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Khaled, ein junger Marokkaner, möchte ein neues Leben beginnen – in der ehemaligen DDR. Er lernt eine Frau, Catherine, kennen, die nicht verschiedener sein könnte. Auch lässt ihn die Last der Vergangenheit nicht los. Er will sein Gesicht von den Spuren der Vergangenheit reinigen und mit einem sauberen Antlitz, frei von jeglichem Einfluss der Moral, der Sitten und der Tradition zurück in die DDR kehren und mit Catherine ein schönes Leben führen. Es wird aber nicht einfach. Khaled gerät in Schwierigkeiten. Nach der Wende wird Khaled non heute auf morgen zum banalen Ausländer, der gemieden wird. Er spürt Rassismus tagtäglich.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Copyright © 2019 by Azzeddine El Matine
All rights reserved.
Aus dem Französischen übersetzt von Stefanie El Matine
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
E-Book-Gestaltung: Bernd Floßmann
Vertrieb: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Prolog
Teil I
1. Der Ruf der Freiheit
Teil II
2. Die neue Welt
3. Familienbesuch
4. Zwischen Zuckerpuppen und Genossen
5. FKK – die andere Freiheit
6. Heimweh
Teil III
7. Vaterland
8. Der fehlgeschlagene Inzest
9. Der Ausbruch
10. Gesichter im Dunkeln
11. Die durchtrennte Nabelschnur
Teil IV
12. Springerstiefelknallen
13. Ermattete Gesichter
Epilog
In Gedanken an meine Frau, Stefanie, ohne die dieser Roman nie hätte realisiert werden können.
Für Dich, Steffi, meine Kinder Rami und Rakiya und meine Eltern Sidi El Mekki und Lalla Fatima.
Endlich war der Arbeitstag vorüber.
Müden Schrittes ging Khaled unter dem Lärm der massiven, schweren Maschinen zu den Umkleidekabinen. Da er diese Geräusche in der Fabrik gerne mochte, hielt er einen Moment inne und betrachtete die ausgemergelten, aber unverwüstlichen sowjetischen Motoren. Ihre einfache Konstruktionsweise versetzte ihn zurück in eine friedliche, etwas verschlafene Zeit.
Heute war ein besonderer Tag. Bald würde er den nie verstummenden Lärm dieser grauen, öligen Maschinen nicht mehr hören. Die Geräusche der drei Maschinen, an denen er arbeitete, liebte er besonders. Schon vor langer Zeit hatte er begonnen, ihre Stimmen wahrzunehmen – eintönige Stimmen, die trotzdem etwas Besonderes an sich hatten: die eine irgendwie feucht, die zweite eher zittrig, die dritte heiß.
Ganz am Ende der langgestreckten Fabrik befand sich die Halle, in der die Metallteile gegossen wurden. Dort füllte man die Öfen noch von Hand und auch das Schneiden war noch Handarbeit. Heute jedoch lag die Halle völlig ausgestorben da. Khaled bemerkte, dass seiner geräuschvollen Welt etwas fehlte und registrierte, dass die an der Stirnwand liegenden Öfen alle erloschen waren.
Schon wieder Kurzarbeit? Khaled schüttelte den Kopf und setzte sich wieder in Bewegung.
Auf seinem Weg zu den Umkleidekabinen betrachtete er die Maschinen genauer: dick und ölig waren sie, auf ihre Art wirkten sie fast wie Prostituierte.
„Bist du noch da, Khaled?“, rief ihm Bernd, ein alter Kollege, zu, als er die Umkleideräume betrat.
„Ja, keine Sorge, Bernd.“ Khaled setzte sich seufzend auf die schmale Bank vor den Metallschränken und begann, seine Stiefel aufzuschnüren. „Irgendwann werden sowieso alle wiederkommen“, sagte er. „Keiner kann einfach so gehen. Einfach alles vergessen und hinter sich lassen, das geht nicht. Du wirst sehen.“
„Du bist ein Optimist, lieber Khaled“, entgegnete Bernd mit seinem sächsischen Akzent und fügte mit einem Lächeln hinzu: „Für mich läuft es nicht gerade gut. Ich habe nur noch eine Woche bis zur Rente.“ Er hängte seine verschmutzte Arbeitskleidung ordentlich in den Spind und schloss geräuschvoll die Schranktür.
Khaled sah Bernd mitfühlend an. Der ältere Kollege lächelte oft, in nahezu jeder Redepause, die er einlegte, und Khaled mochte die Lachfalten, die seinen Mund umrandeten und in Klammern zu setzen schienen. Jetzt lächelte Bernd nicht; er sah sorgenvoll aus, als er sich seine Jacke überwarf.
