Verlag: Books on Demand Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Abschied von Berlin - Erdmann Kühn

1975 Der 19-jährige Friedel zieht gerade von zu Hause aus. Während er in seinem bis an den Rand vollgepackten VW-Käfer von Berlin nach Köln fährt, kommen Erinnerungen hoch an die Abschiede und Neuanfänge, die er schon erlebt hat, an seine Familie, seine Freunde, seine Lehrer. Erstaunt registriert er, dass die Szenen seines Lebens wie ein Film an ihm vorüberziehen. Ein Wechselspiel von Liebe und Liebeskummer, Begeisterung und Enttäuschung, Mut und Schüchternheit, Gefühl und Verstand, Abenteuerlust und Sehnsucht nach Geborgenheit, Glück und Anerkennung. Friedel schaut sich selbst zu als Zwölfjähriger bei seiner ersten Demo, auf der Rückbank eines Autos beim ersten Kuss und wie er bei der ersten Kellerparty alles vermasselt. Er erlebt noch einmal, wie er Bellmann und Biermann bei seinem Malercousin im Osten kennenlernt, wie er die Straße vor seiner Schule umbenennt, den Roten Kalender verteilt und kurze Zeit später aus Liebe bei den Jesus People landet. Er kann kaum glauben, dass er dies alles schon erlebt hat und ist gespannt auf das, was noch kommen wird ...

Meinungen über das E-Book Abschied von Berlin - Erdmann Kühn

E-Book-Leseprobe Abschied von Berlin - Erdmann Kühn

Abschied von Berlin

TitelseiteIntroFrohnauDer rote ZwölferKuchenkrümelFaschingDie erste DemoAufklärungWeltschmerz und Shocking BlueUliHeiligenseeNikiPopplitzAnti-SportFrostCelloFriedrichstraßeFichtelgebirgeCousineNorwegenNichts wie wegOstern mit UliBellmann und BiermannOtto BufontoSpieleUschkoNolliNicht reden, tun!Neue KreiseMitternachtssonneSteinhuder LuderAbschiedCodaPersonenregisterImpressum

Erdmann KühnAbschied von Berlin

Erdmann Kühn ist in Berlin geboren und aufgewachsen und hat in Köln Kunst und Musik studiert. Er lebt im Rheinland, arbeitet als Lehrer und in der Lehrerfortbildung. Er ist Musiker, Chorleiter, singt, komponiert, arrangiert und schreibt. In der Friedel-Trilogie sind auch erhältlich: „Der Junge auf der Schaukel“ – Friedels Berliner Kindheit, und als Folgeband von „Abschied von Berlin“: „Mein Kopf, der ist ein Zimmer“ – Friedels Studium im Köln der späten Siebziger.

Daneben sind von Erdmann Kühn erschienen: „Jascheks Reise – Ein Reisekrimi als Roadmovie“ und „Himmel und Erde – Vaters Tagebücher 1926 – 1946“. 2018 erscheint "Der Tag, an dem er sein Spiegelbild grüßte - Ein Lehrer verschwindet" Weitere Infos unter erdmannkuehn@jimdo.com

In the chilly hours and minutes of uncertainty I want to be in the warm hold of your loving mind.

To feel you all around me and to take your hand along the sand. Ah, but I may as well try and catch the wind …

Donovan (Catch the Wind)

Und als wir ans Ufer kamen und saßen noch lange im Kahn. Da war es, dass wir den Himmel am schönsten im Wasser sahn.

Und durch den Birnbaum flogen paar Fischlein. Das Flugzeug schwamm quer durch den See und zerschellte sachte am Weidenstamm - am Weidenstamm

Wolf Biermann

Am Ende des Buches befinden sich einPersonenregister zur besseren Orientierung

Intro

Ich hasse Abschiede. Immer schon habe ich sie gehasst. Ich weiß nie, was ich sagen, wie ich gucken soll. Im Magen drückt ein fieser Klumpen, schwer wie ein Mühlstein. Er saugt alle Ener­gien aus dem Kopf. Der Kopf sagt: Nichts wie weg, so schnell wie möglich. Hauptsache, es heult keiner. Das können sie ja machen, wenn ich um die Ecke bin. Ich selber heule ja auch nicht. Kann ich überhaupt heulen? Oder habe ich's vollkommen verlernt? Wann habe ich eigentlich das letzte Mal geheult? Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich muss sehr, sehr klein gewesen sein. Auf jeden Fall, bevor das damals mit meiner Mutter passierte. Da war ich fünf.

     Ich sitze in meinem gelb-blauen Käfer und fahre zum Grenz­übergang Dreilinden. Gerade bin ich von zu Hause ausgezogen und fahre jetzt von Berlin nach Köln. Alle meine Umzugssachen sind im Käfer verstaut, angefangen mit dem Cello, das quer auf der Rückbank liegt, dem klappbaren Dual-Plattenspieler samt einer Kiste mit Schallplatten, dem roten Kaffeeservice, das mir Niki und die anderen aus meiner Clique geschenkt haben, dem brau­nen Teeservice samt meinen fünf Lieblings-Teesorten, zwei Koffern voller Anziehsachen, Schreibkram, einigen Lieblings­büchern, Notenständer, einer Kiste mit Cello- und Flötennoten, flauschigen Handtüchern, warmen Hausschuhen, Mutter Annas Versorgungstasche für die ersten Tage, unter anderem mit drei Gläsern Saure Gurken, denn die gibt es ja in Westdeutschland nicht, reichlich Proviant für die Fahrt, Obst natürlich, damit der Junge gesund bleibt, und Kaffee in der Thermoskanne, damit er wach bleibt. Möbel brauch ich zum Glück nicht, die hätten auch nicht mehr reingepasst. Das kleine Zimmer in Köln ist möbliert.

     Schon komisch, eben mal Tschüss sagen und dann wohnt man plötzlich am anderen Ende von Deutschland. Der Kloß im Magen geht nicht weg. Ob sie wohl noch da stehen, an der alten Dorfaue in Heiligensee, und mir nachwinken? Quatsch, sie sind längst wieder ins Haus gegangen. Aber das Bild bleibt als Stand­bild in meinem Kopf: Mutter Anna, die mit dem Taschentuch winkt, Oma mit der Küchenschürze, Vater mit dem braunen Kord-Anzug, der kleine Steffen, der auf und ab hüpft und am lieb­sten mitgefahren wäre, neben ihm mein großer Bruder Jan mit seiner wilden Mähne und dem dunklen Räuberbart, die neun­jährige Nelli und die sechzehnjährige Bine, die Hand in Hand nebeneinander stehen und winken. Vaters „Bleib behütet!“ klingt mir noch im Ohr, begleitet mich.

