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»Es war von Beginn an etwas da zwischen uns, und dazu noch unsere Vornamen, Maria und Marius.« Während einer Reise in der Toskana bemerkt Marius, dass Maria sich ihm zunehmend entfremdet. Sie sind aus dem Urlaub zurück, da geschieht etwas, das ihre Beziehung für immer verändern wird. Ein Roman über die Liebe und ihr Scheitern, Eifersucht und Trauer sowie Momente des Glücks.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Table of Contents
Titel
Impressum
1. Ferien
2. Nicki
3. Absinth
4. Nachwehen
Michael Kleinherne
Absinth
Roman
Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Originalausgabe August 2022
Kulturmaschinen Verlag
Ein Imprint der Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Freiburg
www.kulturmaschinen.com
Die Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt) gehört allein dem Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V.
Der Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V. gehört den AutorInnen.
Und dieses Buch gehört der Phantasie, dem Wissen und der Literatur.
Lektorat: Sven j. Olsson, Bettina von Minnigerode, Thomas Wensing
Umschlaggestaltung: Sven j. Olsson
Satz: Andrea Deines
Eingestellt bei BoD
978-3-96763-226-2(kart.)
978-3-96763-227-9(geb.)
978-3-96763-228-6(.epub)
1. Ferien
Du gehst durch den Sand, die Wellen rollen langsam, aber gleichmäßig auf den Strand, es ist fast dunkel, doch die schaumige, sich brechende Wasserkrone ist gut auszumachen. Jetzt drehst du dich zu mir, für einen Moment, als wolltest du sagen: Komm doch zu mir, worauf wartest du? Und schon stehe ich auf, wate durch den feuchten Sand zu dir, deine große, schlanke Gestalt im Blick. Du lachst und wirfst dich gegen mich, so dass ich dich mit beiden Armen umfasse und halte, gemeinsam stehen wir an gegen die Kräfte des Meeres, die uns in seine Finsternis ziehen würden, ließen wir es nur zu.
Lass uns ein wenig gehen, sagst du, und gern stimme ich dir zu.
Du rufst die Hündin, die mir nachgelaufen ist, und zu dritt schlendern wir den abendlich leeren Strand entlang.
Später, im Zimmer unserer kleinen Ferienwohnung, betrachte ich deine feuchte Badekleidung, die du hastig über die Stuhllehne geworfen hast, bevor du ins Bad geschlüpft bist. Jessy liegt unter dem Bett, was auch daheim ihr liebster Rückzugsort ist. Ich setze mich an den Tisch und öffne den Wein, den wir heute Morgen im Dorf besorgt haben. Ein Chianti, den magst du am liebsten, aber nur in veganer Version, das hast du mir schon erzählt, als wir das erste Mal zusammen ausgegangen sind. Damals, im Sommer vor fünf Jahren.
Wir werden uns heute betrinken, so wie wir uns damals betrunken haben. Da war es die Aufregung, heute sind wir entspannt, es ist die zweite Urlaubswoche, aber ich bin ein wenig ratlos. Du verhältst dich anders als sonst. Es ist kaum zu spüren, aber etwas schiebt sich zwischen uns, wie ein Nebel, der anfangs kaum merklich den Wäldern entsteigt. Mal ist es ein Naserümpfen deinerseits, mal ein ungeduldiger Blick. Auch der Ton deiner so warmen Stimme verrutscht ab und an ins Gereizte, und ich weiß nicht, was der Anlass ist.
So war es heute Morgen im Laden. Ich stand vor dem Regal mit dem Wein und versuchte zu lesen, was dort in italienischer Sprache auf den Etiketten stand. Ist der vegan oder nicht? Da kamst du von hinten, nahmst eine Flasche aus dem Regal und warfst mir gleichzeitig einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich zog die Schultern hoch, fragte, was denn los sei.
Du brauchst immer ewig, sagtest du.
