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An einer reputierlichen US-Universität schlägt sich Eve Braintree, Leiterin des Medienzentrums, mit schwindenden Budgets, egomaner Geltungssucht und akademischer Korruption herum. Hier wird jede Schwäche ausgenutzt. Nur ihr exzentrischer Kater hält zu ihr. Doch dann gewinnt Eve ganz unerwartet einen mächtigen Verbündeten … Universitäre Intrigen, zügellose Gier, akademische Nebelkerzen und romantische Liebe: Karen Ruoffs Campus-Satire »Academia« ist eine treffsichere Groteske aus der Welt der höheren Bildung. Und ein böser Augenöffner für alle, die versucht sind, sich bildungspolitisch immer noch am neoliberalen Hochschulmodell zu orientieren.
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Seitenzahl: 503
Veröffentlichungsjahr: 2021
Universitäre Intrigen, Gier, wilde Gerüchte und romantische Liebe: 'Academia' ist eine mitreißend erzählte Groteske aus der Welt der höheren Bildung, eine bitterböse Bestandsaufnahme und ein exzessives Vergnügen.
Karen Ruoff , geboren und aufgewachsen in Compton ( Kalifornien), lebt seit 1970 in Berlin. Sie studierte Literatur und Germanistik in Stanford, Philosophie und Amerikanistik an der FU. Seit 1980 ist sie Direktorin des Berlin-Ablegers der Stanford University, unterrichtet Theater und Film. 2002 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement in internationalen Kulturbeziehungen.
Karen Ruoff
Academia
Exzellenz hat ihren Preis
Roman
eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2021
Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg
Tel. +4940 31108081, [email protected]
www.culturbooks.de
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj
eBook-Herstellung: CulturBooks
Printausgabe: © Argument Verlag 2021
Originaltitel: Coming up Ruses
© Karen Ruoff 2018
Lektorat: Iris Konopik
Erscheinungsdatum: September 2021
ISBN 978-3-95988-205-7
Triggerwarnung Sollten Sie befürchten, dass es in diesem Buch um Sie gehen könnte – geht’s eher nicht. Sollten Sie hingegen sicher sein,
Eve Braintree nahm sich einen dritten nimm2. Ein oraler Rettungsring für die Beinah-Exraucherin, die nur in Momenten größter Not wieder in ihre alte Unsitte verfiel, und auch das nur, wenn es keiner sah. Sie schaute aus dem Fenster, blicklos, ohne auf die Postpuberalen zu achten, die dort draußen in den neuen Zweihundertdollartag hineinradelten. Durch den Büroflur waberte der Duft von Kona koffeinfrei, und nach und nach trafen die Kollegen ein, manche schlurfend, andere schlendernd, und alle nuschelten irgendwelche arabesken Bemerkungen vor sich hin, die die banale Tatsache zu verhehlen trachteten, dass sie, um es geradeheraus und ohne Rücksicht auf den tiefen Ernst der jeweils erlebten Sachzwänge zu sagen, schlicht und ergreifend zu spät kamen.
Eve war pünktlich gewesen. Eve war immer pünktlich, obwohl sie eigentlich keine von denen war, denen es leichtfiel, pünktlich zu sein. Bei ihr klingelte jedes Mal, wenn sie endlich richtig eingeschlafen war, der Wecker. Aber die Karriere ging nun einmal vor, und als neue Direktorin des CMC, des Center for Media and Communications, der Parrington Simmons University, kurz Medienzentrum genannt, hatte Eve gelernt, ihre Ps und Qs im Kopf zu behalten. Was es mit den Qs auf sich hatte, war ihr noch nicht so richtig klar, völlig klar aber waren ihr die Ps. Ganz oben auf der P-Liste standen P-rofessionalität und P-rioritätensetzung, kurzlebige Schlagwörter, mit denen gutgekleidete Administratoren mit tadelloser Haltung, wissendem Blick und Spearmintlächeln sowie ohne ein Gramm Übergewicht gern um sich warfen. Eve hatte zwar nicht unbedingt den Eindruck, dass man an dieser Uni mit Lob für eine P-ositive Leistungsbilanz geizte, war aber dennoch stets bemüht, P-unkte zu sammeln. Und weil P- ünktlichkeit eine P- riorität war und zu einem P-rofessionellen Gesamtbild zwingend mit dazugehörte, kam Zuspätkommen für sie einfach nicht in Betracht.
An diesem Morgen hatte es sie einiges gekostet, pünktlich zu sein. Da sie als Erste im Büro gewesen war, hatte sie eine Kanne von dem guten hawaiianischen Spezialkaffee für alle gekocht. Natürlich war es für sie als Frau rückschrittlich, Kaffee zu kochen, für sie als Chefin aber war es fortschrittlich, und außerdem hatte sie keine Lust gehabt, so lange auf ihren Kaffee zu warten, bis irgendjemand anders kam und welchen kochte. Während der Kaffee gurgelnd vom festen in den flüssigen Aggregatzustand überging, zollte Eve der maßgeblichen Rolle, die in einer Informationsgesellschaft den Informationen zukommt, Tribut, indem sie sich in den E-Mail-Account der Abteilung einloggte, eine Aufgabe, der sich normalerweise ihr Sekretär Brad McGillicutty-Hernandez angenommen hätte, nur gönnte dieser sich gerade noch jene paar Stunden Tiefschlaf, auf die Eve verzichtet hatte. Die kunterbunte Liste, die sich seit dem letzten Log-in im Postfach angesammelt hatte, enthielt unter anderem eine Anweisung, wie das neue Formular zur Einreichung von Beschwerden bei der Ombudsperson auszufüllen sei, einen schmutzigen Witz, den ein schweinischer Hacker geschickt hatte und auf den man nicht zu antworten brauchte, außerdem haufenweise Spam, die übliche Reklamesülze, und die in solchen Massen, dass man eine ganze Kompanie ausgehungerter Soldaten satt kriegen würde; dann eine verzweifelte Nachricht von einem Doktoranden, der diverse plausible, sich jedoch gegenseitig ausschließende Entschuldigungen dafür zum Besten gab, warum er irgendeinen Abgabetermin nicht einhalten konnte, und zu guter Letzt noch das hier: eine Mitteilung von Hartley Kendall, dem Präsidenten der Universität, an alle Abteilungen mit dem Betreff: »Veränderte Prioritätensetzung unter den Neuen Finanzpolitischen Rahmenbedingungen«.
Die Universität steht gegenwärtig vor der Notwendigkeit, einige richtungsweisende Neuorientierungen vorzunehmen. Die internationale Finanzkrise hat unsere Stiftung schwer getroffen, die Anlagerenditen sind auf einem historischen Tiefpunkt. Dementsprechend hat sich der Stiftungsrat gestern für eine Kürzung des Budgets um 8 % ausgesprochen. Ob dieses Einsparungsziel durch flächendeckende Einschnitte zu erreichen ist oder ausgewählte Fachbereiche geschlossen und Institute zusammengelegt werden müssen – oder beides –, darüber wird in Absprache mit den zuständigen Fakultätsvorständen zu befinden sein. Diejenigen von Ihnen, die über den nötigen Weitblick verfügen, werden diese Entscheidung begrüßen und darin eine Möglichkeit zur Sanierung ihrer jeweiligen Bereiche und Verwaltungseinheiten erkennen. Wir sind der festen Überzeugung, dass Parrington Simmons, den guten Willen und das Engagement unseres Lehrkörpers sowie der Administration vorausgesetzt, gestärkt und mit frischem Schwung aus diesem Prozess hervorgehen wird: Lassen Sie uns die Führung übernehmen bei der Neubestimmung nicht nur der höheren, nein, der allerhöchsten Bildung in Amerika!
Ein Schräubchen hatte sich gelockert in Eves Kopf, das schoss ihr nun im Schädel herum und versuchte verzweifelt, irgendwo unterzukommen. Während ihre manikürten Finger automatisch den Druckerbefehl aktivierten, flackerte vor ihren Augen in neuraler Neonschrift der Subtext dieser Aneinanderreihung von Euphemismen: Wir sitzen alle im selben Boot … unser Boot ist ein sinkendes Schiff … rette sich, wer kann, und alle Mann runter von Bord. Eve, die als nachweislich am wenigsten männliche Führungskraft ein der Parrington Simmons außerbudgetär angeschlossenes Institut leitete, hatte die Befürchtung, dass sie sehr nass werden würde.
Doch plötzlich waren Schritte auf dem Flur zu hören, was ihre Aufmerksamkeit, die wie ein Fisch am Haken zappelte, sogleich in Anspruch nahm. Sie wappnete sich innerlich für den Auftritt einer Person, die ihr nur allzu vertraut war. Die Tür flog auf, und wenn das Leben ein Comic wäre, hätte der Luftzug augenblicklich den ganzen Raum leergefegt. Mit einer mächtigen Bugwelle kam ein forscher, vor Chuzpe strotzender Mann von irgendwas zwischen nicht mehr jung und noch nicht alt hereingewogt.
»Morgen, Eve. Weißt du schon das Neuste? Nachdem sie uns zwei Jahre hintereinander runtergekürzt haben, wollen sie jetzt das Basisbudget um noch mal acht Prozent zusammenstreichen, und dabei sind wir ja nicht mal drin im Basisbudget. ›Verlängerungsfähige Einmal-Finanzierung‹, das ist der Begriff, mit dem unser Budget schöngeredet wird.« Eve nickte benommen und hielt ihm den Ausdruck von Kendalls E-Mail unter die Nase.
