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In seinem einzigen Roman erschafft Tor Ulven fünfzehn Bewusstheiten. Die Figuren befinden sich in unterschiedlichen Lebensphasen, von der Kindheit bis ins Greisenalter. Sie haben den Moment des Innehaltens und Stillstands erreicht und verfolgen eine »private Utopie«, sehnen sich nach etwas Unerreichbarem. Die Namenlosen erinnern, träumen oder malen sich in Selbstgesprächen aus, was aus ihrem Leben hätte werden können oder was ihnen für ein glückliches Leben fehlt. Und so sind es die Abwesenheiten, die ihre Gedanken dominieren: eine geliebte Frau, ein vermisster Hund, Geld oder Gesundheit. Die individuellen Schicksale gleichen stillen Variationen von Sehnsüchten und Ängsten, Trauer und Verlust. Ulven gestaltet einen Erzählreigen um die fünfzehn Protagonisten und deren unscheinbare Ablösungen. Die Wechsel von Figur zu Figur sind flackernd, leuchtend oder geschehen im Dunkel. »Alle Übergänge in dem Buch werden dadurch markiert, dass eine Lichtquelle in eine andere übergeht oder erlischt«, so beschrieb es der Norweger in einem seiner seltenen Interviews.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2019
Tor Ulven
Ablösung
Roman
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
Literaturverlag Droschl
Eine Unruh, ein kurzes nervöses Zucken im Licht (oder im Dunkeln) könnte man es nennen, ein Lüftchen regt die Zipfel der Gardinen und lässt den matten Glanz der Sommernacht herein, so flackert es bisweilen, ein schmaler Streif, der im Laufe von ein paar Sekunden aufklafft und verschwindet, ein vorläufiges Dunkel, danach neues Flackern und neues Dunkel; dies jedes Mal, wenn im Luftzug (denn er lässt es mit Absicht, wegen der großen Hitze, durchziehen) der Spalt zwischen den Gardinen sich auftut, sie flattern und bauschen (wie ein Bühnenvorhang, wenn die Schauspieler oder Bühnenarbeiter an dessen Hinterseite vorbeihasten), ehe sie abermals relativ unbeweglich herabhängen in ihren rockartigen Falten. Ein Rock mit langem Schlitz, und die ganze Welt dahinter versteckt. Im Prinzip brauchte man nur die Tür öffnen und gehen, um alles zu finden, absolut alles.
Es ist dunkel. Er liegt im Dunkeln, beinahe reglos, reglos auf dem Wege zu Ruhe und Schlaf. Er hat sich daran gewöhnt, ist Freund damit, Freund des Dunkels, des kurzen Zeitraums von Dunkelheit nach dem Zuziehen der Gardinen, aber vor Einschalten der Leselampe. Vorausgesetzt, alles steht an seinem gewohnten Platz, kann er sich mit einer gewissen Sicherheit, wie er es eben getan hat, durchs Zimmer begeben, vom Fenster zum Bett. Im Übrigen ist dies kein wirkliches Nachtdunkel, nur halbdunkles Gedämmer; glimmend und glänzend von Sonnenreflexen gleißt es noch immer in den obersten Hochhausfenstern, während das Dunkel, oder das Halbdunkel, oder der Schatten, untenrum sich verdichtet und langsam die Stockwerke emporsteigt (das weiß er), von einer Fensterreihe zur nächsthöheren, wie eine Messlatte hinan: bald voll. Heute Abend ist er in den Geruch des Hauses eingetreten wie ein Gast, und er kann den beruhigenden, metallischen Dunst von Waffenöl wiedererkennen: das Gewehr steht in Reichweite des Bettes, wie üblich, scharf geladen, wie üblich. Er ist vorbereitet. Der einzige Unsicherheitsfaktor besteht darin, dass die Patronen ungefähr halb so alt sind wie er selbst, mit anderen Worten vierzig und noch was. Vielleicht sollte er sich neue leisten. Falls sie jedoch nie abgefeuert würden, so gewänne er keine Freude aus ihnen, und das Geld wäre hinausgeworfen.
