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Die Frage nach dem Ursprung und dem Sinn der Welt und des Lebens ist uralt und ist bis heute aktueller denn je. Religionen geben zu diesen Fragen Antworten. Damit jeder und jede solche Antworten verstehen kann, müssen diese kurz und einfach sein. Aber dadurch sind sie auch Missverständnissen ausgesetzt. Falls Sie sich selbst beschreiben sollten, würden Ihnen dann drei Sätze genügen? Wohl kaum. Ich habe versucht, in diesem Buch auf verständliche Weise den Inhalt und die Bedeutung des christlichen Glaubens für unsere heutige, immer schwieriger werdende Zeit zu beschreiben. Eine innere Leere ist auf Dauer nicht auszuhalten und macht uns krank. Ich habe neun Jahrzehnte lang Zeit gehabt, unsere Entwicklung zu verfolgen und weiß darum, wovon ich spreche. Ich möchte mit diesem Buch etwas gegen eine Leere tun.
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Seitenzahl: 542
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Absicht
1 Wer erklärt uns die Welt?
2 Über Leben und Tod
3 Über die Ur-Materie
4 Wohin fahren wir?
5 Unsere Vorstellungen von Gott
6 Die Grenzen unserer Fantasie
7 Die Erschaffung der Welt in der Bibel
8 Die andere Seite der Schöpfung
9 Ist Gott allmächtig?
10 Gott und das Böse
11 Ist Gott gerecht?
12 Wurde Gott ein Mensch?
13 Sind wir mit Gott verwandt?
14 Was macht uns menschlich?
15 Adam und Eva im Paradies
16 Unsere Verwandten, die Tiere
17 Der historische Jesus
18 Geboren von der Jungfrau Maria
19 Der Sohn Gottes und die Söhne Gottes
20 Der Geschichten Erzähler
21 Der Wundertäter
22 Jesu Kritik an der jüdischen Frömmigkeit
23 Tempelrituale im Alten Testament
24 Jesu Tod als Sühnopfer
25 Die Auferstehung Jesu
26 Das Passahfest und das Abendmahl
27 Die Trennung vom jüdischen Glauben
28 Die Bibel für Anfänger
29 Über die Evangelien
30 Der Geist, der aus dem Nichts kam
31 Sind wir krank oder nur erkältet?
32 Der dreizehnte Apostel
33 Von Abraham, dem Ur-Vater
34 Von Josef, dem Träumer
35 Von Ham, dem Taktlosen
36 Was bedeutet ein «ewiges Leben»?
37 Über Engel und Schutzengel
38 Seelenwanderungen oder das jüngste Gericht
39 Der Glaube an die Vergebung der Sünden
40 Über die Dankbarkeit
41 Ein Gebet ist mehr als nur eine Notrufnummer
42 «Katholisch» oder «Reformiert»?
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-932-1
ISBN e-book: 978-3-99130-933-8
Lektorat: Tobias Keil
Umschlagabbildung: Christian Keller
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Laut Internet leben auf Erden fast acht Milliarden Menschen, von diesen seien rund achtzig Prozent religiös und jeder dritte ein Christ. Es fällt schwer, dies zu glauben, denn in Mitteleuropa befindet sich das Christentum heute in einer Krise. Die Nachrichten über sexuelle Übergriffe von katholischen Priestern gaben 2022 und 2023 zusätzlichen Anlass zu Kirchenaustritten. Viele nutzten die Gelegenheit, um Geld zu sparen. Es verbreitet sich in der heutigen mitteleuropäischen Gesellschaft mehr und mehr die Ansicht, der christliche Glaube sei überholt und die geforderte Kirchensteuer nicht mehr wert.
Wir leben in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen geraten scheint. Man weiß nicht mehr, was oben und unten ist und woran man sich orientieren soll. So schluckt man erst mal alles, was einem durchs Fernsehen, auf Internet-Plattformen oder durch Bücher angeboten wird, und das ist viel. Da wird beraten, animiert, da werden Karten gelegt, Lichtbotschaften übermittelt und Jenseitskontakte mit hohen Trefferquoten versprochen. Wem soll man da glauben? Am besten niemandem? Und wem folgen?
Wenn man bedenkt, dass das Christentum zwei Jahrtausende und dabei auch die Aufklärung im 18. Jahrhundert sowie das 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen überlebte, ist man schon erstaunt, dass «jeder Dritte» auf Erden ein Christ sein soll. Denn seit Ende des 20. Jahrhunderts breitet sich die Moderne immer stärker aus. Das Fernsehen gewann an Bedeutung, es kamen dann die Digitalisierung, das Internet. das Handy und schließlich die künstliche Intelligenz. Und alles hatte Folgen, die wir noch nicht alle überblicken. Instagram, Facebook, WhatsApp, Twitter und TikTok beschäftigt das junge «Volk» weit mehr als Religion. Stars, Superstars und Megastars werden grenzenlos verehrt und nachgeahmt. Selbst das Negative, das man oft über diese «Sterne» erfährt, hemmt die Begeisterung nicht, im Gegenteil, es fördert sie eher.
Nur Jesus ist bei uns kein Thema mehr und seine Worte wurden von unendlich vielen anderen «Influencern» mit Worten aller Art und Herkunft verdrängt. Weihnachten wird zwar noch auf verschiedene Weisen gefeiert, aber niemand weiß mehr, warum und wozu. Zweitausend Jahre sind eine lange Zeit. Wir stellen aber trotz aller Veränderungen und Infragestellungen fest, dass die Worte Jesu darin eine Konstante bilden, die zwanzig Jahrhunderte hindurch aktuell geblieben ist und vielleicht schon morgen neu entdeckt werden wird.
Dies Buch kann, aber muss nicht vom ersten bis zum letzten Kapitel gelesen werden. Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen, auch wenn das Thema weitergeht. Daher können Sie irgendwo beginnen, wenn Sie ein Kapitel besonders anspricht.
«Das menschliche Leben ist ein sinnloses und absurdes Chaos …»
(Die Malerin Suzanne Valadon)
Wer erklärt uns die Welt?
Man hat sich dazu auf eine einleuchtende und einfache Erklärung geeinigt, nennt sie die Evolution, oder auf Deutsch «Entwicklung». Es gibt dazu zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nicht für alle verständlich sind: die Mutation und die Selektion. Mutationen sind zufällige Veränderungen der Erbmasse, der Gene. Selektion bedeutet, dass der Stärkere, der Fittere, der Anpassungsfähigere die Schwächeren überlebt. Die Schwachen gehen zugrunde oder werden aufgefressen und können sich nicht fortpflanzen. Raubtiere halten sich an Schwächere oder an Geschwächte, nur die Schnellsten können fliehen, nur die Stärksten können sich wehren. Das tönt einleuchtend und fürs Erste mag es uns genügen.
Religionen geben sich mit diesen Erklärungen nicht zufrieden, sie «glauben» an ein intelligentes, höheres Wesen, das hinter allem steht und alles nach seinem Willen lenkt. Sie glauben dies, weil was sie sehen, so schön, so kompliziert und verwirrend ist, dass ihnen das Wort «Entwicklung» als Erklärung nicht genügt.
Credo bedeutet auf Deutsch: Ich glaube. Jeder Mensch hat sein Credo, hat irgendeine Vorstellung von der Welt, vom Leben, von sich selbst. Das gilt überall und war auch immer so. Der Überlebenskampf kann jedoch für einen Menschen oder für ein Volk so hart sein, dass wenig Zeit für ein Nachdenken und damit für Kultur bleibt. Wer arbeiten muss bis zum Umfallen, hat weder Zeit noch Kraft, um nachzudenken, und sinkt vor lauter Müdigkeit gleich in den Schlaf. Philosophieren setzt einen gewissen Wohlstand voraus.
Glauben hat mit Philosophieren zu tun, es hat mit Nachdenken zu tun, es ist kein Defizit des Denkens, es setzt im Gegenteil ein Denken voraus. Selbst wer die Welt und das Leben als eine bloße Verkettung von Zufällen versteht, glaubt an etwas. Er glaubt an sehr vieles und vor allem daran, dass aus purem Zufall Sinnvolles, ja Wunderbares werden kann. Dies ist ein Glaube, der dem Zufall viel zumutet, indem er davon ausgeht, «dass der Urknall es fertigbrachte, sich selbst, unsere Welt und damit auch uns selbst hervorzubringen». (Zitat aus einer Buchbesprechung über den Urknall)
Wie entstand das erste Atom, wie entstand die erste lebende Zelle? Dazu hätte ein bloßer Knall nicht gereicht. Es hätte eine unendlich lange Kette von sinnvollen Zufällen dazu gebraucht, eine Kette von ebenfalls bloßen Zufällen. Aber ein Zufall oder eine Sammlung von Zufällen ist grundsätzlich dumm. Ein Zufall kann sich zwar als sinnvoll erweisen und erfolgreich sein, aber dies sind Ausnahmen. Ein typisches Beispiel ist die Lotterie. Es kann sein, dass jemand die richtige Zahlenfolge ausfüllte und dadurch viel Geld gewann, aber diesem einen stehen hunderttausende gegenüber, die falsch tippten und leer ausgingen. Ein Elefant ohne Rüssel ist nicht überlebensfähig. Also benötigte er den schon von Anfang an. Es ist nicht so, dass der Rüssel einfach zufällig wuchs und erst am Ende ein wunderbares Instrument bildete. Er besteht aus etwa vierzigtausend Muskeln und wird für alles Mögliche verwendet. Ein Meisterstück.