Moritz Flapp war eine von diesen selbsternannten Spitzenkräften im Gemeinnützigkeitsbusiness, die es in den Universitätsverwaltungen haufenweise gibt, zumal in Zeiten, wo Washington den Staatssäckel besonders fest zugebunden hält. Als einer von einer ganzen Legion von Mitarbeitern in der sogenannten Development-Abteilung der Parrington Simmons war Flapp für die Spenden ehemaliger Absolventen zugunsten an die Universität angeschlossener Institute zuständig. Wenn Eve nicht scheitern wollte mit ihrem Bemühen, aus dem neuen Medienzentrum, das bei den älteren, eher konservativ gesinnten Mitgliedern des Lehrkörpers den despektierlichen Spitznamen ›Club Med‹ hatte, ein Forschungsinstitut von nationalem Rang zu machen, dann musste sie sich wohl oder übel auf friedliche Koexistenz mit Flapp einlassen. Flapps Währung war Wissen, was ja für einen Mitarbeiter einer Universität wahrhaftig nicht ungewöhnlich ist. Doch mit jener Art von Wissen, die sozusagen das Universalticket für alle Geistes- und Naturwissenschaften ist, gab Flapp sich nicht zufrieden. Er machte es sich vielmehr zur Aufgabe, beispielsweise darüber Bescheid zu wissen, welcher wohlhabende Alumnus an einer unheilbaren Krankheit litt und keine natürlichen Erben hatte, oder welche Unternehmen einen guten Steuertrick oder ein philanthropisches Feigenblatt gebrauchen konnten. Zu seinen Spezialitäten gehörten außerdem gewisse Schlüsselkenntnisse, wie er es nannte, etwa die Namen und Geburtstage der Chefsekretärinnen einflussreicher Industrieller parat zu haben, oder nicht nur zu wissen, wer mit wem, sondern auch wo, wie oft und in welcher Stellung. Flapps Handwerk war das Netzwerken.
Als perfekter Bescheidwisser warf er nur einen kurzen Blick auf Eves E-Schrieb. »Jaja, Eve, die Oberhyänen fressen die Unterhyänen. Schlechte Zeiten für Vegetarier. Hitler war auch einer, weißt du.«
Moritz’ Gedanken-Patchwork war selbst in richtig guten Zeiten nur schwer zu ertragen, speziell an diesem Vormittag aber ging es entschieden über das hinaus, was Eve zu dulden geneigt war. Ein hübscher Streich, den ihr das Schicksal da gespielt hatte, ihr eigenes akademisches Überleben und das ihres Instituts an die Fähigkeit dieses Mannes zu koppeln, sich selbst zu promoten; lange hatte sie nicht gebraucht, um herauszufinden, dass die Interessen des Medienzentrums nur das Mittel zum Zweck waren, nicht aber der Zweck selbst, den dieser eingefleischte Schaumschläger verfolgte. Und doch hielt ein altmodisches Bedürfnis nach Lauterkeit Eve davon ab, sich das ganze Ausmaß der Verachtung einzugestehen, die sie für diesen Selbstbedienungssamariter empfand. Da sie gezwungen war, eine freundliche Arbeitsbeziehung zu ihm zu unterhalten, suchte sie bei ihm unentwegt nach Charaktereigenschaften, die sie aufrichtig bewundern konnte – eine Beschäftigung, die mit ihrer allgemein bekannten unvoreingenommenen analytischen Urteilskraft nur bedingt kompatibel war. Respekt vorzutäuschen hätte ein Maß an Heuchelei erfordert, das Eve beim besten Willen nicht aufzubringen vermochte.
»Angriff ist die beste Verteidigung, Eve. Schlagen wir sie auf ihrem eigenen Platz. Wenn wir es schaffen, das Startkapital für einen entsprechenden Fonds einzuwerben, dann können die Ihnen Ihr Budget auf keinen Fall kürzen, sondern müssen es sogar aufstocken. Also ran an den Spender, ehe uns die Konkurrenz zuvorkommt: die potenzielle Finanzierung gleich an der Quelle abzapfen. Und ich hab da so eine Ahnung, wer die Quelle sein könnte. Wenn ich das hinkriege, sind Sie mir natürlich was schuldig. Umsonst ist der Tod!« Mit siegesgewissem Augenzwinkern und unter Fanfarenklängen, die nur er allein hören konnte, verließ Moritz Flapp den Raum.
Ein Dutzend Limousinenminuten weiter, im hügeligen Vorland über dem Pazifik, hinter einem augenscheinlich aus Prag importierten, speerspitzengespickten Eisenzaun am Ende einer kurvenreichen Auffahrt, die man, wäre sie nicht von kalifornischen Palmen gesäumt gewesen, für eine französische oder deutsche Landstraße vor der Erfindung des Automobils hätte halten können, stand eine neugotische Villa, in deren Erker an einem geschnitzten Eichenschreibtisch, das schnurlose Telefon in der fleischigen Hand, ein jungenhaft zerzauster Mann mit grauen Schläfen saß: Windeshake Wonty III. Von seinen Freunden Willy genannt, von seinen Widersachern World War III. Die Wände des Zimmers zierten die Köpfe einer solchen Vielfalt an toten Tieren, dass der Gast sich fragte, wo er hier wohl gelandet war, ob bei einem Jäger, der wahllos alles abschoss, was ihm vor die Flinte kam, einem nostalgischen Tierfreund oder einem Präparator: Elch, Wapiti, Grassittich, Bergziege, Hausziege, Grauwolf, Holsteinisches Rind, Deutscher Schäferhund, Reh, Nutria, Königsadler, Geier, Büffel, Truthahn, Schraubenantilope, schwarzes Schaf, Feldmaus, Meerschweinchen, Gnu, Zebra, Maulwurf, Wasserbüffel, Esel, Siamkatze, Mexikanisches Hausschwein, Wildschwein. An einem Hauer des Letzteren hing ein Tirolerhut mit zünftigem Rasierpinsel, am anderen ein Stetson.
»Kaufen, verdammt noch mal«, blaffte Willy Wonty ins Telefon. »Wenn ich sage kaufen, dann meine ich kaufen!« Er kniff die Augen zusammen, schloss die feuchten Lippen fester um seine dicke Havanna, sog kräftig daran, atmete den Rauch tief ein, schluckte ihn buchstäblich runter und hielt die Luft an. Und als er endlich wieder ausatmete, blieb der Rauch drinnen, wo er hingehörte.
»Scheißegal, was die sagen – kauf!« Er drückte wütend auf irgendeine Taste und knallte das Telefon auf den Schreibtisch. Es quäkte weiter und gab mit einer unverwechselbar näselnden menschlichen Stimme elektronisch übertragene Widerworte von sich. Er nahm das Teil wieder zur Hand und drückte mit seinen dicken, ungeschickten Fingern blindlings darauf herum; es piepte, er hielt es ans Ohr, nahm die Brille ab und setzte eine andere auf, starrte erneut auf das Display und brüllte ins leere Zimmer.
»Schwedersky!«
Ein Butler in voller Pinguinmontur trat ein. Sein Akzent war eckig wie ein Hakenkreuz und mit ein bisschen viel Zwerchfell zwischen den einzelnen Silben.
»Sähr wohl, Mr. Vonty, Sör?«
»Nicht mal gepflegt auflegen kann man mehr! Wissen Sie vielleicht, wie man dieses Mistding hier ausmacht?« Behutsam Wontys gestikulierender Havanna ausweichend, näherte sich Schwedersky dem Telefon. Er tippte irgendwo drauf und schnitt dem Genöle erfolgreich das Wort ab.
»Mr. Vonty, Sör, traußen wartet ein Härr. Fläpp is der Name. Hier, seine Karte. Wünschen Sie, ihn zu sehn, oder soll ich sagen, Sie sind pereits anderweitik peschäftikt?«
»Schwedersky – wie heiße ich?«
»Vindeschäck Vonty der Tritte, Sör.«
»Das spricht sich U-onty, Schwedersky. U-indeshake U- onty. Der Dritte.« Wonty verbog mit didaktischem Übereifer Lippen und Zunge. »Sie haben Ihre Übungen vernachlässigt. Lassen Sie mal hören. Na los schon!«
Schwedersky gehorchte. Eine Spraydose hätte nicht eindrucksvoller sprühen können.
»Das seh ich gerne: konzentrierte Problemlösung. Die Vokale kriegen Sie schon ganz gut hin. Aber das Problem, Schwedersky, das Problem sind die Konsonanten. Irgendwann machen Sie noch einen Professor Higgins aus mir. Na schön, zeigen Sie dem Mann – äh, wie war noch gleich der Name?« Wonty konsultierte die Karte in seiner Hand:
Moritz Flapp, M. A.
Special Accounts Specialist
Parrington Simmons University
»Fläpp«, sagte Schwedersky. »Pitte was soll ich ihm zeigen?«
»Wo’s reingeht, Schwedersky. Nun bringen Sie ihn schon her.«
Schwedersky deutete eine Verbeugung an und verließ unverzüglich den Raum, und im nächsten Moment kam auch schon Flapp hereingefegt.
»Guten Morgen! Moritz Flapp, Parrington Simmons!«, stellte er sich vor, trat zackig näher und streckte Wonty die Hand entgegen; Wonty suchte eine neue Bleibe für seine Havanna und fand sie in seinem rechten Mundwinkel. Nach ihrem Händedruck, bei dem er seinem dergestalt fixierten Gastgeber schnurgerade in die Augen sah, fuhr Flapp fort. »Ich überbringe Ihnen die persönlichen Grüße unseres Präsidenten, der sich nach Ihrem werten Befinden erkundigt«, sagte er in einem Ton, in dem sich ein wohlkalkuliertes Maß an Ehrerbietung und Respekt mit der Lässigkeit des offenkundig Ebenbürtigen verband. »Ist es möglich, dass wir uns schon mal begegnet sind – dieses legendäre Spiel gegen Iron Horse, mit drei Touchdowns von Tommy Rae Wilson im Vierten und zwei abgefangenen und in Touchdowns verwandelten Pässen? Ich glaube, wir waren damals beide in der Präsidentenloge.«
»Tut mir leid, aber da muss ich Sie enttäuschen, Mr. Flapp. Ich vergesse niemals ein Gesicht, und Ihres ist mir fremd. Football ist nicht mein Ding: zweiundzwanzig erwachsene Männer, die sich um ein kackbraunes Ei von Ball kabbeln. Ich hab meine Eier gerne rund. Wenn Sie wegen einer Spende für dieses lächerliche Team hier sind, mit dem sich meine Alma Mater ein ums andere Mal zum Gespött der ganzen Nation macht, dann vergeuden Sie Ihre Zeit.«
»Verflucht noch eins, ich hätte schwören können –«
»Nur zu, fluchen Sie ruhig, wenn’s Ihnen dann besser geht.«
»Oder … war das vielleicht bei dem Freimaurer-Treffen letzten August in Nairobi?«, fragte er in der Hoffnung, verlorenes Terrain zurückerobern zu können, und betrachtete dabei die an der Wand hängenden afrikanischen Arten.
