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Ausgehend von drei unerwarteten Ereignissen nach Opernbesuchen entwickelt sich für die Beteiligten die scheibchenweise Enthüllung der wahren Umstände dieser Vorfälle. Diese Entwicklung leitet die Entfremdung zwischen dem desillusionerten Lehrer Lars Bach und seiner Mutter Gerlinde ein. Es ist auch die Geschichte von dem zur Eifersucht neigenden Lars Bach und der Krankenschwester Annabelle Loose, die er aufgrund einer Lüge näher kennenlernt und die sich ineinander verlieben. Der Schwerpunkt der Handlungen spielt sich in Kiel, Neumünster und auf Sylt ab.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2019
Volker Klick
Abkehr!
Aus der Spur
© 2019 Volker Klick
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg
Titelblattzeichnung: Augustin Noffke
ISBN
Paperback:
978-3-7482-5936-7
Hardcover:
978-3-7482-5937-4
E-Book:
978-3-7482-5938-1
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Für meine Ehefrau Binchen und unsere Tochter Birte
Bis zur Pensionierung hat der Autor am Gymnasium Kaltenkirchen die Fächer Geschichte, Wirtschaft/Politik und Erdkunde unterrichtet. Er ist seit 1971 verheiratet und hat mit seiner Frau eine Tochter. Seit 1981 lebt er in Bad Bramstedt.
Veröffentlicht vom Autor ist das Kinderbuch „Knorrchens neue Heimat“ mit Zeichnungen von Michaela Frech, erschienen im Klecks-Verlag 2017.
1. Kapitel: Falstaff
„Und ein Programm!“ Lars zählt der Garderobenfrau das Geld in die Hand. Noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Beginn der Aufführung. Er geht ans Buffet, die Bedienung schenkt ihm ein Glas Sekt ein. An die Säule gelehnt, trinkt er einen Schluck und liest die Inhaltsangabe zu Verdis ‚Falstaff‘. Zwischendurch lässt Lars, der, wie er kurz durchgerechnet hat, seit 35 Jahren regelmäßiger Besucher im Kieler Opernhaus ist, seinen Blick schweifen, um die anderen Theatergäste zu studieren. Das macht für ihn an solchen Abenden einen besonderen Reiz aus, die Haltung der Menschen, ihre Kleidung, ihre Gesichtsausdrücke zu betrachten, wobei er sich selbstkritisch eingesteht, dass ‚Mustern‘ das passendere Wort wäre.
Ein Rentner - schütterer Haarkranz und drei lange Strähnen über der Glatze - bestellt für sich und seine attraktive Begleiterin - Lars schätzt sie auf Ende Dreißig - Wein und Tomatensaft. Auch andere Besucher blicken wie zufällig auf das ungleiche Paar, das in der Nähe von Lars an dem kleinen runden Tisch Platz nimmt. Verstohlen schaut er in dessen Richtung, empfindet Neid gegenüber diesem Mann in Gegenwart der blonden Frau mit ihrer schlanken Figur in dem schwarzen knielangen Kleid, das im Sitzen eine Handbreit auf den festen Oberschenkeln hochrutscht.
Lars zwingt sich, seine Augen von ihr abzuwenden, versucht, sich auf die Informationen im Programmheft zu konzentrieren, vergeblich. Obwohl sie sein Interesse spüren müsste, schenkt sie ihm nicht die Spur von Aufmerksamkeit, widmet sich ausschließlich dem Gespräch mit ihrem Gegenüber.
Das erste Klingeln ertönt. Die Gänge leeren sich. Lars eilt in den I. Rang. Im Parkett nehmen die beiden ihre Sitze ein. Auch sie applaudieren, als der Dirigent den Orchestergraben betritt und sich zum Publikum verneigt, und lauschen den ersten Klängen der Instrumente, die Lars nicht wie gewohnt in ihren Bann ziehen.
Seine Gedanken gleiten zu der grazilen Gestalt ab. Er registriert, wenn sie ihrem Nachbarn etwas zuflüstert und dessen Schulter mit dem langen Haar berührt. Heute fühlt er sich nicht getragen von der musikalischen Energie, kein Wohlbehagen durchflutet seinen Körper. Keine Emotionen drängen übermächtig sein Denken zurück, die Spannungsbögen innerer Erregung resultieren dieses Mal nicht aus der Musik.
In der ersten Pause passt er den Moment ab, als der ältere Herr zur Toilette geht, und will sich seiner Begleitung nähern. Doch sie sucht die Damentoilette auf. Als der Rentner das WC verlässt und neben Lars stehen bleibt, will Lars ihn ansprechen, um ihn nach seinem Eindruck von der Inszenierung zu fragen, doch die junge Frau kehrt bereits zurück. Nebeneinander, allerdings nicht Hand in Hand, begeben sie sich beim ersten Klingelzeichen auf ihre Plätze.
Lars wartet ungeduldig auf den letzten Ton des Orchesters, klatscht ohne Euphorie und drängt sich nach dem ersten Vorhang in Richtung Ausgang. Schnell holt er sich seinen Mantel. Er eilt die mit blauem Teppichboden ausgelegte Treppe hinunter, postiert sich an der Abendkasse und beobachtet den Gang zum Parkett, in dem die beiden nach zehn Minuten erscheinen.