Khaled glitt weich in eine maßlose Traurigkeit. „Weißt du, Bernd“, sagte er leise, „ich hätte gerne mit den Kollegen die Freude geteilt, aber …“ Es gelang ihm nicht, seinen Satz zu beenden und er lächelte schüchtern.
Bernd nickte. „Ich gehe dann mal“, sagte er. „Ich muss noch kurz zum Chef hinüber… Bis morgen.“
„Bis morgen!“ Khaled sah Bernd einen Moment nach, dann beugte er sich wieder über seine Stiefel.
Auf dem Fabrikparkplatz standen nur noch Bernds Trabant und Khaleds Passat B 1, der ihn brav erwartete. Khaled drehte sich um, um den Haupteingang des Werks nochmal zu betrachten, und erschrak ein bisschen vor sich selbst und dieser bedrohlichen Stille. Er holte tief Luft, legte den Kopf in den Nacken und betrachtete das große, einem gigantischen Grabstein gleichende Schild über dem Eingang mit seiner gewaltigen, leuchtenden Inschrift: WISMUT Karl-Marx-Stadt – sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft.
Bevor er auf die Autobahn Richtung Zwickau fuhr, drehte Khaled noch eine kleine Runde durch die Stadt. Kaum jemand war unterwegs, eine fast gespenstische Stille herrschte, die Straßen lagen wie ausgestorben da, als ob sie sich auf Schlimmes vorzubereiten schienen. Nur einige mit Eisen beladene LKWs hinterließen ratterten über die holprigen Wege.
Khaled kurbelte das Fenster herunter und nahm augenblicklich wieder den intensiven Schwefelgeruch wahr, der ihm jedes Mal wieder neu in die Nase stieg. Nachdenklich lenkte er den Wagen an den still dastehenden Wohnblöcken vorbei, die einen merkwürdigen Kontrast zum im neoklassizistischen Stil erbauten Theater bildeten, an dem er kurz darauf vorbeifuhr. Es war nicht allzu lange her, dass Karl-Marx-Stadt trotz seiner Hässlichkeit ein angenehmes Gesicht gezeigt hatte. Aber diese guten Zeiten schienen nun endgültig vorbei.
Khaled bog auf die Ausfallstraße Richtung Zwickau ein und gab Gas. Auf einmal hatte er es eilig, nach Hause zu kommen.
Bis nach Zwickau dauerte die Fahrt für gewöhnlich eine Dreiviertelstunde, aber heute würde Khaled deutlich länger brauchen, das war ihm sofort klar, als er auf die Autobahn auffuhr. Der Verkehr war so dicht, wie er es in den neun Jahren, die er nun in der DDR lebte, noch nie erfahren hatte. Allerdings drängten sich die Trabis und Ladas nur in eine Richtung – leider in diejenige, in die auch Khaled unterwegs war.
Dicht an dicht rollten die Autos gen Westen, und Khaled musste sich die Insassen nicht einmal ansehen, um deren Aufbruchsstimmung zu spüren.
Seit längerer Zeit schon lag eine sich anbahnende Veränderung in der Luft; nach all dem Auf und Ab, welches das Land erlebt hatte, verlangten die Menschen dringend danach, sich frei bewegen zu können. Heute endlich war es soweit.
Alle Wagen waren voll besetzt, einige wenige, deren Motoren nicht mehr mitgemacht hatten, standen verlassen am Straßenrand. Diejenigen, die kein Auto hatten, waren sogar zu Fuß unterwegs und hofften, dass jemand sie mitnähme. Khaled aber hielt nicht an, sein Weg sollte ihn nach Hause, nach Zwickau führen.
Er beugte sich tiefer über das Lenkrad und sah angespannt auf die Fahrbahn vor ihm. Auch die Blicke der anderen Reisenden, das bemerkte er, als er sich kurz umsah, waren stur in eine Richtung gerichtet. Sie machten ihn unsicher, denn sie schienen wild entschlossen, ihr Ziel zu erreichen. Durch nichts würden sie sich aufhalten lassen.
Wohin die Karawane wollte, das wusste Khaled. Gestern hatte er es im Radio gehört und im Fernsehen gesehen: Die Grenzen zwischen DDR und BRD waren geöffnet. Der Ansturm waberte den westdeutschen Grenzposten entgegen. Drüben wurden Bananen verteilt und 100 D-Mark Begrüßungsgeld. An jeden.