»Schwedersky!«
Der Gerufene trat ein.
»Zeigen Sie dem Mann –«
»Was soll ich ihm tiesmal zeigen, Mr. Vonty?«
»Die Tür, Schwedersky. Die Tür sollen Sie ihm zeigen.«
Einigermaßen konsterniert musterte Schwedersky, die Hand noch am Knauf, die Tür abwechselnd von außen und von innen, dann schaute er dem Gast und schließlich seinem Boss ins Gesicht.
»Wo’s rausgeht, Schwedersky. Herrgott noch mal, jetzt zeigen Sie ihm schon, wo’s rausgeht!«
Gleich darauf rollte ein in die Jahre gekommener kirschroter Ford Compact eine sehr lange Auffahrt hinunter, durch ein tatsächlich aus Prag importiertes Eisentor und hoch ins hügelige Vorland über dem Pazifik. Sein Fahrer brabbelte mit hochrotem Kopf Verwünschungen vor sich hin, die, wäre das Leben ein Comic, als dichte Kumuluswolke aus Kringeln, Ausrufungszeichen und Sternchen über dem Gefährt gehangen hätten.
Ein übereifriger Sprinkler hatte schon seit geraumer Weile die aus Redwoodholz gebaute Sonnenterrasse von Max Malones Stadtvilla unter Wasser gesetzt. Dass der Sprinkler überhaupt lief, war eine eklatante Verletzung sowohl der während der letzten Dürre verhängten neuen Sprengordnung als auch des ökologischen Empfindens einiger seiner über mehr Gemeinsinn verfügenden Nachbarn. Malone, ein Mann schon beinah mittleren Alters im sorgfältig zusammengestellten Designerfreizeitoutfit, entschuldigte sich bei dem mit dem Kritzeln eines Strafzettels befassten Officer, indem er erklärte, er sei so intensiv damit beschäftigt gewesen, seinen Porsche-Oldtimer zu waschen, dass er die Überflutung seiner Terrasse gar nicht bemerkt habe. Während er auf dem dampfenden Gehweg von einem nackten Fuß auf den anderen hüpfte, machte ihn der Officer darauf aufmerksam, dass das Autowaschen per Gartenschlauch nicht mehr zulässig war, und drückte ihm noch einen zweiten Strafzettel in die Hand.
»Am besten erlassen sie gleich ein Gesetz –«, sagte Malone sarkastisch.
»Haben sie ja schon«, fiel ihm der Officer ins Wort. Dann tippte er sich an die Mütze, kletterte in sein schwarzweißes Gefährt, fuhr vor bis zum Ende der Sackgasse, wendete und kam wieder zurück zu dem sonnengebräunten, verwirrt dreinschauenden Delinquenten, der einen Haufen Papier in der zur Faust geballten Hand hielt. Der Officer rollte gemächlich weiter bis zu Malones Auffahrt, stellte sich quer davor und ließ das Fenster an der Beifahrerseite herunter.
»Und im Übrigen gibt es auch«, donnerte er mit einem Blick auf die durchnässten Strafzettel, »ein Gesetz gegen die Missachtung von Gesetzen.« Er füllte einen weiteren Strafzettel aus und hielt ihn Malone hin. »Jetzt sperren Sie endlich den Hahn zu, sonst lass ich Ihnen das Wasser abstellen.«
Malone befolgte mürrisch den Befehl. Wehmütig sah er den stahlgrauen Lack seines Große-Jungs-Spielzeugs unter dem trocknenden Seifenschaum erblinden und hoffte inständig, dass dieser uniformierte Aufpasser endlich verschwand und er den Wagen wieder ordentlich blank wienern konnte. Der Ordnungshüter verzog den Mund zu einem breiten, höchst zufriedenen Grinsen, schraubte seine Thermoskanne auf und goss sich einen Becher Kaffee ein, schloss die Faust um ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade, biss ab und kaute. Kaute gründlicher, als jede von Verdauungsangelegenheiten besessene Großmutter hätte fordern können. Dann schluckte er runter und nippte an seinem Kaffeebecher. Und biss wieder ab. Die Sonne brannte hernieder. Der Seifenschaum dampfte und zischelte, und bald war die ganze blitzende Karosse mit einer feinen stumpfen Kruste überzogen. Er griff nach seinem Telefon und rief auf dem Revier an. »Brian O’Brien hier. Ich bin oben am Oak Hill Drive, bin einer Beschwerde wegen Wassermissbrauch nachgegangen. Die Lage verlangt ein bisschen persönliche Beaufsichtigung, darum bleib ich jetzt erst mal hier, bis ihr mich braucht. Meldet euch, wenn was reinkommt.« Er machte das Radio an, drückte mehrmals den digitalen Suchlauf und erzeugte damit irgendwelche zusammenhanglosen Klanghäppchen – meldet Massenandrang an den südlichen Stränden aufgrund von – Anzahlen und mitnehmen – Pfund in nur drei Wochen mit – Bap shoo wah shoo wah – in der Chicano-Community führte zu – globalen Finanzkrise gibt es keine Anzeichen – wirksam gegen Fußschweiß in siebzig – Teenagerschwangerschaften während – der Euro fiel gegenüber –, um schließlich bei der schmalzigen Stimme eines ätzend sarkastischen Populisten stehen zu bleiben, der gerade seine zighundertste Schmährede abließ gegen POTUS, Akronym für President of the United States. O’Brien brachte den Fahrersitz in Liegeposition, zog sich die Polizistenmütze über die Augen und machte es sich gemütlich.
Malone stapfte die Vortreppe hinauf, widerstand aber angesichts seiner wachsenden Sammlung von Strafzetteln der Versuchung, die Haustür hinter sich zuzuknallen. Dass man sein Auto mit dem Wassereimer waschen durfte, war ihm bekannt, aber so was Profanes wie einen Wassereimer besaß er gar nicht. Darum nahm er seinen Nudeltopf, ließ ihn volllaufen und schleppte ihn nach draußen, um seinen Lack vor der Sonne zu retten. Nachdem er etwa fünfzehn Mal zwischen Auto und Küche hin- und hergelaufen war, hörte er den Polizeifunk krächzen: »O’Brien, im Bay View Park hinter der Tribüne holt irgend so ’n Perverser seine Kronjuwelen raus. Schau doch mal nach dem Rechten.« O’Brien schob mit dem Zeigefinger seine Mütze zurück, stellte seinen Sitz wieder aufrecht, startete den Motor seines Binärfahrzeugs, schenkte dem Wasserverbrecher noch ein letztes breites, zufriedenes Grinsen und fuhr davon.
Sobald der Polizist um die Ecke verschwunden war, stürzte Malone zum Wasserhahn, doch noch ehe er ihn richtig aufgedreht hatte, bog schon ein anderer Wagen in seine Sackgasse ein und kam auf ihn zugerollt. Er kannte das Auto und kannte den Besitzer, seinen Hauptkonkurrenten in der Development-Abteilung. Zwischen den beiden war alles in Butter, wobei es ja auch ranzige Butter gibt.
»Hallo, Max. Wie ich sehe, leisten Sie Ihren Beitrag zur Bekämpfung der Dürre. Autowaschen mit dem Nudeltopf. Sehr löblich. Von einem Träger des Whitmore Award für hervorragende Dienste hätte ich das allerdings nicht erwartet – Max Krach-Bumm-Danke-Uncle-Sam Malone, der dynamische Spezialist für staatliche Fördergelder.«
»Ach so? Na ja … wo kommen wir denn hin, wenn jeder einfach seine Geranien gießt, seinen Wagen wäscht und seine Toilettenspülung benutzt, wie er lustig ist? Deine Geranien haben Durst? Dann fütter sie gefälligst mit gebrauchtem Abwaschwasser. Dein Kombi ist eingestaubt? Dann staub ihn ab, Herrgott noch mal. Du musst pinkeln? Dann halt’s ein oder such dir ’n Baum«, knurrte Malone.
Flapp erkannte an Malones Ton, dass der Zeitpunkt für seinen Besuch suboptimal war, und beschloss, seinen heftigsten Instinkt zu unterdrücken und keine neugierigen Fragen zu stellen.
»Also, ich hab zwar keine Ahnung, Max, was Ihnen heut den Tag gerettet hat, aber ich sag Ihnen mal, was es bei mir war. Ich hab nämlich grade kurz bei Willy Wonty vorbeigeschaut. Hatten Sie mir nicht erzählt, dass der Typ in den Achtzigern Lineman bei Iron Horse war, dass seine alte Alma Mater einen festen Platz in seinem Herzen hat und er im Besitz von ’n paar hundert Millionen Dollar ist, mit denen er nichts anzufangen weiß?«
»Stimmt. Mehr oder weniger. Quarterback, sogar ein ziemlich vielversprechender, ist aber aus dem Team geflogen, weil er Raucher war. Und einen Platz in seinem Herzen hat Parrington Simmons allemal … bloß leider deutet einiges darauf hin, dass dieser Platz im Augenblick recht klein ist. Und weil sein Herz so groß ist, dürfte es wohl eher unwahrscheinlich sein, dass man einen Platz, der so klein ist, darin gleich beim ersten Versuch findet.« Etwas zwischen Grinsen und höhnischem Feixen blitzte in Malones Gesicht auf, und Flapp spürte, dass er reingelegt worden war.