Würde ich, was nur selten vorkommt, die Motorhaube meines Autos öffnen, sein Inneres betrachten und mir dabei überlegen, wie alle Einzelteile zusammenwirken, damit ich bequem von A nach B fahren kann, dann müssten meiner Meinung nach unter meiner Motorhaube viel, sehr viel Denkarbeit, viel Erfahrung und viel Können stecken. Anders kann ich mir nicht erklären, dass mein Auto fährt. Sie wohl auch nicht.
Wenn ich, wie kürzlich in einer Fernsehsendung, höre, beim Wüstenfuchs hätten sich die drei Knöchelchen des Innenohres aus zwei Kieferknochen «entwickelt», kann ich nicht umhin, mir zu überlegen, wie genau das vor sich gegangen sein könnte. Was oder wer steuerte diese Entwicklung? Rutschten die beiden Kieferknochen (die rein zufällig vorhanden waren?) einfach langsam nach hinten und verwandelten sich in drei, von ihrer bisherigen Form völlig verschiedene, fürs Innenohr aber dringend benötigte und in ihrem Größenverhältnis absolut präzise Knöchelchen? Ein purer Zufall oder eher eine lange Kette von sinnvollen und erfolgreichen Zufällen? Das Ohr des Wüstenfuchses funktioniert, und dies kann kein Zufall sein, er hört sogar das Krabbeln eines Käfers unter einer dicken Sanddecke, er hört, was wir nicht hören, dabei ist doch schon unser Ohr kompliziert genug. Ich war von der Sendung fasziniert und fühlte mich in meiner Meinung bestärkt, dass etwas so Sinnvolles nicht einfach durch eine Reihe von Zufällen erklärt werden kann. In einer anderen Sendung über das vorgeburtliche Leben hieß es, der menschliche Embryo entwickle sich nach einem ganz «ausgeklügelten Bauplan». Auch hier die Frage: Wer klügelte denn diesen Bauplan aus? Zufälle sind per definitionem planlos und bestimmt nicht ausgeklügelt.
Der Evolutionstheorie in großen Zügen zu folgen, wirkt sehr logisch und überzeugend. Ich empfinde sie als großen Wurf und ihr Gedanke an die Einheit allen Lebens ist wunderbar. Aber je größer das Staunen, desto mehr tauchen Zweifel an der Zufälligkeit auf. Mutation und Selektion können nicht alles erklären. Um den Spuren des Lebens zu folgen, braucht es viel Zeit und Geduld. Man müsste dazu Zisterziensermönch werden mit nichts als einem kleinen Garten, in dem man täglich arbeiten, beobachten und nachdenken könnte.
Aber nun sind wir moderne Menschen und keine Mönche. Moderne Menschen sind von der Zeit Gehetzte und Gejagte. Das, was wir «Bauchgefühl» nennen, kommt dabei zu kurz. Eine Erkenntnis wie die nachfolgend zitierte kommt nicht von heute auf morgen: Nichts ist in den Teilen, das nicht ist im Ganzen.Nichts ist im Ganzen, das nicht ist in den Teilen. (Meister Eckhart 1260–1328) Auch die Intuition ist ein Weg der Erkenntnis und führt zu Einsichten in Sachverhalte, die nicht über eine Reihe von rationalen Entscheidungen ablaufen. Die Intuition ist eine Eingebung, sie stammt aus dem Unbewussten. Wie gelangte sie dorthin?
Ich nehme an, dass der Glaube an die Zufälligkeit allen Geschehens wohl darum so beliebt und verbreitet ist, weil dieser Glaube kaum mehr von uns verlangt als ein freundliches Kopfnicken. Der Preis dieser Unverbindlichkeit ist, dass er einem letztlich auch nichts gibt. Er lässt uns mit unserem Fragen allein. Der Glaube an die Zufälligkeit alles Seienden ist lähmend, wenn man ihn ernst nimmt, man kann dabei leicht in Verzweiflung geraten, weil alles Sehnen und Trachten sinnlos erscheinen. Nur erzählt man dies niemandem.
Als ich mich vor Jahren spätabends auf einen letzten Spaziergang mit meinem verstorbenen Hund begab, wölbte sich manchmal ein klarer Himmel über uns beiden und ich blieb dann gerne stehen und blickte staunend in den Raum, der nach Newton grenzenlos sein soll, nach Einstein sich mindestens zehn Billionen Lichtjahre in jede Richtung erstrecke und von dem niemand mit Sicherheit weiß, ob er nun endlich oder unendlich sei. Ich konnte auf freiem Feld und von bloßem Auge die Milchstraße, einzelne Sternbilder und sogar Sternhaufen ausmachen. Ich wusste, dass nichts schneller ist als das Licht und die Lichtgeschwindigkeit konstant bleibt. Daher musste es manchen Stern geben, den ich zwar sehen konnte, der aber in Wirklichkeit längst erloschen war. Nur das Licht, das er ausstrahlte, war noch immer von weither unterwegs, ich konnte den Stern noch immer wahrnehmen. Sein Licht war seit Jahrtausenden unterwegs und noch vorhanden, obwohl der Stern selbst schon längst erloschen war. Dort, wo er gewesen war, war es finster und finster ist es auch zwischen den Himmelskörpern. Trotzdem soll es mehr Sterne geben als Sandkörner auf der Erde.
Im Frühjahr beeindruckt mich jedes Jahr von neuem der gute alte Löwenzahn. Seine Robustheit, seine intensivgelbe Blüte und vor allem seine Fähigkeit, in kurzer Zeit seine zerfransten schmalen Blütenblätter in eine so genannte «Pusteblume» zu verwandeln, lassen mich immer wieder stehen bleiben, um dieses kleine Wunder näher anzusehen. Ein ganzes Feld voller Löwenzahnblumen, in denen aus den Blütenblättern kleine Fallschirme entstehen, an denen je ein kleiner Same hängt. Diese Fallschirme sind absolut regelmäßig auf dem Blütenboden verteilt und warten dort auf einen Windstoß, der sie vom Blütenboden löst und irgendwohin trägt. Eine in ihrer Wirksamkeit kaum zu überbietende Fortpflanzungsmethode. Es gibt dazu noch Tausende anderer Methoden und man könnte jede zum Patent anmelden, weil jede funktioniert und in ihrer Art einmalig ist.
Öfters bleibe ich im Sommer auch bei einem der Blumengärten stehen, die da und dort meinen Weg säumen. Die Tulpen haben, wie so viele andere Blumen, des Nachts und bei Regen ihre Kelche geschlossen. Was für eine Erfindung! Sind die Tulpen von selbst daraufgekommen? Oder die Evolution? Ist also die Evolution intelligent, erfinderisch und voller Fantasie? Oder ist sie nur eine riesige Produktionsfirma, die planlos und andauernd Sinnloses produziert und nur selten einmal einen Treffer landet?
Zum Thema Entwicklung noch eine Frage. Haben Sie schon mal vom Koboldmaki gehört? Er ist etwa so groß wie unsere Hand und hat überaus große Augen, mit denen er auch im Dunkeln sehen kann. Er lebt auf Bäumen und springt auf der Jagd nach Insekten von Baum zu Baum. Sehr hilfreich ist ihm dabei ein langer Schwanz, dank dem er seine Balance halten kann. Wie kam er zu diesem langen Schwanz? Entwickelte sich dieser über zweihunderttausend Jahre Millimeter um Millimeter, war also die längste Zeit für sein Gleichgewicht gar nicht brauchbar?
Wie soll ich mir mit Selektion die Tatsache erklären, dass das Schneehuhn, um ein weiteres Beispiel zu nennen, sein Federkleid dreimal jährlich wechselt und sich damit der Farbe seiner Umwelt vollständig anpasst? Wie kam denn das Schneehuhn darauf, dass es durch ein weißes Federkleid im Schnee für seine Feinde kaum auszumachen und dadurch geschützt ist? Oder wurden einfach alle braunen von Feinden gefressen, bis noch ein weißes zufällig überlebte? Aber dieses blieb eben nicht weiß, sondern passte sich in der Farbe den Jahreszeiten an. Wie ließ sich diese farbliche Veränderung seiner Federn bewerkstelligen und derart wirkungsvoll an die jahreszeitliche Umgebung anpassen? Schwierige Frage!
