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Die Grafikerin Selin Zwingli wartet vergeblich auf ihren Durchbruch als Künstlerin und darauf, schwanger zu werden. Als ihr Freund, Chefredakteur eines Kunst-Magazins, beeindruckende Bilder einer völlig unbekannten tibetischen Künstlerin namens Nima zugeschickt bekommt, reift in Selin ein Plan. Sie gibt sich gegenüber dem Magazin als Nima aus, beginnt Bilder in ihrem Stil zu malen – und wird prompt als Sensation gefeiert. Als sie darüber hinaus auch endlich schwanger wird, scheinen sich all ihre Träume zu erfüllen. Doch dann taucht die wahre Nima auf, und Selins Lügengebäude gerät ins Schwanken.
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Seitenzahl: 452
Veröffentlichungsjahr: 2025
Zum Buch
Die Grafikerin Selin Zwingli wartet vergeblich auf ihren Durchbruch als Künstlerin und darauf, schwanger zu werden. Als ihr Freund, Chefredakteur eines Kunstmagazins, beeindruckende Bilder einer völlig unbekannten tibetischen Künstlerin namens Nima zugeschickt bekommt, reift in Selin ein Plan. Sie gibt sich gegenüber dem Magazin als Nima aus, beginnt Bilder in ihrem Stil zu malen – und wird prompt als Sensation gefeiert. Als sie darüber hinaus auch endlich schwanger wird, scheinen sich all ihre Träume zu erfüllen. Doch dann taucht die wahre Nima auf, und Selins Lügengebäude gerät ins Schwanken.
Zum Autor
Niko Stoifberg, geboren in Luzern in der Schweiz, leitet die englische Redaktion bei getAbstract, einem Unternehmen, das Sachbücher zusammenfasst. Er hat in der französischsprachigen Schweiz Germanistik studiert und als Eisverkäufer, Kellner, Briefträger, Cartoonist und Journalist gearbeitet. Sein TED-Talk »Stop Buying Stuff« wurde auf YouTube über eine Million mal geschaut. Eine Auswahl von Stoifbergs Kolumne »Vermutungen« erscheint als »Das Blaue Büchlein« mittlerweile in dritter Auflage. 2019 erschien sein erster Roman »Dort« bei Nagel & Kimche.
Niko Stoifberg
Abglanz
Roman
NAGEL UND KIMCHE
Das Buch enthält Zitate aus: Lama Anagarika Govinda:
Der Weg der weissen Wolken. Aquamarin Verlag, Grafing 2013. Copyright © Lama und Li Gotami Govinda Stiftung, Pforzheim 1966, S. 282/83, 300, 319 und 329.
Der weiteren Recherche dienten: Tsering Wangmo Dhompa: Coming Home to Tibet / Robert Twigger: White Mountain / Jeff Watt: www.himalayanart.org
Originalausgabe
© 2025 NAGEL UND KIMCHE
in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von wilhelm typo grafisch
Coverabbildung von Michelle De Rose / Trevillion Images
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783312014132
www.nagel-kimche.ch
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Urhebers und des Verlags bleiben davon unberührt.
Der folgende Text ist ein redigiertes Transkript von Audio-Dateien, aufgenommen von meiner Patientin Selin Zwingli auf ihrem persönlichen Telefon und gespeichert in einem Ordner namens »Diary« an den jeweils angegebenen Daten. Das Transkript unterliegt dem Arztgeheimnis und ist vertraulich zu behandeln. Jede Weitergabe oder Publikation ist ohne meine schriftliche Erlaubnis untersagt.
Dr. Felicitas Spuhler, 18. Januar 2025
18:19
Eines gleich vorweg, mein Liebes: Glaub bloss nicht, dass ich das will. Ich will ein Kind, kein Tagebuch. Dich gibt es nur wegen Frau Spuhler. Tagebuch ist nichts, was ich von mir aus jemals schreiben würde, let alone in ein iPhone sprechen, wie eine Polizistin auf Streife. Es ist Frau Spuhler, die das vorschlägt, »Tagesprotokoll« nennt sie’s. »Dysfunktioniale Kognitionen« soll ich hier festhalten, konkret: Dinge, die ich scheisse finde.
Diese Dinge, sagt sie, sind nicht wirklich scheisse. Scheint nur so! Ich nehme sie nur scheisse wahr. Es ist nicht wirklich scheisse, dass ich nichts – rein nichts – zustande bringe, nichts, was jemand sehen will. Es ist auch gar nicht scheisse, dass mein Freund nicht mit mir schlafen will, seit er gemerkt hat, was das heissen kann: Ein Kind! Von der! Nein danke! Und es ist nicht scheisse, dass mein Vater alles scheisse fand und bald beschloss, es sein zu lassen, noch bevor ich reden konnte. Nein, das alles ist nicht scheisse, wenn wir es nur richtig deuten, richtig sehen, »überprüfen«. Kognitive Therapie. Frau Spuhler glaubt daran. Und ich? Ich glaube an Frau Spuhler; immerhin ist die im Gegensatz zu Gott ganz nett und engagiert sich.
»Machen Sie’s doch so wie ich«, sagt sie, »Sie müssen gar nicht schreiben. Reden ist eh besser, nicht nur schneller, auch natürlicher. Sie können reden wie mit einer Freundin oder wie mit mir.« Sie selber, sagt Frau Spuhler, schreibe einen einzigen Satz im Jahr: »Frohes Weihnachtsfest auch dir, liebe Oma!« Alles andere spricht sie in ihr Telefon, sowohl in der Praxis wie auch Einkaufslisten und so. Wenn sie wirklich mal was schriftlich brauche, sei die Texterkennung längst gut genug. »Ob Sie schreiben oder sprechen, ist egal, Frau Zwingli, wichtig ist, dass Sie sich zu dem bekennen, was in Ihnen vorgeht, dass Sie ehrlich sind.« Sie verlangt nicht mal, dass ich ihr das Zeug in der Sprechstunde zeige, das heisst, abspiele. »Ehrlich mit sich selbst – das müssen Sie sein!«
Also mach ich, was sie sagt; sie kennt sich aus und ist nicht doof. Höchstens ein bisschen unerfahren, was den Scheiss des Lebens betrifft. Zwar könnt ich ihre Tochter sein, und immerhin hat sie den Scheiss studiert, aber das ist nicht dasselbe, wie wenn du bis zu den Knien drinstehst. Apropos Tochter: Was, wenn sie mich adoptieren würde? Muss ich mir notieren, das ist gut, das schlag ich nächste Woche vor: Adoption als Therapie.
Aber okay, dann nehm ich jetzt jeden Tag ein paar Dinge auf, wenn sie das so will. Darfst ihr dankbar sein, mein Liebes: Du verdankst ihr deine Existenz. Und ich dir, wer weiss, vielleicht mal meine.
18:50
Dysfunktioniale Kognitionen. Negative Gedanken. Zum Glück hab ich kaum andere, da brauch ich nicht lange nachzudenken.
Ist es okay, wenn ich Du zu dir sage? »Liebes Tagebuch«, schreiben die Leute – das geht in unserem Fall ja nicht. »Liebes iPhone«, »Liebe Sprachmemo-App«? Ich nenn dich einfach »Liebes«, ja? Geh davon aus, dass dir das recht ist. Gut.
Und weisst du was? Vielleicht sollt ich mich, bevor wir mit dem Exorzismus beginnen, erst einmal vorstellen. Hast ja keine Ahnung, worauf du dich einlässt. Also: Céline Zwingli, demnächst 33. »Selin«, seit ich Künstlerin sein will, was ich sicher niemals werde. Selin Zwingli, Illustratorin. Ich hoffe, wir verstehen uns.
Du sagst nichts. Musst du nicht, fühl dich nicht bedrängt. Es reicht ja völlig, dass du da bist. Das ist wichtig, sagt Frau Spuhler: da sein füreinander. Und wer wär denn für mich da ausser Frau Spuhler, und jetzt ausser dir? Niemand. Mama nicht, die hat ihre eigenen Sorgen. Papa nicht, der ist schon dort statt da – für den Fall, dass du an sowas glaubst. Schön wär’s, es wäre ihm zu gönnen. Immerhin war Papa konsequent, nicht wie ich, der war nicht so ein Feigling. Timm? Am allerwenigsten. Der kommt zwar bald nach Hause, konkret – wart – genau in elf Minuten, aber wirklich da sein wird er nicht, ist er noch nie gewesen. Nicht einmal vor sieben Jahren, als wir hier eingezogen sind. Da war’s ihm wichtig, dass er diese Sherman-Prints aufhängen konnte, nichts von mir natürlich, wär ja peinlich, eigene Kunst aufzuhängen. Heute würd er’s nicht mal merken, wenn ich die umhängen würde. Heute ist er höchstens noch als Körper da – als ein nutzloser – und gedanklich irgendwo, wo immer ihn das nächste Heft grad hinführt, Tel Aviv vielleicht, Helsinki, Brooklyn, Berlin-Mitte. »Where the action is«, sagt er, und eins ist klar: Hier ist sie nicht. Nicht wenn ich hier bin jedenfalls. Nicht hier bei mir, bei dieser Heulsuse. Hier wird nur geflennt, gedöst, geträumt. Nicht einmal mehr gemalt.
