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In drei aufeinanderfolgenden Jahren wurde sie Europameisterin (1990), Weltmeisterin (1991) und Olympiasiegerin (1992) im Hochsprung. Noch heute ist sie die einzige Hochspringerin der Welt, der das jemals gelang. Dabei wollte Heike Henkel eigentlich viel lieber Kunstturnerin werden. Warum sie sich für die Leichtathletik entschied und wie der Erfolg ihr Leben veränderte, erzählt sie in ihrer ersten Biografie. Mit vielen spannenden Details und unterhaltsamen Anekdoten beschreibt sie ihre außergewöhnliche Karriere und ihren persönlichen Weg, der seit jeher von Neugier und Veränderung geprägt war. Der Wunsch, Neues zu entdecken und auszuprobieren, neue Wege einzuschlagen und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln: das ist es, was Heike Henkel seit jeher antreibt. Dafür war sie immer aufm Sprung – und ist es bis heute geblieben.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Die Biografie von
Hochsprung-Olympiasiegerin
Heike Henkel
SIBOST Verlag
Sabrina Bomke & Michael Sindija
Neuheikendorfer Weg 123 A24226 Heikendorfwww.sibost-verlag.de
Co-Autorin: Annette Spitzmesser
Lektorat & Korrektorat: Lektorat Buchgezeiten
Bilder: aus dem Privatarchiv von Heike Henkel
Cover/Umschlagsgestaltung: Phantasmal Image
Satz/Layout: Florian Koßmann
ISBN 978-3-98262-6-468
© SIBOST Verlag 2024
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.Kein Teil dieses Werks darf ohne schriftliche Erlaubnis des Autors in irgendeiner Form reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
INHALT
VORWORT
TEIL 1: KINDHEIT & JUGEND (1964 bis 1984)
Zu Hause in Kiel-Ellerbek
Hauptsache, in Bewegung
Ellerbeker Turnverein
Sport in der Schule
Vom Turnen zur Leichtathletik
Wechsel zum TSV Kronshagen
Aus Leidenschaft wird Leistungssport
Aufnahme in den Bundeskader
Hürden und Hindernisse
Sprung auf die internationale Bühne
TEIL 2: KARRIERE & REKORDE (1984 bis 1992)
Marken- und Medienrummel
Olympische Spiele 1984 in Los Angeles
Wechsel zu Bayer Leverkusen
Ausbildung zur Designerin
Olympische Spiele 1988 in Seoul
Eine Sportlerehe
Goldene Zeiten
Die frühen 90er-Jahre
Olympische Spiele 1992 in Barcelona
TEIL 3: FAMILIE & ENGAGEMENT
Entscheidung zwischen zwei Welten
Trennung und Neuanfang
Gefragte Expertin
The show must go on
Aufm Sprung in die Zukunft
Danksagung
Über die Autorin
Am 5. Mai 1964 wurde ich als Heike Redetzky in Kiel-Ellerbek geboren und erhielt schon in jungen Jahren den Spitznamen „Redetzkymarsch“. Nicht, dass ich mit dem böhmischen Feldmarschall Josef Wenzel Radetzky von Radetz irgendetwas gemeinsam gehabt hätte. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Aber die beiden Namen klingen nun einmal sehr ähnlich, und hinzu kam, dass ich schon als Kind ein echter Wirbelwind war. Man könnte sagen, ich war ähnlich auf Zack wie der weltberühmte Marsch von Johann Strauss, zumindest wenn es um Bewegung, ums Spielen oder um alles andere ging, woran ich Spaß hatte.
Die Welt erobern und Abenteuer bestehen, darin war ich unermüdlich. Seit ich denken kann, war der Wunsch, Neues zu entdecken und auszuprobieren, meine große Antriebskraft. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Immer wieder habe ich neue Wege eingeschlagen, mich neuen Herausforderungen gestellt und dabei viele wertvolle Erfahrungen gesammelt. Nicht immer habe ich die gesetzten Ziele erreicht, aber ich habe stets etwas Neues gelernt und schließlich genau das für mich zum Ziel erklärt: lernen und mich weiterentwickeln.