     Jetzt kommt es erst einmal darauf an, durch die Grenzkon­trollen zu kommen, ohne dass sie mir den ganzen Wagen aus­räumen. Die Chancen stehen schlecht, aber man kann ja auch mal Glück haben, selbst als Langhaariger mit Kinnbärtchen. Glück, ja, das ist das Gefühl, das sich jetzt langsam im ganzen Körper ausbreitet und das flaue Magengefühl verdrängt. Ich starte neu! Ich fange ein ganz neues Leben an, so wie ich es möchte! Mich überströmt ein Glücksgefühl der Dankbarkeit und Sympathie für meine Familie, so wie sie da eben zum Abschied stand. Hoffentlich lebt Oma noch lange, so dass ich immer mit ihr sprechen kann, wenn ich zu Besuch komme. Und während ich fahre, kommen auf einmal die Erinnerungen hoch, laufen wie ein Film vor meinen Augen ab. Erstaunt und überwältigt registriere ich, was ich schon alles Schönes und Aufregendes erlebt habe bis hierhin. Diese sehr private Filmvorführung ist mein persön­licher Abschied von Berlin. Sie startet auch mit einem Aufbruch in unbekanntes Terrain, mit meinem Schulwechsel nach Frohnau in der fünften Klasse ...

Frohnau

Die Osterferien sind fast vorbei. Die Luft riecht nach Frühling. Friedel kann den Duft nicht beschreiben, aber er weiß: So riecht er, so ganz anders als der Herbst mit seinem erdigen Geruch feuchter Blätter oder der Winter mit seiner Schneeluft. Ein milder Wind streicht über Friedels Gesicht. Die Sonne versteckt sich immer wieder hinter den dick aufgeplusterten Wolkentieren am Himmel, aber wenn sie hervorkommt, dann spürt man ihre sanfte Wärme auf der Haut. Freche Spatzen flattern umher und tschilpen aufgeregt. Friedel möchte am liebsten aufspringen, die Arme nach oben reißen und schreien vor Glück, so froh macht ihn der Früh­ling. Stattdessen beißt er in seine Mütze und presst dabei die Augen zu. Glück muss man mit geschlossenen Augen genießen.

     Als er später im Bus sitzt, oben natürlich, sind alle Leute wie verwandelt. Die Sonnenstrahlen scheinen durch die staubigen Scheiben direkt ins Herz und zaubern ein Lächeln auf jedes Gesicht. Friedel würde sich nicht wun­dern, wenn jetzt einer aufstehen und anfangen würde, zu singen und zu tanzen. Es wäre die natürlichste Sache der Welt. Hat er so etwas schon einmal erlebt, dass die Früh­lingssonne schlagartig alles verändert? Vorhin im Haus hatte er noch diesen dicken Kloß im Magen, diese seltsame Angst. Wie wird es werden auf der neuen Schule in Froh­nau, die in zwei Tagen anfängt? Mutter Anna hatte ihm geraten: „Fahr doch mal hin und schau dir alles ganz genau an, du hast doch schon eine Monatskarte für den Bus!“ Er hat kurz überlegt und ist dann losgelaufen zur Bushaltestelle. Der Zwölfer kommt alle zehn Minuten, er braucht nicht lange zu warten.

     An der Schule steigt er aus, auch dort kitzelt ihn die warme Sonne. Er läuft über den leeren Schulhof, der viel kleiner ist als der Hof seiner Grundschule, aber auch viel schöner, mit großen Laubbäumen und kleinen, lauschigen Ecken. Auch das alte Schulgebäude ist klein und sieht irgendwie gemütlich aus, findet Friedel. Trotzdem komisch, so ein Schulhof ohne Menschen. Was für Kinder hier wohl herumlaufen werden am Montag? Er läuft zum Ludolfinger Platz, vorhin beim Vorbeifahren hat er gese­hen, dass dort eine Currywurstbude steht. In der Tasche klimpern ein paar Groschen, zu Ostern hat er Taschengeld bekommen. Für sechs Groschen bekommt er die leckerste Curry-Bulette, die er in seinem Leben gegessen hat. Hat er schon mal eine gegessen? Currywurst ja, schon oft. Aber Curry-Bulette? Mutter Anna liebt Currywurst. Wenn er mit ihr einkaufen geht, kriegt er manchmal eine spendiert. Aber er findet, Curry-Bulette schmeckt mindes­tens genauso lecker. Und das Beste: Sie kostet zwei Gro­schen weniger als die Wurst! Da hat er noch was gespart!

     Friedel hat selten Geld in der Hosentasche. Manchmal nur einen Groschen für eine saure Fassgurke in der Wed­dinger Markthalle. Der nette Currywurstmann fragt ihn nach seinem Namen und verrät ihm, dass er Manuel heißt. Manuel freut sich, dass es ihm so gut schmeckt und gibt ihm noch eine Extraportion Currysoße mit Brot dazu. Frie­del erzählt ihm, dass er in Zukunft bestimmt öfter vorbei­kommen wird, weil er jetzt in Frohnau zur Schule geht. Er sieht, dass der Zwölfer in den Kreisverkehr einbiegt, verab­schiedet sich schnell von seinem ersten Freund in Frohnau und rennt zur Haltestelle, wo er gerade noch auf den an­fahrenden Bus aufspringen kann. Er steigt direkt die Treppe hinauf nach oben und sieht, dass sein Lieblings­platz noch frei ist: ganz vorne, über dem Fahrer. Dort hat er alles im Blick und fühlt sich wie der Kopilot, manchmal bremst er sogar mit. Heute ist ein besonderer Tag, alles läuft wie am Schnürchen! Er freut sich schon richtig auf Montag, wenn die Schule losgeht und er jeden Tag mit dem Zwölfer fahren kann!

     Das darf er natürlich nicht laut sagen, dass er sich auf die Schule freut. Er kommt schließlich in die fünfte Klasse und findet Schule an sich lästig, manchmal auch doof. Am Anfang in der Grundschule war das anders, klar. Er ver­ehrte Fräulein Herrmann, seine Klassenlehrerin und ver­teidigte sie gegen alle ungerechtfertigten Angriffe seines Freundes Thomas. Was Fräulein Herrmann sagte, war Gesetz. Aber leider musste sie ja nach Argentinien ziehen, um dort diesen blöden Rinderfarmer zu heiraten. Die gan­ze Klasse war geschockt. Das konnte doch nicht gut gehen! Und es ging nicht gut: Ein paar Monate später war sie tot. Friedel hasste Fräulein Herrmanns Nachfolgerin von ganzem Herzen, spätestens ab diesem Zeitpunkt machte ihm Schule keinen Spaß mehr. Sein Freund Norbert war auch weg, Maria, in die er ein wenig verliebt war, sollte auf eine katholische Mädchen­schule gehen. Das trug dazu bei, dass ihm der Abschied von der Schule am Schäfersee nicht ganz so schwer fiel. Nur schade, dass sein Freund Thomas nicht mit durfte, den könnte er hier gut an seiner Seite gebrauchen.

