dann kaufe ich lauter gesunde Sachen.»
Lena lächelte zum ersten Mal schwach.
«Sei nicht so ein Miststück, mir geht es dreckig.»
«Damit kommst du bei mir nicht durch. Entweder kommst du mit und kaufst deine Fertigprodukte inklusive Tee aus der Kapsel oder dann gehe ich alleine und kaufe dir frische, gesunde Lebensmittel.»
Lena war wenig überzeugt. Aber am Ende gab sie auf und ging mit Joelle in den kleinen Supermarkt zwei Straßen weiter. Obwohl sie nicht sehr hungrig war, merkte sie, wie ihre Lebensgeister wieder etwas erwachten.
Zurück in der Wohnung machte Joelle Kaffee und schnitt den Früchtekuchen an, den sie gekauft hatte. Lena aß ein halbes Stück.
«Wo sind eigentlich Yves und Nora?»
«Bei der Nachbarin. Ich habe gesagt, du seist krank.» Joelle lächelte. «Sie wünschen dir gute Besserung. Yves hat gefragt, ob du dich übergeben hast. Er sagte natürlich ‹gekotzt›. Hat sie ‹gekotzt›.»
Lena musste wider Willen lachen. «Ich weiß wirklich nicht, was ich jetzt tun soll», sagte sie. «Mein Leben ist ein Scherbenhaufen.»
«Ist es nicht. Und ich rate dir, erst mal nichts zu tun», antwortete Joelle. «Außer, eine ordentliche schriftliche Kündigung abzusenden. Das ist alles. Ich glaube, du musst zuerst einmal wieder zu Kräften kommen.»
Joelle stand auf und machte sich fertig zum Gehen. «Du isst deine Suppe, versprichst du mir das?», sagte sie eindringlich. Sie hatte Lena für den Abend eine asiatische Suppe mit Shrimps gekauft, die sie nur aufzuwärmen brauchte. Dazu Knäckebrot und Salat.
«Ja, Mama.» Obwohl Lena frotzelte, war sie froh, dass ihr jemand sagte, was zu tun war. Solange es nicht ihre eigene Mutter war, die ob dieser Neuigkeit wohl vollkommen hysterisch geworden wäre. Als Joelle weg war, setzte sie sich vor den Fernseher. Vorabendserien waren eine gute Ablenkung.
Später machte sie sich die Suppe warm und trank dazu Wasser. Dann setzte sie sich wieder vor den Fernseher. Joelle hatte sie gebeten, am späteren Abend anzurufen. Sie hatte nichts dem Zufall überlassen. Lena fragte sich, wer hier die geborene Managerin war, sie oder Joelle.
Am folgenden Tag hatte Lena den Termin bei ihrer Frauenärztin. Der Wecker klingelte und Lena merkte, wie angenehm es war, wenigstens irgendeinen Termin zu haben. Sie aß ihr Frühstück und duschte. Sie fragte sich, was sie der Ärztin erzählen sollte. Da waren keine Menstruationsbeschwerden, keine schweren Beine, keine verfrühten Wechseljahrsymptome, die der ärztlichen Aufmerksamkeit bedurften. Sie hatte auf eine ihr unerklärliche Weise reagiert – ja, sie hatte für einen Moment die Kontrolle verloren. Joelle hatte von angespannten Nerven und Überlastungssymptomen gesprochen. Aber so war das nicht. Sie hatte endlich den Gipfel stürmen wollen. War das so schwierig zu verstehen? Sie würde sagen, dass sie einen ärztlichen Rat brauchte. Schließlich kamen die Kunden ja auch zu ihr, wenn sie einen unternehmerischen Rat brauchten. Insgeheim hoffte sie, dass sie irgendein Medikament erhalten würde. Etwas, das machte, dass sie sich besser fühlte.
Als Lena eine Stunde später ins Untersuchungszimmer geführt wurde, begrüßte die Ärztin sie mit ihrem Röntgenblick. «Was führt sie zu mir, Frau Keller?»
Nachdem Lena ihre etwas geschönte Zusammenfassung der Ereignisse erzählt hatte, schwieg die Ärztin. Dann fragte sie:
«Wie lange, sagen sie, arbeiten sie schon in dieser Firma?»
«Acht Jahre.»
«Und sie sind jetzt…», sie scrollte auf dem Computer in Lenas Krankenakte herum. «Zweiundvierzig».
«Genau.»
«Sie haben also ihre Karriere dort auf- und ausgebaut.»
«Mmmh.»
«Ich nehme an, es war ziemlich hart.»
«Oh ja. Man arbeitet wie ein Pferd, Überstunden sind selbstverständlich. Wenn am nächsten Morgen eine wichtige Präsentation vor einem Kunden stattfindet, ist auch mal Nachtarbeit angesagt. Das ist einfach das Beraterleben.» Lena zuckte mit den Schultern.
«Und das hat ihnen nie etwas ausgemacht. Ich meine, das zehrt doch auf die Dauer an den Kräften?»
«Ja, schon. Aber es hat mir auch Spaß gemacht.»
«Welchen Ausgleich haben sie denn zur Arbeit?»
«Ich gehe ins Fitnesscenter, meist zweimal die Woche.»
«Und sonst?»
«Sonst?»
«Gehen sie aus, treffen sie Freunde? Gehen sie ins Kino, Theater oder in ein Konzert? Oder töpfern sie, malen sie? Was man halt so macht als Ausgleich.»
«Töpfern, malen? Aber nein, das ist etwas für sitzengelassene Familienfrauen.» Ihre Ärztin sah erstaunt auf. «Also, ich treffe meine Freundin Joelle hin und wieder. Oder dann unternehmen wir… unternahmen wir oft vom Geschäft aus gemeinsam etwas. Das wurde bei uns zwei- bis dreimal im Monat organisiert, zum Beispiel eine Grillparty, Golf spielen, Führung in einem Museum.»
«Ach, die Firma organisierte die Freizeit. Nun, ich meine jetzt nicht Aktivitäten mit ihren Arbeitskolleginnen und -kollegen. Ich meine wirklich privat.»
«Ja, da muss ich passen. Also ich male oder töpfere nicht und ehrlich gesagt, mehr als drei- bis viermal pro Jahr schaffe ich es auch nicht ins Kino.»
«Haben sie einen Partner?»
«Nein, das heißt…»
«Das heißt?» Die Ärztin zog eine Augenbraue in die Höhe.
«Ich hatte einen Freund in der Firma.»
«Ich hab’s mir fast gedacht», murmelte sie und hämmerte die neuesten Erkenntnisse in ihren PC.
«Es war nichts Ernstes.»
Die Ärztin runzelte die Stirn.
«Dann verlieren sie jetzt also ihr gesamtes soziales Umfeld», sagte sie und sah Lena über ihren Brillenrand hinweg an.
«Na ja, das klingt jetzt etwas dramatisch.»
«Aber ist doch so, nicht?»
«In der Tendenz.»