Ich widersprach, doch du antwortetest nicht, gingst schnurstracks zur Kasse und bezahltest den Chianti. Als ich dich draußen nochmal darauf ansprach, nahmst du mir die Hundeleine aus der Hand und gingst weiter, ohne ein Wort zu verlieren. Ich gab es auf, nachzufragen, und folgte dir und der Hündin, zuerst ein wenig verdrossen, doch dann dachte ich mir: es ist Urlaub, und ich sollte nicht jedes Wort oder jede Geste von dir auf die Goldwaage legen.
Zusammen schlafen, ja, das tun wir recht häufig und gerne. Überhaupt sind wir, was das Thema Sex angeht, von Beginn an auf einer Wellenlänge. Und das ist immer noch so. Zwar hat auch hier die Zeit ihre Spuren hinterlassen, doch es macht uns immer noch Spaß, wenn es auch nicht mehr so oft stattfindet wie in den ersten Jahren. Aber hier im Urlaub, im stickig heißen Süden, sind wir abends meist zu erschöpft, und selbst am Morgen – da schlafen wir sonst gerne miteinander –, sind wir, nach wenigen Stunden verschwitzten Herumwälzens zwischen zu warmen Laken, nicht bereit dafür.
Jetzt bist du zurück aus dem Bad, wir sprechen nicht, sondern nippen bloß an unserem Chianti. Du weichst meinem Blick aus, aber vielleicht bin ich nur überreizt. Es war ein anstrengendes Jahr und wir fuhren hierher, um einmal alles hinter zu uns zu lassen, den Ärger und Stress, der sich vor allem beruflich bei uns beiden aufgestaut hatte. Bei dir im Übersetzer-Büro, bei mir in der Volkshochschule. Unangenehme Vorgesetzte, unkonzentrierte Kursteilnehmer und schwierige Kollegen. Doch wir widerstanden all dem, zusammen, so dachte ich, bis ich hier langsam zur Ruhe kam und bemerkte, dass du nicht mehr bei mir bist.
Willst du etwas Wein?, fragst du, und bevor ich antworten kann, gießt du mir ein.
Wieder diese Ungeduld, die vorher nicht da war, oder habe ich sie im alltäglichen Zusammensein nur nicht bemerkt?
Was ist los?, frage ich, doch du sagst nur: Ich bin müde, Marius.
Und du trinkst dein Glas in einem Schluck leer.
Ich höre noch etwas Musik, kümmerst du dich nachher ums Abendessen?, sagst du und legst dich aufs Bett, um gleich darauf unter deinen riesigen Kopfhörern zu verschwinden.
Ich sehe dir eine Weile zu, bis ich nach meiner Urlaubslektüre greife und versuche, in den Text einzutauchen. Merkwürdigerweise habe ich Murakamis Aufziehvogel mitgenommen, die Geschichte einer Trennung. In dem Roman zeigen sich die Risse zwischen beiden Partnern Schritt für Schritt, bei uns beiden kommt es mir vor, als fiele mir ein Schleier vom Gesicht, der die Risse zwischen uns bisher verborgen hat, und nun scheint es bereits eine Kluft zu sein. Du liegst da auf dem Rücken, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, und hörst System of a Down oder ähnlichen Lärm, mit geschlossenen Augen, und ich vernehme nur das rhythmische, aus den Kopfhörern herausdrängende Hämmern des Nu Metal.
Vor fünf Jahren, in unserem ersten gemeinsamen Urlaub, fuhren wir, frisch verliebt, nach Kroatien. Du hattest eine Stabheuschrecke mitgenommen. Felix, so nanntest du das Rieseninsekt, passte in eine kleine Transportkiste, etwa in Größe einer Zigarrenschachtel, und wir schmuggelten ihn darin über verschiedene Landesgrenzen. Felix war nur einer aus deiner großen Sammlung Wirbelloser, etwa menschenhandgroßer Insekten, manche sprechen von Ungeziefer, aber das wird den faszinierenden Tieren nicht gerecht, die daheim in deinem Arbeitszimmer in großen, selbst gebauten Terrarien gut getarnt auf Ästen saßen und sich nur selten bewegten. Felix aber war schon sehr alt, für ein Stabheuschreckenleben, und bewegte sich so gut wie gar nicht mehr. Und da er dir, warum auch immer, besonders ans Herz gewachsen war, nahmst du ihn kurzerhand mit.
