absolut solide - Vanessa S. Morolt - E-Book

absolut solide E-Book

Vanessa S. Morolt

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Beschreibung

Rebecka hat gerade erfolgreich das Abitur hinter sich gebracht und wurde an ihrer Wunschuniversität angenommen. Die liegt zwar 480 km von ihrer Heimat entfernt, aber das ist der 18-jährigen nur recht. Denn: zu Hause lauert schon ihre 17-jährige schwangere Schwester Natascha auf Rebeckas Zimmer, das sie in ein Babyparadies verwandeln will. Doch dann lernt Rebecka Kitt kennen, auf den ihre älteste Schwester Tine ein Auge geworfen hat. Doch der sieht das ganz anders! Plötzlich fällt es Rebecka nicht mehr so leicht, Abschied von ihrem kleinen Städtchen zu nehmen…

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Vanessa S. Morolt

absolut solide

Verliebter Sommer

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Erstes Kapitel:

Zweites Kapitel:

Drittes Kapitel:

Viertes Kapitel:

Fünftes Kapitel:

Sechstes Kapitel:

Siebtes Kapitel:

Achtes Kapitel:

Neuntes Kapitel:

Zehntes Kapitel:

Elftes Kapitel:

Zwölftes Kapitel:

Dreizehntes Kapitel:

Vierzehntes Kapitel:

Fünfzehntes Kapitel:

Sechzehntes Kapitel:

Siebzehntes Kapitel:

Achtzehntes Kapitel:

Neunzehntes Kapitel:

Zwanzigstes Kapitel:

Einundzwanzigstes Kapitel:

Zweiundzwanzigstes Kapitel:

Dreiundzwanzigstes Kapitel:

Vierundzwanzigstes Kapitel:

Fünfundzwanzigstes Kapitel:

Sechsundzwanzigstes Kapitel:

Siebenundzwanzigstes Kapitel:

Achtundzwanzigstes Kapitel:

Neunundzwanzigstes Kapitel:

Dreißigstes Kapitel:

Einunddreißigstes Kapitel:

Zweiunddreißigstes Kapitel:

Dreiunddreißigstes Kapitel:

Vierunddreißigstes Kapitel:

Fünfunddreißigstes Kapitel:

Sechsunddreißigstes Kapitel:

Siebunddreißigstes Kapitel:

Achtunddreißigstes Kapitel:

Neununddreißigstes Kapitel:

Vierzigstes Kapitel:

Einundvierzigstes Kapitel:

Zweiundvierzigstes Kapitel:

Dreiundvierzigstes Kapitel:

Vierundvierzigstes Kapitel:

Die Protagonisten:

Leseprobe:

Katzenjammer

Impressum neobooks

Erstes Kapitel:

absolut solide

Verliebter Sommer

solide 1. fest, gediegen, haltbar, langlebig, massiv, qualitätsvoll, robust, sorgfältig gearbeitet, stabil, stark, strapazierfähig, unempfindlich, anständig

Copyright by VSM

Warburg, Mai 2011

Printauflage April 2015

Natascha geht mir mal wieder total auf die Nerven! Ich könnte jetzt in aller Ruhe zu Hause an meinem Schreibtisch sitzen und mich auf meine mündliche Prüfung vorbereiten. Stattdessen sitze ich im stickigen Auto, meine Unterlagen umständlich am Lenkrad befestigt und versuche, mich auf meine Lektüre zu konzentrieren. Ist aber nicht so ganz einfach. Dauernd parkt jemand neben mir ein und aus, Autotüren werden zugeschmissen und die Leute begrüßen einander lautstark. An dem Gebäude prangt ein riesiges neonpinkes Schild mit gelber Aufschrift BABYBOOM wobei jedes B wie ein schwangeres Strichmännchen aussieht. Yippie!

Ich gebe es auf, pfeffere den Block auf den Rücksitz und steige aus. Gleich glotzen mich zwei Typen, die auf einer Mauer sitzen und auf ihre Frauen oder Freundinnen warten, von oben bis unten an. Na ja, in meinem grauen Schlabbershirt, das mir bis auf die Knie reicht, sehe ich ja nicht viel anders aus als die werdenden Muttis, deren Kichern durch die offenen Fenster dringt. Aber die beiden Männer sind auch nicht gerade männliche Topmodels. Der Eine trägt trotz des warmen Maiwetters einen Strickpullunder über seinem gestreiften Hemd und eine braune Cordhose. Sieht aus wie ein Uniprofessor und könnte vom Alter auch einer sein. Der andere ist vielleicht halb so alt, kaum älter als ich und trägt verwaschene Jeans und ein uraltes Metallica-T-Shirt, das er vielleicht seinem großen Bruder geklaut hat. Am Auffälligsten wirken aber sein dichter dunkler Bart und die langen Locken, die bis zu den Schultern reichen. Beide grüßen mich freundlich und ich nicke ihnen kurz zu um mich dann so weit wie möglich von ihnen zu entfernen. Ich gucke auf die Uhr: 19.32 Uhr – Mensch, was quasseln die denn so lange? Da ist ja noch nicht mal Aufbruchsstimmung zu hören!

„Die überziehen immer!“, ruft mir der Uniprofessor zu. Wieder nicke ich. Echt keine Lust auf ein Schwätzchen. Morgen ist meine letzte Abiprüfung und ich muss meine blöde kleine Schwester von der Geburtsvorbereitung abholen. Hätte die sich nicht ein halbes Jahr später schwängern lassen können? Und überhaupt, warum bin ich hier… Na ja, das muss man dem Metallica-Burschen ja lassen, der kümmert sich wenigstens um seine Freundin. Nataschas Sven hat sich ganz fix aus dem Staub gemacht. Er wohnt zwar immer noch zwei Orte weiter und geht in die elfte Klasse auf meinem Gymnasium, also eine Klasse unter mir, aber offiziell kennt er keinen aus Nataschas Familie mehr.

„Ein Vaterschaftstest wird das dann schon alles klarstellen“, hat seine Mutter rumgetönt. „Mein Sven, der macht sowas nicht!“

Hallo?! Wer da nicht alles wie und was mit wem macht! In meinem Jahrgang waren schon so viele miteinander verbandelt, dass ich mich schon lange an die meisten Kombinationen nicht mal erinnern kann. Bei Kalle und Marie habe ich nur Letztens gedacht, waren die nicht schon 2009 in der Zehnten miteinander gegangen? Aber gerade mir, die ich immer als spießig und verklemmt gelte, muss es passieren, dass die 17jährige Schwester schwanger wird. Und von Tine, meiner knapp 21jährigen Schwester fangen wir erst gar nicht an, die hat es als Dorfmatratze zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht.