In elf Minuten wird er da sein, pünktlich wie Immanuel Kant. Obwohl er ja so gern betont, was ihm das alles abverlangt, die Redaktion, die Interviews, die Business Lunches, Business Bitches, okay, die erwähnt er nicht – trotz all dem ist er immer pünktlich. Jeden Tag dieselbe Tram. In zehn Minuten kommt er rein, wir streiten uns wegen dem Essen, was es geben soll, warum nichts da ist, ich noch nichts gemacht hab, warum er nicht öfters kocht, nach einem seiner Helden, die er ja so gerne in sein Heft hievt, Ottolenghi, Schelling, Hazan, die ja alle ach so einfach mit so wenig kochen können, ach so fresh, ach so authentisch und doch ach so kreativ, warum macht er nicht was von denen? Dauert ja nur zehn Minuten, wenn du seinen Hymnen glaubst!
In neun Minuten ist er hier – wenn ich ans Fenster ginge, würd ich ihn bald sehen, ums Eck kommend, Mantelkragen hochgeschlagen, Knöpfe im Ohr, wahrscheinlich hört er grad den neusten Dave-Chang-Podcast. Immer bestens informiert und immer bestens inszeniert. Und pünktlich wie Immanuel Kant.
Lustiger Name, Kant. Weisst was? Wenn ich mal Pornos drehen sollte – und so weit kommt es bestimmt –, nenn ich mich Emanuela Cunt.
Gefällt dir? Wir verstehen uns.
14:25
Ich sollte dir, fällt mir wieder ein, negative Gedanken anvertrauen. Hab ich die? Ich glaube schon.
Aber weisst du, wer mich richtig nervt? Noch mehr als Timm und all die andern? Welche anderen eigentlich … Das Biest da oben. Hörst du sie? Ich könnte sie umbringen. Schon seit Tagen macht sie mich jetzt fertig, während ich nichts fertigkriege ausser negative Gedanken. Immer fliegt sie zu der Luke hoch, surrt eine Weile rum, tut so, als ob sie rauswill, bis ich irgendwann die Luke öffne – aber glaubst du, sie geht raus? Nein, nein, dann wird sie plötzlich ruhig, geniesst die frische Luft, schaut auf mich runter, wartet, bis ich endlich weiterrede, weiterzeichne, irgendetwas in der Art von Konzentration aufbringe. Ganz geduldig wartet sie, und dann, wenn ich sie nicht mehr sehe, nicht mehr höre, sticht sie runter. Ich weiss nicht mal, wo und wie; ich spüre nur, wie diese zarte Blase, die vielleicht soeben meinem Kopf entstiegen ist, schwach schimmernd, wabernd, langsam wachsend, unter ihrem Angriff platzt. Wie ein Kamikazeflieger stürzt sie sich auf meine Arbeit, jeden einzelnen Gedanken. Schluss, peng, fertig. Neu beginnen. Wie ein Kamikazeflieger, nur dass sie rechtzeitig abschwenkt, noch zehn Runden um mich dreht – einfach weil’s Spass macht, nehm ich an, weil ich mich so schön ärgere –, noch hier und dort kurz einen Stopp macht, auf dem Tisch, auf meiner Nase oder – so wie jetzt! – auf dir.
Wenn sie das nächste Mal auf deinem Display landet, macht es klatsch!, dann patsch ich sie hier auf den Tisch. Dein Leuchten scheint sie anzuziehen. Guter Plan. Bist du bereit?
Sie sitzt schon wieder oben, in der Luke. Reibt sich ihre Hände. Komm nur her, du Biest, wir sind bereit! Du kommst doch sonst auch ständig! Wär ja lustig, wenn ich quasi ihren Tod hier live aufnähme:
Klatsch!
Natürlich kommt sie nicht. Denkt nicht daran, frisiert sich lieber. Styling für den Abendausgang. Wenn sie Glück hat, findet sie dann einen, der sich auf sie hockt. Dann bringt sie nächste Woche ihren ganzen Kindergarten mit.
Wie sie jetzt auf mich runterschaut. Wahrscheinlich sind die schlauer, als ich denke. Ich bin hier der Trottel.
Komm! Ich leg dir einen Krümel hin, komm her, du Alien! Sind deine tausend Augen blind? Komm her, dann macht es patsch, und fertig.
Allerdings, für dich, mein Liebes, wär das nicht gerade schön. Du hättest all ihre Innereien und ihr Blut auf dir verteilt, auf schätzungsweise ein bis zwei Quadratzentimetern, rot-braun-schwarz. Gut abwaschbar, doch die Tonaufnahme bliebe. Würdest du mir verzeihen? Müsstest du halt, wohl oder übel. Empfindlich darfst du eh nicht sein, bei allem, was ich dir wahrscheinlich noch an Grausigem zumuten werde.
Wie auch immer, alles zwecklos leider, diese Schlampe traut sich nicht. Wie ich: Ich würd’s ja auch nicht tun. Ich könnte nicht, ich Feigling, würde hoffen, dass sie mir entwischt. Ich kann niemanden töten, habe ich Frau Spuhler auch gesagt. Niemanden. Nicht einmal mich selbst.
11:39
Sehr analytisch ist das nicht, was wir hier machen, du und ich, nicht wahr? Weiss nicht, ob das was bringt. Auch dieses Seropram, ich merke keinen grossen Unterschied. Sind immerhin schon fast vier Wochen, seit ich das jetzt nehme, und es waren keine guten Wochen.
Gestern war ich in der Stadt, bin in sämtliche Uhrengeschäfte gegangen. Hab ihnen folgendes Kunstprojekt vorgeschlagen: Alle Uhren auf fünf vor zwölf. Stell dir vor, in der Auslage – in allen –, das würde bestimmt sofort auffallen. Die stehen sonst ja meistens auf zehn nach zehn. Idealerweise wäre auch der Bahnhof dabei gewesen, die Schulen, die Kirchen. Fünf vor zwölf in der ganzen Stadt! Wunderbarste Konzeptkunst wäre das, instagrammable, titelseitenwürdig. Ich hätte das überall machen können – Paris, New York, Tokyo, Abu Dhabi. »Der Weckruf dieser Künstlerin geht um die Welt.« Aber weisst du, wie viele dieser Haute Horlogers darauf eingegangen sind? Kein einziger. Bei Dübelin durft ich in die Chefetage; die andern haben gleich am Eingang abgewunken. Aber auch für den äusserst charmanten Dübelin Junior war sofort klar: »Das ist uns als Botschaft zu negativ. In dieser Rolle sehen wir uns nicht.«
Negativ. Sowas soll ich dir also berichten. Timm ist übrigens draussen, joggen, wir können uns offen unterhalten. Dass ihm das nicht zu spiessig ist! Boah, Jogger. Fucking On-Schuh-Träger.
Apropos Schuhe, apropos fünf vor zwölf: Dienstag ist die Peyer-Präsi. Shit. Peyer Outdoor. Es geht aufwärts! Schöner Claim, im Grunde, nur ironisch, dass sie für so etwas mich anfragen. Vielleicht macht es Bene auch allein, oder vielleicht Jeanne, falls sie ihr das zutrauen, einen Wanderschuh zu fotografieren. Oder aber wir machen’s zu dritt, wie so oft, dann können wir auch schön teilen, dann lohnt sich die Sache ganz besonders. Na ja, irony off, immerhin kommen die seit Jahren regelmässig mit Aufträgen. Ich sollte Bene dankbar sein, dass er die angeschleppt hat und mit uns teilt.