«Gut, dann sagen wir, in der Tendenz verlieren sie ihr soziales Umfeld. Zurück zu ihren Energien. Könnte es sein, dass sie es mit dem Engagement für diese Firma etwas übertrieben haben? Irgendetwas in ihrem Körper oder ihrem Geist wollte nicht mehr und ist nun kurzfristig etwas ausgeflippt.»
«Ich bin vielleicht kurzfristig ausgeflippt, wie sie das formulieren. Aber ich weiß eigentlich ganz genau, was ich will beziehungsweise wollte: Ich wollte in dieser Firma Partnerin werden. Und das war ein ziemliches Investment.» Sie sah sich vor ihrem geistigen Auge über die Akten gebeugt, an Wochenenden, die sie durchgearbeitet hatte, inmitten von Kaffeebechern und Pizzaschachteln. Sonntage, die sie damit zugebracht hatte, auf Wunsch ihrer Vorgesetzten Präsentationen in letzter Minute nochmals völlig umzukrempeln. Es war hart gewesen, das stimmte. Die Ärztin unterbrach ihre Gedanken.
«Und dieses Investment wurde nun nicht belohnt. Ein Teil von ihnen, der nicht krank werden möchte, hat jetzt die Notbremse gezogen und diese Reaktion gemacht. Es ist vermutlich ein Warnsignal, wenn sie die Kontrolle über ihre Reaktionen verlieren. Sie sollten darüber nachdenken. Dazu wäre eine Erholungspause gut.»
Lena schüttelte den Kopf. «Aber wozu denn? Ich bin ja nicht krank.»
«Krank vielleicht noch nicht, aber erschöpft.»
Die Ärztin nahm das Kontrollblatt zur Hand, das ihr die Assistentin während des Gesprächs auf den Schreibtisch gelegt hatte. «Ihr Blutdruck ist für ihr Alter ziemlich hoch. Sie werden mindestens für eine Weile ein Medikament nehmen müssen. Sie sollten wirklich versuchen, einen Gang hinunterzuschalten. Sie müssen sich sonst nicht wundern, wenn sich eines Tages das Herz meldet oder sie eine Krankheit zur Ruhe zwingt. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn sie sich professionell begleiten lassen würden.»
Die Ärztin stellte ihr ein Rezept für ein blutdrucksenkendes Medikament aus. Sie öffnete eine Schublade an ihrem Schreibtisch und kramte eine Visitenkarte hervor. Lena warf nur einen kurzen Blick drauf. Ein Coach. Dann ließ sie die Karte in ihre Handtasche fallen.
«Sie können auch jemand anderes auswählen, Hauptsache, sie haben jemanden, der sie in dieser schwierigen Phase begleitet.»
Als sie wieder draußen war und sich auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle machte, ging ihr das Gespräch mit der Ärztin nicht aus dem Kopf. Das war ja eine Frechheit! Sie war doch kein Psychofall, nur, weil sie Tabletten gegen hohen Blutdruck schlucken musste. Sie verstand sowieso nicht, weshalb ihr Blutdruck mit einem Mal zu hoch war bei all dem Sport, den sie machte. Na ja, in den letzten Jahren war das Joggen wohl etwas weniger geworden und das Bike war den letzten Sommer aus Zeitmangel meist im Keller geblieben. Im Fitnesscenter kämpfte sie sich nach dem späten Feierabend meist von Gerät zu Gerät und kürzte den Ausdauerteil erheblich ab, um rascher zuhause zu sein. Wenn man’s so betrachtete, war es vielleicht nicht so viel Bewegung, wie sie sich gerne einredete.
Auf dem Nachhauseweg kaufte sie ein. Sie war nicht in Eile, hatte keinen Termin, sondern hatte einen langen Nachmittag und Abend vor sich. Wie es wohl lief bei Mancuso? Den Bruchteil einer Sekunde zog sie in Betracht, Stephan anzurufen, verwarf die Idee aber gleich wieder. Sie sollten ja nicht das Gefühl haben, sie vermisse etwas. Stephan steckte mit ihnen unter einer Decke, das war das Bitterste daran. Sie war nicht nur ihren Job losgeworden, sondern auch ihren Liebhaber. Seit seiner Nachricht am Tag, als sie gegangen war, hatte sie nichts mehr gehört. Vermutlich hatten sie ihm eingebläut, dass er sich aus arbeitsrechtlichen Gründen auf keinen Fall melden sollte. Die Kündigung hatte sie inzwischen schriftlich an Mancuso gesandt mit der Ankündigung, sie werde ein ärztliches Zeugnis nachreichen, das ihre Arbeitsunfähigkeit ab sofort bestätigte.
Zuhause verstaute sie ihre Vorräte. Auch das war neu: ein gefüllter Kühlschrank, lauter Dinge, die man selber kochen konnte oder musste. Sie würde nicht mehr länger Take-away-Mahlzeiten benötigen und auch mehr auf die Ausgaben achten. Mancuso würde ihr den Lohn innerhalb der normalen Kündigungsfrist bezahlen müssen. Dann war Schluss. Lena hatte genügend Erspartes, daran lag es nicht. Aber sie hatte keine Lust, zu viel davon für ihren Lebensunterhalt einsetzen zu müssen. Allerdings ließ es ihr Stolz auch nicht zu, sich beim Arbeitsamt anzumelden. Sie würde wieder Arbeit finden müssen.
Sie legte sich aufs Bett. Sie wusste das erste Mal in ihrem Leben nicht mehr weiter. Sie hatte sich einen neuen elektronischen Kalender eingerichtet. Darin befand sich bis auf Weiteres kein einziger Termin. In Lenas Hirn jagten sich die unangenehmen Fragen. Warum hatte das passieren können? Brauchte sie wirklich eine Pause? Gab es andere lohnenswerte Lebensziele als diese Partnerschaft in der Unternehmensberatung? Was wollte sie eigentlich? Ihr kam zu keiner einzigen Frage eine schlaue Antwort in den Sinn. Im Gegenteil: Jede Frage schien eine weitere auszulösen. Joelle hatte gesagt: «Wenn mir das passieren würde, ich würde zuerst mal einen Monat nach Hawaii oder Australien fliegen oder nach Florenz gehen, nein, wohl eher nach Japan reisen – oder wenigstens auf die Kanaren zum Baden!»
Aber Lena hatte nur abgewinkt. Sie würde sich dort noch verlorener fühlen als zuhause. Sie hatte das Gefühl, dass ihr jemand den Stecker gezogen hatte. Joelle war an diesem Abend an einem Elternabend, sandte Lena aber dennoch eine Mitteilung, um nachzufragen, wie es bei der Ärztin gegangen war. Lena schrieb zurück, dass außer Blutdrucktabletten nichts Gescheites herausgeschaut habe. Sie beschloss, früh zu Bett zu gehen und das längst fällige Telefongespräch mit den Eltern auf den nächsten Tag zu verschieben. Mutters Katastrophenstimmung würde noch früh genug einsetzen.
«Was, wohin soll ich gehen?»
