Abtauchen - Josephine Ehlert - E-Book

Abtauchen E-Book

Josephine Ehlert

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Beschreibung

»Bei Herzschmerz weitervögeln!«, lautet das Credo von Rubina, Erotikkolumnistin und um kein Thema verlegen, wenn es um die schönste Sache der Welt geht. Rubina aber heißt im wahren Leben Suse, ist beinahe Mitte dreißig und soeben frisch getrennt. Um diesmal nicht ihrer üblichen Trennungsroutine zu erliegen, bucht sie Hals über Kopf einen Flug ans andere Ende der Welt. Auf Bali will sie ihrem eigenen Rat folgen und den Ex aus ihrem Herzen drängen, dafür ist ihr erst mal (fast) jedes Mittel recht. Was folgt, ist nicht nur Material für neue Kolumnen, denn Suse – fest entschlossen, jeglicher Romantik zu entsagen – bleibt nicht lange allein. Einige sexuelle Eskapaden, urkomische Begegnungen und den ein oder anderen Bruch mit ihren eigenen Vorsätzen später erkennt Suse auf dieser Reise zu sich selbst doch noch, was wirklich hilft bei gebrochenem Herzen. Mit viel Gespür für Situationskomik hat Josephine Ehlert einen Roman geschrieben, der sinnliches Abenteuer und Romanze, Lebenslust und Selbsterkenntnis mit Leichtigkeit so verbindet, dass den Leser*innen alles wird, nur nicht langweilig.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die Autorin

Josephine Ehlert, geboren und aufgewachsen in Ostberlin, studierte Schauspiel in Wien. Sie lebt in Hamburg und arbeitet als Schauspielerin in TV und Theater sowie als Autorin und Filmemacherin. Als Kind schon fängt sie an, Geschichten zu verfassen. Als sie vierzehn ist, entsteht ihr erstes Theaterstück. 2011 beginnt sie, Drehbücher zu schreiben, und produziert ihren ersten Kurzfilm. Weitere Filme und Theaterstücke folgen und werden mehrfach ausgezeichnet. In der erfolgreichen Miniserie »Servus Baby« spielt sie seit 2015 eine der vier Hauptrollen. »Abtauchen« ist ihr erster Roman.

Josephine Ehlert

ABTAUCHEN

ROMAN

© 2020 Josephine Ehlert

1. Auflage

Autorin: Josephine Ehlert

Umschlaggestaltung: Barbara Dezasse

Lektorat, Korrektorat: Manuela Winkler

Satz: Diemo Barz

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg

ISBN:

Paperback: 978-3-347-16011-8

Hardcover: 978-3-347-16012-5

E-Book: 978-3-347-16013-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Leni

Inhalt

Cover

Die Autorin

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Abtauchen

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Titelblatt

Urheberrechte

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Kapitel 1

Kapitel 18

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›Ich würde meinen Rock hochraffen, das Höschen beiseiteschieben und mich dann nach vorn beugen, damit seine Finger mich da unten kitzeln, bis ich feucht bin, und sein harter Schwanz leicht in mich eindringen kann.‹ Es war gerade mal 11:34 Uhr, und Suses Gedanken kreisten schon wieder um die schönste Sache der Welt. Ihr wurde ganz warm im Schritt. Hmmm, was für eine schöne und heilsame Vorstellung: eine kleine Nummer auf der Flugzeugtoilette mit dem gut aussehenden Steward aus der ersten Klasse. Das wäre jetzt genau der richtige Start für ihre »Reise zurück zum Glück«.

Jedenfalls, wenn das hier der spielerisch humorvolle Softporno wäre, den sich Suse manchmal anstelle ihres eigenen Lebens wünschte. Mit ganz einfachen Zutaten: zusätzlich zu ihrem beruflichen Erfolg nämlich mit einem tollen Mann und einer liebevollen Beziehung, die den Alltag angenehm machte und trotzdem aufregend blieb. Weil man zu zweit immer wieder neue Abenteuer erlebte und das auch in erotischer Hinsicht. Wieso bitte konnte das Leben nicht so sein? Wieso war Suse mit beinahe Mitte dreißig gerade mal wieder voll auf die Fresse gefallen? Und wieso tat das auch dieses Mal wieder so weh? Suse stoppte das Gedankenkarussell. Diese Fragen brachten sie nicht weiter. Ein kleiner Drink hingegen könnte zumindest für ein wenig Prickeln auf der Zunge und ein bisschen Ruhe im Kopf sorgen. Sie stand auf, zuppelte ihr Minikleidchen zurecht und trat betont lässig durch den Vorhang, der die Reisenden der Business Class vor Blicken der Normalsterblichen schützen sollte. Wenn schon kein Sex auf der Flugzeugtoilette, dann konnte doch zumindest ein kleiner Flirt nicht schaden. Suse hatte ein Credo für diese Reise: Nichts bereuen, alles probieren. Also los!