Selbstverständlich kann sich per Zufall auch einmal etwas für das Überleben einer Art Sinnvolles ereignen. Doch die Chance dafür ist minim. Falls aber Zufälle meistens danebengehen, bis sie ein einziges Mal, auch dies zufällig, etwas Positives bewirken, dann würde die Natur eine solche Veränderung rasch als unbrauchbar eliminieren. Der Koboldmaki mit einem nur werdenden Schwanz könnte so, wie er lebt, nicht überleben.
Ein Einsiedlerkrebs hatte die Idee, sich in ein leeres Schneckengehäuse zu verkriechen. Eine ausgezeichnete Idee, die ihm das Überleben erleichterte, er hatte so ein eigenes Haus, das ihn vor Feinden schützte. Seine Hinterbeine benötigte er nicht mehr und daher verkümmerten sie und sind heute kaum noch vorhanden. Wir kennen das: Wer sich nicht bewegt, dem schrumpfen die Muskeln; wer sie jedoch trainiert, der verstärkt sie.
Das Leben ist eine einzige Kette von sinnvollen Entwicklungen! Wenn die Evolution intelligent, voller Fantasie und zielgerichtet wirkte, dann wäre sie nur ein anderer Name für das, was der Glaubende als Gott bezeichnet.
Wir, die wir doch so viel intelligenter und fantasievoller sind als alle anderen Lebewesen, wir beobachten die Natur, um derenProblemlösungen zu kopieren und für uns zu übernehmen. Wie kann denn aus lauter Zufällen, allein gesteuert durch die Selektion, eine Perfektion entstehen?
Wir Menschen bestehen aus siebzig Milliarden Zellen, aus unglaublich komplizierten Zellen, jede mit einem Zellkern, in dem der gesamte Bauplan wie in einem Tresor aufbewahrt ist. In jedem Zellkern sind sämtliche Erbinformationen ähnlich einer Strickleiter gespeichert, sie verspinnen sich bei der Befruchtung zu 46 Chromosomen, übernehmen dazu 23 von der Mutter und 23 vom Vater. Und alles ist aus zwei stickstoffhaltigen Basen gebildet, die Verbindungen eingingen und weiter eingehen.
Im Bauplan Mensch liegen in seinem Erbgut die Gene, und die kleinste Veränderung eines Gens kann katastrophale Folgen haben. Die Gene setzen sich aus 3,5 Milliarden «Buchstaben» zusammen, die man mit Hilfe von leistungsfähigen Rechnern Stück für Stück entziffern konnte. Bis man allerdings die Bedeutung aller erhaltenen Daten wirklich erfasst haben wird, wird noch einige Zeit vergehen.
199 Knochen bilden unser «Gestänge», 434 Muskeln halten das Ganze zusammen. Jeder Knochen sitzt am richtigen Ort und jeder Muskel auch. Achtzehn Milliarden Nervenzellen bilden unser Gehirn. Bei der Befruchtung gab es am Anfang unserer Existenz nur eine einzige Eizelle, die sich nach der Befruchtung teilte und immer wieder teilte. Was dann folgte, war kein wildes Wuchern, jede Zelle hatte ihre Aufgabe, ihren Platz in einem hoch komplizierten Gefüge. Am Ende wurde daraus unter anderem ein bei der Geburt etwa dreihundert Gramm schweres Gehirn, das ausgewachsen drei Pfund wiegt, über sich selbst und über die Welt nachdenken und sich wundern kann
Als Erklärung dient jeweils die Feststellung: Es brauchte dazu Millionen Jahre. Es ist schwierig zu glauben, dass aus kosmischen Nebeln und Sternenstaub Menschen entstehen, wenn man nur lange genug wartet. Und was war vor der vermeintlichen Perfektion? Und woher kam diese?
«Mit welchen genetischen Tricks verwandelte die Evolution binnen weniger Millionen Jahre das Halbliterhirn eines Affen in das dreimal größere und ungleich leistungsfähigere Denkorgan des Menschen?», lese ich in einem Artikel über Genforschung. Aber trickreich kann doch nur eine Intelligenz sein und nicht eine Reihe von Zufällen.
Ich muss meine Überlegungen kurz unterbrechen. An meinem Fenster krabbelt und surrt eine Wespe. Ich öffne das Fenster und sie flüchtet. Gut so, man muss bei Wespen vorsichtig sein. Ihr Stachel ist eine erstaunliche Konstruktion. Ihr Gift ist vielleicht noch verblüffender als ihr Stachel. Die Wespe setzt zwar ihren Stachel gezielt zur Abwehr ein, doch dies allein wäre noch keine sehr wirkungsvolle Waffe, das Gift ist entscheidend.
Weiß die Wespe um die Wirkung ihres Giftes? Und wie kam sie auf dieses Gift? Wie kam sie auf die Idee, sich einen Stachel als Injektionsnadel zuzulegen, das war keine Kleinigkeit. Hat sie über unendlich lange Zeiten hinweg verschiedene Mischungen ausgetestet und nach langem Suchen diese sehr wirkungsvolle Mischung erfunden? Hat siedie anderen, wirkungslosen oder unbefriedigenden Mischungen ausgeschieden und sich, nach unzähligen Misserfolgen, für diese eine Mixtur, die für sie wirkungsvollste, entschieden?
Ich erinnere mich an einen Zwischenfall an der Tour de Suisse oder der Tour de France. Einer der Favoriten war mit offenem Mund gefahren und es hatte sich eine Wespe in seinen Mund verirrt und zugestochen. Der verzweifelte Fahrer rettete sich knapp ins Ziel und musste gepflegt werden. Ja, die Sache funktioniert.
Irgendeine Firma muss doch für diese Welt verantwortlich sein. Ist das ein «Jemand» oder ist es ein «Es»? Ist es eine zielgerichtete Kraft und Intelligenz, aber keine Person? Oder doch eine Person? Wer ist diese Person, und was will sie mit dieser Welt?
Gotthold Ephraim Lessing nannte den Begriff «Zufall» eine Gotteslästerung.
Warum blieb die unvorstellbar dichte Materie am Anfang vor dem Urknall nicht einfach so, wie sie war, eine Art Urkugel oder auch formlos im Nichts schwebend? Wenn etwas mit oder ohne Knall auseinanderfällt, dann ist es gemäß gängiger Erfahrung zerstört. Ein Auto, das auseinanderfällt, muss aus dem Verkehr gezogen werden. Beim Urknall brach etwas auseinander, aber das war kein Ende, sondern der Beginn einer hochkomplizierten Entwicklung, die zuerst ein Urmeer, dann eine erste lebende Zelle und letztlich uns Menschen hervorbrachte. Ein nach unserem Empfinden überaus sinnvoller Prozess, in dem sich aus dem Einfachen das Komplizierte und aus dem Rudimentären das Vollkommene entwickelte. Über diese Vorgänge können wir nur staunen, ja, wir können uns nicht genug über sie wundern, je mehr wir über sie erfahren.
Alles wirkt so selbstverständlich, ist aber unwahrscheinlich kompliziert und trotzdem funktionsfähig. Fünftausend Jahre menschlichen Forschens und Nachdenkens genügten nicht, um uns alles einleuchtend zu erklären.
Man kann mit offenen Fragen zwar gut leben, aber einige grundsätzliche Antworten möchte man doch gerne hören. Der Urknall allein ist kein Leitmotiv für unser Leben, und das Warten auf die nächste Katastrophe ist kaum geeignet, Lebensfreude zu wecken oder zu erhalten. Man kann am Leben verzweifeln, das gab es schon früher, aber Verzweifelte waren früher erwachsen, heute trifft dies schon Kinder und Jugendliche.
Auch Religionen versuchen, auf obige Fragen zu antworten. Sie geben ebenfalls Erklärungen ab über den Ursprung der Welt und des Lebens, und sie tun dies in Form von Mythen und Geschichten, die insbesondere das menschliche Leben betreffen. Sie benutzen dazu weder Retorten noch Fernrohre, sondern die Intuition. Das heißt, sie richten den Blick nach innen, nicht nach außen. Es ist erstaunlich, was sie dabei entdecken, auch wenn ihre Sprache, mit der sie darüber berichten, für uns heute oft ungewohnt und nicht immer einfach zu verstehen ist. Religionen sind die ältesten Antworten zu menschlichen Grundfragen. Doch auch diese Antworten erklären nicht alles. Wie soll man sich einen Schöpfergott vorstellen? Als einen älteren Herrn, der, den Kopf in die Hand gestützt, an einem riesigen Bildschirm sitzt und über die noch zu schaffende Welt nachdenkt? Dazu ein Heer von Engeln, die Ihm immer wieder Vorschläge unterbreiten?
