Abigale Hall - Lauren A. Forry - E-Book

Abigale Hall E-Book

Lauren A. Forry

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Beschreibung

London 1947: In einer nebelverhangenen Nacht schickt Bess Haverford ihre Nichten Eliza und Rebecca nach Wales. Eliza hat nicht einmal mehr Zeit, sich von ihrem Freund Peter zu verabschieden. In Thornecroft, einem einsam gelegenen Herrenhaus, müssen die beiden Schwestern als Dienstmädchen arbeiten. Doch in den gespenstischen Hallen scheinen merkwürdige Dinge vor sich zu gehen. In der Vergangenheit verschwanden immer wieder Dienstmädchen, und Abigale Hall, der nach der verstorbenen Frau des Hausherren benannte Prachtsaal, übt eine seltsame Faszination auf Eliza aus. Kann Peter sie finden, ehe das düstere Geheimnis von Thornecroft auch ihr Schicksal besiegelt?

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EPUB

Seitenzahl: 538

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Buch

London 1947: Nach dem Tod der Eltern leben die 17-jährige Eliza Haverford und ihre jüngere Schwester Rebecca bei ihrer Tante Bess. Diese macht jedoch keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen ihre Nichten. Als Rebecca dringend neue Schuhe benötigt, ersteht Eliza heimlich mit der Kleiderkarte ihrer Tante ein neues Paar. Doch Bess erfährt von dem Kauf und schickt die Schwestern zur Strafe noch in derselben Nacht nach Wales. Eliza hat nicht einmal mehr Zeit, sich von ihrer großen Liebe Peter zu verabschieden. In Thornecroft, einem einsam gelegenen Herrenhaus, müssen die beiden Schwestern unter den wachsamen Augen der strengen Haushälterin Mrs Pollard als Dienstmädchen arbeiten. Doch in den gespenstischen Hallen scheinen merkwürdige Dinge vor sich zu gehen. In der Vergangenheit verschwanden immer wieder Dienstmädchen, und Abigale Hall, der nach der verstorbenen Frau des ehemaligen Hausherren benannte Prachtsaal, übt eine seltsame Faszination auf Eliza aus. Kann Peter sie finden, ehe das düstere Geheimnis von Abigale Hall auch ihr Schicksal besiegelt?

Autorin

Lauren A. Forry wuchs in einem kleinen Ort in den Wäldern von Bucks County, Pennsylvania, auf und studierte Filmwissenschaften an der New York University, bevor sie nach London ging und dort ihren Master in Creative Writing machte. Für ihren Debütroman »Abigale Hall« wurde sie mit dem Faber and Faber Creative Writing MA Prize ausgezeichnet. Lauren A. Forry lebt auf dem englischen Land.

Lauren A. Forry

Abigale Hall

Roman

Aus dem Englischenvon Claudia Franz

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Abigale Hall« bei Black & White Publishing Ltd, Edinburgh.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung September 2017

Copyright der Originalausgabe © Lauren A. Forry 2016

The moral right of the author has been asserted

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Trevillion Images / Robin Macmillan;

FinePic®, München

Redaktion: Catherine Beck

KS ∙ Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-19297-6V001

www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für meine Mutter, die mir Raum und Zeit und die nötige Unterstützung gewährt hat, damit ich werden konnte, was ich bin.

Prolog

In einem versteckten Winkel in Wales, tief im Inneren der dunkelgrünen Hügel, liegt ein Geheimnis verborgen. Obwohl nur wenige Menschen darum wissen, ist es doch für alle spürbar, die das Anwesen darüber kennen. Niemand würde sich wundern, wenn man es für verlassen hielte. Die verwilderten Gärten ersticken unter dem langen Gras, und die obersten Fenster des Herrenhauses sind mit Brettern vernagelt, die so grau sind wie die alte Mähre, die hinter dem verrosteten Tor grast. Das Gebäude steht vollkommen allein, und seine bröckelige Fassade erhebt sich wie ein Geschwür aus den Hügeln, über die es einst geherrscht hat.

Die Gegend ist verlassen, nur in diesen vier Wänden hausen ein paar Menschen: ein Verwalter, der sich um das Anwesen kümmert, zu jung für diese Verdammnis. Eine Haushälterin, die keine Ruhe gibt, bis sie endlich … Ein alter Mann, der einfach nur dasitzt und gegen die Löcher in seinem Gehirn andenkt. Wäre man jetzt in diesem Haus, würde man den Verwalter in der Remise rauchen und den Alten mit geschlossenen Augen in die Welt starren sehen. Die Haushälterin wiederum ist im Keller mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Sie wirft Kleider in die Flammen, die fast ersticken, um im nächsten Moment wieder aufzulodern und den dünnen Stoff zu verschlingen. Nun folgen Schuhe, Unterwäsche und ein Tagebuch. Die Frau sieht zu, wie das Feuer die Seiten verschlingt und der Ledereinband in der enormen Hitze glänzt, um dann zusammenzuschrumpfen. Zufrieden schließt sie die Ofenklappe und wischt sich die Hände an der Schürze ab, bevor sie die Kellertreppe wieder hochsteigt und dorthin zurückkehrt, wo der alte Mann auf sie wartet.

»Alles erledigt. Ich hatte ja gesagt, dass ich mich darum kümmere, nicht wahr?« Sie bürstet ihm Fusseln von der Schulter. »Die war auch nicht besser als die anderen, was? Aber kein Grund zur Sorge. Möchten Sie sich vor dem Dinner noch ein wenig ausruhen?«

Sie durchquert mit ihm das Haus und denkt auf dem Weg darüber nach, welche Arbeiten noch auf sie warten: im Schlafzimmer Feuer machen, Kohle für den Ostflügel bestellen, das Blut von den Holzdielen schrubben. In einem so großen Haus gibt es immer etwas zu tun.

Die Verandatür klemmt, als die Frau sie öffnen will. Ein entschiedener Ruck, und der Türflügel gibt nach. Dieses Haus gibt immer nach, wenn sie etwas will. Sie bringt den alten Mann zu einer seiner Lieblingsstellen – mit Blick auf den kleinen Friedhof im Westen. Bald wird die Sonne untergehen und purpurnes Licht auf die verfallenen Grabsteine werfen. Wo noch jemand lauert und alles beobachtet.

Die Haushälterin kehrt in ihren Flügel zurück und hinterlässt Fußspuren im aufgewirbelten Staub des Dienstbotengangs, der mit Blut befleckt ist. Gelegentlich bleibt sie stehen, um feuchte rote Handabdrücke von der welligen Tapete zu wischen. Im Schutz ihres kleinen Büros neben der Küche setzt sie sich an den Schreibtisch und holt das übliche graue Papier aus der Schublade. Dann nimmt sie ihren Füllfederhalter, taucht die abgenutzte Feder in ein Glas mit roter Tinte und verfasst einen Brief, wie sie es schon viele Male getan hat und noch tun wird. Nur die Namen ändern sich. Morgen wird sie ins Dorf fahren und ihn aufgeben. Die Verzögerung ist ärgerlich, aber es wird alles zur rechten Zeit erledigt sein. Noch ein paar Wochen, und Mr Brownawell wird seinen neuen Schützling in Empfang nehmen können. Als ihr Finger über die scharfe Kante des Briefumschlags gleitet, lächelt sie.

Während sich allmählich Dunkelheit über das Haus senkt, bleibt die Gestalt auf dem Friedhof wachsam und weint um jene, die sich im Schatten der dunkelgrünen Hügel noch zu ihnen gesellen werden.

Kapitel 1

»Eins. Zwei. Drei.«

Das langsame, methodische Klappern bildete einen Kontrapunkt zum Rauschen des Morgenverkehrs, der durch das dünne Glas des Küchenfensters drang.

»Vier. Fünf. Sechs.«

Jedes Klappern der Messingklinke, begleitet von einer geflüsterten Zahl, spannte Elizas Nerven auf die Folter, als sei sie ein Uhrwerk, das aufgezogen wurde. Der Abstand zwischen den Klinkengeräuschen bot kurze Erholungspausen, bevor unweigerlich die nächste Zahl folgte.

»Sieben. Acht. Neun.«

Sie sah zur Standuhr hinüber und ließ den Blick über die Verbrennungen an Sockel und Gehäuse wandern, bevor sie aufs Ziffernblatt schaute: halb elf. Sie würden schon wieder zu spät kommen. Tante Bess würde sich damit abfinden müssen. In Elizas Welt gab es keine Pünktlichkeit, nur verschiedene Grade von Verspätung.

»Zehn. Elf. Zwölf.«

Rebecca, die das Gesicht vor Konzentration zusammenkniff, während ihre Stimme wie ein geisterhaftes Wispern durch die kleine Wohnung hallte, ließ sich nicht zur Eile antreiben.

Als Elizas Blick in den Spiegel über dem Radiogerät fiel, sah sie, dass ihre Wange mit Kohlenstaub verschmiert war. Sie rieb mit dem Daumen daran herum, bis die Haut knallrot war. Hinter ihren Sommersprossen schien das runde Gesicht ihrer Mutter durch, aber nichts von ihrer Schönheit. In Rebeccas Alter hatte sie davon geträumt, mit siebzehn so glamourös zu sein wie die Frauen in den Modemagazinen ihrer Mutter. Leider war nichts Glamouröses an Sommersprossen und glattem braunem Haar, das selbst für Dauerwellen zu schwer war. Sie wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und betrachtete ihre Schwester. Rebecca würde mit siebzehn wunderschön sein, das wusste Eliza. Mit ihren zwölf Jahren hatte sie bereits feine blonde Löckchen, die den perfekten Rahmen für die scharfen Wangenknochen der väterlichen Linie der Familie abgaben. Die Jungen würden sie anstarren, würden sich gegenseitig auf den Füßen stehen, um sie ins Kino einzuladen, und sie mit den Leinwandschönheiten vergleichen.

»Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig.«

Eliza schlang ein sauberes Kopftuch um ihr zerzaustes Haar und trat vom Spiegel weg. Ihr waren Bücher sowieso lieber als Filme.

»Hast du alles?«, fragte sie Rebecca, die nun in den Raum gehüpft kam.

»Ich glaube schon.« Rebecca sah in ihre Tasche. »Kommen wir zu spät?«

»Natürlich nicht, mein Schatz.« Eliza legte ihrer Schwester den Arm um die Schulter und schob sie zur Wohnungstür hinaus. »Und denk dran, Tante Bess überlässt du einfach mir.« Als Rebeccas Blick zum Türschloss huschte, brachte Eliza schnell einen Sicherheitsabstand zwischen sie und die Tür. »Jetzt komm aber. Wir werden wohl rennen müssen.«

Eliza steuerte um den verrottenden Müll im Treppenhaus herum. Bei den kühlen Temperaturen draußen war der Gestank heute sogar erträglich. »Wir können durch die Fieldgate Street gehen, um Zeit zu sparen. Und an der Romford Street nehmen wir die Abkürzung. Dort hat man schon angefangen, die Trümmer zu räumen. Achtung! Du musst aufpassen, wo du hintrittst. So ist gut.«

Die schwere Haustür knallte zu. Als Rebecca nach der Klinke greifen wollte, nahm Eliza ihre Hand und zog sie die Treppe zum Bürgersteig hinunter, wo die Schlange vor List’s den Weg versperrte. Rebeccas Proteste verloren sich im Lärm des geschäftigen Morgens im Londoner Stadtteil Whitechapel. Als sie sich losreißen wollte, packte Eliza ihre Hand noch fester und kämpfte sich an den Gestalten mit den leeren Körben und den schäbigen Mänteln vorbei.

»›Was tut das schon zur Sache‹, hat er gesagt, ›wenn die Bombe uns sowieso alle töten wird?‹ Mit seinen vierzehn Jahren denkt er schon, das Ende der Welt steht vor der Tür.«

»Und das soll seine Rechtfertigung fürs Klauen sein? Sag ihm einfach, dass es nicht die Bombe ist, vor der wir Angst haben müssen. Die Verstaatlichung …«

Elizas Ärmel blieb an einem Korb hängen. Sie entschuldigte sich, trat schnell auf die Straße und stieß fast mit dem Bus der Linie fünfzehn zusammen. Auf der anderen Seite stand eine Schlange vor dem Kurzwarenladen. Da Eliza einen Schwall Abgase eingeatmet hatte, blieb sie stehen und hustete. Rebecca fummelte an ihren Schuhen herum.

»Schreckliche Zeiten. Mangelwirtschaft, wohin man nur schaut. Glaub mir, wir stehen hier umsonst. Ich habe zwei Kriege erlebt, und der dritte steht schon vor der Tür. Wart’s nur ab.«

»Jetzt reg dich bitte nicht auf. Es geht doch nur um ein bisschen Spitzenborte! Ich habe Monate gewartet, um neuen …«

Ein Lastwagen holperte vorbei und übertönte sämtliche Gespräche. Eliza wollte an dem eingestürzten Anderson-Schutzraum in der Romford Street vorbeieilen, aber Rebecca ging nun so langsam, dass sie fast stehen blieb.

»Eliza, warte! Ich bin nicht so schnell.«

»Reiß dich zusammen, dann geht das schon.«

»Nein, das geht nicht. Meine Schuhe sind zu klein.«

Eliza wollte Rebecca mitziehen. Jede verlorene Sekunde war eine, für die sie sich zusätzlich rechtfertigen müsste. »Das hättest du früher sagen sollen, dann hätte ich dir mein altes Paar gegeben.«

»Aber deine Füße sind viel zu groß.«

»Danke.«

»In diesen Kähnen könnte ich überhaupt nicht laufen!« Rebecca blieb stehen und stampfte auf. Eliza nahm ihren Arm und zerrte sie hinter sich her, wobei sie einen Fahrradfahrer anrempelte.

»Okay, das reicht jetzt! Wir fragen Tante Bess, ob sie Kleidermarken übrig hat. Wenn wir nicht zu spät kommen, ist sie vielleicht so nett, dir welche zu überlassen.«

»Aber du hast doch gesagt, dass wir nicht spät dran sind!«

»Wenn du so trödelst, schon.«

»Das bin nicht ich, das sind die Schuhe!«

Eliza hing bereits mit ihren täglichen Pflichten hinterher, was bedeutete, dass sie nach der Arbeit direkt nach Hause zurückkehren konnte, statt mit Peter ein Nachtmahl einzunehmen. Für Rebeccas Gejammer blieb jetzt keine Zeit. Nur fünf Minuten vom Büro entfernt wurden sie von der Schlange vor Dyson’s aufgehalten.

»Brotrationierung, auch das noch. Wenn Churchill noch an der Macht wäre, gäbe es so etwas nicht. Mein Charlie sagt immer …«

Eliza schob sich mit der Schulter durch die Menge und blieb an einer Stelle stehen, wo der Bürgersteig leer war.

»Warte.« Sie bückte sich und schnürte ihre Schuhe auf. »Los, zieh deine auch aus.« Eliza stopfte Taschentücher in den Zehenraum ihrer Schuhe und reichte sie ihrer Schwester. »Nimm die.« Rebeccas Schuhe steckte sie in ihre Tasche, während Rebecca Elizas Schuhe zuschnürte. »Besser?«

»Ein bisschen. Ja.«

»Gut. Wenn wir dort sind, tauschen wir wieder.«

Bis zur nächsten Straße rannten sie. Eliza achtete gar nicht auf die Nässe, die ihre Strümpfe aufweichte, und auf das Gefühl, dass der Dreck in ihre Füße einzog. Seit der großen Kälte war erst ein Monat vergangen. Der graue Schnee, der lange in den Spalten der Stadt gesteckt hatte, schmolz in der kühlen Märzluft und ließ den Boden feucht und rutschig werden. Ihre Strümpfe konnte sie waschen. Alles in bester Ordnung.

Nachdem sie vor dem Bürogebäude die Schuhe wieder getauscht hatten, schob Eliza ihre Schwester durch den Hauseingang und sorgte dafür, dass sie der Tür nicht zu nah kam. Der Gestank nach Schmutz und Schwefel in dem engen Treppenhaus raubte ihr die Luft. Ein süßer, rauchiger Unterton mischte sich darunter. In ihrer Atemnot beschleunigte sich ihr Puls, und der Druck am Hals ließ ihren Kopf schwer werden, da der Geruch unliebsame Erinnerungen heraufbeschwor. Als sie das überfüllte Planungsbüro erreichten, holte sie tief Luft und sog den Geruch nach Zigarettenqualm und abgestandenem Kaffee ein.

Tante Bess stand mitten im Raum und rauchte eine Zigarette. Sie trug ihr scheußliches rotes Kleid mit dem V-Ausschnitt, das angeblich Leben in ihre trostlose Welt brachte. Eliza fand es aufdringlich. Und Leben brachte es nur in den Schritt von Mr Mosleys Hose.

»… und dann dieses hübsche Kleid, das ich mal hatte, erinnerst du dich? Mit diesem blassrosa …« Tante Bess steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen.

»O ja.« Ihre Kollegin nickte. »Das mit dem verstärkten Mieder.«

»Ja genau. Kannst du dir vorstellen, dass ein Riss … genau hier …« Tante Bess deutete mit ihrer Zigarette auf ihre Schulter.

»Aber wie um Himmels willen …«

»Keine Ahnung. Man könnte meinen, ich hätte zugenommen, wenn das denn möglich wäre in diesen …«

»Die sollten die Butterration erhöhen. Das ist einfach nicht …«

»… anständig? Nein, das ist alles andere als anständig. Ah.«

Eliza lächelte, als ihre Tante sie endlich bemerkte.

»Ich hatte dich vor einer Stunde erwartet.« Tante Bess kramte in ihrer Handtasche.

»Die Uhr geht nach«, sagte Eliza.

»Dann zieh sie auf.«

»Hab ich.«

»Du schadest nur dir selbst, nicht wahr?« Tante Bess zog ihre verknickte Rationierungskarte heraus und ließ sie in Elizas Hände fallen, als sei es eine tote Ratte. »Bei Woolworths wird es jetzt schon kein Speisefett mehr geben, und Harriet hat gesagt, dass man vor einer halben Stunde das letzte Kaninchen verkauft hat.«

Harriet, ihre Kollegin, verschränkte die Arme und nickte.

»Ich mag kein Kaninchen«, murmelte Rebecca.

Eliza stieß sie mit dem Ellbogen an.

»Was hast du gesagt, junge Dame?«

»Nichts, Ma’am.«

Tante Bess ließ Rauch aus dem Mundwinkel hervorquellen. »Nun, zufälligerweise liebe ich Kaninchen über alles und hatte mich schon sehr darauf gefreut, heute welches zum Dinner zu haben.«

»Entschuldigung, Ma’am«, erwiderten Eliza und Rebecca wie aus einem Mund.

Tante Bess schnippte Asche in den Aschenbecher neben ihrem Ellbogen. »Gut. Eliza, du gehst jetzt besser, sonst gibt es heute Abend wieder Innereien. Und Rebecca, Mr Mosley braucht dich, um Akten ins Zentrum zu bringen. Los, los.« Sie nickte zum Büro hinter sich.