Lena stützte sich mit dem Handy am Ohr auf einen Ellenbogen und versuchte, die Augen zu öffnen. Die Sonne drang durch einen Spalt im gezogenen Vorhang ins Zimmer hinein. Sie hatte geschlafen wie ein Murmeltier. Keine wirren Träume, keine Pendenzenberge, sondern komatöser Tiefschlaf. Joelle, für die der Tag schon vor Stunden begonnen hatte, plauderte munter drauflos.
«Du weißt doch, ich hatte diese Tante im Toggenburg. Ich habe sie hin und wieder besucht.
«Mmmh.» Lena unterdrückte ein Gähnen.
Sie ist kürzlich gestorben, ich habe es dir sicher erzählt. Vor einigen Tagen hatte ich Kontakt mit den Verwandten. Das Haus muss geräumt werden und bevor wir ein Unternehmen damit beauftragen, muss jemand durch Tante Sophias Sachen gehen und ein Inventar aufnehmen. Das Haus ist von unten bis oben mit Möbeln und Zeugs vollgestopft.»
Lena knüllte mit einer Hand das Kopfkissen zusammen und stopfte es sich unter den Nacken.
«Ja. Und jetzt?»
«Ich habe heute Morgen gedacht, vielleicht wäre das etwas für dich. Sozusagen eine Auszeit. Du würdest auf völlig andere Gedanken kommen. Was sagst du?»
«Ein Haus räumen», murmelte Lena und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
«Und wo, sagst du nochmal, war das?»
«Im Toggenburg.»
«Mmmh.»
«Ich dachte, dass dir eine Luftveränderung guttun würde. Und außerdem bist du doch eine gute Managerin. Du könntest dein ganzes Organisationstalent einfließen lassen.»
«Beim Wort Luftveränderung kommen mir eher die Malediven in den Sinn», brummte Lena.
«Aber im Sand liegen und in den Himmel starren ist nicht dein Ding. Auf den Malediven würdest du es knapp zwanzig Minuten auf dem Liegestuhl aushalten. Dann würdest du entweder die Insel reorganisieren oder eine Tauchschule eröffnen.»
«Du hast ein völlig falsches Bild von mir», versuchte Lena zu protestieren.
«Ich habe ein realistisches Bild von dir. Das ist es ja gerade, weshalb ich mit dem Vorschlag gekommen bin.»
«Ich weiß nicht, ob ich da die Richtige bin. Außerdem wäre ich dort bestimmt einsam, meinst du nicht?»
«Bist du das hier in Zürich nicht auch?»
«Ach, ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass das passt. Sorry, Joelle.»
Sie hatte doch schon genügend andere Probleme. Wozu sich noch ein altes Haus voller Krempel aufhalsen?
Nachdem sie sich von Joelle verabschiedet hatte, schlurfte sie zur Kaffeemaschine. Einen richtig guten Latte Macchiato war das Einzige, was sie jetzt brauchte. Sie schäumte die Milch auf und gähnte. Sie fühlte sich müde und abgeschlagen. Früher war sie um diese Zeit längst im Büro gewesen. Jeden Tag um 5.30 Uhr aufstehen. Wie hatte sie das bloß durchgehalten?
Sie setzte sich mit ihrer Kaffeetasse ins Wohnzimmer. Am besten war es wohl, sich möglichst bald nach einer neuen Stelle umzusehen. Es war das einzig Vernünftige. Jobplattformen, die in Frage kamen, gab es mehrere, aber sie würde sich zusätzlich mittels Personalvermittlung um einen Job bewerben. Die Worte ihrer Ärztin kamen ihr wieder in den Sinn. Sie hatte etwas von «zurückschrauben» gesagt. Und dann die Sache mit ihrem zu hohen Blutdruck. Die Packung Blutdrucktabletten lag noch immer in ihrer Handtasche.
Sie fand auf Anhieb nur gerade zwei Stellenangebote, die sie mäßig interessierten. Vielleicht war es an der Zeit, das Projekt Mann mal ernsthaft anzugehen. Stephan war aus dem Rennen. Sie hatte seine Kontaktdaten gelöscht. Sie rief die Seite einer Partnervermittlung auf, von der sie wusste, dass Kolleginnen aus dem Büro damit schon Erfolge verbucht hatten. Sie scrollte sich durch das Angebot. «Dynamischer, junggebliebener Mittvierziger, geschieden, sucht neues Liebesglück, erwünschtes Alter: 25 – 35 J.» – «Akademiker, 47, geschieden, 2 Kinder, sucht ungebundene Partnerin, Alter: 30 – 40 J.» Sie stutzte. Was war denn das? Die Typen suchten sich ausschließlich Frauen, die mindestens fünf bis zehn Jahre jünger waren als sie selbst. Und: Sie waren alle geschieden oder getrennt. Dann fiel ihr ein anderes Angebot auf: «Ich, passionierter Bergsteiger, 57, geschieden, erw. Kinder, suche dich, sportlich, blond, bis 45 J. Bergsteigererfahrung nicht nötig, jedoch Toleranz für meine Expeditionen Voraussetzung.» Lena schluckte. Was bildeten diese Männer sich eigentlich ein? Da suchten sie jüngere Frauen, die sich mit allem arrangierten, das sie in die Beziehung mitbrachten. Und die einzige Bedingung, die sie an die Frauen stellten, war Alter, Aussehen und Toleranz. Sie schüttelte den Kopf und klickte die Seite weg.
Ihre eigene Beziehungsbilanz sah nicht gerade rosig aus. Ihre längste Beziehung hatte drei Jahre gedauert. Als ihr letzter ernsthafter Ex vor Stephan von einer Familie zu sprechen begonnen hatte, hatte sie sich von ihm getrennt. Er hatte sie als egoistisch und egozentrisch beschimpft. Und sie hatte sich eine Weile lang gefragt, ob dem so war. Ob eine Frau, die keine Lust hatte, eine Familie zu gründen und dies das Grösste der Welt zu finden, nicht normal war. Aber sie hatte nichts dagegen tun können. Es war nun mal nicht ihr Weg. Bei Joelle erlebte sie mit, wie fordernd der permanente Wechsel zwischen Teilzeitarbeit mit reduzierten Aufstiegsmöglichkeiten und Kindererziehung war. Sie musste einräumen, dass Joelle organisatorisch eine Meisterleistung hinlegte, insbesondere auch dann, wenn sie zu zweit etwas unternehmen wollten. Denn Joelles Mann Andy war mit seiner Karriere beschäftigt und an Teilzeitarbeit war nicht zu denken. Joelles Augenringe sprachen eine deutliche Sprache, auch wenn sie sich nicht beklagte.