Folglich musste ich nicht lange überlegen, als mir ein Verlag anbot, meine Biografie herauszubringen. Ein Buch zum Thema Motivation habe ich vor vielen Jahren bereits veröffentlicht. Aber meine persönliche Geschichte zu erzählen, ist doch etwas anderes. Durch meine Vorträge weiß ich, dass sie für viele Menschen spannend ist. Doch so detailliert habe ich noch nie aus meinem Leben erzählt. Ich hoffe sehr, dass meine Geschichte für überraschende, inspirierende oder einfach nur unterhaltsame Momente sorgen wird – und wünsche viel Freude beim Lesen!
TEIL 1: KINDHEIT & JUGEND (1964 bis 1984)
Der Stadtteil Ellerbek liegt auf dem Kieler Ostufer und hat um die 6.000 Einwohner. Eine recht beschauliche Gegend also, in die ich 1964 hineingeboren wurde. Zwei Dinge prägten damals in meiner Wahrnehmung die Umgebung, in der ich aufwuchs – und somit auch einen Großteil meiner Kindheit: Wald und Wasser. Irgendwo dazwischen stand unser Haus. Mein Vater hatte das Haus, in dem wir wohnten, mit der Hilfe von Verwandten und Bekannten komplett in Eigenarbeit gebaut.
Hinter unserem Haus gab es einen Garten, an den ein weitläufiger Park grenzte. Wegen seines hohen Baumbestands nannten wir diesen Park immer unser Wäldchen. Durch eine kleine Hintertür in unserem Garten konnten wir unbemerkt ins Wäldchen verschwinden und verbrachten dort oft den ganzen Tag. In unsere Rucksäcke hatten wir vorher Marmeladenbrote gepackt und zum Abendessen schlüpften wir einfach wieder durch die Hintertür zurück in den Garten. Wirklich unbemerkt blieb unsere Abwesenheit natürlich nie. Meine Mutter kannte die Orte, an denen wir uns aufhielten, sehr wohl und hätte im Notfall immer gewusst, wo wir zu finden waren. Allerdings war der Radius, in dem wir uns damals frei bewegen durften, um ein Vielfaches größer, als das heute bei den meisten Kindern der Fall sein dürfte. Natürlich lauerten auch bei uns Gefahren, vor denen Eltern ihre Kinder beschützen möchten. Wir wurden aufgeklärt über Exhibitionismus und andere unangenehme Begegnungen, zu denen es kommen konnte, wenn wir unterwegs waren – ob im Park oder anderswo. Außerdem gaben unsere Eltern uns gewisse Verhaltensregeln mit auf den Weg, den wir dann aber über weite Strecken allein gingen. Es sei denn, wir begegneten dem örtlichen Polizisten auf seiner Streife durch den Ort. Er drehte seine Runde zwar nicht täglich, aber wir trafen ihn regelmäßig. Es war ein bisschen wie bei Pippi Langstrumpf, nur dass unser Polizist freundlich war und uns selbstverständlich nicht in ein Heim stecken wollte. Wenn ich heute in Ellerbek zu Besuch bin, sehe ich manchmal einen Polizeiwagen durch den Ort fahren. Aber die Polizisten, die darin sitzen, kennt heute, glaube ich, kaum noch jemand persönlich.
Das klingt alles sehr idyllisch und für uns Kinder war es das auch. Gleichzeitig befanden sich ganz in der Nähe unseres Hauses aber auch eine Werft und das Marinearsenal, in dem mein Vater arbeitete. Vermutlich war es gerade der Mix aus Idylle und Industrie, der mir eine unbeschwerte Kindheit ermöglichte. Ich wuchs mitten im Grünen auf, allerdings nicht hinter den Mauern einer prächtigen Villa, sondern in einer einfachen Arbeitersiedlung. Hier wohnten mein Vater, meine Mutter, meine beiden sieben und zwei Jahre älteren Schwestern und ich Wand an Wand mit meiner Oma und meinem Onkel, dem Bruder meines Vaters. Ihnen gehörte das Reihenhaus direkt nebenan. Mein Vater war sein Leben lang als Schweißer und Hilfsarbeiter auf dem Marinearsenal beschäftigt. Meine Mutter war Hausfrau und hatte abgesehen von der Arbeit im Haushalt mit uns drei Kindern alle Hände voll zu tun.