Und dann endlich schlurfen die ersten Bald-Muttis mit ihren Yoga-Matten unter den Achseln aus der Hebammenpraxis. Ja, das ist ein echter Babyboom diesen Sommer. Fünf, zehn, fünfzehn, neunzehn Frauen stapfen mit ihren aufgeblähten Bäuchen und dicken Knöcheln an mir vorbei und erzählen einander, wie oft sie am Morgen erbrochen haben und wie das in ihrer ersten, zweiten, dritten Schwangerschaft war. Der Großteil der Frauen hat auch ein vernünftiges Alter zum Kinderkriegen, die sind so zwischen Ende Zwanzig, in den Dreißigern und auch ein paar schon Anfang Vierzig. Eine der Älteren wird gleich freudig vom Uniprofessor abgefangen und er nimmt ihr sofort die Yogamatte ab. Die wiegt zwar höchstens ein Kilo, aber Natascha behauptet ja auch, ihr Frauenarzt hätte ihr befohlen, nichts zu tragen, was schwerer als zwei Päckchen Zucker sei. Ich denke eher, sie will sich nur um die Hausarbeit drücken und Mama, die sonst knallhart ist, fällt auch noch drauf rein.

Natürlich kommt Natascha als Letzte raus. An ihrer Seite Kati, ihre neue beste Freundin. Bisher habe ich sie noch nicht kennengelernt, aber jeden Tag schwärmt Natascha:

„Kati sagt das auch immer … Und Kati kriegt einen Jungen… und die schönsten Babysachen, die auch bezahlbar sind, die gibt‘s im…“

Mein erster Eindruck von Kati: Sie ist ungefähr 22, fast 1,80 m groß und hat lockige blonde Haare.

„Hi, ich bin die Kati“, sie streckt mir die Hand hin und sagt, bevor ich weiterreden kann, „und du musst die Becky sein. Siehst Natascha ja zum Verwechseln ähnlich.“

„Ähem, ja, Rebecka ist mir lieber. – Komm Natascha, heute habe ich es eilig, wir müssen los.“

„Charmant wie immer, Becky“, säuselt Natascha.

„Macht doch nichts, Natti, wenn sie doch morgen ihre letzte Prüfung hat. Ist nun einmal wichtig“, Kati knuddelt meine Schwester kurz, sieht ziemlich lustig aus, bei den beiden dicken Bäuchen und geht zu dem Metallica-Typen.

Fassen wir kurz zusammen: Mein Name ist Rebecka, ich bin achtzehn Jahre alt und absolviere morgen um 11.30 Uhr meine abschließende Abiturprüfung. Wenn sie super läuft, schließe ich meine Schullaufbahn mit einem Durchschnitt von 2,4 ab und gehe ab Herbst an eine Uni in Bayern und wähle den Studiengang Geographie. Läuft sie schlecht, schließe ich mit 2,5 ab, schaffe den vorgegebenen NC nicht und komme auf die Warteliste. Wahrscheinlich belege ich dann ein Semester Psychologie an der nächstgelegenen Hochschule, oder ein Praktikum. Jedenfalls muss ich mir eine Wohnung suchen, denn meine Eltern haben vier Kinder und bald ein Enkelkind und irgendjemand muss ausziehen. Eigentlich sollte sich da mein Bruder Thomas, 23, angesprochen fühlen, aber als Junge und Ältester hat er einen Sonderstatus. Als er mit 17 in die Schlosserlehre ging, hat er sich gleich die Erdgeschosswohnung eingerichtet und in den letzten sechs Jahren peu á peu umgebaut. Jeden Monat gibt er meinen Eltern eine Spottmiete von 200 €, die er sich aber locker wieder reinholt, wenn er sich durch den Kühlschrank futtert. Wären wir bei Kristine – kurz Tine – meiner älteren Schwester. Sie hat letztes Jahr die Schule einfach hingeschmissen und mittlerweile drei oder vier verschiedene Praktika hinter sich. „Mal gucken, was mir so liegt.“ Erzieherin im Kindergarten war schon mal nix, Sekretärin fand sie auch öde, dann war sie bis vor zwei Monaten als Animateurin auf Mallorca und das war „Einfach nur spitzenmäßig“, aber jetzt ist sie wieder da und muss sich erst mal im spießigen Westfalen eingewöhnen. Tine hat somit auch ihr altes Zimmer wieder in Beschlag. Dabei hatte Natascha schon alles vermessen und überlegt, wo sie das Kinderbettchen hinstellt und wo eine Steckdose für diesen komischen Heizstrahler ist, der über dem Wickeltisch montiert wird. Wofür ist dieser Heizstrahler eigentlich gut? Sollen die Babys gleichmäßig gegrillt werden? Nein, schon klar, Baby soll es schön kuschelig haben. Als ich ein Baby war, kam unsere Mutter auch ohne so ein Ding aus und keines von uns Kindern ist erfroren.

Da Kindsvater Sven die Vaterschaft leugnet, können wir davon absehen, dass meine kleine Schwester demnächst auszieht. Zumal sie jetzt ja grad die 10. Klasse abschließt, das passt gerade so vor dem Geburtstermin und meine Eltern bestehen darauf, dass sie auch das Abitur macht. Also muss ich raus. Basta, Ende der Diskussion!

„Dir traue ich auch am ehesten zu, dass du da draußen zurechtkommst“, lobt mich meine Mutter. Ja, prima! Ich bin ja so klug und erwachsen und – wie ich ja schon erwähnte: spießig und verklemmt. Ich werde weder meine Ersparnisse verpulvern, mein Studium hinwerfen, noch mich vom letzten Deppen schwängern lassen. „Auf unser Rebecka ist Verlass“, hat unser Opa immer geprahlt. Unser Opa hat immer Recht behalten. Er hat sogar gesagt, mit 84 sei es mit ihm vorbei und prompt drei Wochen nach seinem Geburtstag ist er beim Azaleen gießen ins Blumenbeet gekippt und es war vorbei mit ihm. So bekam Thomas seine Wohnung.