Rebecca eilte davon, während sich Eliza Zeit nahm, um die Rationierungskarte in ihrer Tasche zu verstauen. Tante Bess saß bereits hinter ihrer Schreibmaschine und beachtete sie schon gar nicht mehr.

»Tante Bess?«

»Du hast heute Abend noch einen Job, nicht wahr? Zigarettenmädchen im Kino oder was auch immer.«

»Platzanweiserin im Theater. Ja, Ma’am.«

»Du trägst Sorge, dass die Speisen zubereitet sind, bevor du gehst?«

»Ja, natürlich. Alles wird fertig sein, Ma’am.«

»Gut.« Tante Bess drückte den Zigarettenstummel im Aschenbecher aus und legte einen Bogen Papier in die Schreibmaschine ein. Dann schaute sie Eliza an. Die Ringe unter ihren Augen hatten dieselbe Farbe wie der Ruß im Aschenbecher. Das Kleid machte es auch nicht besser, dachte Eliza.

»Warum stehst du immer noch da?«

»Ich habe eine Frage.«

»Hier gibt es keine Arbeit, das hatte ich dir doch schon gesagt. Harriet kann nicht einmal ihrer verdammten Tochter eine Stelle besorgen, dabei hat sie als Bürokraft in Kommandozentralen gearbeitet! Die Tochter, natürlich. Du hast nicht die geringste Chance.«

»Darum geht es nicht.«

»Worum denn dann?« Seufzend zog sie noch eine Zigarette aus der fast leeren Packung.

»Rebecca braucht neue Schuhe.«

»Brauchen wir die nicht alle?«

»Ihre sind zu klein. Sie hat im letzten Jahr einen ziemlichen Schuss getan …«

»Ihr habt doch selbst Kleiderkarten.«

»Die Post hat immer noch nicht die Karten ersetzt, die wir beim Umzug verloren haben. Sie sagen …«

»Ist das mein Problem?« Tante Bess warf das erloschene Zündholz auf ihren Schreibtisch und ließ sich gegen die Rückenlehne sinken. »Tut mir leid, Eliza. Wirklich. Aber sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen. Nächsten Monat vielleicht. Bis dahin kann sie ja dein altes Paar auftragen.«

»Die sind zu groß.«

»Verflucht, Kindchen, was erwartest du von mir?«

»Miss Haverford?« Mr Mosley stand im Türrahmen seines Büros, schlaksig und mit schütterem Haar. Es sah aus, als habe Gott die Haut eines kleinen Manns über ein allzu großes Skelett gespannt. Der schwarze Anzug, den er täglich trug, war an Handgelenken und Knöcheln zu kurz, als sei er Teil der Haut und nicht des Mannes.

»Ja, Mr Mosley.« Tante Bess lächelte. Ihre Zähne waren von ihrer strengen Tee-und-Zigaretten-Diät bräunlich verfärbt.

»Ich brauche die Papiere zu Spitalsfield.«

»Sofort, Sir.« Sie erhob sich von ihrem Schreibtisch. »Wenn es partout kein Kaninchen gibt, treib Dosenfleisch auf. Ich komme sofort, Mr Mosley!« Tante Bess ließ Eliza stehen. Ihre Handtasche stand geöffnet auf dem Tisch.

Ohne groß nachzudenken, steckte Eliza die Hand hinein. Ihre Finger wühlten zwischen leeren Zigarettenschachteln, Kopfschmerztabletten und Make-up herum, bis sie schließlich auf Papier stießen. Eliza zog einen ungeöffneten grauen Briefumschlag und die Kleiderkarte ihrer Tante heraus. Den Umschlag steckte sie ins Chaos der Handtasche zurück, die Kleiderkarte wanderte in ihre Jackentasche.

Die Gesichter der menschlichen Wand vor ihrer Wohnung hatten gewechselt, aber sonst war alles beim Alten. Mit den schweren Leinentaschen kämpfte sich Eliza durch die Festung aus abgetragenen Mänteln hindurch und stieß mit der Schulter die Haustür auf. Bis in den dritten Stock dauerte es eine Weile, da man um die Müllberge herumlaufen musste. Auf dem ersten Treppenabsatz traf sie die hinkende Mrs Hodgkins, die sich die Stufen herabquälte.

»Soll ich dir was sagen, Kind?« Mrs Hodgkins hustete. »Wenn diese Tüten bis morgen nicht fort sind, entsorge ich sie eigenhändig.«

»Tun Sie das, Mrs Hodgkins. Ich werde mich Ihnen anschließen.«

Das krächzende Lachen von Mrs Hodgkins verfolgte Eliza bis zu ihrer Wohnungstür.

Sie verschwendete nicht viel Zeit auf die Vorbereitung des Abendessens und zweigte eine Brotkruste und etwas Margarine für ihr Mittagessen ab. Wenn sie sich beeilte, blieb vielleicht doch noch Zeit, sich nach der Arbeit von Peter zum Essen einladen zu lassen. Der Gedanke an Peter in seiner schlecht sitzenden Platzanweiser-Uniform rang ihr ein Lächeln ab.

Nachdem sie das Abendessen in die Vorratskammer gestellt hatte, nahm sie die letzte Schachtel aus ihren Einkaufstüten und kritzelte etwas in die Innenseite des Deckels.

Kein Wort zu Tante Bess.

Eliza schob die Schachtel unter ihr gemeinsames Bett. Rebecca würde sie bei ihrer nächtlichen Zählorgie schon finden, das wusste sie. Als es in der Wohnung über ihr einen Schlag tat, verrutschten die Bücher im Regal. Peter Pan fiel mit einem lauten Klatschen um. Eliza stellte das Buch wieder hin und stützte es mit einer der Porzellanfiguren ihrer Mutter ab. Eliza hatte Dutzende von Büchern aus ihrem alten Haus gerettet; manche waren noch in braunes Papier eingewickelt und ordentlich mit einer Schnur zusammengebunden. Sie fuhr mit den Fingern über die empfindlichen Buchrücken und las die Titel, um sicherzugehen, dass alle am richtigen Platz standen. Sobald sie diesen Monat ihren Lohn erhalten würde, würde sie zu Foyles gehen und ihrer wachsenden Sammlung ein weiteres Exemplar hinzufügen. Sie rückte eine Porzellanballerina zurecht, damit sich die ausgestreckte Hand perfekt in die Linie der Buchrücken einfügte.

Die Wäsche, die sie morgens im Wohnzimmer aufgehängt hatte, war noch feucht. Drinnen trocknete sie nicht, aber man konnte sie auch nicht aus dem Fenster hängen. Dort würde sie entweder gestohlen oder vom Kohlenstaub schwarz gefärbt. In einer Zeitschrift hatte sie gelesen, dass in Amerika mittlerweile jeder Haushalt einen Wäschetrockner besaß. In Amerika hatte man alles – Seidenstrümpfe, Schokolade, Kaugummi. Mrs Hodgkins bekam jeden Monat ein Paket von ihrem Sohn. Wenn sie doch nur auch Familie dort hätten. Oder Freunde. Wäschetrockner, seufzte sie innerlich, als sie den feuchten Ärmel von Rebeccas braunem Kleid befühlte. Das konnten aber auch einfach nur Wunschträume sein, dachte sie.

Eliza ließ die Hand sinken und holte Luft. Zum ersten Mal an diesem Tag hatte sie einen Moment der Ruhe. Ganz still stand sie in dem feuchten Dunst trocknender Kleider, der sich mit dem Fettgeruch gebratenen Specks vermischte. Verkehrslärm drang durch das gesprungene Küchenfenster. Rumps, rumps. In der Straße vor dem Haus befand sich ein riesiges Schlagloch, ein Geschenk der Deutschen. Die Busse konnten ihm einfach nicht ausweichen.

Da war es wieder.

Rumps, rumps.

Jeder Bus, jedes Taxi.

Rumps, rumps.

Man hatte beschlossen, es einfach zu ignorieren. So zu tun, als sei es nicht da. So zu tun, als sei es nicht schlimm, selbst wenn das Gegenteil der Fall war.

Rumps, rumps.

Das Geräusch war immer da. Eliza hörte es sogar im Schlaf.

Rumps, rumps.

Selbst wenn alle schliefen, war da immer dieses …

Rumps, rumps.

Der Herzschlag des Gebäudes.

Rumps, rumps.

Eine Hupe ertönte, und andere Geräusche sickerten ein – die Gespräche in der Schlange vor dem Haus, Mrs Grandersons Radiogerät, das ewige Tropfen des Wasserhahns.

Eliza sah auf die Uhr. In genau einer Stunde musste sie im Theater sein. So lange brauchte sie für die Fahrt quer durch London. Sie zog ihre Uniform an, wusch sich das Gesicht und begab sich auf die zugemüllte Treppe. Auf halbem Weg nach unten trat sie in eine offene Tüte mit Teeblättern, schimmeligem Brot und Fischabfällen.

Krampfhaft bemüht, sich nicht zu übergeben, wollte sie die Tüte von ihrem Fuß schütteln und trat sie versehentlich in der Gegend herum. Wie eine Bombe explodierte der verrottende, mit fischigen Teeblättern versetzte Unrat und verstreute sich auf den Holzstufen und an den rissigen Wänden. Als die Tüte wieder gelandet war, zog Eliza ihre Jacke zurecht, kontrollierte, ob ihr Dutt noch saß, und ging weiter. Sie nickte Mrs Hodgkins zu, die sich die Treppe wieder hochquälte und nun stehen geblieben war, um den Fisch zu probieren, der sich in ihr Haar verirrt hatte.