Er wird bald sterben, erklärtest du mir und da wolltest du dabei sein.
Also fuhr er mit an die kroatische Adriaküste, in einen kleinen Ferienort am Meer, und tatsächlich, eines Tages war alles Leben aus ihm gewichen, und du packtest die kleine blaue Plastikschaufel aus deiner Reisetasche und wir begruben ihn im Schutze der milden dalmatischen Nacht auf einer Wiese hinter unserer Pension. Der Sommer damals in Kroatien war knochentrocken und saunaheiß. Sogar nachts lagen die Temperaturen selten unter 30 Grad. Wir schliefen draußen auf dem Balkon, da es drinnen unerträglich war und wir kein Auge zubekommen hätten. Felix schien die Hitze, abgesehen von seinem unausweichlichen Ableben, nicht viel auszumachen.
Sie kommen ursprünglich aus Madagaskar, meintest du nur, was seine Hitzetoleranz erklären mochte.
Nicht so hitzetolerant war unser kroatischer Wirt, der Besitzer der Pension. Er sei früher Tennisprofi gewesen, erzählte er uns beim Einchecken und lud uns zu einem Willkommensschluck auf seiner Terrasse ein. Er war Mitte 60, braungebrannt und sprach recht gutes Deutsch. Ausführlich erzählte er von seinen früheren Gegnern, während er drei Schnapsstumpen auf den Tisch stellte und diese bis zum Rand mit Slivovitz füllte. Wir nickten höflich, obwohl uns kein Name, den er nannte, geläufig war. Der Schnaps aber wirkte gleich, bei 35 Grad im Schatten. Er schenkte eifrig nach, sprach immer schneller, je mehr er trank. Dafür wurde sein Deutsch in gleichem Maße unverständlicher. Du hieltest mit, was das Trinken betraf, während ich das Glas jedes Mal in die Topfpflanze neben mir goss, nachdem er nachgeschenkt hatte. Seine Nase glänzte immer röter, und auch sein restliches Gesicht verfärbte sich. Unaufhörlich liefen ihm die Schweißtropfen die Wangen hinab. Irgendwann gelang es mir, uns loszueisen, und ich hielt dich auf der Treppe fest, denn du wanktest sehr. Im Zimmer angekommen, fielst du gleich auf das Bett, während die Hündin uns freudig begrüßte. Sie hatte die ganze Zeit im Zimmer auf uns gewartet. Nachdem ich unser restliches Gepäck aus dem Auto hinaufgetragen hatte und aus dem Bad kam, hörte ich dich schnarchen. Du lagst auf dem Rücken und schliefst tief und fest, bis zum Abend. Als du Stunden später aufwachtest, war dir schlecht.
Nach einer unruhigen Nacht gingst du früh aus dem Haus. Du hast den Hund rausgelassen und frisches Brot gekauft. Ich schlief noch. Diese Selbstdisziplin, die ich damals nicht kannte, habe ich immer an dir bewundert. Egal wie betrunken du am Abend zuvor warst, oder egal wie spät es war, dass wir schlafen gegangen sind, am nächsten Tag standest du auf, als sei nichts gewesen. An diesem Morgen kroch ich langsam aus dem Bett – wir schliefen die erste Nacht noch nicht auf dem Balkon –, nachdem ich vom Klappern des Geschirrs geweckt worden war.
Frische Semmeln, sagtest du strahlend, während ich dich nur staunend ansah. Und rate mal, wen ich unten im Hausflur getroffen habe, fuhrst du fort.
Ich zog die Schultern hoch. Keine Ahnung, Maria.
Unseren Tennisstar, sagtest du, er sah sehr blass aus, aber er erzählte mir begeistert, dass im Nachbarhaus jedes Jahr eine Familie zu Gast sei, die aus unserer Gegend komme. Sie hätten die gleichen zwei Buchstaben auf dem Nummernschild, wie er es an unserem Auto gesehen hat.