Es ist jetzt 23.12 Uhr und ich reibe mir die Stirn. Ich kann kaum noch gucken, meine Schrift verschwimmt vor meinen Augen und in meinem Kopf klopft dauernd ein kleines Männchen und ruft: „Stopp hier! Wir haben Verarbeitungsstau, Hirn außer Betrieb.“

Gut, dann geh ich eben jetzt schlafen, stelle mir den Wecker auf 7 Uhr und lerne dann weiter. Wenn ich um 10.55 Uhr das Fahrrad nehme, bin ich lange vor der Prüfung da. Ihr wollt jetzt sicher sagen: „Wenn die versucht, am Abend vorher den ganzen Stoff in sich reinzupauken, wird das eh nix.“ Da habt ihr Recht. Ich habe den Stoff auch schon seit über einer Woche drauf, aber ich kann einfach nicht aufhören bis die Prüfung hinter mir liegt. Dauernd denke ich: ‚Ich hätte in dem Buch doch noch Kapitel 7 lesen sollen oder im Internet ein weiteres Mal über Erosion recherchieren müssen. Vielleicht sind in den letzten zwei Wochen ja interessante neue Artikel zu dem Thema erschienen…‘ Genau, ich mache meine Prüfung in Erdkunde und jetzt LICHT AUS UND GUTE NACHT!

Zweites Kapitel:

„Wir haben´s geschafft.“

Henrike räkelt sich wohlig auf der Strandmatte. Ihre Brille liegt auf einer Liebesschmonzette neben ihrem Kopf und sie blinzelt kurzsichtig in den Himmel. Das Wetter ist genial. Erste Mitte Mai und Temperaturen von 27 °C und wir liegen hier im Freibad und chillen. Und ich genieße es! Endlich, endlich ist es vorbei! Vier ganze Monate Ferien liegen vor uns. Die Erdkunde-Prüfung habe ich gepackt. Vierzehn Punkte!!! Das war echt der Wahnsinn, fast hätte ich einen NC von 2,3 geschafft, aber dann hätte ich mich in Englisch nochmal nachprüfen lassen müssen und da von elf auf dreizehn Punkte zu kommen, ist doch ein ziemlich risikoreiches Unterfangen. Somit heißt es ab 1. Oktober: Studiengang Geographie im Süden. Dort kann ich bei meiner Großtante zur Untermiete wohnen, das hatten wir alles schon im Januar ausgemacht. Yippie! Kein Bemühen um einen Praktikumsplatz, kein Rumgerenne wegen irgendwelcher Unterlagen, die noch verschickt werden müssen. Super! Ich habe endlich Ferien! Na bis auf die Dienstag- und Donnerstagnachmittage, an denen ich bis zu den offiziellen Sommerferien Mitte Juli noch Nachhilfe in Mathematik bei einem Nachhilfeinstitut gebe. Damit stocke ich schon seit eineinhalb Jahren mein Taschengeld auf. Immerhin 300 € in manchen Monaten und die habe ich gut gespart, um mir im Herbst ein Auto kaufen zu können. Natürlich ein gebrauchtes. Muss nichts Tolles sein, immerhin ist Thomas Autoschlosser und kann notwendige Reparaturen erledigen.

Henrike fängt zum 1. September eine Lehre als Zahntechnikerin an. Ich frage mich unwillkürlich, wie sie ihre widerspenstigen schwarzen Locken, die ihr dauernd in die Augen fallen dann gebändigt kriegen wird. Sie selbst hat schon oft gesagt, sie wolle sich einen Pixie schneiden lassen, dann hätte sie Ruhe, aber ihr Freund Hendrik ist da absolut gegen. Hendrik ist heute nicht dabei, er muss arbeiten. Er ist zwei Jahre älter als wir und ist Programmierer. Ist mir jetzt zu umständlich zu erklären, wie und was er programmiert, ich möchte einfach nur vor mich hindösen.

„Ahhh!“

Ein heftiger Regenschwall ergießt sich über mich. Quiekend reiße ich die Augen auf und sehe strahlendblauen wolkenlosen Himmel über mir und im Augenwinkel ein grinsendes Gesicht. Aber vor allem höre ich etwas: ein schallendes, dröhnendes und äußerst schadenfrohes Lachen. Unverkennbar: mein Bruder Thomas.

„Bist du meschugge?! Ich krieg‘ gleich einen Herzinfarkt!“

„Konnte nicht widerstehen.“

Er wirft sich neben Rike, nachdem er den kleinen Sandeimer wieder in das 10 Meter weit entfernte Planschbecken geworfen hat.

„Seit wann ist das Wasser im Babybecken so verdammt kalt?“

Ich streife das Wasser von meinem schokobraunen Badeanzug.

„Ich habe den Eimer speziell für dich an der extrakalten Dusche aufgefüllt“, grinst Thomas und heult sofort wie ein Mädchen auf, als ich ihm einen heftigen Fußtritt gebe.

„Eigentlich wollte ich dir DAS da zeigen“, er weist über die Bergwiese hinweg zum großen Schwimmbecken, wo eine junge Frau in einem sexy schwarzen Bikini auf einer Bank steht, umringt von einer Schar Menschen – vorrangig jungen Männern. Tine, war ja klar! In den Händen hält sie jeweils eine Schwimmnudel über den Kopf und tanzt auf der Sitzfläche hin und her. Ist eigentlich meine ganze Familie hier im Schwimmbad???

„Was macht sie da?“, Henrike hat sich ihre Brille aufgesetzt, um das Szenario besser miterleben zu können.

„Sie zeigt ihr Mallorca-Animationsprogramm“, erkläre ich.

„Wow, sie hat das ja voll drauf“, staunt meine Freundin. „Warum ist sie nicht dabei geblieben?“ Darauf kann nur Thomas antworten, denn ehrlich gesagt habe ich Tine nie nach dem Grund ihrer Rückkehr gefragt.

„Tine hat es mit der Animation etwas übertrieben“, meint er nun auch und wackelt mit den Zehen, „ihr wurde wohl nahegelegt, eine Pause einzulegen.“

„Aha“, macht Rike und es ist klar, dass sie nichts verstanden hat. Inzwischen bin ich aufgestanden und habe das nasse Handtuch gegen ein Trockenes ausgetauscht. Ich habe immer mehrere mit, weil meine Haare hüft lang sind und ich sie nach dem Schwimmen nicht mit reiner Sonnenstrahlung trockenkriege. In unserer Familie haben alle sehr dichtes kräftiges Haar, ideal für Shampoowerbung, aber es saugt eben auch Wasser auf wie ein Schwamm. Da beneide ich Rike mit ihrem halblangen Wuschelkopf, aber ich könnte mich nicht von meinem Zopf trennen, der wächst nun schon so lange ich denken kann.

„Was ist eigentlich der Grund für das Theater?“

Mit dem Kinn weise ich auf meine Schwester oben auf der Bank, die gerade eine Schwimmnudel um ihr Hinterteil gewickelt hat und heftig damit wackelt.

„Kitt“, sagt Thomas nur.

„Kitt?“, echoen Rike und ich. Und von mir kommt noch „Kleber oder Leim?“ dazu. Ich kann‘s eben nicht lassen.