Bene Brun – kannst du ja gar nicht wissen – ist der Gründer von Atelier B, oder besser: eines der Gründungsmitglieder. Das andere ist Jeannette Barmet, Nettie, wie sie damals hiess. Heute will sie Jeanne genannt werden, wegen Jeanne d’Arc, vermute ich – so fühlt sie sich, glaub ich, wenn sie auf ihrer Yamaha 125 fotografieren fährt. Die beiden sind kein Paar, falls du dich fragen solltest, bloss Businesspartner. Überhaupt glaube ich, dass Nettie recht hat, wenn sie sagt, dass Bene schwul ist. Kinder hat er zwar, zwei Buben, und auch eine treue Frau, »aber schwul ist er trotzdem, der Gute«, sagt Jeanne, »er weiss es selber nur noch nicht«. Egal, ohne ihn wär der Laden jedenfalls längst wieder zu und wir alle ohne Job. Er kennt alle möglichen Leute, wie eben damals den Peyer Junior, und er nimmt mit seiner tollpatschigen Begeisterung alle für sich ein – alle jedenfalls, die sich nichts Besserers als das Atelier B leisten können.
Am Dienstag also Peyer-Präsi; das heisst, morgen müssten wir etwas machen. Es geht aufwärts! Wie wär’s mit Bergen?
12:22
Mittag, puh. »Wir schaffen das.« Die sind drinnen immer noch am Diskutieren, ich hier draussen am Diktieren. Und am Rauchen, zum Glück als Einzige noch. Wüsste nicht, wie ich das aushalten würde, so einen richtigen Arbeitstag, ohne ein paar Minuten allein. Bene hat die gloriose Idee gehabt, Schuhprofile zu fotografieren, in Nahaufnahme, sodass sie wie Landschaften aussehen, Berge und Täler aus Gummi. Verstehst du? Und ich darf das jetzt für die Präsi zeichnen, denn Jeanne sagt, dass schaffe sie nicht so schnell, Makrolinsen, Fokus-Stacking, blablabla. Lieber würde sie eine Serie verwenden, die sie mal auf irgendeinem Pass geschossen hat, halb im Nebel, Grau in Dunkelgrau. Du müsstest die Bilder sehen, selbst Bene fand sie »etwas düster«. »Dann können wir gleich Stockfotos nehmen«, habe ich gesagt. Nicht so gut angekommen. Jedenfalls, jetzt zeichne ich halt Gummiberge. So flexibel bin ich mittlerweile. Und eine bessere Idee hab ich ja auch nicht.
00:46
Viertel vor eins, daheim, geschafft. Heute hast du dich gedulden müssen. Und ich muss natürlich sehr, sehr leise sprechen, denn da drüben schläft ja jemand, der auf keinen Fall noch auf mich warten konnte, weil er morgen sehrfrüh rausmuss. Hab kurz reingeschaut; natürlich ist er seit ziemlich genau Ein-drei-Viertel-Stunden im Bett, wie’s Matt Walker empfiehlt, wie’s Matt Walker ihm persönlich empfohlen hat, in diesem Interview neulich. Heisst es nicht immer, dass die Menschen im Schlaf alle liebenswürdig aussähen? Richtig ist das Gegenteil. Zumindest, wenn es um den da geht. Dieser Gesichtsausdruck, wenn er schläft – schon bald der einzige, den ich von ihm kenne. Er sieht nicht glücklich aus, nicht friedlich, aber auch nicht etwa besorgt, sondern einfach nur ganz und gar gleichgültig. Dabei schläft er wahrscheinlich nicht mal. Der tut nur so, darauf würd ich wetten. Regt sich auf, dass ich erst jetzt komme, Licht mache, lässt sich aber nichts anmerken. Sonst müsste er ja im dümmsten Fall noch mit mir reden, mir zuhören. Deshalb liegt er ja auch so da, sobald ich ins Schlafzimmer komme, Bein angewinkelt, Knie in meine Richtung, damit ich ihm ja nicht zu nahe komme. Meine Hände riechen nach Leim, vom Pappen-Aufziehen. »Kannst du sie nicht waschen?« Hat er neulich mal gefragt. Andere Menschen schnüffeln Leim.
17:54
Zurück von den Peyers, nicht schlecht gegangen. Und das, obwohl Frau Peyer dabei war. Natürlich wollen sie Stockfotos, das hab ich Nettie ja gesagt. Sie ist fuchsteufelswild geworden, durfte sich aber nichts anmerken lassen. Die Gummiberge wollen sie nicht. Der Peyer selbst fand sie »noch witzig«, seine Gattin aber »bedrohlich, gespenstisch«. Fast so gespenstisch wie Jeannes Nebelbilder. »Wenn wir so schöne Berge haben, müssen wir sie doch auch zeigen!«, sagte die Patriotin Peyer. Dass Stockbilder dann wahrscheinlich aus dem Kaukasus oder aus Feuerland stammen, geschenkt, das wird sie nicht bekümmern. Jedenfalls, wir können drei Sujets machen, zweieinhalbtausend each.
20:06
Das war ein stilles Abendessen mit Timm. Neulich hat er tatsächlich gehört, wie ich mit dir hier drin gesprochen habe. »Redest du jetzt bereits mit dir selbst?«
Muss ein bisschen vorsichtiger sein, sonst ruft er irgendwann noch die Polizei.
Aber die Fliege, die hat er gefangen. In ein Wasserglas gesperrt und darin rausgetragen. Wie sagt man? »In die Freiheit entlassen.« Was für eine noble Tat! Bestimmt erwartet er jetzt den Friedensnobelpreis dafür. Und die Heiligsprechung. Klar, dass er sich als der grosse Tierliebhaber aufspielen muss, nachdem er Jonathan Safran Foer neulich derart tief reingekrochen ist. »Illuminiert« sei er, hat er danach gesagt, obwohl es, nehme ich doch an, auch in Herrn Foers Arsch dunkel ist.
Ich kauf ihm das keine Sekunde ab – kannst du dich dran erinnern, wie er damals mit dem Hummer umgegangen ist? Kannst du nicht, war vor deiner Zeit. Jedenfalls: Da war Tony Bourdain noch the man, noch nicht Jonathan Safran Foer, und Timm hat am liebsten Oktopus gegessen – ein Tier, das ihm an Gefühlen sicher deutlich überlegen ist.
Egal, Hauptsache, das Biest ist weg.
08:38
So, hallo! Timm weg. Hat sich Zeit gelassen im Bad; die Welti wird’s zu schätzen wissen. Weisst nicht, wer das ist, die Welti? Vivienne Welti? Weisst du nicht?! Das darf doch nicht wahr sein! Dabei kannst du sie jeden Samstag lesen, Weltis Welt, Seite sechs im Magazin! Die liest doch jeder und jede! Du nicht?! Sei bloss froh, dass sie das nicht weiss, die Bitch. Die würde dir gleich die Augen ausstechen beziehungsweise die Mikrofonlöcher.
Das ist ja noch ein weiterer Vorteil davon, dass du kein geschriebenes Buch bist: Timm kann dich nicht heimlich lesen. Das würde der bestimmt sofort tun, in der Hoffnung, in dir einen Grund zu finden, mich aus seinem künftigen Leben zu streichen. Da hätte der keine Hemmungen, wenn er ein Tagebuch auf meinem Pult liegen sähe. Aber hier versteckt, in einer App, die auf der zweiten Swipe-Seite ganz zuunterst in einem Ordner »Extras« steckt, zusammen mit »GarageBand«, »Numbers« und einem Kompass, da wird er dich nicht suchen, nicht mal, wenn er das Passwort kennen sollte. Hab ich’s ihm mal gegeben? Weiss nicht mehr. Falls ja, hat er’s ganz bestimmt vergessen.
Wer dich natürlich lesen kann – so naiv bin ich nicht –, ist Apple, die Software, das ganze Internet, wer auch immer sich für mich interessiert. Aber das ist ja gerade der Punkt: Es interessiert kein Schwein, was ich mache oder denke, posi- oder negativ. Dieses ganze Privacy-Geschwafel ist doch komplett lächerlich. Nicht nur lächerlich, auch noch heuchlerisch: Wir sind angeblich ach so besorgt, dass jemand in unserer Privatsphäre rumschnüffeln könnte, diesem ach so heiligen Bezirk, und gleichzeitig opfern wir täglich Stunden, um genau diese heiligen Handlungen – wie wir Früchte mixen, Hosen anprobieren, einen Sonnenuntergang geniessen – auf Insta oder sonstwo zu entweihen. Und wehe, es likt sie niemand! Wehe, es ist den Göttern egal, ob wir ihnen Mangos oder Avocados darbringen. Die Götter, das sind die anderen. Die auf keinen Fall alles von uns wissen dürfen, aber möglichst alles von uns liken sollen. Die ultimative Heuchelei. Deshalb sind wir ja ständig am Posten und Sharen: weil wir hoffen, dass uns irgendjemand wahrnimmt, dass sich wenigstens ein paar Götter unserer erbarmen.