Ich nickte nur stumm und wusste nicht, was ich von dieser Mitteilung halten sollte.
Letztlich teilten wir beide seine Begeisterung nicht, als Verliebte wollten wir lieber unter uns bleiben, traute Zweisamkeit war das Einzige, was uns in diesem ersten Urlaub interessierte. Als wir die Familie aus unserem Landkreis später am Strand sahen, erkannten wir sie an ihrem Dialekt. Sie sprachen in solch tiefem Bayerisch, wie es die Bewohner der umliegenden Dörfer unserer Stadt zu sprechen pflegen. Später sahen wir sie in ihrem Auto mit dem uns bekannten Ortskennzeichen durch das Dorf fahren.
Leute gibt es, sagtest du nur, und wir machten es uns zur Gewohnheit, diese Familie am Strand aus sicherer Entfernung zu beobachten.
Der dicke Adolf, wie wir das Familienoberhaupt bald nannten, war der unbestrittene Capo am Platze. Wenn sie am Strand eintrafen, zog er das große, rote Gummiboot vorneweg. Ein etwa gleichaltriger Mann, vermutlich sein Bruder oder Schwager, hielt das Boot, das auf einem Fahrgestell lag, hinten fest, um die Feinsteuerung zu übernehmen. Zwei Frauen, die noch tiefer im Dialekt wateten als die Männer, trabten laut schwatzend hinterher. Sie trugen Körbe, in denen sich jede Menge geschmierter Brote befanden, die sie später auf ihrer Decke zum allgemeinen Verzehr ausbreiteten. Eine Horde Kinder verschiedenen Alters lief um sie herum, und das täglich in anderer Anzahl. Wir nahmen an, dass einige immer im Hause oder woanders blieben, und es gelang uns nicht, die genaue Zahl der Kinder zu bestimmen. Allerdings fanden wir bald heraus, dass Adolf eigentlich Helmut hieß, wobei dieser Name ebenso gut zu ihm passte.
An Helmut Kohl hatte ich schon gedacht, meintest du nur.
Es war immer ein regelrechter Einmarsch auf den Strand, wenn sie, gewöhnlich am frühen Nachmittag, anrückten. Was sie vormittags machten, wussten wir nicht. Adolf lief vorneweg in roten Badeshorts, Sandalen und mit massigem Bauch, dazu sein gewaltiger Schnauzbart. Dahinter folgte der Bruder oder Schwager, klein und dünn, dazwischen das Gummiboot, so rot wie Adolfs Hose, dahinter das restliche Fußvolk.
Wir hatten viel Spaß in diesem ersten Urlaub, der Hitze ungeachtet, und hatten täglich Sex, auf dem Balkon unter dem dalmatischen Sternenhimmel.
In Kroatien kochten wir beide zusammen, wenn wir keine Lust auf die kroatische Küche hatten. Jetzt, hier in der Toskana, sitze ich am Tisch und schäle die Kartoffeln, während du auf dem Bett liegst und deine Musik hörst.
Ich habe so oft für dich gekocht, sagst du jedes Mal, wenn es darum geht, was wir am Abend essen, und ins Restaurant willst du auch nicht gehen.
Dabei war das Essen von Beginn an ein großes Thema. Was ich nicht ahnte, als wir bei unserer ersten Verabredung Pizza essen gingen: Du warst strikte Veganerin, und bist es heute noch. Damals waren Veganer eher seltene Ausnahmen, was sich mittlerweile geändert hat. Du verzichtest nicht nur auf tierische Produkte beim Essen, du kaufst auch nichts, in dem tierische Stoffe verarbeitet sind, also weder Lederschuhe noch entsprechende Kosmetika oder Medikamente. Das macht das Leben nicht etwa einfacher, wie man vielleicht denken mag, sondern verkompliziert es ungemein. Doch bei unserem ersten gemeinsamen Abendessen wusste ich nichts davon. So bestellte ich eine Pizza mit Schinken und Käse. Später erzähltest du mir, du habest damals überlegt, ob das überhaupt Sinn mache mit uns.