Als sie das Opernhaus verlassen, folgt er ihnen unauffällig über den Vorplatz. Der Mann ruft ein Taxi herbei, öffnet der Blonden die Tür, gibt ihr die Hand und verbeugt sich. Lars schaut dem Taxi nach.
Bis zu Lars‘ VW-Golf sind es nur wenige Meter. Er startet ihn und wirft einen Blick auf den Rentner, der in seinen Volvo einsteigt, den er überholt. Er fährt auf die A215. Sein Fahrzeug zeigt 3° Grad Außentemperatur an, die Straßen sind trocken.
Nach einigen Kilometern stellt er sich in einer lang gezogenen Kurve vor, wie die Theaterbesucherin den Kopf an seine rechte Schulter legt. Er schließt die Augen und hört den Gesang vom selbstverliebten und liebestollen Falstaff, wie er seinen Körper und seine Haltung in höchsten Tönen lobt und wie er sich einredet, Alice Fords Liebster sei er, Sir John Falstaff. Er sieht die spätere Szene vor Augen, als Alice auf der Laute ein paar Akkorde spielt und Falstaff beseelt ist von dem Gedanken, sie, die ‚Rose rot‘, zu pflücken und er sie singend umarmt:
“Ihr Götter, lasst mich sterben! Was kann ich wohl erleben nach dieser trauten Schäferstunde noch?“
In dem Augenblick verliert er die Kontrolle über das Fahrzeug.
Es prallt gegen die rechte Leitplanke, schleudert auf die linke Fahrspur, fast in den ihn überholenden Volvo hinein. Schnell lenkt er den Wagen auf die Standspur, bremst und hält an. Er umklammert fest das Lenkrad, legt den Kopf zurück an die Kopfstütze. Tief atmet er durch. Langsam beruhigt er sich. Er spürt, wie sich der Pulsschlag normalisiert. Aus dem Handschuhfach nimmt er die Pfeifentasche und steckt sich die Pfeife in den Mund. Er öffnet den Deckel der Tabakdose und stopft sich die Pfeife, zündet sie sich jedoch nicht an.
Er beobachtet, wie ungefähr 200 Meter vor ihm der Volvo, der dem Unfall knapp entkam, weil der Fahrer auf die schmale Bankette an der Mittelplanke ausgewichen ist, auf dem Seitenstreifen zum Stehen kommt.
Lars wundert sich, dass der Rentner nicht weiter fährt, und fragt sich, ob dieser ihn zur Rede stellen wolle. Er starrt durch die Windschutzscheibe, die feuchten Hände wischt er mehrmals an der Hose ab. Dringend wünscht er sich, dass der andere die Fahrt fortsetzen möge. Aber da nichts geschieht, rechnet er jeden Augenblick damit, dass sich die Fahrertür öffnet und der Fahrer aussteigt. Doch es geschieht nichts.
Inzwischen sind bereits mehrere Fahrzeuge vorbei gefahren, ohne die Geschwindigkeit zu verringern. Gerade als er das Streichholz aus der Schachtel, die griffbereit auf der Mittelkonsole liegt, anzünden will, sieht er im Rückspiegel, wie ein Mercedes langsamer wird und sich auf der Höhe von Lars‘ Fahrzeug das Seitenfenster öffnet.
„Brauchen Sie Hilfe?“, ruft die Beifahrerin.
Schnell zeigt Lars auf seine Pfeife und das brennende Streichholz. Sie nickt kurz und schüttelt dann den Kopf.
„Scheiße!“ Hastig pustet Lars das Streichholz aus und reibt seine Finger. Die gestopfte Pfeife legt er in die Pfeifentasche auf dem Beifahrersitz und löst den Gurt. Nach dem Blick in den Außenspiegel öffnet er die Wagentür und steigt aus. Nichts regt sich beim Volvo.
Als Lars den Volvo erreicht, sieht er, dass der Körper des Fahrers zur linken Seite gerutscht ist. Der Kopf berührt das Seitenfenster. Er öffnet vorsichtig die Beifahrertür, kniet sich auf den Sitz und berührt vorsichtig die Schulter. Keine Reaktion! Lars fasst an die Halsschlagader. Kein Pulsschlag zu spüren. Nervös greift er in die Jackettasche nach seinem Mobiltelefon, vergeblich. Es liegt im Wagen. Er rennt zurück, nimmt es heraus und wählt die 112. Er schildert kurz die Situation und muss sich zusammenreißen, nicht auszurasten, als die Mitarbeiterin in der Zentrale, nachdem er ihr seine Personalien und die Telefonnummer durchgegeben hat, nach der Kilometerangabe des Standorts fragt.
„Das weiß ich nicht, Ausfahrt Blumenthal in Richtung Neumünster reicht als Angabe. Machen Sie endlich was.“
Die letzten Worte brüllt er.