Lena seufzte. Irgendwie hatte sie mit dreißig angenommen, dass das Leben immer so weitergehen würde. Mit einem Mal war diese Unbeschwertheit zwischen Mann und Frau weg. Es ging jetzt nicht mehr nur darum, ob der Typ dieselbe Musik hörte oder zufälligerweise auch gerne nach China reiste. Es ging darum, ob man sich mit seinen halbwüchsigen Kindern verstand, die alle zwei Wochen zwischen der Exfrau und ihm hin- und hergereicht wurden. Oder, ob nebst den Unterhaltszahlungen noch Geld für die gemeinsamen Ferien übrigblieb. Und wollte man unter einem Dach wohnen angesichts der komplizierten Situation? Lena hatte wenig Lust auf diese Art von Herausforderung. Der Preis dafür war, dass sie 42 war und solo dastand. Und neu auch ohne Arbeit. Keine gute Ausgangslage. Und das Schwierigste stand ihr noch bevor: Sie würde heute ihre Eltern anrufen müssen.
«Du bist was?» Dummerweise war ihr Vater dran gewesen, der sonst nie ans Telefon ging.
Sie hatte es ihm gleich erzählt, unverblümt und ohne Beschönigungen. Er war, nicht ganz unerwartet, ziemlich von der Rolle gewesen. Er hatte immer dieselben Sätze wiederholt, nämlich, dass er nicht verstehen konnte, dass sie die Chance auf diese Partnerschaft so leichtfertig verwirkt hatte. Er, der seit dreißig Jahren eine Anwaltskanzlei führte. Er, der jahrelange Aufbauarbeit geleistet hatte, damit nun sein Sohn eine Kanzlei mit über zehn Anwälten übernehmen konnte. Auch ihr wäre dieser Weg offen gestanden. Aber sie hatte ja nicht Jura studieren wollen. Es ging noch eine Weile so weiter. Sie ließ den Sermon über sich ergehen wie eine kalte Dusche. Sie wusste, dass ihren Eltern die Karriere der Kinder das Wichtigste war. Wichtiger als ihrem Bruder und ihr selbst, vermutete sie. Nachdem das Telefon an ihre Mutter weitergereicht worden war und sie ebenfalls ihre Bestürzung zum Ausdruck gebracht hatte, wurde umgehend ein Besuch zuhause vereinbart. Hier handelte es sich um eine Krise, die keinen Aufschub duldete.
Das Nachtessen bei ihren Eltern zwei Tage später verlief ungefähr so, wie sie es erwartet hatte. Der Geländewagen ihres Vaters war auf dem kleinen Bahnhofvorplatz nicht zu übersehen gewesen. Sie hatte nach anfänglichem Protest einlenken müssen, als ihre Mutter vorgeschlagen hatte: «Papa holt dich am Bahnhof ab.» Sie vermutete dahinter eine geplante Aktion, denn die zehn Minuten Fußmarsch zum Haus ihrer Eltern rechtfertigten nun wirklich keine Autofahrt. Wahrscheinlich hatte sie ihn damit beauftragt, mit ihr unter vier Augen zu reden. Ihr Vater ließ denn auch keine Zeit verstreichen, dafür war die Strecke zu kurz.
«Wir machen uns große Sorgen um dich.» Er presste es angestrengt hervor und es klang exakt wie vor fünfundzwanzig Jahren, wenn sie seiner Meinung nach zu wenig für die Schule gelernt hatte.
Lena schwieg.
«Du schmeißt deine Karriere hin, als hättest du in deinem Alter noch tausend Möglichkeiten.»
«Tut mir leid, dass dies deinen Erwartungen nicht entspricht.» Sie hörte selbst, wie schnippisch das klang. «Aber ich habe meine Gründe.»
«Ich hoffe, es sind gute Gründe.»
Sie bogen in die Einfahrt zum Haus ein und sie wusste, dass der Abend bereits gelaufen war, bevor er richtig begonnen hatte.
Ihre Mutter rannte ihr im Gang buchstäblich entgegen, die Hände an der Küchenschürze abtrocknend. Lena registrierte, dass ihre Mutter seit dem letzten Besuch noch knochiger geworden war.
«Liebes, wie geht es dir?» Sie hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und sie umarmten sich. Lena nahm den Geruchsmix von Alkohol und Minze wahr, den sie seit Jahren kannte.
«Mir geht es ausgezeichnet.» Sie packte die Flasche Bordeaux aus, die sie im Weinladen am Hauptbahnhof für ein kleines Vermögen gekauft hatte. Sie wollte ihren Eltern keine Gelegenheit geben, ihre stellenlose Tochter zu bedauern, die den Standard des Hauses nicht mehr halten konnte.
«Als sie im großzügigen Wintergarten saßen, ihre Gläser erhoben hatten und ihr Vater nichts fand, auf das man hätte anstoßen können, wurde der Faden wieder aufgenommen.
«Also, jetzt erzähl uns doch mal genau, was vorgefallen ist.» Ihre Mutter hatte ihre Augen aufgerissen, in Erwartung der Horrorgeschichte. Lena erzählte nochmals ihre Geschichte.
«Ja, und dann habe ich gesagt, wenn das so ist, dann kündige ich per sofort.»
Ihr Vater starrte sie mit offenem Mund an, im Gesicht ihrer Mutter zuckte es, als ob sie gleich weinen würde. Lena vermutete, dass die noch ungeweinten Tränen sich mehr auf die Zeit und Energie bezogen, die ihre Mutter erfolglos in sie investiert hatte. Wenigstens hatten sich die Investitionen in ihren Bruder gelohnt. Somit hatte ihre Mutter ihr eigenes abgebrochenes Jurastudium und die frühe Mutterschaft als würdiges Opfer verbuchen können, während ihre Tochter gerade die Partnerschaft in einer Unternehmensberatung verbockt hatte.
«Und was willst du nun tun mit dem Scherbenhaufen?» fragte ihr Vater. Lena spürte einen Stich in der Magengegend.
«Das ist kein Scherbenhaufen», sagte sie hitzig, obwohl sie sich daran erinnerte, dass sie diese Worte bei der Ärztin selbst gebraucht hatte. «Ich habe diese Plackerei einfach satt. Sie halten mich seit Jahren hin. Und jetzt ist genug!» Sie wunderte sich selbst über diesen Satz.
Ihre Mutter hatte inzwischen stumm das Zeichen zum Aufbruch ins Wohnzimmer gegeben, in welchem sie für drei Personen aufgedeckt hatte. Mit zwei Besteckgarnituren, zwei verschiedenen Weingläsern, weißen Servietten. Lena kam der Gedanke an ein verstaubtes Nobelhotel. Das Familiensilber, das Familienporzellan, die antiken Möbelstücke. Alles war nobel und leblos. Kein Staubkorn, keine zerlesenen Zeitungen, keine Bücherstapel oder sonst ein Zeichen, dass hier jemand lebte.
Ihre Mutter kam mit dem Salat, eine Weile später mit dem Essen. Man prostete sich nochmals höflich zu und Lena stocherte im Essen herum, obwohl sie wusste, wie sehr sich ihre Mutter Mühe gegeben hatte. Sie verspürte keinen Hunger.
«Ja, und welche Pläne hast du jetzt?», fragte ihre Mutter in einem unbeschwerten Ton, als ob es um ihre nächsten Ferien ginge.
«Ich werde für einige Wochen ins Toggenburg fahren und dort das Haus von Joelles Großtante räumen.»
