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BERLIN VOR DER MACHTERGREIFUNG DER NATIONALSOZIALISTEN… Die 22-jährige Lotte Stein ist Angestellte in der ‚Abteilung Herrenmode‘ des luxuriösen Kaufhauses Schack. Mit ihrem Arbeitskollegen Walther Böhmelmann, der sie abgöttisch liebt, ist sie zwar offiziell liiert, doch ohne Begeisterung. Als der Chef der Kaufhauskette auf die erfolgreiche Marketingidee verfällt, alle Verkäuferinnen nach amerikanischem Vorbild in laszive „Girluniformen“ zu kleiden, um die männliche Kundschaft zu erotisch motivierten Kaufexzessen zu animieren, schlägt Lottes Stunde. Ihre elegante Schönheit und ihr klarer Verstand fallen auf, und so gelingt es ihr quasi über Nacht, innerhalb des Konzerns aufzusteigen. Doch im Spiel um Geld, Einfluss, Lust und Liebe ist es verdammt schwer, sich selbst treu zu bleiben… Mit Maria Gleits (1909–1981) rasantem Debütroman aus dem Jahr 1933, der 1942 von den Nazis verboten wurde, holen wir eine weitere zu Unrecht vergessene Schriftstellerin der 1930er Jahre ins kulturelle Gedächtnis zurück. „…eine funkelnde, zwischen Gefahr und Ekstase pendelnde, Mut machende Geschichte über die 22-jährige Verkäuferin Lotte Stein, die ihre Karriere und ihr Liebesleben selbst in die Hand nimmt.“ – Hedwig Kainberger, SALZBURGER NACHRICHTEN
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2024
Maria Gleit
AbteilungHerrenmode
Roman eines Warenhausmädels
Herausgegeben und mit einem Nachwortvon Vojin Saša Vukadinović
Mit einem Schlusswort von Vito Victor
Der Roman Abteilung Herrenmode erschien erstmals 1933 im Amonesta-Verlag, Wien / Leipzig. Offensichtliche Druckfehler der Erstausgabe wurden verbessert, die Rechtschreibung behutsam den heutigen Gepflogenheiten angepasst.
Dank an Albert C. Eibl, Moritz Ahrens, Lukas Spreitzer, Alina Sesser, Ludivine Jehin, Ioannis Politis, Nicole Sahl und Vito Victor.
2024
Das vergessene Buch | www.dvb-verlag.at
Copyright © by DVB Verlag GmbH, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Das Portraitfoto gegenüber zeigt Maria Gleit in den 1930er Jahren und entstammt dem Privatarchiv ihres Sohnes Vito Victor.
Umschlaggestaltung: Lukas Spreitzer, Wien
ISBN 978-3-903244-34-4
Abteilung Herrenmode
Im Chefbüro der Schack & Co. A.-G. herrschte große Aufregung. Die Stenotypistinnen saßen, gespannt auf jedes Klingelzeichen achtend, vor den Schreibmaschinen. Die Lehrmädchen zitterten. Würden nicht gerade heute die unmöglichsten Aktenstücke ausgegraben werden müssen und würde nicht gerade, was verlangt wurde, fehlen? Der Chef kam auf die seltsamsten Einfälle. Und heute, großer Gott, kam er von seiner Überseereise zurück.
Die Direktoren boten das Bild äußerster Fassung. Sie, die nach den sechs Monaten seiner Abwesenheit verantwortlich waren für alles, was er beanstanden würde, hatten sich wochen- und monatelang auf diesen Tag vorbereitet. Besprechungsmappen bedeckten ihre Tische, lagen handfertig in den Fächern. Wo würde er beginnen? Wer würde als erster in das Heiligtum des Privatkonferenzzimmers gebeten werden?
Der Privatsekretär des Chefs sah wüst aus.
Er, der ihn in allen Dingen des persönlichen Lebens vertreten hatte – soweit das persönliche Leben des Chefs in dessen Abwesenheit eben an einen Privatsekretär herantritt –, lief mit großen, ängstlichen Schritten und wehenden Armen über die Korridore. Herr Schack müsste längst angekommen sein! Hatte man ihm sein Eintreffen am Ende verschwiegen?
Er merkte, dass die Angestellten ihn nicht ganz ernst nahmen und es kam vor, dass er eine Angestellte bei einem eben so offenen wie ihm unverschämt dünkenden Lächeln ertappte. Diese Respektlosigkeit brachte ihn vollends um seine Nerven. Er sah mehr, als tatsächlich zu sehen war. Und nun ängstigte er sich darum, die Telefonistin, im Komplott mit dem Anmeldebüro, könne ihm heimtückisch verschwiegen haben, dass der Chef längst in seinem Zimmer sei.
So also lief er, jenen gehetzten Ausdruck im Gesicht, mit dem die Menschen heute um ihre Stellung bangen, über die Korridore. Er hatte eine Frau und zwei Kinder zu Hause … Die Stenotypistinnen, die das nicht wussten, kicherten, wenn sie ihn sahen. Sie hatten es noch am besten von allen. Was konnte ihnen schließlich passieren? Das Schlimmste, der Chef diktierte so schnell in die Maschine, dass man nicht nachzukommen vermochte. In solchen Fällen konnte man immer noch eine kleine Ohnmacht simulieren. Für kleine Ohnmachten war er sehr empfänglich, der Chef ...
Der Privatsekretär, unstet umherwandernd, landete im Zimmer der Lehrmädchen, die ihm mit ihren starren, verschickten Augen einen schwachen Trost gaben. Die Bürovorsteherin, böse und herrschsüchtig an diesem auch für sie so ungeheuer wichtigen und schwerwiegenden Tag (natürlich würde man bis in- die Nacht hinein arbeiten müssen, natürlich würde er gleich auf den ersten Anhieb alles wissen und alles entschieden haben wollen, was seit Monaten herumlag), warf wütende Blicke nach dem Privatsekretär, der sich denn auch rasch verflüchtigte.
Die Direktoren taten in ihren schönen großen Zimmern mechanisch Dienst. Die Abteilungsleiter und die Chefs der Mustereien bemühten sich vergeblich, ihre Nervosität unter gleichmütigem Äußeren zu verbergen. Man wagte nicht mehr, laut zu sprechen. Man flüsterte.
Die Atmosphäre war spannungsgeladen. Ein Fremder, der unversehens hineingeplatzt wäre, hätte den Eindruck mitgenommen, in ein modernes Gefängnis gekommen zu sein, in dem jeder Insasse sein Todesurteil erwartete.
Es platzte aber kein Fremder in das Chefbüro der Schack & Co. A.-G. Man hatte wohlweislich dafür gesorgt, dass alle Vertreter- und ähnlichen Besuche für diesen Tag unterblieben. Der Chef fand, als er schließlich doch noch erschien, ein vorbildlich ruhiges, geordnet arbeitendes Haus vor. Sogar die Glastüren, die die Korridore miteinander verbanden, waren geschlossen. Also mussten sich auch die Lehrmädchen, die beim eiligen Hin- und Herlaufen von Zimmer zu Zimmer sträflicherweise meistens vergaßen, sie zuzuklinken, gebessert haben, eine Tatsache, die den Chef in eine beträchtlich bessere Laune versetzte , als man sie sonst bei ihm anzutreffen gewohnt war.
Die Lichtsignale leuchteten in allen Direktionszimmern zu gleicher Zeit auf. Die Telefonistin arbeitete tadellos. Ahnte der Herr Privatsekretär Dr. Schlierks, dass auch ihre Finger ganz kalt vor Erregung wurden, als sie die Knöpfe drückte und nicht einmal ihn vergaß?