12:09
Peyer-Update: Sie wollen definitiv Stockbilder. Für Jeanne heisst das, sie kann wieder einmal nullkommagarnichts zur Kampagne beitragen. Hat Peyer einen »Goretexhosenscheisser« genannt und seine Frau ein »Kunstlederfotzengesicht«. Irgendwann wird sie sowas in eine E-Mail schreiben, in der der Peyer versehentlich noch im Cc steht. Arme Jeanne; natürlich hat sie vollkommen recht.
Ach ja, ich selbst darf immerhin bisschen Logo-rumschieben und entscheiden, welche Schriftart es diesmal sein soll. So viel künstlerische Freiheit geniesse ich!
17:55
Was soll ich dir über heute erzählen? Der Tag schaut aus wie jeder andere. Oben ist der Himmel, unten die Erde. In Neuseeland ist es umgekehrt; macht offenbar keinen Unterschied.
Ich glaube, das hat Papa mir mal gesagt, als er mir dieses Buch vorgelesen hat, Mein erstes Buch von Himmel und Erde. Das steht immer noch da drüben im Regal, würde eigentlich der Schulbibliothek gehören. Dort fehlt es jetzt, so wie Papa hier.
Hab mich oft gefragt, warum er Lehrer wurde. Wie willst du Kinder zum Lernen motivieren, wenn du dich nicht mal zum Leben motivieren kannst? Ausgerechnet Lehrer, ausgerechnet er. Wahrscheinlich war das einfach, was man damals wurde, wenn man etwas schlauer war als der Rest, aber komplett lebensuntüchtig.
War bei Frau Spuhler, donnerstägliche Kontrolle. Sie freut sich, dass ich das wirklich mache mit dir – hat sie wohl nicht erwartet. »Trotzdem, zur Sicherheit« schlägt sie vor, von 20 auf 30 Milligram Seropram hochzugehen. Mir egal. Bis jetzt hat’s weder genützt noch geschadet.
Dann wollt ich ihr etwas vorspielen von diesen Aufnahmen, quasi als Beweis. »Nicht nötig«, sie merke das sofort, ob sich jemand darauf einlasse oder nicht. Es reiche ihr, wenn ich ihr Woche für Woche das eine oder andere direkt erzähle – und nur, wenn ich mich dabei wohlfühle. Vielleicht helfe das Tagebuch dabei – wenn man etwas schon einmal ausformuliert habe, falle es üblicherweise leichter, ein weiteres Mal darüber zu sprechen. Kann sein; ihr würd ich eh alles erzählen.
Und dann haben wir uns also den dysfunktionialen Kognitionen gewidmet. Frau Spuhler hat drei davon ausgemacht:
Erstens, dass meine Kunst nichts tauge. Zweitens, dass Timm kein Kind von mir wolle. Und drittens, dass ich familiär bedingt zur Depression verdammt sei.
Nichts davon sei zwingend richtig – sie hat allerdings auch nicht gesagt, dass es falsch sei – und alles eine Sache der Auffassung. »Automatische Gedanken« heisst das offenbar im Psychojargon: Du wirst von den immer selben Dingen getriggert und reagierst immer gleich, automatisch eben, wie Pawlows Hund – nur dass der sich über die Trigger gefreut hat. Automatisch aber, sagt Frau Spuhler, sei nicht automatisch korrekt, und schon gar nicht automatisch sinnvoll. Man könne mit jeder Tatsache – ohne dass sie jetzt im Hinblick auf diese drei Punkte überhaupt schon von Tatsachen sprechen möchte – so oder so umgehen, funktional oder eben dysfunktional. Laut ihr ist unsere Lebenswelt nicht, was sie ist, sondern was wir daraus machen. Und Glück, nach dem wir ja alle streben – das sei den allerwenigsten klar –, Glück sei immer und überall relativ. Es gebe kein absolutes Glück, keine absolute Zufriedenheit. Was wir als Glück oder Unglück taxieren, sagt sie, sei situationsabhängig. »Glück, Frau Zwingli, ist eine positive Abweichung vom Normzustand.«
Ich wusste zuerst nicht genau, was sie meint – muss am Normzustand meines Kopfes liegen –, aber dann hat sie Beispiele gebracht, und mit der Zeit hat’s mir gedämmert. Wenn jemand, sagen wir, in einem Slum wohnt, muss dieser Mensch nicht unglücklicher sein als jemand in einem Reichenviertel. Die Suizidrate unter Reichen ist sogar höher, laut Frau Spuhler. Wichtig ist nicht, wo und wie man aufwächst, was die Ausgangsbedingungen sind – sondern wie man im Vergleich zu den Leuten dasteht, mit denen man sich direkt vergleicht. Diese Peer Group gibt den Nullwert vor. Steigen wir über den Nullwert – geht es uns plötzlich besser als unserer Peer Group –, dann macht uns das glücklich. Sinken wir unter Null – spielt uns das Leben übler mit als den andern –, passiert das Gegenteil: Wir sind unglücklich. Nimm als Beispiel Fifi. Das ist Vivienne Welti, von der ich dir gestern erzählt hab; es nennen sie heimlich alle Fifi, weil das ziemlich gut beschreibt, wie sie Timm auf der Redaktion nachtrippelt. Wenn Fifi für einen ihrer richtigen Beiträge – falls sie denn überhaupt jemals einen schreibt – nicht so viele Likes bekommt wie Anne Applebaum, dann stürzt sie das nicht ins Unglück. Wenn ihr dasselbe mit dieser Tippse vom Zeitmagazin passiert – weiss grad nicht mehr, wie sie heisst –, dann schon, dann ist das der Weltuntergang. Wenn sie sich umgekehrt eines künftigen Tages in Applebaum-Höhe wiederfinden sollte – keine Angst, Liebes, wird garantiert nicht passieren, ebenso wenig, wie mich je ein Galerist anruft –, dann würde sie sicher vierzehn Tage lang dauerorgasmieren. Ohne Timms Hilfe. Aber, ebenfalls wichtig, laut Frau Spuhler: nur vierzehn Tage lang. Dann ist der Booster-Effekt verpufft. Konkret: Sie hätte dann eine neue Peer Group gefunden – Applebaum, Claire Lehmann und wie sie alle heissen – und müsste sich ab sofort mit denen messen. Zurück auf Feld eins sozusagen, oder besser: auf ein neues Nullniveau, in einen neuen Normzustand. In diesem wäre sie kein bisschen glücklicher als zuvor und müsste wiederum hoffen, die Peer Group unter sich lassen zu können. Nur dann werden Glückshormone ausgeschüttet.
Sofern jemand nicht »an Leib und Leben bedroht« sei, hat sie wörtlich gesagt, hätte jeder Mensch das volle Potenzial für Glück oder eben Unglück – unabhängig davon, aus welcher Situation er in die nächste Spielrunde startet.
Natürlich hat sie nicht von Fifis Leben geredet, sondern von meinem. Ich glaube ja auch, dass sie völlig recht hat, aber was mach ich jetzt damit? Dann sei das Unglück ja unvermeidlich, hab ich ihr gesagt, und sie hat gelächelt. Sie lächelt manchmal wie eine Sphinx. »Das stimmt«, hat sie gesagt, »aber das Glück auch.« Abweichungen nach oben – Glücksfälle – sind offenbar genauso häufig wie Enttäuschungen. Bei Depressiven allerdings, da sei diese Balance aus dem Lot. Wir Depressiven – mit dreißig Milligramm Seropram hab ich sicher Anspruch auf den Titel –, wir Depressiven sehen die Dinge systematisch tragischer, als sie sind. Sagt Frau Spuhler, sage nicht ich, aber hoffen wir mal, dass sie auch damit recht hat. Fazit: Es habe wenig Sinn, auf ein anderes, besseres Leben zu hoffen. Das sei »verlorene Liebesmüh«. Ich glaube, sie hat sofort gemerkt, dass der Ausdruck vielleicht nicht ganz passend war … Vielmehr müssten wir lernen – wir Depressiven –, dass wir das, was in diesem Leben passiert, wieder richtig, also objektiv betrachten.
»Aus meiner subjektiven Warte klingt das ganz vernünftig«, hab ich gesagt. Das fand sie lustig. Und ermutigend: Wenn ich mir diesen Humor bewahre, würden zwanzig Milligramm vielleicht schon bald wieder reichen.
17:21
Mama fragt, was ich zum Geburtstag wolle. Socken, sage ich. Socken!