Eliza war auf Hände und Knie gegangen und reckte den Arm unter den Sitz, konnte das fettige Zeitungspapier aber nur mit den Fingerspitzen berühren. Als sie versuchte, einen Zipfel der Zeitung zu fassen zu bekommen, klebte ihre Strumpfhose am ungeputzten Fußboden fest. Wann hatte Jessie diesen Boden zum letzten Mal gründlich gereinigt? Eliza betrachtete ihre Handflächen. Nicht identifizierbare dunkle Sprenkel hatten sich in ihre Haut gedrückt; ihren Handballen zierte ein glänzend brauner Fleck. Man konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Dreck tiefer und tiefer im Handteller versinken und sich durch Muskeln und Knochen fressen würde, um schließlich seinen Weg in die Venen …

»Versuch’s mal damit.«

Über ihrem Kopf schwebte ein Stock, der wiederum in der Hand von Stephen steckte. Auf seinem Bulldoggengesicht lauerte irgendetwas zwischen einem Grinsen und einer Grimasse; zwischen seinen schiefen Zähnen hatte sich ein Stück Fleisch festgesetzt.

»Danke.« Eliza nahm den Stock und stocherte unter dem Sitz herum. Das Gefühl, sämtlicher Schmutz habe sich an ihrer Haut festgesetzt, konnte sie nicht abschütteln.

»Wieder die Letzte, die geht, Schätzchen?«

»Du bist doch auch noch da.«

Sein ekelerregendes Rasierwasser war noch schlimmer als der Gestank unter den Sitzen. Stephen prahlte immer damit, dass es ihm sein Cousin aus Kanada geschickt habe, aber dieser Duft war kein Anlass zum Stolz.

»Ich kann dich ja wohl nicht allein hierlassen, was? Soll ich …«

»Nein.« Sie stieß die Zeitung versehentlich noch weiter unter den Sitz.

»Es würde wesentlich schneller gehen, wenn …«

»Ich hatte dich nicht nach deiner Meinung gefragt.«

Er beugte sich zu ihr herab. Sein warmer, säuerlicher Atem streifte ihren Hals. »Ich will dir doch nur helfen.«

»Das ist sehr nett von dir, Stephen, aber ich schaffe das schon.« Sie schob den Stock hinter die Zeitung und zog sie zu sich heran.

»Was wäre ich für ein Gentleman, wenn ich es nicht wenigstens anbieten würde?« Er legte ihr seine schwere Hand auf die Schulter. Eliza spürte, wie sie zu ihrem Hals wanderte und ihre Haut unter der Bluse streichelte.

»Eliza?«

Beim Klang von Peters Stimme zuckte sie zusammen.

»Hier unten!«, rief sie und schnappte sich die Zeitung.

Stephen lehnte sich an einen Sitz, während Peter durch den Gang auf sie zukam, das gewellte rötliche Haar mit Pomade gebändigt. Die kleinen Sommersprossen waren in dem Dämmerlicht kaum zu erkennen. Sie standen ihm gar nicht schlecht, dachte Eliza. Weiße Flusen verteilten sich auf seiner ungepflegten Uniform, die an seiner schmalen Gestalt schlotterte. Eliza widerstand dem Bedürfnis, sie eine nach der anderen abzuzupfen, richtete sich auf und rieb die schmutzigen Handflächen an ihren Oberschenkeln ab.

»Ich konnte dich nirgendwo finden«, sagte Peter, wobei er mühsam zwei schwere Müllsäcke auf den Armen balancierte.

»Purvis hat gesagt, dass ich Jessies Reihen auch putzen soll.« Sie warf die fettige Zeitung in ihren Müllsack.

»Das ist schon das zweite Mal, dass sie diese Woche nicht zu ihrer Schicht erschienen ist.« Peter ließ einen der Müllsäcke auf seine Füße fallen. »Verdammt.«

»Immer mit der Ruhe, Lamb.« Stephen lachte.

»Du könntest mir ruhig mal helfen.«

»Schluss jetzt, Jungs.« Eliza ergriff zusätzlich zu ihrem eigenen noch einen von Peters Müllsäcken. »Und seid etwas nachsichtig mit Jessie. Vermutlich hat sie endlich einen neuen Job gefunden. Samstag will sie mir alles erzählen. Seit Wochen liegt sie mir schon in den Ohren damit, wie sehr sie diese Stelle hier verabscheut.«

»Allmählich begreife ich, was sie meint.« Als Peter einen Fleck auf seiner Jacke entdeckte, seufzte er.

»Du triffst dich mit ihr?« Stephen gähnte und fletschte die Zähne wie ein Hund. Eliza hakte Peter mit ihrem freien Arm unter und legte den Kopf an seine Schulter.

»Sie hat gestern angerufen. Sie will meinen Rat, wie sie es Purvis beibringen soll. Nun komm schon, Peter. Lass uns diese Säcke wegbringen und dann essen gehen.«

Stephen sprang auf. »Gilt die Einladung für alle?«

»Nur für Paare.« Eliza lächelte und zog Peter durch den Gang, fort von dem ekelerregenden Rasierwasser. Als sie im Foyer allein waren, schmiegte sie sich enger an ihn.

»Alles in Ordnung?«, fragte er.

»Ja. Ich bin nur müde.« Als Eliza über die Schulter blickte, sah sie, dass Stephen sie aus dem abgedunkelten Parkett beobachtete. Er zupfte sich das Fleisch aus den Zähnen und spuckte es auf den Boden.

Als Eliza das Gebäude betrat, schlug eine Kirchenglocke die volle Stunde. Nach zwei Jahren wärmte es ihr immer noch das Herz, die Glocken wieder zu hören. Elf Uhr abends – Rebecca würde im Bett sein, und Tante Bess würde wegen der Wäsche lamentieren. Vielleicht sollte Eliza ihr von den elektrischen Trockenautomaten erzählen. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür und bekam eine schallende Ohrfeige.

Tante Bess verströmte Zorn und Zigarettenqualm.

»Komm rein.«

Elizas Wange brannte. Sie senkte den Kopf und zog die Tür hinter sich zu. Rebecca saß auf der Kante des schäbigen Sofas, die Schachtel mit den neuen Schuhen zu ihren Füßen. Sollte sie geweint haben, hatte man ihr die letzten Tränen schon aus dem Leib geprügelt.

Tante Bess streckte die Hand aus.

»Nun?«

Eliza holte die Kleiderkarte aus der Handtasche und händigte sie wortlos aus. Sie wünschte, dass es damit sein Bewenden hätte, wusste es aber besser.

Tante Bess warf die Karte auf die Anrichte und hob den Deckel des Schuhkartons auf.

»Kein Wort zu Tante Bess?«, las sie. »Kein Wort zu Tante Bess!«

»Rebecca hat nichts damit zu tun. Es war meine Idee. Bitte …«

»Natürlich war es deine Idee! Mir ist verdammt klar, dass sie so etwas nie alleine machen würde.« Sie schwang den Deckel über ihren Kopf und tat so, als wolle sie ihn niedersausen lassen wie eine Axt.

»Bitte lassen Sie sie ins Bett gehen.«

Tante Bess ließ den Arm sinken. Ihre Fingernägel bohrten sich in den weichen Deckel; an der dünnen Haut ihrer Hand traten die Sehnen hervor.

»Du wirst mir nicht sagen, was ich zu tun habe. Nicht in meiner eigenen Wohnung. Ihr habt verdammtes Glück, dass ihr überhaupt ein Zuhause habt. Würdet ihr lieber in Bedford House wohnen? Ohne Heizung? Ohne fließendes Wasser? Oder soll ich euch rausschmeißen und in ein Waisenhaus schicken?«

Rebecca sagte keinen Ton. Eliza zitterte. Sie wollte zu ihrer Schwester gehen, sich zu ihr setzen, sie in den Arm nehmen. Tante Bess verstellte ihr den Weg.

»Und? Hast du diesmal nichts zu deiner Verteidigung zu sagen?«

»Es tut mir leid«, flüsterte Eliza, den Blick zu Boden gerichtet.

»Ach ja? Wird mir das meine Marken zurückbringen?«

»Es tut mir leid«, wiederholte sie und starrte auf die geschwärzten Dielen zu ihren Füßen. Der Ruß hatte sich tief in die Maserung gefressen. So gründlich man den Boden auch schrubben mochte, er würde nie wieder sauber werden.

Schweigen senkte sich über den Raum. Ein Bus fuhr in das Schlagloch vor dem Haus. Rumps, rumps. Tante Bess’ Zorn verrauchte. Sie setzte sich an den Küchentisch und warf den Deckel des Schuhkartons auf den verzogenen Dielenboden. Ohne Eliza anzuschauen, zündete sie sich eine Zigarette an.

»Nimm Rebecca und geh mit ihr zu Bett. Über deine Strafe werde ich morgen entscheiden.«

Die Worte hatten etwas Erlösendes. Elizas Lähmung schwand, aber Rebecca blieb starr.

»Komm, Rebecca. Zeit fürs Bett.« Eliza streckte die Hand aus, aber Rebecca reagierte nicht. Ihre Augen blieben auf einen unbekannten Punkt gerichtet. Eliza ging vor ihr in die Hocke. »Rebecca?« Sie strich über das weiche Haar ihrer Schwester. »Es ist Zeit fürs Bett, mein Schatz. Bist du nicht müde? Rebecca?«

Rebecca drehte den Kopf und sah sie an. Ihr Blick war unergründlich. Sie hatte die Augen ihres Vaters – groß, braun und leer.

»Nun komm schon. Schlafenszeit«, wiederholte Eliza. Rebecca schob ihre Hand in die ihre und ließ sich von Eliza ins Schlafzimmer führen, unter den Augen von Tante Bess, die ihre brennende Zigarette in der Hand hielt, ohne sie ein einziges Mal zum Mund zu führen. Der Schlüssel ließ sich nur schwerfällig im Schloss herumdrehen. Eliza kontrollierte zweimal, ob auch wirklich abgeschlossen war, dann setzte sie Rebecca auf ihr gemeinsames Doppelbett und zog die Uniform aus.