Es dauerte ein Jahr, bis auch ich mich vegan ernährte, wobei ich da nicht deine Strenge besitze. Dein Veganismus geht so weit, dass du selbst unsere Hündin anfangs vegan ernähren wolltest. Du hast lange im Internet recherchiert, und es gibt tatsächlich Leute, die ihre Hunde vegan füttern, aber ob dies auf Dauer geht, ohne dass die Tiere Schaden nehmen, ist umstritten, und darum konnte ich dich letztlich davon abbringen.
Jetzt bereite ich eine Kartoffel-Gemüse-Suppe zu, und da ich diese gelben Tomaten, die es nur im Süden zu geben scheint, sehr liebe, schneide ich sie in die Suppe.
Anfangs dachte ich: Vegan, da fällt viel weg und so wird es leichtfallen, ein Gericht zu wählen oder zuzubereiten.
Doch da hatte ich mich getäuscht. Nicht nur heißt es, alle Nährstoffe zu bekommen, die man braucht, auch soll es schmecken, und so dauerte es einige Monate, bis ich den Geschmack eines frisch gebratenen Hähnchenflügels oder eines Omelettes nicht mehr vermisste oder zumindest etwas gefunden hatte, was dies geschmacklich ersetzen konnte. Aber es geht. Immerhin das habe ich herausgefunden. Du hast mir viel gezeigt, in all der Zeit, die wir zusammen sind.
Ich gieße mir Wein nach, halte dir die Flasche hin.
Willst du einen Schluck?
Aber du bist ganz in deine Musik vertieft, liegst dort auf dem Bett in deinem schwarzen Sommerkleid, auf der weißen Decke, ein hübscher Anblick. Du streichst dir die Haare aus dem Gesicht, nickst im Rhythmus, die Augen weiterhin geschlossen. Das Kleid ist ärmellos, sonst magst du das nicht, weil man deine Schnitte sehen kann, die du dir als Teenager in die Haut geritzt hast. Du möchtest sie bald unter Tätowierungen verschwinden lassen, hast du mir gestern gesagt, als ich neben dir am Strand lag und auf die Narben blickte. Ich nickte nur, ein wenig traurig, denn für mich gehören diese Wunden zu dir. Ich stelle den Topf auf den Herd, es ist ein alter Gasherd und die Streichhölzer brechen dauernd ab, als ich sie anzünden will. Plötzlich stehst du neben mir und zündest das Gas mit einem Feuerzeug an.
Danke, sage ich und will dir einen Kuss geben, doch da liegst du wieder auf dem Bett. Immerhin blinzelst du mir zu. Als die Suppe warm ist, stelle ich die Teller auf den Tisch und stoße dich sanft an, zum Tisch deutend. Du nickst und setzt dich mir gegenüber.
Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir eine Woche eher zurückfahren?, fragst du in unser stilles, aber konzentriertes Suppeschlürfen hinein.
Ich bin überrascht, weiß nicht, was ich davon halten soll.
Lass mich einen Moment überlegen, sage ich und mir wird schnell klar, dass ich das auf keinen Fall will.
Nein, sage ich entschieden, wieso überhaupt? Gefällt es dir nicht mehr hier oder was ist los?
Ach, entgegnest du, es ist wegen meiner Schwester, sie war so komisch in letzter Zeit, ich mache mir Sorgen um sie.
Schreibt ihr euch nicht, oder telefoniert ihr nicht?, frage ich.
Sie antwortet mir nicht. Mama meint, sie habe Ärger im Büro gehabt und sei seit einer Woche krankgemeldet. Weißt du, die Nicki, die war, glaube ich, nie richtig krank. Da stimmt etwas nicht. Denke bitte ernsthaft darüber nach, sagst du, schiebst den leeren Teller von dir und setzt die Kopfhörer wieder auf.