Die Telefonistin setzte sich entschlossen zurecht. Jetzt galt es. Ihre Schläfen schmerzten. Sie erinnerte sich der letzten Verbindung, die sie für den Chef zustande bringen musste und die unglücklicherweise im wichtigsten Moment getrennt wurde. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch auf ihrem Platze saß. Wie ein Irrer hatte der Chef getobt.
Die Atmosphäre des Hauses wurde unerträglich. Wen würde es treffen? Was hatte der Chef für Gelüste? Wie war er aufgelegt? Was hatte er ausgeklügelt an Anregungen und Ideen? Der Chef brachte von seinen Reisen stets eine Summe von Neuerungswünschen mit. Wer würde ihm den ersten Bericht erstatten müssen?
Die Telefonistin war am gefasstesten. Noch war ja nichts geschehen. Doch! Jetzt! Das kam aus seinem Zimmer! Ihre Hände wurden eisig.
»Zentrale.« Warum klang ihre Stimme nur so scheußlich belegt?
»Ich bitte die Herren Direktoren Doktor Seliger, Schmidt und Doktor Kirschstein in einer halben Stunde zur Konferenz. Für Telefonate bin ich erst morgen da. Außer Kreuznacher. Wenn Kreuznacher anruft, müssen Sie verbinden … « Die Telefonistin notierte ...
Einige Minuten später wurde sie aufgefordert, Herrn Kreuznacher jun. aus der Firma Kreuznacher & Schulz, Herrenartikel en gros, zu einer kurzen Besprechung zu bitten. Herr Kreuznacher möge sich unter allen Umständen frei machen und in einer Viertelstunde erscheinen.
Mehr sagte der Chef nicht. Glücklich, dass alles bisher so geklappt hatte, gab die Telefonistin seinen Bescheid weiter.
»… und also, meine Herren«, forderte der Chef der Schack & Co, Warenhaus A.-G., seine mitarbeitenden Direktoren auf, »erwarte ich Ihre Vorschläge. Sie wissen, worum es geht.« Er lehnte sich zurück mit jenem Ausdruck von Verachtung und Hohn, den man seinem etwas unentschlossen wirkenden Gesicht – träfe man ihn zum Beispiel an einem dritten Ort und wüsste nicht, dass er das Haupt eines großen Warenhauskonzerns sei! – nicht zugetraut hätte. »Da kann ich lange warten«, sagte dieses Gesicht, »eh' euch etwas einfällt … Aber ich will nicht warten, hier, jetzt, sofort muss diese Sache ins Rollen kommen. Wahrscheinlich habt Ihr über euren Akten geschlafen die ganze Zeit … Hat der Seliger doch wahrhaftig die blaue Mappe mit den Zeichnungen mitgebracht. Als ob jetzt dazu Zeit wäre ... «
Laut aber forderte er: »Ideen, meine Herren, Ideen!«
Und noch etwas ungeduldiger, beinahe schon verärgert: »Es wird Ihnen doch etwas einfallen können, warum äußern Sie sich nicht?«
Der untersetzte, dickliche Direktor Schmidt versuchte die Situation zu retten: »Man müsste den Abteilungsleiter hören.«
Der Chef befahl den Abteilungsleiter. Die Telefonistin verband. Der Abteilungsleiter Fritz Grüninger, Abteilung Herrenmode des Warenhauses Schack & Co., sah sich vor eine geschlossene Front gestellt. Seine Augen wanderten von den drei Direktoren, die mit undurchdringlichen Mienen am grünen Tisch saßen, zum Chef und vom Chef zu Kreuznacher jun. Um den Mund dieses Herrn, der dem Abteilungsleiter Grüninger bestens bekannt war – bestand doch seit Jahr und Tag die Geschäftsverbindung mit den Grossisten Kreuznacher und Schulz! –, lag ein über die Situation erhabener, beinahe amüsierter Zug. »Alter Fuchs«, dachte der Abteilungsleiter Grüninger, »bin neugierig, was sie da schon wieder ausgeheckt haben.«
Der Chef ließ sich zu einer flüchtigen Handbewegung herab. »Bitte, Herr Schmidt.« Die Direktoren Kirschstein und Seliger fühlten sich zu einem schadenfrohen Grinsen gedrängt. Hatte sich schön in die Patsche gesetzt, der gute Kollege Schmidt! Nun würde er Herrn Grüninger erklären müssen, was der Chef beabsichtigte.
Der untersetzte, dickliche Mann, der ein anderer wurde, sobald er mit Untergebenen zu tun bekam, vollzog diese Aufgabe jedoch zum Ärger der Kirschstein und Seliger mit Geschick und Gewandtheit, ja, er ließ sogar einen dem Chef angenehm in die Ohren klingenden, rügenden Ton in seinen Ausführungen dem Abteilungsleiter gegenüber nicht vermissen.
»Die Abteilung Herrenmode«, begann er und seine Blicke tadelten, traurig und scharf zugleich, den Erschienenen als den Verantwortlichen dafür, »hat sich in den Jahren ihres Bestehens in keiner Weise bewährt. Ich bitte Sie, mich ausreden zu lassen, Herr Grüninger. Wir«, und in diesen Blick, den Herr Schmidt in die Runde schickte, zog er vertrauensvoll den Chef mit ein, »kennen genau die Schwächen der Abteilung. Die in der Ungunst des Raumes liegenden und die (hier wurde Herr Direktor Schmidt persönlich verletzend) in der Organisation begründeten. Bleiben Sie ruhig, Herr Grüninger! Wir schätzen Ihre Erfahrungen und Kenntnisse sowohl in der Leitung der Abteilung als auch ... «
Nachdem Direktor Schmidt, der sich, enthoben aller Initiative, als Interessenvertreter des Chefs fühlte und beinahe in Begeisterung redete, Herrn Grüninger und den übrigen anwesenden Herren die Mängel der Abteilung Herrenmode gebührend vor Augen geführt, ja, sogar so getan hatte, als sei sie der Schandfleck der sonst so tadellos florierenden Warenhaus-A.-G. Schack & Co., endete er mit dem triumphalen Ausruf: »Und das muss anders werden, Herr Grüninger! So geht das hier nicht weiter!«
Er wollte noch länger reden. Es gab ein Gefühl von hervorragender Wichtigkeit , im Kreise dieser angesehensten Männer des Konzerns soviel zu sagen haben – die trockene Stimme des Chefs jedoch beraubte ihn aller Illusionen: »Was haben Sie zu sagen, Grüninger! Machen Sie Vorschläge! Reden Sie!«
Herr Grüninger war ein Mann, den man nicht so leicht ins Boxhorn jagte. Trotzdem verdutzte ihn die Art und Weise, mit der man hier verging. Hatte man etwa schon seinen Nachfolger auf Lager? War man nicht mehr zufrieden mit ihm?
Herr Grüninger beschloss, sich nicht ducken zu lassen. Die geschniegelten, wichtigtuerischen Herren hier, verstanden die überhaupt etwas von der Praxis des Warenhauses? Die nisteten tagaus, tagein in ihren von der Welt abgeschiedenen Bürozimmern, in die sich niemals ein Kunde oder eine Verkäuferin verirrte! Die thronten in ihren Polstersesseln und gaben Anordnungen, die runzelten die Stirnen und machten Vorhaltungen, ihm, dem sie es überhaupt zu danken hatten, dass ihre ganze miserable Abteilung Herrenmode nicht längst schon zusammengekracht war! Oh, er würde reden, er würde es ihnen schon sagen, er würde sie schon hereinsausen lassen, wenn sie es wagen sollten, es war ihm ganz recht so, jawohl, ganz recht ...