Die Nacht drinnen gleich heiß wie der Tag draußen. Es hätte das Meer sein können. Reut es ihn? Er weiß es nicht. Wohlbehalten angekommen, hätte er sich am Kiosk eine Packung gefüllter Kekse kaufen können (er hätte sie nur zuerst ein wenig im Mund aufweichen müssen) sowie eine Flasche Limonade, ehe er sich aufgemacht hätte zu der beschwerlichen Reise hinunter zum Strand, wo er, neben sich Jacke und Stöcke und mit aufgekrempelten Hemdärmeln, im Gras hätte sitzen, die Kekse verzehren und Limonade hätte trinken können, langsam und genussreich, und währenddessen die heranrollenden Wellen betrachten und den Wind spüren im Haar, oder, richtiger, auf der Kopfhaut, dazu der Geruch von Salz, Jod und moderigem Tang. Er erinnert sich an das vorige Mal, als er am Meer war, vor ungefähr zehn Jahren muss das gewesen sein, als er etwas gesehen hatte (denn es ist, als wäre das Nichtvorhandensein einer Kehle bei ihm mit klarem Augenlicht kompensiert worden), etwas, das zunächst wie eine Flasche (mit Post?) aussah, danach wie eine Zigarrenschachtel, im Seewind hereintreibend, das sich am Ende jedoch, völlig banal, in einen Holzklotz, einen durchweichten Holzklotz verwandelte, der schließlich zum Liegen kam und im Takt mit den Wellenschlägen gegen die Ufersteine stieß, ohne jede Botschaft, glatt, nicht einmal Ausrisse an den Rändern von der Säge, mit der er durchschnitten war. Er erinnert sich, welch eine Erlösung es war, das Herandümpeln des unbedeutenden Gegenstands an den Uferrand zu beobachten, dieses Gefühl, wenn man nur lange genug ausharrt, dann kommt etwas geschwommen, gern etwas ohne Sinn und Bedeutung, aber doch eben etwas, etwas schwimmt, treibt, driftet heran, ein Klotz, man braucht nur zu warten, denkt er, dieser Klotz, das ist er, ein gegen die Ufersteine klopfender Holzklotz eines Sommertags vor zehn Jahren. Nein. Das ist er nicht. Er lebt. Er sitzt und betrachtet den Holzklotz im Wasser.
Nein. Er saß und betrachtete den Holzklotz im Wasser vor zehn Jahren. Oder vor dreiundsiebzig Jahren. Am Strand. Die Hand ihre Oberschenkel hinaufwandernd unter das Kleid, und so weiter, nein, das nicht, denkt er, aber durch die Äste und das Blattwerk hindurch konnte er die Lichtflecken eines Segelboots sich bewegen sehen, wie es für eine Sekunde verschwand und wieder zum Vorschein kam, langsam bis ins Unerträgliche, und er konnte den sauren Geruch verkohlter Würstchen von dem Lagerfeuer ganz oben am Ufersaum wahrnehmen (zu dem Zeitpunkt lediglich ein orangeroter Gluthaufen, darin in unregelmäßigen Abständen Holzreste knallten, einen wirbelnden Funkenregen versprühend), und er ist froh, dass diese Zeit vorbei ist.
Nein, das ist er nicht. Zum Beispiel ein Apfelgehäuse oder ein x-beliebiges Obst oder Gemüse, das am Verrotten ist, es runzelt, verformt sich und schrumpelt, so wie der menschliche Körper mit fortschreitendem Alter sich runzelt, verformt und immer mehr einschrumpelt, als wenn das kleinste gemeinsame Vielfache für Obst (oder Gemüse) und Menschen gleichsam nur im Verfall zum Vorschein käme, denkt er. Er schwitzt, besonders am Rücken, ein seimiger, klebriger Schweiß, wie Sirup auf der Haut. Einst hatte er etwas gelesen über einen Künstler, der auf einer Art Wandgestell eine lange Reihe weißbemalter Bananen aufgehängt hatte, alle gleich, alle künstlich bis auf eine, und mit Fortdauern der Ausstellung dieses Künstlers begann eine der Bananen zu faulen, die echte natürlich, welche sich somit entlarvt hatte, während die anderen, die künstlichen, noch immer gleich weiß waren und schön. Nein, nicht ans Meer heute. Wie lang seit dem letzten Mal? Vier Monate in etwa. Vier Monate also, seit er das letzte Mal außer Haus war. Ein Wagestück jedes Mal. Aber des Wagens wert. Im Winter nie, das wäre zu gefährlich. Aber ein formidables Erlebnis nach vier Monaten oder einem halben Jahr bei gleichbleibender Aussicht. Im Grunde egal, was er sieht, solange es nur etwas anderes ist.