Die erste Klasse war halb leer. Sie guckte auf angegraute Halbglatzen und aufgeschlagene Finanzzeitungen, zwei brünett gefärbte Turmfrisuren und einen weißblonden Hinterkopf, auf dem rosafarbene Riesenkopfhörer klemmten. Suse ging zielstrebig in Richtung des Cockpits und spürte die Blicke, die von den Laptops oder Zeitungen hinunter auf ihren Hintern glitten und dort kleben blieben. Das Kleid war neu. Sie hatte es sich vor zwei Tagen gekauft, zusammen mit einer Sonnenbrille, drei Bikinis und dem Flugticket. Das war alles zusammen ziemlich teuer gewesen und überhaupt nicht gut überlegt. Aber keine zwei Stunden vorher hatte Tom ihr mitgeteilt, dass er ausziehen würde. Bumm! Er trennte sich von ihr nach gut drei Jahren, und zwar ohne jede Vorwarnung.

Es war Suses Art, so zu reagieren. Das war ihre Strategie, die Kontrolle zurückzugewinnen. In dem Moment selbst hatte sie stumm dagesessen, Tom angestarrt und irgendwann gefragt: Wieso? Als er angefangen hatte, von seiner neuen Kollegin zu sprechen, hatte sie augenblicklich die Hand gehoben und ihm damit zu verstehen gegeben, er solle die Klappe halten. Dann hatte sie ihm zwei Stunden Zeit gelassen, seine wichtigsten Sachen zusammenzupacken, und sich selbst in ihr Büro verzogen, wo sie die Zeit damit verbrachte, ihre endlose Enttäuschung online wegzushoppen.

Bali war lange ihr Traum gewesen. Ihr gemeinsamer Traum eigentlich. Doch nun würde sie allein fliegen. Sie würde am Strand ein paar Tränen vergießen, und dann würde sie sich trösten und dabei richtig verwöhnen lassen. Immer und immer wieder. Bis es ihr wieder gut ginge. So weit der Plan. Und jetzt war Suse unterwegs in diesen Urlaub, und das teure, neue Kleidchen stand ihr verdammt gut.

»Was kann ich für Sie tun?«

Suse zuckte unwillkürlich zusammen. Der attraktive Steward sah aus der Nähe noch besser aus. Tiefdunkle braune Rehaugen und ein Grübchen im Kinn, das trotz seines sexy Dreitagebarts gut zu sehen war.

»Oh, wahrscheinlich einiges«, hauchte Suse und lächelte unschuldig. Sie sah auf seine breite Brust und las sein Namensschild: »Heiko?«

»Ja, Heiko. Sie befinden sich hier in der Business Class. Ich glaube, Ihr Platz ist in Reihe 23?«

Suse lächelte frech: »Ach, das haben Sie sich gemerkt, Heiko?«

»Darf ich Sie zurück auf Ihren Platz bitten? Wir rechnen demnächst mit Turbulenzen.« Heiko verzog keine Miene.

»Ich wollte zur … ›Toilette‹«, erklärte Suse und merkte selbst, dass es klang, als spräche sie vom angesagtesten Swingerclub der Stadt. Upsi, das war eine Nummer zu dick gewesen.

»Es befinden sich mehrere ›Toiletten‹ im hinteren Bereich des Flugzeugs«, Heiko machte einen Schritt auf sie zu, um seiner Ansage Nachdruck zu verleihen. Suse aber blieb einfach stehen, und so standen sie einander auf einmal sehr nah gegenüber.

»Das ist ein sehr guter Duft, Heiko. Gefällt mir. Tut mir leid, dass ich mich verlaufen habe«, Suse streckte ihm ihre Nase und Lippen fast unmerklich noch ein Stückchen weiter entgegen, dann drehte sie sich um und warf ihm einen Blick über die Schulter zu. Ha! Sexy Heiko schaute augenblicklich auf ihren Allerwertesten. Das Kleid war wirklich ein guter Kauf gewesen, scheiß’ auf den Preis!

Als Heiko ihren Blick auffing, wurde er für den Bruchteil einer Sekunde rot – erwischt! Dann aber trat er mit bierernster Miene an ihr vorbei und ging vor, in Richtung ihres Platzes. Er hielt ihr den Vorhang auf: »Bitte sehr.«

Suse hatte auf ein Lächeln gehofft, vielleicht wenigstens auf die Andeutung eines Augenzwinkerns. Doch Heiko, der große Dunkelblonde mit der schicken Uniform, würdigte sie keines Blickes mehr. Zerknirscht ließ sich Suse wieder auf ihren Platz fallen. Nun musste sie doch die schwarz gefärbte Babydoll-Stewardess rufen, um sich ihren ersten Longdrink zu bestellen. Diese Ich-vergesse-meinen-Exfreund-Reise sollte wenigstens mit einem gehörigen Rausch beginnen.