Schließlich, nach einer endlos scheinenden Fahrt, nahm Khaled die Ausfahrt nach Zwickau. Diese Stadt mit ihren ehemals schönen Jugendstilhäusern, die durch den Kohlebergbau der Region rußig geworden waren, schien ihm trotz des Schmutzes immer wie in eine Schneelandschaft eingetaucht.
Aber auch hier stieg ihm der Schwefelgeruch wieder in die Nase. Als er endlich in Planitz ankam, dem Stadtteil, in dem er sich seit geraumer Zeit zu Hause fühlte, erfasste ihn eine unbestimmte Angst, als er feststellen musste, dass auch hier die Straßen wie ausgestorben waren. Aufmerksam betrachtete er die dunklen, traurigen Fassaden der Plattenbauten, die früher modern und schön ausgesehen hatten, auch wenn sie nah aneinander gedrängt standen. Inmitten dieser Gedrängtheit von Zement und menschlichen Körpern hatte Khaled sich bisher immer sicher gefühlt. Seit langem wollte er sich in dieser Umgebung verlieren, mit ihr verschmelzen. Jetzt aber, in dieser seltsam ängstlichen Stimmung, jetzt aber hätte er sie am liebsten in mit Teer bedeckte Berge verwandelt, um sie zu schützen. Er dachte an die geheuchelte Solidarität, die er so oft um sich herum beobachtet hatte, spuckte aus dem Fenster und gab Gas.
Auf dem letzten Stück seines Weges ließ er seine Gedanken wehmütig in die Vergangenheit schweifen.
In seinem Gymnasium hatte Khaled zu einer Minderheit, die Deutsch als Fremdsprache gewählt hatte, gehört. In drei Jahren hatte er die Grundkenntnisse der deutschen Grammatik erworben, zahlreiche Wörter und sogar verschiedene Dialoge aus den Werken Goethes und Schillers auswendig gelernt. Das Bild von Deutschland, welches ihm der Lehrer vermittelt hatte, hatte in ihm den Wunsch geweckt, später einmal dort zu leben.
Direkt nach dem Abitur hatte er sich um verschiedene Stipendien beworben. Von seinem Heimatland Marokko hatte er die Zusage für die Unterstützung für ein Maschinenbaustudium in der DDR erhalten. Khaled hatte keinen Augenblick gezögert, sich um die notwendigen Papiere zu kümmern und schon zwei Monate später war er in Berlin aus dem Flugzeug gestiegen.
Es gefiel Khaled ausnehmend gut in Ostdeutschland, zumal er sein Geld in harten Devisen, in Dollar, ausgezahlt bekam. So konnte er für sich das Privileg in Anspruch nehmen, im Intershop auch ausländische Produkte zu kaufen. Wie ein König fühlte er sich anfangs. Ah, dieses schöne Studentenleben: Stipendiat sein, mit Dollars in der Tasche, im Ostblock zur Zeit des kalten Kriegs. Was für ein Glück! Der gut aussehende junge Mann mit den schulterlangen lockigen Haaren wurde nicht als einfacher Ausländer behandelt, sondern als Westler respektiert, der sogar ein Auto besaß – keinen Trabant oder Lada wie die wenigen anderen Gleichaltrigen, die den Wagen von ihren Eltern überlassen bekommen hatten, sondern ein heißbegehrtes Westauto, einen Golf GTD, den er sich „Drüben“ gekauft hatte.
Khaled trug Markenjeans wie Levi’s oder Lee, hatte die Taschen voller Kaugummis und die Türen der Tanzclubs standen ihm immer offen. Der junge Mann achtete gewissenhaft darauf, dass seine edlen, aus Frankreich stammenden Parfums wie Eau sauvage extrème oder Poison seine elegante Kleidung nur noch unterstrichen. Die Frauen waren vom smarten Dunkeläugigen beeindruckt, die Männer mochten seine lockere, lässige Art. So war er ständig von einer Gruppe gut gelaunter Freunde umringt.
Am Samstagabend war sein Golf oft vollbesetzt mit schönen, jungen, meist blonden Frauen. Khaled achtete aber darauf, dass nur diejenigen mitfahren durften, deren Wangen auch wirklich vor Begeisterung glühten. Dann kurbelte Khaled die Scheiben herunter und stellte die Musik auf volle Lautstärke. Aus den Lautsprechern dröhnten dann die orientalischen Klänge eines populären marokkanischen Liedes in die ost-deutsche Nacht hinaus: Lkhaibat lach i likou, imchiw lebhar wi tihou – Wozu sind die Hässlichen gut? Sollen sie sich doch ins Meer stürzen.