Allerdings nicht durchs Fernrohr: ein gyroskopisch bewegliches Aluminiumrohr, an einer soliden Stange montiert, eine Plattform zum Stehen sowie ein Schlitz für die Münze (man sieht nichts, weiß er, bevor man bezahlt hat; das Geldstück, in den Behälter rasselnd, wird zum plötzlichen Aha, dem Offenbarwerden von etwas völlig Neuem und Unerwartetem, das nun klar hervortritt, vergrößert, indiskret nah, gegen Bezahlung; er stellt sich einen Mann vor mit klimpernder Blechbüchse vorm Bauch, einer Blickblechbüchse sozusagen, er muss die ganze Zeit Münzen einwerfen, um einige Minuten sehen zu können, immer neue Münzen, und jedes Mal, wenn der Kleingeldstrom versiegt, bleibt er vollkommen blind bis zur Beschaffung eines neuen Münzstücks; das Sehen ist nicht gratis, es häuft sich auf in Form von Schulden, und er lacht gedämpft für sich bei dem Gedanken, im Dunkeln, zum Glück ist da niemand, der das keuchende, konvulsivische Fauchen hören kann, welches ein kehlkopfloses Gelächter darstellt). Nein, kein Fernrohr. Zum einen wäre das Stehen für ihn viel zu unsicher auf der kleinen Plattform (einem Trittbrett beinah), zum andern wäre er vermutlich zu bucklig und eingekrumpft, als dass er zu dem Okular hinaufreichte, und zu allem Überfluss würde er wahrscheinlich beide Stöcke beiseitelegen müssen, oder mindestens einen, zum Einwerfen des Geldes.
Also das bloße Auge. Doch er konnte die Ellbogen auf einen der Terrassentische stützen, so ein Straßencafétisch aus weißlackiertem Metall, das beim Draufschlagen dröhnt, und er konnte auf einem dieser Klappstühle mit Rückenlehne sitzen, ein mit Holzsprossen versehenes, zusammenklappbares Eisengerippe, dort konnte er sitzen, hart und unbequem zwar, im Schatten unter einem befransten, mit der Reklame für ein Erfrischungsgetränk bedruckten Plastiksonnenschirm, während er Kaffee trank und Waffeln mit Butter und Erdbeermarmelade aß (obschon er für das junge Mädchen hinter dem Tresen jeden Teil seiner Bestellung drei Mal wiederholen und beim dritten Mal zusehen musste, wie sie selbst die Wörter gedankenlos mit dem Mund mitformte, als wäre sie Bauchrednerin und er die Bauchrednerpuppe, und er merkte, wie erschrocken und peinlich berührt sie war ob seines amphibischen, krötenartigen Rülpsens und Quakens). Ein vergitterter Ventilator summend auf dem Tresen, angenehm kühlend, von einer Seite zur andern schwenkend, während er in dem leeren Lokal dem Geklirre von Karren mit Tellern und Besteck aus der Küche zuhörte. Das Erste, was geschah, als er mit der bezahlten Bestellung wieder ins Freie trat, war, dass das Papier für die Zuckerstücke fortgeblasen wurde, ehe er noch dazu kam, es zusammenzuknüllen.
Auch diesen Abend kein Verrutschen des Bettvorlegers, er konnte sich sicher setzen und das Hemd aufknöpfen, langsam, jeder Knopf ein Projekt für sich unter den steifzitternden Fingern, die winzig kleine, glatte Scheibe, die ständig herausflutscht, doch am Ende schaffte er es, auch heute, trotz allen Schweißes und ohne sonders zu sehen in dem Dunkel, oder dem Halbdunkel, oder dem Schatten; jedes Mal eine Erlösung zu spüren, wie die halsstarrige Reibung des Knopfes gegen das Knopfloch ein Aufhören nimmt und der Knopf herausrutscht, mit einem kleinen Ruck, ein Sieg jedes Mal, und die Hemdbrust sich immer weiter entzwei teilt. Hier liegt er nun, im Bett, im Dunkeln, neben der Brandmauer. Zuerst einige feste, dumpfe Schläge gegen das Schornsteininnere, dann ein schnelles, ruckweises Zischen, das Ganze wiederholt sich, gefolgt von schwerem Getrampel beim Heruntersteigen über die Bodentreppe; der Schornsteinfeger pflegt frühmorgens zu kommen, und die Geräusche rühren von dem mitgebrachten Gerät her: eine Eisenkugel, an einer Kette hängend, und an der Kette befestigt eine Quaste aus elastischen Metallstäbchen, wobei es sich solchermaßen verhalten muss, dass die Kugel die Bürste im Schornstein bis zum Grunde hinabsinken lässt, wohingegen die Quaste den Ruß fortkehrt, indem dies Ganze: Kugel, Kette und Quaste, wieder hochgezogen wird und währenddessen die mehr oder weniger pulverisierte Rußschicht in den Keller hinabrieselt, wo diese ihrerseits wiederum aus einer dafür vorgesehenen Luke herausgeschippt werden muss. Aber nicht jetzt. Er kommt im Frühling, Frühling und Herbst, zwei Mal im Jahr. Man wird bescheidener in seinen Zerstreuungen, je älter man wird. Er fragt sich, ob er das Geräusch des Schornsteinfegerwerkzeugs je wieder hören wird.