»Wie viel hat er denn bis jetzt gespendet?«
»So aus dem Kopf kann ich das nicht sagen, aber sein Spendenverhalten ist etwas exzentrisch, das ist allgemein bekannt. Kommen Sie, wir loggen uns mal mit Maxens mächtigem Modem auf dem Giga-Geldgroßrechner ein.« Einer der wenigen akademischen Begriffe, die Max in seiner Collegezeit kapiert hatte, war »Alliteration«. Seine Englischlehrerin im ersten Studienjahr hatte dieses literarische Stilmittel eines schönen Tages am Beispiel seines Namens vorgeführt: Max Million Malone (eigentlich Maximillian, nach seinem Großvater, aber seine Eltern, die in den Casinos von Las Vegas arbeiteten, hatten die Schreibweise leicht verändert). Im ansonsten eher profanen Leben dieses nicht gerade philosophisch veranlagten Mannes war das ein Moment der Erleuchtung gewesen. Ein Name, dem es gerecht zu werden galt. Nach diesem Vorkommnis begann er seine Äußerungen in alliterative Wortketten zu fassen, wann immer ihm auf die Schnelle Wörter einfielen, die mit Konsonanten anfangen, eine Angewohnheit, die ihm den Ruf einbrachte, der einzige Gebrauchsalliterat der ganzen Universität zu sein.
Als Max und Moritz die Eigentumswohnung betraten, schlüpfte Max barfuß in ein Paar Bruno-Magli-Slipper. Die Inneneinrichtung war bemerkenswert, aber beileibe nicht das, was man sich gemeinhin unter einem gemütlichen Heim vorstellt. Ein Interieur wie zusammengestellt von Zsa Zsa Gabor: burgunderrote Brokattapeten, eine unter der Last zahlloser Kissen ächzende antike Couch, Straußenfedern in einer chinesischen Vase, über der Couch – und genauso lang wie sie – ein Ölgemälde in barockem Goldrahmen, das eine bacchantische Szene zeigte, ein dicker Teppichboden in gedämpftem Meerschaumgrün, diverse kleine Kerzenleuchter. Von der Eingangstür zu der im Gegensatz zum Wohnzimmer offenbar gänzlich leeren Küche zog sich eine dünne Wasserspur. Malone hatte es versäumt, schnell die Tür zum Schlafzimmer zu schließen, damit Flapp nicht die goldgefleckten Spiegel sah, mit denen dort die Wände und die Decke verkleidet waren. Malone klappte seinen Laptop auf, schloss einen gigantischen externen Monitor an, drückte ein paar Tasten, und schon flimmerte auf dem Bildschirm eine Datenbank. Er wählte Wonty III, Windeshake.
Abschluss 1987, B.A. in Journalistik und Zoologie, Notendurchschnitt 3,8. Ledig. Medienmilliardär, besitzt und leitet einen Konzern von Zeitungsverlagen, Radio- und Fernsehsendern. Spenden: 2001: $ 4.500 an den Bogenschieß-Club für neue Zielscheiben, die je ein Foto von einem der Universitätsgründer, also von Parrington oder von Simmons, im Schwarzen haben. Im Jahr 2010 Einrichtung eines Millenniumsfonds zur Bereitstellung von Stipendien von jeweils $ 5.000 für männliche Studierende, die mindestens in dritter Generation denselben Namen tragen wie ihre Vorväter. Stellt in seinen Firmen gelegentlich unbezahlte Praktikumsplätze für Schüler staatlicher Schulen zur Verfügung.
»Ja dann … ich würde mal sagen, kein Wunder, dass der quecksilbrige quasi Quarterback Ihre Anfrage für Quatsch im Quadrat hält.«
»Wie’s aussieht, hat er alle zehn Jahre einen Anfall von Herzerwärmung und nimmt eine Aufstockung um starke 500 Dollar vor. Wenn er bei dieser Rate bleibt, ist er mausetot, bevor wir mal einen hohen vierstelligen Betrag von ihm kriegen.« Flapp wurde nachdenklich. »Na, wenigstens ist er ledig. Irgendwelche Erben? Und wie steht’s mit seiner Gesundheit?«
»Da müsst ich mal ein bisschen forschen.«
Flapp sah ihn an und lächelte verschlagen.
»Genau, Max, forschen … dazu sind die großen Universitäten ja schließlich da.«
Wäre Eves Karriere ein Spielfilm aus den Vierzigerjahren, würde man jetzt Kalenderblätter im Luftzug eines unsichtbaren Ventilators davonwehen sehen. Dann würde der Wind sich legen, und wir sähen ein Kalenderblatt, das zeigt, es ist Spätherbst, die Zeit des Jahres, wenn die Blätter welk und brüchig sind und der Wind noch mild sein könnte, es aber vermutlich nicht mehr ist, wenn der Staub aus dem Kamin gefegt wird, um Platz für neuen Staub zu machen, wenn statt der kurzen Jogginghose die lange hervorgeholt wird, wenn der Körper wieder das Tauziehen mit dem Gewissen beginnt um all das Fett- und Zuckerhaltige, das er sich im Sommer mit Blick auf die Waage verkniffen hat.
Eve liebte den Herbst. Das war die Jahreszeit, in der sie sich in sich zurückzog, in der sie Bilanz zog, Freude an etwas ganz Besonderem empfand, das außerhalb des eigenen Ich ist und das nur ein eigenes Ich zu zelebrieren vermag. Aber nicht in Form einer Religion aus alten Zeiten oder eines neuzeitlichen Mystizismus; ihr Fachgebiet waren die deutsche Literatur und die Literaturwissenschaft gewesen, bis sie eines Tages die Zeichen an der Wand erkannt und es gerade noch rechtzeitig geschafft hatte, zu angesagteren Themen zu wechseln und eine Dissertation zu schreiben auf einem Feld, das nicht stufenweise ab-, sondern stufenweise aufgebaut wurde. Allerdings hatten ihre Streifzüge durch die deutsche Romantik jenen Hang zum Grübeln verstärkt, dessentwegen sie schon als Kind von ihren Schulkameraden gehänselt worden war. Ihre vorherige Arbeitsstelle war Baldridge gewesen, ein nobles Elitecollege, das aussah, als sei es eigens zu dem Zweck errichtet worden, dass die Blätter dort im Herbst in Schönheit sterben konnten. Doch so bezaubernd Eve den Herbst in Baldridge auch fand, so wenig behagte ihr, was danach kam – dunkle Tage und gelber Schnee. Über die Winter dort war nicht viel Gutes zu sagen, außer dass gefrorene Hundekacke nicht am Schuh kleben bleibt. Und so hatte sie letztes Jahr das Angebot gern angenommen, das ihr die Parrington Simmons gemacht hatte, eine eindeutig als nouveau riche zu bezeichnende Universität in Kalifornien, wo immer Sommer ist.
Genau genommen war jetzt Herbst an der Parrington Simmons, wo die Sonne aus der Wüste zu kommen scheint und der Wind vom Meer. Die Luft war fast schon ein klein wenig frisch, und die Studenten hatten sich in die Klamotten geworfen, die sie nun bis März tragen würden, bis wieder Sommer war – Sweatshirts, auf denen das Logo PS prangte, und Designerjeans, die ordentlich abgewetzt aussehen mussten. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und Eve freute sich auf einen gemütlichen Herbstabend daheim. Sie schaltete das gasbetriebene Holzscheitimitat im Kamin ihres gemieteten Häuschens ein und kuschelte sich in eine flauschige Kamelhaardecke. Binnen weniger Minuten entwickelte diese Kombination deutlich mehr Hitze, als in dieser Jahreszeit nötig war. So warf sie die Decke beiseite, schaltete den Kamin wieder aus, machte das Fenster auf und beschloss, sich aus einem weiteren Memo des Instituts den Stoff für die Albträume der heutigen Nacht zu holen, einem Memo, das diesmal von U. R. Noman kam, dem Vizepräsidenten für Finanzen. Betreff: ›Prioritätensetzung im Lichte der Neuen Finanzpolitischen Rahmenbedingungen (NFR)‹.
Als eine erste Maßnahme zur Erreichung einer Kürzung des Budgets der Universität um 8 % nehmen Sie zur Kenntnis, dass die Haushalte Ihrer jeweiligen Institute einer Revision unterzogen werden; wir erwägen eine Rückforderung der budgetierten Mittel in Höhe von mindestens 5 % im laufenden Haushaltsjahr. Wie das Ziel einer angemessenen Bemessungskorrektur im Einzelnen am besten zu erreichen ist, ohne dass Umfang oder Qualität Ihrer Kernagenda beeinträchtigt werden, bleibt Ihrem Urteil als verantwortliche Mitglieder der Universitätsgemeinschaft überlassen. Wir sind zuversichtlich, dass Sie diese Gelegenheit zu einer weiteren Konsolidierung der Mission der Universität begrüßen werden. Mit sofortiger Wirkung erbitten wir einen monatlichen Ausgabenbericht sowie bis zum Semesterende einen detaillierten Plan für die Neuaufgliederung der Fachbereiche bei reduziertem Budget, wobei sämtliche Kosten exakt aufzuführen sind. Wir werden diesen Prozess strengstens überwachen und bieten Ihnen unsere bedingungslose Unterstützung bei der Aufstellung eines der Verbesserung der Universität dienenden Haushaltsplans an.
Mitteilungen wie diese erinnerten Eve daran, dass der Herbst nicht das Einzige war, war sie in Parrington Simmons vermisste. Sie vermisste die Ungezwungenheit einer Uni, die wusste, wo sie herkam, wenn auch nicht immer, wo sie hinging, einer Uni, die wusste, was ein Rad war, und keine Notwendigkeit sah, es neu zu erfinden. Baldridge war bloß ein bisschen langweilig gewesen für Eves Geschmack, ihre wissenschaftliche Arbeit aber hatte von der verlässlichen Berechenbarkeit profitiert, die dort herrschte. An der Parrington Simmons dagegen glaubte man, auf dem Kamm der Zukunftswelle zu reiten; kein Wunder, dass sich die Professoren hier weniger wie Gelehrte verhielten, sondern eher wie Surfer. Bei starkem Wellengang herrschte allenthalben Hochstimmung. Im Moment aber war der Wellengang entschieden schwach.