So nicht? Aber wie denn?
Die Bibel beginnt mit einer klaren Aussage: «Im Anfang schuf Gott den Himmel (wörtlich die Himmel) und die Erde.» Ihr erstes Kapitel berichtet darüber, wie es weiterging, respektive wie man sich dies vor über zweieinhalbtausend Jahren, so alt ist dieser Text, vorstellte. Eineinhalb Buchseiten genügen dazu. Ihre Direktheit macht sie angreifbar, man kann die Schöpfungsgeschichte infrage stellen, mit der Vernunft durchlöchern oder auf Schwachpunkte hinweisen. Was hier entworfen wird, ersetzt keine Naturwissenschaft, aber sie weist, wie alle Religionen, auf etwas hin, das über das Wissen der Naturwissenschaften hinausgeht. Viele Fragen bleiben bei einem Nachdenken offen. Dies ist jedoch noch kein Grund, sie als Ganzes abzulehnen. Auch die Urknall-Theorie befriedigt unsere Neugierde nur oberflächlich, wir hören ihr trotzdem fasziniert zu. Vielleicht weil sie, im Unterschied zu den Religionen, nichts von uns fordert?
Unser Bedürfnis, in der Welt als ein Ganzes und in unserem persönlichen Leben als Einzelne einen Sinn zu erkennen, wird von naturwissenschaftlichen Antworten nicht gestillt. Will man einem Volk seine überlieferte Religion nehmen, muss man ihm einen Ersatz geben, eine neue Religion oder eine neue Ideologie. Das Beispiel Russlands zeigt dies exemplarisch. Russland war einst ein sehr religiöses Land, und seine Zaren waren oft überaus religiös. Die Revolution von 1917 nahm Russland beides: das Zarentum und die Religion. Und was kam an ihre Stelle? Es kam die Vergötterung von Lenin, dann von Stalin und durch beide die absolute Herrschaft der kommunistischen Ideologie, die dogmatisch viel stärker fixiert war als der Glaube der Orthodoxen Kirche. Dissidenten wurden dann, vor allem im 20. Jahrhundert aber auch noch heute, durch Schauprozesse genauso unerbittlich verfolgt, wie einst im 13. (!) Jahrhundert die kirchliche Inquisition ihre Ketzer verfolgte. Es ist daher überraschend, dass Herr Putin sich gerne mit den Obersten der Orthodoxen Kirche zeigt.
Ähnliches kann man in China beobachten. China war nie ein christliches, aber jahrtausendelang ein sehr religiöses Land. Bis 1949 Mao an die Macht kam. Mit seiner Revolution kam ein neuer Gott (Mao selbst), eine neue Bibel (Maos Rotes Buch) und eine wesentlich starrere Ideologie, als sie der Konfuzianismus je besessen hatte. Aus dem Land des Lächelns wurde ein Land des Schweigens. Nur die chinesische Wirtschaft ist laut.
Seit es Religionen gibt, gibt es auch Kritiker derselben, sogenannte Un-Gläubige. Sie sind mit religiösen Antworten nicht zufrieden, kennen allerdings selbst auch keine überzeugenderen. Sie leben weltanschaulich in einem leeren Raum und beurteilen von dorther die Religionen äußerst kritisch. Wer sich heute mit intellektuellem Anspruch zum Thema Religion äußert, muss sich zwangsläufig als Religionskritikerausgeben, nur so gehört man zur kulturellen Elite, die selbstverständlich Religionen in Frage stellt. Keine Religion ist jedoch derart gründlich hinterfragt worden wie das Christentum, und dies durch viele Jahrhunderte hindurch. Das Erstaunliche ist, dass es sie trotz aller Kritik und teilweise massiver und vor allem pauschalisierender Angriffe noch immer gibt. Alle großen Religionen der Welt nehmen an Mitgliedern zahlenmäßig zu, auch das Christentum, nur nicht bei uns. Die Welt hat mit Erstaunen das Wiederauferstehen der Russisch-Orthodoxen Kirche nach der Perestroika zur Kenntnis genommen. Für die einen ist dies ein Beweis für die unverbesserliche Gutgläubigkeit der russischen Seele, für andere beweist es die unheilbare Religiosität aller Menschen und damit indirekt auch den Wahrheitsgehalt von Religionen. Wer wollte denn behaupten, der Mensch sei von seinen Anlagen her prädestiniert, an bloße fantasievolle Konstrukte zu glauben?
Wir sollten die Antworten des christlichen Glaubens einmal näher ansehen, weil jede Beurteilung eine Kenntnis voraussetzt. Was man nicht kennt, kann man auch nicht kritisieren, ohne sich lächerlich zu machen. Auch andere Religionen lohnen eine solche Anstrengung, doch wir leben ja in einem noch immer christlichen Abendland. So wie ein Franzose einiges über Frankreichs Geschichte wissen sollte und ein Schweizer über die Schweizer Geschichte, so müssten sich Religionskritiker mit dem, was sie kritisieren, näher beschäftigen.
Ich habe mehrere Synagogen besucht und habe eine orthodoxe jüdische Familie ein Jahr lang fotografisch durch ihren Alltag und ihren Festkreis begleitet. Ich war mehrfach in Jerusalem an der Klagemauer und auch in Mea Shearim, dem Wohnviertel der orthodoxen Juden. Ich habe vieles zum Thema Judentum gelesen, vieles gehört, vieles gesehen und manches gelernt, aber im Innersten blieben mir das Judentum und sein Thoraglaube fremd.
Ich war in Dutzenden von Moscheen, darunter auch in einigen der berühmtesten. Sie gefielen mir sehr durch ihre Weite und ihre Teppiche. Ich habe auch, allerdings mit etwas Mühe, im Koran gelesen, dazu auch Bücher über den Islam. Ich habe über vieles gestaunt und manches bewundert, aber auch hier fühlte ich mich letztlich fremd.
Ich war zweimal an einem Hindu-Fest in einem Hindu-Tempel, ich habe dabei auch Hindu-Prozessionen fotografisch begleitet und mit einiger Verwunderung festgestellt, wie stark der Einfluss einer Religion auf Menschen sein muss, die sich freiwillig Schmerzen zufügen, um sich einer Gottheit näher zu fühlen. Auch die Farbenpracht und die Hingabe seiner Gläubigen haben mich beeindruckt, doch ganz wohl fühlte ich mich dabei nicht.
Ich habe in Russland, in Syrien und in Griechenland viele kirchliche Gebäude und auch Gottesdienste der Orthodoxen Kirchen besucht. Ich war auch da von manchem fasziniert, aber ohne mich heimisch zu fühlen. Das hat mit meiner christlichen Erziehung und Prägung zu tun, die ich nicht ablegen kann und auch nicht ablegen will.
Es ist mir nicht möglich, mich völlig distanziert und quasi nur von «außen» dem christlichen Glauben zu nähern. Aber der Zugang von «innen» ermöglicht mir, auch seine Schattenseiten deutlicher zu sehen und mich klarer über diese zu äußern. Als «Mitglied der Familie» weiß ich viel über sie und habe auch einiges erlebt, welches mir Anlass zu Kritik gäbe, ohne dass ich deswegen diese Familie verlassen müsste. Kirchenaustritte sind Mode geworden, um Steuern zu sparen, und dies stellt uns ein sehr schlechtes Zeugnis aus, denn es gibt keine kostenlose Kultur.
Es lohnt sich also, diesen Glauben genauer anzusehen, der unser Abendland bis heute prägte und wohl noch weiter prägen wird, denn wer Gott aufgibt, löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu wandern.
Der verstorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal den Satz geprägt, es gebe in der Literatur nur zwei große Themen: die Liebe und den Tod, alles andere sei Beilage. Gut so, sprechen wir also über den Tod.
Der Tod ist das Ende allen Lebens, und das Leben ist eine Überwindung des Todes. Zwischen Leben und Tod herrscht ein blutiger Krieg seit Anbeginn. Wir, die wir (noch) leben, empfinden den Tod meist als Bedrohung, als einen Schlag ins Gesicht. Denn Tod heißt auch Ende, bedeutet Trauer und Lähmung, bewirkt Tränen und Verzweiflung. Der Tod stellt alles infrage, er macht fast alles zunichte, was uns wichtig ist, trifft Bettler und Könige, den Ärmsten und den Milliardär. Niemand will ihn wirklich, wer ihn herbeisehnt, muss in einem schlimmen Zustand sein, um ihn zu rufen. Trotzdem sagt uns die Vernunft, dass es ihn geben muss.