Wenn Tom jetzt hier wäre, hätten sie Bloody Mary getrunken, wie immer auf einem Flug. Wieso hatten sie zusammen eigentlich nie Sex im Flugzeug in Erwägung gezogen? War ihr Sexleben einfach zu langweilig geworden? Hatte er sich deshalb getrennt? Bis auf die Tatsache, dass Tom sie nicht oral beglücken wollte, waren sie doch beide immer gut auf ihre Kosten gekommen. Suse wurde sauer. Wieso saß sie jetzt hier und überlegte, ob sie ihrem verdammten Ex vielleicht sexmäßig nicht genug geboten hatte? War das ihr Ernst? Jedenfalls war sie nun erst mal durch mit angenehmen erotischen Träumen von harten Fremdschwänzen und gekonnten Fingerspielen unter ihrem Kleid. Sie klappte ihren Laptop auf und machte den ersten Eintrag in ihr Urlaubstagebuch:

Ziele für meine Suse-wird-wieder-glücklich-Reise: Ich will geleckt werden. Bis ich komme. Danach soll er mich streicheln. Und wenn ich dann wieder Lust bekomme, darf er langsam in mich eindringen.

So einfach war das. Das erste Urlaubsziel war formuliert. Tom aus ihrem Kopf zu bekommen, sollte nur eine Frage der Zeit sein. Dann öffnete sie den Ordner »Work«, begann ein neues Dokument und tippte:

Wolke Sex: Der Mile High Club

Umfragen zeigen, dass sich wahnsinnig viele Menschen Sex im Flugzeug wünschen. Wem das gelingt, der wird Mitglied im inoffiziellen Mile High Club. Ich frage mich gerade, was an Sex in einer verdammt kleinen Kabine eigentlich so aufregend sein soll – außer der Möglichkeit, sich hinterher ein Leben lang mit der Mitgliedschaft in diesem angeblich bestehenden Club brüsten zu können. Seien wir mal ehrlich, atmosphärisch ist das Ganze doch eine Katastrophe. Und so ganz unwichtig ist das Ambiente nun auch nicht für die schönste Nebensache der Welt. Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, auf fremden Pipitröpfchen herumzurutschen oder: dass es stinkt? Hinzu kommt der Stressfaktor. Für viele Menschen ist es angeblich erregend, wenn sie wissen, dass Fremde ihr erotisches Treiben – zumindest theoretisch – sehen oder akustisch mitverfolgen können. Für genauso viele Menschen aber bedeutet diese Möglichkeit Stress, und dann geht untenrum gar nix mehr, das ist mal klar. Und sicherlich findet nur noch eine verschwindend kleine Gruppe an Männlein und Weiblein es eine sehr verführerische Idee, beim Versuch, Mitglied im Club zu werden, von der Stewardess erwischt und mit Standpauke und eventuell sogar mit Strafanzeige unter Gejohle der Mitreisenden zum eigenen Platz eskortiert zu werden.

Also, mir persönlich ist die Lust auf Sex im Flugzeug schnell vergangen. Wer unbedingt unter diesen Bedingungen eine Nummer schieben will, sollte bei einem Nachtflug auf wenige Mitreisende hoffen. Dann lässt sich das vielleicht sogar unauffällig in der eigenen Sitzreihe erledigen. Ganz wichtig: bequeme Klamotten, die sich schnell und unauffällig hoch- und wieder runterziehen lassen.

Übrigens: Erst vor Kurzem hat sich ein Paar dabei erwischen und sogar filmen lassen – tagsüber, auf einem Flug nach Mexiko. Das Video ging natürlich ordentlich ab in den sozialen Netzwerken. Wer es darauf anlegt, ist einfach nur an vielen Klicks interessiert und kein bisschen an Erotik im Alltag. Meine Meinung. Jetzt Ihr!

Eure Rubina

Suse las den Text noch einmal durch. Noch zwei Stunden bis zur Zwischenlandung. Ihre erotische Kolumne war auch schon mal fluffiger gewesen. Sie konnte die Feedbackmail ihrer Chefredakteurin schon vor sich sehen: »Ist okay. Für übermorgen sexyer bitte. Und den Humor nicht vergessen.« Bla, bla, bla … Sie hatte noch ein paar bessere Texte in Reserve, das war gut, aber ganz ohne Arbeit würde es nicht gehen in den nächsten zwei Wochen.

Suse dachte an Tom. An ihre Abende in der Küche beim gemeinsamen Kochen und Weintrinken. An sein echt bemühtes Feedback zu ihrer Arbeit. An ihren letzten Urlaub auf den griechischen Inseln und schließlich an seine Hände auf ihrem Hintern und zwischen ihren Beinen. Und dann sah sie ihn wieder vor sich sitzen, wie er zusammengesunken in sein Glas starrte. Jetzt würde er wahrscheinlich gerade in ihrer Wohnung seine Sachen zusammenpacken. Scheiße!