Die Mädchen in Khaleds Westauto strahlten Gesundheit aus, zeigten ihre schönen Zähne, wenn sie lachten, während Khaled beim Fahren gewissenhaft auf die Fußgänger achtete und dabei eine Augenbraue nach oben zog. Immerzu trug der junge Mann ein Lächeln auf den Lippen. Manchmal bat er seine fröhlichen Begleiterinnen, ihm das Lied König der Welt von Karat vorzusingen. Den Gefallen erfüllten sie ihm nur zu gern – und Khaled glitt jedes Mal in maßlose Träumerei, wenn die reinen und klaren Stimmen seine Ohrmuscheln kitzelten und die zarten Klänge in sein Ohr hineinrieselten.
Khaled seufzte bei der Erinnerung und setzte den Blinker. Er hatte Planitz inzwischen erreicht, und am Ende der Straße konnte er bereits den Block sehen, in dem seine und Catherines Wohnung lag. Schon von weitem konnte er das Licht im vierten Stock ausmachen, und vor Vorfreude machte Khaleds Herz einen winzigen Hüpfer.
Langsam fuhr er an den anderen Wohnblocks aus vorgefertigten Platten vorbei, die rechts und links der Straße aufragten und die seinem eigenen bis auf den letzten Stein glichen. Vielleicht lag es an der Leere auf der Straße, aber während Khaled Gas wegnahm und in eine der vielen freien Parklücken einbog, empfand er die Stadt, sein Viertel, sein Haus als seelenlos. Die gleichförmigen, einstmals rasch hochgezogenen Plattenbauten mit ihrem grauen, verrußten Putz, der an allzu vielen Stellen abblätterte, schienen den Geruch des Proletariats auszusenden; sie waren aus Gleichgültigkeit nie renoviert worden, unansehnlich und hässlich. Rasch stieg Khaled aus, nahm seine Tasche und lief hinauf in den vierten Stock.
Noch bevor er die Tür aufmachte, rief er atemlos nach seiner Frau: „Catherine!“ Alles blieb still.
Er ging auf die Küche zu und rief ein zweites Mal. Dann sah er auf dem Tisch den vollen Aschenbecher, von fünf leeren Bierflaschen umringt. Khaled riss die Augen auf, wich zurück und lief sofort zum Zimmer seines Sohnes.
„Ronny!“, schrie er mit zitternder Stimme und stieß die Tür zum Kinderzimmer auf.
Auch dieser Raum war leer. Ronnys Spielzeugbahn lag umgekippt auf dem Boden, von einem Paar schmutziger Socken flankiert. Khaled drehte sich um und schloss die Tür langsam wieder hinter sich. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass es in der gesamten Wohnung nach kaltem Rauch roch. Langsam ging er zur Wohnungstür hinüber, um sie zu schließen. Im selben Moment öffnete sich die Tür gegenüber, und Petra, seine Nachbarin, erschien im Rahmen, mit Ronny auf dem Arm.
„Papa!“ Ronny streckte die Arme aus und fiel Khaled um den Hals. Khaled presste ihn an sich und vergrub für einen Moment die Nase an Ronnys weichem Hals. Beruhigt sog er den süßen Kleinkinderduft seines Sohnes ein.
„Sie ist mit den anderen fort“, sagte Petra ungerührt und verschränkte die Arme vor der Brust.
Khaled sah sie fragend an. „Wohin?“
„Weiß ich nicht.“ Petra zuckte mit den Schultern und lehnte sich an den Türrahmen.
„Alle reden ja jetzt von den offenen Grenzen. Wenn es dich beruhigt: Fast alle sind weg. Der Block ist nahezu leer“, sagte sie lächelnd mit sanfter Stimme.
Dass er sich nun in einem ausgestorbenen Wohnblock befand, löste bei Khaled Unbehagen aus, welches ihm einen aggressiven Schauer über den Rücken jagte. Er drückte Ronny fester an sich. „Das ist nicht möglich. Sie hätte wenigstens eine Nachricht, eine Adresse oder einen Hinweis hinterlassen …“, sagte er in der Hoffnung, dass seine Nachbarin ihn unterbrechen würde.
„Nein, sie hat nur geläutet und mir gesagt, dass der Ronny unbedingt schlafen muss.“
Petras tiefe und warme Stimme gab Khaled Halt. Er schwieg abwartend. Petra zuckte erneut mit den Schultern.
