Abrechnung - Katharina Peters - E-Book

Abrechnung E-Book

Katharina Peters

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Beschreibung

Ermittlerin in eigener Sache.

Zwei Frauen sind spurlos verschwunden. Sowohl Katja Mohr als auch Michelle Heckler hatten sich in einem Flüchtlingsheim um Jugendliche gekümmert. Als dann die Leiche von Michelle Heckler südöstlich von Berlin am Zeuthener See gefunden wird, bestätigen sich die düsteren Annahmen: Die Frau wurde zu Tode gefoltert. Hannah Jakob, die Kriminalpsychologin, ist zunächst unschlüssig, ob sie sich in den Fall einschalten soll, doch immerhin besteht die Hoffnung, Katja Mohr noch lebend zu finden. Als Hannah ersten Hinweisen nachgeht, ist sie verblüfft. Die Verschwundene hatte mit ihrer vor Jahren verschollenen Schwester Liv zu tun ...

Hannah Jakob und ihr bislang schwerster Fall. Von der Autorin der erfolgreichen Rügenkrimi-Serie.

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Über Katharina Peters

Katharina Peters, 1960 geboren und in Wolfsburg aufgewachsen, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist eine passionierte Marathonläuferin, trainiert Aikido und lebt als freie Autorin in Berlin.

Bei atb erschienen die Rügen-Krimis: »Hafenmord«, »Dünenmord«, »Klippenmord« und »Bernsteinmord«. Mit der Protagonistin Hannah Jakob liegen bisher vor: »Herztod« und »Wachkoma« und »Vergeltung«.

Informationen zum Buch

Ermittlerin in eigener Sache.

Zwei Frauen sind spurlos verschwunden. Sowohl Katja Mohr als auch Michelle Heckler hatten sich in einem Flüchtlingsheim um Jugendliche gekümmert. Als die Leiche von Michelle Heckler südöstlich von Berlin am Zeuthener See gefunden wird, bestätigen sich die düsteren Annahmen: Die Frau wurde zu Tode gefoltert. Hannah Jakob, die Kriminalpsychologin, ist zunächst unschlüssig, ob sie sich in den Fall einschalten soll, doch immerhin besteht die Hoffnung, Katja Mohr noch lebend zu finden. Als Hannah ersten Hinweisen nachgeht, ist sie verblüfft. Die Verschwundene hatte mit ihrer vor Jahren verschollenen Schwester Liv zu tun.

Hannah Jakob und ihr schwerster Fall. Von der Autorin der erfolgreichen Rügen-Serie.

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Katharina Peters

Abrechnung

Thriller

Inhaltsübersicht

Über Katharina Peters

Informationen zum Buch

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Impressum

Prolog

Er wisperte ihren Namen so dicht an ihrem Ohr, dass sie seinen Atem spürte, und für den Bruchteil eines Augenblicks klang seine Stimme wie ein süßes Versprechen. Dann nannte er wieder ihren Namen und brach in lautes Gelächter aus, weil er wusste, dass er sie in grenzenlose Verwirrung stürzte. Was für ein makaberes Spiel. Spiel? Alles wird gut, dachte sie. Gleich wache ich auf und lache über einen absurd bösen Alptraum. Meine Fantasie hat mir etwas vorgegaukelt. Schon als Kind habe ich mir tausend bizarre Geschehnisse und Untergangsszenarien eingebildet, vorgestellt, ausgemalt … So grausam ist kein Mensch, unmöglich. Sie wollte lächeln, zittrig vor Erleichterung und zugleich besorgt über ihre nahezu abstrusen Einfälle. Aber ihr Gesicht war geschwollen, gespannt wie ein Laken, die Lippen brannten wie eine offene Wunde; jede Bewegung, selbst ein Zwinkern, bereitete ihr Schmerzen. Nein, das war kein angstbesetzter Traum, der in der Tiefe der Nacht über sie hergefallen war wie ein wütendes Tier, das nach ihrem Schmerz gierte und ihre Erniedrigung genoss. Tiere waren dazu gar nicht fähig.

Plötzlich stand er vor ihr, ein eisiger Schatten, der sich vor modriger Dunkelheit abhob wie ein Relief, und zog sie an den Armen hoch – der Schmerz loderte durch ihren Körper wie die hektisch zischende Flamme einer Zündschnur. Dann stülpte er ihr einen dunklen Sack über den Kopf und verschnürte ihn am Hals mit einem Strick. Panik durchbrach ihre dumpfe Lethargie – kein Erstickungstod, bitte, bitte, alles, nur nicht das …

Sie flehte mit kindlicher Stimme in wisperndem Ton. »Bitte, nimm mir nicht die Luft zum Atmen, bitte.«

Er antwortete nicht. Sie war unfähig zu gehen, ihre Füße schleiften am Boden, während er sie über eine steile Treppe in einen anderen Raum hievte. Ein kühler Luftzug durchdrang den kratzigen Stoff; sie hörte das Klacken einer Autotür und hätte fast aufgeschrien, als er sie auf die Rückbank bugsierte und ihre Hände fesselte.

»Bleib liegen«, zischte er leise.

Was für ein paradox überflüssiger Befehl. Der Motor erwachte zum Leben, das Garagentor quietschte, der Wagen fuhr an. Sie schloss die Augen und riss sie wieder auf, als kurz darauf laute Musik ertönte. Ein Song aus den Achtzigern, den sie sehr gemocht hatte. Wohin fährst du mich? War das noch wichtig? Nein. Der Strick am Hals zog sich langsam zu.

1

Die Abwechslung tat ihr gut. Hannah hatte sofort zugesagt, als Abteilungsleiter Bernd Krüger gefragt hatte, ob sie Lust hätte, Berlin für ein paar Wochen den Rücken zu kehren und das BKA bei verschiedenen Tagungen und Konferenzen zu vertreten sowie eine zweiwöchige Fortbildungsmaßnahme mit dem Schwerpunktthema Verhörstrategien in Wiesbaden zu leiten. Kotti, ihr Windhundmischling, durfte sie ohne Einschränkungen überallhin begleiten, und zwischendurch blieb noch Zeit für ein Wochenende in Lübeck, wo sie ihre Kollegin Dagmar Möller besuchte. Seit den gemeinsamen Ermittlungen im Sommer letzten Jahres war es ihnen gelungen, wenn auch unregelmäßig, Kontakt zu halten. Das Wiedersehen erfüllte sämtliche Erwartungen, die Hannah gehegt hatte. Sie saßen nächtelang bei gutem Essen und Mangoschnaps zusammen, genossen das frühsommerliche Wetter und klammerten den Beruf wenigstens zeitweise komplett aus.

Als Hannah in Wiesbaden eintraf, waren Berlin und der letzte aufreibende Fall beruhigend weit in die Ferne gerückt, jedenfalls meistens und so lange sie nicht der Versuchung erlag, über einzelne Aspekte zu grübeln. Die BKA-Fortbildung, an der angehende Kommissare ebenso teilnahmen wie gestandene Kripobeamte, ermöglichte ihr einen angenehm gleichmäßigen Rhythmus: Seminartätigkeit, Gruppenübungen, Fallanalysen und Besprechungen, Einzelgespräche, Vorbereitung für den nächsten Tag, unterbrochen von langen Spaziergängen mit Kotti, einigen wenigen Telefonaten, viel Schlaf. In der zweiten Woche ließ die Routine Zeit für Ausflüge in die nähere Umgebung und Verabredungen zum Essen. Ein sehr junger Kommissar machte ihr schöne Augen. Sie ging nicht darauf ein, aber es tat gut.

Am letzten Abend ihres Aufenthaltes kehrte sie nach einer amüsanten Abschiedsfeier mit ausgedehnter Kneipentour erst spät auf ihr Zimmer zurück. Ihr Koffer war bereits gepackt; sie hatte vor, lediglich für einige Tage nach Berlin zurückzukehren, Liegengebliebenes abzuarbeiten, an einigen Besprechungen teilzunehmen und gleich in der darauffolgenden Woche zu einer Konferenz nach Brüssel zu reisen. Ihr Diensthandy, das am Ladekabel hing, empfing sie mit hektischem Blinken – drei Anrufe von Mark Springer, einer von ihrem Chef. Beide baten auf der Mobilbox um Rückruf, wobei Marks Stimme weniger nach Bitte als nach Forderung klang, ungeduldig und angespannt. Das passte zu ihm.

Hannah tauschte einen langen Blick mit Kotti und sah dann einen Moment zum Fenster hinaus in den Park. Schließlich griff sie ihr Handy und schrieb Mark eine Nachricht. Fahre morgen Mittag zur Stippvisite nach Berlin zurück. Bin auch in der nächsten Woche komplett ausgebucht.

Mark Springer, Anfang dreißig, war LKA-Beamter in Berlin. Die Zusammenarbeit mit ihm gestaltete sich nicht immer einfach oder gar harmonisch. Seine Teamfähigkeit verdiente diese Bezeichnung nicht, mit seiner Schnoddrigkeit und seinem Hang zu Alleingängen eckte er selbst in Berlin immer wieder an, doch davon abgesehen war er in ihren Augen ein hochbegabter Ermittler, der sich mit großer Leidenschaft in Fälle verbiss und niemals aufgab. Das durfte man ihm allerdings nicht allzu oft sagen.

Hannah hatte sich in den letzten Wochen nicht ein einziges Mal mit aktuellen Fällen beschäftigt, schon gar nicht im Berliner Raum. Ihr war so gar nicht nach einer neuen Ermittlung in der Hauptstadt, zumindest derzeit nicht.

Eine Minute später klingelte ihr Telefon, und Marks Konterfei erschien auf dem Display. Hannah seufzte und stellte die Verbindung her.