„Nein, Kitt wie K.I.T.T.! Kennt ihr Küken denn kein Knight Rider?“

Meine Freundin schüttelt ratlos den Kopf und ich seufze. Bei Thomas im DVD-Regal stehen vier Staffeln Knight Rider und schon habe ich die Melodie im Ohr, die oft genug von seinem Wohnzimmer, direkt unter meinem Schlafzimmer hochdröhnt.

„K.I.T.T. ist ein sprechendes Wunderauto“, ergänzt Thomas und Rike sieht immer verwirrter aus.

„Sowas wie Dudu, der Käfer“, erkläre ich.

Sofort wird mir widersprochen: „Na hör mal, K.I.T.T. ist ein schwarzer Trans Am, das kann man nicht mal vergleichen!“

„Ja, aber warum tanzt eure Schwester wegen eines Autos auf der Bank herum?“

Henrike stehen die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben und unser Knight Rider Fan muss wieder seine heftige Lache tönen lassen.

„Sie tanzt ja nicht wegen K.I.T.T., sondern wegen Kitt.“

Das hört sich in unseren Ohren alles gleich an.

„Kitt ist mein Arbeitskollege und den habe ich heute nach Feierabend mitgebracht und Tine ist er natürlich gleich ins Auge gefallen.“

So, jetzt haben wir verstanden. Es geht um einen Mann, dann ist mir alles klar. Ein Blick auf mein Handy verrät: Es ist echt schon kurz nach 17 Uhr. Mensch, Rike und ich haben vier Stunden nur rumgelegen!

„Vielleicht sollten wir mal eine Runde schwimmen. Nass bin ich ja eh schon.“

„Bist wohl neugierig?“

Die blauen Augen meines Bruders blitzen. Und ich kann es nicht leugnen. Tines Männer sind immer ein Erlebnis für sich. Wenn ich da an den Hip Hopper denke, den Rapper und den Skin Head – den hat mein Vater nicht mal ins Haus gelassen. Was wohl dieses Mal angesagt ist???

Rike hat keine Lust, sich nasszumachen und ihre Neugier hält sich in Grenzen. Sie telefoniert lieber eine Runde mit ihrem Hendrik, der gerade Feierabend gemacht hat. Aber Thomas stapft dynamisch neben mir zum Pool. In Badehosen sieht mein Bruder richtig gut aus, weshalb einige Mädels neugierig hinter ihm hersehen. Wenn die ihn in seinen Fleddershirts und den Jogginghosen – Hauptsache bequem – sehen würden, gäbe es keinen zweiten Blick. Derzeit ist er solo, aber anscheinend nicht auf Jagd. Tja, aber dafür unser Tine.

„Was ist mit ihren Haaren los?“, frage ich, als wir schon fast bei der Truppe angekommen sind.

„Was meinst du?“

Thomas kneift die Augen zusammen. „Sie sehen aus wie immer, nur nass.“

Ja, nass sind sie und der Zopf reicht bis zum Hintern, wie immer, aber die Haare sind schwarz, pechschwarz und gestern waren sie noch nussbraun, so ein oder zwei Schattierungen dunkler als mein eigenes Haar.

„Die sind schwarz“, schnauze ich ihn an.

Männer! Die sehen gar nichts. Er zuckt die Achseln. Ich springe ins Wasser und er geht zu der Truppe. Nach ein paar Schwimmzügen kehre ich wieder um.

„Ach, Thomas“, er kommt zum Beckenrand, „wo ist denn nun ihr Adonis – oder besser Rennwagen?“ Ich grinse blöde.

„Kitt? Da vorne“, mein Bruder zeigt auf einen jungen Mann, der sich etwas entfernt von Tines Fans belustigt grinsend das Geschehen anguckt. Uff, da bin ich dann baff. Er sieht so, na so, NORMAL aus. Relativ normal für Tine jedenfalls. Er ist recht groß, so knapp 1,85 m, schlank und breitschultrig, mit flachem Bauch, aber ohne Sixpack, ziemlich hellhäutig, nur die Arme sind von den Ellbogen bis zu den Fingern braungebrannt. Typischer T-Shirt-Träger. Arme und Beine sind leicht behaart und vor allem sein Kopf ist vollkommen haarig. Anscheinend sind Bärte gerade wieder IN. Ich gucke kurz auf Thomas‘ Drei-Tage-Bart. Thomas wiederum beobachtet mich genau um an meinem Gesicht abzulesen, was ich von „Kitt“ halte. Geschwister brauchen nicht immer Worte.

Kommen wir wieder zu Kitt: Der trägt einen kurzen schwarzen Vollbart, aus dem das Wasser tropft und seine schwarzen Haare sind im Nacken zu einem Zopf zusammen gefasst, die offen sicher bis auf die Schultern reichen. Ich sehe ihn nur von der Seite und kann über sein Gesicht nicht viel sagen, nur dass er eine einigermaßen gerade, unauffällige Nase hat.

„Na, was sagst du?“

„Was soll ich sagen?“, schnoddere ich, weil mir peinlich ist, dass ich den Schrauberkollegen so genau gemustert habe. Er hat irgendwas … Interessantes.

„Ich dreh ein paar Runden“, und mit diesen Worten tauche ich ab.

Fünfzehn Minuten später habe ich richtig was getan, fühle mich gut und erfrischt. Während ich das Wasser aus meinen Haaren drücke, kommt Rike fertig angezogen und mit gepackter Tasche auf mich zu.

„Hendrik holt mich gleich ab. Wir wollen was essen und dann ins Kino.“

„Macht ihr mal.“

Solche überstürzten Aufbrüche bin ich schon gewohnt. Aber ich nehme es ihr nicht übel, als ich letztes Jahr die drei Wochen mit Tobias zusammen war, war ich auch nicht besser. Hendrik und Henrike sind seit sieben Monaten ein Paar und passen so gut zusammen wie ihre Namen sich gleichen. Die sehen noch alles durch rosarote Brillen und das gönne ich meiner Freundin. Diese Zeit ist ohnehin so schnell vorbei, dass man sie genießen muss.

Plötzlich steht Tine vor mir. „Nimmst du mich mit, Becky?“

„Ich bin mit dem Bus hier.“

„Och Mann, da kommt der nächste ja erst in einer Stunde.“

„Frag doch Tom.“

„Der ist mit seinem Kollegen da … Ist der nicht heiß?“

„Ja, kochend.“

„Blöde Kuh“, zischt Tine, hält aber dann die Klappe, weil unser Bruder mit dem Wunderauto angetrabt kommt.