Die erste E-Mail des Präsidenten zum Thema Neue Finanzpolitische Rahmenbedingungen hatte jede Menge Getuschel und Theaterdonner entfacht. Fachbereichsleiter und Professoren versammelten sich in der Dozentenmensa bei Perrier mit Limone und äußerten mit geschlechtstypischer Stentorstimme ihre wohlüberlegten Befürchtungen, dass dieser oder jener Fachbereich womöglich nicht in der Lage sei, sich in dem aktuell herrschenden Klima zu behaupten. Gleichzeitig gingen sie zuversichtlich davon aus, dass für ihre jeweils eigenen Forschungsgebiete, deren Relevanz für die gesamte Institution ja wohl unbestreitbar war, eine Abwicklung oder auch nur eine spürbare Kürzung der Mittel völlig ausgeschlossen wäre.
Eve fand es beunruhigend, dass ihre männlichen Kollegen vor Selbstvertrauen kaum laufen konnten, wohingegen sie selbst ganz krank war vor Angst. Von lähmenden Selbstzweifeln geplagt, starrte sie auf die psychedelischen Wirbel, die der Bildschirmschoner ihres Computers seit Stunden hervorbrachte. Ihr fehlten die Worte – kein geringes Problem für eine Fachfrau für Medien und Kommunikation. Wie konnten ihre Kollegen angesichts der verschleierten Drohungen und Ultimaten von ganz oben nur so blasiert, so selbstgefällig unverzagt sein? Sie las, was auf den Schutzumschlägen der Bücher stand, die sie mit stetig wachsenden Zweifeln veröffentlicht hatte: ›Das Beste, was bisher zum Thema geschrieben wurde!‹ ›Behandelt kompetent die Kernfragen und ist hervorragend geschrieben.‹ ›Hat alles, was es braucht, um auf diesem Gebiet tonangebend zu werden.‹ Wem wollten die eigentlich was vormachen? Sogar ihr Spiegel amüsierte sich über sie. Sie kam sich vor wie eine Hochstaplerin, die verzweifelt ihre wahre Identität verschleiert wie ein furchtbares Geheimnis, dessen Offenbarung ihr Untergang wäre.
Bald schon wird Eve erkennen, dass sie wirklich eine Hochstaplerin ist; dass sie nicht die ist, die sie zu sein vorgibt. Übrigens etwas, was sie mit sämtlichen Angestellten der Parrington Simmons University teilt. Und mit sämtlichen Mitarbeitern sämtlicher Institutionen: Niemand ist unersetzlich, ist einzigartig, jeder ist austauschbar. Jeder. Das ist schließlich der Sinn von Institutionen. Wenn Eve das einmal erkannt hat, wird sie ihren Rivalen gegenüber im Vorteil sein. Noch aber fühlte sie sich unzulänglich, verletzlich und sehr, sehr einsam. Die einzige Seele, die wusste, wer sie wirklich war, das war ihr Kater.
Dewey war kein normales Kuschelkätzchen. Im Grunde war er gar keine richtige Katze. Er war von einer Hundemutter aufgezogen worden, die in ihm einen außergewöhnlich exzentrischen Welpen gesehen hatte; im Stillen hatte sich die Hundemama gefragt, ob er wirklich denselben Vater hatte wie seine Geschwister, wenngleich sie sich nicht erinnern konnte, zur fraglichen Zeit Affären mit irgendwelchen anderen Partnern gehabt zu haben, die für diese Rolle infrage kämen: Dewey war ein komplett weißer Kater, hatte aber einen komplett schwarzen Schwanz. Und obwohl er der ungehorsamste Sprössling in Hundemamas Mutterschaftsgeschichte war, hatte er doch viel von ihr gelernt. Sein Miauen war kurz und schroff, und wenn er angenehm erschöpft war, ließ er die Zunge ein klein wenig raushängen und versuchte zu hecheln. Ging Eve zu Fuß irgendwohin, folgte er ihr auf Schritt und Tritt. Und weil sie oft zu Fuß zum Campus ging, war Deweys Terrain riesengroß und hielt jede Menge Abenteuer für ihn bereit.
An diesem schönen Herbstnachmittag saß er draußen vor der Christ’s Church, so der Name der Universitätskirche, und wartete voll Ungeduld, dass seine Herrin aus der schwarzen Tür trat, hinter der sie jeden Morgen verschwand, schwenkte dabei geschickt seinen Schwanz und tat, was Katzen eben tun: warten und beobachten. Je mehr sich Eve innerlich von ihren Mitmenschen entfernte, desto enger wurde ihre Beziehung zu ihrem felinen Freund, so dass das, was für sie ein Unglück war, das Beste war, was ihm passieren konnte. Wäre ihm diese Dialektik bewusst gewesen, hätte ihn ihr Leid gewiss bekümmert; aus seiner Perspektive aber war das Leben besser denn je. Die Katzenmilch war süßer, die Vögel langsamer, die Mäuse dicker.
Als er an diesem schönen Tag so im Schatten des Kirchturms lag, flitzte ein Exemplar der letztgenannten Spezies an ihm vorbei und huschte durch die Pforte geradewegs hinein in die neuromanische Finsternis. Unverzüglich setzte Dewey der Maus nach, jagte sie zuerst den Gang hinunter und dann hinauf am faltenreichen Ornat eines konfessionsübergreifenden Priesters, dessen würdevoller Gesang jäh eine Oktave höher kletterte und auf einmal eine deutlich weltlichere Note hatte.
Die Glaubenskultur an der Parrington Simmons war mehr oder minder posttheistisch. Nicht agnostisch, denn das hätte ja vorausgesetzt, dass genügend Interesse bestanden hätte, um die Frage nach Gott überhaupt aufs Tapet zu bringen. Nicht atheistisch, denn das hätte vorausgesetzt, dass genügend Energie da gewesen wäre, um eine Antwort zu formulieren. Gott war einfach weg. Auf diese legendär pragmatische Art, wie in der Neuen Welt aus Sicht der Europäer klassischerweise Probleme gelöst werden: mit neuzeitlicher amerikanischer Scholastik anstatt des ewigen Gegrübels über die Frage, wie viele Engel auf einer Nadelspitze stehen können. Moderne Mythen, von den weltlichen Hexenmeistern unserer Tage formuliert, wurden einfach übernommen, Mythen, die im direkten Verhältnis zu ihrer Langlebigkeit als fehlbar galten. Neue Mythen, die noch nicht in Misskredit geraten waren durch das jahrtausendelange Gezacker darüber, was Gottes und was des Kaisers ist, und die ihre blutige Geschichte noch vor sich hatten.
Mittlerweile war Gott schon beinah hundert Jahre weg. Wie das Land selbst, so waren auch die berühmtesten Colleges und Universitäten ursprünglich, als ihren Gründern noch nicht klar war, dass sie in eine lahme Ente investiert hatten, aus der Idee der Erbauung durch den Schöpfer heraus gegründet worden. Erbauung bedeutete Bauwerke – quasi-koloniale oder pseudomediterrane Kapellen, die sich zu Innenhöfen oder Parkanlagen öffnen, Glockentürme mit Glockenspielen. Universitätskirchen, errichtet in alter Zeit, um Götter zu ehren, die sich längst überlebt hatten, waren zur nostalgischen Kulisse für den Austausch von Ergebenheitsschwüren sowie für kollektive weltliche Reflexionsexerzitien über die großen Unwägbarkeiten geworden, deren Lösung die Menschheit in allen Jahrhunderten, bis auf das letztvergangene, an ihre Götter delegiert hatten. Selbstverständlich hatte man in der nichtkirchlichen Hochkirche der Campuskapellen aus ästhetischen Gründen gewisse Riten und Rituale aus der Spätzeit der Renaissance beibehalten, aber Glaubensbekenntnisse waren absolut out (außer natürlich als Bezugspunkte in Diskussionen über das Recht auf Anderssein, denn dort waren sie entschieden in). An der Parrington Simmons herrschte in der Tat zunehmend die Auffassung, dass schon der alte Name ›Christ’s Church‹ bekenntnismäßig voreingenommen sei und geändert werden müsse.
In den letzten Jahrzehnten waren die Universitätskirchen des Landes von einer Horde buchgelehrter Schwätzer infiltriert worden, deren Fragen nie den Rahmen dessen sprengten, was sich ohne göttliche Intervention beantworten ließ. Andachtsrituale und -regeln, an die sich die Menschen im Laufe ihrer langen Beziehung zu Gott gewöhnt hatten, wurden beibehalten, ohne dass sie durch irgendeine Motivation gestützt oder mit zwingender Logik untermauert worden wären. Kurzlebige Lifestyle-Modetrends und die soziale Aufstiegsindustrie wetteiferten nicht ganz erfolglos um den von Gott verlassenen Abstraktionsraum, wobei es ihnen bisher nicht gelungen war, die durch seinen Abgang freigesetzte Energie in vollem Maße einzufangen. Wie Pilze nach einem Regenguss schossen allenthalben alte und neue metaphysische Theorien östlicher wie westlicher Provenienz aus dem Boden – Ersatz für die gute alte Dreieinigkeit.
So kam es, dass die begüterte Psychiaterin und Hellseherin Anna Nashinsova einen Kaufvertrag über ein Mammutbaumwäldchen an der Küste unterschrieben, dort eine Art Missionsstation zur Förderung U_numschränkter S_eelenruhe gegründet, ihr das Akronym U_S verliehen und sich darangemacht hatte, Gleichgesinnte und Besserverdienende um sich zu scharen. Nerven-Anna, wie ein Journalist sie einmal flapsig nannte, hatte ein Refugium zu bieten, wohin man sich vor den mannigfachen Belastungen des Familien- oder Singlelebens und – weil nicht (oder nicht nur) gewinnorientiert – auch vor dem Finanzamt flüchten konnte. U_S war nicht bloß ein Ort, sondern auch eine Geisteshaltung, beides entschieden hochgestochen. Wohltätigkeit war für die U_Ser keine Priorität, ebenso wenig wie Solidarität, ein Impuls, durch den sie womöglich mit den hart arbeitenden Klassen der Bay-Peninsula in Kontakt gekommen wären, deren Schulen von drei Meter hohen Maschendrahtzäunen umgeben waren, um Übeltäter je nach Tageszeit ein- beziehungsweise auszusperren. Was die U_Ser nicht bedacht hatten, war, dass sie sich die Mühe hätten sparen können, diese Bevölkerungsgruppe von ihrem Refugium fernzuhalten, in dem sie gemeinsam nach Seelenruhe strebten: Diese Leute hatten nämlich das Verschwinden Gottes nicht zur Kenntnis genommen und zählten weiterhin darauf, dass der Herr ihnen ein wie auch immer beschaffenes Glück bringen werde, das ihren Tränenschleier zu zerreißen versprach.