»Es ist wichtig«, erklärte er und sparte sich die Begrüßung, als hätten sie noch vor einer halben Stunde gemütlich plaudernd zusammengesessen. »Ich denke, du kannst Brüssel absagen. Krüger ist übrigens der gleichen Ansicht.«

»Tatsächlich? Und seit wann koordinierst du meine Einsätze?« Hannah verkniff sich einen weiteren Kommentar.

»Wir brauchen dich. Es geht um zwei vermisste Berlinerinnen – eine Frau ist vor zwei Tagen wieder aufgetaucht, als Leiche …«

Hannah setzte sich aufs Bett. »Kollege, dein Eifer in allen Ehren, aber weißt du eigentlich, wie spät es ist?«

»Nein. Was spielt das für eine Rolle?«

Hannah verdrehte die Augen. »Hör zu, Mark, morgen früh verabschiede ich die Seminarteilnehmer, mit denen ich die letzten zwei Wochen verbracht habe. Wir haben die Fortbildung heute Abend gebührend gefeiert, und ich habe ein paar Gläser Wein intus, mindestens zwei zu viel, um genau zu sein. Wir können gerne nach meiner Rückkehr …«

»Ich schätze, du wirst ganz schnell wieder nüchtern, sobald ich dir die Einzelheiten erläutert habe«, unterbrach Mark sie in trockenem Tonfall. »Liest du eigentlich keine Zeitung, nicht mal online?«

»Wenn ich unterwegs bin: nein. Zumindest befasse ich mich nicht mit Verbrechen, schon gar nicht in Berlin. Und das Letzte, worauf ich Lust habe, ist, mich dafür zu rechtfertigen.«

»Aha. Na schön, dann bringe ich dich am besten mal ganz schnell auf den neuesten Stand«, entgegnete Mark unbeeindruckt. »Die beiden verschwundenen Frauen sind entführt worden. Katja Mohr, Mitte vierzig, und Michelle Heckler, Ende dreißig, waren ehrenamtlich in einem Flüchtlingsheim für Minderjährige in Lichterfelde tätig. Auf die Einrichtung ist vor einigen Wochen bereits ein Brandanschlag verübt worden. Ein Zusammenhang gilt als gesichert. Heckler wurde vorgestern südöstlich von Berlin am Zeuthener See gefunden – man hat sie zu Tode gefoltert, auch das gilt als gesichert. Die Brandenburger Kollegen haben sofort Berlin informiert«, fuhr Mark unbeirrt fort. »Ihre Haut ist mit eingeritzten Naziparolen übersät. Habe ich jetzt deine volle Aufmerksamkeit?«

Hannah atmete tief aus.

»Die Täter haben es ganz bewusst darauf angelegt, dass der Leichnam gefunden wird – sie legten ihn mitten auf dem Platz der Demokratie ab. Das kann man getrost als Provokation auffassen. BND, Verfassungsschutz und BKA wurden eingeschaltet, die Kollegen vom Staatsschutz arbeiten eng mit sämtlichen Ermittlungsabteilungen zusammen, und zwar auf Hochtouren. Beim Staatsschutz spricht man übrigens von einer höchst beunruhigenden Entwicklung im rechtsextremistischen Milieu. Habe ich was vergessen?«

Hannah schloss für einen Moment die Augen. »Keine Spur von der zweiten Frau?«, fragte sie schließlich leise.

»Nein. Es ist zu befürchten, dass ihr Ähnliches bevorsteht wie dem ersten Opfer. Vielleicht lebt sie auch nicht mehr, aber es gibt immerhin so was wie einen Rest Hoffnung.«

»Begründet er sich auf mehr als die schlichte Feststellung, dass die Leiche noch nicht aufgetaucht ist?«

»Nicht wirklich.«

»Verstehe. Wer hat die Leitung bei den Staatsschutzleuten?«

»Ein Typ mit einem etwas schrägen Namen, gerade in einer solchen Ermittlung – zurzeit hauptamtlich beim BKA-Berlin tätig, du kennst ihn bestimmt.«

Hannah wusste sofort, wen Mark meinte: Hihmler, Daniel Hihmler, Experte für Rechtsextremismus.

»Nun, bist du dabei?«

Die Frage stellt sich doch gar nicht mehr, dachte Hannah. Die politische Brisanz dieses Falles ließ weder Krüger noch ihr eine Wahl.

Einige Sekunden blieb es still in der Leitung.

»Gib es zu – wir haben uns vor gar nicht allzu langer Zeit als gutes Team bewährt«, schob Mark nach. »Anfangs war es etwas holprig, aber dann …«

»Ja«, erwiderte sie schlicht. »Wir hören morgen voneinander.«

»Soll ich dich vom Flughafen abholen?«

»Danke, aber das ist nicht nötig – ich bin mit dem Wagen unterwegs. Kotti hasst das Fliegen.«

»Okay. Dann bis morgen.«

Hannah legte das Handy beiseite und fuhr den Laptop hoch, während Kotti ihr einen fragenden Blick zuwarf. Sie nahm sich eine Stunde Zeit und recherchierte die Einzelheiten, soweit sie abrufbar waren. Gegen ein Uhr fiel sie ins Bett, müde und hellwach zugleich.

Er setzte ein Lächeln auf und betrat die Wohnung mit festem Schritt und hartem Pulsschlag. Im Laufe der letzten zwei Jahre hatte er eine gewisse Perfektion darin entwickelt, die Spuren der beruflichen Anspannung von seinem Gesicht zu tilgen, gegen eine Maske heiterer Gelassenheit und Freude zu tauschen und gleichzeitig die Beklommenheit zu verstecken, die ihn stets ergriff, kaum dass er an Margret dachte. Eine gewisse Perfektion war allerdings nicht genug – er spürte die Falschheit ebenso wie seine Frau. Dennoch erwiderte sie manchmal sein Lächeln – von ähnlich aufgesetzter Heiterkeit geprägt.

Irgendwo hatte Daniel mal gelesen, dass die äußere Mimik die innere Stimmung genauso beeinflussen konnte wie umgekehrt. Er hielt das inzwischen für groben Unfug. Das Lächeln, die gespielte Sorglosigkeit spiegelte nichts als seine Hilflosigkeit und die durch nichts zu begründende Hoffnung, es könnte vielleicht doch alles wieder gut werden, irgendwann einmal.

Margrets Depressionen nahmen stetig schlimmere Ausmaße an; die Aussicht auf Besserung hegte er längst nicht mehr. Zweimal hatte sie bereits versucht, ihrem Leben ein Ende zu setzen, dabei hatten sie alles versucht: Therapien, Klinikaufenthalte, unterschiedlichste Medikamente und Behandlungen nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vor vier Wochen hatte sie sogar die Elektroschocktherapie über sich ergehen lassen. Drei Tage war es ihr anschließend gutgegangen. Ihm war schwindelig vor Freude gewesen.

»Der Druck ist weg«, hatte sie ein ums andere Mal mit Tränen in den Augen gesagt und seine Hand gedrückt. »Ich spüre Wärme, ich spüre dich. Es ist wunderbar, fast unerträglich schön. Daran muss ich mich erst wieder gewöhnen.«

Am vierten Tag war alles wie zuvor. Daniel war so niedergeschlagen gewesen, dass er stundenlang kaum ein Wort herausbekommen hatte.

Die Erschütterung saß immer noch tief. Das Gefühl, die Situation nicht mehr bewältigen zu können, bedrängte ihn seitdem zunehmend stärker und mit ihm das schlechte Gewissen und die Angst, neben Margrets Trostlosigkeit auch seiner eigenen abgrundtiefen Verzweiflung ausgesetzt zu sein – gerade jetzt, zu einem Zeitpunkt, der ihm auch in beruflicher Hinsicht alles abverlangte.

Margret saß am offenen Fenster und blickte still in den wolkenlosen Maihimmel. Vogelgezwitscher, Kinderlachen, eine Fahrradklingel, das Rattern eines Mähdreschers, vertraute, friedvolle Alltagsgeräusche. Sein Herz machte einen Sprung, er streichelte ihr Haar, beugte sich hinunter und gab ihr einen Kuss. »Hallo, Schatz.«

Sie wandte den Kopf mit einer langsamen Bewegung und hob das Gesicht, in dem sich die Leere behauptet hatte. Ihr Mund war eine dünne bleiche Linie. Sie sah blicklos durch ihn hindurch. Plötzlich erinnerte er sich an ihre ersten Monate als jung verliebtes Paar und eine seltsame Bemerkung, die sie damals gemacht hatte. »Ich bin so glücklich, dass ich Angst habe, tot zu sein«, hatte sie zu ihm gesagt und laut aufgelacht, als er sie erschrocken anstarrte. »Nein, nein, bitte nichts falsch verstehen. Meine Großmutter sagte immer, wenn alles in Erfüllung geht, was du dir je gewünscht hast, und das Glück an dir klebt wie eine zweite Haut, dann bist du wahrscheinlich tot und schwebst als ewiger Traum durchs Universum – ohne zu ahnen, dass es dich längst nicht mehr gibt.«

»Ach so«, hatte er erwidert. »Ich verstehe.« Die Vorstellung hatte ihm nicht behagt.

»Tust du nicht. Aber das ist egal. Großmutter war schon immer ziemlich speziell. Und ich glaube, sie hätte dich gemocht.« Sie hatte ihn in die Arme gezogen und geküsst.

»Bring mich in die Klinik«, riss sie ihn mit leiser Stimme aus seinen Gedanken.

Ja, dachte er. Ich muss durchatmen, arbeiten, leben …

Sie lächelte und erstarrte dann abrupt. »Dann kannst du dich ganz auf deine Toten konzentrieren.«

2

Er war noch genauso höflich und zurückhaltend, wie sie ihn vor einigen Jahren kennengelernt hatte, als Hannah die Kollegen vom Staatsschutz bei einer Reihe von Verhören unterstützte. Allerdings war er sichtlich gealtert und wirkte erschöpft; der Anzug war ihm mindestens eine Nummer zu groß. Hannah erinnerte sich, dass jemand erwähnt hatte, Daniel Hihmlers Frau sei ernsthaft erkrankt.