»Das Wetter war schön heute. Im Radio wurde gesagt, dass es noch wärmer wird. Bald können wir bestimmt ein Picknick machen. Wir könnten quer durch die Stadt fahren, in den St James Park gehen und die Enten füttern. Wäre das nicht toll?« Nachdem sich Eliza umgezogen hatte, legte sie Rebecca hin, deckte sie mit den fadenscheinigen Decken zu und zog sie ihr bis ans Kinn hoch, wie ihre Mutter es immer getan hatte.

»Bist du böse auf mich, Eliza?«, fragte Rebecca. Ihre Stimme klang distanziert.

Eliza faltete ordentlich ihre Uniform zusammen. »Warum sollte ich böse auf dich sein? Du hast doch gar nichts getan.« Sie legte die Uniform in die Ankleidekommode und zupfte noch einmal Kragen und Ärmel zurecht, bevor sie die Schublade schloss.

»Aber wenn ich etwas getan hätte, würdest du mich dann immer noch lieben? Ich glaube nicht, dass Tante Bess mich noch mag.«

»Oh, Rebecca.« Sie schaltete das Licht aus, spürte bereits, wie der Schlaf sie überwältigte, und kroch neben ihre Schwester ins Bett. »Wir sind nicht wie Tante Bess, du und ich«, sagte sie und schlang einen Arm um sie. »Wir werden uns immer lieben, was auch geschieht.« Sie küsste Rebecca auf die Wange, dann drehte sie sich auf die Seite und sah aus dem Fenster, obwohl die klare Nacht hinter den dreckigen Scheiben nicht zu erkennen war. Rebecca flüsterte im Dunkeln.

»Einszweidreivierfünf.«

Eliza konnte es nicht ausblenden.

»Sechssiebenachtneunzehn.«

Sie lag wach und konzentrierte sich auf das flackernde Licht der Straßenlaterne draußen.

»Elfzwölfdreizehnvierzehn.«

Das orangefarbene Licht der Laterne fiel ins Zimmer und wurde intensiver, während sich Elizas Augen an die Dunkelheit gewöhnten.

»Fünfzehnsechzehnsiebzehnachtzehn.«

Ein Stuhl kratzte über den Küchenboden.

»Neunzehnzwanzig.«

Der Hocker kippte um. Sie roch Schwefel und Kürbislikör. Eliza schrie auf.

»Einundzwanzig.«

Nein. Kein Hocker.

»Zweiundzwanzig.«

Ein Stuhl. Tante Bess.

»Dreiundzwanzig.«

Nur Tante Bess, die sich von ihrem Stuhl erhoben hatte. Eliza hörte auf zu schreien und schloss die Augen. Rebecca begann wieder zu zählen.

Kapitel 2

Ihre Mutter stand am Ufer jenseits des Meers und beobachtete sie. Obwohl sie so weit weg war, konnte Eliza sie deutlich erkennen, konnte sie lächeln sehen. Im Hafen lag ein kleines Holzboot und schaukelte auf den Wellen. Ihr Vater nahm Rebecca und setzte sie hinein. Dann hielt er Eliza die Hand hin, aber sie konnte sich nicht bewegen. Peter hielt sie am grasbewachsenen Ufer fest. Ihr Vater kehrte ihr den Rücken zu und kletterte ins Boot. Der Hafen verblasste, während er mit langen, gleichmäßigen Zügen davonruderte und Rebecca mit sich nahm. Mutter wartete mit ernster Miene. Eliza wollte rufen, dass sie auf sie warten sollten, aber sie hatte die Stimme verloren und wusste nicht, ob sie sie je wiedererlangen würde. Das Boot war jetzt schon ein Stecknadelkopf im Meer, so klein, dass Eliza es in die Hand nehmen konnte. Sie balancierte es in der Handfläche. Ein gewaltiges Kreischen schreckte sie auf. Sie ließ das Boot fallen, und es zerschellte zu ihren Füßen.

Als der Bus hupte, fuhr Eliza aus dem Schlaf hoch. Sie prüfte, ob die Matratze trocken war, und schlüpfte dann leise aus dem Bett, um Rebecca nicht zu wecken. Die Meeresbrise hatte sie immer noch in der Nase. Nachdem sie den Bademantel ihrer Mutter angezogen hatte, verließ sie das Schafzimmer und sah, dass Tante Bess das Frühstück zubereitete. In dem gesprungenen Aschenbecher neben ihr lag eine brennende Zigarette.

»Guten Morgen«, sagte Eliza.

Tante Bess ließ den Holzlöffel fallen. Sie hob ihn auf und steckte ihn sofort wieder in den Porridge.

»Morgen.«

»Hab ich verschlafen?« Eliza näherte sich dem Tisch, die Arme um die Taille geschlungen.

»Nein. Ich musste heute früher aufstehen.«

»Ach so.«

Der Inhalt von Tante Bess’ Handtasche lag auf dem Tisch verstreut. Elizas Blick wurde von dem grauen Umschlag angezogen, den sie gestern in der Hand gehabt hatte; er war jetzt geöffnet. Das Papier war dick und sicher teuer. Mit roter Tinte waren Tante Bess’ Name und Anschrift darauf notiert, in einer sauberen, schrägen Handschrift.

Als hätte sie Elizas Blick gespürt, ließ Tante Bess den Porridge stehen und schnappte sich den Brief. Dann räumte sie ihre restlichen Dinge beiseite. »Würdest du den Tisch decken?«

»Natürlich.« Eliza holte Teller aus dem Küchenschrank. »Soll ich Rebecca wecken?«

»Nein. Lass das Mädchen schlafen. Schenk uns einen Tee ein, ja?«

Fügsam holte Eliza die Kanne. Sie sprachen erst wieder, als sie mit dem Essen angefangen hatten.

»Rebecca muss heute nicht zur Arbeit kommen«, sagte Tante Bess.

»Man hat sie doch nicht entlassen, oder?«

»Sie bekommt einen Tag frei. Das habe ich bereits mir Mr Mosley besprochen.«

»Aber sie darf doch zurückkommen, oder? Sie liebt die Arbeit. Es lenkt sie von …«

»Das soll nicht deine Sorge sein, Eliza.« Tante Bess tupfte sich mit dem Schürzenzipfel den Mund ab und erhob sich. »Ich muss mich anziehen. Beschäftige sie mit irgendetwas anderem.«

»Ich muss um fünf zur Arbeit.«

Tante Bess zögerte einen Moment, ehe sie ihren Stuhl an den Tisch schob.

»Nein, musst du nicht.«

»Aber …«

»Mit Mr Purvis habe ich auch gesprochen. Erledige deine Pflichten im Haushalt. Ich werde um sechs zum Abendessen wieder da sein.« Sie ging ins Wohnzimmer, um sich für die Arbeit umzuziehen.

Eliza blieb am Tisch sitzen.

»Ist das unsere Strafe? Dass wir unseren Lebensunterhalt verlieren?«

»Die Arbeit als Zigarettenmädchen trägt wohl kaum etwas zum Lebensunterhalt bei.«

»Ich weiß, dass ich etwas Schlimmes getan habe, Tante Bess, aber …«

»Ich wünsche keine weiteren Diskussionen zu diesem Thema. Jetzt tu, was ich dir gesagt habe, und sei um sechs wieder hier. Verstanden?«

Eliza starrte in ihre Schale. Ihr Porridge war wässrig und fade.

»Verstanden, Eliza?«

»Ja, Ma’am.«

»Gut.« Sie schminkte sich die Lippen, steckte ihr Make-up in die Handtasche und warf einen prüfenden Blick hinein. »Gut.« Dann ließ sie den Verschluss zuschnappen. »Sechs Uhr heute Abend. Ich erwarte, dass du pünktlich bist.«

Eliza starrte auf die geschlossene Tür und spürte, wie die Abneigung, die schon ihre Mutter gegen Bess Haverford gehegt hatte, in unüberwindlichen Hass überging. Hinter ihr knarrte eine Diele. Als sie sich umdrehte, sah sie Rebecca in der Schlafzimmertür stehen und die Klinke hinunterdrücken.

»Was hat sie denn vor?«, fragte Peter, als sie die Charing Cross Road hinunterschlenderten. Eliza hatte ein neues Buch von Foyles unter dem Arm, mit dem anderen hatte sie sich locker bei Peter untergehakt, während Rebecca neben ihnen herhüpfte.

»Das weiß ich nicht. Das weiß man nie.«

»Und das alles wegen einem Paar Schuhe …«

»Bitte, Peter. Können wir über etwas anderes reden?«

»Klar. Entschuldigung. Natürlich können wir das.«

Schweigend gingen sie weiter. Rebecca rannte vor, um in ein Schaufenster zu schauen, und kam dann zu Eliza und Peter zurückgelaufen. Eine Taube flog dicht über ihre Köpfe hinweg und landete auf einem Mauervorsprung. Rebecca duckte sich lachend und streckte dem Vogel die Zunge raus.

»Nun, ziemlich aufregend«, sagte Peter.

»Es tut mir leid. Ich bin einfach …«

»Besorgt? Müde? Sauer?«

»Wirke ich besorgt, müde oder sauer?« Eliza fummelte an ihrem schlaffen Haar herum.

»Nein. Ich würde sagen, du siehst …«

»… ganz normal aus?«

»Schön, wollte ich sagen.«

»Danke.« Sie wurde rot.