„Beruhigen Sie sich, und bleiben Sie am Fahrzeug des Verunglückten.“
Nach kurzer Überlegung startet Lars seinen VW-Golf und parkt ihn vor dem anderen Pkw. Da er dem Rentner nicht helfen kann, zündet er die Pfeife an, zieht mehrmals an ihr und inhaliert das Nikotin tief, während er nachdenklich aus der Windschutzscheibe blickt. Schließlich öffnet er die Wagentür und dreht sich aus dem Sitz. Den glühenden Tabak, den er am Holm aus seinem Pfeifenkopf klopft, tritt er mit seinen schwarzen Theaterschuhen aus. Die wenigen Schritte hin zum Volvo fallen ihm noch schwerer als vorhin. Sein Blutdruck ist spürbar erhöht, trotz der Tabletten, die er vor dem Theaterbesuch eingenommen hat. Aber er hat ja immer das Nitrolingual Akutspray und das Blutdruckmessgerät in seiner Umhängetasche dabei.
Als er über seine Vorsichtsmaßnahmen mit seinen Eltern vor ein paar Wochen sprach, als sie ihn zum Abendbrot eingeladen hatten, machte sich sein Vater über ihn lustig und nannte ihn ein Sensibelchen, Mutters Sensibelchen. Gerlinde fand die Bemerkung unmöglich. Als sie gerade ansetzen wollte, etwas dazu zu sagen, winkte er grob ab.
„Hör auf. Versuch gar nicht erst, deinem verhätschelten Sohn beizustehen und ihn in Schutz zu nehmen.“
Sie schaute zu Lars, der ihr mit leichtem Kopfschütteln zu verstehen gab, nicht darauf zu reagieren. Diese Bemerkung und ähnliche andere prallten inzwischen von ihm ab. Er wollte das Abendessen genießen, für das sein Vater aus einer Räucherei in Gaarden eine Makrele und Forelle, einen Bückling und halben Aal sowie zwei Stücke Heilbutt gekauft und in der Küche filetiert hatte.
So verkehrt lag sein Vater gar nicht mit seiner Provokation. Lars gesteht sich selbstkritisch ein, dass dieser mit Krankheiten besser umgeht, das heißt sich weniger Gedanken darüber machte, wenn er sich früher im Beruf als Heizungsmonteur oder bei der Gartenarbeit verletzte oder es ihm nicht gut geht. Lars dramatisiert oft seine eigenen Diagnosen.
Das Blaulicht nähert sich rasant. Der Rettungswagen hält, dicht dahinter das Fahrzeug des Notarztes. Drei Männer steigen aus, greifen nach ihren Geräten und stellen sie am Volvo ab. Lars wird aufgefordert, zurück zu gehen. In einigen Metern Entfernung verfolgt er, wie der Mediziner sich in den Wagen setzt und nach der Untersuchung den Toten von den Sanitätern auf die Trage legen lässt. Er informiert die inzwischen eingetroffene Polizeibeamtin und ihren älteren Kollegen, dass für den Tod keine äußere Gewalteinwirkung ursächlich sei, sondern wohl plötzliches Herzversagen. Er werde den Totenschein ausfüllen, und sie könnten ein Bestattungsunternehmen beauftragen, den Leichnam abzutransportieren.
Während die Polizistin nickt und die Dienststelle verständigt, damit alles Weitere eingeleitet wird, spricht der Kollege, der sich als Polizeiobermeister Gerlach vorstellt, Lars an, der mit wachsendem Unbehagen die Szenerie beobachtet und nervös seinen beschleunigten Herzschlag und das Stolpern der Herzschläge registriert.
„Kennen Sie die Person, den Verstorbenen?“
„Nein, ich kenne den Herrn nicht. Auf dem Weg nach Neumünster bemerkte ich den Volvo am Seitenrand. Als ich langsam vorbeifuhr und den Fahrer am Steuer sah, dessen Körperhaltung nichts Gutes verhieß, hielt ich an und ging zu ihm. Als er keine Reaktionen zeigte, rief ich die Notfallzentrale an.“
„Sie haben alles richtig gemacht“, sagt der Polizist. „Wenn wir Ihre Personalien aufgenommen haben, benötigen wir Sie nicht mehr.“
Mit zittriger Hand entnimmt Lars seinem Portemonnaie den Ausweis, reicht ihn dem Beamten, der die Angaben in ein Notizbuch trägt.
„Falls zusätzlicher Klärungsbedarf besteht, wird die zuständige Dienststelle mit Ihnen Kontakt aufnehmen. Gute Fahrt für Sie.“
„Danke!“ Erst jetzt schaut Lars ihn an.
Gerade als er zu seinem Wagen will, ruft ihm die Polizeikollegin zu, bitte zu bleiben. Sie habe eine Frage. Auf der Bankette seien schlängelnde Reifenspuren eingedrückt. Der Verstorbene müsste auf der linken Spur gefahren sein.
„Haben Sie beobachtet, ob er einem plötzlichen Hindernis ausweichen musste oder die Kontrolle bei einem Überholvorgang verlor?“
„Nein! Als ich auf diesem Teil der Strecke unterwegs war, habe ich keine Rücklichter von fahrenden Fahrzeugen auf der rechten oder linken Spur gesehen, nur eben den Volvo auf dem Seitenstreifen.“
Er überlegt kurz, dann fügt er hinzu: „Ich habe spontan meinen Wagen vor dem Volvo geparkt, um vielleicht helfen zu können.“
Verunsichert knetet Lars seine Hände, tut so, als müsste er sie wärmen. Die Beamtin nervt. Sie will zudem wissen, woher er gekommen sei und wohin er habe fahren wollen. Nachdem er ihr geantwortet hat, lässt sie ihn endlich zufrieden.