„Na, Schwestern …“, er klopft Kitt auf die Schulter. „Das sind meine kleinen Schwestern: Kristine und Rebecka.“

Tine grinst strahlend, ich nicke.

Kitt mustert uns beide freundlich. „Ich bin Kitt.“

„Warum eigentlich?“

Meine Schwester nähert sich ihm wie ein kleiner schwarzer Panter. Der Vergleich passt. Ihre schwarzen Haare wellen sich nun offen um ihre Schultern bis zu dem nachtschwarzen Bikinihöschen. Ein ganz knappes, das meiner Meinung nach gestern noch zitronengelb war. Zum Glück trägt sie nicht den orangen Bikini, der über den Hüften mit einem Schleifchen zusammengehalten wird. Den hat unsere Mutter nämlich sofort entsorgt, als er im Koffer zum Vorschein kam. Das passende Oberteil dazu war so winzig, dass Mama fast in Ohnmacht gefallen wäre.

„Den hast du doch nicht etwa in der Öffentlichkeit getragen?“, hat sie schockiert gefragt.

„Aber nein, Mami“, hat Tine gezwitschert und Mama ein Küsschen gegeben, „den trage ich nur im Solarium.“

Wer’s glaubt!

„Solarium ist gar nicht gut für dich“, hat Mama dann gemeint und Kristine begütigend weitergezwitschert.

Aber nun stößt eine solariumgebräunte Schulter wie zufällig an Kitts hellen Oberarm.

„Warum eigentlich was?“

Er lächelt. Unter den vielen Haaren ist er richtig attraktiv. Nicht so unbedingt gutaussehend, aber anziehend. Oh Gott, wie peinlich, mir gefällt der gleiche Typ wie meiner Schwester- Noch tiefer kann ich nicht sinken. Meine Laune sinkt noch um etliche Stufen ins Negativ.

„Na, Kitt. Warum Kitt? – Auf Mallorca habe ich mal einen Engländer kennengelernt, der nannte sich Kit, das soll aber eine Kurzform von Christopher sein.“

Kitt zuckt die Achseln. „Ich heiße nicht Christopher. Meine Kollegen haben mich irgendwann im Betrieb so genannt. Sie meinten, ich könnte sicher auch ein Auto wie K.I.T.T. zusammenschrauben … Tja, und wenn man erst so einen Namen weghat, bleibt der auch.“

Er ist also ein Wunderschrauber und kein Wunderauto.

„Solltest du dann nicht eher den Namen des Erfinders verpasst bekommen?“, töne ich.

Mist, ich beiße mir auf meine spitze Zunge. Jetzt richten sich alle Augen und vor allem ein besonders intensives grünbraungesprenkeltes Augenpaar auf mich. Gerade das wollte ich vermeiden. Bloß nicht in den Vordergrund geraten!

Kitt grinst.

„Ach, wer weiß schon den Namen des Erfinders?“, schüttelt Thomas meine Frage lässig ab.

Tine flüstert ihrem Schwarm etwas ins Ohr und er nickt.

„Ja klar, ich nehme euch mit. “

Auf dem Weg zum Ausgang knurre ich Thomas ins Ohr: „Du hast ihm diesen Spitznamen verpasst, richtig?“

Drittes Kapitel:

Dieser Samstag ist die reinste Folter. Shopping mit Natascha. Gutgelaunt hopst sie von Regal zu Regal. Natascha hopst immer, egal wie rund sie auch ist. Wahrscheinlich ist meine kleine Nichte schon seekrank. Ha! Ha! Beste Voraussetzungen für die Kleine einmal Stewardess auf der AIDA zu werden. Sinn des Bummelns ist es, ein Geschenk für Tine zu finden. Sie wird morgen einundzwanzig und will groß ´reinfeiern. Unsere Eltern sind vorsorglich und freiwillig zu meiner Tante gefahren und kommen erst zurück, wenn das Chaos wieder beseitigt ist. Die Fete wird sich durch unser ganzes Haus ziehen. Tanzen und Musik bei Thomas, Essen oben in der Küche und jede Menge Übernachtungsgäste im Wohnzimmer.

Ich hätte meine kleine Schwester einfach an irgendeiner Ecke absetzen und ihr das Geld für das Geschenk in die Hand drücken sollen, wie es Thomas gemacht hat, denn mit ihr auf einen Nenner zu kommen ist unmöglich. Damit meine ich, nichts, gar nichts, was ihr gefällt, würde ich freiwillig verschenken und umgekehrt findet Natascha alles langweilig, was ich aussuche. Bücher oder Parfüm oder so. Am liebsten würde ich Tine ein großes Fass schwarze Textilfarbe, einen Bottich und Färbesalz kaufen, damit sie ihre restlichen Klamotten auch noch schwarz färben kann. Da würde sie sich bestimmt tierisch drüber freuen. In den letzten beiden Wochen hat sie nicht nur ihre Haare und Nägel schwarz eingefärbt, sondern alles von den Socken bis zur Mütze. Meine Mutter war kurz vor dem Zusammenbruch, weil Tine anschließend die Waschmaschine nicht nachgespült hat und eine ganze Ladung weißer Kochwäsche nun rauchgrau aussieht.

„Oh, ich hab’s, ich hab’s“, begeistert klatsche ich in die Hände. Natascha hängt ein rosa gerüschtes Babykleidchen zurück und sieht mich aus ihren wasserblauen Augen erstaunt an. Sie war in Gedanken ganz in einem zuckerwatteweichen Babyparadies. Sieht man ihr sofort an, wenn ihre Sinne dorthin abdriften. Nur noch 11 Wochen, dann wird sie wieder auf unsere Erde katapultiert.

„Jetzt komm´ aber nicht wieder mit irgendwelchen Nasenringen und so einem Krams, das unterstütze ich nicht.“

„Wieso, bleibende Selbstentstellung ist doch nur noch der nächste Schritt.“

Diesen Montag hat Tine sich auf jeder Seite fünf Löcher in die Ohrläppchen stechen lassen. Die sind voll angeschwollen und entzündet. Wahrscheinlich ist das eine ganz normale Reaktion, doch Natascha und ich schütteln uns jedes Mal angewidert, wenn Tine die Haare hinters Ohr streicht. Da sind wir ausnahmsweise einer Meinung, die Öko-Tussi und das Blümchen-Girlie. Ich bin zwar kein Öko, aber in meinen bewegungsfreien Leinenhosen und den Schlabberpullis werde ich oft dafür gehalten. Zurück zum Thema:

„Nein, ich dachte auch nicht an Piercings. Was hältst du von schwarzen Pumps?“

„Pumps?“, Natascha streicht ihr Millefleurskleid glatt. „Wieso?“

Kurz wedele ich vor ihrem Gesicht hin und her, weil ich bemerke, dass ihr Blick zu einem violetten Strampler mit gelber Ornamentverzierung gleitet.