In unserem Leben gab es also einerseits nichts von dem, was man allgemein unter Luxus verstand oder heute versteht. Andererseits war ich umgeben von herrlicher Natur, und die Ostsee mit ihren wunderschönen Dünen und Stränden war nicht weit. Für viele Kinder in meinem Alter wäre das allein schon ein großer Luxus gewesen. In meinem speziellen Fall kam außerdem das Hobby meines Vaters hinzu, dem er sich mit großer Leidenschaft widmete: Er baute in unserem Garten Boote. Obwohl er nie eine entsprechende Ausbildung gehabt hatte, verstand er sich sehr gut auf alles, was mit dem Bootsbau zu tun hatte. Er nahm kleinere Reparaturaufträge an und besserte damit nebenbei das Familieneinkommen auf. Es war beeindruckend, wie er sich all seine Kenntnisse und Fertigkeiten autodidaktisch aneignete und dazu nutzte, ein kleines Motorboot für unsere Familie zu bauen. Wir tauften das Boot auf den Namen Robbe und stellten fest, dass es offenbar in vielen Familien in der Gegend üblich war, dass die Kinder den Namen des Bootes wählten. Sehr viele Boote, die uns begegneten, hießen nämlich Robbe. Als ich älter wurde, wünschte ich mir ein Kajak. Doch diesen Wunsch konnte mir mein Vater nicht erfüllen. Die Kosten für das erforderliche Material überstiegen unsere finanziellen Möglichkeiten damals bei Weitem. Auf diesen Luxus musste ich dann doch verzichten. Aber das fiel mir leicht. Das Gefühl, auf etwas Wichtiges verzichten zu müssen, habe ich trotz der einfachen Verhältnisse, in denen ich aufwuchs, nie kennengelernt. Wenn ein Kind in der Nachbarschaft aus seiner Kleidung herausgewachsen war, wurde sie weitergereicht und vom nächsten Kind getragen. In meiner Welt war das völlig normal. Sie war nicht so marken- und konsumverrückt, wie das heute oft der Fall ist. Wir hatten alles, was wir brauchten. Manchmal mehr, aber niemals weniger.
In unserem Garten spielten sich praktisch die gesamten ersten Jahre meines Lebens ab, egal bei welchem Wetter. Als ich größer wurde, erkundete ich die weitere Umgebung in unserem Wäldchen und fand dort immer wieder neue spannende Orte. Begleitet wurde ich dabei meistens von meinem Sandkastenfreund Guschi, der eigentlich Gustav hieß. Seine Eltern hatten ihn nach dem schwedischen König von 1729 benannt. Guschi und ich liebten es, draußen in der Natur durch die Gegend zu streifen, uns Spiele auszudenken, auf Bäume zu klettern und Hütten zu bauen. Wir machten aus so ziemlich allem ein Abenteuer. Wenn es ums Spielen ging, gab es für mich zwei Grundvoraussetzungen: draußen, und in Bewegung! Meine Mutter erzählte mir einmal, dass ich schon als sehr kleines Kind ständig aus dem Kinderwagen herauswollte. Ganz im Gegensatz zu meiner zwei Jahre älteren Schwester. Die war zwar eigentlich schon zu groß für den Kinderwagen, freute sich aber jedes Mal sehr, wenn der Platz für sie frei wurde, also wenn ich so lange quengelte, bis meine Mutter nachgab. Ansonsten blieb meiner Mutter kaum eine andere Wahl, als mich am Kinderwagen festzuschnallen. Das war auf manchen Spaziergängen – zum Beispiel am Wasser – eine reine Vorsichtsmaßnahme und diente meiner eigenen Sicherheit. Ich wäre ihr sonst einfach aus dem Wagen gesprungen.