Der Blick eines U_Sers war nicht nach außen, also auf seinen Nächsten gerichtet, sondern nach innen, auf sich selbst. Indem er sich in die eigene Stille zurückzieht, liebäugelt der meditative Geist mit dem Ewigen und dem Unendlichen – Zeiträume und Orte, die gerade so weit gefasst sind, dass sie das Ego der Aufsteiger und derjenigen fassen, die schon wohlhabend sind. Die U_numschränkte S_eelenruhe war keine Geheimsekte, man befleißigte sich dort lediglich einer gewissen Medienscheu; man war an Wachstum interessiert, zog neue Mitglieder allerdings nicht durch Bekehrung an, sondern indem man sich schwer zugänglich gab und auf die Praktik des Strebens nach Exemplarischer Lebensweise (SEL) setzte. Spirituell ließ sich die U_S schwer festlegen. Und sie war schwer zu finden – kein Eintrag im Telefonbuch, kein Hinweisschild an der Straße. Die nicht ausgeschilderte Zufahrt ging ab vom Highway One und befand sich etwa achthundert Meter hinter einer Dreiergruppe von Mammutbäumen an einer Serpentine über einer auffälligen Küstengesteinsformation (ein Orientierungspunkt für Leute, die per Yacht kamen). Nur eine praktizierende U_Serin konnte einem sagen, wo U_S zu finden war; doch die beschloss womöglich, es nicht zu tun. Die Theorie der U_Ser beruhte im Wesentlichen auf dem Prinzip der Ergänzung – man musste nicht aufhören, irgendetwas zu denken oder zu tun, man ergänzte einfach, was U_S für einen selbst bedeutete; das führte dazu, dass sich bei den Zusammenkünften der U_Ser stets eine kurios gemischte Gesellschaft einfand: Karmabummler, Selbsterfahrungsgruppenfans, Leute, die reich und unabhängig waren, Bürokraten, die Angst hatten, etwas zu verpassen, und Menschen, die tagsüber irgendeiner Behörde vorstanden. Ihre grundlegenden Techniken (gedankliche Massage der Nasennebenhöhlen, selbstzentriertes Sitzen, lautloses Chanten) konnten überall praktiziert werden, in den Führungsetagen ebenso wie in der Wüste Gobi oder sonst wo.
Die Kirche der Parrington Simmons war multi-, inter- oder auch transkonfessionell, je nachdem, welche rhetorischen Vorlieben jemand hatte; die Universitätsleitung jedoch war ein Bollwerk der U_Ser. Nicht, dass die U_numschränkte S_eelenruhe irgendwie offiziell Einfluss ausübte – Geschäft war Geschäft, wie das mit Geschäften für gewöhnlich so ist –, doch indirekt besaß sie eine beträchtliche Autorität. Wer keine Ahnung vom Einfluss der U_Ser hatte, für den waren die Personal- und Beförderungspraktiken an der Universität undurchschaubar. Einigen wenigen Dozenten, besonders natürlich denen, die zusätzlich zu ihren Aufgaben in Lehre und Forschung auch noch leitende Funktionen innehatten (die Instituts- und Bereichsleiter, die Ombudsperson, der Dekan, die Fakultätsvorstände und all die bestrafungsgierigen Masos, die nicht nur die ständigen, sondern auch die ad hoc einberufenen PS-Ausschüsse bevölkern und sich immer weiter hocharbeiten, bis sie es irgendwann geschafft haben und auf einen Sitz im Ausschuss der Ausschüsse berufen werden), denen schwante natürlich, dass die U_S ein paar Fans im Verwaltungsapparat hatte, doch schienen sie darin keinen Grund zur Panik zu sehen. Eve hatte das durchaus bemerkt, aber da sie noch neu war, hielt sie es einfach nur für eine andere Spielart jenes Sektenwesens, für das Kalifornien berühmt ist. Was sie indes noch nicht mitgekriegt hatte, war, dass der Universitätspräsident Hartley Kendall, der auf dem Weg zum Ober-U_ Ser (so was Ähnliches wie ein Karma-Colonel) klammheimlich bereits die Stufe Sieben erklommen hatte, den Stiftungsrat gern mit Gleichgesinnten bestückte.
Die beiden Kriterien, nach denen die formal vom Präsidenten zu nominierenden Kandidaten für den Stiftungsrat ausgewählt wurden, waren Reichtum und Macht. Entsprechend dem elitären und weitgehend regionalen Charakter der U_numschränkten S_eelenruhe waren viele ihrer Anhänger ehemalige Absolventen der Parrington Simmons, so dass die Sekte gleichsam ein natürliches Reservoir an Kandidaten darstellte, aus dem sich Kendall bedienen konnte, ohne in den Verdacht zu geraten, er hege irgendwelche Hintergedanken. Empfahl sich allerdings jemand, der nicht der U_S angehörte, für einen Sitz im Stiftungsrat, so war sich Präsident Kendall als Pragmatiker, der er war, nicht zu schade, nebenher ein wenig Missionsarbeit zu leisten.
Es ärgerte den Präsidenten, dass einer der reichsten lebenden Parrington-Simmons-Absolventen der Universität überhaupt noch nie eine nennenswerte Spende hatte zukommen lassen. Weder mit Schmeichelei noch mit Anbiederungsversuchen war es gelungen, diesem Alumnus die achtstellige Spende aus dem Kreuz zu leiern, zu der er locker in der Lage war und die Parrington Simmons so sehr verdient hätte. In den letzten Wochen waren Gerüchte aufgekommen, dass eine Berufung dieses Mannes in den renommierten Stiftungsrat das Blatt wenden könnte, doch die Sache hatte einen Haken: Besagter Alumnus war kein Mitglied der U_numschränkten S_eelenruhe. Nicht im Entferntesten.
Kendall machte dies zum Gegenstand einer Meditation. Mit der nächsten Berufung in den Stiftungsrat der PS würde das Gleichgewicht zwischen U_Sern und Nicht-U_Sern kippen. Während der Präsident überlegte, wie er am besten an diesen zurückhaltenden Alumnus herankommen könnte, klammerte er das Hauptziel, ihn zu einer richtig großen Spende zu bewegen, erst einmal aus und setzte stattdessen bei den Vorteilen an, die die Seelenruhe einem Hochkaräter wie ihm brächte. Nur wie ihn überzeugen? Er hatte den Verdacht, dass das Streben nach Exemplarischer Lebensweise diesen Ehemaligen, der, wie man hörte, sein Leben auch so schon mehr-als-exemplarisch-schönen-Dank-auch fand, nicht schwankend machen würde. Kendall blieb nichts weiter übrig, als den direkten Weg zu nehmen – eine riskante Angelegenheit, die, falls sie nach hinten losging, seine Position nicht allein an der Universität, sondern auch bei der U_S ins Wanken bringen konnte. Doch der öffentliche Druck hinsichtlich der Berufung war zu stark und es stand zu viel auf dem Spiel, um sich nicht einen Ruck zu geben und es wenigstens zu versuchen.
Als Hartley Kendall die Vortreppe des Hauses emporstieg, chantete er im Stillen lauthals vor sich hin. Er hatte Mut gefasst, weil Windeshake Wonty III seine Einladung zu einem gemeinsamen Sonntagsausflug an die Küste schon beim zweiten Versuch angenommen hatte, war aber dennoch einigermaßen besorgt. Ein Diener begrüßte ihn mit einer rätselhaften Verbeugung.
»Treten Sie ein, Sör, pitte.« Doch noch ehe der Präsident der Aufforderung folgen konnte, kam ein Mann in einem bequemen Tweedsakko, das längst die Konturen seines Trägers angenommen hatte, schwungvoll durch die Innentür und stellte sich ihm in den Weg. Seine Hand wurde gepackt und kräftig geschüttelt.
»Hallo, Kendall. Ihr Wagen oder meiner?«
»Welcher Ihnen lieber ist, Mr. Wonty. Aber wo Sie doch heute Nachmittag mein Gast sind, wäre es da nicht eigentlich an mir, mich hinters Lenkrad zu klemmen?« Man erzählte sich, Wonty gehe nicht nur beim Verhandeln scharf ran, und bei schnellen Serpentinen wurde Kendall immer übel.
»Meine Frage war nicht, wer fährt. Ich fahre. Meine Frage war, wessen Wagen.«
»Wie Sie wünschen, Mr. Wonty. In dem Fall sollten wir wohl besser Ihren nehmen.«
Zwanzig Sekunden später hinterließ ein schwarzer Ferrari eine weitere Reifenspur auf dem reichlich befahrenen Pflaster vor Wontys Garage. Mit aller ihm zu Gebote stehenden Entschlossenheit nahm Kendall in dem tiefen Ledersitz auf der Beifahrerseite Platz.
»So, Kendall, wo soll’s denn nun hingehn?«
»Ich möchte gern mit Ihnen zu einer ganz bestimmten Stelle im Mammutbaumwald, wo wir Tee trinken und dabei auf den Pazifik schauen können. Wer so viel um die Ohren hat wie Sie und ich, der braucht einfach ab und zu einen Moment, um inneren Frieden zu finden. Es gibt Orte, wo einem das besonders gut gelingt. Die Stelle ist nicht sehr bekannt, ein Rückzugsort für Menschen, die seine ganz eigene Schönheit zu schätzen wissen.«
Inneren Frieden hatte Wonty eher selten, konnte sich indes auch nicht entsinnen, ihn jemals vermisst zu haben.