Sie war selbst überrascht von dem, was ihr über die Lippen gekommen war.
«Du räumst ein altes Haus aus?» Ihr Vater konnte sein Entsetzen nicht verbergen. Lena lächelte.
«Ja, ich brauche eine Pause von allem», sagte sie ungerührt.
«Wenn du meinst, das sei das Richtige für dich», bemerkte ihre Mutter.
«Ich habe dort Zeit, mir über meine berufliche Zukunft Gedanken zu machen.»
«Beim Räumen eines Hauses», seufzte ihr Vater.
«Warum liegt euch eigentlich so viel an meinem Erfolg und so wenig an meinem Glück?»
«Aber Liebes, das gehört doch zusammen», meldete sich ihre Mutter und trug das Geschirr in die Küche.
«Hast du eine Ahnung, wie nahe du dran gewesen bist?», zischte ihr Vater. «Wieso wirfst du das alles so leichtfertig fort? Ich verstehe dich wirklich nicht.»
Lena stand auf und trug einige Gläser in die Küche. Sie wollte sich das nicht mehr anhören. Ihr Vater wäre für den Erfolg durch jede erdenkliche Hölle gegangen. Und sie hätte es ihm fast gleichgetan.
«Es gibt gleich Nachtisch, du kannst dich wieder hinsetzen.»
Lena hatte den Verdacht, dass ihre Mutter sie vor allem deshalb aus der Küche haben wollte, damit sie sich noch ein Gläschen genehmigen konnte, bevor sie ins Wohnzimmer zurückkehrte. Lena litt sich durch die unverbindlichen Gespräche bei Nachtisch und Kaffee durch. Man hatte in stillschweigendem Einvernehmen das Gesprächsthema gewechselt.
Auf der Rückfahrt nach Zürich gingen ihr ihre eigenen Worte nochmals durch den Kopf: Wie war das nochmals mit dem Haus, von dem Joelle erzählt hatte? Ein altes Haus irgendwo im Toggenburg. Das Toggenburg war nicht das Engadin und die Beratergilde verirrte sich im Juni todsicher nicht dorthin. Damit schaffte die Gegend die erste Qualifikationshürde. Und alte Häuser mochte sie eigentlich. So auf den zweiten Blick klang das Ganze gar nicht mehr so schlecht. Sie versuchte sich zu erinnern, was Joelle über ihre Großtante erzählt hatte. Lena hatte nicht besonders genau zugehört. Sie hieß Sophia und war Lehrerin gewesen. Joelle hatte sie gemocht.
In den folgenden Tagen und Wochen schob Lena die Idee der Hausräumung nochmals beiseite und intensivierte stattdessen ihre Suche nach Arbeit. Ihr bisher selten benutzter Schreibtisch wurde zur Bewerbungsbasis. Sie produzierte eine beachtliche Anzahl Dossiers, die sie eines nach dem anderen mit passenden Bewerbungsschreiben versandte. Zudem hatte sie zwei Vermittlungsbüros damit beauftragt, eine geeignete Tätigkeit für sie zu suchen. Sie wollte diesen Albtraum so rasch wie möglich hinter sich lassen. Vielleicht war es ja noch nicht zu spät.
Ihr Abgang und die schriftliche Kündigung bei Mancuso & Partners hatten noch ein Telefongespräch nach sich gezogen. Hannes, der CEO höchstpersönlich, hatte sie angerufen und ihr versichert, dass man sie auch ohne ärztliches Zeugnis sofort freigestellt hätte. Auch wenn er es nicht erwähnt hatte, wusste Lena, dass er ihr die Professionalität absprach. Sie hatte dazu geschwiegen. Sie hatten ihr einen anderen Berater vorgezogen, das wusste er genauso gut wie sie. Sie stand noch bis Ende Juli auf der Lohnliste. Wenn alles glattging, würde sie vor der Sommerpause wieder einen Job haben. Innert wenigen Tagen versandte sie ein Dutzend Bewerbungen, obwohl nicht alle Jobs ihren Anforderungskriterien entsprachen. Es fühlte sich einfach gut an, mehrere Optionen offen zu haben.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Sie konnte zu drei Interviews bei namhaften Konkurrenten von Mancuso gehen – sie hatten sie trotz der Konkurrenzklausel in ihrem Vertrag sehen wollen. Solche Dinge ließen sich mit Geld regeln. Drei Interviews waren angesichts der kurzen Zeit, die seit ihrer Kündigung verstrichen war, ein forsches Tempo. Aber Lena hatte keinem der Arbeitsangebote etwas Positives abgewinnen können und bei allen dreien nach dem ersten Gespräch von sich aus abgesagt. An einem sommerlich warmen Abend saß sie gemeinsam mit Joelle in einer Bar am See.
«Weißt du, bereits, wenn sie mich hineinbitten, merke ich, dass ich da nie im Leben arbeiten werde.»
«Aber woran merkst du das denn so rasch?»
«Das Gehabe, die Attitüde des Chefs, das Schickimickizeugs im Sitzungszimmer…» Sie tippte sich an den Kopf. «Weißt du, wenn sie das Mineralwasser aus Schweden einfliegen können, dann müsste der Lohn entsprechend angepasst werden.»
«Aber du warst doch immer so begeistert von deinem Job… und – auch dem Schickimicki.»
«Findest du?»
«Ja, am Anfang konntest du dich kaum erholen von den Designermöbeln, dem teuren Champagner an den hausinternen After-Work-Partys.»
«Ach, das ist doch schon Jahre her.» Lena war ihre frühere Haltung jetzt, im Nachhinein, peinlich. Sie fand, dass sie diesen Dingen nun viel kritischer gegenüberstand.
«Weißt du, ich hasse den Geruch dieser Sitzungszimmer, die Ausdrucksweise der Vorgesetzten und die Art, wie sie mich wie eine Ware taxieren. Sie schauen dich an, hören dir mit einem halben Ohr zu und rechnen inzwischen aus, wie viel Umsatz du in einem Jahr ungefähr bringst. Dann überlegen sie, wie viel sie dafür bezahlen wollen.»
«Aber genau das war doch bis vor kurzem dein Business. Du hast doch dauernd ausgerechnet, was, wo, wie viel bringt. Was ist denn jetzt so anders?»
Lena seufzte und nahm einen großen Schluck Wein. «Habe ich das,» murmelte sie. «Anders ist, dass ich diesen Job zu hassen beginne. Am Anfang dachte ich, dass ich problemlos wieder irgendwo unterkomme. Und nun…»
«Nun?»
«Nun merke ich, wie sehr ich das alles satthabe.» Sie schnitt eine Grimasse.
Joelle grinste. «Entschuldige, aber sowas höre ich zum ersten Mal von dir. Ganze Vorträge hast du mir gehalten, wie spannend dein Job sei!»
«Da bin ich dir wohl mächtig auf den Keks gegangen», sagte Lena etwas kleinlaut.