Hauptsache, in Bewegung. Das war von Anfang an eine Art Lebensmotto für mich. Kaum kam ich irgendwo an, schaute ich mich neugierig um, verweilte nicht allzu lange und zog bald schon weiter auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. Nun sagt man, dass auch ein bewegtes Leben einen Ort braucht, an dem es zur Ruhe kommt. Einen Ort zum Nachdenken und Pläneschmieden. In meiner Welt war das die Schaukel in unserem Garten. Sie bot mir die Möglichkeit, an einem Ort zu verweilen und trotzdem in Bewegung zu sein. Ich verbrachte viele Stunden auf der Schaukel, hing meinen Gedanken und Tagträumen nach und genoss das gleichmäßige Auf und Ab. In Gedanken malte ich mir meine Zukunft in bunten Farben aus, wie es Kinder im Vorschulalter eben tun. Ich hatte fantastische Ideen, die ich, sobald mir etwas Neues in den Sinn kam, einfach wieder verwarf. Meine Schaukel war der Ort, an dem ich träumen und fantasieren konnte, an den ich mich genau dafür zurückzog und an dem ich mich immer geborgen fühlte. Ich war gern allein und konnte mich ausgezeichnet selbst beschäftigen. Abgesehen von Guschi hatte ich in den ersten Lebensjahren nur wenige Freundinnen und Freunde. Es kam daher oft vor, dass ich ganze Nachmittage auf der Schaukel verbrachte. Und während ich mir alle möglichen Dinge durch den Kopf gehen ließ, genoss ich diesen immer wiederkehrenden winzigen Moment der Schwerelosigkeit, wenn die Schaukel ihren Höhepunkt erreichte und es danach wieder abwärts ging. An manchen Tagen tauchte ich so tief in meine Traumwelt ein, dass ich alles um mich herum vergaß – auch das Mittagessen. Oder ich nahm mir einfach ein Butterbrot mit auf meine Schaukel und blieb den ganzen Tag dort. Wenn wir mit meiner Mutter auf einen Spielplatz gingen, schaute ich als Erstes nach den Schaukeln, um mir dort einen Platz zu sichern.
Wenn der Sommer vorbei war, bot unser Garten neben der Schaukel eine weitere Attraktion, die Guschi und ich nur zu gern zum Spielen nutzten: unser Boot, das mein Vater zum Überwintern dort abstellte. Mal diente es uns als Höhle, in die wir uns verkrochen, mal stellten wir uns vor, wir wären Piraten auf hoher See, die den Gefahren von Wind und Wellen trotzten. Die Ideen für neue Abenteuer und Spiele gingen uns nie aus. Als nach einem schweren Sturm im Park hinter unserem Haus einmal etliche Bäume gefällt werden mussten, wurde ein großer Teil der Holzstämme in unserem Garten gelagert. Das war natürlich grandios, denn dadurch hatten wir jede Menge Material für unsere fantastischen Bauvorhaben. Wir ergänzten unseren Spielbereich rund um das Boot durch Flöße und Höhlen und bauten so unsere Fantasiewelt immer weiter aus. Im Sommer war das Boot natürlich noch attraktiver. Dann fuhren wir mit der ganzen Familie an den Strand. Ich liebte die Fahrten mit unserem Motorboot sehr. Je mehr Action auf dem Wasser war und je höher das Boot über die Wellen sprang, desto mehr Spaß hatte ich dabei. Auch in dieser Hinsicht unterschied ich mich eindeutig von meiner zwei Jahre älteren Schwester. Ihr wurde bei unseren Bootsfahrten selbst auf ruhiger See oft schlecht. Sobald wir an Bord gingen, verkroch sie sich im hintersten Winkel des Bootes und war froh, wenn die Fahrt vorüber war. Ich dagegen sprang im Rhythmus der Wellen auf dem Boot herum und genoss jede Bewegung. Auch im Wasser konnte ich nicht genug davon bekommen. Interessanterweise lernte ich erst sehr spät schwimmen, obwohl wir eigentlich immer im Wasser waren. Vermutlich lag es daran, dass wir nie ins Meer hinausschwammen, sondern im seichten Wasser am Strand spielten. Ich hatte einen Heidenrespekt vor dem tiefen Wasser. Je dunkler es wurde, desto misstrauischer und ehrfürchtiger war ich. Im Hafen schaute ich oft vom Steg oder über den Bootsrand in die dunkle Tiefe hinab und fragte mich, ob dort wohl Meeresungeheuer lauerten. Auf gar keinen Fall wollte ich hineinfallen, um das herauszufinden. Also war ich entsprechend vorsichtig. Wir verbrachten praktisch den ganzen Sommer am Strand und in den Dünen. Jeden Tag, egal bei welchem Wetter. In meiner Fantasie reiste ich in den Süden und stellte mir vor, ich befände mich an einem Karibikstrand oder am Mittelmeer. Zweimal sind wir in Urlaub auf die Insel Amrum gefahren. Das waren wunderbare Ferien, an die ich noch heute sehr gerne zurückdenke.
