4,99 €
Stefan ist Schichtleiter in einem Kernkraftwerk und von der friedlichen Nutzung der Kernspaltung fasziniert. Im Spannungsfeld zwischen pro und contra Kernenergie vollzieht sich in ihm ein Sinneswandel, an dessen Ende er seine Tätigkeit im Kernkraftwerk aufgibt. Da ist die Ärztin, die aus ihrer Ablehnung der Kernenergie keinen Hehl macht. Sie lebt von ihrem Ehemann, einem bekannten Journalisten, der die AKW's radikal bekämpft, getrennt. Sie und der Stefan lernen sich auf ungewöhnlichem Weg kennen. Zwischen ihnen bahnt sich eine Liebesbeziehung an. Sie glauben an einer Versachlichung der Diskussion über die Vor- und Nachteile der Kernenergie.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2020
Resa Fary
Abschied inSchritten
Roman
© 2020 Resa Fary
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-9755-4
Hardcover:
978-3-7497-9768-4
e-Book:
978-3-347-00464-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Kapitel 1
„Ich werde ihr nicht sagen, dass ich im Kernkraftwerk arbeite“ dachte Stefan, als er im Wartezimmer der Arztpraxis der Internistin Alexandra Worth saß.
Schon seit mittlerweile mehr als zwei Jahren hatte Stefan immer wieder Schmerzen im Bauchbereich. Zuerst hatte er die Schmerzen als eine vorübergehende Erscheinung wenig beachtet. Er konnte sie nicht immer lokalisieren und führte sie auf das Kantinenessen zurück. Sie traten hin und wieder auf und er versuchte, sich mit Tee, Schonkost und warmem Dinkelkissen zu helfen. Seit längerem verzichtete er mittags auf warme Speisen, die in der Kraftwerkskantine preislich günstig angeboten wurden. Stattdessen nahm er selbst belegte Brote, Obst und Gemüse von Zuhause mit zur Arbeit. Zusätzlich nutzte er in der Mittagspause den Gymnastikraum des Kraftwerkes, um sich fit zu halten. Denn er hatte öfter gehört, dass sich auch verklemmte Nerven im Bauchbereich in Form von Bauchschmerzen bemerkbar machen könnten. Außerdem soll durch Fitnessübungen der gesamte Verdauungstrakt des Körpers begünstigt werden. Er hatte große Angst davor, an Krebs zu erkranken oder schon erkrankt zu sein. Daher redete er nie darüber, obwohl derartige Gedanken ständig in seinem Kopf herumkreisten. Wenn in einer Zeitung etwas über Krebskrankheiten stand, las er die Information genau durch und machte für sich eine Bewertung, ob sie für seine Bauchschmerzen relevant waren.
Als er im Rahmen der jährlichen ärztlichen Untersuchung, die für ihn als Schichtleiter im nahegelegenen Kernkraftwerk vorgeschrieben war, dem Vertrauensarzt des Kraftwerkes erstmals von seinen Schmerzen erzählt hatte, untersuchte dieser ihn näher, konnte aber nichts Auffälliges feststellen. Ein Jahr später bei der turnusmäßigen ärztlichen Untersuchung trug er sein Problem erneut vor. Diese jährliche ärztliche Untersuchung war für alle Mitarbeiter eines Kernkraftwerkes vorgeschrieben, die nach den Bestimmungen der Strahlenschutzverordnung als so genannte strahlenexponierte Personen der Kategorie 1 und 2 eingestuft waren und Stefan fiel unter die Kategorie 1. Der Vertrauensarzt, ein Internist mit besonderen Kenntnissen auf dem Gebiet der Radiologie, konnte ihm auch diesmal keine befriedigende Erklärung geben. Er stellte einige Fragen, von denen die meisten seine Essgewohnheiten betrafen. Auf diese Fragen antwortete Stefan sehr schnell und er hatte den Eindruck, dass der Arzt daraus keine Schlussfolgerungen ableitete. Schließlich empfahl er, auf das Kantinenessen für eine Weile zu verzichten. Seine letzte Bemerkung, Stefans Frau sollte leichte Sachen kochen, verärgerte ihn so stark, dass er am liebsten aufgestanden und gegangen wäre. Er versuchte, ruhig zu bleiben. Denn er sah ein, dass der Arzt nicht wissen konnte, dass seine Frau nicht mehr lebte. Der Arzt wollte dann noch wissen, welche Tätigkeiten Stefan im Kernkraftwerk verrichtete. Als Stefan ihm antwortete, dass er Schichtleiter war, sagte der Arzt, „Ja, das steht hier“ und riet ihm lediglich, die Sache weiter zu beobachten.