     In den nächsten beiden Tagen muss er immer wieder darüber nachdenken, ob er sich freut oder ob er Angst hat vor der neuen Schule. Es ist eine Mischung aus beidem. Je näher der Montag heran rückt, desto größer die Herz­klopfen. Was, wenn er in der Klasse keinen Anschluss findet? Wenn alle sich schon kennen, nur er kennt keinen? Wenn die Lehrer doof sind und ihn nicht leiden können? Wenn es stimmt, was der Vater von Thomas gesagt hat, dass die Frohnauer alles arrogante, verwöhnte Fatzkes sind? Immer wieder holt er den letzten Brief von Fräulein Herrmann aus Argentinien hervor, streicht das dünne, blaue Luftpostpapier glatt und liest, was sie ihm geschrie­ben hat:

Lieber Friedel,

Du wirst an Deiner neuen Schule mit vielen Kindern aus reichen Elternhäusern zusammenkommen. Da heißt es manchmal ver­zichten. Lass dich davon nicht entmutigen, die Gaben, die du mitbringst, sind viel mehr wert als Geld. Bleib so wie du bist, neugierig, freundlich, bescheiden und lass dich nicht verbiegen ...

Die Worte machen ihm ein bisschen Angst, aber sie geben ihm auch ein Gefühl der Stärke. Es ist wie eine Heraus­forderung, ein Kampf – und er hat unsichtbare Mitstreiter an seiner Seite. Fräulein Herrmann kam aus Frohnau, viel­leicht ist sie jetzt sein Schutzengel? Es ist ein Gefühl, ähnlich dem, wenn er wegfährt, und Vater ihm zum Abschied über den Kopf streicht und sagt: „Bleib behütet!“ Er hat nie darüber nachgedacht, aber er fühlt dann beinahe den Schutzengel hinter sich. Und mit Schutzengel kann ihm nichts passieren. Ein neues Abenteuer wartet auf ihn. Frohnau, ich komme!

Am Montag muss er um sieben Uhr aus dem Haus gehen, damit er den Bus um zehn nach sieben an der Aroser Allee erreicht. Das Oberdeck ist voll mit Schulkindern, natürlich ist auch sein Lieblingsplatz schon belegt. Er sucht sich einen Platz weiter hinten und schaut ab und zu verstohlen zur Seite, wer von den anderen Kindern wohl auch bis Frohnau fährt. Schwer zu sagen, es gibt ja bestimmt noch eine Menge anderer Schulen auf der Strecke. Der Bus fährt am Paracelsus-Bad vorbei und am Astra, dem kleinen Kino in der Roedernallee. Dann biegt er ab nach Wittenau, dort steigen tatsächlich viele aus. Sein Spezialplatz wird sogar frei, aber ehe Friedel seine Schultasche gegriffen hat, hat schon ein älterer Schüler den Frontplatz belegt.

     In Wittenau steigen zwei blonde Mädchen in seinem Al­ter zu, eine lange dünne und eine kleine, die spielen doch tatsächlich Pferd! Nicht zu fassen! Eine wiehert die ganze Zeit und die andere gackert blöde. „Das darf nicht wahr sein!“ murmelt Friedel vor sich hin. Sein Nachbar schaut ihn kurz an und flüstert dann: „Die steigen bestimmt an der Hilfsschule aus!“ Aber die Hoffnung bleibt vergeblich, Friedel hat so etwas schon geahnt. Sie fahren mit durch Waidmannslust und Hermsdorf, biegen am „Entenschna­bel“, dort, wo die Bundesstraße 96 durch die Grenze unter­brochen ist, scharf nach links ab auf die Hohefeldstraße. Ja, das Gewieher, Geschnatter und Gegacker hinter ihm wird immer lauter und nervtötender und endet auch nicht, als sie in Frohnau am Zeltinger Platz halten, wo der Bus sich leert. Friedel weiß, es gibt kein Entrinnen. Diese beiden sind auch auf meiner neuen Schule!     Hoffentlich nicht in meiner Klasse! denkt Friedel noch, als er aussteigt. Da stehen sie und gickern. Eigentlich sehen sie ganz süß aus, wenn sie nur nicht so schrecklich albern wären! Friedel will an ihnen vorbeigehen, um die Straße zu über­queren.      „Hallo!“ sagt die größere von beiden und lächelt. Meint sie wirklich ihn? Friedel schaut sich zur Vorsicht um, ob hinter ihm noch jemand geht. Dann lächelt er zurück und sagt ebenfalls: „Hallo!“

     „Bist du auch neu hier?“

     „Ja!“

     „Welche Klasse?“

     „Klasse 5!“

     „Wir auch. Das hier ist Ingrid, das Pferd. Sie ist ein biss­chen durchgedreht heute. Die Aufregung! Ich heiße Uli, wie heißt du?“

     „Friedel!“

     „Echt?“

      „Ja!“

      „Komm, lass uns zusammen reingehen.“

      „Okay!“

So kommt es, dass Friedel hinter Uli, die er erstaunlich nett findet, und Ingrid, dem kleinen Pferd, in die neue Klasse trottet. Es stellt sich heraus, sie sind nicht die einzigen Neuen. Auch die Klassenlehrerin, Frau Will, ist neu und muss die recht kleine Klasse erst einmal kennenlernen, so wie Friedel, Uli und Ingrid. Friedel beschließt spontan, sie zu mögen. Sie ist sehr jung und ziemlich aufgeregt, macht auch hin und wieder Fehler, versucht aber nicht, sie zu ver­bergen. Manchmal sagt sie auch: „Ihr müsst mir jetzt mal helfen!“, das findet Friedel sympathisch. Wenn sie vor Auf­regung rote Flecken im Gesicht hat, leidet Friedel mit ihr.

     Nicht alle in der Klasse sind so verständnisvoll, manche nutzen auch die Situation aus oder machen Scherze auf Kosten der noch unerfahrenen Lehrerin. Friedel findet das gemein, denn eigentlich mögen doch alle Frau Will. Auch seine Banknachbarin Christel mit den dicken, roten Zöpfen und den lustigen Sommersprossen sieht das so und ist sau­er auf die Mitschüler, die die Situation ausnützen. Friedel und sie machen eine Strichliste. Wer sich billige Lacher holt auf Kosten von Frau Will, hat bei ihnen auf ewig ver­schissen. Das sind nicht nur Jungs, auch einige Mädchen machen mit, sind aber nicht so fies wie die Jungen. In den Pausen und vor und nach der Schule sucht Friedel Mit­streiter für die „Seid nett zu Frau Will“-Kampagne. Uli und Ingrid sind dabei. Wen er nicht fragt, das ist Finchen.