Schwitzen immer besser als frieren, denkt er, aber schwitzen ist nicht gut. Von dort, wo er saß, unterm Sonnenschirm auf der Caféterrasse, konnte er sie beinah im Ganzen sehen, kartographisch, aus der Vogelperspektive, und es sah nicht so aus, als wäre sie von der Meerseite her aufwärts gewachsen, wie es sich, unbestreitbar, über die Jahrhunderte zugetragen hat, sondern als wäre sie in Form einer trägen, matten Glasmasse das Tal entlang geflossen und auf der Ebene vor dem Meer erstarrt, wo er durch das Hitzegeflimmer hindurch eine Menge kleiner, weißer und scheinbar unbeweglicher Segel zwischen den grünschwarzen Landmassen der Bucht ausmachen konnte; einzig durch standhaftes Anstarren eines einzelnen von ihnen konnte er bemerken, wie der Abstand zwischen dem Boot und beispielsweise einer der Inseln sich stetig verringerte, bis das Segel hinter ihr verschwand.
Jetzt ist es dunkel. Und trotzdem nicht ganz dunkel, denn noch immer dringt das Licht durch die Gardinen, sowohl durch den schmalen Spalt in der Mitte (wiewohl nur wenige Zentimeter, und beidseits des leuchtenden Spalts zeichnen die Säume sich ab wie dicke, dunkle Striche, die sich stellenweise verjüngen, dort, wo der Stoff einwärts oder auswärts verdreht ist) wie auch durch das Textil selbst, dessen eigentliches Muster (stilisierte Clowns, Seelöwen, Zirkuspferde und Elefanten, die sich in regelmäßigen Abständen wiederholen) fast unsichtbar geworden ist, als wäre es vollkommen ausgewaschen. Dafür jedoch gewahrst du jetzt etwas, das normalerweise nicht so gut zu sehen ist, insonderheit dann nicht, wenn es im Zimmer hell ist und draußen dunkel (wohingegen es jetzt im Zimmer dunkel ist und draußen hell), nämlich eine Andeutung des Gewebes, all die gekreuzten Fäden, die in ihrer Gesamtheit die Gardine ausmachen, ungefähr so, wie wenn jemand dir einen Pulli über den Kopf zieht, und du sträubst dich dagegen, und du siehst Licht durch den Stoff des Kleidungsstücks, aber nichts außerhalb, und ein Abdruck deines Atems bleibt auf dem Stoff zurück, und nachdem endlich dein Kopf (mit Gewalt) durch den Ausschnitt gezogen wurde, kannst du einen nassen Fleck irgendwo auf deiner Brust spüren. Du vergisst ihn bald, und wenn er dir wieder einfällt, ist er verschwunden.
