Abschiebungen - Albert Scherr - E-Book

Abschiebungen E-Book

Albert Scherr

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Beschreibung

Die Folgen der Abschottung der europäischen Außengrenzen sind ein viel diskutiertes Thema sowohl in den Medien als auch in der Öffentlichkeit. Über das Thema Abschiebungen hingegen wird geschwiegen, obwohl diese "einen staatlichen Eingriff in individuelle Lebensführung mit gravierenden Folgen darstellen", wie Albert Scherr schreibt. In seinem Essay geht er der Frage nach, wie es dem Staat gelingt, diese Praxis der Abschiebungen zu verdecken und zu legitimieren.

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Seitenzahl: 20

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Albert Scherr Abschiebungen

Verdeckungsversuche und Legitimationsprobleme eines Gewaltakts

Wer als ethnografisch forschender Soziologe Roma-Siedlungen im Kosovo und in Serbien besucht, macht eine erstaunliche Erfahrung: Es gibt keinerlei sprachliche Verständigungsprobleme. Denn in diesen informellen Siedlungen, von denen einige den Slums aus dem globalen Süden ähneln, die wir alle aus den Medien kennen, gibt es zahlreiche Menschen, die Deutsch sprechen. Es handelt sich dabei um Abgeschobene. Sie kamen als Flüchtlinge nach Deutschland, haben hier einige Jahre gelebt, als Kinder und Jugendliche deutsche Schulen besucht und finden sich nunmehr in einer durch Armut und Diskriminierung geprägten Elendssituation vor. Die Anwesenheit eines Deutschen erregt Aufmerksamkeit, und sehr bald wird man gebeten, sich die deutschen Abschiebedokumente anzuschauen und eine Antwort auf die Frage zu geben, ob es eine Chance auf Rückkehr nach Deutschland gibt. In besonderer Weise im Wortsinn »ver-rückt« ist die Situation derjenigen Kosovo-Albaner, kosovarischen, montenegrinischen und serbischen Roma, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, aber nach langjährigem Schulbesuch mit ihren Familien abgeschoben wurden: Zur Armut und Diskriminierung kommt für sie die Herausforderung dazu, sich auf eine Gesellschaft und Kultur einzustellen, deren Standards in den Bereichen Bildung, Gesundheitsfürsorge, Sozialhilfe und Wohnen weit unter den in Deutschland üblichen liegen, in der Korruption ebenso verbreitet ist wie traditionelle patriarchalische Strukturen. Was das heißt, wurde in einem Gespräch mit A., erfolgreiche Absolventin des Gymnasialzweigs einer deutschen Gesamtschule, deutlich: A., eine in Deutschland aufgewachsene Kosovo-Albanerin, berichtet, dass sie ihr Studium nicht abschließen konnte, weil von ihr sexuelle Dienstleistungen erwartet wurden, damit sie einen Prüfungstermin erhält – und dies sei keineswegs ungewöhnlich. Sie wollte und konnte diese Erwartung auf Unterwerfung für sich nicht akzeptieren und zur Durchsetzung ihres Interesses auch nicht auf die lokal einflussreichen informellen Netzwerke zurückgreifen.

Abschiebungen stellen nicht nur in diesem Fall einen staatlichen Eingriff in individuelle Lebensführung mit gravierenden Folgen dar. Während die fatalen Auswirkungen der Abschottung der europäischen Außengrenzen inzwischen in umfangreicher Weise dokumentiert und skandalisiert werden, geschehen Abschiebungen routiniert und in erheblichem Umfang, aber gewöhnlich nahezu unbemerkt und unkritisiert.1 Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, wie es gelingt, diese Praxis der Abschiebungen zu verdecken und zu legitimieren.

Unsichtbarer Gewaltakt