Lars dreht sich erleichtert um. Er zwingt sich, bewusst aufrecht und nicht hastig zu gehen. Er ist froh darüber, nicht konkreter befragt worden zu sein. Er bereut es im Nachhinein, dieses Mal nicht wie sonst auf den Bundes- und Landesstraßen herumkutschiert zu sein. Er ist sauer auf sich. Was hat ihn bloß geritten anzuhalten? Zu retten wäre nichts mehr gewesen. Er setzt sich in den Wagen, startet und fährt bis zur Ausfahrt Neumünster-Nord, um auf der B4 zurück nach Kiel zu kommen.
Als er in der Schweffelstraße eintrifft und glücklicherweise gerade ein Parkplatz vor dem Haus Nummer 5 frei wird, ist es bereits halb Eins. Dennoch geht er nicht in seine Wohnung, sondern in das Guinness Pub „East of Dublin“ am Gutenbergkreisel, fußläufig fünf Minuten entfernt. Schlafen hätte er jetzt nicht können.
James und er umarmen sich, denn Lars ist hier seit Jahren Stammkunde, und ihn verbindet mit dem Iren ein freundschaftliches Verhältnis über den normalen Umgang zwischen Wirt und Gast hinaus. Während er ein Guinness bestellt, zeigt James auf Wolfram, der in seiner Lieblingsecke sitzt. Lars gesellt sich zu seinem Freund und Kollegen. Wolfram, vier Jahre älter als er, trägt wie immer in der Öffentlichkeit ein Jackett, auch jeden Tag im Bertha-von-Suttner-Gymnasium, wo beide unterrichten, er Deutsch und Geschichte, Lars Englisch und Geschichte. Mit dem Jackett im Schulalltag ist Wolfram die große Ausnahme neben der Schulleiterin, die ihre Position kleidungsmäßig mit wochenweise wechselnden Hosenanzügen unterstreicht.
„Vor Beginn der Arbeitswoche irische Mutmacher?“
„Du sagst es. Die Geschichtsklausur meiner elften Klasse habe ich heute Abend zu Ende korrigiert, und vor der Rückgabe brauche ich mein Guinness, denn sie ist bescheiden ausgefallen.“
James stellt den Pint auf den Bierdeckel, und die beiden Kollegen stoßen miteinander an. Lars berichtet vom Theaterabend und dem Geschehen im Anschluss, ohne seine Rolle zu schildern, die den Tod des Rentners vermutlich ausgelöst hat. Dazu ist er noch nicht fähig. Später sicherlich, weil er seinem Freund sehr private Dinge anvertrauen kann, so wie dieser ihm gegenüber, wenn er offen mit Lars über die Probleme seiner Ehefrau spricht.
Ein zweites Guinness möchte Lars nicht mehr, Wolfram nicht ein drittes. Zum einen wollen sie nicht James‘ Arbeitszeit unnötig in die Länge ziehen, zum anderen müssen beide in der ersten Stunde anfangen, Wolfram mit der Rückgabe der Klausur, Lars mit Englisch in der achten Klasse.
Sie verabschieden sich gegenseitig und von James, der für Wolfram ein Taxi bestellt hat, das ihn nach Hasseldieksdamm bringen soll.
Ein Streifenwagen fährt an Lars vorbei und hält an der Kreuzung zum Westring. Der Schreck fährt Lars in die Glieder. Sofort schießt ihm durch den Kopf, dass die beiden Polizisten zu ihm wollen. Vielleicht hat die Beamtin etwas entdeckt, was den Tod des Rentners mit ihm in Verbindung bringt. Skeptisch genug wirkte sie. Sie schien sorgfältiger zu ermitteln als ihr Kollege. Seine Anschrift haben sie. Sie könnten auf dem Weg zu ihm sein. Er verlangsamt seinen Schritt, hockt sich zu den Schuhen, als wolle er die Schnürsenkel binden. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie die Ampel auf Grün wechselt und der Wagen nach rechts abbiegt, nicht geradeaus. Erleichtert steht er auf und geht schnell weiter über den Westring.
Endlich in der Wohnung! Sofort wird er abgelenkt von seinem Kater. Kleiner wirft sich auf den Rücken, rollt sich hin und her und streckt den Körper und die Pfoten lang aus. Lars beugt sich zu ihm hinunter und streichelt dessen Bauch. Bis Lars den leeren Futternapf aufgefüllt hat, weicht Kleiner ihm nicht von der Seite.