Gerade, als er aber ansetzen wollte, winkte der Chef ab. Er griff zum Telefon. Die Stenotypistin H. wurde zum Diktat befohlen. Mit Block und Bleistiften erschien sie sogleich. Ausgerechnet sie, die die meiste Angst vor ihm hatte, musste es treffen. Mit erzwungener Sachlichkeit ging sie an den für Sekretärinnen bestimmten Platz, dem Chef gegenüber (Hab' ich zu viel Rouge aufgelegt, bin ich zu blass oder hab' ich mir in der Eile rote Flecken aufs Gesicht geschmiert, schoss es durch ihren gequälten Kopf). »Notieren Sie, bitte, Fräulein, als Notiz zu den Akten: Kopie für Herrn Direktor Kirschstein, Seliger und Schmidt, ebenso für Herrn Abteilungsleiter Grüninger ...«
Wenn sie jetzt nicht alle fünf auf einmal reden, wenn nicht noch ein paar dazwischenkommen, wenn nicht innerhalb von fünf Minuten viermal das Telefon klingelt und er alles, was mir gilt, in den Apparat sagt …, denkt denkt die Stenotypistin H., dann geht es gut. Notizen zu den Akten sind nicht so schlimm, die werden auf den Kopien geändert, die werden nochmals umgeschrieben ...
Die Stenotypistin H. atmet so, dass keiner der anwesenden Herren es merkt, auf. Mit geschlossenem Mund und unhörbarem Luftholen durch die Nase. Er hat mich nicht einmal angesehen, denkt sie weiter und weiß noch gar nicht, was sie da stenografiert, so gewöhnt ist sie schon daran, mit den Fingern zu schreiben und ganz was anderes zu denken ... Eigentlich ist es natürlich eine unerhörte Chance, vom Chef diktiert zu bekommen. Die Eschinger platzte auch beinahe vor Neid. Die Eschinger ist überhaupt viel resoluter und geschickter als ich ...
Die Stenotypistin H. ist noch immer nicht fertig mit ihren Gedanken. »Großzügige Erweiterung der Abteilung Herrenmode ...« Das wird sie ja überhaupt nicht wieder lesen können, so wischt sie das hin ... Immerhin ist es beinahe schamlos, wie stramm sich die Eschinger ihre Bluse zieht, wenn sie mal für den Chef schreibt. Die weiß wenigstens, was sie will ... »Es kommt vor allem darauf an, die Abteilung zu verlegen oder sie, indem man einen modernen Architekten zu Rate zieht, vollkommen neu -«
Die Stenotypistin H. merkt auf. Plötzlich weiß sie auch, was sie da alles schon geschrieben hat. Da sitzen diese Männer mit den ungerührten Gesichtern und tun so, als ob es gar nichts wäre, einen Architekten zu Rate zu ziehen, Wände niederreißen zu lassen und neu aufzubauen. Das Geld, seufzt die Stenotypistin H. in sich hinein. Bei uns zu Hause gibt es Krach und große Verhandlungen , wenn mal der Maler geholt werden soll, um die Wände neu anzupinseln … Immerhin, wie weit hat sie es gebracht, die Eschinger? Was kommt heraus bei der ganzen Herumscharwenzelei? Ein Abendessen mit Dr. Schlierks, dem harmlosen Schaf, na, und das andere kann man sich schon denken … Soviel, dass sie heraus kann aus diesem Büro in ein besseres Leben hinein, soviel wirft das alles nicht ab … höchstens eben so viel, dass sie nicht heraus muss! Ach was, wo die jetzt eine so fabelhafte Sache vorhaben! Umbau! Erweiterung! Neueinrichtung! Die denken doch gar nicht an Entlassungen!
Wie fließend der Chef diktiert! Der muss sich das aber genau überlegt haben vorher. Kaum, dass er eines der üblichen »Hm« und »Ja« und »Streichen Sie das aus und schreiben Sie dafür …« gesagt hat! Donnerwetter! »Auf amerikanische Art«, diktiert er, aber »keine Nachahmung, sondern aus der inneren Entwicklung der Zeit heraus« …? Innere Entwicklung der Zeit? Schöner Blödsinn das. Na, das kann gut werden, als ob er uns nicht schon modern und amerikanisch genug auspresst ... Wenn ich abends nach Hause komme, fall ich einfach um. Meine Schulterblätter schmerzen, als zerbrächen sie. Nein, aber jetzt muss ich aufpassen, der Schmidt staunt, dass ihm die Augen übergehen … Ah, der Herr Chef überrumpelt wohl die Herren, der Herr Chef gibt eine Vorstellung, er zeigt ihnen wieder einmal, was er kann … Hat er wirklich »heiteres Moment ... erfreulicher, herzerquickender Anblick« gesagt ... ? Herzerquickend? In der Herrenmode?
Er scheint sich nichts aus mir zu machen, denkt die Stenotypistin H. Wahrscheinlich gehöre ich nicht zu seinem Typ. Obgleich man sagt, dass er auf alle rotgemalten Lippen reinfällt. Er hat mir noch keinen einzigen Blick zugeworfen ... na, auch schön ...
»Lesen Sie, bitte, zurück, Fräulein«, sagt eine strenge Stimme neben der Stenotypistin H.
»… und soll die Abteilung Herrenmode der Schlager der Saison sein. Es wird sich nicht vermeiden lassen …«
»Nein, gehen Sie lieber und schreiben Sie es sofort.« Die Stenotypistin H. mit den für den Geschmack des Chefs etwas zu dicken Beinen verließ das Zimmer. Sie wird nächstens doch für mich schreiben müssen, wenn sie auch die Hälfte der Sätze meistens weglässt, beschließt Herr Direktor Schmidt – – – für zwei-, dreimal ist sie vielleicht eine ganz nette Abwechslung …
Der Privatsekretär Doktor Schlierks verschwand mit der von der Stenotypistin H. getippten Notiz zu den Akten im Zimmer des Chefs. Der Chef neigte zu der Ansicht, dass es notwendig sei, Herrn Schlierks an allen Verhandlungen teilnehmen zu lassen. Wozu war er sonst noch ein stellungslos gewesener Akademiker, der nach und mit seinen beiden Doktorexamen nichts anzufangen wusste und den man scheinbar in der Betriebsamkeit der schönen und der praktischen Wissenschaften ganz übersah? Wozu war er sonst ein armer, weitläufiger Verwandter, wenn man es nicht verstand, sich sein Wissen und seine Person zu eigen zu machen, ihn zu benutzen und wegzustellen, wie man gerade in der Laune war?
In den Gesprächen, die hochbrodelten nach dem Diktat des Chefs, die Möglichkeiten erwogen und nun wirklich auch Vorschläge (unbrauchbares Gewäsch, stellte Herr Grüninger geringschätzig fest) brachten, erinnerte sich der Chef seines Privatsekretärs. War es nicht möglich, dass Schlierks auch etwas zu sagen hatte?
Der Chef war ein unermüdlicher Menschenexperimentator. Es genügte ihm nicht, dass einer Einkäufer oder Ressortleiter war. Er spürte, willkürlich und wenn er gerade einmal Zeit und Lust hatte, die verborgensten Fähigkeiten seiner Angestellten auf. Er erschien oft überraschend in einer Vertreterkonferenz, einer Verkaufsabteilung und überwachte horchend und suchend die Talente seiner Mitarbeiter und Untergebenen. Die merkwürdigsten Versetzungen kamen so innerhalb des Konzerns zustande. Warum also sollte ein Privatsekretär immer ein Privatsekretär sein? Vielleicht eignete er sich wirklich besser ... Und also ereilte das Schicksal auch den aufgeregten Doktor Schlierks.
Die Stenotypistin H. traf ihn auf dem Gang. »Ach, bitte, gehen Sie zum Chef?« Nicht einmal die Stenotypistin H., allen anderen Menschen gegenüber zurückhaltend und scheu, respektierte ihn!