Es ist nicht denkbar, dass das Leben dauernd neues Leben ins Dasein wirft und keines davon stirbt. Es ist undenkbar, dass nicht nur die bald acht Milliarden jetzt lebenden Menschen die Erde bevölkern würden, sondern zusätzlich auch noch alle Generationen vor uns. Auch Abraham würde dann noch in der Höhle Machpela leben und könnte mit seinen über viertausend Jahren noch Besuche empfangen und von seinem Sohn Isaak schwärmen. Heinrich VIII. könnte morgen vom Bundesrat empfangen werden, während draußen eine laute Frauen-Demo gegen diesen Besuch stattfinden würde, denn er war ja mit sechs Frauen verheiratet und ließ drei von ihnen hinrichten. Ja, man könnte, wenn man dies denn wirklich wollte, auch Hitler auf dem Obersalzberg besuchen und dort mit ihm die Aussicht bewundern.
Nein, so geht das nicht. Der Tod muss sein, es geht nicht anders. Wenn nie jemand stürbe, würde alles Leben zu einer dauernden Katastrophe. Achtzig Milliarden Menschen würden nach Luft schnappen und könnten sich nicht mehr bewegen, weil jeder Platz besetzt wäre. Geburten wären als Folge strengstens verboten, weil wer stirbt, macht dadurch Platz für ein neues Leben. Aber ohne Tod wäre Leben nicht mehr möglich.
Der Mensch ist nicht vernünftig. Er möchte lange leben und, wenn möglich, nie sterben. Nur so lässt sich erklären, dass alle großen Kulturen an ein Leben im Jenseits glaubten und weiterhin glauben. Dieser Glaube hat auch Großartiges bewirkt.
Auch die Bibel enthält deutliche Vorstellungen von einem «ewigen Leben». Von Adam und Eva, die aus dem Paradies verstoßen wurden, bis hin zur Offenbarung des Johannes, der in einer Vision «einen neuen Himmel und eine neue Erde» sah, ist überall mehr oder weniger deutlich eine Erwartung zu spüren, die über den Tod hinausgeht, ansatzweise schon im Alten Testament und in voller Zuversicht im Neuen Testament. Eine solche Erwartung ist uns Heutigen abhandengekommen, sie ist einfach weggeschmolzen. Auf Friedhöfen wird bei uns nicht getanzt. Man steht schweigend, oft erschüttert, an Gräbern. Ich bin noch keinem Grabstein begegnet, auf dem geschrieben stand: «Er (oder sie) ist nicht hier!»(Matth., 28,11)
Man kann den Tod negieren, kann so tun, als gäbe es ihn nicht. «Der Tod bedeutet nichts, ich bin nur im Nebenzimmer verschwunden. Ruft mich einfach bei meinem gewohnten Namen.» Aber lange hält eine solche Negation nicht.
Alle großen Kulturen haben den Tod ernst genommen, haben jedoch von einem Weiterleben in irgendeiner Form geträumt und an ein Jenseits geglaubt. Dieser Glaube hat gewaltige Spuren hinterlassen, vom Alten Ägypten bis zur Sagrada Familia in Barcelona.
Der Tod scheint übermächtig, und wir haben uns ihm ergeben. Einige Wissenschaftler prophezeien, dass Menschen bald dank neuester Medikamente 120 Jahre leben, vielleicht sogar 150 Jahre alt werden könnten. Würden dann alle erst mit 100 Jahren pensioniert? Und was täten sie in den letzten fünfzig Jahren? Man stellt sich dies besser nicht konkret vor. Man liest aber trotzdem nicht ungern Sensationsmeldungen über neue wissenschaftliche Erfolge, die unser Leben verlängern und den Tod hemmen könnten.
Der Tod ist einerseits eine Befreiung im Sinne von «Raum schaffen» für eine nächste Generation, andererseits ist er auch ein Skandal, denn das Leben schenkt jedem Menschen eine Einzigartigkeit, aber nur kurz. Zu kurz, finden wohl viele. Was für ein Aufwand, um am Ende bloß Asche oder Erde zu werden!
Die Hinfälligkeit des Menschen wurde uns seit der Aufklärung auf tausendfache Art und Weise vor Augen geführt, es gibt kein Entrinnen, wer tot ist, hört auf zu existieren, löst sich auf und hinterlässt kaum Spuren, so ist das. Man sagt, dass der Tod eintritt, aber woher er kommt und wohin er geht, weiß man nicht.
Auch in der Kirche wird, wenn überhaupt, nur noch leise von einem Jenseits gesprochen. Das ewige Leben ereigne sich im jetzigen Dasein, sei eine bloße Bezeichnung für eine bessere Lebensqualität hier und jetzt. Wer wollte dies bestreiten, das klingt gut, bricht aber mit der biblischen Vorstellung von einem neuen Leben nach dem Tod. Es ist eine Kapitulation vor dem Vernünftigen, welches sagt: Was man nicht messen kann, das gibt es auch nicht. Wenn es keine allgemeine Auferstehung geben sollte, was helfen uns da die Berichte über eine Auferstehung Jesu? Hier beißt sich die Schlange in den Schwanz. Der Apostel Paulus ist da konsequenter:
«Wie können dann einige unter euch behaupten, dass die Toten nicht auferstehen werden? Wenn es keine Auferstehung gibt, dann wäre auch Christus nicht auferstanden … wir wären dann als falsche Zeugen für Gott aufgetreten.» (1. Korintherbrief, Kap. 15, V. 1 ff.)
Wir leben, wir sammeln Erfahrungen, wir horten Wissen, wir entwickeln körperliche und seelischeFähigkeiten und dann werden wir alt und niemand will mehr etwas von unseren Erfahrungen und von unserem Wissen hören. Wir werden noch älter und sterben einsam, weil alle, die wir kannten und liebten, schon tot sind. Vielleicht öffnet jemand nach unserem letzten Atemzug ein Fenster1 in der Hoffnung, dass sich so wenigstens unsere Seele vor der endgültigen Vernichtung retten könnte, aber in Spitälern lassen sich die Fenster nicht öffnen.
Obwohl der Tod so sicher und voraussehbar ist wie kein anderes Ereignis, ist er das am wenigsten vorhersehbare. Jeder weiß, dass Menschen sterben und dass darum auch er oder sie sterben wird, aber niemand weiß, wann und auf welche Weise. Wird der Tod der Schlusspunkt einer langen Krankheitsphase sein, oder wird er plötzlich ohne Voranmeldung anklopfen und eintreten?
Normalerweise beschäftigen uns solche Gedanken kaum. Zwar vergeht kein Tag ohne Todesmeldungen: hier ein Erdbeben, dort ein Autounfall, da ein Mord, dort eine Kriegshandlung. Man wird abgestumpft und diese oder ähnliche Ereignisse scheinen weit weg. Nur Zahlen machen noch Eindruck. Eine Flutwelle, die Hunderttausenden das Leben kostet, kann über Wochen hinweg Beklemmung auslösen, aber nicht als Memento mori, als Erinnern an die eigene Sterblichkeit. Der Alltag hat uns sogleich wieder und man kann sich nicht dauernd mit dem Tod Anderer beschäftigen, man muss ja selbst sehen, wie man weiterlebt. Erst der Tod eines uns nahestehenden Menschen bringt uns schmerzhaft zu Bewusstsein, dass der Tod nicht nur für andere gilt, sondern auch uns treffen kann und wird. Wer lebt, ist zum Tode verurteilt.
Der Philosoph Martin Heidegger nennt das menschliche Leben «ein Sein zum Tode». Wenn dann eines Tages der Tod auch uns seine kalte Hand auf die Schulter legt, ist man mit ihm allein. Niemand kann uns dann weiterhelfen. Sterben kann man nicht lernen, es ist für jeden und jede eine neue Erfahrung, niemand hat es vorher einüben können. Es gibt Nahtod-Erfahrungen, es gibt sogar Bücher mit reißerischen Titeln wie: «Die ersten drei Tage im Jenseits», aber letztlich ist man im Sterben allein.
Daher ist der Tod für die meisten Menschen mit Ängsten verbunden. Diese können so weit gehen, dass sich einzelne sogar weigern, einen Toten anzusehen oder zu berühren, auch wenn der oder die Verstorbene ihnen nahestand. Umgekehrt üben Embleme des Todes auf ebenfalls viele eine seltsame Faszination aus. Es ist kein Zufall, dass Heinrich Himmler für die SS einen Totenkopf als Emblem wählte. Wer Filme und Filmwerbung, Plattenhüllen, Kirmes-Geisterbahnen, Heavy-Metal-Bands, Rock- und Popmusik daraufhin untersucht, wird erstaunt sein, wie häufig er einem Totenkopf oder gar einem Skelett begegnet. Auch die Faszination von Kriminalromanen oder Krimiserien im Fernsehen lebt wohl ein Stück weit von der Anziehungskraft des Morbiden und Bedrohenden.