Angetrieben vom unbändigen Drang nach Bewegung entdeckte ich irgendwann auch das Fahrradfahren und weitere bei Kindern beliebte Fortbewegungsmittel. So wurde nach dem Schaukeln das Rollschuhfahren zu meiner zweitliebsten Form der Bewegung. Allerdings gab es damals noch keine Inlineskater. Bei dem, was wir Rollschuhe nannten, handelte es sich um vier Rollen, die an einer Metallschiene befestigt waren. An der Schiene wiederum befanden sich Riemen, mit denen man die Konstruktion unter den eigenen Schuh schnallen musste. Riss einer der Riemen, war das in aller Regel schwer zu reparieren. Doch wir wussten uns zu helfen: Wir beschafften uns dicke Gummiringe, die unsere Mütter normalerweise zum Verschließen von Einmachgläsern verwendeten, und wickelten sie so oft um den Fuß, bis die Schiene wieder fest am Schuh saß. Die Straße, in der wir wohnten, war leicht abschüssig und ich liebte es, sie mit hoher Geschwindigkeit hinunterzurollen. Mal auf dem Fahrrad, mal mit Rollschuhen und manchmal mit dem Kettcar meines Sandkastenfreunds. Hauptsache, irgendwie die Straße hinunterdonnern, das war das Größte für uns. Damals standen und fuhren dort kaum Autos, daher konnten wir uns noch ziemlich frei bewegen. Auf Rollschuhen übten wir Pirouetten und andere Kunststückchen und ich stellte mich dabei sehr geschickt an. Als die Straße uns nicht mehr genug war, ging es mit den Fahrrädern ins Wäldchen, wo wir mit hohem Tempo über die schmalen Wege bretterten. Ich bekam ein Erwachsenenfahrrad geschenkt, das noch ein wenig zu groß war. Meine Füße reichten zwar bis an die Pedalen, aber nicht bis zum Boden, wenn ich auf dem Sattel saß. Aber ich war schneller damit, und das war es, was zählte. Neben dem Bedürfnis nach Bewegung hatte ich nämlich inzwischen große Freude an Geschwindigkeit entwickelt. „Schneller, höher, weiter“ wurde zum neuen Motto von Guschi und mir. Das galt auch, wenn wir auf der Schaukel saßen und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ oder andere Schunkellieder sangen, die sich perfekt zum Schaukeln eigneten.
Da mein Bewegungsdrang auch meine Mutter vor so manche Herausforderung stellte, tat sie eines Tages das einzig Logische: Sie meldete mich im Turnverein an. Ich war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Die Turnhalle befand sich am Ende der Straße, in der wir wohnten, nur ein paar Minuten Fußweg von unserem Haus entfernt. Die Entscheidung meiner Mutter erwies sich als Volltreffer. Ich liebte das Turnen vom ersten Moment an sehr. Ständig konnte ich dort neue Dinge ausprobieren und lernen. Fleißig trainierte ich jede Übung, die uns gezeigt wurde. Das Größte war für mich, wenn meine Mutter uns abholen kam und schon ein paar Minuten früher in der Halle war. Dann konnte ich stolz meine neusten Kunststücke vorführen. Nach dem Training ging es dann in unserem Garten auf alten Matratzen weiter mit dem Turnen. Das mag leichtsinnig klingen, aber so lernten wir unsere Grenzen kennen. Ich kann mich jedenfalls an keinen Unfall erinnern. Ich liebte das Turnen vom ersten Moment an sehr. Schon damals im Turnverein wollte ich immer zu den Besten gehören. Das galt im Übrigen auch für andere Bereiche wie zum Beispiel Malen und Zeichnen. Wenn wir als Kinder ein Bild zu einem bestimmten Thema anfertigen sollten, hatte ich immer den Anspruch, das schönste Bild zu malen. Auch da war ich ehrgeizig.