Das sage ich nicht, das schreibe ich ihr. Wir reden ja nur noch miteinander, wenn es unbedingt sein muss. Konkret: Wenn jemand von uns ins Spital muss. Was bei mir zu ihrem grossen Bedauern kaum jemals der Fall ist; mindestens muss ich nicht in jene Klinik, in der sie mich gern sehen würde, die mit den herzigen kleinen Bettchen.
Socken sind das einzig Vernünftige, das sie überhaupt noch macht. Dieser Wolfram, mit dem sie zusammen ist: eine komplette Witzfigur. Dessen »Praxis«: praktizierte Dummheit, oder schlimmer: Scharlatanerie. Da lassen sich frühpensionierte Bäuerinnen, die grad schlau genug waren, um zu merken, dass der aktuelle Milchpreis tiefer ist als das, was sie für ihr Land bekommen, für genau so dumm verkaufen, wie sie sind. Und jetzt arbeitet sie dort auch noch mit! »Kinesiologie« – was soll das sein? »Muskelspannungen lösen« – wenn du mit ihm redest, diesem Wolfram – und jetzt ja mit Mama auch –, dann bekommst du eher den Eindruck, dass da erst mal Spannung aufgebaut werden sollte, nämlich zwischen den Hirnzellen. »Den Menschen in seiner Ganzheit erfassen« – wie soll das gehen, wenn er keinen Kopf hat? Das ist echt unglaublich, dass die sich für so eine Quacksalberei hingeben. Und dann auch glauben, sie könnten mich – und, noch lustiger: Timm – überzeugen. Ich würd mich ja gern bekehren lassen, nur um ihn zu ärgern, aber weder bin ich dazu doof genug, noch gönne ich Wolfram den Triumph.
Dreißig Milligramm. Ist das wirklich nötig?
16:23
Hörst du mir zu?
Du kannst nicht anders. Deshalb liebe ich dich so, schon nach einer Woche Kennenlernzeit. Du bist offen für alles, was ich mit dir teile. Anders als ein Mensch. Was du erwartest, ist nur Ehrlichkeit. Ich bin ehrlich, du bist offen. Das ist unser Deal, okay? Menschen sind nicht offen. Was ein Mensch nicht hören will, nicht sehen oder fühlen, schliesst er aus. Das lässt er nicht in sich hinein, am besten nicht mal an sich ran. Wenn’s gar nicht anders geht, interpretiert er es, biegt es zurecht, bis es ihn nicht mehr treffen kann. Das alles kannst du nicht, du akzeptierst fraglos, was ich dir sage. Ändern kannst du eh nichts dran, denn alles, was ich dir erzähle, ist bereits Vergangenheit. Was ich beim Frühstück noch gehofft hab, dann am Mittag aufgegeben, was ich dann getan beziehungsweise eben nicht getan hab: alles passé, alles fix und fertig. Selbst wenn ich an morgen denke – nicht, dass es sich lohnen würde –, selbst wenn ich dir das erzähle, was da eventuell noch kommt, lässt sich daran doch nichts mehr ändern. Was passieren wird, das wird passieren, alles andre nicht. Wir haben das nicht in der Hand. Vielleicht sind wir in Gottes Hand – dann wäre der ein rechter Arsch –, vielleicht sind wir sein Spielball oder halt ein Spielball ohne Spieler. So ein Ball wie die Planeten. Die sind auch mal einfach in die Luft geflogen, Urknall, peng, und drehen sich seither im Kreis, blödsinnig, ohne jede Chance, irgendwann mal auszubrechen, Umlaufbahn gleich Hamsterrad. Alles vorbestimmt, natürlich, alles Gute, alles Schlechte. Und das Schlechte ist natürlich in der grossen Überzahl; statistisch logisch, wie beim Lotto. Alles wird nur abgewickelt, Schicksalsfaden von der Spule. Abgewickelt nach Gesetzen, die seit je dieselben sind und über die wir leider nicht abstimmen können an der Urne.
Prädestination – darüber hat sie nichts gesagt, Frau Spuhler. Dass ich gar nicht anders sein kann, als ich eben bin. Ein Wrack. Wie soll ein Wrack denn schwimmen können? Glaubt sie wirklich, dass sie mich aufbauen kann? Mit Seropram?
Schicksalsfaden von der Spule. So wickelt sich das Leben ab, und wenn uns allzu schwindlig wird dabei, können wir den Faden ja jederzeit abschneiden, so wie Papa.
Macht Seropram auch schwindlig? Ganz bestimmt. Gibt nichts, was das nicht macht. Nur glücklich bis jetzt nicht, haha.
Aber jedenfalls soll es die Fruchtbarkeit nicht beeinflussen; das hab ich gefragt. Werden wir ja ab morgen sehen. Da wär’s nämlich wieder mal so weit. Next day sex day. Wie ich mich freue!
18:14
Fast den ganzen Sonntag im Café; Timm hat sich selbst gelesen. Wie er vor Stolz fast platzt, wenn sich die Leute um die zwei, drei Magazine streiten! Ich seh’s ihm durch die Sonnenbrille an, bei aller Nonchalance, die sie vorspiegeln soll. Und als die Kellnerin sagte, sie würden geklaut! Seit Neustem machen sie einen Stempel drauf. Er tat so, als würde ihn das stören, immerhin sei das Titelbild von Cass Bird. Von Cass Bird, wer würde sie nicht kennen!
Ironischerweise bin ich diesmal auch im Heft, mit einem Peyer-Inserat. Glaub nicht, dass Timm weiss, dass das von mir ist. Sicher wäre er mächtig stolz: Es zeigt einen atmungsaktiven Schuh.
Irgendwann hat er gefragt, wie spät es denn sei, da hab ich ihm mein Armband gezeigt. Er weiss natürlich, was das für ein Armband ist. Bezeichnend aber, dass er mich nicht mal drauf anspricht. Müsste sonst noch drüber reden. Allerdings bin ich fast sicher, dass er sich die Tage selber auch notiert hat, irgendwo. Man merkt’s ihm an, wenn er nervös ist. Wie er mich vorhin gedrückt hat, als er reinkam – er hat noch ne Runde gedreht –, das macht er sonst ja kaum noch. Nur gespielt. Und nicht mal gut; als Schauspieler würd ich ihn mit zwei von fünf Sternen bewerten. Jedenfalls, schon beim Nachhausekommen scheint er sich vorzubereiten. Fühlt sich in die Rolle ein, drei, vier Stunden vor dem grossen Auftritt.
08:18
Gestern also wirklich Sex. Es war genau wie letztes Mal: Er ächzt, wirft den Oberkörper zurück, pathetisch wie Napoleon, stösst zu, hält inne – und glaubt im Ernst, ich würde nicht merken, dass nichts kommt. Dann bleibt er lange auf dem WC, verschafft sich wohl Erleichterung. Er will auf keinen Fall Vater werden. Nicht meines Kindes jedenfalls. Er gönnt mir weder dieses Kind, noch gönnt er mir die Kunst noch sonst was.
Aber ich bin selber schuld. Ich könnte ihm ja sagen, dass ich ihn durchschaue. Mach ich nicht. Zu feige. Wie war das noch mal? »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.« Schön wär’s, liebe Ingeborg. Dir schon, vielleicht, ihm sowieso, aber mir nicht, viel zu schwach dafür. Zu schwach, zu alt und zu bedürftig. Wie gross ist die Chance, dass er sagen würde: »Ja, genau. Genau, ich will das alles nicht. Zumindest nicht mit dir, jetzt ist es raus. Sorry. So ist es halt.«
Wie gross ist diese Chance? Riesengross, so wie die Wolke da. Wenn ich ihn zur Rede stellte, hätte das dieselbe Wirkung wie so eine Silber-Bombe, mit der China Wolken platzen lässt. Wenn ich hingegen warte, zieht die Wolke vielleicht wieder weiter. Mindestens red ich mir das ein, mit Frau Spuhlers Hilfe. Alles halb so tragisch.
10:02
Rauchpause – ich geniesse die umso mehr, seit ich hier im Hinterhof allein bin. Selbst Nettie hat ja aufgehört, und Timm lässt sich hier sowieso nicht mehr blicken. Ich selbst rauche weniger als auch schon, aber aufhören – das hab ich Timm gesagt – tu ich erst, wenn ich schwanger bin, like it or not.