Hannah war am späten Nachmittag in Berlin eingetroffen und hatte sich lediglich frisch gemacht und Kotti versorgt, bevor sie zur internen Besprechung ins BKA gefahren war. Sie war heilfroh, dass sie zunächst lediglich in kleiner Runde zusammentrafen – Krüger sowie Daniel Hihmler als Spezialist und Mark, der die LKA-Sondereinheit leitete, dazu Lone Geising, die junge, ebenso wortkarge wie effiziente Kollegin vom Recherche-Innendienst.

»Wir verfolgen einen breitangelegten Ermittlungsansatz, bei dem unterschiedliche Teams Hand in Hand zusammenarbeiten«, stieg Daniel ins Thema ein, kaum dass ein paar Begrüßungsworte und Nebensächlichkeiten ausgetauscht und Kaffeetassen verteilt worden waren. »Wir brauchen nicht nur so schnell wie möglich so viele Informationen aus dem gesamten Umfeld wie irgend möglich, sondern zudem sehr viel Fingerspitzengefühl. Wir dürfen nichts übersehen, aber auch nicht in Hysterie verfallen. Das verstellt den Blick.«

»Also im übertragenen Sinne: Nicht jeder herumstehende Koffer ist mit einer Bombe von irgendwelchen durchgeknallten Islamisten bestückt – willst du darauf hinaus?«, warf Mark ein und schob ein Grinsen hinterher.

Krüger runzelte die Stirn, aber Daniel nickte und tauschte einen Blick mit Hannah. »So in etwa. Unsere Spezialisten durchleuchten die Szene gerade nach alten und neuen Namen, Aktivitäten und Auffälligkeiten, wobei der Brandanschlag vor einigen Wochen natürlich im Fokus steht. Darüber hinaus beschäftigt uns selbstverständlich auch die Frage nach dem Gefährdungspotenzial für weitere Taten, insbesondere im Umfeld von Flüchtlingseinrichtungen. Erkenntnisse werden sofort an Mark weitergeleitet, daraus resultierende weitergehende Ermittlungsschritte gemeinsam entwickelt.«

Mark nickte betont beiläufig und verschränkte die Hände hinterm Nacken. Hannah war davon überzeugt, dass ihm seine neue Rolle ausgesprochen gut gefiel. Er hat Karriere gemacht, dachte sie – einer seiner Vorgesetzten hatte die grandiose Idee gehabt, ihn hauptsächlich mit Sondergeschichten zu betrauen und weitgehend eigenständig agieren zu lassen.

»Eine weitere Gruppe des LKA kümmert sich derweil um die Tat- beziehungsweise Fundortanalysen und Befragungen vor Ort sowie im Flüchtlingsheim«, fuhr Daniel fort. »Das läuft ab wie bei einem ganz normalen Mord. Soweit ein Mord normal sein kann«, schränkte er sofort ein.

Er nickte Lone zu und wies kurz hinter sich auf den Monitor. Bilder vom Fundort am Zeuthener See flackerten über den Schirm, ergänzt um Ansichten vom Flüchtlingsheim und den Porträts beider Frauen inmitten von Jugendlichen. Die Aufnahmen von der Leiche ließ Daniel zunächst unkommentiert durchlaufen. Hannah stockte der Atem, und sie hatte Mühe, sich nicht abzuwenden, als der kühl registrierende Blick der Kamera ihre Verletzungen dokumentierte. Die Frau war grausam misshandelt worden – ihr Körper war zerschunden, die Haut mit tief eingeritzten Nazisymbolen übersät.

»Michelle Heckler wurde vor fünf Tagen am Montagnachmittag nach ihrem Dienst entführt – Zeugen gibt es nicht«, berichtete Daniel. »Sie verschwand auf dem Heimweg …«

»Woher wissen wir das?«, warf Hannah ein.

»Sie war mit ihren Eltern bei sich zu Hause verabredet«, schaltete Mark sich ein. »Die sind aus Freiburg angereist, der Besuch war geplant, und als Michelle weder auftauchte noch erreichbar war, haben sie sofort Alarm geschlagen. Beim Versuch, die Kollegin Katja Mohr zu befragen, stellte sich dann heraus, dass auch sie verschwunden war. Deren Mann sagte aus, dass er letztmalig gegen siebzehn Uhr Kontakt zu seiner Frau hatte.«

»Worum ging es dabei?«

»Ums Abendessen.«

»Wir können also davon ausgehen, dass die beiden gleichzeitig oder kurz hintereinander entführt wurden – möglicherweise sogar in einem Fahrzeug«, resümierte Hannah.

»Denkbar. Beide Handys waren zuletzt zwischen sechzehn und kurz nach siebzehn Uhr eingeloggt – im Umkreis des jeweiligen Heimweges. Eine Ortung ist nicht möglich.« Mark hob kurz die Hände. »Niemand hat etwas beobachtet, zumindest haben sich bislang keine Zeugen gemeldet – der Aufruf über die Medien läuft bereits seit Dienstagabend, verstärkt seit Donnerstag, die Auswertung aller öffentlichen Überwachungsvideos wird mit Hochdruck betrieben. Bislang jedoch: Fehlanzeige.«

»Der Angriff galt demnach eindeutig dem Flüchtlingsheim.« Hannah sah Daniel an.

»Davon gehen wir aus. Die Einrichtung ist zwar nicht sonderlich groß, doch sowohl die hauptamtlich Tätigen als auch die Ehrenamtlichen engagieren sich in vorbildlicher Weise – man veranstaltet Feste mit der Nachbarschaft, Konflikte werden schnell gelöst, man bemüht sich um ein gemeinsames Konzept im Kiez, die Jugendlichen werden hervorragend betreut und so weiter.«

»Das könnte den Nazis ein Dorn im Auge sein. Aber Entführungen und Zurschaustellung eines Opfers …«

»Das ist in dieser Qualität völlig neu«, stimmte Daniel zu. »Und sehr beunruhigend, auch hinsichtlich der professionellen Durchführung.«

»Es gibt keine verwertbare Fremd-DNA, und auch die sonstige Spurenlage ist eher dürftig.« Mark schüttelte den Kopf. »Der Abgleich in sämtlichen Datenbanken war bisher negativ. Es könnte natürlich noch was nachkommen, immerhin ermitteln wir erst seit wenigen Tagen, aber darauf wetten würde ich nicht.«

»Liegt schon ein Bericht des Rechtsmediziners vor?«

»Ein Vorbericht – Michelle Heckler starb in der Nacht zu Mittwoch, wahrscheinlich gegen drei, vier Uhr früh. Ich spare mir die Einzelheiten der Foltermaßnahmen. Am Ende ihres Martyriums wurde sie erstickt – wahrscheinlich mit einer Plastiktüte. Es fanden sich keinerlei Fasern in der Lunge.«

Hannah atmete tief aus. Eine Minute blieb es still. Schließlich unterbrach Kottis Schnaufen die Stille.

»Wozu genau braucht ihr eigentlich mich?«, fragte Hannah in die Runde.

Krüger räusperte sich. »Das ist kein gewöhnlicher Neonazi-Anschlag, soviel ist uns, denke ich, allen klar«, ergriff er das Wort. »Die ersten Überprüfungen in der Berliner und Brandenburger Szene bestätigen diese Annahme. Da ist nichts wie sonst – abgesehen von dem Brandanschlag. Das Ganze ist womöglich von langer Hand geplant, und wir müssen mit weiteren Straftaten rechnen. Aber vielleicht lebt Katja Mohr noch, und wir stoßen auf Anhaltspunkte im privaten Umfeld beider Opfer, die uns weiterbringen. Ich halte es für eine sehr gute Idee, wenn du deine Fühler ausstreckst – und die Kollegen sehen das ganz ähnlich.«

Hannah nickte langsam. »Was ist mit V-Leuten? Gibt es jemanden in der Szene, der uns etwas dazu sagen könnte?«

Daniel lockerte seine Krawatte. »Es gibt einen Mann, der seit einem Jahr aktiv und der Führungsriege relativ nahe ist. Und er ist ziemlich perplex.«

»Was bedeutet, dass er nichts mitbekommen hat?«

»So ist es.«

Mark hob eine Braue, wie Hannah aus den Augenwinkeln mitbekam. Immerhin verkniff er sich einen beißenden Kommentar. Die V-Leute in der rechtsextremistischen Szene würden wohl auf Jahre hinaus gegen einen verdammt miesen Ruf anrennen müssen.

»Das private Umfeld also«, sagte sie in abschließendem Ton. »Ich kümmere mich darum.«

»Lone hat dir schon mal eine Akte zusammengestellt«, ergänzte Mark eifrig.

Hannah wartete, bis die junge Kollegin sie ansah, und nickte ihr zu. »Danke.« Sie stand langsam auf. »Wir sollten keine Zeit verlieren. Ich würde gerne in mein Büro gehen und sofort anfangen.«

»Klingt gut.« Daniel lächelte. Sein müder Blick hellte sich für einen Moment auf.