Manchmal versuchte Stefan, sich zu erinnern, wann genau das erste Mal die Schmerzen aufgetreten waren, um darin vielleicht eine Erklärung zu finden. Er konnte auch nicht genau sagen, ob die Schmerzen zuerst leicht auftraten und sich dann langsam bis auf die heutige Heftigkeit verschlechtert hätten. Wo genau traten die Schmerzen das erste Mal auf? Auch auf diese Frage fand er keine Antwort. Er erinnerte sich nur, dass er im Frühsommer des letzten Jahres über Schmerzen geklagt hatte und daher früher als sonst üblich nach Hause gegangen war. An diesem Tag demonstrierten Kernkraftgegner vor dem Kraftwerkseingang und forderten das sofortige Abschalten der Anlage. So ein Ereignis prägte sich leicht in seinem Gehirn ein. Und das konnte er dann längere Zeit nicht einfach vergessen. Er hatte kein Verständnis für diese Leute, die die Nutzung einer Anlage in Frage stellten, die völlig legal errichtet worden war. Die Grundlage der Genehmigung, die in vielen einzelnen Schritten erteilt worden war, bildete das Atomgesetz zur Förderung und Nutzung der Kernenergie zu friedlichen Zwecken. Der Staat, der selbst das Atomgesetz in der bestehenden Form erlassen hatte, hielt sich gerade bei dem Streit um die Rechtfertigung der moralischen und sozialen Aspekte weitgehend zurück und ließ die Befürworter und Gegner aufeinandertreffen. Das ärgerte Stefan sehr. In solchen Situationen merkte er die Schmerzen sehr deutlich.
Als die Schmerzen immer öfter und heftiger auftraten, entschloss sich Stefan einen anderen Arzt aufzusuchen. Er dachte, dass eine Ärztin sich vielleicht intensiver mit seinen Beschwerden befassen würde. So hatte er das Telefonbuch in die Hand genommen und die Internistin Dr. med. Alexandra Worth herausgesucht. Sie war Fachärztin für innere Medizin und hatte ihre Praxis in einem alten Gebäude, das aufwendig saniert worden war und zum Teil auch als Wohnhaus diente.
Das Haus lag in der Stadtmitte einer schönen Kleinstadt, die in den letzten zwanzig Jahren großartig saniert worden war. Die Fassaden der Häuser hatte man vollständig erhalten. Wo Anbauten errichtet worden waren, hatte man besondere Sorgfalt gelten lassen und sie den Aspekten des Denkmalschutzes architektonisch gelungen angepasst. Die Stadt war durch die reichlich fließenden Steuern seitens des Kernkraftwerkes wohlhabend und als Wohnort insbesondere bei älteren Menschen sehr begehrt. Die noch junge Universität trug mit ihren Studenten zur Attraktivität und Vitalität der Stadt bei und senkte das Durchschnittsalter der Bevölkerung.
Es war Mittwoch und Stefan hatte den Vormittag frei. Erst um vierzehn Uhr begann seine Arbeit im Kraftwerk. Den Arzttermin hatte er bewusst auf den heutigen Tag gelegt. Es hatte ihn viel Anstrengung gekostet, sich für diesen Arztbesuch zu entscheiden. Er war ja noch jung und vorher nie krank gewesen. Er machte regelmäßig Sport, um sich fit zu halten. Er erledigte die meisten Sachen, soweit es ging, mit dem Fahrrad. Auch heute war er mit dem Fahrrad zum Arzttermin gekommen. Nun saß er im Wartezimmer der Internistin.
Das Wartezimmer war voll von Menschen, die darauf warteten, aufgerufen zu werden. Um die Wartezeit erträglicher zu machen, waren sie alle konzentriert dabei, mit Hilfe der auf dem kleinen runden Tisch liegenden Zeitschriften und Illustrierten das Neuste zu erfahren. Neue Patienten, die hereinkamen, wurden kaum beachtet. Eine ältere Frau, die gerade ihre Illustrierte zu Ende gelesen hatte und sie vorsichtig wieder auf den Tisch legte, sagte leise, nachdem sie vollmundig gegähnt hatte:
„Heute dauert es besonders lange“.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Stefan wurde aufgerufen. Er stand auf und folgte der Arzthelferin in das Arztzimmer, wo sie ihn aufforderte, sich in einen der beiden nebeneinanderstehenden Sessel zu setzen.
„Frau Doktor wird gleich zu Ihnen kommen“ sagte sie und verließ das Zimmer durch eine andere Tür.
Stefan schaute sich im Zimmer etwas um. Das war ein relativ großer Raum mit Stuckdecken und langen weißen Fenstern, deren Glas bis zur Kopfhöhe undurchsichtig war und keinen Durchblick von außen nach innen und umgekehrt zuließ. Mitten im Zimmer stand ein Glastisch, auf dem ein Laptop und einige Untersuchungsinstrumente für die Ärztin lagen. An den Fenstern stand eine Liege, die mit einer Papierrolle bedeckt war. An den Wänden hingen Bilder in weißen Bilderrahmen. Sie schienen von einem bestimmten Künstler zu sein. Der Boden war mit Parkett belegt und soweit er es beurteilen konnte, war es Eiche, die sorgfältig aufgearbeitet worden war. Es sah alles sehr sauber und steril aus. Das war ja auch schließlich eine Arztpraxis und so erweckte alles Vertrauen und machte einen guten Eindruck auf Stefan, so dass er glaubte, wenn auch nur zufällig, eine gute Ärztin ausgesucht zu haben.