»Das meine ich ernst. Übrigens … ich habe nachgedacht …«

Sag es, dachte sie. Ich sage ja, wenn du mich fragst. Sie drehte an ihrem Claddagh-Ring herum.

»Bald bin ich mit meiner Lehre fertig. Onkel Marvin sagt, ich tauge zum Buchhalter und werde gutes Geld verdienen. Dann muss ich nicht mehr im Palladium arbeiten …«

»Ja?« Sie drückte ermutigend seinen Arm. Sag es …

»Und da dachte ich, vielleicht sollte ich Urlaub machen. London für eine Weile verlassen …«

Für die Flitterwochen, dachte sie. Bitte sag …

»Falls du es eine Weile ohne mich aushältst.«

Sie blieb stehen.

»Oh. Nun ja«, sagte Eliza. »Wenn du es gern möchtest …«

»Ins Ausland kommt man nicht so leicht, aber ich dachte an die Isle of Wight oder den Lake District oder so. Könnte schwierig werden, aber einen Versuch wäre es vielleicht wert, oder?« Lächelnd sah er auf die Uhr. »O Gott, so spät schon. Ich sollte jetzt besser zu Onkel Marvin zurückkehren, sonst reißt er mir den Kopf ab.«

»Peter, warte.«

»Die Arbeit und so, du weißt schon.«

»Es ist nur … Danke. Dass du deine Mittagspause für uns geopfert hast.«

»Geopfert? Unsinn. Wo denkst du hin?« Er drückte seine Lippen auf Elizas Wange. Die Wärme des Kusses blieb an ihrer Haut haften, während er in die Gegenrichtung davonmarschierte. Eliza sah ihm hinterher und legte die Hand an die Stelle unter ihrem Wangenknochen, die immer noch kribbelte.

»Eines Tages wird er es tun«, flüsterte sie. »Rebecca, lass uns nach Hause gehen. Rebecca?« Ihre Schwester war in den Menschenmassen nirgendwo mehr zu sehen. »Rebecca?« Ihre Hände umklammerten das Buch.

Reifen quietschten, dann war ein dumpfer Aufprall zu hören.

»Rebecca!«

Eine kleine Menschenmenge, die sich am Straßenrand versammelt hatte, löste sich bereits wieder auf, als Eliza in die Richtung rannte. Rebecca stand unversehrt auf dem Bürgersteig und schaute zu Boden. Neben einem Gullydeckel lag eine tote Katze. Frisches Blut rann unter dem Körper hervor. Das Genick war gebrochen. Ein dunkelroter Fleck hing am Unterkiefer, der zu einem ewigen Schrei erstarrt war.

»Lass sie. Komm da weg, Rebecca, komm da weg.« Eliza packte ihre Schwester am Handgelenk und zog sie die Straße entlang.

»Was ist los, Eliza?«

»Nichts.«

»Es war doch nur ein lebloser Körper, oder? Alles, was eine Katze ausmacht, ist fort. Das hast du auch gesagt, als …«

»Ja, hab ich. Aber damals habe ich auch gesagt, dass du nicht hinschauen sollst, oder?« Sie ging schnell und zupfte den Kragen ihrer Bluse zurecht, während sie Rebecca hinter sich herzog. Erst als sie ihre Schwester weinen hörte, drosselte sie das Tempo.

Viertel nach sechs. Tante Bess war zu spät. Die einzig logische Erklärung dafür war, dass ihr etwas zugestoßen sein musste. Rebecca war damit beschäftigt, das Besteck zu zählen, daher merkte sie es gar nicht. Der Rindfleischeintopf wurde kalt. Eliza hatte noch nie erlebt, dass Tante Bess zu spät gekommen war, nicht einmal eine Viertelstunde. Sie konzentrierte sich auf ihr Strickzeug. Ihre Mutter hatte wunderschöne Handschuhe und Schals gestrickt, aber Eliza hatte ihr Talent nicht geerbt. Im Moment saß sie an einem blauen Schal für Peter. Im Januar hatte sie damit angefangen, und sie hoffte, Weihnachten fertig zu sein.

18:20.

Was, wenn Tante Bess etwas zugestoßen war? Außer ihr hatten Eliza und Rebecca keine Familie mehr. In letzter Zeit hatte es so viele Überfälle gegeben. Die Zeitungen machten die Mütter dafür verantwortlich, die nach dem Krieg weiterarbeiteten – angeblich passte niemand auf die Kinder auf, die nun durch die Straßen marodierten.

18:25.

»Liza, können wir nicht schon einmal essen?«

»Du weißt doch, dass wir warten müssen. Warum übst du nicht den Kreuzstich?« Eliza reichte ihr das Nähkörbchen. Rebecca setzte sich neben sie aufs Sofa und holte ein Stück Stoff mit Nadel und Faden heraus. Aus der Wohnung über ihnen drangen die gedämpften Klänge von It’s That Man Again aus Mrs Grandersons Radio.

18:30.

Was, wenn jemand Tante Bess angegriffen hatte? Was würde geschehen, wenn sie starb? Würde man sie beide auseinanderreißen? Rebecca würde es nicht aushalten, noch einmal von ihr getrennt zu sein. Eliza sah es förmlich vor sich, wie Tante Bess auf dem Heimweg stehen blieb, um in ihrer Handtasche nach einer Zigarette zu suchen, ohne darauf zu achten, was um sie herum passierte. Ohne auf den Mann zu achten, der sich von hinten an sie heranschlich. Er würde sie packen, würde ihr seine fleischige Hand auf den Mund drücken und sie in eine Gasse ziehen. Tante Bess würde um sich treten und kratzen und sich verzweifelt wehren, aber sie wäre nicht stark genug. Ein Genick konnte so leicht brechen …

Die Wohnungstür öffnete sich. Eliza sprang auf und ließ den Schal fallen. Tante Bess trat ein, unversehrt.

»Ihr seid da. Gut.« Sie knetete die roten Handschuhe zwischen den Fingern und mied Elizas Blick.

»Ja. Ist alles in Ordnung? Wir hatten schon …«

Hinter Tante Bess stand ein Mann. Er war riesig – größer noch als Mr Mosley – und hatte die gebeugte Haltung vieler großer Menschen. Sein linker Arm hing locker herab und lenkte die Aufmerksamkeit auf das fehlende Gegenstück; der rechte Ärmel seines fleckigen Flanellhemds war an der Schulter zusammengesteckt. Er schien nicht älter als dreißig zu sein, aber sein Gesicht war eine einzige Ansammlung von Narben und erinnerte Eliza an die bröckelnden ägyptischen Statuen, die sie als Kind im British Museum gesehen hatte.

Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

Tante Bess sprach als Erste. »Dies ist Mr Drewry. Er nimmt euch mit nach Wales.«

Eliza glaubte, sich verhört zu haben. Vermutlich hing sie immer noch ihren Schreckensfantasien nach.

»Entschuldigung?«, fragte sie.

»Ihr habt eine Stunde, um eure Sachen zu packen. Mr Drewry nimmt euch dann mit zum Bahnhof. Ich habe mich darum gekümmert, dass ihr in einem Haushalt Arbeit bekommt …«

»Wir haben Arbeit. Hier. In London.«

»Ihr hattet Arbeit in London«, sagte sie und zog ihren abgewetzten bordeauxroten Mantel aus. Ihre Hände zitterten. »Jetzt habt ihr Arbeit in Wales.«

»Was … Wer gibt Ihnen das Recht dazu?«

»Euer Vater.«

Eliza merkte, dass Rebecca neben ihr erstarrte, und konzentrierte sich weiter auf Tante Bess. »Er hat niemals gesagt, dass Sie uns aus unserer vertrauten Umgebung reißen dürfen. Er hätte niemals …«

»Er hat mich zu eurem rechtlichen Vormund bestellt, was bedeutet, dass ich euch großziehen darf, wie es mir sinnvoll erscheint. Da du bereits erwachsen bist, Eliza, kann ich dich vermutlich nicht zwingen, nach Wales zu gehen. Aber ich muss dir auch keinen Unterschlupf gewähren. Von diesem Moment an ist es dir nicht mehr gestattet, hier zu wohnen.«

Sie mussten London nicht verlassen, Gott sei Dank. Und sie mussten auch nicht bei Bess bleiben. Peters Eltern. Sie konnten bei ihnen in Shepperton wohnen. Peter hatte ja gesagt, dass er bald gutes Geld verdienen würde. Dann würde er ihr sicher einen Heiratsantrag machen. Das war alles, worauf er noch wartete. Rebecca und sie würden heute Abend noch packen und diese verfluchte Wohnung für immer verlassen. Sie würden bei Leuten wohnen, denen sie wirklich etwas bedeuteten. Das war wahrhaft ein Segen. Ein Segen …

»Was Rebecca betrifft«, unterbrach Tante Bess ihre Gedanken, »bin ich für sie verantwortlich, bis sie volljährig ist. Ich bin ihr Vormund, nicht du. Egal, was du zu tun beschließt, sie wird nach Wales gehen.«

»Nein!« Rebecca warf sich auf Tante Bess, stach ihr mit der Sticknadel in den Oberschenkel und kratzte ihr dann über Bauch und Gesicht. »Nein! Nein, Sie werden mir Eliza nicht wegnehmen! Das lasse ich nicht zu! Nein!«

»Rebecca!« Eliza zog ihre Schwester an der Schulter und wollte ihr die Arme um die Taille schlingen, aber der drahtige Körper des Mädchens war starr vor Zorn. Sie bekam sie nicht zu packen.

»Hexe Hexe Hexe!«, schrie Rebecca und trat ihrer Tante gegen die Schienbeine. Tante Bess schlug die Hände vors Gesicht, tat aber sonst nichts, um sich zu verteidigen.