„Als sie die Treppe hinunterrannte, rief sie noch, dass sie die Tür offengelassen hat.“ Petra verstummte. Auch Khaled schwieg immer noch. Sogar Ronny schien den Atem anzuhalten. Dann seufzte er, und Khaled strich ihm über den lockigen Haarschopf.
„Eigentlich hat sie nicht gerufen, sondern gejohlt“, fügte Petra hinzu. Sie warf sich ihre langen Haare mit einer anmutigen Geste über die Schultern. Khaled sagte nichts, verstand noch gar nicht richtig, was passiert war. Durchtränkt von der Stimme seiner Nachbarin, sah er sie verständnislos an.
„Diese blöde Kuh! Sie hat dich vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne …“
Petra schnaubte empört, dann legte sie den Kopf in den Nacken und musterte Khaled, der unbewegt dastand. „Komm rein“, sagte sie, trat einen Schritt zurück und ließ die Tür hinter sich weit offen.
Khaled trat ein und zog die Tür hinter sich und Ronny zu. Vom dunklen Flur gingen vier Zimmer ab, deren Türen geschlossen waren. Petra ging, die Hüften schwingend, voraus und öffnete die letzte der Türen, die in ein kleines, rustikal eingerichtetes Wohnzimmer führte.
„Setz dich doch!“ Petra nahm zwei Schnapsgläser und eine Flasche aus der Anrichte und ließ sich aufs Sofa fallen. „Johannisbeerschnaps!“
Khaled blieb einen Moment gedankenversunken stehen und sah ihr zu, wie sie einschenkte, dann setzte er sich neben seine Nachbarin, wobei er Ronny auf dem Schoß behielt. Der Kleine lehnte sich schläfrig an Khaleds Brust und schloss erschöpft die Augen.
Petra reichte Khaled sein Glas und lächelte, als er den Schnaps in einem Zug hinunterstürzte. Dann tat sie es ihm gleich und schenkte ihnen beiden neu ein.
Khaled spürte, wie sich ein weiches Gefühl in ihm breitmachte. Der Schnaps war stark und sah aus wie schwarzes Blut.
„Den hab ich selbst gemacht“, sagte Petra mit zusammengekniffenen Lippen und unterdrückte ihr Lachen.
Khaled wartete geduldig.
Als Ronny schließlich auf Khaleds Schoß eingeschlafen war, bedeutete Petra ihm, den Kleinen ins Nebenzimmer zu legen. Khaled bettete Ronny vorsichtig auf das schmale Gästebett, zog ihm die Hosen aus und deckte ihn zu. Für einen Moment stieg ein vages Gefühl von Traurigkeit in ihm auf, als er das kleine Gesicht betrachtete, das dem seinen so ähnelte, aber er schüttelte es ab.
Als Khaled ins Wohnzimmer zurückkam, war sein Glas schon wieder gefüllt. Er und Petra waren jetzt alleine, und die Lust, sie zu nehmen, nagte an ihm. Petra war zwar nicht blond, aber im besten Alter. Sie war groß, ihre Haut blass, ihre Haare weich, ihr Hintern hübsch, aber abgenutzt von ihrer provozierenden, wogenden Gangart. Die Lässigkeit, die sie in dem Moment, als sie mit Ronny im Arm in der Tür erschienen war, ausgestrahlt hatte, verflüchtigte sich mit jedem Atemzug mehr und räumte den Platz für ein sanftes und gleichzeitig verruchtes Wesen. Petra schmückte sich durch ihre entspannte Art zu sprechen, aber es war vor allem ihre tiefe, warme Stimme, mit der sie Khaled den Kopf verdrehte.
Er schlief mit ihr bis zum frühen Morgen. Klebrig vor Schweiß ließen die beiden schließlich voneinander ab, fanden sich auf dem Rücken liegend und ins Leere starrend wieder. Petras sinnlicher Blick erlosch langsam wie ein Kerzenlicht, das man nur schwer auspusten kann. Sie schloss die Augen, ihre Gesichtsmuskeln entspannten sich und sie glitt in einen plötzlichen Schlaf. Khaled drehte sich zur ihr, eine Zigarette im Mund, und stellte sich die Stimme vor, die nun in diesem schönen Körper ruhte. Dann rollte er sich auf den Rücken und sah an die Decke empor.
Fast zehn Jahre war es jetzt her, dass er seine Heimat verlassen hatte. Mittlerweile hatte er Frau und Kind, einen guten Job und eine Wohnung. Die Frauen standen immer noch auf ihn, und bei den Kollegen war er beliebt.