Deine Schwester ist einige Jahre jünger als du. Ich hatte anfangs Probleme, mit ihr klarzukommen. Sie war abweisend, es wirkte auf mich, als sei ich ihr zu alt und nicht passend als Partner für dich. Ich bin zehn Jahre älter als du, aber ab einem gewissen Alter verliert das an Bedeutung. Ich bin jetzt Ende 30 und Nicola ist 21, aber ich fühle mich nicht 20 Jahre älter als sie. Sie arbeitet in einer Firma als Aushilfskraft im Büro. Nach dem Abitur hatte sie keine Lust, zu studieren, und sie wusste nicht, was sie hätte studieren sollen. Jetzt macht sie Botengänge, tippt manchmal Dinge ab, kopiert, kocht Kaffee und verbringt auf diese Weise täglich acht Stunden im Büro. Mir ist klar, dass sie nicht zufrieden sein kann, denn diese Arbeit unterfordert sie komplett. Aber sie sagt immer, sie sei glücklich dort. Das Gehalt stimme und sie habe so genügend Energie, um andere Dinge zu machen, nach der Arbeit. Das ist vor allem Sport. Sie läuft mehrmals die Woche ihre fünf bis zehn Kilometer, geht ins Fitnessstudio oder zum Schwimmen, dazu fährt sie Rad. Sie will demnächst an einem Triathlon teilnehmen, und ich traue ihr zu, das körperlich zu schaffen. Aber ob sie die Willenskraft aufbringen wird, die dreifache Qual durchzuziehen, daran habe ich meine Zweifel. Als ich dir das vor einiger Zeit sagte, wurdest du wütend und meintest, dass Nicki genau wegen Leuten wie mir, die an ihr zweifeln, so unsicher sei. Wir stritten uns heftig deswegen, denn diesen Schuh wollte ich mir nicht anziehen. Ich habe deine Schwester bisher einfach so erlebt, ohne großen Ehrgeiz, was sie mir auch wieder sympathisch macht, aber sie lässt sich manchmal zu sehr gehen, läuft dann tagelang nur in ausgebeulten und ausgewaschenen Jogginghosen herum, die eure Mutter schon mehrmals in den Müll werfen wollte, denn sie meinte, die seien sogar für die Altkleidersammlung zu hässlich.
Später am Abend, wir sitzen Wein trinkend auf der Terrasse, komme ich darauf zurück.
Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, jetzt eher zurückzufahren, damit du dich um Nicki kümmern kannst, sage ich. Sie ist alt genug und sollte selbst mit ihrem Leben klarkommen.
Was ich eigentlich denke, sage ich nicht. Denn ich glaube, dass sie irgendetwas studieren sollte, das würde sie mehr fordern und vielleicht käme sie aus diesem Loch heraus, in dem sie sich deiner Ansicht nach befindet. Aber das Thema Nicki und Studium will ich nicht wieder aufbringen, darüber haben wir oft genug gesprochen, und meist wurde es laut dabei.
Da du nicht antwortest, sage ich: Jeder hat mal Tiefs, und immerhin wohnt sie bei eurer Mama, da hat sie jemanden, der sich gerne um sie kümmert. Und überhaupt, hat sie keinen neuen Freund?
Nicki hatte immer wieder kurze, aber heftige Beziehungen, doch seit einiger Zeit ist sie Single und bemüht sich nicht, jemanden zu finden. Sie habe die Nase voll von Männern, hatte sie beim letzten Mal gesagt, als wir bei deiner Familie zu Besuch waren.
Mach dich nur wieder lustig darüber, dass sie bei Mama wohnt, erwiderst du, und dass sie keinen Freund hat, weißt du doch. Du hast manchmal eine ziemlich arrogante Art an dir.
Es stimmt doch, entgegne ich, sie muss mal erwachsen werden.
Sie wird das auf ihre Art, sagst du, sie braucht einfach etwas Zeit, nicht jeder ist so ein Oberchecker wie du.
Jaja, murmele ich, diese Platte wieder.
Dann schweigen wir und ich denke eine Weile über deinen Vorschlag nach. Aber ich werde hart bleiben, denn den Urlaub hatten wir beide herbeigesehnt und du brauchst ab und an Abstand von deiner Familie, die dich immer wieder sehr in Anspruch nimmt. Und das tut dir nicht gut.