Mit großen Augen staunte ich nun im Turnverein über die Mädchen und Jungen, die in der Leistungsgruppe trainierten. Das wollte ich unbedingt auch! Ich fragte mich, zu welchen Leistungen ich wohl fähig wäre. Was steckte in mir? Wo lagen meine Grenzen? Solche Fragen beschäftigten mich schon im Grundschulalter. Hatte ich etwas Neues geschafft, machte mich das ungeheuer stolz. Gleichzeitig weckte jedes Erfolgserlebnis in mir den Drang, sofort die nächste Übung anzugehen und die nächste, höhere Leistungsstufe zu erreichen. Das Training im Ellerbeker Turnverein bereitete mir so viel Freude, dass sich daraus schließlich sogar ein erster Kindheitstraum – oder besser gesagt ein Traumberuf – entwickelte: Ich wollte Zirkusakrobatin werden! Die Leichtigkeit, mit der die Artisten durch die Luft flogen und ihre atemberaubenden Kunststücke am Trapez vollführten, faszinierte mich sehr. Wie sie nach einem mehrfachen Salto aufgefangen wurden und danach ins Publikum strahlten, als sei das ein Spaziergang gewesen, dafür konnte ich mich unglaublich begeistern. Irgendwann nach den ersten Jahren in der Grundschule wurde mir dann natürlich klar, dass der Zirkus vermutlich keine reale Option für meine Berufswahl sein würde. Trotzdem trainierte ich unbeirrt weiter und übte so lange Flickflacks, bis ich sie gut genug beherrschte, um mich an einen Salto heranzuwagen. Der Ellerbeker Turnverein hatte inzwischen eine Saltomatte angeschafft, also konnte das Training beginnen. Den Tag, an dem mir zum ersten Mal ein Salto gelang, werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Es fühlte sich grandios an! Ich trainierte Salti in allen möglichen Varianten und fühlte mich unglaublich – auch wenn ich inzwischen wusste, dass ich damit niemals in einem Zirkus auftreten würde.
Ungefähr zur gleichen Zeit kam ich auf die weiterführende Schule, wo ich mich ganz neuen Herausforderungen stellen musste. Während es in der Grundschule bei mir nie Probleme gegeben hatte, kam ich auf dem Gymnasium plötzlich nur noch schwer zurecht. Ich quälte mich, um ehrlich zu sein, von einer Klasse in die nächste. Besonders große Schwierigkeiten hatte ich in Deutsch. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich einmal mehrere Bücher veröffentlichen würde, hätte ich wahrscheinlich einen Lachanfall bekommen. Der einzige Lichtblick, der sich mir am Gymnasium bot, war die große Vielfalt an unterschiedlichen AGs, die es dort gab. Neben dem Chor, der Flötengruppe und dem Schulorchester, in dem ich eine Weile Querflöte spielte, waren es vor allem die Sport-AGs, die mich interessierten. Der normale Stundenplan hatte abgesehen von den kreativen Disziplinen wie Musik, Kunst, textiles Werken usw. kaum etwas zu bieten, das mein Interesse weckte. Leider kam und kommt man bis heute mit meinen Vorlieben und Begabungen auf dem Gymnasium nicht allzu weit. Immerhin gab es eine Turn-AG, und dort meldete ich mich natürlich sofort an. Das Beste war: Andrea Bieger, die amtierende deutsche Meisterin im Turnen, ging ebenfalls auf das Gymnasium, das ich besuchte. Sie gewann mehrere deutsche Meistertitel und nahm später auch an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teil. Ich wollte unbedingt mit ihr zusammen trainieren – und eines Tages genauso erfolgreich sein wie sie. Aus reiner Neugier belegte ich außerdem einige weitere Sport-AGs. Ich probierte es mit Trampolinspringen, Fechten, Basketball und Volleyball. Im Grunde machte mir jede Sportart auf ihre Weise Spaß. Aber in keiner, die ich damals ausprobierte, war ich überragend gut, deshalb verlor ich in aller Regel schnell das Interesse daran. Sport machte mir zwar grundsätzlich immer Spaß, weil ich alles liebte, was mit Bewegung zu tun hatte. Aber so richtig mit Leidenschaft war ich nur dabei, wenn ich merkte, dass ich zu den Besten gehörte oder gehören konnte.