Aber war er hier je richtig angekommen?
An einem sonnigen Maitag – man konnte selbst in der Straße, in der Khaled wohnte, den Atlantik riechen – verließ der frisch gebackene Abiturient mit einer Dokumentenmappe unterm Arm das Haus. Auf der Straße spuckte er aus. Er ekelte sich vor sich selbst, wenn er sich sein eigenes Gesicht in diesem Moment vorstellte. Das, was er nun auf dem Boden sehen konnte, entstammte seinem Mund. Sein Gesicht öffnete sich, um diese schleimige Substanz aus seinem Rachen, durch den auch seine Stimme gehen musste, loszuwerden.
Der Geruch, den er sich auf diese Weise regelrecht vom Hals schaffen wollte, entströmte der Glut aus der Schale, die seine Nachbarin, die Hellseherin Mina, Tag für Tag auf die Treppe stellte. Früh am Morgen begann diese, die als Hexe verschrien war, mit ihren unheimlichen Tätigkeiten, so dass Khaled jedes Mal, wenn er die Treppe benutzte, an der Schale vorbeimusste. Die Glut darin verströmte den Geruch von verbrannten Mäusehäuten, menschlichen Nägeln, Schlangenhäuten, Federn seltsamer Vögel und Stacheln von Igeln. Khaled konnte die Gerüche der organischen Fragmente, deren Herkunft seine Mutter ihm verraten hatte, nicht voneinander unterscheiden, aber die Mischung stieg ihm jedes Mal aufs Neue unangenehm in die Nase. Und der Rauch ängstigte ihn, vor allem, wenn er an die Partikel der Schakale dachte, die sich auch darin befanden. Der Geruch eines Schakalhirns versetzte Khaled immer in völlige Verunsicherung.
Auf der Straße angekommen, atmete er tief durch, verfluchte jegliche Art von Unwissenheit, wie sie durch diese abergläubischen Rituale zum Ausdruck kamen, und zündete sich eine Zigarette an. Tief sog er den Rauch ein und ging dann die Straße hinunter, nach rechts und links grüßend. Alle waren da, wie immer, wie jeden Tag: Ba Lahcen, der Minzverkäufer, Mustafa, der Fleischer, Ba Khdim, der Gemüsehändler, Ba Mohammed, der Krämer, Ba Lâarbi, der Obsthändler, Cham, der Tischler an der Ecke und Aziz, der einzelne Zigaretten verkaufte und den Spitznamen deutscher Affe trug.
Aziz hockte wie stets an seinem kleinen Tisch, einen Joint in der Hand. Khaled hatte ihn noch nie anders gesehen; zu jeder Tageszeit beobachtete er die Menschen, die die Straße bevölkerten. Abgesehen von ihm und Ba Lahcen hielten sich die anderen Händler in ihren Geschäften auf.
„Labas?“ Ba Mohammed grinste ihn an. Khaled nickte ihm zu.
„Salam Aleikum!“
Geht’s dir gut – Friede sei mit dir … Khaled liebte es, die alten, heiseren Männerstimmen zu hören, ihre aus den alten Körpern hervorgestoßenen Grüße und Rufe. Jede dieser Stimmen war einzigartig und dennoch flüchtig: Mustafas war eher energiegeladen und von einem schnellen Sprechtempo geprägt, sowohl der Obstverkäufer als auch der Gemüsehändler sprachen hingegen langsam. Diese beiden, mit der Zeit wie die Gesichter ihrer Sprecher faltig und narbig gewordenen Stimmen waren die ältesten der Straße.
Ba Mohammed tat offensichtlich gut daran, Nichtraucher zu sein, denn das schonte seinen Kehlkopf und seine Stimmbänder vor Entzündungen und bescherte ihm eine wohlklingend weiche Stimme. Aziz, der Zigarettenverkäufer, hingegen klang trotz seines jungen Alters immer überlegend und verschrumpelt. Cham wiederum hatte eine spontane und klare Stimme. Wenn er sich von anderen umgeben sah, lächelte er und grüßte mit lebhafter, aufgeweckter Gestik, den Kopf aufrecht, den Rücken gerade und die Brust nach vorne geschoben.
Khaled hielt sich einen Moment bei ihm auf, um mit gedämpfter Stimme – so wie die Tradition es erforderte – ein bisschen über Politik zu sprechen und anschließend umso aufgebrachter und lauter über Fußball. Dann setzte er seinen Weg fort und ließ die Geräusche des Frühlings durch seine Ohren strömen.