»Inneren Frieden? Sie sind doch hier der Philosoph, Kendall, also erzählen Sie mal: Ein Bedürfnis, das man gar nicht empfindet, ist das im engeren Sinne überhaupt ein Bedürfnis? Schlaf, ja. Muße, manchmal. Ein gutes Gewissen, klar: Wenn’s nicht zu viel kostet. Aber Frieden? Frieden ist die Abwesenheit von Krieg. Ich für mein Teil befinde mich nicht mit mir selbst im Krieg, Kendall. Sie etwa?« Er zündete sich eine dicke Havanna an und ließ das Fenster oben. »Es stört Sie doch nicht …?«
»I wo, ganz und gar nicht. Ich hab früher selbst geraucht. Als Student. Gelegentlich. Aber ich hab rechtzeitig aufgehört.« Kendalls Aufmerksamkeit verlagerte sich von den Nasennebenhöhlen auf die Augen, die zu tränen begannen.
»Rechtzeitig wofür?«
»Ich hab aufgehört, na ja … eh es zu spät war aufzuhören.«
»Verstehe. Besser als aufzuhören, wenn’s eh zu spät ist aufzuhören. Keine Frage.« So nach und nach kam Wonty zu der Überzeugung, dass diese kleine Spritztour doch noch ganz amüsant werden konnte.
Kendall wurde rot. »Ich wollte sagen, unsere Generation vergisst gern, was wir unserem Körper antun. Rauchen, rotes Fleisch, Koffein. Die heutige Jugend gibt da besser acht.«
»Was Sie nicht sagen. Gibt acht auf was?«
»Auf … ein subtiles Gleichgewicht. Der Erde. Von Körper und Geist: untrennbar, zwei Facetten eines Ganzen. Diese Generation ist, nun ja, sie ist fürsorglicher. Die wollen nicht die Ressourcen verschmutzen und verbrauchen, auf die auch ihre Nachkommen ein Recht haben.«
»Ihre Nachkommen, Kendall? Eine Gesellschaft von professionellen Singles, Abtreiberinnen und Schwulen mag ja durchaus ihre Sorgen haben, aber der Schutz der Nachkommen dürfte schwerlich dazugehören. Nicht, dass ich was gegen Singles habe oder gegen Abtreibung oder gegen die sexuellen Neigungen der Leute. Die Welt ist rund, und das Leben ist bunt. Aber es hat doch keinen Sinn, sich um das Wohl von irgendwelchen Nachkommen zu sorgen, die wir noch nicht mal gezeugt haben.«
»In dem Punkt muss ich Ihnen recht geben«, Kendall hustete. Er verzichtete darauf, die neusten Erkenntnisse über Passivrauchen anzuführen.
»Ja. Unumschränkt –« Eve wartete geduldig, dass die Vermittlung am Ende ihrer verdrehten Telefonschnur die Nummer nannte. Sie stellte das Telefon laut, damit sie ein Streichholz nehmen und sich eine Zigarette anzünden konnte.
»Wie buchstabiert man das denn – mit O?«
»Nein, mit U«, sagte Eve unnötig laut. »U. N. U. M. S. C. H. R. Ä. N. K. T. E.« Sie musste daran denken, wie sie in der zweiten Klasse einen Rechtschreibwettbewerb gewonnen hatte, weil die Zweitplatzierte, ein schlaksiges Mädchen mit roten Zöpfen und einem S-Fehler, bei diesem Wort patzte.
»Nie gehört, Herzchen. Steht auch nicht im Verzeichnis. Sind Sie sicher, dass Sie den Namen von dem Herrn richtig verstanden haben?«
»Das ist keine Person, das ist ein Ort. Beziehungsweise eine Organisation. Irgendwo in der Nähe von Big Sur. Vielleicht steht sie unter ihrem Akronym drin: U_S?« Die Vermittlung begann, alles mit US auf ihrem Bildschirm runterzurattern: US-Zollamt, US Steel … »Vielen Dank für Ihre Mühe, Vermittlung.« Sie wählte eine andere Nummer.
»Brad? Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie zu Hause anrufe, aber ich brauche eine Telefonnummer. Sie wissen schon, diese Missionsstation da oben an der Küste, von der Sie mir erzählt haben – U_numschränkte S_eelenruhe, glaub ich. Ich find sie nicht im Telefonbuch.«
»Ach so, äh genau äh, das ist, weil, die stehn gar nicht drin im Telefonbuch. Ich muss, äh genau äh, die Nummer irgendwo haben, aber selbst wenn ich sie finde, da kommt höchstens, äh genau, ’ne Ansage vom Band, so mit Fahrstuhlmusik. Die wollen keine Juxanrufe. Wozu brauchen Sie die Nummer überhaupt? Suchen Sie jemand, der Ihnen die Seele massiert?«
»Nicht unbedingt, ich könnte eher wen gebrauchen, der mir mal ordentlich den Rücken durchknetet. Aber heute ist so ein schöner Tag, ich muss einfach mal raus. Ich hab neulich zufällig gehört, wie eine Kollegin aus der Personalabteilung davon erzählt hat, also von U_numschränkte S_eelenruhe, meine ich. In erster Linie bin ich neugierig. Hört sich an, als wär’s ein netter Ausflug für so eine dröge Ostküstenmigrantin. Die Eingeborenen in ihrem natürlichen Milieu beobachten.«
»Also, alleine finden Sie das nie. Aber Leslie, meine bessere Hälfte, lässt dort hin und wieder, äh genau, die Seele baumeln. Ganz ehrlich? Meins ist diese U_S ja nicht so, aber hey, für Sie könnt es durchaus was sein. Wir wollten heute selber ’n bisschen raus. Wenn Sie mitkommen wollen … dann könnten wir, äh genau äh, unseren Ausflug ja dorthin machen. Was halten Sie davon? Ich rechne die Zeit auch nicht als Überstunden ab, versprochen – höchstens, dass Sie vielleicht, wenn ich nächstes Mal zu spät komme, einfach so tun könnten, als wär ich, äh genau äh, pünktlich?«
Eve verbrachte den größeren Teil ihrer Wachstunden mit Brad und bemühte sich als seine Vorgesetzte, eine gewisse Distanz zu wahren; nicht grade eine überwältigende Vorstellung, längere Zeit mit ihm im Auto zu sitzen. Aber sie hatte Brads Angetraute bis jetzt noch nicht kennengelernt, und ihre Neugier auf die Frau, die ihre McGillicutty auf seinen Hernandez gepfropft hatte, war doch größer, als sie sich eingestehen mochte.
»Na ja, danke, Brad … klar. Warum nicht? Soll ich zu euch kommen, oder könnt ihr mich abholen?«
»Sie liegen eh auf unserem Weg. Und – bitte nicht beleidigt sein, aber könnten Sie vielleicht Ihre – äh genau äh, also – Ihre Katze zu Hause lassen? Nichts gegen Katzen, bloß Leslie ist allergisch. Sonnenlicht. Gluten. Äpfel. Computerbildschirme. Milch. Schellfisch. Und Katzen. Wir sind in zehn Minuten da«, flötete er, dann war die Leitung tot.
Brad hatte sich also mit einer ernährungsneurotischen Hypochonderin zusammengetan. Eve sah eine magersüchtige Nörglerin in weiten, mit Naturfarben gefärbten Naturfasergewändern vor sich und hatte ein wenig die Befürchtung, sie könnte sich in dem schicken Hosenanzug, den sie gerade aus dem Schrank geholt hatte, übertrieben elegant vorkommen. Darum grub sie sich durch den Stapel der Klamotten von letzter Woche, der sich auf dem Schemel in ihrem Schlafzimmer angesammelt hatte, und fand eine Jeans, eine dunkelgrüne Bluse aus gewaschener Seide und eine gewachste Windjacke. Dass sich die Kalifornier manchmal eher abtakeln, wenn sie sich auftakeln, hatte sie schon mitgekriegt, sie hatte nur noch kein rechtes Vertrauen in ihre Fähigkeit, beurteilen zu können, wann ab in Wirklichkeit auf war und wann auf total daneben wäre. Mit der Methode Versuch und Irrtum geht’s halt nicht so schnell.
Kurz darauf fuhr der leuchtend blaue Van, den sie als Brads Wagen erkannte, vor ihrem Haus vor. Die hintere Schiebetür ging auf, sie stieg ein, sagte hallo zu Brad und warf einen fragenden Blick auf den sportlichen jungen Mann auf dem Beifahrersitz, der perlenbesetzte Mokassins an den Füßen hatte, aber keine Socken. Einen winzigen Moment lang fragte sie sich, wo wohl die Frau sein mochte.
»Eve, Leslie McGillicutty-Hernandez, mein Partner. Leslie, das ist Eve, meine Chefin.« Leslie drehte sich mit leicht verzögertem Lächeln zu ihr um, und Eve hatte ganz kurz den Eindruck, dass er ihr Bemühen, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen, genoss. Während das Automatikgetriebe vom ersten in den zweiten Gang schnurrte, versicherte sie sich, dass sie nicht rot geworden war. Nein, sie war ganz bestimmt nicht rot geworden.
Die Fahrzeuge auf dem Freeway, der zum Highway an die Küste führte, rasten mal, und mal schlichen sie, immer abwechselnd, wie Blutkörperchen, die ein aus dem Tritt geratener Schrittmacher durch Arterien, Bypässe und Venen jagt. Stop-and-Go. Stop-and-Go, so fuhr Brads Van durch eine öde Landschaft von lauter aus Fertigteilen errichteten Gewerbebauten. Wenig später bog Brad vom Freeway ab und fuhr auf den Highway zur Küste; statt der Gewerbegebietsarchitektur kamen vorstadttypische Einfamilienhäuser auf Grundstücken, die immer größer wurden, dann Häuser im Bungalowstil mit Pferdekoppeln dahinter, dann in Eukalyptushaine gepferchte Landgüter und zu guter Letzt Villen mit viel Glas und Holz an dicht mit Mammutbäumen bestandenen Hängen.