2

Die Landung war unsanft. Suse schreckte hoch. Nach dem dritten Cuba Libre war sie offenbar doch noch eingeschlafen. Sie glaubte, sich an einen Traum mit Tom zu erinnern. Tom, der mit Steward Heiko vor der Flugzeugtoilette stand und sich über Suse lustig machte, die in der Toilette feststeckte und die Tür nicht aufbekam. Was für ein Quatsch.

Noch ziemlich angetrunken sammelte Suse ihren Kram zusammen und wartete darauf, dass die Business Class ihre Luxusärsche aus dem Flugzeug schob. Sie wankte ein bisschen. Oder vielleicht stand ja das Flugzeug doch noch nicht still? Jetzt wäre es toll gewesen, Tom hier zu haben. Er hätte ihr seine Hand entgegengestreckt und sie sicher aus dem Flugzeug geleitet.

»Hoppla!«

Suse war Heiko direkt in die Arme gestolpert. »Ohgottverseihung«, nuschelte sie.

»Diese Stufe ist gefährlich«, Heikos Stimme klang ganz warm und verständnisvoll. Er sah ihr tief in die Augen. Huch! Und er ließ sie gar nicht los? Offenbar hatte er seine Meinung über einen Flirt mit einer Passagierin spontan geändert. Oder hatte er am Ende in der Zwischenzeit auch ein paar Drinks gebechert? Suse rappelte sich hoch. Heiko hielt sie unnötigerweise immer noch an den Armen fest.

»Hatten Sie denn einen angenehmen Flug?«, fragte er und sah einmal an ihr herunter. »Fliegen Sie bald wieder mit uns?«

»Jaja«, sagte Suse und wusste gar nicht, wohin mit sich. Jetzt, da sie müde und angetrunken war, fühlte es sich gar nicht gut an, so hemmungslos angemacht zu werden. Sie spürte, dass das verflixte neue Minikleid gerade eher auf der Position eines breiten Gürtels hing. Peinlich berührt versuchte sie erfolglos, es ein Stück nach unten zu schieben, als sie von hinten einen unsanften Schubs bekam. Der fette Dauerpupser aus der Reihe vor ihr wollte offenbar schnellstmöglich in den Duty-free einfallen. Suse konnte sich gerade noch abstützen, um nicht noch einmal in den muskulösen Steward hineinzufallen, und stiefelte dann nervös lächelnd, so schnell es ging, über die Gangway hinaus.

***

Fünf Stunden Aufenthalt in Doha lagen vor ihr. Was für eine beschissene Idee, diese Verbindung zu wählen, weil sie zweihundert Euro günstiger war! Beschwipst zuckte Suse mit den Schultern, als wollte sie ihrer inneren Stimme eine Antwort geben. Hinterher ist man eben immer schlauer. Auch in Bezug auf Männer und Arschlöcher. Pfff!

Das kurze Stück zu Fuß vom Bus ins Flughafengebäude verhieß Temperaturen um die fünfundvierzig Grad. Das Gebäude selbst war auf gefühlte fünfzehn Grad heruntergekühlt, warum auch immer. Suse reihte sich in die endlos lange Schlange vor der Passkontrolle ein. Trotz der Klimaanlage war die Luft stickig. Sie war nicht die Einzige, die müde war.

Überall schaute Suse in schlecht gelaunte Gesichter. Das fahlgelbe Licht tat das Seine dazu. Auf einer kleinen Bank, zwischen zwei schlafenden Männern im Kaftan fand sie schließlich ein Stückchen Platz, um ihren Rucksack abzustellen, sich kurz zu ordnen und endlich ihr Minikleid wieder in seine richtige Position zu ziehen. Dann zog sie ihren Kuschelpulli aus dem Rucksack. Die vielen fremden Blicke auf ihrem Dekolleté zwischen Passkontrolle und McDonald’s genügten bereits für die nächsten Tage.

Noch dreieinhalb Stunden Aufenthalt. Suse schaltete ihr Handy ein. Drei Nachrichten von Tom erschienen auf dem Display. Mit einem leisen Sausen in den Ohren und ziemlich flachem Atem las sie: Hey. Sag mal, die Tassen mit den blauen Fischen, deine oder meine? Siebzehn Minuten später hatte er geschrieben: Ich lass sie hier. Bin bald durch. Sehenwir uns heute noch? Und noch mal dreiundzwanzig Minuten später: Hey, wo bist du eigentlich? In der Redaktion sagen sie, du bist im Urlaub? Die wissen jetzt wahrscheinlich, dass wir getrennt sind … Fühlt sich komisch an. Wie geht’s dir? Meld dich mal, okay?