„Tine hat irgendwas davon gejammert, dass es ihr nicht gelungen ist, ihre Schuhe mit Lackstift schwarz zu malen. Sah wohl so abscheulich aus, dass sie die Pumas und auch die Chucks weggeworfen hat.“

„War sie nicht so stolz drauf, die in La Palma so günstig ergattert zu haben?“, wundert Natascha sich.

„Eben. Also: Pumps? Klassisch, elegant, schwarz. Die kann sie noch gebrauchen, wenn sie von ihrem Trip runter ist. Ich habe die gleiche Größe und probiere sie an, du darfst sie aussuchen. Aber denk dran: schwarz! Nicht pink, keine Herzchen …“

„Mensch Rebecka, red‘ nicht mit mir, als sei ich deppert.“

Darauf antworte ich nicht, denke allerdings, dass sie in der letzten Zeit selten Intelligenz gezeigt hat.

Kurz darauf haben wir alle schwarzen Pumps, glänzend, matt, mit kleinem Absatz, hochhackig, offen, geschlossen, Peeptoes und was wir sonst noch in Größe 39 finden, aus dem Regal geräumt und lang vor uns auf dem Boden aufgereiht.

Ein paar andere Kundinnen gucken etwas irritiert und auch eine Verkäuferin kneift die Lippen zusammen und scheint unschlüssig, ob sie uns nun zurechtweisen soll oder nicht. Nach und nach sondern wir aus, sortieren ein Paar nach dem anderen wieder zurück. Natascha geht in ihrer Aufgabe richtig auf, zählt alle Vorzüge des einen oder anderen Schuhs auf, während ich nur sage, ob der Schuh an meinem Fuß kneift oder nicht. Tines und meine Füße sind nahezu identisch. Überhaupt sind wir drei Schwestern uns optisch so ähnlich, als wären wir die menschlichen Ausgaben des Klonschafs Dolly. Ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber als unser Vater uns zum ersten Mal Die Schöne und das Biest aus der Videothek auslieh und ich die Drillinge sah, die den Schuft Gaston anschmachten, da dachte ich, das könnten genauso gut Kristine, Natascha und ich sein, nur in brünett.

Irgendwann ist aber nur noch ein Paar Peeptoes mit fünf Zentimeter hohen Absätzen übrig und Natascha und ich uns ziemlich einig: elegant und bequem. Ich setze mich auf den Hocker und drehe den rechten Fuß hin und her.

„Schick, schick!“, sagt da eine bekannte Jungenstimme hinter uns. „Da wird sich Tine aber freuen.“

Och nee, nicht das auch noch.

„Hallo, Björn.“

Björn habe ich vor ein paar Wochen auf einer Dorffete kennengelernt und seitdem versucht er, Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich blocke jedes Mal ab, weil seine aufdringliche Art mir ziemlich auf die Nerven geht, nur leider ignoriert er das vollkommen. Und glaubt mir, ich zeige meine Abneigung mehr als deutlich. Besonders, wenn jemand immer wieder meinen Nacken krault und mich mit meiner eigenen Zopfspitze kitzelt. Ganz furchtbar, anfassen verboten!

Leider gibt es jemanden, der all meine Abblockversuche boykottiert: Tine! Aus irgendeinem Grund will sie Björn unbedingt mit mir verkuppeln. Bisher hatte ich keine Lust, sie zu fragen, welchen Grund sie dafür hat. Wahrscheinlich bekäme ich eine Antwort in der Art: „Du hast einfach einen Kerl nötig. Also stell‘ dich nicht an und nimm‘ was du kriegen kannst!“

Denkste, sowas brauche ich mir nicht anhören.

„Lass mich raten: Tine hat dich zu ihrer Party eingeladen.“

Ich ziehe die Schuhe aus und drücke sie Natascha in die Hand, welche Björn neugierig mustert. Stimmt ja, durch die Babysache war sie im letzten halben Jahr auf keiner Fete mehr. Erst war ihr immer schlecht von den Nebelmaschinen und dann wollte sie nicht von allen angestarrt werden, wie es auf dem Dorf eben so üblich ist.

„Exakt. Und dann habe ich dich eben hier gesehen, Süße, und dachte, du kannst mir sicher einen guten Tipp geben, was ich deiner Schwester schenken könnte.“

Er rückt gefährlich nah an mich heran und macht Anstalten, meinen Rücken zu tätscheln. In letzter Sekunde schaffe ich es, Natascha zwischen uns zu schieben und seine Hand landet unverhofft auf ihrem dicken Bauch. Jetzt macht selbst mein gutmütiges Schwesterchen ein grimmiges Gesicht.

„Anfassen verboten!“

Mit spitzen Fingern entfernt sie seine Hand und ich unterdrücke ein Glucksen.

„Ja, ich habe einen guten Tipp: bleib besser zu Hause. Wird ziemlich öde heute Abend. Ich gehe wohl selbst nicht hin.“

„Aber es ist doch der Geburtstag deiner Schwester“, wundert der Blondschopf sich.

Achselzuckend wende ich mich ab.

„Familienverbindungen werden oft überschätzt.“

Damit gehen Natascha und ich zur Kasse. Flüsternd fragt sie: „Was ist denn das für eine Pfeife?“

„Wenn es nach Tine geht, dein zukünftiger Schwager."

Der Abend kommt und damit auch Björn. War klar, dass er sich von meinem Spruch nicht abhalten lässt.

Das Haus sieht beeindruckend aus. Das muss man Tine lassen. Sie hat überall Lampions aufgestellt, die Tische mit fliederfarbenen Seidenbändern dekoriert und Ein-Euro-Topfblumen zu hübschen Blickfängen arrangiert. Und das Büfett! Unglaublich!

Ihre Freundinnen haben Salate und Rohkost mitgebracht und die Jungen Bierkästen und Würstchen, die Thomas im Garten grillt. Die Würstchen natürlich, nicht die Bierkisten.

Wenn Tine Einsatz zeigt, dann richtig. Wie bei ihren Männern.

Zu fortgeschrittener Stunde sehe ich sie rittlings auf dem Schoß einen Jungen sitzen. Beim zweiten Hinsehen erkenne ich Kitt. Er sitzt auf dem mahagoniroten Ledersofa meiner Eltern in der hinteren rechten Ecke des Wohnzimmers, wo nur eine kleine Leselampe minimales Licht spendet. Tines Cocktailkleid aus Satin ist bis zu den Schenkeln hochgerutscht und die neuen Pumps hat sie nachlässig abgestreift.