»Ohne Autos und Highways kommt man halt nicht weg«, sinnierte Leslie schließlich mit einem wissenden Kopfnicken (das nicht erkennen ließ, was genau er wusste) hinüber zu den üppigen, feuchten Wäldern ringsum. Er sagte es langsam, mit verträumter Bedächtigkeit und einer gleichsam körperlosen Stimme, die wie ihr eigenes Echo klang, einer Stimme, die an diesen Meditations-CDs geschult war, auf denen eine Stimme sagt: »Das jetzt ist deine Zeit, lass deine Augen geschlossen, die Außenwelt verblasst allmählich — guuuuuuuut — dein Körper ist schwer, lass ihn fallen, dein Körper ist leicht, lass ihn schweben, dein Körper ist Energie, lass ihn los — guuuuuuuut — entschärfe den Fokus deines inneren Auges, atme langsam ein und langsam wieder aus, spüre, wie dein Atem innen an deiner Haut entlangstreicht und deinen ganzen Körper erfüllt — guuuuuuuut — kämpfe nicht an gegen deine Gedanken, lass sie verblassen, lass deinen Geist bis an die Spitze deiner Wirbelsäule fließen und sich an deiner Schädelbasis öffnen wie eine Hand, lass dein ganzes Sein sich schmiegen in diese Hand — guuuuuuuut.«
Die Landschaft war wirklich atemberaubend. Eve musste zugeben, dass auch das – vielleicht besonders das – Kalifornien war. Die Stille im Van war wohltuend. Die Mammutbäume hatten die Herrschaft übernommen und machten jegliches Geplapper überflüssig.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Leslie wieder seine wohlnuancierte Navi-Stimme vernehmen ließ.
»Schön langsam jetzt, Brad. Es ist etwas abseits von der Straße, gleich hinter einer der nächsten Kurven, ich kann mir bloß nie merken, hinter welcher. Der einzige Hinweis ist ein Briefkasten mit dem Namen Nashinsova darauf.« Sie hatten bereits Dutzende Kurven hinter sich gelassen, die einander glichen wie ein Ei dem anderen. Anstelle von Straßennamen war jede Abzweigung von einer Reihe in Größe, Form und Erhaltungszustand unterschiedlicher Briefkästen markiert – der einzige Hinweis darauf, dass in diesen Wäldern überhaupt jemand wohnte. Man konnte ja schwerlich erwarten, dass die Postangestellten ihre Karre in jeden einzelnen Winkel dort unten bugsierten. Eve fragte sich, wie viele Briefkästen sie da wohl ablesen müssten, bevor sie ihr Ziel erreicht hätten, und ob sie es auf diese Art überhaupt jemals erreichen würden. Muller Hill Cassiers Bennett Swartz Brown Snider Rasmussen Carnoy Dominguez Middleton Adams Sagan Wong Wilden Murphy Needham Craig Midgeley Francis Gregory Meyer Berman Lyell Hilton Franklin Burk Weiss Chu Evans Gaston Foley Cullen Alexandrov Midgeley Hunter Schmidt Ganz Oliver Reedy Bader Reitman Hoist Mulligan Goldberg Shumihl Tresca Scranton Lukes Vera Dorn Wright Inglis Wilson Haug Freeman Stanick Braun Jackson Evers Beck Shay Easley Baker Whyte Abbott Blumer Dunne Hall Nashinsova Garland Green Minehan Klein –
»Moment mal, Brad«, rief Eve, »ich glaube, wir sind grade dran vorbeigefahren. Wie sagten Sie, Leslie, wie war der Name? Nasko-irgendwas?«
»NashINsova. Anna NashINsova.«
»Da hinten rechts, an der letzten Biegung, da war so ein Name.«
»Ach ja? Also für mich sah da nichts bekannt aus, aber die Pflanzen wachsen ja im Paradies so schnell, dass man sich beim besten Willen nicht am Aussehen orientieren kann. Seit ich Brad kenne, bin ich einfach zu beschäftigt, um noch hier raus zu kommen«, sagte er lächelnd und mit einem Blick auf den Adamsapfel seines Augapfels.
Es war tatsächlich die richtige Biegung, und so bogen sie ab.
Nach unzähligen Kurven und einem steilen Abhang, der den Übergang zu einem gleichermaßen steilen Anstieg bildete, überquerten sie einen Gipfel. Nun trat blau und mit sanftem Wogen der Pazifik ins Bild. Auf der rechten Seite weiter unten leuchteten mehrere hypermoderne Gebäude aus Stein, Glas und Mammutbaumholz, die sich winzig klein ausnahmen in dem Hain aus tausend Jahre alten Bäumen, in dem sie mit großem und dennoch demütig-romantischem Gestus verstreut standen. Nachdem die drei etliche weitere Abwärtswindungen Zentimeter für Zentimeter im ersten Gang zurückgelegt hatten, erreichten sie einen Parkplatz, der völlig überfüllt war. Die meisten Autos waren europäische Marken, deren Preise mindestens im oberen fünfstelligen Bereich lagen. Gerade kam lautlos ein Tesla herausgerollt und hinterließ eine Lücke zwischen einem schwarzen Ferrari und einem grauen Porsche-Oldtimer. Dort parkten sie, und Brad und Leslie öffneten vorsichtig die Vordertüren.
Das war also die U_S! Elegante Lässigkeit, Understatement ohne eine Spur von Bescheidenheit. Eve hatte das deutliche Gefühl, dass sich der Pazifik eigens hierher begeben hatte, um den Segen dieser meditierenden Elite zu erflehen und nicht umgekehrt.
»Also, ich nehme für gewöhnlich Darjeeling, First Flush, mit einer geeisten Persimone dazu. Sie sind mein Gast, Mr. Wonty: Was hätten Sie gern?«
Wontys fleischige Finger blätterten in einer auf dem Tisch liegenden Broschüre über die Wirkung von Meditation und Akupunktur bei Schienbeinkantensyndrom. Er blinzelte hinüber zum Ozean, der ihm einen berauschend schönen Sonnenuntergang bumerangartig ins Blickfeld warf. Er kramte in seiner Jackentasche, holte eine auffallend gewöhnliche Spiegelreflex-Sonnenbrille heraus, setzte sie auf und wandte sich seinem Begleiter zu, der ihm nun nicht mehr in die Augen schauen konnte.
»Lipton’s. Auf Eis. Lassen Sie den Teebeutel drin, ich hab’s gern bitter – mit einem Daumenbreit Zucker unten im Glas. Nicht umrühren.«
Ein ehrfürchtiger Kellner in weißer Livree servierte ihnen graziös die Getränke exakt so, wie sie sie bestellt hatten.
Da saßen sie also über dem Pazifik und tranken Tee.
»Da sitzen wir also über dem Pazifik und trinken Tee«, sagte Kendall endlich, nachdem ihn Wonty fast einen halben Sonnenuntergang lang mit seinem Schweigen gefoltert und er bereits befürchtet hatte, es würde bis in alle Ewigkeit so weitergehen. Kendall bemühte sich um Blickkontakt, doch in den undurchsichtigen Brillengläsern sah er nur seine eigenen Augen.
An einem Tisch weiter hinten auf der Veranda tranken Eve, Brad und Leslie Slushis aus exotischen Fruchtsäften. Pink, pink und orange, mit einem Zweiglein frischer Minze drin.
»Schauen Sie doch mal, wer sich die besten Plätze mit Meerblick gesichert hat, Eve. Hartley Kendall höchstpersönlich, unser beider Chef. Den Typ, mit dem er da redet, kann ich nicht erkennen, aber Stammkunde kann der nicht sein; Zigarren gehören nicht, äh genau äh, zum Pflanzenreich, wie die U_Ser sagen.«
Eve beobachtete den Mittfünfziger rechts vom Präsidenten, dessen Beziehung zu seiner Zigarre nicht direkt von unumschränkter Seelenruhe geprägt schien; er kaute und lutschte mit finsterer Miene daran herum und blies dem Präsidenten fischmäulig Ringe aus Rauch ins Gesicht. Der Präsident lächelte. Und lächelte. Und lächelte abermals. Der Raucher saß so, dass er beste Sicht sowohl auf den Ozean als auch auf ihren Tisch hatte, aber die dunklen Gläser verrieten nicht, worauf sein Blick gerichtet war. Eve fragte sich vorauseilend, ob er etwa zu ihr schaute. Sie konnte nicht hören, worüber sich die beiden unterhielten; dazu saßen sie zu weit weg.
»Ich denk mal, dieser Laden hier, das ist total Ihr Ding, Kendall. Sie kommen bestimmt oft hierher, oder?«, knarzte Wonty.
»Eigentlich nicht. Dazu nimmt mich die Universität zu sehr in Anspruch. Die Zeiten sind nicht einfach, finanziell, für echte Exzellenzzentren wie Parrington Simmons. Die eher mittelmäßigen Einrichtungen, die können ewig so vor sich hin dümpeln, aber wenn man sich an der Spitze der Pyramide halten will, da braucht es Wachsamkeit. Der Stiftungsrat hat strenge Parameter für ein schlankes Management festgelegt. Eine große Universität ist heutzutage auf Experten Ihres Schlages angewiesen, auf Absolventen, die die Herausforderungen des Wettbewerbs in der Privatwirtschaft angenommen haben und sie erfolgreich meistern. Aber ich bin nicht mit Ihnen hierhergefahren, um Sie mit den Problemen zu langweilen, mit denen sich Ihre alte Alma Mater herumschlagen muss.«
»Ach nein? Und warum sind wir dann hier? Um uns die Mammutbäume anzuschauen?«
»Ich nehme mir bisweilen die Zeit, mich an diesen friedlichen Ort zu flüchten und Energien anzuzapfen, von denen ich sonst gar nicht weiß, dass ich sie habe. Hier oben krieg ich mehr geschafft als im Büro an meinem Schreibtisch.«
»Wirklich nett von Ihnen, dass Sie mir das verraten. Aber an Ihrer Stelle würde ich das hübsch für mich behalten.«
Kendall quälte sich ein Lachen ab, probierte es noch einmal mit einem Blick in Wontys verspiegelte Sonnenbrille und fuhr in ruhigem Ton fort.
»Männer wie wir haben kein leichtes Leben, Windeshake – ich darf Sie doch Windeshake nennen? Sie können gern Hartley zu mir sagen.«