»Bitt’ schön, nehmen Sie ihm das mit!« Wenigstens war sie nett und noch einigermaßen höflich. Und wie sie ihn so ansah mit bittenden, etwas feuchtglänzenden Augen, merkte er erst, wie hübsch sie war mit dem gescheitelten Haar, das ihr allen Bemühungen zum Trotz immer wieder ins Gesicht fiel. Ob er da – wenn er es versuchte – eine Verbündete fand?
Rauchschwaden verdichteten die Luft im Zimmer des Chefs. Die Herren schienen in einer überaus angeregten Debatte. Ihre Gesichter drückten, wenn man sie recht besah, mehr als Zufriedenheit aus, sie zeugten – so schien es dem nervösen Doktor Schlierks – von einem fast zweideutigen Vergnügen. Herr Kreuznacher insbesondere, jener Mensch, aus dem der Privatsekretär noch nicht recht schlau zu werden vermochte, der ihn, seiner strebsam geschäftstüchtigen und erfolgreichen Art wegen zugleich anzog und abstieß, weil er daneben ein so glattes, geschmeidiges, nie zu fassendes Wesen zeigte, dass er einem ständig durch die Finger zu rutschen schien. Herr Kreuznacher jun. legte sein Gesicht in Falten wie eine steinerne Sphinx und versicherte gerade im Brustton ehrlichster Bereitwilligkeit, dass er sich bemühen werde, redlichst bemühen, die Mindestkalkulation zu errechnen. Morgen schon würden die Herren im Besitz des Angebotes sein. Die Geschäftsverbindung bestünde nicht umsonst seit so vielen Jahren in ungetrübter Harmonie. Ja, er würde – den Privatsekretär wunderte es, dass er nicht die Augen beschwörend dabei zum Himmel hob –, er würde einer so großzügigen Aktion zuliebe anfangs sogar mit Opfern arbeiten. Mit erheblichen Opfern ... ein Wechsel auf die Zukunft ...
Das überlegene Lächeln war vollkommen aus den Zügen des jungen Kreuznacher gewichen. Seine Begierde, im Namen der Firma Kreuznacher & Schulz, Herrenartikel en gros, ein unerhörtes Gewinngeschäft abzuschließen, riss ihn hin. Der Privatsekretär hasste in diesem Augenblick Kreuznacher jun.; wie ein Mensch, der geduckt und gedemütigt wird, solange er denken kann, das Treiben eines anderen nur hasst, der das Geschäft dieses Lebens besser versteht ...
Jetzt aber meldete sich der Herr Abteilungsleiter Grüninger. Er fand, dass er lange genug geschwiegen habe. Er war, wenn man sich die Mühe nahm, seiner beruflichen Laufbahn näher nachzuspüren, ein emporgekommener Lehrling der Warenhaus-A.-G. Schack & Co. Und es lässt sich nicht verheimlichen, dass er sich zu einem einigermaßen dünkelhaften Patron entwickelt hatte. Neununddreißig Jahre alt, hatte er, man sagte, um einen Skandal zu vermeiden, vor zwei Monaten die ältliche Tochter eines höheren Angestellten geheiratet. Ein geborener Nörgler, war er mit keiner Leistung seiner Leute zufrieden. Es gab jedoch auch Abende, an denen er – unter dem Vorwande beruflicher Besprechungen außer dem Haus – schon um sechs Uhr fortging. An solchen Tagen atmeten die Verkäuferinnen auf. Man tuschelte zwar darüber, dass diese Termine allzu häufig mit den Unpässlichkeiten der oder jener Kollegin zusammenfielen , die dann kurz vor oder nach Herrn Grüninger verschwand, aber man kam ihm nicht bei. Er verkörperte eine Macht, der man sich zu beugen hatte. Es schien sinnlos, gegen ihn aufzubegehren, denn er stand im Rufe des tüchtigen, einfachen Mannes aus dem Volke mit praktischem Verstand und einem Schatz von Erfahrungen. Und der Chef wollte von den menschlichen Qualitäten seiner Abteilungsleiter weder unterrichtet sein, noch war er an ihnen interessiert. Im Übrigen vergaß er Herrn Grüninger nie, dass er im ganzen Betrieb fast der Einzige gewesen war, der sich, als man vor Jahr und Tag das neue Zahlen- und Zettelsystem eingeführt hatte, gutwillig den damals austretenden Schwierigkeiten beugte und, während die anderen Abteilungen meuterten, Betriebsversammlungen forderten und Proteste gegen die Mehrarbeit erhoben, sich keineswegs aus der Ruhe bringen ließ, die Angestellten dagegen zu höchster Leistung antrieb und aus ihnen herausholte, was ihre Kräfte hergaben. Sodass die Abteilung Herrenmode, immer ein wenig das Stiefkind des Konzerns, gerade in einer Zeit der Umwälzung und Neugliederung in allen Abrechnungen, Ausmusterungen und Bestandsaufnahmen den erfreulichsten Anblick bot. Auf dieser Reise jedoch, die den Chef der Warenhaus-A.-G. Schack & Co nach England und den USA führte, hatte Herr Schack eine Idee. Der Ozeandampfer stampfte – das war noch keine zwei Monate her – wie ein gutmütiger Riese durch das Meer. Die Sonne strahlte auf Deck. Der Himmel glänzte in heiterster Bläue, Städte, Menschen und besonders Warenhäuser schienen unendlich fern. Der Chef dehnte sich im Liegestuhl, danach lag er ganz still, und mit einem Male – war es die Unbewegtheit der See, war es die ein wenig schauerliche Rätselhaftigkeit des Lebens überhaupt, die sich von keinem Großkaufmann der Welt lösen und beschwichtigen lässt und in diesem Falle also auch den Chef der Warenhaus-A.-G. Schack & Co. streifte? – mit einem Male schien diesem Herrn, was er da aufgebaut hatte, beinahe ein Menschenalter lang, klein und in einem erschreckenden Maße dem Erstarrungsprozess preisgegeben! Was bedeutete es schließlich vor der Unendlichkeit, der sich der Chef der Schack & Co. im Angesichte der gewaltigen Wasser- und Himmelflächen gegenübergestellt sah, einen Warenhauskonzern errichtet zu haben? Was bedeutete in dieser erschreckenden Gewaltsamkeit der Natur, die ihn unvorbereitet überfiel, die Kunst, aus zehn zwanzig zu machen, was war das schon, ununterbrochen neue Bauten über die Städte des Reiches hingestreut zu haben, was waren alle Anstrengungen und Multiplikationen des Gehirns gegen diese den Menschen höhnende Ausgeglichenheit und Kraft, die sich ober- und unterhalb des Schiffes kundtat in Himmel und Meer?
Es soll nicht verschwiegen werden, dass diese durch einen Zufall herbeigeführte Stimmung des Chefs der Schack & Co. keinesfalls von einer langen Dauer war. Sie verflüchtigte sich, als die erste Frau (die Gattin des japanischen Gesandten in Paris) vorüberging und die Sinne des Chefs anderweitig gefangengenommen wurden. Dennoch blieb aus ihr eine geheime Abneigung gegen die verfluchte Sachlichkeit zurück, die das oberste und zugleich erfolgreichste Gesetz der Warenhaus-A.-G. war. Und als er gar das Schiff verlassen hatte und in New York gelandet war, als er Vergleiche zog und Vorteil gegen Nachteil prüfte, fasste er, längst schon wieder sorgfältiger Mathematiker und Großkaufmann, der auch die Einfälle seiner betrübtesten Stimmung rechnerisch auszuwerten verstand, den Beschluß, wenigstens einen Teil des Geschäftes, den schwächsten , senilsten und altmodischsten, zu verjüngen. Ein neuer Zug sollte in die Betriebsgebarung kommen.