Ein zusätzlicher Nachttrunk wäre jetzt nicht schlecht. So könnte er besser einschlafen. Auf einmal fühlt sich Lars in der Küche von einem kalten Scheinwerferlicht geblendet und verliert die Orientierung. Ein Strudel aus Szenen im Zuschauerraum, im Foyer, auf der Autobahn und im Volvo wirbelt ihn herum. Er reißt den Kühlschrank auf und trinkt einen kräftigen Schluck Korn direkt aus der Flasche. Der scharfe Alkoholgeschmack bringt ihn zurück in die Gegenwart. Er verzichtet aufs Zähneputzen. Seine Kleidung schmeißt er auf den Schreibtischstuhl, und nur in Unterwäsche legt er sich ins Bett, den Schlafanzug am Fußende schiebt er raus. Sofort springt Kleiner auf die Bettdecke und legt sich auf Lars‘ Brust. Doch dieses Mal drückt das Gewicht des Katers zu sehr auf ihm. Etwas grob schiebt er ihn beiseite. Kleiner faucht und verschwindet aus dem Schlaf- beziehungsweise Arbeitszimmer.
Trotz Guinness und Korn wird Lars nicht schläfrig. Unruhig wälzt er sich im Bett. In der Biographie über Verdi weiter zu lesen, hat keinen Sinn; ebenso wenig wird ihn eine Sinfonie von Beethoven entspannen. Die Erinnerungen an den Abend kreisen in seinem Gehirn. Übelkeit steigt in ihm hervor. Er muss würgen. Er fühlt sich erbärmlich, weil er für den Tod eines Menschen verantwortlich ist. Sein Versagen kriecht schlagartig aus allen Poren, ihm bricht der Schweiß aus, während gleichzeitig seine Gedanken umher schwirren wie Splitter in einer Explosion. Er richtet sich auf und stopft sich das Kissen in den Rücken.
Eigentlich müsste er an den Rechner, um zu recherchieren, ob man ihn wegen Fahrlässigkeit oder grober Fahrlässigkeit belangen könnte. Aber warum sollte er? Wo kein Kläger, da kein Beklagter. Zeugen gibt es nicht. Da fällt ihm die Beifahrerin ein, die ihn gefragt hat, ob er Hilfe brauche? Könnte sie hundertprozentig aussagen, dass sein Golf erst hinter und nicht vor dem Volvo stand? Hat die Polizei nach seiner Abfahrt den rechten Seitenstreifen, wo er zuerst anhielt, auf Reifenspuren oder andere Indizien untersucht? Zuzutrauen wäre es der ehrgeizigen Polizeimeisterin.
Wem könnte er sich anvertrauen? Keinem! Derjenige, dem er es erklären würde, bräuchte sich nur zu verplappern. Und wer weiß, auf welchen verschlungenen Wegen die Wahrheit in einer Polizeidienststelle landen würde. Gibt es bei Fahrlässigkeit oder grober Fahrlässigkeit eine Verjährungsfrist?
Er hat Durst. Sein Mund ist wie ausgetrocknet. Korn nicht mehr. Bier auch nicht. Am besten ein Glas Tomatensaft mit möglichst viel Tabasco, um sich seine Selbstvorwürfe heraus zu brennen. Er leert das Glas sofort in der Küche. Kleiner meldet sich nicht. Eingerollt liegt er auf dem Sofakissen und schläft fest. Ihn plagen keine Gewissensbisse.
Der Volvo fährt rückwärts auf den Golf zu. Lars legt hastig den Rückwärtsgang ein und fährt nach hinten, zu langsam. Sein Wagen wird voll gerammt, der Airbag wird ausgelöst, von dem sein Kopf abgefedert wird. Durch die Scheibe starrt ihn jemand an und bewegt die Lippen. „Warum?“, liest Lars von ihnen ab.
Lars zieht sich die Bettdecke vom Gesicht. Also ist er doch noch eingeschlafen. Aber er fühlt sich völlig gerädert. Die Muskeln schmerzen. Der Rücken kommt ihm wie ein steifes Waschbrett vor. Kleiner sitzt auf dem Schreibtisch und beobachtet ihn, wie er aufsteht und als erstes ihm das Fressen gibt. Lars wankt ins Badezimmer. Er muss sich beeilen, sonst kommt er zu spät in die Schule. Vor dem Spiegel sieht er die violett unterlaufenen Augenränder. Er könnte sich krank melden. Allerdings wäre er in der Schule abgelenkt vom gestrigen Abend. Also wäscht er sich, zieht sich an und trinkt zwei Becher Kaffee. Appetit auf Toast und Marmelade hat er nicht. Bevor er, von der Nacht ausgelaugt, mit seiner Aktentasche die Wohnung verlässt, schafft er es immerhin, Kleiner hochzuheben und dessen Köpfchen an seine Wange zu legen.
Gerade noch rechtzeitig mit dem Klingeln betritt Lars das Schulgebäude und geht sofort in die achte Klasse. Auf dem Weg dorthin wühlt er in seiner Tasche herum, damit keiner von den wenigen Lehrkräften in den Gängen auf die Idee käme, ihn anzusprechen.
Mitten in der ersten Stunde wird ihm mulmig. Er muss auf die Toilette, Wasser trinken. Seine Flasche Mineralwasser hat er vergessen. Auch in den folgenden Klassen läuft es nicht wie sonst. Mehrmals muss er bei Antworten nachfragen und verschreibt sich an der Tafel. Eine ältere Schülerin will wissen, warum er so zerfahren sei. Er redet sich heraus, dass er gestern Magen- und Darmprobleme hatte, die gängige Erklärung von Lehrer- und Schülerschaft bei Abwesenheit. Am liebsten hätte er die Frage zum Anlass genommen, einen Stuhlkreis bilden zu lassen und zu beichten. Die Klasse als Auditorium von Psychologen, die sein Bekenntnis diskursiv beleuchten und ihm die Absolution erteilen würden, mit einem von jedem unterschriebenen Schlusskommuniqué.