»Rebecca, hör auf!«, bat Eliza. Als sie eine Hand auf der Schulter spürte, drehte sie sich um und sah Mr Drewry hinter sich stehen. Er schob sie beiseite und streckte die Hände nach Rebecca aus, aber Eliza stieß ihn zurück.

»Nein!« Nun warf sie sich mit ihrem ganzen Körper auf Rebecca und zog sie von ihrer Tante fort.

»Ich hasse Sie!«, schrie Rebecca. »Ich hasse Sie, ich hasse Sie, ich hasse euch alle!« Mit diesen Worten riss sie sich von Eliza los und rannte ins Schlafzimmer.

Mit dem Knallen der Tür endete der Ausbruch. Im Raum wurde es still. Gelächter aus Mrs Grandersons Radio drang durch die Decke.

Eliza sah zu, wie sich Tante Bess vorbeugte und Rebeccas Sticknadel aus ihrem Oberschenkel zog. Eine rote Schicht glänzte an dem dünnen Metall. Tante Bess erblasste und trug die Nadel zum Spülbecken. Eliza verzog sich ins Schlafzimmer. Leise schloss sie die Tür hinter sich, legte den Kopf an das kühle Holz und hörte Rebecca schluchzen.

Das alles könnte sie heute Abend für immer hinter sich lassen.

Sie wandte sich an ihre Schwester. »Du weißt doch, dass du solche Wörter nicht sagen sollst. Das ist sehr frech.« Sie nahm ihr Taschentuch und wischte Rebecca die Tränen aus dem Gesicht.

»Du wirst mich nicht verlassen, oder, Eliza?«

Rebecca war so klein für ihr Alter. Ein zartes Wesen, das so leicht zerbrechen konnte. Die alten Risse waren immer noch zu sehen. Rebecca würde es definitiv nicht überleben, wenn sie wieder von ihr getrennt wäre. Eliza holte Luft.

»Niemals, mein Schatz. Wir bleiben zusammen. Immer. Das verspreche ich dir.«

Eine Stunde später befanden sich in dem Raum nur noch eine schäbige Decke, ihre Gasmasken und Tante Bess’ klapprige Möbel. Ihr ganzes Leben passte in zwei braune Koffer. Nur Elizas Bücher nicht. Dafür war kein Platz mehr. Sie blieben auf dem Regalbrett stehen, einsam und verlassen, obwohl sie darum bettelten, mitgenommen zu werden. Das Taschenbuch, das Peter ihr am Nachmittag gekauft hatte, lag davor, ungelesen, ein trauriges Relikt. Eliza musste wegschauen, weil sie den Anblick nicht ertrug. Sie band sich ein Kopftuch um und schlüpfte in ihren zerlumpten malvenfarbenen Mantel. Eines ihrer Bücher steckte sie in die Manteltasche – ein Geschenk ihres Vaters. In der Tasche befand sich noch das offizielle Merkblatt, das sie bei der Evakuierung bekommen hatten: Informationen zum Bettnässen, erstellt für Haushalte, die unbegleitete Kinder aufnehmen. Erst wollte sie es behalten, aber dann warf sie es in den Mülleimer.

Tante Bess saß in der Küche und rauchte, als sie ihr Zimmer verließen. Eliza half Rebecca, ihren Koffer zur Tür zu tragen, wo Mr Drewry auf sie wartete. Rebecca war vollkommen emotionslos, wie so oft nach Anfällen, und protestierte nicht einmal, als Mr Drewry ihren Arm nahm. Bevor ihm Eliza ihre Schwester entreißen konnte, meldete sich Tante Bess zu Wort. Eliza blickte nicht in die Küche zurück.

»Wollt ihr euch nicht verabschieden?«, fragte ihre Tante.

Eliza nahm beide Koffer und bedeutete Mr Drewry, die Wohnung zu verlassen.

»Nein.« Leise zog sie die Tür hinter sich zu. Mrs Hodgkins trug einen Müllbeutel nach unten.

»Macht ihr eine Reise, mein Schatz?«

Eliza ignorierte sie.

Draußen wartete ein Taxi. Mr Drewry öffnete die Tür und stieg mit Rebecca ein. Eliza folgte mit den Koffern. Ihr Begleiter saß in der Nähe des Fahrers, während die Mädchen ihm gegenüber Platz nahmen. Der Boden starrte vor Schmutz, und die Polsterung der durchgesessenen Sitze war schon ziemlich marode. In Elizas Oberschenkel bohrte sich eine Feder. Sie zog Arme und Beine an und versuchte, so wenig wie möglich zu berühren. Als das Taxi anfuhr, sah Eliza einen großen, hageren Mann ins Haus gehen – Mr Mosley.

»Möge das Glück ihnen fernbleiben«, murmelte sie und schaute weg.

Rebecca lehnte an ihrer Schulter, während Eliza aus dem Fenster des fahrenden Taxis sah. Sie beobachtete Busse und Fußgänger, bewunderte die alten viktorianischen Häuser, die nun von den Bombeneinschlägen vernarbt waren, und schaute in die Gassen, wo die Schwarzhändler ihre Waren feilboten. Die nassen Bürgersteige rasten an ihr vorbei, jetzt nicht mehr von Schlangen verstopft, da die Geschäfte geschlossen hatten.

Eliza nahm alles in sich auf, während das Taxi sie immer weiter von zu Hause forttrug. Noch war sie hier, trotzdem vermisste sie es bereits. Sie gab sich Mühe, nicht an Peter zu denken. Sobald sich die Gelegenheit dazu bot, würde sie ihm schreiben. Rebecca schwieg. Sie zählte nicht einmal, zumindest nicht laut. Mehr konnte Eliza nicht erwarten. Mr Drewry blieb ebenfalls stumm und blickte während der gesamten Fahrt aus dem Fenster. Ob er London kannte, hätte Eliza nicht sagen können. Er zeigte weder das Interesse eines Besuchers in einer fremden Stadt noch die Gleichgültigkeit dessen, der das alles schon tausend Mal gesehen hat.

Das Taxi hielt vor der Paddington Station. Mr Drewry bezahlte den Fahrer, stieg mit Rebecca aus und ließ Eliza mit den Koffern zurück. Wenn Peter in den Urlaub fuhr, würde er auch von diesem Bahnhof starten, dachte Eliza, als sie Mr Drewry und Rebecca hineinfolgte. Würde er auf seiner einsamen Reise an sie denken, oder würde er ein anderes Mädchen an der Seite haben?

Eliza folgte Mr Drewry zu Bahnsteig vier, wo der Zug unter dem hohen Gewölbe bereits auf sie wartete. Der Fahrkartenkontrolleur verwies sie auf einen Erste-Klasse-Waggon, wofür Eliza sehr dankbar war. Als sie und die anderen Kinder nach dem Krieg nach London zurückgekehrt waren, hatte man sie in Abteile gequetscht, die so überfüllt waren, dass niemand hatte sitzen können. Ein kleiner Junge hatte sich auf ihr einziges Paar Schuhe erbrochen.

Mr Drewry wählte ein leeres Abteil und schob die Tür hinter ihnen zu. Jetzt half er Eliza auch mit dem Gepäck. Gemeinsam hievten sie die Koffer auf die Gepäckablage, wobei sich sein verbliebener Arm als erstaunlich stark erwies. Als das erledigt war, setzte er sich den Schwestern gegenüber und starrte wieder aus dem Fenster. Eliza ertrug das Schweigen nicht länger.

»Ich heiße Eliza. Das ist Rebecca.«

Sie wartete. Er schwieg.

»Wohin fahren wir in Wales genau?«

Keine Antwort.

»Könnten Sie uns wenigstens sagen, wie lange die Reise dauern wird?«

»Sieben Stunden, vierzehn Minuten«, antwortete er.

Eliza hatte einen weichen, singenden Waliser Akzent erwartet, stattdessen klang seine Stimme hart und englisch. Nordengland möglicherweise, obwohl das schwer zu sagen war, da er kaum sprach. Sie bedankte sich, zog Rebecca an ihre Schulter und nahm stumm Abschied von ihrer Heimat.

Es dauerte nicht lange, bis die Stadt verschwand und die Lichter vom Nebel verschluckt wurden. Während sie durch die finsteren Felder fuhren, fühlte sie Rebeccas Herz schneller schlagen.

»Besser als bei unserer letzten Flucht, was?«, fragte Eliza. »Wenigstens müssen wir keine Angst davor haben, dass uns eine Bombe auf den Kopf fällt. Außerdem haben wir keine idiotischen Gepäckmarken an den Mänteln.«

Rebecca blieb angespannt und abweisend.

Nun waren bereits drei Stunden verstrichen, seit der Zug losgefahren war. Eliza dachte, dass Mr Drewry vielleicht einschlafen würde. Vielleicht würde er seinen Hut ins Gesicht ziehen, um sich vor der Waggonbeleuchtung zu schützen, wie Vater es auf langen Reisen getan hatte. Aber Mr Drewry tat gar nichts. Ab und an rauchte er eine Zigarette, das war alles. Es schien ihn aber auch nicht zu stören, dass sich Eliza und Rebecca unterhielten.

»Warum liest du mir nicht etwas vor?«, fragte Eliza, als Rebecca in Ermanglung einer besseren Beschäftigung gegen die Unterseite ihrer Sitzbank trat. Sie holte das zerlesene Exemplar von Mrs Miniver aus der Handtasche und reichte es ihrer Schwester.

»Wo soll ich beginnen?«

»Wie wär’s mit dem Anfang?«, sagte Eliza und schloss die Augen. »Wir haben ja jede Menge Zeit.« Sie hörte, wie Rebecca das Buch aufschlug und blätterte.