Suse stockte das Herz. Sie ließ sich auf den Sitz, mitten zwischen die Schlafenden fallen und las wieder und wieder Toms Nachrichten. Fühlt sich komisch an? Vollidiot! Ja, verdammt, jetzt ahnst du vielleicht langsam, was du verloren hast. Tränen stiegen in ihre Augen und kullerten ungeniert ihre Wangen hinunter. Wo bekam sie jetzt nur den nächsten Drink her? Gerade wollte sie alles lieber als sie selbst sein. Kein Stück von dieser ganzen scheißteuren Reise wollte sie erleben. Ihr ganzer Tatendrang fühlte sich schal und heuchlerisch an. Sie wollte zurück nach Hause und sofort in ihre Wohnung eilen, um Tom zu sagen, dass sie ihm alles verzeihen würde. Sie wollte Tom zurückhaben. Sie wollte, dass alles so blieb, wie es war. Fast alles.

Suse ließ kopfschüttelnd ihr Telefon sinken. Nein, das wollte sie nicht. Nichts von dem. Zurück nicht und auf keinen Fall zurück zu Tom, dem Betrüger, dem Feigling, dem Verräter, dem Herzensbrecher. Suse wollte sich verkriechen. Abtauchen. Möglichst schnell durch den Schmerz hindurchtauchen, um auf der anderen Seite des Kummers zurück zu sich selbst zu finden. Das würde schon alles wieder gut werden. Irgendwann …

Suse probierte, tief durchzuatmen. Es klang wie ein jammervolles Grunzen. Das weckte Lebensgeister in dem Mann zu ihrer Rechten, der auf einmal kurz aufschnarchte und sich mit einem Ruck in seinem Tiefschlaf umsetzte. Seine Hand fiel dabei in Suses Schoß. Sie erstarrte. Das kam völlig unerwartet und war auf einmal recht viel Körperkontakt mit dem Unbekannten. Sie sah von der Hand auf ihrem Schenkel hoch und guckte sich den Schlafenden genauer an.

Er war vielleicht ein paar Jahre jünger als sie selbst, hatte ein schönes Gesicht mit feinen Zügen und auffällig gut gezupfte Augenbrauen. Suse dachte kurz an ihre eigenen. Es wurde wirklich Zeit, dass sie sich endlich mal wieder nur um sich selbst kümmerte. Auch die Hand in ihrem Schoß war sehr gepflegt: groß und kräftig, die Fingernägel waren schön manikürt. Vielleicht ein Scheich, dachte Suse. Sicher ein Multimillionär, der jeden Tag in seinen eigenen Beautytempel geht, bevor er drei Stunden arbeitet und dann in seinen Pool mitten in der Wüste springt. Kurz war Suse von Neid erfüllt. Im nächsten Moment gab sie sich innerlich eine Backpfeife. Sie war auf dem Weg nach Bali! Ja, sie hatte dafür ihre ganzen bescheidenen Ersparnisse auf den Kopf gehauen, aber wirklich schwer hatte sie es als Freiberuflerin nun wirklich nicht. Auch wenn der stechende Schmerz in ihrer Brust und der riesige Klumpen in ihrem Hals ihr etwas anderes sagten. Liebeskummer ist auch Kummer. Suses Kinn bebte. Sie tat sich ordentlich selber leid. Völlig zu Recht, wie sie fand. Mit dem Ärmel ihres Lieblingspullis wischte sie sich den Schnodder von der Nase.

Suse war freie Journalistin. Sie hatte zwei feste Kolumnen, eine in einem Frauenmagazin und eine in einem Fitnessmagazin für Männer. Dazu verfasste sie für eine monatlich erscheinende Illustrierte unter dem Pseudonym Dr. Martin Engelbrecht Beziehungsratschläge und beantwortete Leserbriefe. Immer wieder mal konnte sie ihre Reiseberichte und längeren Reportagen auch an andere Abnehmer verkaufen. Davon ließ es sich ganz gut leben. Ihre Hauptthemen waren Frauen und Beziehungen. So gesehen war eine frische Trennung gar nicht das Schlechteste. Nun konnte sie frei von der Leber weg mal wieder richtig authentisch über Herzschmerz und Liebeskummer schreiben. Schönen Dank auch!

Neben ihr schmatzte es. Ihr Scheich öffnete die Augen und zog augenblicklich mit einem Ruck seinen Arm so heftig zu sich heran, dass seine schöne Hand sehr unsanft mit Suses Ellenbogen zusammenschlug.

»Autsch!«, rief Suse im Affekt.

Der Mann sah sie erschrocken und ärgerlich zugleich an. Er schnauzte etwas auf Arabisch. Oh Mann, was war denn mit dem los? Schon war er aufgesprungen und hastete davon. In ihrer Hand vibrierte ihr Handy. Schon wieder eine neue Nachricht von Tom. Was sollte das denn? Empört, aber viel zu neugierig lud Suse das gesendete Bild herunter: Auf einem nicht zu identifizierenden Stapel lag obenauf ein Foto von Suse und Tom. Glücklich und braun gebrannt lachten sie in die Kamera. Das Foto war vom Kroatientrip vor zwei Jahren. Tom hatte es damals entwickeln lassen, aber Suse wollte es partout nicht in die Wohnung hängen, weil sie auf dem Bild ein leichtes Doppelkinn hatte. Tom hatte immer wieder betont, wie sehr er das Foto liebte, weil Suse so schön lachte. Pfff, schön? Schön fett sah sie da aus! Wenn er sie durch solche Augen sah, war es wohl kein Wunder, dass er angefangen hatte, sich anderweitig umzusehen. Idiot!