Viele Philosophen haben sich mit diesem Thema auseinandergesetzt, von Platon über Montaigne, Pascal, Dostojewski bis Heidegger und Jankélévitch. Sie kamen dabei nur selten zu tröstlichen Schlüssen, viel eher packte sie entweder die Resignation oder eine bittere Auflehnung, ja sogar eine Empörung. Sie bezeichneten den Tod als endgültige Vernichtung des Menschen; als ein Ereignis, das kein Danach kennt; sie verstanden den Tod als das absolute Nein; als etwas Sinnloses und Absurdes, welches die Sinnlosigkeit des Lebens besiegle.
Ich meine, dass wir mit solchen Aussagen schlecht leben können. Wir müssen, um nicht depressiv zu werden, entweder den Tod verdrängen, das heißt so tun, als gäbe es ihn nicht, oder wir müssen nach einer anderen Sichtweise des Todes suchen. Wir werden daher nicht umhinkommen, uns mit den verschiedenen Religionen und ihren Vorstellungen über den Tod zu beschäftigen.
«Gold und Silber verlieren ihren Glanz,
Seide und Satin verrotten,
alles muss dahin,
aber die Sehnsucht bleibt.»
Ja, alles muss dahin, nur die Sehnsucht bleibt. Treffender lässt sich das Menschsein nicht definieren. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, auch nicht von Silber und Gold, Seide und Satin. Unsere innerste Sehnsucht lässt sich auf Dauer nicht mit Vergänglichem abspeisen, denn «alles muss dahin», alles ist dem Tod geweiht, was bleibt, ist die Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem Grenzenlosen, Unendlichen und Ewigen.
Es genügt nicht, Geld zu verdienen, fernzusehen, gut zu essen, viel zu trinken, umherzureisen, ein bisschen oder auch viel Fitness und ein bisschen oder auch viel Kultur zu betreiben. Es genügt nicht, allem nachzueifern, was gerade en vogue ist, um dem Leben einen tieferen Sinn abzugewinnen.
Unsere Seele will Frieden, nicht nur Waffenstillstände. Frieden in einem umfassenden Sinn, so, wie er nie war, auch wenn sich viele Menschen um Frieden mühten und weiter mühen.
Unsere Seele willGerechtigkeit. Nicht jene Gerechtigkeit, die Gefängnisse, Stacheldraht und Galgen baut. Nicht die Gerechtigkeit der Buchstaben, der Gesetze, nein, viel mehr als das, man träumt von einer absoluten Gerechtigkeit.
Unsere Seele will leben. Nicht nur dieses irdische Leben, so schön es manchmal auch sein kann und ist, nein, sie möchte das volle Leben, ohne Trübung, ohne Tod. Christen nennen es das ewige Leben.
Unsere Seele will Liebe. Diese Sehnsucht ist besonders stark. Lieben und geliebt werden, ohne Einschränkungen, grenzenlos. Dies wäre das Paradies. Warum «wäre»? Was, wenn es dieses Paradies wirklich gäbe? Nicht auf irgendeiner Südseeinsel, wo gut Betuchte im Sand liegen und sich bräunen lassen. Nein, ein Paradies, ein wirkliches für alle, und eine Liebe, für die es keine Worte gibt und keine braucht, die unsere Vorstellung übersteigt, kurz, ein Eintauchen in die Liebe Gottes.
Wer meint, man brauche das alles nicht, irrt sich! Alle brauchen das. Wir haben uns nur daran gewöhnt, mit dem Unfrieden, mit der Ungerechtigkeit und mit dem Sterben zu leben. Wir haben die Sehnsucht danach in uns erstickt, ja, wir schämen uns, sie zu haben und sie anderen einzugestehen. Wenn es eine Art Fieberthermometer für seelische Zustände gäbe, mit denen man den inneren Zustand anderer Menschen messen und auf einer Skala ablesen könnte, dann müsste die Skala von schierer Verzweiflung, also von null, bis zu höchstem Glücksgefühl, also hundert, reichen. Man könnte dann mit einem Blick feststellen, wie Menschen sich fühlen und was sie brauchen, auf der Skala für mich und für andere ablesbar. Zum Beispiel: bei mir lese ich nur knapp zwanzig Grad, weil ich eben die Nachrichten sah und hörte.
Das würde vieles erleichtern.
Wir verdrängen das Beste in uns, wir verneinen alles, was in irgendeiner Form nach religiöser Sehnsucht oder gar Inbrunst klingt, wir geben uns mit dem Vorläufigen zufrieden, um nicht negativ aufzufallen. Und dann wundern wir uns, wenn wir oft traurig sind, wenn sich manchmal die Depression wie ein Schleier über unser Inneres legt und wir nur dank Tabletten oder Tropfen nicht verzweifeln.
Religion bedeutet das Ernstnehmen unserer tiefsten Bedürfnisse. Die Sehnsucht nach Liebe, nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Leben oder, mit einem Wort, nach Gott. In dieser Sehnsucht wissen wir uns verbunden mit religiösen Menschen aus verschiedensten Kulturkreisen. Ob Jude, ob Christ, ob Moslem, ob Buddhist, ob Hindu, ob Shintoist, in allen Menschen lebt diese Sehnsucht, sie verleihen ihr nur auf unterschiedliche Weise Ausdruck.
Jede Religion ist ein Protest gegen die Sinnlosigkeit, auch die primitivste und erst recht die so genannten Hochreligionen. Sie alle weigern sich, mit bloß Vorläufigem abgespiesen zu werden. Sie wollen mehr.
Primitive Religionen sind solche, die aus der Angst geboren wurden und Ängste schüren. Je weniger Ängste eine Religion vermittelt, desto höher ist sie einzustufen.
«Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst.» Also Gott, deinen Nächsten und dich selbst lieben. Dies darf wohl als höchste Form von Religion bezeichnet werden; alles, was aus Angst geboren wurde oder Ängste schafft, fällt dagegen ab.
Wäre Jesus nicht auferstanden, was immer dies konkret heißen mag, dann wäre er eben liegen geblieben, im Grab liegen geblieben und verfault. Seine Geschichte wäre eine Tragödie mit einem völlig deprimierenden Ausgang, eine weitere Tragödie in unserer an Tragödien so reichen Geschichte. Er war nicht der Einzige, der so starb. Tausenden, Zehntausenden, Hunderttausenden ist es so oder ähnlich ergangen wie ihm. Es wäre die Geschichte eines Menschen, der auszog, den Menschen Gott nahezubringen, ihre Sehnsucht zu stillen, Gutes zu tun, und dafür an einem römischen Holzkreuz verendete, Hände und Füße festgenagelt, innerlich verzweifelt und mit dem Schrei sterbend: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Matthäus, Kap. 27, V. 46)
Was ist das für eine Welt, die ihre Propheten steinigt und ihre edelsten Menschen verfolgt, quält und tötet! Doch nun genug der Klage.
Das Neue Testament verkündet, und sein triumphierender Unterton ist nicht zu überhören, dass Jesus auferstand. Wohin auferstand? In eine andere Welt, in eine andere Dimension, in die Welt Gottes. Und was bedeutet «auferstehen»? Alle vier Evangelisten versuchen dies durch Geschichten zu verdeutlichen, die das Unfassbare verständlich machen sollen. Wir werden auf sie noch zurückkommen.
Im menschlichen Leben, in der Welt, im Universum, welches sich endlich oder unendlich um uns herum ausdehnt, das heißt in allem ein Ganzes zu sehen und in diesem Ganzen einen Sinn zu finden, ist für uns Menschen überaus wichtig. Ohne erkennbaren Sinn kann man auf Dauer kein zufriedenes, glückliches Leben finden und nicht zufrieden sterben.
Familienchronik:
Tante M. starb an Herzversagen, nach längerem Leiden.
Großvater starb an Greisenbrand,
nach drei Amputationen.
Großmutter starb an Verzweiflung,
es war zu viel für sie.
Onkel R. starb an Lungenkrebs,
man hatte ihn gewarnt.
Onkel A. ertrank im Alkohol,
ein Greis von vierzig Jahren.
Meine Schwester starb an Kinderlähmung
innert drei Tagen.
Onkel M. ertrank in Frankreich,
in eiskaltem Wasser.
Mein Bruder starb früh
an forcierter Familienplanung.
Tante P. starb an Altersschwäche,
müde und satt vom Leben.
«Alles Leben ist Irrtum, das nicht zu einem bestimmten Zwecke lebt.»(Stefan Zweig) Er selbst nahm sich 1942 das Leben. Ohne erkennbaren Sinn wird diese Welt bedrängend und beklemmend, es sei denn, man sei in der Lage, im Augenblick völlig aufzugehen und weder an das Gestern noch an das Morgen zu denken.