Der rote Zwölfer

Friedel fühlt sich überraschend schnell wohl in der neuen Schule und ist erleichtert, dass er viele Mitschüler mag und auch einige nette Lehrer erwischt hat. Die weite Fahrt mor­gens und das frühe Aufstehen machen ihm nicht viel aus, er liebt die morgendliche Fahrt mit dem Zwölfer und kann schon alle Stationen auswendig. Wenn er nachmittags nichts anderes vorhat, fährt er mit seinem Rad immer rund ums Gemeindezentrum und ruft alle Stationen aus. Er kon­trolliert dabei mit seiner neuen Armbanduhr, ob er auch den Fahrplan einhält und überall pünktlich ist. Wenn je­mand ihn dabei beobachtet, ist ihm das peinlich, er tut dann so, als würde er nur irgendetwas vor sich hin brab­beln und müsste mal anhalten, um sich den Schuh zuzu­binden.

     Sogar morgens im Bett zählt er manchmal halblaut die Stationen des Zwölfers auf, nachts auch gern rückwärts von Frohnau bis Reinickendorf. Sein Berufsbild ist klar: Busfahrer auf der Linie Zwölf. Vor einigen Tagen hat er etwas Neues entdeckt: Er war morgens zu spät und ver­passte seinen Bus. Mist! Der nächste Zwölfer würde erst eine Minute vor acht in der Hainbuchenstraße ankommen, wenn er pünktlich war, konnte man mit dem Stunden­klingeln in die Schule flitzen, aber meistens hatte der Bus Verspätung. Die strenge Mathelehrerin findet das gar nicht lustig. Ralf aus Wittenau, dem das mehrmals passierte, wurde beim letzten Mal vor versammelter Mannschaft fer­tiggemacht. Friedel legt es nicht darauf an, vor der Klasse einen Anschiss von der Mathelehrerin zu bekommen. Sie ist es auch, die Finchen zu ihrem Spitznamen verholfen hat, Finchen klingt so niedlich, aber eigentlich ist Josefine alles andere als niedlich.

     Während er von einem Bein auf das andere hüpfte und die Aroser Allee hinauf schaute, sah er plötzlich einen neuen Bus, mit dem er noch nie gefahren war, und der sich mit ziemlich hoher Geschwindigkeit näherte. Die Zwölf vorne war rot und als Ziel stand dort: Zeltinger Platz. Der Bus hielt, Friedel stieg ein. Der Bus war hinten geschlossen und hatte keinen Schaffner, man musste vorne beim Fahrer einsteigen und die Monatskarte zeigen. Der Fahrer fuhr sofort wieder los und brauste die Aroser Allee hinunter, ließ die nächste Haltestelle aus und fuhr direkt bis zum Paracelsusbad durch. Friedel jubelte. In dem Tempo würde er es doch noch pünktlich schaffen, vom Zeltinger Platz konnte er dann schnell hinüber flitzen zur Schule.

     Oben verfolgte er in der zweiten Reihe die Aufholjagd des Schnellbusses: Er hielt nur an den Haltestellen mit der roten Zwölf, die Haltestellen dazwischen ließ er aus, meis­tens eine, manchmal sogar zwei. Auf diese Weise ging es sehr flott voran, der Fahrer fuhr ziemlich sportlich und hatte kaum Zeit, die Haltestellen übers Mikrofon auszu­rufen. Die Schulkinder in der ersten Reihe verfolgten das Rennen gespannt und kommentierten den Fahrstil der Autos, die den roten Zwölfer bei seiner rasanten Fahrt be­hinderten: „Mach die Straße frei, Opi!“ „Wo hat  d e r  denn seinen Führerschein gemacht?“ „Bestimmt bei Wulle (Wool­worth) am Krabbeltisch jekooft!“

     Aber das Beste kam noch: Auf der Berliner Straße in Hermsdorf kam der normale Zwölfer in Sicht, den Friedel verpasst hatte! Der Rote arbeitete sich Stück für Stück heran, in den beiden Kurven am Fließ war er schon direkt hinter ihm, und an der Haltestelle Waldseeweg überholte er ihn dann unter dem frenetischen Jubel und Gejohle der Schüler in den vorderen Reihen. Friedel war völlig außer sich vor Begeisterung. Er würde ab jetzt nur noch mit dem roten Zwölfer fahren! Am Zeltinger Platz hatte er alle Zeit der Welt und konnte in Seelenruhe auf den überholten Bus warten, der ihn, pünktlich wie immer, zur Schule brachte.

     Jetzt braucht Friedel immer erst fünf Minuten später aus dem Haus zu gehen. Er merkt schnell, dass der rote Zwöl­fer nur äußerst selten den anderen Bus einholt, manchmal steht er aber am Zeltinger Platz noch an der Haltestelle, wenn der Rote angesaust kommt, und die Schüler können schnell hinüberflitzen. Aber auch wenn das nicht klappt, ist meistens genügend Zeit, um den Rest zu Fuß zu laufen. Jeder Morgen bekommt dadurch eine sportliche Note. Aber der Rote hat auch einen Nachteil: Das Einsteigen dau­ert hier länger, weil manche Fahrgäste vorne beim Fahrer erst ihren Fahrschein kaufen oder stempeln müssen. Beim „normalen“ Zwölfer sind größere Menschenmengen durch die offene große Tür hin­ten schnell eingestiegen. Manchmal hilft der Schaffner nach und schiebt noch ein bisschen.

     Friedel erlebt einmal sogar, dass der Weiße den Roten an einer Haltestelle wieder überholt, weil dort noch nicht alle eingestiegen sind. Das ist natürlich eine Riesenent­täuschung, eine Schmach. Die hämischen Blicke der Schü­ler im anderen Bus sagen: Ätschebätsche, da seht ihr mal, wir sind doch schneller! Egal, auch Niederlagen muss man weg­stecken können. Friedels absoluter Lieblingsbusfahrer trägt immer eine schwarze Lederkappe und unterhält den ganzen Bus mit seinen lustigen Ansagen übers Mikrofon. Der Oma, die gerade noch den Bus erreicht, ruft er zu: „Imma mitte Ruhe, junge Frau, komm' se rin, könn' se rauskieken!“ An der Endhaltestelle Zeltinger Platz sagt er an: „Zeltplatz, Schlafsäcke nich vajessen, sonst jehts zurück im Wedding!“ Einmal erwischt Friedel ihn bei der Rück­fahrt und fährt extra noch weiter bis zum Leopoldplatz, um seine besten Ansagen nicht zu verpassen. An der Em­menthaler Straße ruft er: „Schweizer-Käse-Straße, bitte die Fenster schließen!“, an der Barfußstraße: „Ohne-Socken-Straße, wer Schweißfüße hat, bitte hier aussteigen!“

     Der Rote ist Friedels Favorit, aber auch der andere Zwölfer hat seine Vorteile. Das Beste an den alten Bussen ist, dass man sich hinten aus der Tür raushängen kann, wenn der Schaff­ner gerade nicht aufpasst oder beschäftigt ist. Das ist natürlich streng verboten, aber gerade darum so beliebt, genau wie das Abspringen, bevor der Bus richtig gehalten hat. „Trauste dich, hier abzuspringen? Nee? Lass mir ma vor, ick mach dett!“ Die Schaffner schimpfen zwar, aber verhindern können sie es nur, wenn sie sich breitbeinig vor die Tür stellen. Meistens geht der Absprung gut. Ab und zu gibt es ein aufgeschürftes Knie oder einen zielsicheren Sprung in einen der tausend Hundehaufen von Berlin.