In den Pausen geht er gar nicht erst in das Lehrerzimmer. Wolfram, der in der zweiten großen Pause Aufsicht hat, kann er leider nicht ausweichen. Ihn wundert es, dass Lars wie ausgekotzt aussehe, ob er den Rest der Nacht irgendwo anders versumpft sei oder sich zu Hause weitere Getränke reingezogen habe.
„Schlecht geschlafen, mehrmals auf Toilette.“ Mehr sagt Lars nicht und lässt Wolfram stehen.
Er sitzt vor dem Computer und sucht die Meldungen auf knonline durch und entdeckt einen Hinweis auf den Tod eines Autofahrers auf der A215 und das vom Arzt diagnostizierte Herzversagen. Von weitergehenden Verdachtsmomenten und Ermittlungen sowie von ungeklärten Fragen steht nichts geschrieben; auch nicht auf der Homepage des Holsteinischen Couriers. Erleichtert geht Lars in die Küche und brät sich zwei Spiegeleier mit Zwiebeln, kippt sich Ketchup rüber und isst sie mit zwei Scheiben Landbrot. Dazu genehmigt er sich ein Dithmarscher Pils.
Bevor er sich hinlegen will, informiert er sich im Internet über fahrlässige Tötung, obwohl die Polizei nichts gegen ihn in der Hand hat. Vorsatz kann man ihm sowieso nicht vorwerfen. Wäre der Aspekt von Mangel an Umsicht und Sorgfalt auf seine Unaufmerksamkeit anzuwenden? Er hat nicht mit dem Handy telefoniert oder eine Nachricht verfasst oder gelesen. Den Grund für seinen plötzlichen Richtungswechsel würde ihm allerdings keiner abnehmen. Vermutlich würde der das Protokoll aufnehmende Beamte an Lars‘ Verstand zweifeln. Bei ihm wäre sicherlich eine Geldstrafe das Strafmaß und nicht ein Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren. Vielleicht ein Urteil mit Bewährung? Disziplinarrechtlich könnte er wegen außerdienstlichen Fehlverhaltens belangt werden. Das alles wegen einer Sekunde.
Am liebsten würde er die nächsten Wochen im Zeitraffer vorspulen, um die Ängste und das schlechtes Gewissen schneller loszuwerden. Am besten ist es, er schläft erst einmal, trinkt danach Tee, tobt mit Kleiner herum, setzt sich an den Schreibtisch und hört sich am Abend die Zauberflöte auf CD an. Damit kann er sich auf die Oper einstimmen, die er mit seiner Mutter demnächst ansieht.
2. Kapitel: Zauberflöte
Die zerknüllte Serviette wirft Kurt Bach schwungvoll auf den tiefen Teller. „Lecker hat sie geschmeckt.“ Seine Frau strahlt. Sie weiß, dass sie ihrem Mann mit der Erbsensuppe, auf Rinderknochen und Speckschwarte gekocht, einen deftigen Genuss geboten hat, durch den sie in die seltene Lage kommt, in die Arme genommen und geküsst zu werden, was ihr ein erstes Lächeln an diesem Sonntag entlockt. Auf dem Weg in die Küche ruft sie Kurt zu, er brauche nicht die Teller und Löffel hinauszutragen, er könne sich ruhig auf das Sofa legen und sein Nickerchen machen. Den leicht angebrannten Rest der Suppe wolle er wohl nicht auskratzen. Sie würde ihn in die Toilette leeren.
Die letzten Worte hat Kurt nicht mehr gehört. Gerlinde hört ihn stoßweise schnarchen. Sie füllt den Geschirrspüler, in dem bereits das Geschirr vom Vorabend und Morgen eingeordnet ist. Nachdem sie ihn angestellt hat, nimmt sie den schweren Topf vom Wohnzimmertisch und trägt ihn in das Badezimmer. Trotz ihrer ständigen Ermahnungen hat ihr Mann wieder den Deckel oben gelassen. Sie schüttet den sämigen braun-grünen Bodensatz in das Wasser und spült ihn weg. Den Topf reinigt sie in der Küche per Hand im Ausguss, platziert ihn neben die anderen Töpfe im Schrank, legt die Schürze ab und geht ins Badezimmer, um die Hände zu waschen.
Es sind nicht Kurts Schlafgeräusche, die sie hört, als sie sich abtrocknet, es sind Laute aus der Nähe. Sie horcht und blickt in die Richtung, aus der sie zu kommen scheinen, aus dem Klo. Vorsichtig hebt sie den Deckel und lässt ihn sofort fallen, starrt ihn aber weiter an. Sie rührt sich nicht von der Stelle, kreidebleich im Gesicht, den Mund zu einem Schrei geöffnet, der mit Verzögerung schrill die Wohnung zerschneidet.
Ihr herbeilaufender Mann, den Mittagsschlaf aus den Augen reibend, schimpft gereizt. „Verflucht noch mal, hast du mich erschreckt.“ Verängstigt ergreift Gerlinde seinen Arm.