Im Zimmer herrschte eine strenge Ruhe. Man hörte keine Stimmen von der Empfangstheke. Man sah im Raum keine Sachen, die sich bewegten. Lediglich der Laptopmonitor, der auf dem Glastisch stand, veränderte sich durch den Monitorschoner. Stefan setzte sich in den Sessel und lehnte sich etwas zurück.
Die Arzthelferin kam ins Zimmer herein und legte eine Unterlage auf den Tisch. Beim Verlassen des Zimmers sagte sie in einer gewohnten Tonlage, die Stefan an die Durchsagen des Begleitpersonals im Flugzeug erinnerte „Frau Doktor ist gleich bei Ihnen.“
Stefan rutschte auf dem Stuhl einige Male hin und her, so als ob er sich nach der Mitteilung der Arzthelferin nunmehr in eine Bereitschaftsposition bringen wollte. Dabei fiel sein Blick auf die Stehlampe an der Wand, die als einzige Lampe zur Beleuchtung des Raumes vorgesehen war. Es war Spätvormittag, aber draußen war es nicht hell. Die Stehlampe warf ein warmes Licht in den Raum. Stefan dachte bei sich, dass ein stärkeres Licht den Raum freundlicher machen würde.
Ihm ging wieder der Gedanke durch den Kopf, dass er der Ärztin nicht sagen wollte, dass er im Kernkraftwerk beschäftigt war. Warum sollte sich auch die Ärztin für seinen Job interessieren, dachte er. Auf die Frage, was er beruflich machte, würde er ihr sagen, dass er Ingenieur sei.
Und was, wenn sie genauer wissen wollte, welche Arbeit er als Ingenieur machte? Was geht sie mein Beruf überhaupt an. Sie soll sich um meine Bauchschmerzen kümmern.
Bevor sich Stefan in weiteren Fragen und Antworten, Vermutungen und Reaktionen nach dem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ von dem amerikanischen Psychologen Paul Watzlawick verlieren konnte, holte ihn das Öffnen der Tür aus seinem virtuellen Diskurs in die reale Arztpraxis zurück.
Die Ärztin trat ein und ging auf ihn zu. Sie trug einen weißen Kittel mit offenen Knöpfen. Ihre linke Hand steckte in der Tasche des Kittels. Sie gab ihm die Hand und sagte „Sie sind Herr“, und er ergänzte „Stefan.“ Die Ärztin setzte sich auf ihren Stuhl.
„Was kann ich für Sie tun?“
Stefan trug vor, dass er seit längerer Zeit immer wieder an Bauchschmerzen litt. Er schilderte weiter, dass er beim Essen gut aufpasste und eine Abhängigkeit von bestimmten Speisen nicht habe beobachten können. Die Schmerzen träten plötzlich während der Arbeit ein. Zum Teil auch wenn er ins Bett gehe und nicht schlafen könne.
Die Ärztin machte einige Notizen in ihrem Laptop und stellte ein paar Fragen:
„Wie groß sind Sie?“
„Ein Meter und Siebzig“ antwortete Stefan.
„Gewicht?“
„Siebzig Kilogramm“ sagte er.
„Hatten Sie früher irgendwelche Krankheiten?“
Stefan überlegte einen Augenblick, bevor er diese Frage verneinte.
Die Ärztin stand auf: „Bitte kommen Sie mit in den Ultraschallraum.“
Nach einigen Beobachtungen stellte sie fest, dass alles soweit gut aussah und er sich wieder anziehen sollte. Dann schrieb sie ein Rezept für ihn auf ihrem Computer und sagte
„Nehmen Sie diese schmerzlindernden Tabletten einmal täglich beim Frühstück ein und kommen Sie in vier Wochen wieder.“
Stefan stand auf, bedankte sich bei ihr und verließ die Arztpraxis.
Er hatte von der Internistin einen positiven Eindruck. Sie hatte ihm zugehört und sich nur auf die Schmerzen konzentriert. Sie hatte sich insbesondere gar nicht für seinen Beruf interessiert.
Nachdem er die verschriebenen Tabletten in der Apotheke gegenüber der Arztpraxis besorgt hatte, radelte er zufrieden nach Hause.
Kapitel 2
Das Kernkraftwerk, in dem Stefan als Schichtleiter arbeitete, lag direkt am Fluss. Die Gegend war hügelig und schön und bot viele Freizeitmöglichkeiten, die Stefan mit seiner Frau und der kleinen Tochter gern genutzt hatte.
Das Kernkraftwerk wurde vierundzwanzig Stunden täglich betrieben, wobei alle acht Stunden die verantwortliche Schichtmannschaft wechselte. Jeder Schicht war jeweils ein Schichtleiter vorgesetzt, der die komplette Verantwortung für den korrekten und sicheren Betrieb der Anlage trug. Die Frühschicht begann um sechs Uhr morgens und endete um vierzehn