Joelle lächelte. «Du hast dir im Gegenzug alle meine Kindergeschichten und das Gejammer einer Teilzeitkraft angehört. Warum gönnst du dir eigentlich nicht wirklich mal eine Pause? Vielleicht kommst du dann auf eine völlig neue Idee.»
«Was denn? Ich kann doch nichts anderes.»
«Wie wär’s, wenn du dir tatsächlich einen Coach nehmen würdest?»
Lena stöhnte. «Ich bin nicht der Typ für so etwas.»
«Weshalb nicht?»
«Mir fehlt nichts.»
«Außer einem Job.»
«Ja, außer einem Job.» Sie kramte in ihrer Handtasche.
«Ich muss die Adresse noch hier drin haben… Ah, da ist sie: Andrea Santschi, Coach.»
«Probiere es doch aus. Sie könnte dich darin unterstützen herauszufinden, was du wirklich machen willst.»
«Ach, ich weiß nicht. Wie soll sie denn das, wenn ich es selbst nicht weiß?»
«Es ist doch nichts dabei, sich Unterstützung zu holen. Jemand, der die Dinge aus einer anderen Perspektive sieht. Zuerst warst du einige Tage in einem Schockzustand und seither bist du am Rotieren wie eine Verrückte. Du kannst doch nicht so tun, als ob das alles spurlos an dir vorübergeht.»
«So ein Coach braucht doch eine Ewigkeit, um das über mich herauszufinden, was ich selber schon lange weiß. Ich bezahle dann jemanden, damit ich dort ein bisschen rumjammern kann. Da rede ich doch lieber mit dir.»
«Ich bin zu nahe an dir dran, Lena. Ich bin Partei. Ich kann nicht neutral sein und mit dir deine Situation anschauen. Ich bin deine Freundin. Du aber brauchst jemanden, der dich herausfordert, der Fragen stellt, die dich weiterbringen.»
Lena kam sich mit einem Mal klein und verloren vor. Sie war dazu erzogen worden, ihre Probleme selbst zu lösen. War sie wirklich so weit unten, dass sie Hilfe brauchte? «Diese Jobgeschichten, das passiert doch heute jedem Zweiten.»
«Aber die meisten werden gefeuert. Du bist rausgelaufen, das ist ein Unterschied. Etwas in dir drin hat den Befehl ‚rauslaufen‘ gegeben. Du willst da nicht mehr hin und bist noch etwas zu feige, um dir das einzugestehen.»
Der letzte Satz klang bei Lena noch nach, lange, nachdem sie sich von Joelle verabschiedet hatte. Sie lag zuhause im Bett und grübelte. «Finde heraus, was dir wirklich Spaß macht.» Ja, was machte ihr denn eigentlich Spaß? Sie musste zugeben, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte.
Joelles Bemerkung, sie solle sich doch mal eine Pause gönnen, beschäftigte sie. Vielleicht war es wirklich das Beste, sich nicht kopfüber in etwas Neues zu stürzen. Nur wenige Tage später, als ein ehemaliger Berater von Mancuso anrief, der inzwischen eine eigene Firma gegründet hatte und ihr eine Stelle anbot, lehnte sie innerlich zitternd ab mit der Begründung, sie mache ein Sabbatical und die Dauer sei noch unbestimmt. Dies hatte sie einige Überwindung gekostet. Aber nun fühlte es sich richtig an. Sie war jetzt fünf Wochen ohne Arbeit. Und das von ihr ursprünglich zum Unwort erklärte «Sabbatical» war nun Realität geworden.
An einem dieser wunderbaren Morgen Ende Mai, als die Sonne Kringel auf die Bettdecke malte und das Vogelgezwitscher durchs offene Fenster drang, machte sich Lena einen Cappuccino mit ihrer ebenso schicken wie teuren Kaffeemaschine, die sie sich als Belohnung für eine durchgearbeitete Nacht gegönnt hatte, und lief mit der Tasse in der Hand barfuß auf ihren Balkon. Sie sah Männer in Anzügen, Frauen in leichten Deux-Pièces, Teenager mit Rucksäcken auf dem Rücken, den Blick aufs Handy fixiert. Trauben von aufgebrezelten jungen Frauen und dazwischen Fahrräder, die in unbeschreiblichem Tempo durch die Menschen hindurchflitzten. In ihrem Quartier schienen alle auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule zu sein. Sie fühlte sich ein bisschen wie im Ruhestand: Man schaute den anderen beim Leben zu. Sie gähnte und trat den Rückzug an. Es war kurz nach acht Uhr und sie holte ihr Handy. Ihr fleißiger Bruder hatte sie heute früh angerufen. Keine Spur von Einfühlsamkeit, dass andere um 6.30 Uhr noch schliefen. Sie wählte seine Nummer.
«Du hast Glück, dass du mich noch erreichst», sagte Thomas, ohne sie zu begrüßen. «Ich habe einen Termin beim Notariat. Wie läuft deine Stellensuche? Mutter hat gesagt, du würdest zuerst ein Sabbatical machen.»
«Weshalb fragst du?»
«Ich muss nächste Woche in die USA. Es geht um Vertragsverhandlungen. Ich werde eine Woche in New York sein, danach reise ich weiter nach San Francisco.»
«Schön. Und was hat das mit mir zu tun?», fragte sie misstrauisch. Sie kannte ihren Bruder.
«Tja, Anouk und ich hatten spontan die Idee, an die Geschäftsreise noch Ferien anzuhängen, denn nächstes Jahr kommt Jerôme in den Kindergarten und wir können dann nur noch während der Schulferien weg.»
«Ja, und jetzt?» Sie bemühte sich neutral zu klingen.
«Ja, und da dachten wir, da du ja gerade keine festen Verpflichtungen hast, ob du vielleicht an einem kleinen Hüteauftrag interessiert wärst.»
«Maxine kommt nicht mit?»
«Doch. Ich spreche nicht von Maxine, sondern von Stella. Sonst müssen wir sie in eine Tierpension geben, was zwar auch geht, aber ein Platz bei jemandem, der sie kennt, wäre natürlich viel besser.» Lena seufzte und drehte sich dabei vom Mikrophon im Telefon weg, als müsste sie husten. Das war typisch ihr Bruder. Da hatte er sich wieder einmal eine Kleinigkeit für sie ausgedacht. Er war ein Weltmeister darin, andere Leute für seine Zwecke einzuspannen.
«Also, was sagst du? Das täte dir doch gut: lange Spaziergänge, Zeit zum Nachdenken…»
Lena ging nicht auf diese Bemerkung ein, sie gehörte zur Verkaufsstrategie ihres Bruders, auch wenn er ausnahmsweise Recht hatte.
«Für wie lange?»
«Für einen Monat.»
Lena schwieg. Wollte sie das? Die Verantwortung für eine Hündin für ganze vier Wochen?
«Glaub mir, Stella ist ein liebes und unkompliziertes Tier. Ich meine, sie ist einfach goldig. Jeden Morgen dankt sie es dir, wenn du mit ihr rausgehst…»
«Ich dachte, du musst zum Notariat.»