„Ratte“, flüstert sie, „Eine Ratte in der Toilette.“
Ungläubig sieht er sie an, stockt kurz, um sie dann, „solch ein Blödsinn“ vor sich hinmurmelnd, beiseite zu schieben. Er reißt den Deckel hoch.
„Na bitte“, er zeigt hinein. „Nichts. Keine Ratte, keine Maus, kein Getier. Nicht einmal Barthaare.“
So wie er sie jetzt anschaut, nicht mehr verschlafen, sondern spöttisch, fühlt sie sich lächerlich. Verunsichert berichtet sie von den Geräuschen und dem blitzschnellen Wegtauchen einer Ratte. Überheblich legt er die kräftigen Hände auf ihre Schultern und drückt sie an sich. Sie spürt genau, wie er vor sich hin grinst.
„Komm' in die Stube, Gerlinde.“
Sie sitzen sich in den beiden Sesseln gegenüber. Er beugt sich vor und redet eindringlich auf sie ein, dass es nicht angehen könne, sie wohnten in der dritten Etage des vierstöckigen Wohnhauses, das solle erst einmal eine schaffen, gegen den Abwasserstrom im Rohr senkrecht hinaufzuklettern. Die Ratten hätten genug zu fressen um die Häuser herum, in den Kellern, zwischen den Abfalltonnen. Da wüssten sie sich einfacher zu ernähren, als den Weg stromaufwärts auf sich zu nehmen.
Gerlinde hört nicht mehr zu, rückt innerlich von den herablassenden Worten ab. Sie dreht sich um und geht in die Küche, um Kaffee zu machen.
„Seit undenklichen Zeiten im Flurschrank“, antwortet er, als sie ihn laut nach dem Gift fragt, das als Überrest aus ihrem ehemaligen Garten nicht entsorgt worden ist. Kurt hatte es für die Mäuse ausgelegt hat, welche die Wolldecken auf den Liegen in ihrem Holzhaus angeknabbert hatten.
„Du machst dich völlig verrückt!", schreit Kurt aus dem Wohnzimmer. Er zündet sich eine Zigarette an, als sie mit dem kleinen Tablett erscheint und ihm den Becher reicht.
"Gezuckert ist er schon."
Er nimmt einen kräftigen Schluck, speit aber sofort aus, läuft würgend, hervorgerufen durch die vielen Löffel Salz, in das Badezimmer. Gerlinde steht ruhig an der Tür, schaut kalt lächelnd zu ihm, wie er vor dem Klobecken kniet, und dreht den Schlüssel um. So sollte ihn sein einstiges Gartenflittchen sehen, wie er kotzend den Klodeckel umarmt. In ihr steigt die Erinnerung an den für sie beschämenden Abend wie Galle hoch, an dem Kurt sie zum ersten Mal bloßgestellt hat, und angewidert beginnt sie zu erzählen, und er muss zuhören, kann sie nicht körperlich bedrängen.
Sie hielt die Geldbörse bereit, als der Fahrer bremste und ihr den auf dem Taxameter angezeigten Preis ‚3,90‘ DM für die Fahrt vom Ostuferhotel am Brook zu ihrem und Kurts Zuhause am Vinetaplatz nannte. Sie reichte ihm einen Zehn-Mark-Schein und ließ sich fünf Mark zurückgegeben. Ein Danke kam ihm nicht über die Lippen, und er machte keine Anstalten, auszusteigen und ihr die Wagentür zu öffnen.
Sie hatte zwanzig Minuten auf das Taxi warten müssen und das bei eisiger Kälte von minus zehn Grad. Der Mantel hatte ihr nicht viel genutzt. Darunter trug sie lediglich ein dünnes Minikleid mit weit ausgeschnittenem Rückenteil. Auf das Unterhemd und den BH, die sie gewöhnlicher Weise alltags trug, hatte sie verzichtet. Auf dem Faschingsfest des Schrebergartenvereins tummelten sich weder die Frauen noch die Männer in zugeknöpfter warmer Kleidung. Dieses Fest war neben dem Sommervergnügen Mitte August der zweite Höhepunkt des Vereinslebens.
Sie schaute zu den Fenstern ihrer Wohnung. Im Wohnzimmer brannte Licht. Kurt war bereits zu Hause, hatte sie einfach alleine auf der Feier gelassen. Er hatte es nicht für notwendig befunden, sie mitzunehmen.
Klar, sie hatten vor Beginn der Veranstaltung, wie in den Jahren zuvor, vereinbart, nicht den ganzen Abend aneinander zu kleben, sondern auch mit anderen Tanzpartnern oder Tanzpartnerinnen zu schwofen und ein paar Gläschen Wein und Sekt zu trinken. Ein daraus sich ergebender lockerer Umgang mit Umarmung oder Küssen war ein tolerierter Bestandteil auf dem Karnevalsfest. Aber bisher hatten sich beide an die Regel gehalten, es gemeinsam zu beenden.
Der Schwips hatte sich bereits ein wenig verflüchtigt, sodass sie auf dem Bürgersteig kaum schwankte. Sie kramte in ihrer Umhängetasche nach dem Schlüsselbund und nahm den Haustürschlüssel in die Hand. Verwundert sah sie zum Taxi, das keine Anstalten machte loszufahren.