Die Farbe des Himmels und des Meeres hatte den ersten Anstoß gegeben. Der Chef der Schack & Co. Warenhaus-A.-G. hatte aus ihr den Gegensatz, die Freudlosigkeit des rationell ausgebeuteten Menschen unserer Tage erkannt. Kein Wunder, dass er sie auszunutzen beschloss. Mit einem Male bedeutete es – sogar im Angesichte der Unendlichkeit, der er auf der Rückfahrt noch einmal begegnete! – alles, aus zehn zwanzig und aus hundert zweihundert zu machen …
»Da soll also, wenn ich Sie recht verstanden habe, morgen der Architekt bestellt werden. Die Vermessungsarbeiten haben sofort zu beginnen.« Herr Grüninger, der mit so befehlend lauter Stimme sprach, als stammten diese Anordnungen von ihm, bat, seine Ausführungen in einem Aktenprotokoll niederlegen zu dürfen.
Die Herren Direktoren stimmten diesem Wunsche zu. Der Chef nickte. Herr Schmidt sorgte dafür, dass die Stenotypistin H. erschien. Herr Kreuznacher von der Firma Kreuznacher & Schulz, Herrenartikel en gros, warf einen vorsichtigen Blick auf die Uhr. Seine Mission hier war erfüllt. Der alte Schack hatte ein besonderes Talent, einen Menschen zu triezen. Um vier Uhr wartete Eva im Café Stern und es war schon zehn Minuten vor …
Der Chef tadelte heimlich, ohne allerdings sein Mißfallen nach außen hin zu bekunden, das Verhalten des im Laufe des Protokolldiktats auch weiterhin nach der Uhr schielenden Herrn Kreuznacher jun. Herr Grüninger jedoch warf sich stolz in die Brust:
»... haben sofort zu beginnen. Zweck und Ziel der Abteilung Herrenmode ist, den Umsatz dadurch zu steigern, dass man vom Dienst am Kunden zum Dienst am Menschen kommt. Das hat zu geschehen: a) durch eine moderne, keineswegs aber streng wirkende, sondern freundlich anmutende und heiter stimmende Ausgestaltung des Verkaufsraumes. Die Ausstattung soll nicht mehr nur durch sachliche Anordnung der zu verkaufenden Artikel , als vielmehr durch in gefälligen Farben anlockende Gegenstände erfolgen, b) Die Schaufenstergruppierung wird völlig umgewandelt. Erste Künstler und Kunstgewerblerinnen sind heranzuziehen. Motto wie oben: Freude, Farbe, Heiterkeit! c) Der Käufer soll, sobald er den Verkaufsraum betritt, das Gefühl bekommen … das Gefühl bekommen …«
Hier half der Chef dem vergeblich um den richtigen Ausdruck ringenden Abteilungsleiter: »das Gefühl be-kommen, das er hat, wenn er zum Beispiel ein Tanzetablissement betritt. Sie verstehen, meine Herren. Er soll erst in zweiter Linie, quasi im Unterbewusstsein, wissen, dass er gekommen ist, um eine Krawatte, ein Paar Handschuhe, einen Anzug zu erstehen. Er soll sich wohl fühlen, er soll angeregt werden, Krawatte, Handschuhe und Anzug sollen ihm zufliegen. Es darf ihn keine Anstrengung mehr kosten, es muss ihm ein Vergnügen sein, sie auszuwählen. Dazu gehört …«
»die Persönlichkeit der Verkäuferin«, fuhr Herr Grüninger fort. »Es handelt sich darum, aus allen Abteilungen die gewandtesten … «
»menschlich angenehmsten«, warf Direktor Schmidt dazwischen und beobachtete erfreut, dass die Stenotypistin H. langsam rot wurde -
»die anziehendsten und schönsten Verkäuferinnen herauszuziehen und in die Abteilung Herrenmode in gleicher schmucker Girluniform so einzufügen, dass es für jeden Käufer ein Vergnügen sein muss, von jedem der Verkaufsgirls bedient zu werden! Ich habe Sie doch richtig verstanden, Herr Schack? …« , vergewisserte sich der Abteilungsleiter Grüninger. Die anwesenden Herren blinzelten sich, indes der Chef sein ausdrückliches Einverständnis bekundete, vielsagend zu.
Die Stenotypistin H. errötete noch tiefer. Der Privatsekretär Dr. Schlierks verhielt sich merkwürdig still. Herr Grüninger aber blähte sich vor Tatendurst und diktierte emsig weiter. Die Direktoren gefielen sich in atemholender Erleichterung.
Und nur Herr Kreuznacher aus der Firma Kreuznacher & Schulz, Herrenartikel en gros, der nun endgültig sein Rendezvous versäumte, sah dann und wann ungeduldig im Raume umher.
»Du brauchst doch keine Angst vor Mutter zu haben«, sagte die Verkäuferin Lotte Stein zu ihrem Freund und Kollegen Walter Böhmelmann. »Nur, weil sie mich heute nicht ausgehen lässt? Ach, die hat manchmal solche Marotten. Darum kannst du ruhig mitkommen, da garantiere ich für.« Sie sagte das ein wenig lässig und gleichgültig, aber vielleicht lag das auch nur daran, dass sie sich an diesem Tage müder und abgespannter fühlte als sonst und nicht die geringste Lust zu großen Auseinandersetzungen hatte. Wenn es sich gelohnt haben würde, hätte sie sich natürlich auch gegen den Willen der Mutter durchgesetzt und wäre mit Walter ins Kino gegangen, sie fand aber eben, es lohne sich nicht. Und außerdem war das eine willkommene Gelegenheit, den Walter Böhmelmann mit nach Hause zu bringen. Es konnte nicht schaden, wenn die Mutter ihn einmal sah. Vielleicht machte das für die Zukunft wenigstens ähnliche Nörgeleien hinfällig.
Der Abend war neblig und grau. Sie gingen nach der letzten Äußerung Lottes Arm in Arm schweigsam durch die Straßen. Sie hatten beinahe eine Stunde Weg. Trotzdem sie beide aber im Besitze einer Monatsfahrkarte für die Straßenbahn waren, bestand Lotte darauf, zu Fuß zu gehen. Walter Böhmelmann, dem es vor der Wohnung und der zu Lotte gehörenden Familie Stein graute, hatte sich nicht dagegen gesträubt. Er ertappte sich übrigens immer häufiger dabei, Lottes ihm manchmal etwas unbequem dünkenden, eigenwilligen Wünschen nachzugeben, lebte er doch in beständiger Angst davor, sie könne sich weigern, weiterhin mit ihm zusammen zu sein. Er hatte mit angesehen, wie sie es mit Max Baum getrieben hatte. Er sagte ja nicht, dass er ihr Verhalten im Falle Baum verurteilte, verdankte er doch dem etwas gewaltsamen Abschied von Max, dass sie sich ihm zugewandt hatte. Er fürchtete nur manchmal, eines Tages könne sie auch ihn so stehen lassen wie den anderen. Und also benahm er sich, da er sie wirklich liebte, fügsam und demütig.
Wie sie so durch die Straßen gingen, versuchte er manchmal, Lottes Arm fester an sich heranzudrücken, um sie von der Innigkeit und Leidenschaft seiner Gefühle zu überzeugen, wohl aber auch, weil er sich nach einem Tagwerk voll Mühe und Plage nach einem Menschen sehnte, der ihn verstand und gut zu ihm war. Und es enttäuschte ihn immer und auch heute wieder aufs Neue, dass Lotte auf diese Annäherungsversuche hin nur den Kopf herumdrehte und ihn freimütig und ein wenig überlegen betrachtete. Wenn sie es wenigstens zu einem kleinen, versöhnlichen Lächeln gebracht hätte! So aber schien es, als stünde sie turmhoch über jeder Erregung und Sehnsucht, und das brachte den guten Jungen manchmal beinahe zur Verzweiflung. Walter Böhmelmann redete sich ein, er hielte das nicht länger aus. Walter Böhmelmann war romantisch genug, ihr das auch noch zu sagen.