Nicht ganz dunkel, aber eine Art Dunkel wurde es, nachdem sie ihren Daumen mit dem langen, roten Nagel auf den Schalter gedrückt hatte (der einer kurzen, runden Nase ähnelt, die mit Ausschalten der Lampe sich ein wenig verlängert), nachdem sie das Buch zugeklappt und sich über dich gebeugt hatte, wobei ihre weiße Perlenkette, kalt und kitzelnd, in deine Halsmulde hinabfiel, und sie musste sie mit der anderen Hand hochhalten, während sie ihre Wange an deine legte, du nahmst den Duft von Parfum wahr und einen leichten Geruch nach dem heutigen Abendbrot (Fårikål mit dieser ekelhaften, matschigen, grauweißen Konsistenz, den zähen, knorpelartigen Fleischfasern und harten Pfefferkörnern, die beim Zerbeißen im Mund wie Geschmacksknallfrösche zu explodieren scheinen; du kannst es nicht lassen, obwohl du stets angewiesen wirst, sie auszuspucken und an den Tellerrand zu legen); Geruch von Lammeintopf also, an ihren Haaren und an ihrer Kleidung. Wenn sie sich darauf einließe, die Tür einen Spaltbreit offen zu lassen, fiele aus dem Wohnzimmer ein wenig Licht herein, aber darauf lässt sie sich nicht ein, sie sagt, du musst dich ans Alleinsein im Dunkeln gewöhnen, sonst wirst du dich nie daran gewöhnen, du, der du jetzt schon seit zwei Jahren zur Schule gehst, und dass es nichts Gefährliches gebe im Dunkeln; deshalb also kommt aus dem Wohnzimmer kein Licht, nur durch das Fenster ein bisschen.
Du wirst die Maschine konstruieren. Vielleicht morgen schon wird sie fertig, aber spätestens übermorgen. Natürlich könntest du dich darin trainieren, so weit über den Fußboden zu springen, dass sie überflüssig wäre, denkst du, doch das kommt dir unmöglich vor, wo du noch nicht mal in den Turnstunden mitmachen darfst; deshalb also musst du die Maschine konstruieren. Es nützt nichts, sich vorzumachen, alles sei ganz genau wie im Hellen; vielleicht glaubt sie das selbst, vielleicht nicht, doch es ist auf jeden Fall unwahr, denn das Dunkel nimmt Raum ein, füllt aus, und darum muss auch etwas darin sein, so wie beispielsweise eine Schublade mit Silberbesteck voll ist oder die Erde voller Gekreuche, das beim Anheben eines morschen Bretts eiligst entschwindet, auch wenn man sich die Dunkelheit womöglich denken könnte wie einen Ballon, einen Ballon voll schwarzer Luft. In jedem Fall aber packt derselbe Schrecken dich jedes Mal, wenn es darangeht, die bloßen Füße vors Bett zu setzten (auf den Bettvorleger mit der bebeinkleideten Maus), denn in dem Raum zwischen Fußboden und Bettrost ist Platz, Platz für hagere, knochige Arme mit langen, harten Fingern (oder Klauen), welche sich von dort unten herausstrecken könnten und nach deinen Knöcheln haschen, wie Tanten es tun, wenn sie fühlen wollen, wie dünn du bist (ihre Finger umspannen dein Bein wie ein Fußeisen für Strafgefangene, bevor sie dich, nach einer kurzen Weile, wieder freilassen), aber das will dich nicht loslassen, es will dich zurückhalten, jäh und fest, sodass du im Aufstehen kopfüber hinpurzelst, und danach will es dich hineinziehen, hinein in das Dunkel unterm Bett, und du wagst nicht einmal daran zu denken, was dort unten geschehen wird, der bloße Gedanke daran macht deine Hände schwitzen, du musst dir die Handflächen am Deckenbezug abreiben; im Übrigen ist es doch immerhin heiß, vielleicht rührt das Schwitzen nur daher, weil immer noch Sommer ist. Eine Art Kehrmaschine mit zwei langen Armen, wie ein Hummer ungefähr, jedoch sollen diese Arme nicht in zwei Scheren auslaufen, sondern in zwei große, rotierende Drahtbürsten, und die Arme selbst sollten beweglich sein, damit die Bürsten überall unter das Bett hinreichen, und falls die Bürsten tatsächlich etwas finden sollten und das Gefundene unbarmherzig zu sich heranziehen, so wie die Maschinen der Straßenmeisterei im Frühling Sand zusammenfegen, dann wird an der Maschine ein riesiger Schlund sich auftun und es verschlingen, es in seinem blanken Stahlrumpf absolut fluchtsicher einsperren, das Drehen der Bürsten wird aufhören, während an der Maschinenoberseite ein rotes Licht zu blinken und gleichzeitig eine kleine Glocke zu klingeln beginnt (wie eine Schelle am Weihnachtsbaum ungefähr). Dann wäre es an der Zeit, die Polizei zu rufen, auf dass sie das im Innern sich Befindende kommen holen, doch in der Zwischenzeit hieße es aufpassen, dass niemand versehentlich oder aus Neugier die Luke an der Vorderseite öffnet und es wieder herausschlüpft, womit die Ankunft der Polizei völlig umsonst wäre; hätten sie es indes erst einmal gefasst, dieses Etwas, das du mit Zagen ein Ungeheuer in Gewahrsam nennst, dann könntest du es dir vielleicht ansehen, in einer Art Fallgrube (so wie in dieser Stadt im Ausland, in der zwei lebende Bären tief in einer kreisrunden Betongrube gefangen gehalten werden und man vom Rande aus zusehen kann, wie sie knurrend über Steine und zerkratzte, krallenspurenbesäte Holzstämme klettern), aus der heraus es dich nicht erreichen könnte, denkst du, es wäre machtlos in all seinem Grauen, und vielleicht würdest du mit einem langen Zeigestab, oder einem Skistock, auf das Ungeheuer hinunterstochern können, und wenn es vor Schmerz aufwimmerte, so würdest du sagen können, dass es bloß bekomme, was es verdiene, nicht mehr und nicht weniger, und dass seine böse Macht gebrochen ist, dass nichts mehr ist jetzt unter dem Bett, dass es fortan leer ist dort drunten, und in der Leere liegt Sicherheit.