Michelle Heckler, achtunddreißig, seit zwei Jahren geschieden, kinderlos, Deutsch- und Sozialkundelehrerin in Berlin-Lichterfelde, hatte im Sommer letzten Jahres ein Sabbatjahr begonnen und seitdem mit großem Einsatz im Flüchtlingsheim für Jugendliche gearbeitet. Bei ersten Befragungen in ihrem persönlichen Umfeld war das Bild einer politisch und sozial engagierten Frau entstanden, die nicht nur reden und diskutieren, sondern in gesellschaftlich relevanten Prozessen tatkräftig mitwirken wollte. Ihre Eltern und enge Freunde beschrieben sie als stets Suchende, als jemand, die sich in ihrem Tun verwirklichen musste; sie ertrug keinen Stillstand, insbesondere nicht nach ihrer Scheidung. Die Ehe hatte zehn Jahre gehalten; der Exmann hatte, ohne zu zögern, zugegeben, dass er die Beziehung beendet hatte, weil eine andere Frau in sein Leben getreten war – eine weniger starke und sich stets einbringende Persönlichkeit, mit der er inzwischen eine Familie gegründet hatte. Michelle galt als selbstsicher, direkt und durchsetzungsfähig – Fotos bekräftigten diesen Eindruck. Die Frau war außerdem Bandmitglied in einer Trommelgruppe gewesen, mit der sie regelmäßig bei Demos gegen rechte Gesinnungen aufgetreten war.

Hannah hob den Blick. Die reinste Provokation für braune Extremisten, dachte sie. Unter Umständen war sie denen schon länger ein Dorn im Auge gewesen – Hinweise auf Schnüffelaktivitäten waren bislang nicht entdeckt worden, aber das musste nichts heißen. Die Ermittlungen liefen erst seit einigen Tagen auf Hochtouren und in alle Richtungen. Hannah plante, noch am Wochenende mit den Eltern, dem Exmann sowie mindestens zwei engen Freunden zu sprechen.

Das Profil von Katja Mohr hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem von Michelle Heckler. Mohr war Mitte vierzig, mit einem Juradozenten verheiratet und erst seit einigen Monaten in der Flüchtlingshilfe aktiv. Sie war gelernte Kauffrau und betrieb einen erfolgreichen Internethandel mit hochpreisigem Kunstgewerbe. Nach Aussagen ihres Ehemannes hatte sie eine Möglichkeit gesucht, sich sozial zu engagieren. Die Situation der Flüchtlinge, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, habe sie stark berührt – ein- bis zweimal in der Woche sei sie in der Einrichtung gewesen und habe sich um die jungen Leute gekümmert.

Zwei Frauen, beide kinderlos, aus unterschiedlichem Umfeld, aber mit ähnlicher Motivation fühlten sich zu ehrenamtlicher Arbeit mit Flüchtlingen berufen – Michelle ließ sogar ihren Job ruhen, um für ein Jahr völlig in dieser Arbeit aufzugehen, Katja arrangierte sich mit ihrem beruflichen und privaten Leben und stellte regelmäßig Zeit und Energie zur Verfügung, resümierte Hannah. Beide Frauen wurden innerhalb eines Zeitfensters entführt – Michelles Leichnam wurde zwei Tage später in Zeuthen auf dem Platz der Demokratie abgelegt: malträtiert, mit Nazisymbolen übersät, grausam ermordet.

Warum Zeuthen, dachte Hannah? Das Vorhaben war dort logistisch einfacher umzusetzen als in der Hauptstadt, der Name des Platzes bot sich darüber hinaus als zynische Provokation an. Und warum war Katja bislang noch nicht wieder aufgetaucht? Worauf warteten die Täter? Auf die volle Aufmerksamkeit der Behörden und Medien? Die hatten sie längst. Fotos von der Leiche hatten bereits den Weg ins Netz gefunden, noch bevor Heckler in der Rechtsmedizin angekommen war. Der junge Mann, der ihre Leiche am frühen Morgen entdeckt und die Polizei alarmiert hatte, stritt zwar ab, dass er Handyfotos gemacht und hochgeladen hatte, aber die Überprüfung seines Mobilfunkanbieters und seiner Handyaktivitäten bestätigte kurz darauf den Verdacht … Hannah griff nach ihrem Telefon und rief Mark an, der auf dem Weg ins LKA nach Tempelhof war. »Der Typ aus Zeuthen, der Michelle gefunden hat …«

»Steffen Koller.«

»Habt ihr den genauer überprüft?«

»Warum?«

»Habt ihr?«

»Wir wissen, dass er die Fotos gemacht und veröffentlicht hat – war ja nicht allzu schwer herauszukriegen –, und wir haben ihn natürlich dazu befragt.«

»Ja, und?«

»Der Typ ist siebzehn! Der fotografiert alles, was nicht niet- und nagelfest ist – Generation Selfie. Ich und mein Frühstück, ich und das erste Feierabendbier, das letzte Feierabendbier, ich und die Leiche. Ich wette, der schießt sogar Bilder beim … ähm, Klogang. Was erwartest du?«

»Dass er genauer gecheckt wird. Ich will nicht nur wissen, von wo er an diesem Morgen warum kam, sondern hätte gerne so was wie ein Profil, was auch Freunde und Bekannte einschließt.«

Kurze Pause. »Okay. Ich gebe das gleich an Lone weiter. Noch was?«

»Der Platz der Demokratie ist eine eher unauffällige kleine Grünanlage direkt am Wasser. Ein Gedenkstein erinnert an die Angehörigen der Internationalen Brigaden, die im spanischen Bürgerkrieg gegen die von Hitler unterstützten Faschisten kämpften.«

»So ist es.«

»Gibt es in Zeuthen noch andere Plätze, Straßen mit politisch wohlklingenden Namen?«

»Straße der Freiheit? Straße der Opfer des Naziterrors? So was?«

»Nun …«

»Ja, ich verstehe, ist notiert.«

Hannah überlegte kurz. »Man hat die Frauen zwei Tage irgendwo festgehalten, gefoltert und zumindest eine von ihnen getötet …«

»Brandenburg ist groß«, fiel Mark ihr ins Wort. »Es gibt jede Menge einsamer Ortschaften und abgelegener Gehöfte. So lange es keine weiteren Spuren gibt, suchen wir die berühmte Nadel im Heuhaufen.«

»Nicht mal ein klitzekleiner Hinweis aus der Kriminaltechnik?«

»Bisher nicht. Sie untersuchen allerdings zurzeit noch im Detail die eingeritzten Symbole. Unter Umständen stoßen wir darüber auf Parallelen zu anderen Taten.«

Und vielleicht ist Zeuthen auch nur ein Ablenkungsmanöver, überlegte Hannah, und die braunen Drahtzieher agieren aus der Mitte der Hauptstadt. Sie unterbrach die Verbindung und wählte zunächst die Nummer von Klaus Heckler und anschließend die einer engen Freundin von Michelle, die an der gleichen Schule unterrichtete und ebenfalls Mitglied in der Trommelgruppe war. Beide erklärten sich zu einem Treffen noch am gleichen Abend bereit, auch zu vorgerückter Stunde.

Sie beugte sich zu Kotti hinunter und kraulte gedankenverloren dessen weiche Ohren. Wir sollten am Sonntag einen Ausflug nach Zeuthen machen, überlegte sie. Uns am See umschauen, den Gedenkstein in Augenschein nehmen und still auf einer Bank sitzen. Manchmal half das beim Ordnen der Gedanken.

Er konnte sich nicht daran erinnern, je einen solchen Fehler begangen zu haben und ihn noch dazu derart spät, quasi rein zufällig zu entdecken. Seit letztem Sommer, seit den Ermittlungen in Lübeck und Rostock und seinem abrupten Ausstieg aus sämtlichen alten Verbindungen war er untergetaucht und wenig später zu ihrem Schatten mutiert, zu einem unsichtbaren Begleiter und Unterstützer, von dem sie nicht das Geringste ahnte. Davon jedenfalls ging er aus, denn nichts deutete darauf hin, dass sie seine Nähe spürte. Er benutzte dabei alle Fertigkeiten und Kenntnisse, die er sich in den vergangenen gut zwanzig Jahren erworben hatte, und wahrscheinlich würde ihn genau das eines Tages das Leben kosten. Jeder Mensch hinterließ Spuren, Muster, eindeutige Indizien, selbst wenn er noch so vorsichtig war. Man musste nur wissen, wonach man suchte. Wenn es den alten Kumpanen gelang, ihn aufzustöbern – und irgendwann würden sie das tun –, würde er einen schweren Tod erleiden, den Tod des Verräters.

War sie das wert – sie und ihr Hund, mit dem er hin und wieder einen Blick tauschte und der ihn längst durchschaut hatte? Die Frage war absurd. Es war ein machtvolles Gefühl, die Hände über ihr und ihrem Tun auszustrecken, unbemerkt oder doch zumindest unerkannt einzugreifen, wann es erforderlich schien, zu korrigieren, zu unterstützen und dabei eine Verbundenheit zu spüren, die nicht erklärbar und darum umso stärker war als alles andere, was er je wahrgenommen hatte. Eines Tages würde all das vorbei sein – irgendwann, warum auch immer, vielleicht durch einen törichten Fehler von ihm und die Verkettung unglücklicher Umstände, wie sie das Leben nun mal bereithielt, selbst wenn man noch so wachsam und erfahren war. Oder mit seinem Tod. Aber bis dahin lag noch ein langer gemeinsamer Weg vor ihnen.

Als sie nach Lübeck reiste, folgte er ihr in sicherem Abstand. Er kannte das kleine Reihenhaus, in dem die Lübecker Kommissarin wohnte. Dagmar Möller. Was war in seinem Kopf vorgegangen, als er im letzten Jahr auf der Grundlage hervorragender Papiere die Identität gewechselt und dabei nicht bemerkt hatte, dass er sich für den gleichen Nachnamen entschieden hatte? Möller. Sven Möller. Als hätte er es unbewusst darauf angelegt, Nähe zu signalisieren, zu erzeugen. Sollte er tatsächlich je Hannahs Aufmerksamkeit erregen und mit seinem Namen auf welche Weise auch immer in ihren Fokus geraten, würde sie der Name stutzen lassen – für den Bruchteil einer Sekunde. Möller war kein ungewöhnlicher Name, aber er würde ein winziges Zögern bei ihr auslösen, und nach seiner Erfahrung wurde so manches Leben, so manch schwerwiegendes Ereignis in genau so einem winzigen Bruchstück entschieden. Ein Innehalten, ein Nachhaken mit geschärfter Aufmerksamkeit, Grübeln … Er war sicher, dass sie ihn trotz seines deutlich veränderten Aussehens wiedererkennen würde, wenn er ihr je länger als einen Moment gegenüberstünde. Eine Frau, die sich jedes Gespräch merkte, würde individuelle Strukturen identifizieren, und sei es zunächst nur für einen flüchtigen Augenblick.