»Es ist, als ob ich verbrenne, wenn ich nur Deine Hand nehme, Lotte«, hatte er ihr einmal geschrieben, als er noch glaubte, so käme er ihr näher, und noch nicht wusste, dass sie Liebesbriefe scheußlich fand. »Erstens«, erklärte sie ihm ganz offen, »bieten sie nur Stoff zu überflüssigen Streitereien, wenn sie zu Hause gefunden werden (und es gibt sowieso immer genug Krach und Zank im Haus) und zweitens schreibt man da meistens Dinge, die man doch niemals sagt ...«
Und so war es denn auch. Walter Böhmelmann brachte niemals geschwollene oder angelesene Worte über die Lippen, wenn er ihr gegenüberstand. Sobald er aber zur Feder griff, wurde er rettungslos »lyrisch« und schwelgte in Phrasen.
Und also hatte sich Walter Böhmelmanns Zustand in einen recht unglücklichen verwandelt. Lotte Stein – das war für ihn der Inbegriff aller Seligkeit. Wie aber sollte er die Hoffnung haben, sie jemals zu gewinnen, wenn sie seinen brieflichen Liebesschwüren mit Abscheu gegenüberstand, jede noch so leise und vertraulich-innige Berührung ohne das geringste Zeichen eines Einverständnisses übersah, ja, über seine ganze brennende Sehnsucht nach ihr wie über eine ein wenig störende, aber unabänderliche Tatsache hinwegging? Aber heute Abend, war das nicht ein Fortschritt? Würde heute Abend nicht etwas Entscheidendes geschehen?
In Wahrheit wusste Lotte Stein selbst nicht, was sie wollte. Zugegeben, sie mochte ihren Kollegen Walter Böhmelmann recht gern. Er war ein netter, anständiger und kameradschaftlicher Mensch. Netter und anständiger als andere. Aber vielleicht hatte sie schon zu viel erlebt, als dass sie so unbedingt an seine große, einmalige Liebe glaubte. Vielleicht wollte sie wirklich weiter nichts, als dass er weiterhin nett, anständig und kameradschaftlich sei. Und so kam es ihr beinahe etwas komisch vor, als er mit ihr eines Tages von einer zukünftigen Heirat sprach. Eine Heirat mit Walter Böhmelmann … Lotte Stein trug nach solchen Überlegungen ihre hübsche Nase etwas höher. Anderseits ...
Anderseits ist nicht zu verkennen, dass Lotte Stein mit ihrem Leben reichlich unzufrieden war und dass sie ganz genau wusste, was es bedeutet, einen Menschen gefunden zu haben, der es ehrlich und aufrichtig meint. Bei solchen Erwägungen fühlte sie eine plötzlich aufflammende, heiße Zärtlichkeit für Böhmelmann. Es war sogar vorgekommen, dass sie ihm einmal mit der Hand rasch übers Haar strich und ihn merkwürdig dankbar ansah. Er fasste das natürlich als Versprechen auf. Sie hätte es am nächsten Tage gerne ungeschehen gemacht …
Im Übrigen aber duldete sie ihn, denn er passte gut in ihren gegenwärtigen Hunger nach Ruhe und Geborgenheit. Und dann war er ein so günstiger Anlass, ins Kino zu gehen. Einmal sparte er sogar für die Oper, und sie klebten, eng aneinander geschmiegt, auf dem Rang, beinahe unter der Decke. Sie hatten mordsschlechte Seitenplätze. Die Sänger und Sängerinnen bewegten sich unendlich weit fort von ihnen auf einem anderen Stern. Während Walter aber die dicken Tränen der Erschütterung über die Backen liefen, über Mimis eiskaltes Händchen und Puccinis romantischsüße Melodien, zeigte Lotte sich höchlichst unbefriedigt und zu einem gereizten Lächeln aufgelegt über den Unsinn der sich immer wiederholenden Worte und der unästhetisch aufgesperrten Münder der Sängerinnen. Sie ließ ihn keineswegs im Zweifel darüber, dass der Abend sie gelangweilt hatte und dass sie der Meinung war, es gäbe weit bessere Unterhaltungsmöglichkeiten in Berlin.
Er nahm es mit Zerknirschung hin und führte sie tanzen. Sie tanzte wie eine Königin. Sie trug ein himmelblaues Kleid mit sanften Volants und sah bezaubernd aus. Das Kleid war erstes Pariser Modell, das sie mit beinahe virtuosem Geschick der Modeausstellung eines Spezialgeschäftes nachgeschneidert hatte. Es ging bis knapp an die Absätze und ließ die Spitzen der blanken, schwarzen Lackschuhe verführerisch blinken.
Walter Böhmelmann erinnerte sich – immer noch Arm in Arm und immer noch schweigsam mit Lotte durch die Straßen wandernd – genau. Vor drei Wochen war das gewesen. Trüben, billigen Landwein tranken sie und Lotte stieg ein herrlicher, roter Schimmer ins Gesicht. Ihre Augen glänzten. Sie war schön und erhitzt. Sie schmiegte sich an ihn und sie lachte viel. Die Menschen sahen ihr nach und Walter fasste sie, als wollte er sie vor den Blicken der anderen schützen, hart um die Taille. Sie tanzten einen Tango und er ließ sich mitreißen von ihren großen, weitausholenden Schritten.
Die Tanzfläche bestand aus einem einfachen runden Holzbrett in einem Vorstadtgarten. Die Kapelle umfasste drei Musikanten. Aber die Nacht war warm, der Sommer hatte sich noch lange nicht in diesen regenfeuchten Spätherbst verwandelt , der Sternenhimmel leuchtete betörend und Lottes Mund hing dicht neben dem Munde Walter Böhmelmanns. Sie schreckte nicht einmal zurück, als er sie küsste: es war, als fiele sie auf seine Lippen, als hätte sie längst auf sie gewartet und stürze sich nun ungestüm und wie verdurstet auf sie – – –, es war, als wisse sie nicht, dass er ja nur Walter Böhmelmann sei …
Und am nächsten Tage wollte sie es wirklich nicht mehr wissen. Am nächsten Tage war sie so gleichmäßig freundlich und überlegen, als hätte sich diese ganze herrliche Nacht nur in Walters weitschweifender Phantasie abgespielt und wäre nicht berauschendste Wirklichkeit gewesen.