Und jetzt schickte er ihr dieses Foto? Mehr nicht. Keinen Kommentar. Was sollte ihr das jetzt sagen? »Hast recht, Suse, jetzt, da ich das Bild wiederfinde, sehe ich auch, dass dein doppeltes Kinn echt gar nicht geht!« Oder wie? Oder saß Tom seit einer Dreiviertelstunde vor eben diesem Foto und beweinte sie, so, wie sie es verdient hatte, und schmiedete Pläne, die tollste, beste Frau der Welt irgendwie zurückzuerobern? Also wenn ja, dann war das hier eindeutig zu wenig! Suse wartete noch einen Moment. Vielleicht würde er ja beginnen, zu schreiben. Würde sich entschuldigen, sie anflehen, ihm zu verzeihen.

Nichts. Es blieb bei dem Bild.

Wutentbrannt tippte Suse los: Bin weg. Komme erst in zwei Wochen zurück. Kannst so lange in der Wohnung bleiben. Oder einfach da, wo der Pfeffer wächst. Schmeiß das Foto endlich weg! Grüße vom Flughafen. Wusch, die Nachricht war unterwegs.

Vielleicht hätte sie lieber etwas anderes schreiben sollen? Oh Mann! Wieso fühlte sie sich auch bei dieser Trennung wieder wie mit fünfzehn? Hörte das nie auf? Schon klar, dass man traurig war, wenn einem der Partner völlig unerwartet den Laufpass gab, aber jetzt hier zu sitzen und sich den Kopf über die richtigen letzten Worte im gemeinsamen Chat zu zerbrechen – ernsthaft? Nein! Das war ein No-Go! So viel war ihr doch wohl bitte schön auch bis in die letzten unterbewussten Herz- und Hirnwindungen klar: Sie jedenfalls, sie würde rein gar nichts tun, um diesen Scheißkerl irgendwie davon zu überzeugen, dass diese Trennung eine schlechte Idee war. Sie wollte ihn auf gar keinen Fall zurückhaben. Jemand, der sie nicht wollte, der sollte ihr den wohlgeformten Hintern lecken und sich auf immer und ewig verkrümeln.

Nie, nie wieder wollte sie Tom M. wiedersehen. Und schon sehr bald würde sie einfach nur noch Mitleid für ihn empfinden, weil er nicht sehen konnte, wie schön und vielversprechend ihre gemeinsame Beziehung gewesen war und auch weiter hätte sein können. Weil er sich nicht vorstellen konnte, wie sie beide grauhaarig und krückstockig, aber Hand in Hand die Strandpromenade von Woauchimmer entlangtippelten. Dort, wohin ihre vielen tollen Kinder sie einmal mehr auf Reisen geschickt hätten, weil sie einfach die coolsten Eltern waren. All das hatte Tom verspielt. Was für ein armes Würstchen! – Gottverdammter Mist. Wieso fühlten sich Trennungen so scheiße an?! Suse dachte an zärtliche Küsse auf ihr Ohr und Toms Blick, wenn er sagen wollte: »Komm mit aufs Sofa«. Tränen stiegen ihr in die Augen. Jetzt nicht wieder heulen wegen diesem Arsch!

»Hello Miss. How are you?«, viel zu dicht neben ihrem Ohr säuselte in gebrochenem Englisch jemand, der eindeutig ein Kaugummi brauchte! Suse stand auf und lehnte sich, so weit es ging, nach hinten. Der Mann zu ihrer Linken war wach geworden und ihm war wohl nach Flirten. »You look nice«. Er war sicher 20 Jahre älter als sie, starrte auf ihre Hüften und lächelte breit. Suse zog die Augenbrauen hoch, nahm ihren Rucksack und ging schnellen Schrittes davon. Es war wirklich Zeit für den nächsten Drink. Her damit!

3

Müde und ausgebrannt hing Suse auf einem Massagesessel und fühlte sich außerstande, das nötige Geld dafür einzuwerfen. Einfach sitzen. Sie schloss die Augen. Den Flughafen von Singapur bedeckte ein Teppich, dessen Muster und Farben psychedelisch zu wirken schienen. Suse wurde davon übel. Vielleicht waren es auch die Nachwirkungen des turbulenten Fluges und der zwei weiteren Cuba Libre, die sie sich gegönnt hatte.

»You want a massage?«, fragte da eine unangenehm hohe Stimme. Genervt öffnete Suse ihre Augen einen kleinen Spalt.

»You want a massage?«, fragte es erneut.