«Ich bin gleich dort, meine Liebe. Also, was sagst du? Du kannst unser Ferienhaus benutzen. Das kannst du doch jetzt gebrauchen, als sozusagen Erwerbslose.» Er sprach das Wort aus, als sei sie von der Pest befallen. Thomas war noch nie eine einzige Sekunde in seinem Leben ohne Arbeit gewesen. Im Gegenteil: Jedes Mal, wenn sie von ihm hörte, war er gerade auf dem Weg zu einem Termin.
«Ich überleg’s mir.»
«Ach, das ist ja wunderbar. Ich werde es Anouk gleich mitteilen.»
«Thomas, ich sagte, ich überleg’s mir. Es ist keine Zusage.»
«Stell dir vor, du belebst dieses Haus ein bisschen und könntest dann gleich noch den einen oder anderen Handwerker bestellen…»
«Ah, daher weht der Wind.»
«Nein, ich dachte nur. Aber das muss nicht sein. Überleg du dir das mal und dann gibst du mir am Mittag Bescheid.»
«Nein, so läuft das nicht. Ich gebe dir bis Freitag Bescheid.»
«Na klar. Gut, du, super Schwester, ich muss jetzt hinein. Bis bald – und vergiss nicht, mir zuzusagen!»
Lena legte seufzend das Handy weg. Dieses Angebot war wohl von Anouk zusammengeschustert worden. Und Thomas hatte den Part übernommen, es ihr schmackhaft zu machen. Anouk hasste das Haus im Engadin, das Thomas in einem Nostalgieanfall gekauft und dessen Renovation ein Vermögen gekostet hatte. Sie mochte die Berge nicht und tat alles, um den Aufenthalt im Ferienhaus zu vermeiden. Plötzliche Migräneanfälle, ein verstauchtes Bein ihrer Mutter – Anouk war jedes Mittel recht, um ihren Boykott durchzusetzen. Und Thomas hatte das Haus einige Monate rege benutzt, zur Not auch ohne Anouk und die Kinder. War mit Geschäftspartnern zum Golfen oder Biken hingefahren. Aber irgendwann war die Begeisterung abgeflacht. Nun stand es die meiste Zeit leer.
Die Idee, Thomas vierjährige Labradorhündin Stella in die Ferien zu nehmen und woanders hinzugehen, war weniger abwegig, als sie ihrem Bruder zu verstehen gegeben hatte. Allerdings waren vier Wochen eine lange Zeit. Und das Engadin war – bei aller Begeisterung für das Haus – nicht ihre Wunschdestination. Dort würde sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Berufskollegen über den Weg laufen.
Sie trank den letzten Schluck ihres Cappuccinos. Dann holte sie ihre Handtasche und kramte die Visitenkarte hervor, die ihr ihre Frauenärztin gegeben hatte. Sie drehte sie unschlüssig in ihren Händen. Ob sie mit dieser Santschi befreundet war? War ja eigentlich egal. Außer ein bisschen Geld hatte sie nichts zu verlieren, wenn sie bei der einmal vorbeischaute. Neidisch dachte sie an ihren Bruder, der tat, was ihm gefiel, und alles andere an seine Angestellten, Familie und Freunde delegierte. Sie nahm das Handy und wählte die Nummer.
«Santschi Coaching.» Schon nach dem zweiten Klingelton war die Frau rangegangen.
«Guten Tag. Hier ist Lena Keller. Ähm, ich habe ihre Nummer von meiner Ärztin bekommen. Sie denkt, ich sollte mal bei Ihnen vorbeikommen, weil ich beruflich in einem Umbruch bin.»
«Mmmh. Und Sie? Denken Sie das auch?»
«Wie bitte? Aha, ja, ich weiß nicht. Ich kann’s mir noch nicht so richtig vorstellen.»
«Aber Sie möchten von sich aus ein Coaching? Ich mag nämlich keine Alibiübungen.»
«Nein, natürlich. Ich habe mich dazu entschieden, es zu probieren.»
«Ok, dann schaue ich einmal in meine Agenda… den einzigen Termin, den ich diese Woche noch offen habe, ist morgen früh, um 7.30 Uhr.»
«Das ist ein bisschen früh. Könnte ich nicht…»
«Tja, dann kommen Sie nächste Woche. Aber auch dort habe ich nur noch zwei Termine: einer am Dienstag um acht Uhr, den anderen am Donnerstag, um 8.30 Uhr. Ich bin gerade stark gebucht.»
«Nein, ich komme morgen.» Sie verabschiedete sich und legte auf. Sie wusste nicht, ob sie in der nächsten Woche überhaupt noch in Zürich war. Besser gleich Nägel mit Köpfen machen. Der Haken des frühen Termins war nicht das Aufstehen, sondern, dass der Tag dann noch länger wurde. An strengen Arbeitstagen hatte sie manchmal davon geträumt, eines Morgens einfach liegen zu bleiben und den ganzen Tag für sich allein zu haben. Und nun, da sie über jeden Tag verfügen konnte, wurde sie schon nach kurzer Zeit des Nichtstuns kribbelig. Da der Tag ziemlich warm werden würde, entschloss sie sich, diesen am See zu verbringen. Das konnte ja nicht so schwer sein, sich mit einem dicken Buch in den Schatten zu legen und hin und wieder in den See einzutauchen.
Als der Wecker am nächsten Morgen um 6.30 Uhr klingelte, hatte Lena keine Ahnung, weshalb sie ihn überhaupt gestellt hatte. Sie hatte doch gar keine Termine mehr, oder? Dann dämmerte es. Sie musste zum Coaching. Um 7.30 Uhr! Seit sie nicht mehr bei Mancuso arbeitete, hatte sie das Haus nur noch dann früher verlassen, wenn Elvira kam, um die Wohnung zu reinigen. Sie stellte sich unter die Dusche und absolvierte das «Ich habe keine einzige übrige Minute»-Waschprogramm. Ihr kam in den Sinn, dass sie noch nicht einmal nachgeschaut hatte, wo sich Santschi Coaching befand. Sie stellte sofort das Wasser ab und griff sich ihr Handtuch, frottierte sich halbwegs trocken und schlang das Tuch um den Körper. In der Küche schaltete sie ihr Notebook ein und suchte die Adresse auf der Karte. Die Kaffeemaschine tröpfelte vor sich hin, statt einen Espresso zu produzieren. Die Botschaft «Entkalkung nötig» streifte den Bruchteil einer Sekunde ihr Hirn und war gleich wieder weg. Sie stöhnte auf. Sie musste quer durch die ganze Stadt und es war bald sieben Uhr.