Sein Fauxpas hatte lange nachgeklungen, ihn bis in die Träume verfolgt. Ein weiterer Identitätswechsel war schwierig bis ausgeschlossen – auf jeden Fall viel zu riskant. Der Typ, mit dessen Unterstützung er seine Vita als freiberuflicher Webdesigner, der aus Magdeburg stammte, gebastelt hatte, war vor einigen Monaten ums Leben gekommen. Eine natürliche Todesursache konnte getrost ausgeschlossen werden. Schließlich entschied Sven, alles so zu belassen, wie es sich seit Monaten bewährte, aber noch vorsichtiger zu agieren und insbesondere das sorgsam aufgebaute Gerüst seiner Einkünfte noch akkurater zu verschleiern. Er versteuerte zu einem großen Teil Honorare, die nie geflossen waren, von Firmen, die es zumeist nur auf dem Papier gab – das Gerüst war professionell aufgebaut, aber Profis, die sich länger damit beschäftigten, würden seine Machenschaften entlarven. Er verfügte über erfreulich hohe Rücklagen, doch ewig würden sie ihn nicht ernähren. Früher oder später würde er nicht umhin kommen, zumindest zwischenzeitlich Spezialaufträge zu übernehmen. Je später desto besser.

Sven war Hannah nicht nach Wiesbaden gefolgt, sondern in Berlin geblieben. In unregelmäßigen Abständen und lediglich aus der Ferne hatte er immer wieder nach ihr Ausschau gehalten. Als sie zurückkehrte, ahnte er längst, in welchem Fall sie ermitteln würde. Vielleicht war es auch umgekehrt – als die ersten Meldungen über die Zeuthener Frauenleiche durch die Medien gingen, rechnete er mit ihrer Rückkehr. Einzelheiten zum Tod der Frau waren nicht erwähnt worden, doch die Fotos von ihrer Leiche hatten zuvor im Netz die Runde gemacht. Eingeritzte Zeichen, tief in die Haut geschnittene Parolen – Rücken, Bauch, Beine, Gesicht, Arme, Hände. Keine Partie war verschont geblieben.

Sven hatte zweierlei registriert: Die Fotos waren gut gemacht, zu gut, seiner Ansicht nach. Nach wenigen Stunden waren sie gesperrt worden. Sven reimte sich aus späteren Berichten zusammen, dass derjenige, der die Leiche gefunden und die Polizei alarmiert hatte – ein junger Mann aus dem Ort, wie es in der Zeitung hieß –, sich die Zeit bis zum Eintreffen der Beamten mit seinem Smartphone vertrieben und eifrig Fotos geschossen hatte. Aber die Story vom jugendlichen Handyknipser, der von einer Party nach Hause kam, über eine Leiche am See stolperte, eifrig eins-eins-null wählte und dann scharfe und detailgetreue Aufnahmen anfertigte, die wenig später durchs Netz geisterten, passte nicht. Entweder der Junge hatte einen Auftrag erhalten, oder aber die Aufnahmen stammten gar nicht von ihm … Die Uhrzeit, dachte Sven, seht euch ganz genau an, wann die Bilder entstanden sind oder ob sie bearbeitet wurden.

Der zweite Aspekt erschloss sich ihm, als er die einzelnen Symbole genauer betrachtete und nicht umhin konnte, ihre künstlerische Ausführung zu bewundern. Als gelernter Goldschmied und Schmuckdesigner faszinierten ihn konsequente Linienführung, elegante Details, handwerkliches Geschick, und zwar völlig unabhängig davon, ob die Formen auf Papier gezeichnet oder in Haut geritzt waren. Aber das allein war es nicht. Der Mann war eindeutig ein begabter Künstler … oder eine Künstlerin? Nein. Sven kniff die Augen zusammen und war plötzlich sicher, dass er ihm schon einmal begegnet war.

Er erinnerte sich an einen gut zehn Jahre zurückliegenden Auftrag: eine hochrangige Geschäftsfrau, die die Seiten gewechselt hatte und dem Netzwerk, dem er sich verschworen hatte, hätte gefährlich werden können, sollte möglichst spektakulär getötet werden. Sven hatte sie am späten Abend in ihrem Büro überrascht, in ein Gespräch verwickelt und kurzerhand aus dem Fenster geworfen, zehn Stockwerke tief – so lautete die Order. In der Zeitung war zwei Tage darauf zu seiner großen Verblüffung zu lesen, dass der Leiche ein Zeichen in die Schulter geritzt worden war – ein großes, fast liebevoll ausgearbeitetes V, das für Verrat stand. Sven hatte im Nachhinein erfahren, dass ein fünfzehnjähriger Teenager der Ritzer gewesen war, der ihm ohne sein Wissen speziell für diesen Auftrag an die Seite gestellt worden war. Er hatte sich im dunklen Park auf der gegenüberliegenden Straßenseite versteckt und darauf gewartet, dass die Frau auf dem Boden aufschlug, bevor er mit seiner Arbeit begann. Der Ritzer.

Einige Tage später hatte Sven ihn bei einem Treffen in kleinem Kreis kennengelernt. Der Junge war besessen – ständig zeichnete und kritzelte er, ritzte, schnitzte, entwickelte Tattoos und probierte die unterschiedlichsten Materialien aus. Haut faszinierte ihn – lebend und kurz nach dem Tod, gebräunt, bleich, voller Pickel oder rein wie ein Babypo, sich unter größten Schmerzen oder auch Lustempfindungen windend. So hatte er es mit leiser Stimme, leicht geneigtem Kopf und verstörend hell funkelnden Augen beschrieben, während ein scheues Lächeln über sein Gesicht huschte.

Sven hätte damals eine Wette abgeschlossen, dass der Junge sehr bald über seine Passion stolpern würde, weil er sich zu sehr von ihr beherrschen ließ; und er bestand darauf, dass er nie wieder bei einem seiner Aufträge mit von der Partie sein dürfte – auch nicht in aller Heimlichkeit. Man hatte seine Forderung respektiert, aber die Wette hätte er wohl verloren. Offensichtlich hatte der Typ längst Karriere gemacht. Allerdings glaubte Sven nicht, dass er sich den Nazis angeschlossen hatte. Der Junge vertrat keine politischen Überzeugungen, dessen war er sicher, aber was hieß das schon? Immerhin war er seinerzeit auch davon überzeugt gewesen, dass ihm keine lange Laufbahn bevorstehen würde, und seitdem waren gut zehn Jahre vergangen. Der Kerl war inzwischen erwachsen, Mitte zwanzig und unter Umständen zu allem Möglichen fähig, sofern er eine Aufgabe, einen Auftrag mit Hingabe ausführen sollte.

Vielleicht ist er es doch nicht, überlegte Sven einige Tage später, als Hannah zurück war und mit Kotti im Schlepptau ins BKA eilte. Die Welt ist schließlich voll von Verrückten. Er ertappte sich bei dem seltsam drängenden Wunsch, dass er sich geirrt hatte und der Ritzer von damals entweder längst tot war oder irgendwo auf der Welt sein Unwesen trieb, fernab von Berlin, von Hannah und Kotti – wohl wissend, dass nichts im Leben zufällig geschah.

3

Klaus Heckler arbeitete als selbstständiger IT-Berater. Er hatte Hannah vorgeschlagen, dass sie sich in seinem Büro in der Schöneberger Dudenstraße trafen.

»Ich muss das Wochenende quasi durcharbeiten«, hatte er mit leisem Seufzen hinzugefügt. »Aber wem sage ich das?«

Der Vierzigjährige war attraktiv – mittelgroß, sehr schlank, kurzes blondes Haar, blaue Augen. Er erwiderte ohne Scheu ihren direkten Blick und lächelte, als er Kotti entdeckte. »Gut, dass meine Frau nicht hier ist. Sie liegt mir seit Monaten mit der Anschaffung eines Hundes in den Ohren.«

»Was spricht dagegen?«

»Zu wenig Zeit und Freiraum: Die Zwillinge fangen gerade an zu laufen, ich bin viel unterwegs, meine Frau arbeitet zwar von zu Hause, aber …« Er hob die Hände. »Ich brauche nicht noch mehr Verpflichtungen.« Er wies auf einen Besprechungstisch. »Bitte, setzen Sie sich doch.«

»Danke.«

»Etwas zu trinken? Einen Saft oder eine Limonade?«

Hannah entschied sich für eine Apfelsaftschorle. Kotti setzte sich sofort neben sie und hob den Blick zu Heckler.