     Ralf aus Wittenau hat es neulich geschafft, mitten in ein Wahlplakat zu springen. Vielleicht braucht er eine Brille, oder er hat sich beim Absprung enorm verschätzt. Der SPD-Bürgermeisterkandidat Klaus Schütz, der auf den Plakaten eine richtig fette Hornbrille trägt und ein, wie Friedel findet, ziemlich dämliches Grinsen im Gesicht hat, kriegte unfreiwillig Besuch: Ralf steckte mit seinem Fuß mitten im Gesicht von Klaus Schütz fest und musste von seinen jubelnden Mitschülern befreit werden. Der Schaff­ner schrie ihm hinterher: „Dett jeschieht dir Recht, bei mir fährste nich mehr mit, Freundchen!“

Kuchenkrümel

Eines Tages in den Herbstferien trifft Friedel beim Ein­kaufen im Supermarkt an der Gotthardstraße Thomas. Thomas kommt strahlend auf ihn zu und sagt: „Hallo Friedel! Es gibt Neuigkeiten! Meine Eltern erlauben mir, dass ich auch nach Frohnau auf die Schule darf!“

     „Das ist ja super! Wie hast du das geschafft?“

     „Ick hab so lange rumjenölt, und außerdem war die Klassenfahrt so schrecklich, und überhaupt, ob se denn nicht wollten, dass ihr Sohn auf eine gute Schule jeht und immer so weiter.“

     „Und dann haben sie's eingesehen?“

     „Als mein großer Bruder ihnen och noch in't Jewissen jeredet hat, und meene Tante aus Monaco jesacht hat, sie würde jerne det Schuljeld bezahlen, damit aus dem Jungen wat Vernünftijet wird, da sind se schließlich schwach jeworden!“

     „Na Glückwunsch, mein Lieber! Da können wir ja nächsten Montag direkt zusammen los zum Bus! Ich zeig dir alles, was du wissen musst.“

     „Super. Ick hol dich ab. Sieben Uhr?“

     „Zu früh! Ick nehme immer den roten Zwölfer. Zehn nach sieben reicht!“

     „Okay, aber sei fertig, ick hab keene Lust zum Bus zu rennen.“

     Friedel guckt seinen alten Kumpel grinsend an: „Wie kommste denn auf sowas?“

     „Na ick meene ja bloß, falls de noch so bist wie früher, wo de immer Zahnpasta am Mund hattest, wenn ick je­klingelt hab!“

Am ersten Schultag nach den Herbstferien steht Thomas vor Friedels Haustür, frisch gestriegelt und geschniegelt, so wie immer. Friedel ist natürlich noch nicht ganz fertig, muss noch eben die Treppe rauf flitzen, um die Schultasche zu holen, ach ja, die Zeugnismappe, wo ist die eigentlich, heute müssen ja die Unterschriften gezeigt werden.

     „Mutti, weißt du, wo meine Zeugnisse sind?“

     „Im Wohnzimmer, auf dem Radio! Und vergiss nicht deine Stullen, die liegen im Flur!“

     Also noch schnell runter ins Wohnzimmer, Zeug­nisse eingesteckt, beim Raufrennen über die offenen Schnürsenkel gestolpert, auf die Treppe gesetzt, Schuhe zugebunden, Stullen eingepackt, Jacke übergeworfen.

     „Tschöhö!"

     „Tschüß, Friedel, guten Start! Und vergiss nicht, deine Jacke zuzumachen, es ist kalt heute!"

     „Jaha!“ Rumms, die Haustür ist zu. Thomas grinst:

     „Holla, det jing ja richtig flott heute! Du bist schneller jeworden, würd ick sagen!“ 

     Er haut ihm auf die Schulter: „Na denn wolln wa ma.“      Sie gehen nebeneinander die Gotthardstraße hinunter zur Aroser Allee. Thomas mustert Friedel.

     „Du hast übri­jens Zahnpastaflecken am Mundwinkel!“ 

     „Hab ich extra gemacht, für dich!“

Im roten Zwölfer ist tatsächlich die erste Reihe frei und Thomas lässt sich schnell von Friedels Begeisterung an­stecken. Friedel hat in den vergangenen Tagen öfter da­rüber nachgedacht, ob er sich immer noch so gut mit Thomas verstehen würde wie früher. Er hat schließlich ein halbes Jahr nichts mehr mit ihm zu tun gehabt, dadurch, dass sie in verschiedene Schulen gingen. Friedel hat das Gefühl, er ist in diesem halben Jahr ein anderer geworden, er kann nicht genau sagen wie, aber es fühlt sich gut an. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man sich eine ganz neue Welt aufgebaut hat dort in Frohnau, viele neue Leute kennengelernt hat, und plötzlich kommt da jemand aus dem früheren Leben und passt da vielleicht gar nicht so gut hinein? Wie wird das wohl werden mit Thomas? Ist er für ihn verantwortlich? Nein, er kann ihm Starthilfe geben, aber klarkommen muss er selbst.