Der Tag versprach, lebhaft zu werden. Khaled legte seinen üblichen Halt bei Ba Lahcen, dem Minzverkäufer, ein, der immer als erster von allen Händlern seinen Platz einnahm. Dieser rätselhafte alte Mann mit seinem runden Gesicht, seinen kleinen Augen unter den schütteren Brauen und seinem spitzbübischen, frechen Blick rief gleichzeitig Furcht und Bewunderung bei allen Bewohnern des Viertels hervor. Er faszinierte die Menschen um sich herum; alle wollten sich in seiner Nähe aufhalten.
Niemand wusste, wann Ba Lahcen aufstand, noch, wie es ihm gelang, sich mit einer solch großen Menge von Minze und Absinth zu versorgen. Man erzählte sich, dass er in einer Villa nahe dem Hermitage-Park wohne und dass er Verbindungen zu sehr einflussreichen Familien pflege. Was ihn noch rätselhafter machte, war, dass man ihn noch nie mit den Vertretern der örtlichen Autoritäten oder mächtigen Personen gesehen hatte. Trotzdem, das wussten alle, waren sie da und verfolgten, ohne sich zu zeigen, sein Reden und Handeln. Auch Ba Lahcen wusste es und verhielt sich entsprechend der Vorstellungen, die man sich im Viertel von ihm machte.
Wenn man morgens aufstand, saß er bereits auf seinem Hocker hinter einem Berg von sorgfältig aufgeschichteten Pfefferminzbündeln. Von seiner Ecke aus war es Ba Lahcen leicht möglich, alles zu beobachten, ohne seine kleinen Augen zu sehr anzustrengen, obwohl sie sich unaufhörlich schnell und unregelmäßig bewegten.
„Salam aleikum, Ba Lahcen.“
„Aleikum salam, Khaled. Möchtest …Tee …“
Khaled hatte nur das Wort „Tee“ vernommen, denn der Alte hatte eine flüchtige, pfeilschnelle Stimme. Sie wurde nie laut und schien trotz ihrer Flinkheit ständig zu zögern. Weder Wut noch in ihrer Folge ausgestoßene Beleidigungen änderten daran etwas.
Ba Lahcen, dieser gewandte Sprecher, reichte Khaled, der sich neben ihn gesetzt hatte, nun stumm ein Glas Tee.
Obwohl ihm klar war, dass er einen erneuten vergeblichen Versuch unternahm, wollte der junge Mann den Urzustand dieser Stimme erfassen. Wieder einmal gelang es ihm nicht.
Als er schließlich aufstand, um seinen Weg fortzusetzen, machte er sich Vorwürfe.
„Das muss aufhören, und zwar sofort“, überlegte er laut. „Ich darf den alten Mann nicht auf seine Stimme reduzieren. Sie ist natürlich außergewöhnlich, aber jeder versteht ihn. Man muss eben aufmerksam zuhören, wenn man die interessanten Gechichten, die er zu erzählen hat, erfahren will. Die anderen lachen immer, wenn sie ihm zuhören, und ich tue nichts anderes.“
Khaled bog in die erste Straße rechts ein und ging dann durch die Straße Nummer 10, die zur Moukataa führte, der Stadtverwaltung seines Viertels El Fida Mers Sultan. Als er etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, kam er an dem kleinen öffentlichen Park vorbei, der als Verkehrsinsel diente, und setzte sich eine Weile gedankenversunken auf eine Bank. Kurz darauf erhob er sich wieder, fixierte den Boden und ging müden Schrittes und mit gekrümmtem Rücken geradewegs auf die Stadtverwaltung zu.
Vor dem Gebäude zogen die drei Maulbeerbäume neben dem Haupteingang seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren völlig kahl. Die Trockenheit hatte sich unübersehbar über das ganze Land verbreitet und nichts verschont.
Ein unverschämter Polizist mit Maschinengewehr und Patronengurt stand am Eingang. Khaled lachte spöttisch über den Anblick und ging auf den Wächter zu.
„Salam aleikum! Entschuldigen Sie bitte, kann ich den Caid sprechen, den Chef der Verwaltung?“
Der Polizist betrachtete ihn ungerührt. „Wer sind Sie und was wollen Sie?“
„Ich würde gerne meinen Pass beantragen, weil ich gerade mein Abitur gemacht habe und möchte gerne …“
Der Polizist wendete den Blick ab und spuckte auf den Boden, bevor er keifte: „Hau ab, kleines Arschloch, oder ich schieße dir die Eier weg!“ Gleichzeitig stieß er sein Maschinengewehr in Khaleds Magen. Khaled machte einen Schritt zurück, sah aber trotz seiner Angst dem Polizisten in die Augen. Als er das von der heißen Sonne fast glühende Gewehr in der Nähe seines Geschlechts spürte, zuckte er zusammen.