In dem Moment, als sie die Haustür aufschloss, ging das Treppenhauslicht an. Sie trat in den an den Wänden gefliesten Gang in der Parterre. Sofort nahm sie die Stimme ihres Mannes im zweiten Stock wahr, der aufgekratzt mit einer Frau Sprüche klopfte, deren Stöckelschuhe auf dem Terrazzoboden klackten. Auf der letzten Treppe stoppten die beiden wie auf Kommando, als sie Gerlinde erblickten. Neben Kurt stand die widerliche Kuh vom Nachbargarten, deren Mann vor einem halben Jahr gestorben war; die drei Jahre älter als sie war, kaum Brüste hatte und einen flachen Arsch. Angewidert drehte sie sich schnurstracks um, kehrte zum Taxi zurück, riss die Tür auf und wollte einsteigen.
„So geht’s nicht, meine Dame. Das Taxi ist bereits bestellt.“
„Mit ‚Ihrer Dame‘ können Sie mich ‚mal kreuzweise“, schrie sie ins Wageninnere und trat lediglich ein paar Schritte zurück. Sie wartete auf die Witwe, die sich von Kurt verabschiedete und ihr entgegenkam.
„Zum Schluss gar kein Küsschen?“, rief ihr Gerlinde zu. An Gerlinde vorbeigehend antwortete sie: “Für heute reicht‘s!“ und verpasste ihr mit der Schulter einen Stoß, sodass Gerlinde hinfiel. Bevor sie sich aufrappeln konnte, startete das Taxi.
„Was willst du?“, fauchte sie ihren Mann an, als er ihr gegenüber den Besorgten spielte und ihr hochhelfen wollte.
„Fass mich nicht an!“
„Fällt es dir wieder ein, Kurt? Es war solch ein erniedrigender Augenblick, das Schlimmste, was du mir angetan hast, der nicht zu überbietende Höhepunkt in deinen vielen Eskapaden.“
„Wozu erzählst du mir das? Es interessiert mich nicht mehr. Lass mich verdammt noch mal raus.“
Gerlinde hat ihn trotz der scheibenlosen Badezimmertür vor Augen: hochrot das Gesicht mit geschwollenen Adern an den Schläfen.
„Brüll nicht so rum. Auch später hast du mich gedemütigt, wenn ich in unserem Garten unverhofft erschien und dich nicht antraf, weil du in ihrem Gartenhäuschen mit ihr rumgehurt hast. Und das, obwohl du nach dem Faschingsfest hoch und heilig beteuert hattest, das Verhältnis zu beenden. Im Grünen habt ihr euch dann nicht mehr getroffen, sondern bei ihr zu Hause. Seitdem frage ich mich, wieso ich mit dir weiterhin schlafen konnte in den zehn Jahren, in denen deine Konkubine noch gelebt hatte, bis der Brustkrebs sie endlich dahinraffte. Zum Schluss wurden deine Besuche bei ihr am Kranken- und Sterbebett ja immer weniger, das Fleisch hatte seine Schuldigkeit getan, die Akte wurde geschlossen, der Vorgang war erledigt und abgehakt. Ich hoffe, sie hat das schmerzlichst empfunden, verdient hat sie es.“
„Trotz allem fandst du mich anziehend, und vielleicht hat dich der Gedanke an mein festes Verhältnis sogar stimuliert“, geht Kurt, mit Genugtuung in der Stimme, auf Gerlindes Vorhaltungen ein, schon nicht mehr so wutschnaubend wie zuvor. „Wozu kramst du diese ollen Kamellen hervor. Du hattest Zeit genug, sie zu kauen, hinunterzuschlucken und zu verdauen.“
„Übrigens, heute Abend werde ich nicht Kamellen kauen, sondern Hustenbonbons lutschen während Mozarts ‚Zauberflöte‘. Dabei werde ich vergnügt an dich denken, wie du in der Toilette rumhängen musst. Und daran, wie dein aufwallender Jähzorn dich zerwühlt.“
„Mach endlich die verfluchte Tür auf, sonst kann ich für nichts mehr garantieren, wenn du mich länger hier festhältst.“
„Bei deinen unkontrollierten Ausbrüchen ziehe ich es vor, das Gespräch durch die geschlossene Tür zu führen. Ich möchte nicht mit geschwollenem Gesicht im Opernhaus auftauchen und mich von den Besuchern anstarren lassen. Lars wäre entsetzt, wenn er mich so sähe. In einer Stunde holt er mich ab. Heute ist wieder eine Vorstellung aus unserem Abo.“
„Du willst mich etwa den ganzen Abend hier im Badezimmer lassen? Soll ich so lange gegen die Tür schlagen, bis die Nachbarn die Polizei rufen und die Wohnungstür aufgebrochen wird?“
„Mir egal, was du tust. Du bist der Blamierte, nicht ich. Ich würde mir ja gerne einen Stuhl in den Flur holen, um mich weiter mit dir auszutauschen, aber leider muss ich mich chic machen für unseren Sohn und fürs Theater.“
Kurt tobt und brüllt und hämmert gegen die Badezimmertür. Nach fünf Minuten hört es auf.