     Im Bus fühlt sich alles prima an, altvertraut, auch wenn der weiße Zwölfer heute nicht eingeholt wird, macht es Spaß, da oben mitzulenken und zu kommentieren. In Wittenau steigen Ralf und Uli mit ihrem Pony Ingrid ein, die heute zum Glück nicht wiehert. Friedel winkt ihnen zu und macht sie mit Thomas bekannt. Finchen ist nicht im Roten, die fährt mit dem Weißen. Aber Thomas wird sie später noch sehr gut kennen lernen. Am Zeltinger Platz steigen sie aus und laufen quer über den Platz zur Konditorei Herrmann. Hier stellt Friedel seine neueste Ent­deckung vor. Sie gehen um das Café herum nach hinten zur offenen Tür der Backstube, aus der Dampfwolken herausquellen. Friedel kennt den dicken, rotbackigen Ge­sellen mit der weißen Schürze schon, sagt aber trotzdem seinen Spruch auf: „Haben Sie Kuchenkrümel?“ 

     Der lacht: „Heute zu zweit, wa?“ und verschwindet in der Backstube, um dort die Ränder von den noch warmen Blechkuchen abzuschneiden und in zwei Papiertüten zu füllen. „Hier habta wat zu prepeln, Jungs!“

     Friedel bedankt sich höflich: „Vielen Dank auch, bis morgen!“

     Thomas macht große Augen, als er eine Bäcker­tüte in die Hand gedrückt bekommt und fragt: „Müssen wa nischt bezahlen?“ 

     Friedel lacht: „Nee, die sind umsonst, Kuchenkrümel eben! Einmal probieren, sind noch ganz warm. Und dann müssen wir rennen!“

     Thomas macht: „Mmmh!“ und ist begeistert, zusammen laufen sie über die S-Bahnbrücke zum Kreisverkehr, und biegen dort in die Straße zur Schule ein. Als sie in der Klasse ankommen, klingelt es gerade.

     „Puuh, das war knapp!“ sagt Thomas.

     Ralf winkt ihn zu sich, weil bei ihm am Tisch ein Platz frei ist. Friedel setzt sich neben Christel und hat das Gefühl, als wäre seine Aufgabe, Thomas Starthilfe zu geben, hiermit abgeschlossen. Sie fragt: „Wer ist das denn?“

     Friedel kann nur ganz knapp „Thomas!“ antworten, denn gerade betritt Frau Wendt, die Mathelehrerin, die Klasse.

Alle springen auf. In diesem Augenblick kommt Fin­chen hereingestürmt, knallrot im Gesicht. Alle erwarten den Anschiss des Jahres, aber Frau Wendt sagt nur: „Geh schnell zu deinem Platz, Finchen, damit wir anfangen können. Ach, da sitzt ja schon jemand!“

     Sie schaut Thomas an, der stellt sich vor. „Bleib ruhig da sitzen, Thomas! Finchen, du setzt dich nach hinten an den freien Tisch! Guten Morgen!“ 

     „GU-TEN MOR-GEN FRAU WENDT!“ antwortet die Klasse im Chor. 

     „Setzt euch! Ralf, die Haus­aufgaben!“ 

     Ralf stottert die Lösungen der Hausaufgaben herunter, wird einmal unterbrochen, weil er falsch gerech­net hat. Das dauert ziemlich lange. Christel flüstert: „Tho­mas – kennst du den?“

     „Ja! Mit dem bin ich früher zusam­men zur Grundschule gegangen!“ 

     Komisch, warum sagt er nicht „mein Freund“, er ist doch sein Freund, oder? Christel fragt weiter: „Dein Freund?“ Friedel nickt.

Frau Wendt räuspert sich. Das heißt: Ich habe genau gehört, dass da irgendjemand flüstert! Das hört jetzt sofort auf ‑ oder Gnade Gott dem, der es wagt … Aber Christel lässt sich nicht so schnell einschüchtern. Als Ralf die restlichen Ergebnisse herunter stottert, fragt sie leise: „Fahrt ihr zusammen im Bus?“ 

     Friedel macht: „Mmh mmh!“

     In diesem Augenblick fährt Frau Wendt herum, fixiert Christel mit ihren stech­enden Augen und sagt ganz leise, aber mit diesem speziellen, schneidenden Tonfall: „Christel, steh auf!“ 

     Christel erhebt sich, versucht ein schräges Lächeln, ihr Gesicht leuchtet wie eine reife Tomate: „Ja, bitte?“

     „Wiederhole doch noch einmal das letzte Ergebnis!“

     „Das kann ich leider nicht, ich bin gerade nicht mitge­kommen!“

     „Das ist auch kein Wunder, wenn du dich fortwährend mit deinem Nachbarn unterhältst, während die Ergebnisse verglichen werden!“

     Christels Gesicht ist jetzt so rot, dass man den Eindruck hat, sie beleuchtet den Klassenraum. 

     Friedel meldet sich.

     „Ja bitte?“

     „Frau Wendt, Entschuldigung bitte, ich bin schuld, ich habe geflüstert! Lassen Sie mich bitte stehen!“

     Ein Raunen geht durch die Klasse. Ralf grinst, Thomas weiß gar nicht, was hier los ist und schaut völlig verwirrt, Uli streckt den Daumen in die Luft, als wollte sie Friedel zeigen: Respekt! Hätte ich dir gar nicht zugetraut! Ein paar Mädchen kichern und flüstern sich zu: „Der Friedel ist in die Christel verliebt!“

     Frau Wendt steht wie angewurzelt in der Klasse. Die Situation droht ihrer Kontrolle zu ent­gleiten. Sie räuspert sich noch einmal, um die Aufmerk­samkeit wieder auf sich zu ziehen und sagt dann: „Da habt ihr wohl beide geflüstert da hinten. Das hört jetzt sofort auf, habt ihr mich verstanden?“ 

     Christel und Friedel nicken eifrig. 

     „Christel, setz dich wieder hin!“

Puh, das ging gerade noch einmal gut! Christel sagt jetzt gar nichts mehr, guckt aber Friedel so an, dass der von ihrer Infrarot-Strahlung angesteckt wird. Er hat das Gefühl, die ganze Klasse beobachtet sie beide aus den Augen­winkeln. Das ist ihm unangenehm. Er vertieft sich völlig in sein Mathebuch und versucht, sich ganz auf die Aufgaben zu konzentrieren und nicht mehr hoch zu gucken. In der Pause will er in Ruhe seine Kuchenkrümel genießen, wird aber sofort umringt von gackernden Mädchen, die ihn fragen, wie lange das denn schon geht mit ihm und Christel, sie hätten ja gar nichts geahnt davon. Christel hat sich in die hinterste Ecke des Schulhofs verkrochen, um diesem dummen Geschwätz zu entgehen. Uli schiebt die Mädchen weg und sagt: „Fand ich gut von dir, Friedel!“

     Daraufhin gibt es neue Kommentare aus der zweiten Reihe: „Oh, da hat er gleich zwei Freundinnen, na, wenn das mal gut geht!“

     Friedel sagt: „Ihr seid doch bescheuert! Das hat doch nix mit verliebt zu tun! Das ist doch ganz normal, dass man die Klappe aufmacht, um zu sagen, was Sache ist, ihr blöden Gänse!“

     Die blöden Gänse tun entrüstet und haben schnell etwas anderes gefunden: „Guckt mal, er wird ganz rot! Fast so rot wie die arme Christel vorhin, als er ihr die Liebeserklärung gemacht hat!“

     Friedel wird jetzt wirklich puterrot. Wie kommt er hier bloß wieder raus? Wo ist ei­gentlich Thomas? Da plötzlich kommt Bewegung in die ganze Schulhofmeute. Das kann nur bedeuten: Irgendwo ist gerade eine Klopperei im Gange und alle rennen hin, um zuzugucken.