Noch immer nicht ganz dunkel, aber ein mähliches Schwächerwerden des Lichtes (das nicht Sonnenschein ist, nur ein blasser, unbestimmbarer Schimmer von nirgendwoher) dort draußen erahnst du, der Unterschied zu der Helligkeit von vor kurzem gleicht in etwa dem wie zwischen einer trockenen und einer nassen Wollsocke, oder, andersherum betrachtet, das Zimmer wächst mit Dunkelheit zu, so wie Wasserpfuhle im Wald mit Gras, Schilfrohr und Grünbewuchs überwuchern, du könntest es Schwarzbewuchs nennen, das Zimmer verwuchert mit Schwarzbewuchs, aber noch immer dringt Licht durch die Gardinen, besonders durch den Spalt in der Mitte.
Es ist Sommer, aber es wird jetzt früher dunkel. Vielleicht könntest du, sofern du nur ausreichend still vorgingest, aufstehen und durchs Fenster hinauslugen (denn hinter dem Fenster muss immer noch Tag sein, oder, richtiger, das vom Tage noch Übrige, ein Tagesabschnitt (später Abend), zu dem der Zugang dir verwehrt bleibt, du, in deinem Fall, musst dich damit zufriedengeben, ihn anzusehen, so wie du ein unleistbar teures Modellflugzeug in einem Schaufenster ansiehst), so wie du durch das Krankenhausfenster hinaussahst, als sie gegangen waren nach der Visite, ohne sich umzudrehen. Sie wussten nicht, dass du dort standst und hinausstarrtest, sie schienen im Reden, ab und an gestikulierten sie, und einmal blieben sie wirklich stehen und sahen einander an, er warf einen Blick zurück zu dem cremegelben Gebäude (als ob er zurückzukommen gedachte?), wiewohl zum Eingang hin, zu irgendeiner Stelle unter dir, nicht zu dem Fenster hoch dort droben, an welchem du standest und ihrem stetigen Kleinerwerden zusahst, wie Reiseschachspielfiguren, denkst du, ehe sie schließlich über eine schräg hinter einer Hecke mit weißen, runden Kugeln (die Kugeln indes waren vom Fenster aus nur als ein fahler Schleier zu sehen) verlaufenden Treppe abwärts verschwanden. Auf der Treppe und dem Plattenweg war niemand mehr, und doch starrtest du weiter dorthin auf dieses Leere, so lange, bis zwei weiße Hütchen über der Hecke heraufwogten, wie Papierschiffchen in einem starken Strom, und die beiden Krankenschwestern, Arme über Kreuz und Golfjacken über den Schultern, sich näherten, sodass du die Nase fest gegen die Scheibe pressen musstest, damit du sie unter dir sehen konntest und endlich die Tür (oder eigentlich nur deren letztes Drittel) zufallen sahst hinter ihnen. Doch vorher war’s, während deine Eltern den Plattenweg noch hinunterstiegen, vor ihrem Verschwinden hinter der Hecke, dass du ans Sterben dachtest; oder, genauer, du erkanntest, dass, wäre die Operation nicht durchgeführt worden, du gestorben wärest. Und die Narbe, die du zurückbehieltst, leicht juckend unter der Pyjamajacke, eine lange, kräftige Linie mit vielen kurzen Querstrichen, die rote, aufgeschwollene Haut, einem Reißverschluss ähnlich (als könntest du ihn gleichsam öffnen und hineingucken) oder nur einer rauen Naht (du bist ein Sack, der aufgetrennt und dem etwas entnommen oder in den vielleicht etwas hineingetan und der dann wieder zugenäht wurde), sie ist außerdem eine Art Stempel, der dich als lebend kennzeichnet, so wie beim Fleischer der blaue Stempel auf den geschlachteten Schweinekörpern die Schweine als tot kennzeichnet.