Im Turnen war ich im Vergleich zum allgemeinen Schulsportniveau durch das jahrelange Training im Ellerbeker Turnverein besser als der Durchschnitt. Daher wurde ich am Gymnasium in die Leistungsgruppe aufgenommen und bekam nach einer Weile die Möglichkeit, mit der Mannschaft bei einem Landesvergleich zu starten. Es war mein erster Wettkampf als Turnerin auf Landesebene und ein unglaubliches Erlebnis. Ich beobachtete die vielen Teilnehmerinnen, die aus allen Teilen des Bundeslandes angereist waren, sehr genau und schaute mir alles aufmerksam an. Bisher hatte mich Konkurrenz immer motiviert und angespornt. „Das will ich auch schaffen“, war stets mein erster Gedanke, wenn andere besser waren als ich. Doch diesmal war es anders. Bei diesem Wettbewerb traten die besten Turnerinnen von Schleswig-Holstein an und ich machte eine Entdeckung, die meine sportliche Laufbahn verändern sollte. Ich stellte fest, dass ich als Turnerin niemals so gut sein würde wie die Teilnehmerinnen, die hier die ersten Plätze belegten. Mir wurde klar, dass mir dazu sehr wichtige Voraussetzungen fehlten. Zum einen war ich sehr groß, was für die meisten akrobatischen Übungen einfach grundsätzlich von Nachteil ist bzw. sie schwieriger macht. Daneben mangelte es mir an Eleganz und Ausdruckskraft in den Bewegungen. Um es auf den Punkt zu bringen: Mein Auftritt war im Vergleich eher peinlich und es war klar, dass es mein letzter sein würde. Wer einmal bei einem Turnwettbewerb zugeschaut hat, weiß, was ich meine. Ich musste mir eingestehen, dass sowohl die Turnerinnen in meiner eigenen Mannschaft als auch die Konkurrentinnen von den anderen Schulen in dieser Hinsicht deutlich überzeugender auftraten als ich. Ich musste mich der Tatsache stellen, dass ich eine Leistungsgrenze erreicht hatte. Für mehr würde es nicht reichen. Die anderen waren nicht nur besser. Ich würde auch mit viel Training nicht mit ihnen mithalten können. Obwohl das jetzt sehr endgültig klingen mag, war es damals keineswegs ein Grund für mich, das Turnen an den Nagel zu hängen. Trotz meiner Erkenntnis war und blieb Turnen mein Lieblingssport – jedenfalls noch eine ganze Weile.
Auf der Suche nach einer Sportart, in der ich es an die absolute Spitze schaffen konnte, probierte ich wie erwähnt so manches aus. Wichtig war, dass es sich für mich lohnte. Ein Pokal, eine Medaille oder eine herausragend gute Note – etwas in dieser Art musste schon drin sein für mich. Hatte ich das Gefühl, das war möglich, hängte ich mich voll rein und war topmotiviert. War das nicht der Fall, verlor ich umgehend die Lust und das Interesse. So war es zum Beispiel beim Tennis. Schnell stellte sich heraus, dass ich in diesem Sport keinen Blumentopf gewinnen würde, und einfach aus Spaß den Ball übers Netz zu schlagen, war keine Option für mich. Hinzu kam, dass ich in einer Trainingsstunde umknickte und mir eine schmerzhafte Verletzung am Knöchel zuzog. Das verdarb mir endgültig den Spaß am Tennis und sollte später auch noch Konsequenzen haben. Mit allen anderen Ballsportarten ging es mir im Prinzip ähnlich. Sie machten mir Spaß, aber ich war nicht herausragend gut darin. Mir fehlte das Ballgefühl, also verschwendete ich meine Zeit nicht damit. Anders war es in der Schwimm-AG. Hier lief es so gut, dass ich in der Schule gefragt wurde, ob ich bei „Jugend trainiert für Olympia“ mitmachen wollte. Das wiederum war mir – bei allem Stolz über das große Lob und die Wertschätzung – dann doch eine Nummer zu groß. Schwimmen gefiel mir zwar gut und ich bewunderte die Leichtigkeit, mit der die Sportler:innen durchs Wasser glitten. Mir selbst traute ich das aber nicht wirklich zu. Zu groß war mein Respekt vor der Kraftanstrengung und der Ausdauer, die man fürs Schwimmen brauchte. Ich kam da schnell an meine Grenzen. Das alles passte einfach nicht hundertprozentig zu mir und gab mir kein gutes Gefühl.