Schließlich gehst du schlafen, ich bleibe derweil auf der Terrasse sitzen und starre in den Sternenhimmel, der hier, wie so oft im Süden, überwältigend erscheint. Mir tut es leid, dass du den Urlaub nicht genießen kannst, und jetzt glaube ich zu wissen, warum du hier so distanziert bist. Vermutlich bist du in Gedanken bei Nicki und machst dir wirklich Sorgen um sie. Deine Mutter wird dazu beitragen, sie übertreibt schnell, wenn es um euch Töchter geht. Das ist alles ungut und darum werde ich darauf bestehen, dass wir die ganzen drei Wochen hier bleiben.
Es ist jetzt etwas kühler geworden hier draußen. Die Geräusche der Toskananächte sind andere als daheim. Das Zirpen der Grillen ist nicht zu überhören, dazu erklingt von irgendwoher aus dem Ort Musik, gerade läuft YMCA, da ist wohl wieder eine kleine Feier in einem der Restaurants, heute mit DJ und nicht mit dem singenden Entertainer an der Heimorgel.
Gestern Abend waren wir in einem Restaurant. Wir saßen draußen, unter freiem Himmel, es war schwülwarm und die meisten Tische waren frei.
Schön ruhig hier, sagtest du und ich nickte zustimmend. Ich war froh, dass ich dich hatte überreden können, einmal abends auszugehen.
Als wir unsere Pizza bekamen, betrat ein Mann mit einem auffällig großen Hut den Garten und machte sich an einem Mischpult oder ähnlichem zu schaffen, das auf der Terrasse stand.
Oh, ein DJ, sagtest du, doch da begann er zu spielen, auf seiner Farfisa- oder Hammond-Orgel, dazu sang er eine italienische Schnulze.
Wir mussten lachen, doch die Musik ging uns schnell auf die Nerven und wir verzichteten auf den sonst obligatorischen Espresso nach dem Essen, um das Restaurant nur schnell wieder verlassen zu können.
Jetzt gehe ich noch eine kleine Runde mit dem Hund, auch Jessy mag die Nacht. Sie ist recht menschenscheu und um diese Zeit ist in der Nähe unserer Pension außer uns niemand mehr unterwegs. Sie schnuppert ausgiebig, auch für sie werden viele Gerüche fremd sein, nur die anderen Hunde hier, die riechen wohl nicht viel anders als die daheim.
Als ich bald darauf ins Bett gehe, schläfst du schon. Du schnarchst leise und ich decke eines deiner Beine zu, welches unter der Decke herausragt. Jessy liegt unter dem Bett und ich höre sie ebenfalls leise schnarchen.
Gute Nacht, Ladies, sage ich leise und drehe mich auf die Seite, kann aber länger nicht einschlafen, da ich über die Sache mit Nicki nachdenke.
Aber eines ist für mich klar: Wir sollten unseren Urlaub wie geplant fortsetzen.
Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug. Wir fahren nach Pisa, schauen uns den Schiefen Turm an und streifen anschließend durch die Stadt, die wesentlich mehr zu bieten hat als die völlig überlaufenen Piazza dei Miracoli mit besagtem Turm, Dom und Baptisterium. Wir gehen in die Altstadt und kommen bald, nachdem wir den Fluss Arno mit seinen bunten Häusern an den Ufern überquert haben, in ein Labyrinth kleiner Gassen, die sich zu malerischen Plätzen hin öffnen. Jessy fühlt sich hier wesentlich wohler als unter den vielen Touristen beim Turm. Du bist schweigsam heute, und da ich nicht über deinen gestrigen Vorschlag sprechen möchte, gehe auch ich still durch das hübsche Viertel.
Lass uns einen Kaffee trinken, sage ich schließlich und wir nehmen Platz in einem kleinen Café, das ein paar Tische vor dem Eingang stehen hat.
Der Espresso ist zu stark, um ihn ohne Zucker zu trinken.