»›Für meine Mädchen. Ohne euch ist kein Tag perfekt. In Liebe, Vater.‹«

Eliza lächelte. Rebecca blätterte um.

»Hasst uns Tante Bess, Eliza?«

»Hass ist ein starkes Wort. Ich glaube, dass sie uns vielleicht einfach satthat.«

»Hasst du sie?«

Eliza seufzte und schlug die Augen wieder auf. »Im Moment bin ich stinksauer auf sie. Aber ich könnte nicht sagen, ob ich je jemanden gehasst hätte.«

»Du hasst Hitler.«

»Das ist wohl wahr.«

»Für das, was er unserer Mutter angetan hat.«

»Für das, was er vielen Menschen angetan hat. Aber jetzt lies weiter. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie es anfängt.«

Rebecca las den ersten Absatz und hielt dann wieder inne.

»Ich hasse Tante Bess«, sagte sie.

»Du bist zu jung, um zu wissen, ob du jemanden hasst.«

»Bin ich nicht. Ich hasse sie wirklich. Ich hasse sie, und es tut mir nicht leid, dass ich sie geschlagen habe.«

»Wenn es dir nicht leidtut, wirst du das irgendwann bereuen«, erwiderte Eliza.

»Warum?«

»Weil dir irgendwann aufgehen wird, dass es nicht recht war. Liest du jetzt weiter, oder soll ich das für dich übernehmen?«

Rebecca las weiter, hielt aber am Ende der Seite wieder inne.

»Liza?«

»Ja, mein Schatz?«

»Wirst du mich irgendwann satthaben?«

Eliza legte ihrer Schwester einen Arm um die Schulter. »Das kann ich gar nicht. Es verstößt gegen das Gesetz, dass Schwestern einander satthaben.«

»Quatsch.«

»Doch. Mr Attlee hat es neulich durchs Parlament gebracht.«

»Du machst dich über mich lustig.« Rebecca kicherte.

»Tu ich nicht. Der König hat darum gebeten. Die Prinzessinnen haben sich gestritten, und er wollte sichergehen, dass sie unter allen Umständen Freundinnen bleiben.«

»Lügnerin.«

»Das stand in der Zeitung.«

»Ich glaube dir kein Wort.«

»Und ich glaube, du solltest weiterlesen.«

Sie lächelten sich an, dann wandte Rebecca ihre Aufmerksamkeit wieder dem Buch zu. Nun las sie Seite um Seite, während der Zug durch den Nebel fuhr.

Eliza kramte in ihrem Portemonnaie. Gut zwei Pfund waren alles, was sie hatte. Und einen Zahltag würde es jetzt auch nicht mehr geben.

»Ich habe Hunger, Eliza.«

»Ich weiß.«

»Wir haben nicht zu Abend gegessen.«

»Ich weiß.«

»Ich habe schon seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen.«

»Still jetzt!«

Mr Drewry schien eingeschlafen zu sein, und Eliza wollte ihn nicht wecken. Langsam stand sie auf, den Finger an die Lippen gelegt, damit Rebecca schwieg. Sie hatte bereits die Hand an der Waggontür, als aus der Gegenrichtung ein Zug vorbeidonnerte. Mr Drewry schoss hoch und tastete mit dem Stumpf seines fehlenden Arms nach etwas, das neben ihm auf dem Sitz lag. Als er nicht drankam, starrte er auf seinen leeren Ärmel, als sehe er ihn zum ersten Mal. Die Panik hielt nur kurz an und war schon fast wieder verschwunden, als er Eliza an der Tür stehen sah.

»Dürften wir vielleicht in den Speisewagen gehen?«, fragte Eliza in der Hoffnung, er merke nicht, dass sie bereits auf dem Weg waren. Mr Drewry sah zu Boden, dann aufs Fenster und legte seine verbliebene Hand ans Glas.

»Mr Drewry?«

»Von mir aus«, sagte er, den Blick ununterbrochen auf die Fensterscheibe gerichtet.

Eliza bedankte sich und verließ mit Rebecca das Abteil. Der Zug war nun schon fünf Stunden unterwegs. Sie hatte Krämpfe in den Beinen, und ihr Rücken war steif. Kopfschmerzen bahnten sich an, ihr Magen sandte schmerzhafte Hungersignale aus, und ihre trockenen Augen juckten. Sie wünschte sich ein Bett herbei – ein Doppelbett, nein, ein gigantisches Doppelbett –, in dem Rebecca und sie sich ausstrecken und einschlafen könnten, um vorerst nicht wieder aufzuwachen.

Stattdessen fand sie sich im Speisewaggon wieder. Rebecca klammerte sich an ihren Arm, während sie mit einem Kellner verhandelte.

»Bitte, Sir. Uns war nicht klar, wann die Küche schließt. Wir geben uns mit allem zufrieden, was Sie auftreiben können. Auch mit kalten Speisen. Ich habe Geld. Wir zahlen natürlich. Bitte. Meine arme kleine Schwester ist vollkommen ausgehungert.«

Während sie noch redete, fuhr der Zug in einen Bahnhof ein. Swansea stand auf dem Schild. Auf dem Bahnsteig befand sich ein Telegrafenbüro.

»Wie lange werden wir hier halten?«, fragte Eliza.

»Mindestens eine halbe Stunde. Hier wird die Lok ausgetauscht.«

»Rebecca, warte hier.«

»Wo gehst du …?«

»Wenn Mr Drewry kommt, sag ihm, ich sei zum Klo gegangen.«

Eliza verließ den Waggon und sprang auf den Bahnsteig.

»Bitte, bitte, sei geöffnet«, flüsterte sie vor sich hin, als sie sich einen Weg durch die Menge der aussteigenden Passagiere bahnte. Das Telegrafenbüro hatte tatsächlich geöffnet. Ein gelangweilter junger Mann saß hinter dem Schalter.

»Wie viel kostet ein Telegramm nach London?«, fragte sie und kramte in ihrer kleinen Handtasche.

»Sechs Pence für zehn Wörter.«

Eliza schnappte sich das Formular. Mr Drewry packte sie am Arm. Rebecca stand vor dem Büro, die Koffer neben sich.

»Ich … ich wollte …«

»Wir müssen hier umsteigen.« Er nahm ihr das leere Formular aus der Hand, legte es auf den Schalter und zog sie aus dem Telegrafenbüro. Eliza sah sich nach dem jungen Angestellten um, aber er war verschwunden.

Auf dem Bahnsteig stieß Mr Drewry den Koffer so heftig zu ihr hinüber, dass er an ihr Schienbein knallte. Rebeccas Koffer nahm er selbst und ging damit zum gegenüberliegenden Bahnsteig. Eliza nahm Rebeccas Hand und den anderen Koffer und folgte ihm.

Während sie in der bitteren Kälte auf den Anschlusszug warteten, schaute sie immer wieder zu dem Telegrafenbüro hinüber. Eine kurze Nachricht, das war alles, was Peter brauchte, um sich sofort auf den Weg zu machen. Wie sollte er sie sonst finden? Und wer würde Mrs Hodgkins die Taschen hochtragen oder nach Mr Pendletons Kanarienvogel schauen, wenn er nach Blackpool fuhr? Samstag war sie außerdem mit Jessie zum Tee verabredet. Wie lange würde sie im Corner House warten, bevor sie zu der Meinung gelangte, Eliza habe sie versetzt?

Tausend ungelöste Fragen waren auf sie eingeprasselt, als ihr Anschlusszug in den Bahnhof rollte. Nur wenige Passagiere stiegen in die vier Waggons. Sie selbst richteten sich in einem leeren Abteil am Ende des Zugs ein. Mr Drewry hüllte sich wieder in Schweigen, aber Eliza spürte, dass er sie nun besser im Auge behielt. Sobald sie saßen, stieß Rebecca sie mit dem Ellbogen an. Sie hatte ein bisschen kalten Schinken und ein Stück Brot in der Hand, eingewickelt in Zeitungspapier.

»Als der Kellner Mr Drewry sah«, flüsterte sie, »hat er mir das gegeben.«

Eliza nahm ein Stück Brot und biss ab. Mit geschlossenen Augen kaute sie langsam.

»Gott segne die Kellner«, seufzte sie.

Klick-klack-klack.

Eliza lauschte auf den Rhythmus des Zugs, der sie immer tiefer nach Wales hineinbrachte. Mitternacht war bereits eine Weile vorbei. Normalerweise wäre sie jetzt schon von der Arbeit zurück.

Klick-klack-klack.

Rebecca schlief, aber Eliza kämpfte gegen die Müdigkeit an. Sie wollte wach bleiben. Schlafen konnte sie immer noch, wenn sie angekommen waren.

Klick-klack-klack.

Sie musste ein Auge auf Mr Drewry haben. Sie musste aufpassen.

Klick-klack-klack.

Sie musste wach bleiben.

Rebecca schrie nicht. Selbst als Eliza laut wurde, sagte Rebecca keinen Ton, und sie bewegte sich auch nicht. Eliza packte sie und wollte sie die Treppe hochschieben. Sie konnte nicht hinschauen. Sie hörte nur ihre eigene Stimme, ihr eigenes Weinen. Sie roch nur den Staub. Staub und den Kürbislikör, der sich über den Kellerboden ergoss und in die unbefestigte Erde einsickerte. Staub und Kürbislikör und …

Ihre Schreie verwandelten sich in das Kreischen eines bremsenden Zugs. Blitzartig war Eliza wach und fuhr sich mit der Hand an die Kehle. Kein Bluterguss. Das konnte auch nicht sein, rief sie sich in Erinnerung.

»Nur ein Traum«, flüsterte sie.

Rebecca starrte sie an.