Er aber hielt daran fest. Er war, wenn man ihn so neben Lotte einhergehen sah, der bei weitem kleinere, unscheinbarere. Seine Gestalt, gut proportioniert, wirkte ein wenig gedrungen. Sein Hals war etwas zu kurz, um den Kopf zur vollen Geltung gelangen zu lassen. Außerdem hatte er dunkelblondes , schütteres Haar und eine stumpfe Nase, über der eine breite, nicht unintelligente Stirn saß. Seine Schultern verrieten, dass er mit Zähigkeit an einem einmal gesteckten Ziel festhalten würde, die Art seines Ganges und die Bewegung seiner Beine flößten Vertrauen ein. Wo man ihm auch begegnen würde, es schien festzustehen, dass er zu jeder Zeit und an jeder Stelle die gleiche gutmütige ehrlich-bereitwillige Miene zur Schau zu tragen bestimmt war. Er war ein wenig älter als Lotte Stein, daraus leitete er eine gewisse Fürsorglichkeit für sie ab, die sie noch nie erlebt hatte und die sie – besonders weil sie nicht das Zeichen einer jäh aufbrechenden Begierde war, sondern eine dauerhafte , ständig sich gleichbleibende Einrichtung wurde – in immer wiederkehrendes Staunen versetzte, sie manchmal, besonders im Geschäft den Kolleginnen gegenüber, aber ein wenig störte und belästigte. Schließlich war sie ja noch nicht mit ihm verheiratet! Wie konnte ein Mensch in dieser Zeit es sich denn überhaupt in den Kopf setzen …
Lotte Stein, deren hohe Hüften und lange Beine in den Träumen des Walter Böhmelmann eine gewichtige Rolle spielten, hatte es bisher immer noch verstanden, ihn abzulenken. Ach, sie mochte einfach nicht mehr. Sie wollte einmal richtig ein paar Monate allein sein und Ruhe haben, nicht mehr gehetzt werden von den abendlichen Verabredungen, von dem Zank, der deswegen zu Hause entstand, sie wollte einmal richtig um neun Uhr schlafen gehen und am nächsten Morgen wenigstens einigermaßen frisch und ausgeruht sein, sie wollte sich ein wenig pflegen und – vor allen Dingen – sie wollte einmal eine Zeitlang niemanden mehr sehen. Sie hatte das auch der Mutter gesagt und die Mutter hatte ein richtiges gutes Wort für sie gehabt …
Und nun drängte sich dieser Walter Böhmelmann dazwischen. Es hätte nicht schlimm sein brauchen, gewiss nicht! Besonders, da sie nicht viel mehr für ihn empfand als für ihr gleichgültige andere Menschen auch, jetzt aber – sie gestand sich das offen zu – begann er sie zu beunruhigen.
Lotte Stein, Verkäuferin in der Warenhaus-A.-G. Schack & Co., hatte mit ihren zweiundzwanzig Jahren bereits eine Menge erlebt. Noch nie aber war ihr ein Mensch vom Schlage des Walter Böhmelmann nahegekommen! Und das war es letzten Endes, was sie an ihm bewunderte, und was sie immer wieder bestimmte, sich mit ihm zu treffen und ihn zu ertragen. Er war gewiss ein alltäglicher Mensch (er war nebenbei ein gewissenhafter Arbeiter, gleicherweise geschätzt von Kollegen wie in Frieden gelassen von Vorgesetzten, die an seiner mit Gründlichkeit und Fleiß ausgeführten Arbeit nichts zu bemängeln hatten) – warum musste Lotte gerade an ihm, der ihr gleichgültig war und keinen Wunsch in ihr erweckte, erleben, dass es noch Wunder gab aus dieser lieblosen und geschäftstüchtigen Welt?
Sie hatte das zu Anfang kaum beachtet. Sie war damals viel zu sehr beschäftigt mit ihrer eigenen Not. Die Mutter drohte täglich, sie aus der Wohnung herauszuwerfen, wenn es sich bestätigte, dass sie ein Kind bekam. Krank und fiebernd vor Erniedrigung und Scham, hatte sie sich ins Geschäft geschleppt. Die Kolleginnen begannen schon, hämische Bemerkungen zu machen, die Situation wurde immer drohender, Lotte Stein gab schließlich den Kampf auf, hörte zu Hause das Geschrei der Mutter und im Warenhaus das Getuschel der anderen an, beschloss, alles an sich herankommen zu lassen, dachte als letzten Ausweg an den Landwehrkanal und verfluchte die Gewissenlosigkeit ihres damaligen Freundes Egon K., der eine großartige Stellung im Buchhandel hatte und sich vom Tage ihrer Sorge an vor ihr verleugnen ließ …
Dabei übersah sie natürlich das stille und unaufhaltsame Werben des kleinen Böhmelmann. Egon war hochgewachsen, groß und schlank wie sie selbst, er hatte einen kühnen Zug im Gesicht und einen forschen Gang gehabt – – – es war klar, dass Walter Böhmelmann neben diesem später so schmählich versagenden Herrn verschwand. Auch, als sie schließlich seine wiederholte Aufforderung, abends mit ihm auszugehen , annahm, tat sie es mehr darum, um von der glücklich überstandenen Angst und der falschen mütterlichen Besorgnis aufzuatmen. (Der Arzt, zu dem sie in ihrer letzten Not doch noch gelaufen war, hatte ihr übrigens mit verständnisvollem Blick erklärt, es sei sehr natürlich, dass ihr Körper in seinen primitivsten Äußerungen nicht pünktlich funktioniere: ihre Blutarmut grenze an Bleichsucht, sie müsse unbedingt einmal etwas dagegen tun.)
Das war die Zeit, in der man Walter Böhmelmann im Warenhaus der Schack & Co. A.-G. noch für einen leichtsinnigen und vergnügungssüchtigen jungen Menschen hielt. Lotte Stein, die das wusste, stieß sich nicht daran. Schließlich wollte sie nichts von ihm und hatte erst einmal genug von einem »Verhältnis«. Als sie gesprächsweise jedoch gelegentlich einmal ihrer Verachtung der Leichtfertigkeit einer gewissen Sorte von Menschen gegenüber flüchtigen Ausdruck gab, fühlte er sich zu ihrem nicht geringen Schrecken zu einer Generalbeichte und dem anschließenden Versprechen veranlasst, einen gefestigten Lebenswandel zu führen, wenn sie ihm nur erlaubte, bei ihr zu bleiben.
Sie, die vieles gewohnt war, hätte das nicht so tragisch genommen, wenn er sie nicht langsam und mit einem an Verzweiflung grenzenden Mut davon überzeugt hätte, dass er es ernst gemeint hatte. Man sah ihn, der seine Freundinnen beinahe täglich gewechselt hatte, mit keinem anderen Mädchen mehr. Er wartete auf Lotte. Er schwor sämtlichen Vergnügen ab. Nicht einmal an den traditionellen Wochenendsegelausflügen seiner Kollegen beteiligte er sich mehr. Lotte freute und ärgerte das zugleich.
Da war Egon gewesen, ach, es lohnte nicht, daran zu denken ... und dann dieser hübsche, verlogene Kerl Max Baum, der es sicher noch zu etwas bringen würde – – – der hatte sie drei- oder viermal mit in seine Wohnung genommen, und sie, nachdem er ihr ewige Treue geschworen, mit der schwarzen Lore betrogen … da war ganz zuerst, als man noch nicht wusste, was man mit diesem heißen, fiebernden Körper anfangen sollte, eine Tanzstundenbekanntschaft, die sich über beinahe ein weiteres Jahr ausdehnte und über kurz und lang plötzlich zu Bruch ging, weil man sich gegenseitig schon nicht mehr sehen konnte – – – oh, da waren noch verschiedene andere, bittere und für eine kurze Zeit vielleicht auch berauschende Erlebnisse , aber alle liefen auf die gleiche Tatsache hinaus: es war, als dringe das Geschäft dieses großen Kapitalisten Schack bis ins Herz seiner Angestellten vor, selbst im engsten menschlichen Liebesgefühl und Kontakt vermochten sie es nicht, sich von seinen Methoden zu befreien: jeder versuchte aus jedem bei geringstem Risiko den größtmöglichen privaten Vorteil zu ziehen.
Nur Walter Böhmelmann nicht. Walter Böhmelmann bewies in einer Zeit, da jeder sich selbst der Nächste war, dass man sehr wohl sich selbst einem anderen zuliebe ändern und vergessen kann. Das war seine Stärke. Und das war gleichzeitig der Grund, aus dem Lotte Stein ihn nicht schon längst verabschiedet hatte. Er rührte sie. Sie empfand, wo sie früher gleichgültig war, jetzt schon ein gewisses Mitleid und eine leichte Zuneigung zu ihm.
Endlich waren sie angelangt.