Sie gab sich noch neun Minuten Zeit, um etwas anzuziehen und die Zähne zu putzen. Das Make-up verschob sie auf die Tramfahrt. Mit halb gepackter Handtasche schlüpfte sie in ein paar bequeme Pumps und eilte zur Haltestelle. Es war weit und breit keine Tram zu sehen. Sie wühlte in ihrer Handtasche, bis sie ihr Handy fand, und gab die Adresse ein. Sie würde umsteigen müssen beim Bahnhof. Die Zeiger auf der Kirchenuhr gegenüber der Tramhaltestelle rückten unerbittlich weiter. Sieben Minuten später kam ein Tram. Lena stieg ein und schnappte sich rasch einen Sitzplatz, den eine junge Frau angesteuert hatte. Sie erntete einen bösen Blick. Schuldbewusst kramte sie den Spiegel und die Wimperntusche hervor und begann sich zu schminken. Sie fühlte sich unwohl, dies in der Öffentlichkeit zu tun, aber es ging nun mal nicht anders. Vor dieser Santschi ohne Schminke zu erscheinen, schien ihr ungefähr gleich schlimm wie nackt anzureisen. Sie schaute an sich herunter. Ihre Füße steckten in knallgelben, schon etwas abgetretenen Pumps. Dazu trug sie eine dunkelblaue Hose und eine Bluse mit grünem, auffälligem Muster. Und eben hatte sie knallroten Lippenstift aufgetragen. Papageienfarben! Na, super. Wahrscheinlich war sie bereits der schleichenden Verwahrlosung anheimgefallen, dem Verlust des Wissens, wie man sich in der Welt bewegte. Sie schwitzte.
Beim Aussteigen hielt sie das Handy gegen das Licht, um herauszufinden, in welche Richtung sie gehen musste. Sie würde mit der Navigationsfunktion laufen, für Experimente war keine Zeit. Während die Uhr ihres Handys 7.28 anzeigte, leuchtete der blaue Punkt auf dem Display noch erschreckend weit weg von dem Punkt, der das Ziel definierte. Mist aber auch! Sie rannte los. Nach sechs langen Minuten stand sie atemlos vor dem Haus und klingelte. Der Türöffner summte unmittelbar und Lena trat in den kühlen Hauseingang. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, im Treppenhaus herrschte Stille. Lena hastete die Treppe hinauf. Obwohl sie in Eile war, fielen ihr auf jeder Etage die kunstvollen Glasverkleidungen der Türen im Jugendstil auf, die zu den Büros führten. Diese Räume kosteten wohl ein kleines Vermögen. Wenn man bedachte, dass hier früher einmal alles Wohnungen gewesen waren. Jetzt hing auf jeder Etage ein Firmenschild. Anwälte, Psychologen und Treuhhandbüros. Sie beeilte sich, in den vierten Stock zu kommen, wo Frau Santschi bereits die Türe angelehnt hatte. Sie trat ein und fühlte, wie der Schweiß an verschiedenen Stellen ihres Oberkörpers hinunterlief. Wo war die Souveränität gelblieben, die sie als Businessfrau einmal gehabt hatte? War dies die neue Art, wie sie Termine wahrnahm? Im Korridor kam ihr Frau Santschi entgegen. Sie mochte Mitte fünfzig sein, schlicht, aber stilvoll in eine Leinenhose und eine weiße Bluse gekleidet. Sie trug eine Brille, das Brillengestell war rot. Die Farbe passte zu ihrem grau-weißen Haar.
Sie begrüßten sich und Lena sagte: «Es tut mir leid, ich bin ein bisschen zu spät.»
«Ich habe mich eben gefragt, ob sie noch kommen. Sie wissen ja, die Zeit bezahlen sie.»
«Ja, klar», sagte Lena rasch.
Frau Santschi führte sie in einen Raum mit Stukkaturdecke und Parkettboden. Zwei helle Ledersessel standen sich in Fensternähe gegenüber, dazwischen ein Tischchen. Frau Santschi fragte, ob sie Kaffee wolle, und Lena nahm dankend an. Sie sank in einen Ledersessel und durchforstete ihre Handtasche nach einem Nastuch. Sie fand nur ein gebrauchtes Kleenex und beeilte sich, ihre feuchte Stirne und die Achselhöhlen trocken zu tupfen, bevor Frau Santschi mit dem Kaffee in der Türe erschien.
Diese stellte ihr die Tasse und ein Glas Wasser auf das Tischchen und setzte sich. Lena beobachtete, wie gelassen sich die Frau hinsetzte, ihre Hände locker im Schoß, kein Zeichen von Anspannung oder Verärgerung.
«Was führt sie zu mir?»
«Ich habe von Frau Künzle, meiner Ärztin, Ihre Adresse bekommen. Sie meinte, es wäre gut, zu einem Coach zu gehen.»
«Das haben sie mir bereits am Telefon gesagt. Nun würde ich gerne wissen, was sie denn erwarten.»
«Ich sehe im Moment noch nicht, wie sie mir helfen könnten, aber meine beste Freundin meinte auch…»
«Ja, ja. Aber sie haben doch den Entscheid gefällt, hierher zu kommen. Also, was wollen sie von mir?»
Lena war irritiert. Sie hatte sich darüber keine Gedanken gemacht. «Also, ich bin Unternehmensberaterin und war bei einer sehr renommierten Firma angestellt. Nun macht meine Karriere gerade einen Knick. Und zwar etwas unverhofft. Ich habe meine Stelle von heute auf morgen gekündigt, weil mir schon zum dritten Mal die Beförderung zur Partnerin verwehrt wurde. Dann bin ich zu meiner Ärztin gegangen und sie meinte, ich hätte zu viel Stress und einen zu hohen Blutdruck.»
«Das müssen sie mir genauer erklären. Sie erwarteten, dass man sie dieses Jahr zur Partnerin befördern würde und es hat sich nicht erfüllt.»
«Ja, sie haben mich immer wieder geködert. Bei uns werden mit dem Halbjahresabschluss bereits die Beförderungen zum Partner für das kommende Jahr ausgesprochen, weil damit noch einige Vorbereitungen nötig werden. Sie haben meine Beförderung von der Senior-Beraterin zur Partnerin die letzten drei Jahre immer wieder in Aussicht gestellt. Die Zeit sei aber noch nicht reif dafür. Und dann habe ich jeweils wieder ein Jahr lang geschuftet wie ein Pferd, nur um dann zu hören, es brauche noch ein bisschen mehr Anstrengung. Dieses Mal war die Zeit dann reif für einen 36-jährigen Beraterschnösel. Ich werde 42. Verstehen Sie?»
Santschi nickte. «Ich höre da Wut und Frustration raus.»
«Oh, ja! Das hören sie goldrichtig», sagte Lena bissig.
«Und jetzt?»
«Und jetzt? Ich habe gleich am Gespräch, als der CEO von Ertragsrückgang und Kundenverlust zu erzählen begann und mich einmal mehr vertröstet hat, gekündigt.»
«Wie lange ist das her?»
«Gute fünf Wochen.»
«Und was erwarten sie nun von mir?»
«Keine Ahnung. Dass sie mir irgendwie helfen, schätze ich.»
«Wenn wir in fünfzig Minuten beenden, haben sie eine Idee, wo sie da stehen wollen?»
«Oh nein», stöhnte Lena. «Ich bezahle ein nicht geringes Honorar für diese Stunde, damit sie mich coachen. Das ist ihre Aufgabe! Oder habe ich da etwas falsch verstanden?»