Ein in den siebziger Jahren erfolgreicher Schlager begann mit den Worten: «Es fährt ein Zug nach Nirgendwo …». Versuchen wir, uns mal das menschliche Leben als einen Eisenbahnzug vorzustellen. Andere haben dies schon vor uns getan (z. B. Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel/Erich Kästner: Das Eisenbahngleichnis). Unser Leben als ein Eisenbahnzug, der irgendwann einmal aus dem Irgendwo auftauchte und irgendwann im Nebel wieder verschwinden wird, irgendwie.
Naturwissenschaftler stellen fest, dass der Zug fährt! Sie messen seine Geschwindigkeit und versuchen mit großem Erfolg, Lokomotive und Wagen bis ins kleinste Detail zu beschreiben und zu berechnen, vor allem dessen physikalische Eigenschaften, seine chemische Zusammensetzung, den Luftwiderstand des Zuges, seine Farbe, seine Form, alles wird untersucht. So haben sie im Laufe der Zeit eine Unmenge an Daten gesammelt. Man kennt jetzt die Bedeutung der Schienen, der Weichen, auch derer, die sogar automatisch schalten. Nur wohin dieser Zug fährt, das wissen sie noch immer nicht. Was nützen uns jedoch alle Fahrpläne und die präzisesten Beschreibungen der Zugskomposition, wenn wir nicht wissen, wohin wir fahren? Wir möchten das Zielwissen.
Wir fahren alle von A nach B, von der Geburt zum Tod, vom Kreißsaal zum Friedhof. Aber wozu der ganze Aufwand? Das Fahren an sich mag spannend sein, aber je näher das B kommt, desto unruhiger werden wir.
Die Passagiere im Zug unterhalten sich, blicken zum Fenster hinaus und suchen sich zu orientieren, eine spezifisch menschliche Eigenschaft. Warum ist das so, fragen schon Kinder.
Die Landschaft ist fremd. Niemand weiß, wo man sich wirklich befindet. Der eine meint hier etwas Vertrautes zu erkennen, der andere dort. Einer schlägt vor, den Kondukteur zu fragen – doch wo ist der? Keiner hat ihn gesehen. Es gehen Gerüchte um, dass der Führerstand leer sei, dass der Zug ganz von selbst fahre. Hie und da hält der Zug auch kurz, dann steigen die Toten aus und verschwinden im Nebel. Niemand weiß, wohin diese Toten gehen. Man hört nur da und dort ein Schluchzen. Einige der Passagiere weigern sich, weiter hinauszublicken, wozu auch? Sie haben die Storen heruntergezogen und erzählen sich Witze, sie spielen Karten oder Schach, suchen nach etwas Essbarem, zwinkern jungen Damen zu, lachen überlaut. Ihre Fröhlichkeit wirkt aufgesetzt. Andere starren zum Fenster hinaus und meinen zu erkennen, dass der Zug immer schneller fahre. Plötzlich, ein Tunnel. Ein Augenblick lang ist es dunkel, dann gehen Lichter an. Man hört das Rattern der Räder jetzt lauter, der Zug scheint mit zunehmender Geschwindigkeit abwärtszufahren. Eine Frau schreit: «Wohin fahren wir denn?» Sie hat nur laut hinausgeschrien, was alle sich fragen. Niemand antwortet, denn niemand weiß es.
Soweit die Tunnelgeschichte.
Tiere haben keine Fragen, Menschen hingegen schon. Das Fragen und die Suche nach einem Lebenssinn sind eine spezifische Eigenart von uns Menschen. Einfach nur zu existieren, genügt nicht, jedenfalls nicht ein Leben lang.
In den frühesten Zeugnissen menschlicher Kultur finden wir daher immer auch deutliche Spuren von Religion, von primitiven- und auch Hochreligionen. Seit es Menschen gibt, gibt es eine Ahnung von etwas Übergeordnetem, gibt es dieses oft verzweifelte Fragen nach Sinn. Man kann diesem Bedürfnis ausweichen, aber irgendwann holt dieses Fragen jeden und jede ein. Es gibt denkende Menschen, die diese Sinnsuche zwar anerkennen, aber Religionen als bloße Konstruktionen verstehen. Religionen seien Träume, sagen sie, seien Versuche, den unerklärlichen menschlichen Hunger nach Sinngebung und Riten zu stillen. Dieses Bedürfnis, diese Sehnsucht nach einer letzten Erfüllung, lässt sich nicht leugnen, man muss diesen Hunger als gegeben akzeptieren und wer Hunger verspürt, sollte nach Essbarem suchen.
1 Eine verbreitete Tradition ist im Judentum das Öffnen der Fenster, zur Erleichterung des Austrittes der Seele aus dem Körper des Verstorbenen und als Verbindung zum Himmel.
Die heute allgemein verbreitete naturwissenschaftliche Erklärung der Welt heißt: Am Anfang gab es eine verdichtete Materie, die mit einem Knall auseinanderbarst, das war der Urknall. Das Echo dieses Knalls könne im Weltall heute noch nachgewiesen werden. Die Sterne und Milchstraßen hätten sich daraus gebildet und sich im Weltall verteilt. Dieser Prozess sei noch nicht zu Ende, das ganze Weltall dehne sich immer weiter aus, neue Sterne würden noch immer geboren, während andere verglühten und verlöschten.
Man hat sich auf eine vermeintlich einleuchtende und einfache Erklärung geeinigt, nennt sie die Evolution, oder auf Deutsch «Entwicklung». Es gibt dazu auch zwei praktische Begriffe, die auf den ersten Blick nicht für alle gleich verständlich sind: die Mutation und die Selektion. Mutationen sind zufällige Veränderungen der Erbmasse, der Gene. Selektion bedeutet, dass der Stärkere, der Fittere, der Anpassungsfähigere die Schwächeren überlebt. Nur die Schnellsten können fliehen, nur die Starken können sich wehren und sich fortpflanzen. Dies tönt einleuchtend und fürs Erste mag es genügen.
Religionen geben sich mit diesen Erklärungen nicht zufrieden, sie «glauben» an ein höheres Wesen, das hinter aller Entwicklung steht und alles nach seinem Willen lenkt. Sie glauben, weil das, was sie wahrnehmen, so beeindruckend, so kompliziert und so verwirrend ist, dass ihnen das Wort «Entwicklung» als alleinige Erklärung nicht genügt. Da muss doch mehr sein.
Credo heißt auf Deutsch: Ich glaube. Jeder Mensch hat sein Credo, hat irgendeine Vorstellung von der Welt, vom Leben, von sich selbst. Das gilt überall und war auch immer so. Der Überlebenskampf kann jedoch für einen Menschen oder für ein Volk so hart sein, dass kaum Zeit für ein Nachdenken und damit für Kultur bleibt. Wer arbeiten muss bis zum Umfallen, hat keine Weile, um nachzudenken, und sinkt vor lauter Müdigkeit gleich in den Schlaf. Philosophieren setzt einen gewissen Wohlstand voraus.
Glauben hat mit Nachdenken zu tun, es ist keineswegs ein Defizit des Denkens, es setzt im Gegenteil Denken voraus. Auch wer die Welt und das Leben als eine bloße Verkettung von Zufällen versteht, glaubt an etwas. Er glaubt daran, dass aus purem Zufall Sinnvolles, ja Wunderbares werden kann. Dies ist ein Glaube, der dem Zufall einiges zumutet, indem er davon ausgeht, «dass der Urknall es fertigbrachte, sich selbst, unsere Welt und damit auch uns selbst hervorzubringen». (Zitat aus einer Buchbesprechung über den Urknall)
Wie entstand das erste Atom, wie die erste lebende Zelle? Dazu hätte ein nur zufälliger Knall nicht gereicht. Das benötigte eine unendlich lange Kette vonsinnvollen Zufällen. Von Zufällen? Würde ich, was nur selten vorkommt, die Motorhaube meines Autos öffnen, sein Inneres betrachten und mir dabei überlegen, wie alle Einzelteile zusammenwirken, damit ich bequem von A nach B fahren kann, dann müssten meiner Meinung nach unter meiner Motorhaube viel, ja, sehr viel Denkarbeit, viel Erfahrung und viel Können stecken.
Wenn ich dann, wie kürzlich in einer Fernsehsendung, höre, beim Wüstenfuchs hätten sich die drei Knöchelchen des Innenohres aus zwei Kieferknochen «entwickelt», kann ich nicht umhin, zu überlegen, wie genau das vor sich gegangen sein soll. Was oder wer steuerte diese Entwicklung? Rutschten die beiden Kieferknochen (die rein zufällig vorhanden waren?) einfach langsam nach hinten und verwandelten sich in drei, von ihrer bisherigen Form völlig verschiedene, fürs Innenohr aber dringend benötigte und in ihrem Größenverhältnis absolut präzise kleine Knochen. Das Ohr des Wüstenfuchses funktioniert, dies kann kein Zufall sein, er hört sogar das Krabbeln eines Käfers unter einer dicken Sanddecke, er hört, was wir nicht hören, und dabei ist doch unser Ohr schon kompliziert genug. Ich war von der Sendung fasziniert und fühlte mich in meiner Meinung bestätigt, dass etwas so Sinnvolles nicht nur durch eine Reihe von Zufällen erklärt werden kann.