Walter Böhmelmann kannte natürlich das Haus, vor dessen Tür er sich oft genug in der letzten Zeit von Lotte getrennt hatte. Eingepfercht zwischen seine ebenso grauen wie eintönig kasernenhaft wirkenden Geschwister, stand dieses Haus doch so wunderbar nahe am Wasser, dass man den Blick auf eine mit trüben Umrissen aus dem Nebel dämmernde Brücke und die starr auf dem Kanal lagernden Schleppkähne hatte, sodass im Herzen Berlins der Eindruck eines meerverbindenden Stromes erweckt wurde, der auch den stadtmüdesten Einwohner zu trösten vermochte.
Walter Böhmelmann glaubte, während Lotte den Schlüssel aus der Handtasche zog, niemals vergessen zu können, wie er sie von jenem ersten Wochenendausflug nach Hause gebracht hatte, den sie zusammen unternahmen. Sie hatte, als man am Morgen loszog, einen heftigen Widerspruch gegen eines der großen öffentlichen Freibäder geäußert, und also hatte man den am weitesten aus der Stadt führenden Überlandautobus benutzt, war Hand in Hand geradeaus gewandert, hatte sich in der Stille der Wälder verloren und hinterher so lange in der Sonne gelegen, bis man kaum mehr aus den Augen sehen konnte, und war, nachdem man in einem abgelegenen Dorfgasthof eisgekühlte Milch getrunken hatte, weitergewandert.
Ein solcher Tag zu zweien, fern dem Warenhaus , fern der Großstadt und allen ihren Menschen, hätte natürlich unzählige Situationen ergeben können, die so brennend gewünschte Annäherung Walter Böhmelmanns an Lotte Stein zu vollziehen, wenigstens aber doch eine intimere Stimmung zu schaffen, die ihm in späteren Tagen zumindest das Recht der Erinnerung gegeben haben würde: »Weißt du noch dort – und weißt du noch da – – – ?«
Nicht einmal das hatte Walter Böhmelmann vermocht! Er hatte viel zu viel Angst, sie zu verletzen oder sich mit einer einzigen, allzu gewagten Geste alles das zu verderben, was er sich zu erringen hoffte. Und also blieb es ihm allein vorbehalten, sich hinterher – so wie jetzt – zu sagen: »Und dort, weißt du noch – – – wie wir im Grase lagen und du dich ganz lang hintüber legtest, wie du die Arme unter den Kopf nahmst und die Beine aufstütztest … wie das Kleid von deinen Knien fiel und wie du, die erst zu schlafen vorgab, dann hinüberschautest zu mir? Und wie nichts geschah, nichts, nichts!, trotzdem du es vielleicht in diesem Augenblick doch erwartet hast ... Ach, und wie wir am Abend dieses Tages hier vor der Haustür standen, taumelnd von dem Übermaß an Luft und Sonne, betrunken von den Wäldern und dem Grün der Wiesen … weißt du noch?«
»Also«, sagte in diesem Augenblick Lotte Stein, »da sind wir. Das ist meine Mutter – und das ist Walter Böhmelmann.« Sie waren inzwischen die Treppen hinaufgegangen und in die Wohnung eingetreten.
»Ah, guten Abend, Herr Brink. Können wir gleich essen, Mutter? Vater ist doch sicher unterwegs? Vater hat nämlich dauernd etwas vor« (das war zu Walter hin gesagt, der verlegen in der Stubenmitte stand).
Im Übrigen schien Lotte überhaupt die Schweigsamkeit des Weges aufholen zu wollen, indem sie, ohne eine bemerkenswerte Unterbrechung, dauernd redete. Wenn sie es wollte, verstand sie es, Dinge zu sagen und Menschen in ihren Lebensäußerungen und Formen so plastisch vor ihrem Gesprächspartner erstehen zu lassen, dass es ein Vergnügen war, mit ihr zu sprechen. Jetzt aber redete sie scheinbar nur, um die Mutter nicht zu Worte kommen zu lassen, eine etwas derbe, auf Besuch wohl nicht gerade vorbereitete Proletarierfrau, der Lotte nicht im mindesten ähnelte. Vielleicht der Vater, dachte Walter Böhmelmann bekümmert, und bildete sich merkwürdigerweise ein, der Abend verliefe glücklicher, wenn dieser ihm schließlich doch noch vollkommen fremde Mann anwesend sei.
Wirklich beängstigend allerdings war nur Herr Brink. Warum hatte Lotte niemals erwähnt, dass außer ihren Angehörigen ein Untermieter in ihrer Wohnung hause? Und dass dieser derart unsympathische Herr in einem so offenkundigen Vertrauensverhältnis zu ihr stehe?! Das war, als bekäme Walter Böhmelmann einen Boxhieb in den Magen. Er konnte nicht einmal essen vor Aufregung ...
»Na, wie gefällt er dir?«, hatte Lotte triumphierend und rasch im Vorbeigehen in der Küche gefragt, war sie doch sicher, der solide Walter Böhmelmann habe nur den besten Eindruck bei Mutter machen können. Zu ihrem Erstaunen hatte sie jedoch als Antwort nur ein paar brummig hingemurmelte Worte bekommen: »Der will genau dasselbe von dir wie die anderen ... Du solltest lieber zusehen … «
Viel zu verärgert darüber, dass Lotte schon wieder mit einem Manne herumzog, dem man es von weitem ansah, dass er keine Reichtümer zu verschenken hatte, anstatt sich nach einem umzusehen, der Geld zum Heiraten besaß, setzte die Mutter ein mürrisches Gesicht auf. Da Walter Böhmelmann zu seinem Unglück mit seinem früheren leichten Leben auch die Technik verloren hatte, feindselige Mütter freundlich zu stimmen und sich demgemäß nicht an sie heranwagte, hielt sie ihn für einen der üblichen Tröpfe, mit denen Lotte sträflicherweise ihre Zeit vergeudete.
Nach einer Stunde überflüssigen Herumsitzens in der guten Stube – sie las die Zeitung und konnte nicht verhindern, dass ihr dabei die Augen zu- und die Brillengläser von der Nase fielen –, verabschiedete sie sich mit der Aufforderung an Lotte und Walter, nicht allzu spät Schluss zu machen und bald auseinanderzugehen.
Als die Tür hinter ihr zu war, wurde es aber nur noch stiller und freudloser in der guten Stube. »Ja«, sagte Lotte, »so ist das hier.« Sie sah ihn an, diesen erstaunlichen Walter Böhmelmann, der einmal vorgegeben hatte, sie heiraten zu wollen, bitter und herausfordernd zugleich. »So ist das jeden Tag, verstehst du … ? Wenn dann der Vater noch dazukommt und die kleine Lene ...« Das klang nach Tränen, Anklage und Trotz.
Die Stunde Walter Böhmelmanns war gekommen. Hier hatte er einzusetzen. Er war beinahe glücklich in diesem Moment.
»Lotte?!« Er rückte näher an sie heran. Ganz eng saßen sie beide nun auf dem alten roten Plüschsofa, jenem Staatsstück der guten Stube, das Mutter schon mit in die Ehe gebracht hatte. Er fühlte ihre Wärme, ihren Atem.
»Du musst nicht böse sein«, sagte Lotte, und ihr Gesicht wurde ganz weich, die Linien verschwommen vor tapfer unterdrücktem Weinen ... »Das ist alles so schrecklich ..., so, als kriegte man gar keinen Atem mehr. Das erstickt mich noch, glaube ich, fühlst du das nicht?«
Er fühlte nur, dass sie allein waren.
»Mach das Licht aus, meine Augen brennen so«, bat Lotte, »und außerdem ist es immer noch hell genug.« Die Ecklaterne gab dem Zimmer einen fahlen, unwirklichen Schein.
»Du – – – Lotte – – – ?«