Der lachte aus vollem Hals. »O Mann, kannst du mich etwa verstehen?«

»Tja – das würde ich jedenfalls nicht ausschließen.«

»Okay – nichts für ungut, vielleicht ist die Sache mit dem Hund doch nicht die schlechteste Idee.«

Hannah lächelte. »Bestimmt nicht. Ihre Kinder werden garantiert begeistert sein.«

Heckler goss sich ein Wasser ein und schlug die Beine übereinander. Seine Miene wurde plötzlich ernst, er räusperte sich. »Michelles Kollegin ist immer noch nicht aufgetaucht, stimmt’s?«

»Ja, leider. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren und …«

»Aber wie kann ich Ihnen helfen?«, fiel er ihr ins Wort. »Ich habe Michelle seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen. Wir haben seit unserer Trennung quasi nichts mehr miteinander zu tun gehabt, das habe ich Ihren Kollegen schon gesagt.«

Hannah nickte. »Ich sondiere das Umfeld Ihrer Exfrau – in der Hoffnung, auf Hinweise zu stoßen, die möglicherweise wenigstens zu ein paar neuen Fragen führen.«

»Aha.« Er wirkte nicht gänzlich überzeugt. »Eine von diesen fiesen Neonazibanden hat beide Frauen entführt, weil sie sich für Flüchtlinge stark gemacht haben – wozu brauchen Sie neue Fragen? Finden Sie die Bande und Sie haben die Mörder.«

»Nun, wenn das so einfach wäre, müsste ich Sie nicht belästigen …«

Er hob die Hände. »Ach nein, so war das gar nicht gemeint. Sie belästigen mich doch nicht! Ich frage mich nur, was ich Ihnen erzählen kann, worüber Sie nicht längst Bescheid wissen – oder der Verfassungsschutz oder welche Behörde auch immer.«

»Ich möchte genauer wissen, wie Ihre Exfrau war – wie sie reagierte, agierte, wie sie dachte, ob sie rasch Vertrauen fasste, was sie faszinierte. Welcher Typ Mann gefiel ihr? Hatte sie ein Liebesleben? Das sind die Fragen, die mich interessieren.«

Heckler öffnete den Mund und schloss ihn wieder. »Keine Ahnung.« Er zuckte mit den Achseln und zögerte. »Ich glaube, kurz nach unserer Trennung war sie viel unterwegs und hat sich ausgetobt, sexuell meine ich. Sie wollte mir zeigen, dass sie keine Mühe hatte, einen neuen Partner zu finden.«

»Aber eine neue feste Beziehung ist sie nicht eingegangen?«

»Das weiß ich nicht«, betonte Heckler. »Wahrscheinlich nicht. Sie war doch immer viel zu beschäftigt.«

»Das allein ist kein Grund, Single zu bleiben.«

»Stimmt.«

»Sie wollten eine Familie, Kinder, wenn ich das richtig verstanden habe.«

»Ja.« Er überlegte einen Moment. »Ich konnte mir Michelle einfach nicht als Mutter vorstellen – als liebevolle, geduldige Mutter, die ihre eigenen Interessen auch mal hinten anstellt und eine Veranstaltung oder ein Gruppentreffen sausen lässt, wenn es sein muss.«

»Und Sie?«

»Wie meinen Sie das?«

»Stellen Sie Ihre eigenen Interessen auch mal hinten an – jetzt, wo die Zwillinge da sind und laufen lernen?«

Er stutzte kurz. Für den Bruchteil einer Sekunde vereiste sein Blick. Jede Wette, dass Michelle ihn mit erhobenem Kinn und womöglich kampfeslustiger Miene Ähnliches gefragt hatte, dachte Hannah und erwiderte den Blick ruhig.

»Das ist eine sehr persönliche Frage«, sagte er schließlich. »Mein Privatleben geht Sie eigentlich nichts an.«

»Sie haben recht. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich manchmal die Grenze überschreite und zu persönlich werde.« Sie lächelte entschuldigend. »Bleiben wir bei Michelle. War sie Ihnen treu – so lange die Ehe funktionierte und noch alles klar war zwischen Ihnen, meine ich?«

Er schien einen Moment zu überlegen, ob Hannah auch mit dieser Frage eine Grenze überschritt, wogegen er sich verwahren könnte, dann zuckte er mit den Achseln. »Ich denke schon.« Er nahm sein Glas und drehte es zwischen den Händen.

»Aber Sie wissen es nicht genau?«

»Natürlich nicht.« Heckler stellte das Glas ab und schob es mit einer unwirschen Bewegung beiseite. »Und ich weiß beim besten Willen nicht, was Michelles viele Jahre zurückliegendes Liebesleben mit ihrer Ermordung zu tun haben soll – wo es doch ganz offensichtlich um etwas ganz anderes geht. Das war nichts Persönliches. Wenn eine andere Frau dort gearbeitet hätte, wäre sie das Opfer gewesen, oder auch ein Mann. Es geht um das Flüchtlingsheim – die Nazis verbreiten Angst und Schrecken. Mal wieder, und diesmal besonders nachdrücklich.«

»Wahrscheinlich haben Sie völlig recht, Herr Heckler«, lenkte Hannah ein. »Dennoch haben wir die Ermittlungen in alle Richtungen ausgeweitet, nicht zuletzt weil wir hoffen, dass Michelles Kollegin noch lebt. Jeder Aspekt ist interessant oder kann, manchmal auf Umwegen, hilfreich sein. Möglicherweise hat eine Kontaktaufnahme stattgefunden, und je mehr wir über die Opfer und ihre charakteristischen Verhaltensweisen, ihre Vorlieben, Eigenheiten und Schwächen wissen, desto größer ist die Chance, eine Verknüpfung zu entdecken.«

Einen Moment blieb es still, schließlich nickte Heckler kaum merklich. »Ich verstehe. Nun gut – sie hat gerne getanzt, manchmal eine ganze Nacht lang, in einem dieser Technoclubs in Friedrichshain-Kreuzberg. Aber ob sie das in letzter Zeit immer noch gemacht hat, kann ich Ihnen natürlich nicht sagen.« Er hob die Hände und drehte rasch den Kopf, als das Telefon klingelte. »Entschuldigen Sie, aber da müsste ich rangehen …«

»Natürlich. Kein Problem.« Hannah entschied sich, die Unterredung zu beenden. »Ich muss ohnehin aufbrechen.«

Dagegen hatte Heckler nicht das Geringste einzuwenden. Er winkte ihr zu, und eine Minute später stand Hannah wieder auf der Straße. Michelle war eine durch und durch selbstbewusste und aktive Frau gewesen, die sich ihre Rollen und Aufgaben selbst gesucht hatte und nicht zuweisen ließ, von niemandem. Ihrem Exmann hatte das nicht immer gefallen, die Ehe war darüber zerbrochen, und obwohl er relativ offen mit den Hintergründen der Trennung umging, war das Thema offensichtlich noch nicht endgültig durch – das war das eine. Ein zweiter Aspekt war die seltsame Unberührtheit des Mannes. Die beiden waren viele Jahre verheiratet gewesen, und seit Michelles Auffinden waren lediglich ein paar Tage vergangen. Dennoch wirkte er gelassen, war sogar zu Scherzen aufgelegt und ging mit keiner Silbe auf den grausigen Tod ein, den Michelle hatte erleiden müssen.

Er hat bereits zweimal mit Beamten gesprochen, überlegte Hannah, er schien begabt im Verdrängen und könnte sich schlicht gut im Griff haben. Wie dem auch sei – sie war gespannt, wie die ehemalige Schulkollegin sich äußern würde.

Er hatte nicht die geringste Angst vor dem Tod. Er war schon oft gestorben oder hatte zumindest die Nähe des Todes erlebt und dabei jedes Mal gewusst, dass er beschützt war und zurückkehren würde – nach zehn Sekunden oder einer Minute oder auch mehreren Stunden. Vielleicht würde es eines Tages nicht mehr so verlaufen und sich zu einer endgültigen Reise ohne Rückkehr entwickeln, aber auch das schreckte ihn nicht. Was in dieser Zeit in der Todeszone mit ihm geschah, war berauschend schön – auf ewig dort zu bleiben, schien ihm verheißungsvoll, und die Erinnerung daran war ein Schatz, in dessen Betrachtung er immer wieder entzückt versank.

Beim ersten Mal war er fünf Jahre alt gewesen – ein heißer Sommer am Elbstrand. Seine älteren Brüder waren zur Strandperle gerannt, um Eis zu holen. Erik hatte sich auf dem Handtuch ausgestreckt, die Augen vor der Sonne abgeschirmt, während sein Blick einem Containerschiff folgte, das wie ein riesiges, buntes Seeungeheuer gemächlich den Fluss durchschritt. Der Himmel war metallisch klar. Erik schloss die Augen, im Bruchteil eines Moments senkte sich vollkommene Stille herab, und es wurde kalt. Sein Atem hielt die Zeit an, das Herz verstummte. Schwindel umspülte seine Gedanken. Er öffnete die Augen wieder – eher verwundert als ängstlich –, und es war Nacht; das Schiff, das Menschengetümmel und auch der Elbstrand waren verschwunden. Er saß auf dem Dach eines Hauses und blickte über Hamburg. Auf dem Heiliggeistfeld war Jahrmarkt, Lichter erhellten den Himmel, Budengetöse, Lachen, Musik. Da will ich hin, dachte er, und schon stand er mitten auf dem Jahrmarktplatz. Ich träume. Ein schöner Traum. Er lachte glücklich und unbeschwert. Die ganze Nacht fuhr er Karussell und aß Zuckerwatte und kandierte Mandeln. Als die Sonne aufging, wanderte er zum Elbstrand und wunderte sich, dass er den langen Weg in nur wenigen Augenblicken bewältigen konnte. Es war heiß … Im nächsten Moment erwachte er inmitten des Getöses, das seine Brüder bei ihrer Rückkehr veranstalteten.

Nach dem dritten, vierten Sprung in die Todeszone, der im Abstand etlicher Jahre ebenso überraschend und unangekündigt wie das Aussetzen seines Herzschlags erfolgte, wurde ihm zweierlei klar: Was er erlebte, hatte weder etwas mit Träumerei zu tun, noch, wie später einmal von einem Arzt diagnostiziert, zu dem ihn seine Pflegeeltern auf Drängen eines Lehrers brachten, mit einem angeborenen Herzfehler, der angeblich immer länger andauernde Bewusstlosigkeiten hervorrief. Der Herzfehler war eine Sache, seine Ausflüge in die Zone etwas ganz anderes. Seine letzten Reisen hatten mehrere Stunden angedauert, aber die Zeit in der Zone war ihm wie Jahre, wie ein halbes Leben vorgekommen.