»I heard you«, antwortete Suse entnervt. »Yes, I want a massage.« Ihr Mund war trocken und fühlte sich klebrig an beim Sprechen.

»It’s five dollars.«

Suse nickte müde und wühlte einhändig im Rucksack auf ihrem Schoß. Wo war ihre verdammte Geldbörse?

»It’s five dollars.« Die singapurische Dame in ihrem schicken Anzug mit dem Serviceschild vom Flughafen lächelte steif.

»You have to put the money in the back of the machine.«

»Yes. Gleich!« Die Brieftasche war unauffindbar.

»You have to put the money in the back of the machine.«

Wiederholte diese Flughafen-Barbie wirklich alles zweimal? Checkte die, dass Suse bereits ihr Portemonnaie suchte? Checkte die, dass Suse eigentlich einfach nur allein sein wollte, damit das Drehen im Kopf und der Schmerz im Herzen sich etwas beruhigen konnten? Checkte die eigentlich irgendwas?!

»If you don’t want a massage, you cannot sit here.« Jetzt lächelte Barbie weniger, aber immer noch maskenhaft. Gruselig.

»Hey there, I want a massage.« Eine zweite, nicht weniger unangenehme Stimme schrillte jetzt in Suses anderes Ohr.

»You want a massage?«, in dem exakt gleichen Tonfall wandte sich die Flughafen-Tussi jetzt an die offenbar amerikanische Touristin, die Suses Sessel betrachtete, als wäre er schon ihrer.

»Okay, yes, darling. It’s five dollars, right?«

»It’s five dollars. You have to put the money in the back of the machine.« Flughafen-Barbie war vielleicht doch ein Roboter. Sie sprach nur diese drei Sätze.

»If you don’t want a massage, you cannot sit here.«

Ach ja, es waren vier Sätze. Suse hasste sie. Alle beide. Wieso musste diese verdammt gut aussehende Ami-Trulla ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier ihre Massage machen wollen? Suse versuchte umständlich, sich aufzusetzen. Es klappte nicht auf Anhieb. Sie hing so tief in dem Sessel, dass es ihr plötzlich unmöglich schien, jemals wieder hochzukommen.

»Hey sweetie, get your ass up! I don’t have too much time.«

Flughafen-Barbie griff mit der Hand nach ihrem Walkie-Talkie und sagte jetzt mit gefährlich funkelnden Augen, aber immer noch lächelnd: »If you don’t want a massage …«

»Yes! I know! I am leaving! Fuck the hell!« Suse schnaufte und konnte sich endlich hochstemmen. Dabei rutschte ihr der Rucksack vom Schoß, und da er von der Suche nach ihrem Portemonnaie noch offen war, kullerten etliche Dinge auf den hässlichen Teppich. »Fuck the hell!«, murmelte Suse erneut und fragte sich gleichzeitig, ob es diesen Ausdruck eigentlich gab. Im Augenwinkel sah sie, wie die Tussi vom Flughafen der Trulla aus den USA mit der Hand den Sessel zuwies und immer weiter lächelnd sagte: »You have to put the money in the back of the machine.«

Die Amerikanerin tat wie ihr geheißen und ließ sich in den Sessel fallen, der sofort anfing, sie brummend durchzukneten. Genießerisch schloss sie die Augen und begann völlig unvermittelt, loszustöhnen, als läge ihr G-Punkt mitten zwischen ihren Schulterblättern. Gott, war die peinlich! Suse hockte sich, noch immer leicht schwankend, auf den Boden, um ihre Habseligkeiten einzusammeln. Ihr zu kurzes Kleidchen rutschte dabei mal wieder ein Stück höher, als es ihr recht war. Aber sie war so dun, dass es ihr fast wurscht war.

Durch das schnelle Hinhocken wurde Suse mit einem Mal schwindelig. Sie bemühte sich, das Drehen im Kopf zu ignorieren, doch als sie sich ausstreckte, um nach zwei weiter weg gekullerten Tampons und ihrer Lippenpflege zu greifen, und ihr Blick dabei wieder auf das braun-grün-beige Teppichmuster fiel, die Amerikanerin hinter ihr röhrte wie ein Hirsch und ihr bewusst wurde, wie sie da selbst – das Kleid nur über die halbe Arschbacke – auf dem Boden herumrobbte, unter den Augen Hunderter Touristen mitten in Singapur, da brach alles aus ihr heraus. Also: Sie brach. Mindestens fünf Cuba Libre und zwei Portionen Flugzeugessen kotzte sie in einem Schwall auf den Teppich, und dank des scheußlichen Musters konnte man davon quasi gar nichts sehen.

Was für ein Scheiß, dachte Suse, der es augenblicklich besser ging. Sie griff nach ihren Habseligkeiten, stopfte sie in den Rucksack zurück, schnürte ihn zu, und als sie die Flughafen-Barbie und einen Security-Ken auf sich zulaufen sah, eilte sie in die andere Richtung davon und beschloss, den Rest ihrer Wartezeit auf der Toilette zu verbringen.