Beim Rauchen haben wir uns kennengelernt, vor – wann war das? – vor gut acht Jahren. Hier, in diesem Hinterhof. Damals kam er regelmässig vorbei, sehr regelmässig: um elf und halb vier. Wegen mir, auch wenn er das nie zugab und meistens irgendeinen Journi im Schlepptau hatte. Fifi gab’s damals noch nicht. Er war gerade frisch Chefredakteur geworden – nur vom Magazin, aber immerhin –, und ich war ebenso neu bei Bene und Jeanne. Dass er seinen Job seinem Vater verdankte – dem legendären Hannes Caminada, Verlagsleiter seit tausend Jahren –, das wusste ich ebenso wenig, wie Timm damals wusste, dass ich eigentlich nur aus Not in die Schachenstrasse einzog, weil ich die Selbstständigkeit allein nicht packte.
Schachenstrasse 21b. Darüber hat er sich gerne lustig gemacht, er von der 21a, dem »Nervenzentrum des Landes«, wie es der alte Hannes bis heute nennt: dass sich jemand nicht entblödete, seine Firma Atelier B zu nennen, nur weil er selbst Bene Brun hiess – zweimal B! –, die Geschäftspartnerin Jeannette Barmet – schon wieder B, ist das nicht unglaublich? –, und sie dank einer irren Schicksalsfügung diese Adresse – mit B!! – dafür fanden. »Dabei klingt der Name nur eines: zweitklassig«, hat Timm geätzt, und natürlich hat er recht.
Dass der zweitklassige Name den Output des Ateliers eigentlich ganz gut wiedergibt, hat er sich damals nicht zu sagen getraut – damals musste er sich ja erst mal beweisen, als Aufsteiger von seines Vaters Gnaden, damals war er noch froh um Kontakte zur Kreativszene next door, wenn auch nur b-klassig, wenn auch seine Mittelsfrau nur eine MaryLong rauchende Grafikerin war.
Ach ja, Nettie hat sich übrigens wieder beruhigt. Sie darf für ein Hilfswerk namens »Tischlein deck dich« Foodwaste fotografieren. Noble Sache, gut für sie und die Welt. Dass sich unser Tischlein mit solchem Charity-Zeug nicht deckt, ist ihr ja auch klar.
03:14
Viertel nach drei.
Er hat mich geweckt: »Du pfeifst.«
Ich: »Was?«
»Aus deiner Nase. Wie eine Pfeife. Jedes Mal, wenn du ausatmest.«
»Ich?«
»Ja, du. Sonst niemand hier. Schneuz dir halt die Nase, okay?«
»Okay.« Ich schneuze.
Dann, fünf Minuten später: »Du pfeifst noch immer, gottverdammt.«
Ich: »Wirklich?«
»Ja, wirklich. Sonst steh halt auf. Verstehst du? Ich kann mir das nicht leisten, ich muss um neun im Büro sein, Murakami anrufen.«
Ich: »Mura…?«
»…-kami! Der Murakami! Wilde Schafsjagd! Wenn wir Glück haben, schreibt er für uns, über Schuluniformen, super Thema, super Fotos, super Name. Wenn ich ihn überreden kann. Deshalb hab ich jetzt nicht die geringste Lust, mich hier rumzuwälzen, verstehst du das? Kann mir das nicht leisten.« Dreht sich weg. »Du vielleicht, aber ich nicht, klar?«
Ja, klar. Ich kann mir das natürlich leisten, kann ja schlafen, solang ich will, liegen bleiben, Girls gucken, bisschen was kritzeln. So ungefähr stellt er sich das vor. Geh ins Atelier, wenn’s mir grad passt, gegen Mittag. Und selbst dort: easy. Bisschen quatschen, Rauchpause, Insta checken, Matcha trinken, Zeitmagazin. Wenn ich wenigstens seines lesen würde!
Und er hat ja recht, genau so ist es. Dass ich heute bis Mitternacht dort sein werde, who cares? Er nicht. Es sei denn, ich stinke zu sehr nach Leim.
08:33
Vier Stunden Schlaf, und jetzt mit Bene zu Peyers. Nettie konnten wir gestern ja nicht gut fragen, ob sie uns mit all dem Zeug hilft. Wahrscheinlich hätte sie sogar, gute Seele, die sie ist.
11:04
Und zurück – alles verkauft! Frau Peyer fand die Landschaften »eindrücklich, Berner Oberland, oder?«. Habe getan, als hätt ich sie falsch verstanden. Die Wahrheit: Berchtesgadener Land. Musste sogar in einem Bild eine bayrische Flagge rausretuschieren. Gnihi.
Jetzt aber erst mal eine Zigi, als Ersatz fürs Seropram. Das hab ich heute voll vergessen.
Nachmittags dann Spuhler-Termin. Muss sie fragen, ob das Nikotin schlecht für die Fruchtbarkeit ist. Kenne zwar ein Dutzend Gegenbeispiele, aber sicher wird mir Timm irgendwann auch noch vorwerfen, es liege daran.
Als Druckmittel – ich höre auf, wenn ich schwanger bin – hat das Rauchen ja nichts genützt. Kein Wunder, wahrscheinlich stört’s ihn nicht mal mehr, wenn er genug Abstand hält. Ich versuche mich grad zu erinnern, wann er mich zuletzt auf den Mund geküsst hat … Wahrscheinlich müsste ich eine Packung pro Tag rauchen, damit er’s wirklich merkt. Oder Gras, das mag er nicht, der Streber. Jedenfalls, der Leim und das Schnarchen scheinen ihm grad deutlich mehr Sorgen zu machen.
17:14
War bei Spuhler; es bleibt bei den 30 Gramm – pardon, Milligramm, so weit kommt’s noch. Dass sich da sofort eine Änderung zeige, damit dürfe ich nicht rechnen, sagt sie, das werde sich über die Zeit ergeben, mit ihrer und deiner Hilfe, mein Liebes.
Heute hat sie sich viel Mühe gegeben, die drei automatischen Gedanken vom letzen Donnerstag zu entkräften.
»Wissen Sie, Frau Zwingli, wie häufig es ist, dass jemand ein Kind sofort wieder verliert? Es kann sein, dass Sie mehrmals schwanger waren, ohne es bemerkt zu haben.« Das sei nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel, sagt sie.
Und ich: »Regelblutung.«
Nur schon diesen Kommentar fand sie wiederum ein gutes Zeichen; Humor, selbst in der schwärzesten Form, deute auf einen »Riss in der Depression« hin, einen Ort, wo man ansetzen könne, das Stemmeisen ansetzen, sozusagen, und damit »die Krankheit aufbrechen«. Klingt gut.
Tatsächlich weiss sie natürlich, dass ich problemlos schwanger werden könnte – und schwanger war vor zweieinhalb Jahren.
Du weisst das noch nicht, das war in Uganda. Ich war da mit Timm auf Reportage, Gorillas im Bwindi-Nationalpark. Damals schrieb er noch, und ich durfte mit. Noch in Afrika machte ich den Test, positiv, alles gut. Dann kam die Krankheit. Weiss bis heute nicht, was es war – Dengue nicht, aber irgendwas Ähnliches, hämorrhagisch, mit Blutergüssen und so. Ich war froh, dass sie mich noch ins Flugzeug liessen, ich hatte Panik und dachte, das müsse Ebola sein und ich würde sterben. Timm hatte nichts, auch niemand sonst, aber selbst er litt, glaub ich, Höllenqualen, weil er neben mir sitzen musste im Flugzeug und nicht wusste, ob ich ansteckend war. Heute würde er mich wahrscheinlich dalassen, am Flughafen in Quarantäne schicken. Es waren elf fürchterliche Stunden in dieser Büchse, das kannst du mir glauben. Fieber, über vierzig Grad, Schwindel und ein Kopf wie ein Dampfkochtopf. Kaum waren wir dann aber gelandet und ich bei Frau Spuhler – zum ersten Mal –, war der Spuk, so glaubte ich, vorbei. Virustests negativ, Schwangerschaft positiv, und es ging mir wieder völlig normal bis auf zwei, drei milde Rückfälle. In der achten Woche verlor ich das Kind.
Das müsse nichts bedeuten, sagt sie, für künftige Schwangerschaften. Und dass es in meinem fortgeschrittenen Alter – fortgeschritten hat sie nicht gesagt – mehr Anläufe brauche als bei einer Jungen, auch das sei normal und zu erwarten. »Geduld bringt Rosen«, sagte sie; und ich: »Neurosen.« Und dann lachten wir.
Dass Geduld nicht viel bringt, wenn sich Timm zurückhält – oder zurückzieht, hat er auch schon gemacht –, sowas kann ich ihr noch nicht erzählen. Ist mir vor dir schon peinlich genug.