Er war gereist – in die Berge, ans Meer, in die Wüste, die ihn auf besonders intensive Weise verzückte. Er hatte anregende Gespräche geführt, Freundschaften geschlossen, gearbeitet, gelernt, geliebt. Er war in dieser Zeit Erik … und doch wieder nicht. Eine eindringliche Gewissheit ergriff jedes Mal Besitz von ihm – alles war gut, so wie es war, alles hatte einen Sinn, und er befand sich am richtigen Ort. Die Menschen, die er traf, kannte er aus der anderen Realität nicht; außerdem war er älter und doch irgendwie alterslos, aber die einzelnen Erlebnisphasen in der Zone bauten aufeinander auf. Er erinnerte sich stets – egal, wo er sich befand – an jeden einzelnen Aufenthalt, selbst an kleinste Details. Einige Anregungen, Einblicke und Erkenntnisse übernahm Erik bei seiner Rückkehr, und je älter er wurde, desto mehr war er davon überzeugt, dass es genau darum ging – in der Zone Einsichten zu gewinnen und diejenigen herauszufiltern, die eine übergreifende Bedeutung auch für sein Leben außerhalb darstellten. Einmal fragte er eine alte Frau, der er immer wieder begegnete, wo genau er sich befand und warum er stets zurückkehrte. Die Frage überraschte ihn selbst – sie strömte hervor, als hätte sie seit ewigen Zeiten darauf gewartet, endlich gestellt zu werden. Doch die Alte sagte nichts, sie lächelte und legte einen Finger über die Lippen. War der Ort ein Geheimnis? Ein besonderer Ort, zu dem nur wenige Zutritt hatten?

Merkwürdigerweise erfuhr er nicht das Geringste über seine größte Leidenschaft innerhalb der Zone: die Haut. Ihre Geschmeidigkeit und Sensibilität, ihr Geruch und ihre charakteristischen Merkmale, ihre Sehnsucht waren nie ein Thema, und schon gar nicht das Zeichnen auf und in der Haut, das schmerzvolle und doch schmückende Ritzen mit feinsten Messern, Nadeln und Klingen, das Schnitzen und Modellieren, noch nicht einmal das völlig unschuldige Üben auf Papier und weichem Holz. Das lernte er von seinem älteren Bruder – zumindest die Grundzüge. Zum Meister bildete er sich selbst aus.

Mit knapp vierzehn lief Erik von Zuhause fort. Er wusste, dass es niemanden großartig kümmern würde. Mit etwas Bargeld und einem gestohlenen Personalausweis schlug er sich wochenlang durch. Zweimal hätte ihn die Polizei um Haaresbreite erwischt – einmal in Ratzeburg, wo er auf dem Parkplatz eines Supermarktes allzu dreist den Einkaufswagen einer jungen Frau plünderte, das zweite Mal in Lübeck, wo er ein Mofa mitgehen ließ und bei einer Kontrolle gerade noch entkommen konnte. Es wurde Herbst und ungemütlich kalt und zunehmend schwieriger, notfalls im Freien zu schlafen, und auch die Verstecke in vergessenen Lagerhallen, Abrisshäusern oder im Umkreis von Bahnhöfen boten kaum hinreichenden Schutz. Als die Tage noch kürzer und die Nächte eisig wurden, war er kurz davor aufzugeben. Die Aussicht, eine gut beheizte Polizeidienststelle aufzusuchen, eine heiße Tasse Kakao und eine anständige Mahlzeit abzustauben, lockte immer süßer und drängender – selbst wenn er sich ausmalte, welche Repressalien ihm in den kommenden Wochen oder gar Monaten in seiner Pflegefamilie blühen würden. Körperliche Gewalt würde sein geringstes Problem sein, eher Schlafentzug, Erniedrigung, ständige Kontrolle, stundenlange Putzarbeiten. Außerdem würde er nicht zeichnen und schnitzen dürfen, geschweige denn Haut ritzen.

Dann aber bot sich die Gelegenheit, in einer weitläufigen Gartenanlage in Klütz, nahe der Ostsee, in einem Wochenendhaus unterzuschlüpfen. Er hatte das Gelände zuvor einige Tage beobachtet und dabei ein Gespräch zwischen dem benachbarten Ehepaar belauscht und auf diese Weise erfahren, dass der Besitzer, ein Typ aus Hamburg, einen längeren Auslandsurlaub plante.

»Er will nach Asien, eine Rundreise mit seiner Frau«, hatte der Mann seiner Gattin erläutert, während sie gemeinsam im Garten arbeiteten.

»Seine zweite Frau.«

»Na, das ist doch klar.«

»Ich meine ja nur. Asien also? Was du nicht alles weißt.«

»Nun, er hat es mir erzählt.«

»Die Frau – sag mal, wie heißt sie noch gleich? Ich kann mir den Namen nicht merken.«

»Keine Ahnung.«

»Ist ja auch egal. Sie ist ohnehin kaum hier.«

»Muss ja nicht.«

»Nö, ist aber schade.«

»Jeder soll seins machen, finde ich. Leben und leben lassen.«

»Ja, ja.«

Erik genoss für drei Wochen eine Art Heim. Natürlich musste er höllisch aufpassen, wenn er tagsüber das Haus verließ, doch die Grundstücke waren erfreulich groß und dicht bewachsen. Am rückwärtigen Ende konnte er meist ohne Probleme über den Zaun entwischen, um etwas zu essen zu besorgen oder sich die Beine zu vertreten, die Gegend zu erkunden, zu träumen, zu schnitzen, zu zeichnen. Manchmal fing er mit einer selbstgebastelten Falle Kaninchen. Bevor er sie tötete und aß, rasierte er ihr Fell und ritzte seinen Namen in die weiche Haut.

Das kleine Haus barg so manchen Schatz, unter anderem Bargeld und eine gut gefüllte Vorratskammer, ein schönes Sortiment an Messern und Rasierklingen, Fotos, die er sich manchmal ansah, eine Truhe voller Klamotten, auch Frauenkleidung, sehr gut erhaltene Sportschuhe, Notizbücher und Stifte. Bevor er es schweren Herzens wieder verließ, packte er ein, was er für die weitere Reise für nötig erachtete, und räumte auf. Natürlich würde der Besitzer merken, dass sich jemand Zutritt verschafft hatte, dass Geld und diverser Kleinkram fehlte, auch ein in die Jahre gekommenes, dennoch gut funktionierendes Handy, aber wenigstens hinterließ Erik ihm keinen Saustall. An der hinteren Gartenpforte schnitzte er in Kniehöhe sein Zeichen – die Initialen seines Namens, kunstvoll ineinander verschlungen. Niemand würde es entdecken, der nicht genauer hinsah. Dennoch war es ihm wichtig, den Ort auf diese Weise zu ehren.

Er wanderte am frühen Morgen bis Wismar und fuhr von dort mit der Regionalbahn nach Rostock. Warum er sich für diese Stadt entschieden hatte, wusste er nicht. Aber es war der richtige Entschluss, denn mit ihm änderte sich alles. Wenige Tage später wurde er beim Klauen erwischt.

Es war bereits nach zweiundzwanzig Uhr, als Hannah in Lichterfelde eintraf. Michelles Kollegin Karla Goslik wohnte in der Nähe der Schule, an der sie Französisch und Spanisch unterrichtete. In einem kurzen Telefonat während der Fahrt hatte sie betont, dass sie keine Probleme mit der Uhrzeit habe. »Mein Mann ist mit den Kindern übers Wochenende weggefahren, und ich habe bis mittags geschlafen. Also – kommen Sie ruhig vorbei.«

Goslik – eine zierliche Frau mit langen, dunklen Haaren, dezent geschminkt, leger gekleidet – wirkte aufgedreht. Sie führte Hannah in ein geräumiges Wohnzimmer mit Erker, an dessen Wänden Dutzende von Familienfotos hingen, bot ihr etwas zu trinken an und konnte kaum länger als ein paar Sekunden stillsitzen. Minutenlang erzählte sie von ihren Sprösslingen, erkundigte sich ausführlich nach Kotti und seinem Werdegang und atmete schließlich tief aus. »Ich …«

»Sie waren eng mit Michelle befreundet, nicht wahr?«, ergriff Hannah schnell das Wort, bevor Goslik auf weitere Allerweltsthemen ausweichen konnte.

»Ja, schon, zumindest bis vor einem Jahr, ungefähr bis zu dem Zeitpunkt, als sie sich entschloss, das Sabbatjahr einzulegen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Es gab plötzlich nur noch ein Thema …«

»Nämlich?«

Sie runzelte die Brauen. »Michelles Ansichten über politische Verantwortung, die Pflicht eines jeden Bürgers, nicht nur zu reden und sich betroffen zu zeigen, sondern die Initiative zu ergreifen, etwas zu tun – soziales Engagement und so weiter und so fort.« Sie wiegte den Kopf. »Nun …«

»Sie vertreten einen anderen Standpunkt?«

»Ganz und gar nicht, meiner Ansicht nach jedenfalls. Ich sehe nur einen anderen Ansatz, was die Umsetzung angeht. Irgendwann muss man sich entscheiden, an welchem Platz man welche Aufgaben übernimmt, und ich bin der Meinung, dass ich mich mit meiner Entscheidung für den Lehrerberuf bereits hinreichend engagiere, und zwar gesellschaftlich, politisch und persönlich: Pädagoginnen und Pädagogen übernehmen tagtäglich Verantwortung, rund um die Uhr, in jeder Hinsicht, darüber hinaus bin ich Mutter und …« Sie brach ab und schüttelte den Kopf.