***

In der Warteschlange zum Einstieg in das letzte Flugzeug für heute stand Suse mit ihrer großen Sonnenbrille auf der Nase. Sie hatte sich ein wenig frisch gemacht und beschlossen, jede Art von Selbsterniedrigung fortan zu unterlassen.

»Hey du.«

Was war das denn für ein Spruch? Das war ja mal so Nineties, das ging gar nicht! Von hinten drängelte sich einer zu ihr ran. Suse ahnte, dass sie gemeint war, wollte sich aber nicht umdrehen, denn wenn ihr jetzt irgendein Typ Handyvideos von ihrer Kotzerei zeigen wollte, dann könnte sie wirklich für nichts mehr garantieren.

»Hey … Suse?«

Erstaunt schaute sie sich nun doch um. Neben ihr stand ein wirklich gut aussehender – leider deutlich zu junger – Typ mit Strohhut auf dem Kopf und streckte ihr ihre Brieftasche entgegen: »Hier. Deine. Ich hab’ reingeguckt, alles noch da.«

Suse grabschte nach ihrem geliebten gelben Geldbeutel und überprüfte das lieber selbst noch mal.

Tatsache, alles schien da zu sein.

»Süßes Bild auf deinem Führerschein. Wie alt warst’n du da?«

»Äh … achtzehn wahrscheinlich?«

Suse wollte die Brieftasche in ihren Rucksack stopfen und den Typen abwimmeln. Was schaute der denn ihre Fotos an? Frechheit. Die Warteschlange schob sich endlich langsam in Richtung des Gates.

»Is’ aus deinem Rucksack gefallen, als du vorhin dem Teppich deine Meinung gesagt hast«, jetzt grinste er schelmisch. Mann, sah das süß aus.

»Ah ja, okay. Sonst noch was?«, schnauzte Suse.

»Äh, ja. Danke oder so?«

»Wie jetzt, für Moral und Anstand willst du ’n Finderlohn haben?«

»Nö, das nicht, aber ein Danke finde ich angebracht.«

Suse lief rot an. »Stimmt. Sorry. Ich … danke. Vielen Dank.« Suse nickte nervös mit dem Kopf. Das hieß eindeutig auch: danke und tschüss!

Das schien der Typ nicht zu wissen. Er wich keinen Zentimeter von ihrer Seite. Das Schweigen fühlte sich komisch an.

»Mein Urlaub wäre tatsächlich deutlich komplizierter geworden ohne Portemonnaie. Danke, echt«, sie probierte noch einmal das Nicken – noch energischer dieses Mal.

»Ja, voll«, er nickte jetzt auch. Idiot. »Und auf Bali hättest du erst mal einige Leute schmieren müssen, damit die dir helfen.«

Hatte er das jetzt als Gesprächsauftakt missverstanden? Wie bekamen Männer das eigentlich immer hin? Diese tiefe Überzeugung, dass es selbstverständlich bei ihrem Gegenüber ein Interesse an ihnen gab?

»Ach ja, fliegst du auch nach Bali?« Blöde Frage, Suse, in der Schlange zum Gate, auf dem ganz groß »Denpasar« geschrieben stand. Das dachte er offenbar auch, denn er lachte und nickte nur.

»Ich bin Steff.«

»Suse. Weißte ja schon. Hi.«

Nebeneinander ließen sie sich nun mit der Schlange in die Gangway schieben. Und Steff erzählte launig, dass er surfte und schon zum fünften Mal nach Bali kam. Er würde in zwei Tagen seinen Kumpel dort treffen, bis dahin wollte er noch ein bisschen rumfahren und natürlich Wellen reiten, wo es ging. Dann standen sie im Flugzeug.

»Wenn du willst, kann ich dir die Insel zeigen, ich kenne mich schon ganz gut aus. Überleg’s dir.« Grinsend hob er seinen Finger an den Hut zum Gruß und ging dann an Suses Sitzreihe vorbei, weiter nach hinten durch.

Suse ließ sich müde auf ihren Platz fallen. Gleich war es geschafft. Wie lange war sie nicht mehr allein gereist? Alles wird gut, sagte sie sich selbst, war sich jedoch nicht sicher, ob sie sich das glauben sollte. Als das kleine Flugzeug vom Boden abhob, war Suse schon wieder eingeschlafen.

4

Bali empfing sie feucht und heiß.

»Yeah! Ist das nicht geil? Feuchtwarm wie ein Frauenschoß – sagt mein Kumpel immer«, Steff grinste sie an.

Tatsächlich war er nach dem Aussteigen an ihr drangeblieben. Im Gegensatz zu Suse hatte er noch kein Quartier für die erste Nacht. Dafür kannte er einen Mopedverleih fußläufig vom Flughafen und bestand darauf, Suse in ihrem Hotel abzuliefern.