Plötzlich spüre ich Björns Lippen an meinem Ohr, seine Hände auf meinen Hüften und - Hilfe, ja! - sein Glied an meinen Pobacken.

„Spinnst du?“, kreische ich. Ja, ich kreische. Stoße ihn empört weg. „Habe ich dich in irgendeiner Weise ermutigt?“

Einige Umstehende starren mich an. Mir gelingt es doch wirklich Paranoid zu übertönen. Peinlich, aber ich kann die Distanzlosigkeit dieses Menschen einfach nicht ertragen.

„Verflucht, was ist denn mit dir los? – Tine hat doch gesagt …“, Björn sieht wirklich aus, als habe ihn jemand vollkommen aus der Fassung gebracht. Als hätte ICH ihn vollkommen aus der Fassung gebracht.

„KRISTINE!!!“

Das hört nun auch das Fast-Geburtstagkind, steigt von ihrem Lover und lässt den Rock diskret ihre Beine hinuntergleiten bis er dort angekommen ist, wo er hingehört. Unwillig kommt sie näher, als sie Björn an meiner Seite sieht. Kitt folgt ihr mit zwei Metern Abstand.

Ich bin furchtbar wütend auf sie. Gerade Tine, meine eigene Schwester, fällt mir in den Rücken. Die Stellen, wo Björns Finger meinen Rücken berührt haben, prickeln noch immer. Meine Gefühle spielen verrückt. Ich hyperventiliere, das ist mir irgendwo bewusst, doch es gelingt mir nicht, mich zu beruhigen. Meine Stimme hört sich an wie ein Fauchen, als ich meiner Schwester gegenüberstehe.

„Was hast du zu Björn gesagt?“

„Gesagt? Ich?“, unschuldig flattert sie mit den Wimpern.

„Na, du hast mich doch eingeladen und gemeint, ich würde hier Rebecka treffen und Rebecka würde sich sicher freuen, mich zu sehen …“, schaltet sich Björn kleinlaut aus dem Off ein.

„Habe ich mich so ausgedrückt? Hm, ja …“, Tine kratzt sich ratlos am Kopf.

Ich fühle, wie die Hitze in mir hochsteigt, Tränen in meine Augen schießen. Wahrscheinlich habe ich rote hektische Flecken im Gesicht und am liebsten will ich schreien. Ein Paar Hände legt sich auf meine Schultern und ich zucke heftig zusammen.

„Nicht anfassen“, höre ich jemanden kreischen. Mich selbst!

Der Griff lockert sich, aber nur leicht.

„Ruhig, ganz ruhig. Komm erst mal mit“, die Stimme ist sanft und einschmeichelnd. Überraschenderweise werde ich ruhiger, lasse mich auf die Terrasse und die Natursteintreppe hinab nach draußen in den Garten führen. Der Juni ist gerade angefangen und kurz vor Mitternacht hat sich die Temperatur stark abgekühlt. Ich zittere.

„Erst einmal durchatmen“, flüstert die Stimme. Wir sind an unserem Boskoop-Apfelbaum, den Papa zu Thomas‘ Geburt gepflanzt hat und darunter steht eine gusseiserne Gartenbank. Die Sitzkissen nimmt Mama jeden Abend mit ins Haus, um sie vor Tau und Regen zu schützen und so lasse ich mich auf die kalte Sitzfläche gleiten. Das Gesicht in Händen vergraben, versuche ich mich zu entspannen.

„Das war so schrecklich. Ich verstehe Tine nicht. Ich kann den Kerl nicht ausstehen und immer, immer wieder schleppt sie ihn an. Das habe ich echt nicht nötig.“

„Nein, das hast du nicht nötig“, sagt die Stimme ruhig. Meine Hände gleiten von meinem Gesicht und ich sehe meinen Helfer an. Vor mir hockt Kitt, eine Hand auf der rechten Armlehne ruhend, meiner eigenen ganz nah ohne sie zu berühren. Die andere liegt auf seinem eigenen Knie.

„Besser?“

Ich nicke.

„Danke.“

Ohne sein Eingreifen hätte die Situation ganz unangenehm eskalieren können. Aufstehend glätte ich meine cremeweißen Leinenhosen und ziehe die dunkelbraune Bluse zurecht. Wir gehen langsam zurück. Keiner sagt ein Wort. Ich sehe weder Björn, noch Tine.

Die taucht erst wieder um fünf vor zwölf auf, als Thomas‘ Freund Ingo seine Gitarre herausholt und Kitt sich an ein Keyboard setzt. Gemeinsam stimmen sie Happy Birthday und She´s so amazing an. Viele von Tines Freunden stimmen ein, manche grölen übertrieben. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Meine auf dem Tiefpunkt.

Was hat Tine sich nur gedacht? Hat sie Björn wirklich falsche Hoffnungen gemacht oder hat dieser Sturschädel sie einfach nur so verstehen wollen? Momentan bin ich ratlos und noch immer tierisch sauer auf meine Schwester, ob nun begründet oder nicht.

Besser, ich gehe ins Bett und schlafe über die ganze Sache. Im ersten Stock angekommen, habe ich plötzlich Schiss, Björn könne sich in mein Zimmer schleichen. Langsam werde ich paranoid.

Nataschas Zimmer liegt gegenüber von meinem. Ich klopfe an, weil ich sie schon seit Stunden nicht gesehen habe und sie vielleicht schläft.

„Natascha? Natascha?“, flüstere ich.

Keine Antwort. Bei dem Lärm unten kann ich auch keine Atemgeräusche hören. Auf Zehenspitzen schleiche ich zu ihrer Schreibtischleuchte und knipse sie an. Das Futonbett ist leer, nur Teddy Ed sitzt verwaschen und abgenutzt wie immer auf dem Kopfkissen.

„Na, du übernachtest heute auf dem Schreibtisch“, sage ich zu Nataschas bestem und ältestem Freund und entferne ihn vom Bett. Aus dem Schrank meiner Schwester ziehe ich mir ein oranges T-Shirt. Es ist aus der Zeit vor dem Baby und ziemlich knapp geschnitten. Egal, ich bin zu faul, einen Schlafanzug aus meinem Zimmer zu holen. Meine Bluse und die Hosen lege ich über den Schreibtischstuhl und meine bis eben locker aufgesteckten Haare flechte ich zu dem gewohnten Zopf. Ein Haargummi fehlt mir und ich wühle in Nataschas Schublade nach einer Alternative. Dort liegen sorgfältig sortiert Glitzerspangen und Klemmen und jede Menge Seidenbänder, die sie sich oft als Haarband um den Kopf wickelt. Also schnüre ich davon eines um das Zopfende und schlüpfe unter die Bettdecke. Die passt so gar nicht in das Kleinmädchenzimmer im Stil von Emily Erdbeer und Sara Kay, in dem ich mich gerade befinde und ich sehe sofort: Das ist meine eigene Bettwäsche! Dunkelviolett mit hellgrauen Streifen. Da war wohl jemand zu faul, die eigenen Bezüge zu waschen. Nochmal egal, ich schließe die Augen und döse sofort ein.