Seine Angst verstärkte sich noch, als der Atem des Wachpostens sein Gesicht anwehte. Eine flüsternde Stimme, die aus dem Brustkorb dieser Bestie aufstieg, übersäte Khaled mit wüsten Beschimpfungen. Heiß und nach Tabak und leerem Magen stinkend, war der Atem ekelerregend.
Mit klopfendem Herzen betrat Khaled das Gebäude und fand sich zunächst in einem kalten, grauen Flur mit einfachem Mosaik wider. Das ununterbrochene Kommen und Gehen von Angestellten und Bürgern schuf ein ständiges Getöse, und das Geflüster der vielen Menschen vereinigte sich zu einem einzigen, unregelmäßigen Gesang.
Dieser stieg zur hohen Decke auf, um kurz darauf wie eine Schar heruntersausender Pfeilspitzen die Ohren zu durchbohren.
Die Schlange vor dem Schalter, an dem Khaled sich anstellen musste, war unendlich lang. Er wartete über drei Stunden, dann ging er zurück nach Hause. Noch war das Mittagessen nicht fertig, und so legte Khaled eine kleine Pause bei Ba Lahcen ein, der Witze erzählte, deren Details Khaled nicht immer verstand. Die Sonne war dabei, jeden Winkel der kleinen Straße zu erobern.
Ein großer, kräftiger Mann, der eine schneeweiße Djellaba, das traditionelle, kaftanartige marokkanische Gewand, und einen roten Fez trug, ging an ihnen vorbei und grüßte alle Händler mit einem Nicken. Er unterschied sich von den anderen Männern vor allem durch die Form seines Schnurrbartes. In seiner Person vereinigten sich Autorität und Dekadenz. Ba Lahcen stand ungewöhnlich schnell auf, küsste ihm die Hand und kehrte an seinen Platz zurück. Versonnen sah er dem Mann nach.
„Wenn man ihn sieht, könnte man ihn für einen Minister halten. Aber in Wahrheit ist er ein jämmerlicher Zuhälter“, sagte der Alte zu Khaled und beide brachen in Gelächter aus.
Dieser mächtige Mann aus Oujda, der Wirtschaftsmetropole ganz im Osten des Landes, war der neue Ehemann der Hellseherin Mina, die eine Etage unter Khaleds Familie wohnte. Auch wenn sie seine vierte Ehefrau war, gelang es nur ihr, ihn zappeln zu lassen. Immer wenn ihr danach war, ihn zu sehen, bestellte sie ihn ganz nach ihrem Belieben zu sich. Sie entfachte sein Feuer und er tanzte so lange vor seinen anderen Frauen und Kindern herum, bis er den nächsten Flug nach Casablanca genommen hatte.
Gleich nach seiner Ankunft aber war Minas Feuer meist schon wieder erloschen. Der Fremde verströmte einen Geruch von Amber und Aloe, der sich im ganzen Haus breitmachte und so jedes Mal den Geruch nach Moschus und den köstlichen traditionellen, aber fettigen Gerichten vertrieb.
Weil Khaled nun schon der Magen knurrte, verabschiedete er sich von Ba Lahcen, stieg schnell die Treppe hinauf und betrat durch die immer offenstehende Tür in der zweiten Etage die Wohnung. Als er seine Mutter sah, umarmte er sie.
Seine Schwester Khadija, die dabei war, den Flur zu wischen, verbot ihm, das Wohnzimmer durch den Flur zu betreten. Er regte sich erst auf, beruhigte sich aber schnell, als er an ihr Schicksal dachte. Khaled saß auf einem Hocker in der Küche und wartete darauf, dass der Boden trocknete. Khadija tat ihm immer Leid. Sie war älter als er und hatte schon die meisten der schönen Ereignisse, die ein junges Leben prägen, hinter sich gelassen. Nach der Mittleren Reife im Collège Prince Sidi Mohamed hatte sie sich entschieden, eine Ausbildung als Bäckerin im Maarif – einem modernen und schicken Viertel in Casablanca – zu absolvieren.
Nur einige Wochen hielt sie durch, bevor sie, ohne eine Erklärung abzugeben, das Handtuch warf. Nun half sie wieder, wie schon jahrelang zuvor, ihrer Mutter im Haushalt.