Friedel kann gar nichts sehen, so dicht ist der Ring von johlenden und schreienden Schülern in der Ecke des Schul­hofs. Ein Sechstklässler informiert ihn: „Der Neue kloppt sich mit 'nem Mädchen! Dett muss ja 'ne Pfeife sein!“

     Frie­del schwant Schlimmes. Frau Will, die Aufsicht hat, bahnt sich einen Weg durch die Zuschauer. Kurze Zeit später kommt sie mit Thomas und Finchen wieder heraus, die sie fast vor sich herschiebt. Beide sehen dreckig aus, haben Laubreste an der Kleidung und Erde im Gesicht, Thomas hat seine Brille in der Hand und stolpert halb blind über den Schulhof. Finchen schaut triumphierend in die Runde und bekommt vereinzelt Beifall für ihren Abgang. Friedel versucht ihnen zu folgen, wird aber von der Aufsicht an der Tür gestoppt: „Der muss sich jetzt erst einmal waschen und sortieren, lass ihn mal.“

Nach der Pause sitzt Finchen wieder vorne neben Ralf, sieht arg ramponiert aus, ist aber anscheinend bester Din­ge. Thomas bleibt verschwunden. Frau Will informiert sie, dass Thomas abgeholt wurde, weil er ohne Brille nichts mehr sehen könne. Sie spricht mit ihnen über den Vorfall und versucht herauszubekommen, was denn eigentlich passiert ist. Friedel merkt schnell, dass die Darstellung sehr einseitig wird. Finchen stellt sich als unschuldiges Opfer dar, das von Thomas angegriffen wurde und wird von ei­nigen Mitschülern dabei unterstützt, die die Stimmung anheizen mit Sprüchen wie: „Man schlägt doch keine Mäd­chen!“ und „Gerade erst neu in der Klasse und schon die erste Schlägerei!“ Als Frau Will fragt, wer denn nun dabei gewesen ist, als der Streit angefangen hat, stellt sich heraus, dass alle erst später dazu gekommen sind, als Finchen und Thomas sich schon im Herbstlaub wälzten.

     Friedel meldet sich und sagt: „Ich kenne Thomas sehr gut, ich bin vier Jahre mit ihm zur Grundschule gegangen. Er hat sich schon mal gekloppt, eher selten, aber nie mit einem Mädchen. Das passt überhaupt nicht zu ihm. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einfach so auf ein Mäd­chen losgegangen ist.“

     Frau Will guckt herüber zu Finchen und fragt sie: „Hast du den Streit angefangen, Finchen? Was hast du zu ihm gesagt? Überleg bitte noch mal gut!“

     Finchen fühlt sich in die Enge getrieben und sagt gar nichts mehr. Frau Will hakt nach: „Frau Wendt erzählte mir, du seist heute Morgen zu spät gekommen, und der Neue hätte auf deinem Platz gesessen. War das der Grund, worüber ihr gestritten habt?“

     Finchen presst trotzig die Lippen auf­einander und schüttelt vehement den Kopf. Aber man kann spüren, dass die Klassenlehrerin der Wahrheit auf der Spur ist. Das Thema wird erst einmal vertagt, Frau Will möchte zunächst hören, wie Thomas den Vorfall schildert.

Auf dem Weg vom Bus nach Hause geht Friedel bei Thomas vorbei und klingelt. Die Mutter öffnet und möchte von ihm wissen, was denn da eigentlich passiert sei, aber Friedel hat ja nichts gesehen. Thomas sieht ganz verändert aus ohne Brille, er hat ein paar Schrammen an der Nase. Friedel erzählt ihm lieber nichts von dem Gespräch in der Klasse, damit er sich nicht aufregt.

      „Was ist denn eigentlich los gewesen auf dem Schulhof? Erzähl doch mal!“

      „Also ick stehe da und futter gemütlich meine Kuchen­krümel aus der Tüte, da kommt diese Irre wie eine Furie auf mich zujeschossen und ballert mir ohne Vorwarnung direkt eine ins Jesicht, dat mir die Brille in den Dreck fliegt!“

       „Ihr habt nicht gestritten?“

       „Na jetze natürlich! Ick sage: Bist du bescheuert oder sowat? und suche meine Brille im Laub, finde se aber nich. Sie sagt: Was sagst du zu mir, du Spast? und tritt mir in den Hintern, dass ich beinahe hinfliege. Jetzt wird et mir zu bunt und ick nehme sie in' Schwitzkasten und sag, sie soll aufhören mit dem Scheiß, sonst würde ick ihr eene ver­passen, aber richtich. Sie sagt: Trauste dir ja sowieso nich, 'n Meechen zu schlagen! Und ich sage: Und ob ick mir det traue, wenn de's nich anders willst und schon liegen wir im Laub und wälzen uns hin und her und ick denke noch: Is janz schön stark, die Braut! Na und dabei müssen wir irgendwie die Brille kaputt jemacht haben, am Schluss hab ick se jefunden, in zwei Hälften, als Frau Will kam. “

        „Und du weißt wirklich nicht, warum die auf dich losgegangen ist?“

        „Keene Ahnung. Ick kenn die doch überhaupt nich! Die hatte 'nen schlechten Tag oder sowat. Oder is die immer so?“

        „Nee, sie schlägt schon mal zu, aber so hab ich sie jedenfalls noch nicht erlebt. Kommst du denn morgen wieder?“

        „Na meenste, ick loofe jetze wieder zur alten Schule und sage: Bitte nehmt mich wieder zurück, die wollen mich da nich?“

        „Nee, ich meine wegen der Brille!“

Fasching

In den nächsten Wochen beruhigt sich die Lage wieder in der Klasse. Thomas hatte leider einen sehr unglücklichen Start erwischt. Obwohl die Sache auf dem Schulhof aufge­klärt wurde, eilt ihm der Ruf des Schlägers voraus, der sich sogar mit Mädchen prügelt. Und Finchen stichelt, wo sie nur kann, und rächt sich dafür, dass er ihre Version der Geschichte als unschuldiges Opfer kaputt gemacht hat. Thomas kontert, sie sei ja bloß so sauer, weil die Schoko­ladenfabrik ihres Vaters im Wedding gerade pleite machen würde. Damit kann er sie richtig hochbringen. Aber es bleibt jetzt bei Streitereien mit Worten. Friedel findet es blöd, dass der Streit immer wieder losgeht. Er hasst Streit, er unterstützt natürlich seinen Freund, aber er findet Fin­chen gar nicht so doof wie Thomas. Neulich hat er sich im Bus sogar mit ihr unterhalten. Als Thomas nicht dabei war, natürlich.