Viertes Kapitel:

Obwohl ich tief und fest schlafe, scheint der Partylärm doch an meinem Unterbewusstsein zu kratzen. Ich schlafe unruhig und träume totalen Unsinn. Jungs begrapschen mich, fesseln mich mit meinem eigenen Haar an die Pfosten eines Stockbetts, tun mir unendlich weh.

Von Zeit zu Zeit scheint mir, als werde die Zimmertür geöffnet und geschlossen, Licht fällt kurz auf mein Gesicht, ich höre Thomas‘ Stimme auf dem Flur und zuletzt wieder Ruhe. Am Morgen wache ich auf dem Rücken liegend auf, frisch und erholt. Mein Kopf ist vollkommen leer und entspannt. Nur an meiner linken Schläfe ziept es, das Seidenband hat nicht gehalten und die Haare haben sich komplett aus dem Zopf gelöst.

„Das bedeutet eine halbe Stunde Knoten entwirren“, seufze ich.

Das orange T-Shirt ist ein wenig hochgerutscht und ich fühle eine warme Hand auf meinem Bauch. Ich sehe sie mir genauer an und erstarre: Groß, braun und dunkel behaart. DAS ist eindeutig nicht Nataschas Hand. Und auch der Kopf, der auf meinen Haaren liegt, ist nicht Nataschas. Jetzt bin ich in einem albernen Bauerntheater gelandet. An meiner Seite, bäuchlings, das schlafende Gesicht mit den langen braunen Wimpern in meine Richtung gedreht liegt Kitt. Kitt, der Arbeitskollege meines Bruders, der neue Lover meiner Schwester, schläft mit MIR im Bett meiner anderen Schwester. Das ist unglaublich!

Vorsichtig versuche ich, meine Haare unter seinem Gesicht hervorzuziehen. Natürlich vergeblich.

„Bin schon wach“, murmelt Kitt schlaftrunken und hebt kurz den Kopf an. Schnell setze ich mich auf.

„Du bist hier mit mir: Rebecka. - Nicht bei Tine.“

„Ich weiß.“

„Aber du bist in Nataschas Zimmer.“

„Weiß ich auch“.

Er rollt sich lässig auf den Rücken und streckt die Arme aus, wobei er mit den Gelenken gegen das metallene Kopfende schlägt.

„Autsch!“

Kitt reibt sich die Hände. „Ganz schön kleines Bett.“

„So groß bist du auch nicht.“

Ich bin unfähig, einfach aufzustehen und samt meiner Kleidung hinauszugehen.

„Was machst du hier?“ – Das will ich nun wirklich wissen.

„Die Party war zu Ende, Thomas hatte seine Wohnung schon voll bestückt mit Übernachtungsgästen und hat die Übriggebliebenen oben verteilt. Im Wohnzimmer auf den Sofas und Sesseln, in deinem Zimmer und bei Tine …“

„Wieso bist du nicht bei Tine?“, unterbreche ich ihn. „Sie hat auch einen Futon. Und wo ist Natascha?“

„Natascha habe ich nicht gesehen.“ Er reibt sich das Gesicht. „Bisschen viel Wodka zum Schluss. Kopfschmerzen.“

„Wieso bist du nicht bei Tine?!“, wiederhole ich gereizt. „Ich denke, du bist ihr neuer Freund?“

„Nein, bin ich nicht. Zufrieden mit der Antwort?“

Er sieht mich mit hochgezogener Braue an. Seine Haare sind gar nicht schwarz, sondern dunkelbraun.

Nein, zufrieden stellt mich die Antwort nicht. Habe ich einen Blackout?

„Aber du hast doch gestern mit ihr rumgeknutscht.“

„Habe ich“, er grinst. „Ich bin kein Heiliger. Trotzdem muss ich ja nicht gleich mit ihr schlafen.“

„Aber mit mir“, empöre ich mich. Verdammt, ich sollte Ruhe bewahren.

„Da hast du was falsch verstanden.“

Er beugt sich lächelnd zu mir.

„Wir zwei haben nicht miteinander geschlafen. Das hast du vielleicht geträumt.“

„Nein, ich habe nichts geträumt! Ich meine, ich weiß, dass wir nicht … das … das …“

Ich bin ganz verwirrt.

Kitt steigt aus dem Bett, in einem roten O.C.C.-T-Shirt und schwarzen Hipsters. Knackiger Hintern. Oh, verdammt.

Er schlüpft in seine zerrissenen Jeans, wühlt kurz auf Nataschas Schreibtisch und setzt sich wieder zurück zu mir aufs Bett.

„Darf ich?“

Er hält einen Kamm in der Hand.

„Was?“

Dazu fällt mir nichts mehr ein. Durch den Kopf schießt mir in etwa: Nein! Nicht anfassen! Geh raus, geh raus!

Doch ich sage gar nichts und er rutscht vorsichtig näher, als wolle er ein scheues Pferd streicheln. Sanft greift er nach einer Strähne, entwirrt sie mit den Fingern und lässt dann den Kamm hindurch gleiten.

„Dreh mir mal den Rücken zu“ bittet er. Seine Hände legen sich von hinten auf meine Hüften und schieben mich zum Bettrand. Dann setzt er sich mit gespreizten Beinen hinter mich.

„Solche Haare habe ich noch nie gesehen. Die sind echt der Hammer, aber bestimmt unpraktisch.“

„Bin ich von klein auf gewohnt. Außerdem sind Nataschas und Tines Haare auch nicht kürzer.“

Fast genieße ich seine geschickten Bemühungen. Außer meiner Mutter und meinen Schwestern darf sonst niemand an meinen Kopf. Die Haarspitzen schneiden wir uns gegenseitig, einen Friseursalon habe ich noch nie von innen gesehen.

Er legt sein borstiges Kinn auf meine linke Schulter, um mir ins Gesicht sehen zu können.

„Deren Haare habe ich aber nicht von so Nahem gesehen oder sie angefasst so wie deine jetzt.“