In einer anderen Sendung über das vorgeburtliche Leben hieß es, der menschliche Embryo entwickle sich nach einem ganz «ausgeklügelten Bauplan». Auch hier die Frage: Wer klügelte denn diesen Bauplan aus? Zufälle sind per definitionem planlos und bestimmt nicht ausgeklügelt.
Solange ich der Evolutionstheorie in großen Zügen folge, wirkt sie logisch und überzeugend. Ich empfinde sie als großen Wurf und der Gedanke an eine Einheit allen Lebens ist wunderbar. Aber je größer mein Staunen, desto mehr tauchen auch Zweifel am bloß Zufälligen auf. Mutation und Selektion können nicht alles erklären. Wer den Spuren des Lebens folgen will, braucht Zeit und Geduld.
Aber ich bin ein moderner Mensch und habe weder viel Zeit noch sehr viel Geduld. Wir moderne Menschen sind von der Zeit Gehetzte und Gejagte. Das, was wir «Bauchgefühl» nennen, kommt dabei zu kurz. Eine Erkenntnis wie die nachfolgend zitierte, kommt nicht von heute auf morgen: «Nichts ist in den Teilen, das nicht ist im Ganzen.Nichts ist im Ganzen, das nicht ist in den Teilen.» (Meister Eckhart 1260–1328) Auch die Intuition ist ein Weg der Erkenntnis und führt zu Einsichten in Sachverhalte, die nicht über eine Reihe von rationalen Entscheidungen ablaufen. Die Intuition ist eine Eingebung, sie stammt aus dem Unbewussten. Aber wie gelangt sie dorthin?
Ich nehme an, dass der Glaube an die Zufälligkeit alles Geschehens in der Welt wohl darum so beliebt und verbreitet ist, weil dieser Glaube kaum mehr von uns verlangt als ein freundliches Kopfnicken. Der Preis dieser Unverbindlichkeit ist, dass er einem auch nichts gibt. Er lässt uns mit unserem Fragen allein. Der Glaube an die Zufälligkeit alles Seienden ist lähmend, wenn man ihn ernst nimmt, man kann dabei leicht in Verzweiflung geraten, weil alles Sehnen und Trachten dann sinnlos erscheinen. Nur erzählt man dies niemandem.
Bei klarem Wetter wölbt sich des Nachts ein Sternenhimmel über uns und fasziniert jedes Mal von neuem. Man kann auf freiem Feld von bloßem Auge die Milchstraße und einzelne Sternbilder erkennen und sogar Sternhaufen ausmachen. Nichts sei schneller als das Licht und diese Lichtgeschwindigkeit sei konstant. Daher muss es manchen Stern geben, den wir zwar sehen können, der aber schon längst erloschen ist. Nur sein Licht, das er ausstrahlte, ist noch immer von weither unterwegs, so dass wir es noch immer sehen können. Dieses Licht, das wir wahrnehmen, ist also schon Jahrtausende unterwegs und noch vorhanden, nur der Stern selbst ist schon längst erloschen und dort, wo er war, ist es in Wirklichkeit finster.
Im Frühjahr beeindruckt mich jedes Jahr, nebst vielem anderem, der gute alte Löwenzahn. Seine Robustheit, seine intensivgelbe Blüte und vor allem seine Fähigkeit, in kurzer Zeit seine zerfransten schmalen Blütenblätter in eine so genannte «Pusteblume» zu verwandeln, zwingen mich, häufig stehen zu bleiben und dieses kleine Wunder näher anzusehen. Überall Löwenzahnblumen, ganze Wiesen voll, und aus allen Blütenblättern entstehen kleine Fallschirme, an denen je ein Same hängt. Sie sind regelmäßig auf dem Blütenboden verteilt, warten dort auf einen Windstoß, der sie loslöst und irgendwohin trägt. Eine in ihrer Wirksamkeit kaum zu überbietende Fortpflanzungsmethode. Es gibt dazu noch Tausende anderer solcher Methoden und man könnte jede zum Patent anmelden, weil jede funktioniert und in ihrer Art einmalig ist.
Öfters bleibe ich im Sommer auch bei einem der Blumengärten stehen, die da und dort unseren Weg säumen. Die Tulpen haben, wie so viele andere Blumen, des Nachts und bei Regen ihre Kelche geschlossen. Was für eine praktische Erfindung zum Schutz der Staubgefäße! Sind die Tulpen von selbst daraufgekommen? Oder die Evolution? Ist also die Evolution intelligent, erfinderisch und voller Fantasie? Oder ist sie nur eine riesige Produktionsfirma, die planlos und andauernd Sinnloses produziert und nur ganz selten einmal einen Treffer landet?
Wie soll ich mir mit Selektion die Tatsache erklären, dass das Schneehuhn, um ein weiteres Beispiel zu nennen, sein Federkleid dreimal jährlich wechselt und sich damit der Farbe seiner Umgebung vollständig anpasst? Wie kam denn das Schneehuhn darauf, dass durch ein weißes Federkleid das Huhn im Schnee für seine Feinde kaum auszumachen ist und es dadurch geschützt wird? Oder wurden einfach alle braunen von Feinden gefressen, bis nur noch ein weißes zufällig überlebte? Aber dieses blieb nicht weiß, sondern es passt sich in der Farbe den Jahreszeiten an. Wie ließ sich diese farbliche Veränderung seiner Federn bewerkstelligen und derart wirkungsvoll an die jahreszeitliche Umgebung anpassen? Wahrhaftig keine Kleinigkeit!
Bestimmt kann sich per Zufall auch einmal etwas für das Überleben der Art Sinnvolles ereignen. Doch die Chance dafür ist nicht sehr groß. Wenn jedoch alle Zufälle meistens danebengehen, bis sie ein einziges Mal, auch dies zufällig, etwas Positives bewirken, dann würde die Natur eine solche Veränderung rasch als unbrauchbar eliminieren. Der Einsiedlerkrebs hatte die Idee, sich in ein leeres Schneckengehäuse zu verkriechen. Eine gute Idee, die ihm sein Überleben sehr erleichterte. Er hatte jetzt ein eigenes Haus, das ihn vor Feinden schützte und das er umhertrug. Seine Hinterbeine benutzte er nicht mehr und daher verkümmerten sie und sind kaum noch vorhanden. Wir kennen das, wer sich nicht bewegt, dem schrumpfen die Muskeln; wer diese jedoch trainiert, der verstärkt sie. Der Einsiedlerkrebs hat jetzt stärkere Vorderbeine, seine Hinterbeine sind nicht mehr brauchbar.
Das Leben ist eine Kette sinnvoller Entwicklungen! Wenn die Evolution intelligent, voller Fantasie und zielgerichtet wirkt, dann wäre sie nur ein Deckname für das, was der Glaubende Gott nennt.
Wir, die wir doch so viel intelligenter und fantasievoller sind als alle anderen Lebewesen, wir beobachten die Natur, um deren Problemlösungen zu kopieren und für uns zu übernehmen. Wie konnte aus lauter Zufällen, allein gesteuert durch die Selektion, eine Perfektion entstehen?
Wir Menschen bestehen aus siebzig Milliarden Zellen, aus unglaublich komplizierten Zellen, jede mit einem Zellkern, in dem der gesamte Bauplan wie in einem Tresor aufbewahrt ist. In jedem Zellkern sind alle Erbinformationen ähnlich einer Strickleiter gespeichert, sie verspinnen sich zu 46 Chromosomen, übernehmen 23 von der Mutter und 23 vom Vater. Und alles ist aus zwei stickstoffhaltigen Basen gebildet, die Verbindungen eingingen und eingehen.
Im Bauplan Mensch liegen in seinem Erbgut zwischen 80 000 und 120 000 Gene, und die kleinste Veränderung eines Gens kann katastrophale Folgen haben. Die Gene setzen sich aus 3,5 Milliarden «Buchstaben» zusammen, die man mithilfe von leistungsfähigen Rechnern Stück für Stück (endlich!) entziffern konnte. Bis man allerdings die Bedeutung aller erhaltenen Daten wirklich erfasst haben wird, wird wohl noch einige Zeit vergehen.
199 Knochen bilden unser «Gestänge», 434 Muskeln halten das Ganze zusammen. Aber jeder Knochen sitzt am richtigen Ort und jeder Muskel auch. Achtzehn Milliarden Nervenzellen bilden unser Gehirn. Bei der Befruchtung gab es am Anfang unserer Existenz nur eine einzige