     Im Laufe der nächsten Wochen und Monate entwickelt es sich so, dass Friedel und Thomas zwar nach wie vor ge­meinsam zur Schule und nach Hause fahren, aber in der Schule hat jeder seine eigenen Kumpel und bevorzugten Gesprächspartner. Friedel freundet sich mit Titus und Jo­hannes an, die in der Klasse öfter den Ton angeben, und unterhält sich sehr gerne mit Christel und Uli. Thomas fin­det Uli total nervig. Sie kann ziemlich aufdrehen und laut sein, okay ‑ aber eigentlich ist sie prima, findet Friedel. Überhaupt hat Thomas nach seinem Schockerlebnis mit Finchen mit Mädchen überhaupt nichts mehr im Sinn, er findet sie alle blöd.

     „Als wat jehste denn zur Faschingsparty, Friedel?“

     „Als Mädchen!“

     „Du spinnst! Sag ma ehrlich, jetze!“

     „Glaubste nicht? Warte mal ab!“

     „Also ick werde wieder Ritter! Die Klamotten passen mir noch von letztet Jahr!“

     „Na denn, viel Spaß!“

Seit Tagen schon hängt Friedel dauernd im Zimmer seiner großen Schwester Bea. Sie hat eine tolle grüne Perücke von einer Schulaufführung, Friedel hat sie aufprobiert, und bei­de haben beschlossen, dass Friedel dieses Jahr unbedingt Nixe werden muss. Seitdem schneidert sie an seinem Nixenkostüm, vernäht bunte Fische, testet an ihrem klei­nen Bruder verschiedene Make-ups aus, übt mit ihm, wie man mit Frauenschuhen laufen muss und wie man sich bewegt als Dame. Friedel hat keinem bisher etwas verraten, auch die Eltern wissen nicht, was er vorhat. Am Faschingsdienstag dann wird er in stundenlanger Fein­arbeit perfekt zurechtgemacht und stolziert als Nixe im grünen Hängerchen und weißer Strumpfhose zur Bushalte­stelle, wo schon Thomas, der Ritter, wartet. Der kapiert erst überhaupt nicht, wer sich da zu ihm stellt. Erst als Friedel zu ihm mit tiefer Stimme sagt: „Na Süßer, wie wär's denn mit uns beiden?“, fällt endlich der Groschen.

     „Det jibt et doch wohl nich! Friedel! Det is ja wohl der absolute Hammer! Ick habe jedacht, wat kommt da denn für 'ne scharfe Braut!“

     „Ick dachte, du interessierst dich gar nicht mehr für uns Mädels!“

     Im Bus erkennt ihn keiner. Er findet die Vorstellung reiz­voll, unerkannt zu sein und geht in seiner Mädchen­rolle ganz auf. Eigentlich ist er ja ein bisschen schüchtern und kein Show-Mensch, aber in dieser Verkleidung fällt es ihm leicht, jemand anderes zu sein. Ein älterer Junge pfeift ihm sogar hinterher, als er an der Schule aussteigt. Im geschmückten Klassenraum, in dem die Party steigt, gibt es ein Riesenhallo, als dort die fremde Nixe auftaucht. Alle rätseln, wer das ist, selbst Frau Will erkennt ihn nicht so­fort. Sie überlegen angestrengt, welches Mädchen sich da als Nixe verkleidet hat. Da plötzlich stürzt Uli auf ihn zu, auch sehr schick, mit goldener Perücke, und schreit: „FRIE­DEL!“ Jetzt fällt es allen wie Schuppen von den Augen, sie drängen sich um ihn herum, zupfen hier und da, schauen ihm ins Gesicht, ob er's wirklich ist, lachen. Die Mädchen weichen gar nicht mehr von seiner Seite, finden ihn süß, wollen wissen, wer ihn denn so toll geschminkt und zu­recht gemacht hat. Friedel genießt es, einmal so im Mittel­punkt zu stehen.

     Die Jungs sind erst etwas verunsichert, dass sich ein Junge nicht als Cowboy, Mexikaner oder Pirat verkleidet, und fragen ihn, wie er sich denn als Mädchen fühle. Sie finden beeindruckend, dass er sich so etwas traut, bei eini­gen schwingt auch etwas Neid mit, denn er stiehlt natür­lich den Cowboys, Mexikanern und Piraten die Show. Darüber ist besonders Johannes irritiert, der sich wirklich stark zurechtgemacht hat, als Hippie, mit langer Zottel­mähne und Pfeife im Mund. Plötzlich fühlt er sich etwas an den Rand gedrängt.

     Während der ganzen Party, ob beim Essen, bei den Ge­sellschaftsspielen oder beim Tanzen, befindet sich Friedel immer in der Mitte eines Pulks, bis Uli schließlich die an­deren beiseiteschiebt und sagt: „Die Friedoline ist heute meine! Wir beiden sind nämlich Schwestern! Das sieht man an unseren Perücken!“ Dann schleppt sie Friedel auf die Tanzfläche und tanzt mit ihm. Wild und ausgelassen. Ab und zu kommt Hippie Johannes und will die schöne Nixe oder wahlweise auch die schöne Uli entführen, aber Uli lässt die Nixe nicht weg. Auch beim Apfelsinentanz und Schokoladenessen mit Handschuhen, Messer und Gabel sind die beiden unzertrennlich. Am Abend kehrt Friedel mit verwischtem Make-up, verwuschelter Perücke und arg strapazierter Strumpfhose vollkommen erschöpft, aber glücklich nach Hause zurück.

Friedel hat seit der Faschingsfete so ein Kribbeln im Bauch, wenn Uli ihn anspricht. So ähnlich scheint es Johannes und Titus schon länger zu gehen, sie haben auch entdeckt, dass Uli gar nicht so schlecht aussieht mit ihrer langen, blonden Mähne, ein bisschen dünn vielleicht, aber dafür ziemlich keck und überhaupt nicht schüchtern. Johannes ist der erste in der Klasse, der schon lange Haare tragen darf, er ist immer für einen flotten Spruch zu haben und gibt manch­mal ganz schön an. Jedenfalls, wenn er im Rampenlicht steht. Privat ist er eigentlich ein netter Kerl, Friedel war ein paar Mal bei ihm zu Hause, da haben sie Musik gehört und Tonbänder aufgenommen. Wenn Friedel ihn auf Uli an­spricht, wiegelt er immer ab: „Uli? Da läuft gar nix! Die ist mir viel zu dünn. Haste mal die Mädels in der siebten Klasse gesehen? Das sind Bräute, sag ich dir!“