Hannah lächelte aufmunternd. »Bitte – erzählen Sie weiter.«

»Sind Sie sicher? Ich meine, was hat dieser ganze Kram mit Michelles schrecklichem Tod zu tun?«

»Das weiß ich nicht. Ich sammle Anhaltspunkte unterschiedlichster Art. Alles ist zunächst mal wichtig, jeder Hinweis könnte die Hintergründe des Geschehens näher beleuchten und die Suche nach der anderen Frau unterstützen, auch wenn alles klar zu sein scheint, auf den ersten Blick.«

»In der Tat, es waren die Nazis«, wandte Goslik ein. »Wer sonst?«

Hannah seufzte unterdrückt. Mit diesem Argument würde sie in nächster Zeit noch häufiger konfrontiert werden. »Das ist sehr wahrscheinlich. Dennoch – bei so einer Tat spielen viele Aspekte eine Rolle, zum Beispiel die schlichte Frage, warum ausgerechnet dieses Flüchtlingsheim in den Fokus geriet und ob die Persönlichkeit und das Auftreten der beiden Frauen in direktem Zusammenhang damit stehen.«

»Nun gut …« Goslik strich sich eine Strähne aus der Stirn. »Michelle war schon ziemlich speziell.« Sie räusperte sich. Ihre Augen wurden auf einmal feucht, und sie blickte auf ihre Hände. »Ich mochte sie sehr, dennoch … Sie konnte sehr verletzend sein mit ihrer manchmal beißenden Kritik, auch wenn sie oft richtig lag. Sie wusste das, und es war ihr egal. Sie machte sich manchmal regelrecht lustig über Leute, die es einfach nicht kapierten, wie sie sagte – was auch immer ›es‹ sein sollte –, und das hatte beileibe nicht immer mit Politik zu tun.«

»Würden Sie mir ein Beispiel nennen?«

Goslik zögerte nur kurz. »Sie fand meinen Mann ziemlich daneben.«

Interessant, dachte Hannah.

»Er ist durch und durch Vater, wissen Sie – er liebt unsere Kinder und nimmt seine Pflichten sehr ernst.«

»Was ist dagegen einzuwenden?«

Goslik machte eine wegwerfende Handbewegung. »Gute Frage, ohne Zweifel. Michelle hat nur den Kopf geschüttelt.«

»Geht das etwas genauer?«

»Michelle bezeichnete Väter – und Mütter –, die noch zwei Jahre nach der Geburt ihres Sprösslings ihr Handyprofil mit sabbernden und grinsenden Babygesichtern versehen und kaum ein anderes Thema kennen als ihre Kinder, schlicht als gestört, therapiebedürftig.«

»Verstehe.«

»Und wie gesagt – damit hielt sie keineswegs hinterm Berg«, setzte Goslik nach. »Sie konnte richtig ätzend sein. Meinen Mann hat sie mal gefragt, ob seine Persönlichkeit so armselig und flach sei, dass er sich ständig mit der seiner Kinder schmücken müsse. Harter Tobak, oder?«

In der Tat. Hannah räusperte sich. »Wie alt sind Ihre Kinder, wenn ich fragen darf?«

»Vier und ein Jahr. Es sind kleine Kinder, Wunschkinder, ich meine, es ist doch ganz normal, sich mit ihnen zu beschäftigen und glücklich zu sein, wie sie sich entwickeln, oder?«

Karla Goslik wartete Hannahs Antwort gar nicht erst ab. »Michelle wollte keine Kinder, das hat sie immer betont, und konnte, glaube ich, gar nicht beurteilen, was es bedeutet, Eltern zu sein, Verantwortung für diese kleinen Wesen zu tragen. Sie wollte ihr eigenes Leben führen – so unabhängig wie möglich.«

»Haben Sie ihr die Attacken sehr übel genommen?«

Kurzes Zögern. »Ja, irgendwie schon … Manchmal habe ich mich gewundert, warum Hinrich, mein Mann, ihr so wenig entgegensetzte. Er hat immer nur mit den Schultern gezuckt und ist gar nicht auf ihre Sprüche und Spitzen eingegangen. Mir geht es gut mit meinem Leben, erwiderte er häufig einfach nur, und den Kindern auch. Mach du dein Ding, ich meins. Und dann lächelte er, als wäre gar nichts gewesen.«

Nicht die schlechteste Art zu reagieren. »Klingt sehr gelassen und souverän.«

»Finden Sie?«

»Ja. Was hätte Ihr Mann Michelle entgegensetzen sollen, Ihrer Ansicht nach?«

»Ein bisschen mehr Power und eine klare Ansage«, erwiderte sie prompt.

»Er hätte sich die Einmischung, die harten Worte demnach verbitten sollen?«

»So etwas in der Art.«

»Sie reagieren heftiger als er.«

»Ja, schon möglich.« Sie hob mit leisem Seufzen die Hände. »Ich war sauer. Er ist mein Mann, verstehen Sie? Ich finde ihn gut – als Mann und Vater, das hätte sie als meine Freundin durchaus berücksichtigen können, finde ich …« Sie brach ab. »Aber das führt jetzt wirklich zu weit.« Goslik wandte den Blick ab. »Wie dem auch sei – als Michelle nach den Sommerferien mit ihrem Sabbatjahr begann, ebbte unser Kontakt mehr und mehr ab. Schließlich sahen wir uns meist nur noch bei den Proben und Auftritten der Trommelgruppe – ich bin da allerdings seit einiger Zeit nicht mehr so stark eingebunden wie sie, allein schon aus zeitlichen Gründen. Zwei kleine Kinder – da kann immer mal was dazwischen kommen. Hin und wieder haben wir mal telefoniert.«

»Wann war Ihr letzter Kontakt?«

»Ein paar Tage vor all dem rief sie mal wieder an …«

»Worum ging es in dem Telefonat?«

»Ist das wirklich wichtig?«

Hannah hob die Hände.

»Verstehe. Wir hatten kein besonderes Thema. Sie erzählte ganz allgemein von einem Ausflug mit den Flüchtlingskindern. Nichts Besonderes.«

»Hat sie vielleicht mal angedeutet, dass es eine neue Beziehung gab?«

Goslik wiegte den Kopf. »Nicht direkt. Es fiel kein Name oder so was. Manchmal hatte ich allerdings irgendwie das Gefühl, dass sie sich in jemanden verguckt hatte, aber ich kann mit der Einschätzung auch falsch liegen.«

»Sprach sie mal von ihrer Kollegin aus dem Flüchtlingsheim?«

»Sie meinen Katja, die Frau, die immer noch verschwunden ist?«

»Genau die.«

»Wenig, zumindest erinnere ich mich an nichts Spezielles. Sie haben ganz gut zusammengearbeitet – so wirkte es auf mich.«

Hannah ließ das Gespräch wenig später ausklingen. Der Tag war sehr lang gewesen, sie war müde, und ihre Konzentration ließ merklich nach. Dennoch hallte die Unterredung während der Heimfahrt in ihr nach, und es beschlich sie das untrügliche Gefühl, dass Hinrich Goslik die Situation und auch seinen Disput mit Michelle anders dargestellt hätte. Hannah nahm sich vor, in der kommenden Woche das Gespräch mit ihm zu suchen, und machte sich innerlich eine Notiz, Lone mit einem weiteren Check zu beauftragen.

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Mark Springer hatte aufgehört mitzuzählen. Seiner Einschätzung nach hatte die Sonderkommission in den letzten Tagen Dutzende von Befragungen im Berliner und Brandenburger Neonazi-Milieu durchgeführt – Namen, Biographien, Bewegungsprofile und weitergehende Informationen samt Analysen hatte der Verfassungsschutz zügig zur Verfügung gestellt. Herausgekommen waren bislang eine Flut ähnlich lautender Aussagen und keine einzige brauchbare Spur, geschweige denn einen hinreichenden Verdacht gegen eine bestimmte Gruppe oder einzelne Namen im weiten Spektrum gewaltbereiter Rechtsextremisten. Für Anschläge auf Flüchtlingsheime kamen viele infrage, auch für Prügelattacken und Tötungsdelikte, aber gezielte und gut geplante Aktionen wie Entführung, Folter und Mord waren ein anderes Kaliber. Er war ratlos und zutiefst beunruhigt und wusste, dass es den Kollegen ähnlich ging.

Mark verbrachte den kompletten Sonntag entweder in der Glatzen-Stiefel-Vernehmung, wie er es inzwischen nannte, oder er begutachtete aufgezeichnete Verhöre zusammen mit einem Staatsschutzbeamten, hin und wieder gesellte sich Staatsanwalt Florian Schneider dazu. Am späten Nachmittag schließlich telefonierte er eine ganze Weile mit einem Kollegen von der OK-Abteilung sowie mit Hannah, bevor er in Hihmlers Büro eilte.

Was für ein scheußlicher Name, dachte er zum wiederholten Mal. Den würde ich an seiner Stelle glatt ändern lassen. Der Kollege hing selbst gerade am Telefon, als Mark eintrat, und bedeutete ihm mit einer beiläufigen Handbewegung, Platz zu nehmen. Er sprach wenig und machte sich emsig Notizen. Schließlich beendete er das Gespräch und sah auf. Der Mann ist verdammt blass, dachte Mark. Die Sache nimmt ihn mit, aber das war es wohl nicht allein.

»Was Neues?«

Mark schüttelte den Kopf. »Wir treten auf der Stelle. Die erzählen alle das gleiche, wenn sie den Mund aufmachen – der eine etwas ausführlicher, der andere knapp, abweisend, verächtlich, die übliche Masche. Doch nach Absprache und großer gemeinsamer Aktion klingt das trotzdem nicht.«