Dann haben wir über Kunst gesprochen. Dito. Dieselbe Regel, sagt sie: Wer glaubt, mit ein paar guten Ideen sofort den Durchbruch zu schaffen, sei ein Opfer des Survivorship Bias. Ein klassischer Denkfehler: Wir starren auf die, die es geschafft haben, denken: So gut bin ich mindestens, und vergessen, dass sie die Ausnahme sind. Auf jede Rosa Bonheur – dass sie die kennt! – kämen hundert Rosa Malheurs. Wer sich mit den wenigen Outliers vergleiche, diesen Günstlingen des Zufalls, sei tatsächlich zum Unglück verdammt. Aber nicht weil an der eigenen Kunst etwas falsch sei; falsch sei die Wahl der Peer Group. Siehe letzte Woche, hab ich dir ja erzählt.
Schliesslich, dritter automatischer Gedanke: Ich hätte die Gene von Papa. Depressive Veranlagung, kein Ausweg, endet, wie es muss. Auch das mit grosser Wahrscheinlichkeit falsch, laut Felicitas Spuhler, der Frohgemuten. Auch hier gelte die Outlier-Regel – Survivorship Bias konnte sie nicht mehr gut sagen, als es um Suizid ging –, dieselbe Regel, nur umgekehrt: Die tragischen Extremfälle seien die äusserst seltene Ausnahme, auch bei erblicher Vorbelastung. Nur bei fünfzehn bis zwanzig Prozent aller sogenannt familiär Prädisponierten kommt es offenbar zu einer Depression. Und wenn, dann äussert sich diese sehr unterschiedlich, nicht nach einem fixen Muster.
»Es gibt nicht ein Depressionsgen, das man hat oder nicht hat«, sagt Frau Spuhler. Jede Depression, ob schwach oder stark, sei ein Zusammenspiel vieler Faktoren, manche genetisch, andere nicht. Der Anteil jener Faktoren, die sich nicht oder kaum beeinflussen liessen – oder nur mit grober Chemie –, sei im Vergleich zu den anderen ziemlich klein. Und selbst diese schlechten Gene würden nicht automatisch aktiviert, nur weil das bei einem Familienmitglied der Fall war. »So einfach ist das nicht.«
Hier kommt – ich hoffe, du magst noch zuhören – ins Spiel, was man Epigenetik nennt. Umweltfaktoren, die darüber entscheiden, welche Gene »stumm«, also inaktiv bleiben, und welche quasi angeswitcht werden. Diese Faktoren, hat sie gesagt, »die können, die müssen wir beeinflussen. Und ganz genau darum sitzen wir hier«.
Das Risiko, übrigens, sagte sie noch, das Risiko neuer »Episoden«, das steige mit jeder unbehandelten depressiven Phase, deshalb sei das jetzt hier besonders wichtig. Das Seropram, das Tagebuch, die Donnerstagssitzungen, alles zusammen. Konsequenz sei jetzt gefragt!
Ach ja, Fruchtbarkeit und Rauchen: Daran liege es sicher nicht, sagt sie. Aber aufhören würde sie trotzdem.
10:16
Rauchpause, diese eine gönn ich mir noch. Nächste Woche schauen wir dann weiter.
Jetzt schau ich erst mal den Kondensstreifen nach, und weisst du, woran ich denke? Weder an Urlaubsreisen noch an den Klimawandel, wie ich wohl sollte, sondern nur daran, dass ich seit Jahren – mindestens fünf – kein Koks mehr hatte. An die weissen Linien denke ich, denen wir damals gefolgt sind, Timm und ich und die anderen, steil himmelwärts, dann wieder runter.
Hab ich Frau Spuhler auch nie erzählt.
Die anderen sind sanft gelandet, ich in einer Depression. Vielleicht war das Zeug einer der Faktoren, von denen sie gestern gesprochen hat. Und vielleicht auch nicht, wer weiss das schon. Jedenfalls ging es mir damals deutlich besser; dieses Seropram kann da nicht mithalten.
»Die Menge dessen, was jemand versteht«, sagt Frau Spuhler, »muss der Kapazität entsprechen, mit dem Verstandenen umzugehen.«
Wo das nicht der Fall sei, sei Glück nicht möglich. Deshalb sei es so gefährlich, wenn man grüblerische Menschen sich selbst überlasse. Sie sehen und verstehen Probleme, die andere, arm, aber selig im Geiste – das hat Jesus gesagt, nicht Frau Spuhler, aber sie meint dasselbe –, gar nicht erkennen, also quasi nicht haben. Ein Problem zu sehen, löst es aber nicht. Deshalb bräuchten kluge Menschen – ich sage das nicht über mich, das hat sie gesagt – viel mehr Hilfe als dumme, paradoxerweise.
Die Menge dessen, was jemand versteht, muss der Kapazität entsprechen, mit dem Verstandenen umzugehen.
Das war bei Papa nicht der Fall.
09:41
Weisst du was? Ich komme mir lächerlich vor, wenn ich so hier mit dir telefoniere. So sieht es ja aus, wie telefonieren, und das ist ganz praktisch, wenn mich jemand sieht. Man sieht mir den Dachschaden dann nicht an. Aber hier, zu Hause, wenn niemand da ist, da ist das irgendwie lächerlich. Da leg ich dich lieber einfach auf den Tisch, und du hörst mir zu. Okay? Okay.
Jetzt müssen wir das Wochenende aber leider mit etwas Schwierigem beginnen. Timm hat mir dieses Couvert hier hingelegt, bevor er rausgegangen ist, zum Markt, einkaufen, wie er sagt. Dabei geht es ihm ja nicht um das Gemüse, er geht ja nicht wirklich einkaufen, er geht, um unter die Leute zu kommen, um sich zu zeigen, um sich zu verkaufen. Wenn er Glück hat, erkennt ihn jemand, das gibt dann dieser neuen Fresskolumne, die sie haben, Samstagsmarkt, noch etwas mehr Credibility.
Jedenfalls, er hat mir dieses Couvert hingeworfen, »mit Bitte um Einschätzung«. Ja genau, als ob ihn meine Meinung interessieren würde. Adressiert von einer Nima Joris-Tsering, 3962 Supersax.
Jetzt schau dir das mal an, mein Liebes, schau dir mal diese Bilder an, die da drin sind. Das hier. Und das. Und das.
Weisst du, was das ist? Das ist Kunst! Grosse Kunst! Tibetanische Kunst! Oder sagt man »tibetisch«? Scheissegal. Kunst jedenfalls. Etwas vom Besten, offenbar, sagt mindestens Kennerin Vivienne Welti, das sie seit Langem gesehen habe. Etwas vom Besten! Seit Langem! No less.
Du kannst die Bilder natürlich nicht sehen; ich muss sie dir beschreiben. Also gut: Auf allen dreien sind so tibetanisch-tibetische Götter drauf, Buddhas, Gurus, Lamas, wie immer die heissen, mit vielen Händen, Füssen, Tieren, Wölklein und anderem Firlefanz. Wie man’s kennt; sowas hättest du auch schon gesehen, wenn du sehen könntest. Tibet halt. Aber – Achtung, jetzt kommt der Clou, der geniale, bist du bereit?
Diese Götter, oder besser: Göttinnen – zwei davon sind weiblich –, die haben nicht etwa einfach Buddha-Gesichter, sondern, wait for it, das von Prinzessin Diana, hier, das von Greta Thunberg, und hier, bei Nummer drei, von Mao.
Genial, oder nicht? Einfach reingebastelt. Darauf musst du erst mal kommen! Tibetanische Götterwelt, usurpiert von westlicher Prominenz. Wobei Mao nicht gerade westlich ist, okay. Aber immerhin anti-tibetisch. Stell dir vor, was da drinsteckt, wenn man das erst mal richtig analysiert! Wie das eine Vivienne Welti tut! Welche subversive Kraft! Und doch auch so authentisch, den eigenen Wurzeln verpflichtet. Nima Joris-Tsering. Klingt nach Exil.
Hintendrauf steht jeweils auch noch so ein Spruch, in schönster tibetischer Tusche natürlich. Sicher eröffnet sich dadurch noch einmal eine ganz andere Dimension. Wenn man sie denn lesen könnte, die schönen Zeichen. Oder einen Übersetzer kennt. Das tut Frau Welti natürlich; sie hat bestimmt gute Drähte zu Kathmandu.
Die grosse Kunstbotschafterin Welti, die Timm immer wieder die Augen öffnet, die auf Ai Weiweis Mittelfinger sitzen würde, wenn ein Interview dabei rausschaut. Ihr hat Timm diese Bilder gezeigt, und sie fand offenbar, dass sie mit dieser Tibetanerin, sorry, Tibeterin Nima Joris »etwas machen sollten«.