Du kannst die Fäden im Gewebe des Gardinenstoffes nicht mehr unterscheiden, erst recht nicht dessen Muster (stilisierte Clowns, Seelöwen, Zirkuspferde und Elefanten, die sich in regelmäßigen Abständen wiederholen), einzig an dem schmalen Spalt in der Mitte haftet noch immer ein falber Abglanz des Tages. Aufmerksam lauschend kannst du das Rumpeln von Tellern und Besteck auf dem Boden des Spülbeckens hören sowie ein leise aufgedrehtes Radio, wie aus einer anderen Wohnung. Wenn ihr unterwegs wart und spät nach Hause kommt, kannst du sehen, dass einige Fenster des Wohnblocks verdunkelt sind, andere dagegen erleuchtet, und dass zwischen den erleuchteten und den verdunkelten eine absolute Grenze verläuft, und jetzt ist es, als ob die anderen Zimmer der Wohnung, des gesamten Wohnblocks, hell erleuchtete Raumschiffe wären, reisend durch den dunklen Kosmos, unendlich fern der Erde, auf der du zurückbliebst, in der Nacht.
Jederzeit. Nichts Physisches, allein das Verbot hindert dich. Jederzeit, zum Beispiel in dem Moment, da das Licht im Gardinenspalt von einem blassen Weißgelb in ein blasses Weißviolett übergeht (das heißt, wenn die Straßenlaternen angehen, was wohl bald geschehen wird), könntest du, ohne aufzustehen, durch Ausstrecken des Arms und indem du dich so lang machtest wie irgend möglich, sodass deine Narbe spannt, den Schalter finden (den kleinen Knopf, der einer runden Nase gleicht), ihn drücken und geblendet werden von dem Licht, welches augenblicklich den Lampenschirm ausfüllen würde und auf dein Gesicht strahlen, auf das Bett sowie auf einen Teil des Zimmers. Jetzt hältst du kein Dunkel mehr aus. Jetzt tust du es. Du tust es in der Hoffnung, dass sie nicht unangemeldet die Tür einen Spaltbreit öffnen wird, um nachzusehen, ob du schläfst, und dann sehen wird, dass du nicht schläfst, sondern im Gegenteil das Licht eingeschaltet hast, und sie es mit einem überrascht vorwurfsvollen Ausruf tiefer Enttäuschung ausmachen wird, jetzt, bevor die Maschine fertig ist. Zu Anfang vermagst du es nicht, in die glühende Sphäre über deinem Kopf unverwandt hineinzusehen, das sengende Licht zwingt dich zu blinzeln und die Augen zu schließen, als habest du Seifenwasser hineinbekommen, allmählich jedoch gewöhnst du dich an den grellen, schwindelerregenden Schein, und es kommt dir der Gedanke, wenn du nur lange genug direkt hineinstarrtest, so würdest du erblinden, vollständig erblinden, und nicht länger die Dunkelheit sehen, jene unterm Bett nicht noch sonst eine, es wäre gleichviel, ob das Licht eingeschaltet wäre oder nicht, jedoch denkst du weiter, vor Schreck plötzlich erstarrt, dass mit deinem Erblinden du nur mehr noch Dunkelheit sähest und nichts sonst, bis in alle Ewigkeit, das Dunkel wäre dann nicht mehr nur unterm Bett, in den Schränken, den Ecken, sondern Dunkelheit allüberall, dasselbe Dunkel, das, wie du gesehen hast, auch im Zentrum des Auges liegt wie ein Loch im Eis, ein Loch mit glänzendem Häutchen, und wenn du erblindetest, dann bärste das Häutchen, und alles in dem Auginnern, dem Kopfinnern gelagerte Dunkel entströmte in die Welt und ertränkte alles.