Nima Joris. Schöner Name! Wahrscheinlich reicht der alleine schon, um als grosse Künstlerin durchzugehen. Gerade mal diese drei Bilder hat Timm zugeschickt bekommen, ausgedruckt auf A4. Fotos eigentlich – die Originale sind Rollbilder ohne Rahmen, sie hängen an einer grob verputzten Wand, wahrscheinlich irgendwo in einem Kloster, wobei, nein, wo war es? Supersax. Ein Begleitbrief ist auch dabei. Soll ich ihn dir vorlesen?
Sehr geehrter Herr Caminada,
auf einer Zugfahrt habe ich Ihr Magazin vom Samstag, 17. Februar zum Thema Kunst gesehen. Darin stellen Sie »21 Künstlerinnen für dieses Jahrhundert« vor.
Ich fand es sehr erfreulich, dass ein Magazin wie Ihres die Bilder und Werke dieser Frauen aus aller Welt zeigt. Mir waren sie alle noch unbekannt, aber einige fand ich sehr interessant.
Weil ich selber seit vielen Jahren male, dachte ich, ich könnte ihnen ein paar Beispiele schicken. Ich bin in Dharamsala, Indien, aufgewachsen und habe dort das traditionelle tibetische Thangka-Malen erlernt. Es bedeutet mir sehr viel und ist für mich die beste Möglichkeit, in Verbindung mit meiner ersten Heimat zu bleiben.
Die drei Bilder, die ich Ihnen beilege, sind natürlich keine traditionellen Thangkas. Als ich mit meiner Mutter nach Europa kam, habe ich zuerst eine Weile lang Thangkas mit den Gesichtern meiner tibetischen Verwandten gemalt, um sie in Erinnerung zu behalten. Später sind dann Bilder wie diese drei entstanden, über die mein ehemaliger Lehrer in Dharamsala sicher die Stirn runzeln würde. Aber wie die Auswahl der Künstlerinnen in Ihrem Heft zeigt, haben Sie keine Angst vor Experimenten.
Vielleicht gefallen Ihnen meine Bilder und Sie machen wieder einmal eine Kunst-Ausgabe? Das würde mich sehr freuen.
Sonnige Grüsse aus den Bergen,
Nima Joris
Ja, ja, das würde mich auch sehr, sehr freuen, wenn ich da mal drin wär, in so einer Kunst-Ausgabe, wie sie’s nennt. Und zwar nicht mit einem Turnschuh-Inserat. An Gelegenheiten hätte es nicht gemangelt, über die sieben Jahre. Aber falls ich jemals eine Chance gehabt haben sollte, dann wäre das gleich am Anfang gewesen, bevor wir zusammenzogen. Damals gab es noch keine Interessenskonflikte, mit denen sich Timm entschuldigen konnte.
Heute? Keine Chance mehr. Nicht als Beischläferin des Chefredakteurs, nicht als privilegiertes Lehrerkind mit cleveren First-World-Kommentaren, nicht in dieser weissen, reichen Stadt. Dann schon eher als Exilantin, die den Fluch und Segen ihrer Heimat in kühnen Porträts an die Wand hängt. Die Zerrissenheit! Die Kraft! Die Farben!
Tibet! Da kannst du nichts falsch machen. Armes, karges, schönes Land, geknechtet, aber unverzagt, Füsse im Dreck, doch hoch der Kopf, auf was weiss ich, achttausend Metern, wo der Götterodem weht, wo das Hakenkreuz noch richtig rum dreht. Wenn du aus solchen Höhen kommst, wie diese Nima Joris offenbar, und dann auch noch Kunst machst, dann hast du den Jackpot, dann brauchst du nicht mehr viel zu tun. Dann bist du drin im Magazin, brauchst nicht mal mehr mit Timm ins Bett, musst bloss dein Tibet-Fähnlein schwingen, und schon knien sie vor dir, die Welti und er, und alle andern.
Was für eine Story auch! Sie ist die Ideal-Exotin: Aus dem Paradies vertrieben, unschuldig, ein Kind der Steppe, rotwangig, die Furcht im Herzen und den Himmel in den Augen. Wetten, dass sie auch noch jung ist? Ein politischer Flüchtling, Zuflucht in der freien Welt der Kunst. Alte, östliche Weisheit, neu geboren. Ja, wer wär da nicht gerührt! Schon klar, dass sowas funktioniert.
Und dann fragt er mich, was ich davon halte. Von was denn, von diesen Bildern? Wie wenn’s ihm darauf ankäme.
Diana, Greta, Chairman Mao. Was sind denn das für Göttinnen, denen sie die Gesichter umoperiert hat? Das weiss die Welti natürlich genauso wenig wie ich, die hat keine Ahnung. Das maximal erleuchtetste Wesen, das die kennt, ist ihre Yogalehrerin. Diese eine hier, mit Gretas Gesicht, ist ganz grün – welch sinniger Symbolismus! Diana aka Wer-weiss-ich wiederum hält eine Wasserschale, mit einem ganzen stürmischen Ozean drin; steht vielleicht für den Sturm ihrer Seele. Wohingegen Mao-Buddha tiefenentspannt dasitzt, im Schneidersitz. Woher weiss ich überhaupt, dass das Mao ist? Wahrscheinlich an der Mickey-Maus-Frisur. Schau hier: So hat der ausgesehen, Mao. Dieses Porträt hat sie abgemalt. Der Ober-Atheist als Religionsstifter, auch das wieder ein gewagter Move. Zum Glück haben Timm und Fifi keine Angst vor Experimenten, wie sie ja selbst schreibt. Ganz im Gegenteil natürlich – das hier ist tibetische Avantgarde!
Aber weisst du was? Das kann ich auch. Das kann ja jede. Glaubst du nicht? Dann schau mal her, mein Liebes. Immerhin hab ich bei Salvo Karikatur studiert, einen Sommer lang, direkt auf der Piazza Navona. Salvo wer, fragst du? Salvo Il Grande! Ich erzähl dir ein andermal von ihm.
Also schau, man nehme ein Buddha-Bild, irgendeines. Dieses hier ist schön. Avalokiteshvara, klingt gut. Dann, als Nächstes, brauchen wir ein Promi-Bild, das ist jetzt der hochkreative Part. Wir nehmen – weisst du wen? – Xi Jinping. Ha! Hier, mit seinem Teddybärengesicht. Jetzt zeichne ich Herrn Avalokiteshvara ab, mitsamt seinen tausend Armen, das dauert halt ein bisschen, und so weiter, und so fort. Dann natürlich die Lotusblüten, die müssen sein, hübsche Wölklein, zwei Kraniche. Der »Schutzpatron Tibets« sei das, steht hier, das passt ja wunderbar, denn jetzt, wait for it, jetzt zeichnen wir ihm statt seines üblichen Buddha-Mündchens, statt des Stirnpünktchens, statt der hängenden Ohren einfach das Gesicht des Herrn Generalsekretärs rein, Mr. Xi den Grossen. Mit diesen Armen hat er sein Land bestimmt gut im Griff, inklusive Tibet. Und was ist das da, auf Avalokiteshvaras Händen? Augen! Augen auf den Händen! Wie gemacht für den Überwachungsstaat, welch köstliche Ironie! Das hätte die grosse Nima Joris selber nicht besser hinbekommen. Jetzt müssten wir es nur noch kolorieren – oder ein Originalbild ausdrucken und übermalen, wie Gerhard Richter –, und schon wär das grosse Kunstwerk fertig.
Wie gesagt, sowas könnte ich jederzeit. Nur Nima Joris sein kann ich nicht. Ich bin Selin Zwingli, das ist mein Pech.
14:25
Zu den Bildern von gestern: Hab Timm gesagt, was ich davon halte, er wollt’s ja hören. Pseudo-politische Effekthascherei, die auf Exotinnenbonus spekuliert.
Er hat nur mit den Achseln gezuckt und gesagt, er würde das der Kultur-Redakteurin überlassen, ob sie etwas mit den Bildern machen wolle. Also Fifi. Die habe ein Gespür dafür.
16:19
Es hat 26 Grad. Am achten April. Und ich sollte Gletscherbilder nachbearbeiten.
Weisst du, was gute Konzeptkunst wäre, besser als tibetische Dianas? Einen Eisblock bestellen, zwölf Kubikmeter, ins Museum stellen lassen, und dort würde er dann vor sich hin schmelzen. Statement gegen Klimawandel.
12:08
Ausnahmsweise ein Mittagseintrag; keine Lust, mit den andern zu essen.
