Acht Cola, acht Bier! - Mathieu Swoboda - E-Book

Acht Cola, acht Bier! E-Book

Mathieu Swoboda

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Beschreibung

Polizisten erkennt man daran, dass sie sportlich sind, einen Bart haben und sich nie, wirklich niemals bei jemandem für ihr Verhalten entschuldigen. Also die meisten. Swob nicht. Er ist Polizist in Berlin. Als er durch Zufall bei einem Einsatz den Kleinkriminellen Leon trifft und sie Freunde werden, ist es dahin mit dem rechten und ordentlichen Leben. Zusammen hängen sie in ihrer Lieblingskneipe Unterm Schwanz ab, gehen auf Demos, erfinden spannende neue Kaffeemischgetränke, werden Reality-TV-Stars oder klauen auch mal die Badesachen eines älteren Badeseegastes in Brandenburg. Doch über allem schwebt das Verfahren, das Swob dank Leon wegen Strafvereitelung im Amt droht. 50 lustige Kurzgeschichten über Freundschaft, Kameradenschweine und den Großstadtpolizeialltag.

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EPUB

Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über den Autor:

Mathieu Swoboda wurde 1990 in Osnabrück geboren und war von da an viel in der Welt unterwegs. Über Neuseeland, Gütersloh und Konstanz gelangte er nach Oldenburg, wo er nach drei Semestern sein Architekturstudium abgebrochen hat, um seiner Schwester zur Polizei nach Berlin zu folgen. Dort hat er seine Ausbildung gemacht und sich fortan für die Einführung einer Schweine- neben der regulären Hundestaffel eingesetzt. Und weil er bemerkt hat, dass der Polizeialltag viel lustigere Situationen bereithält, als das falsche Bild von Polizisten in Krimis es uns glauben lässt, hat er angefangen, Storys zu schreiben.

Über das Buch:

Polizisten erkennt man daran, dass sie sportlich sind, einen Bart haben und sich nie, wirklich niemals bei jemandem für ihr Verhalten entschuldigen. Also die meisten. Swob nicht. Er ist Polizist in Berlin. Als er durch Zufall bei einem Einsatz den Kleinkriminellen Leon trifft und sie Freunde werden, ist es dahin mit dem rechten und ordentlichen Leben. Zusammen hängen sie in ihrer Lieblingskneipe Unterm Schwanz ab, gehen auf Demos, erfinden spannende neue Kaffeemischgetränke, werden Reality-TV-Stars oder klauen auch mal die Badesachen eines älteren Badeseegastes in Brandenburg. Doch über allem schwebt das Verfahren, das Swob dank Leon wegen Strafvereitelung im Amt droht.

Mathieu Swoboda

Acht Cola, acht Bier

Kurzgeschichten

edition.subkultur.de

MATHIEU SWOBODA: „Acht Cola, acht Bier“

1. Auflage, August 2021, Edition Subkultur Berlin

© 2021 Periplaneta - Verlag und Medien / Edition Subkultur

Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin

subkultur.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Lektorat: Laura Alt Cover: AKU (akupower.de)

Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-948949-12-9

epub ISBN: 978-3-948949-13-6

Vorwort

Mein Name ist Mathieu Swoboda und Leon hat mich gezwungen, das hier zu schreiben. Damit jeder gleich weiß, mit wem man es zu tun hat, und damit man eine Chance hat, dieses Buch (von einem Polizisten) gleich wieder wegzulegen.

Ich wurde am 22.02.1990 n. Chr. in Osnabrück geboren, lebte mal in Hannover, mal in Neuseeland, mal in Konstanz, bis ich nun im kleinen, aber idyllischen Berlin gelandet bin. Wer es nicht kennt: Es ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Hier bin ich dann ab dem 01.03.2016 zur Polizei gegangen. Nicht als Zeuge oder gar als Beschuldigter. Nein, es hatte karrieretechnische Gründe. Leon meint zwar, es hätte mir besser gestanden, wenn ich mein Architekturstudium abgeschlossen hätte. Außerdem würden mich dann nicht alle hassen, denn es sei ja gemeinhin bekannt, dass wirklich niemand Polizisten mag. Aber was weiß Leon schon?

Am 30.09.2018 habe ich die Ausbildung im mittleren Dienst abgeschlossen. Die „Polizei Berlin“ hat sich tatsächlich dazu entschieden, mich auf die Menschheit loszulassen. Auch wenn ich illegales Verhalten natürlich nicht gutheiße, geschehen in meinem Berufsalltag sehr viele witzige und ironische (oder sarkastische?) Dinge, die mir hin und wieder ein Grinsen abverlangen. Einige Geschichten sind wirklich passiert, nicht immer mir, aber Leon meint, dass alle Künstler sich hier und da etwas Inspiration holen dürfen. Anderes wiederum wäre witzig gewesen, wenn es sich nicht nur in meinem Kopf abgespielt hätte. Um diese Dinge nicht zu vergessen, habe ich sie aufgeschrieben. Dabei ist Folgendes herausgekommen.

Sind Sie da draußen, um eine Katze zu retten?

Ich lasse Sie nicht los, wenn Sie nicht loslassen!“ Ich denke kurz darüber nach, was ich gesagt habe, und komme zum Ergebnis, dass es nicht die beste Wortwahl war. Wenn man bedenkt, dass er springen will. … Mist.

Schweißbäche rinnen meinen Arm hinunter. Ich hänge gebeugt über der Fensterbank des offenen Fensters. Ein Mann mit braunen kurzen Haaren, gepflegt aussehendem Bart und einem gut sitzenden schwarzen Anzug guckt provokant lächelnd zu mir hoch, während er an meinem Arm hängt. Er steht auf einem schmalen Vorsprung des Mehrfamilienhauses, der sich keine zwei Meter unterhalb des Fensters, aber immer noch im achten Stockwerk befindet.

„Heißt das, dass Sie loslassen würden, wenn ich loslasse?“

Sein Griff, der sich fest an meinen Arm geklammert hat, lockert sich ein wenig. Mist. Panik macht sich in mir breit. Ich bin gerade aus der Ausbildung raus und das Erste, was ich machen muss, ist es, einen Lebensmüden zu retten. Nach 40 Sekunden rufe ich schlagfertig: „Lassen Sie nicht los, ich lasse auch nicht los!“ Zufrieden damit huscht mir ein Lächeln über mein Gesicht. Irgendwie erinnert mich die Situation an die Szene im Film „Catwoman“, in der der mutige Polizist die scheinbar lebensmüde Frau rettet, die eigentlich nur einer Katze helfen will. „Sind Sie da draußen, um eine Katze zu retten?“

Kopfschütteln. Vermutlich fragt der Suizidgefährdete sich gerade, was mit seinem Gegenüber nicht stimmt. Langsam wird es anstrengend. Ich bin nicht in der körperlichen Verfassung, jemanden an einem Arm hochzuziehen, der bestimmt 80 Kilo wiegt. Obwohl ich es als Polizist vielleicht sein sollte. Ich habe noch einen zweiten Arm, aber damit halte ich mich am Fensterrahmen fest. Ich sehe die Bild-Schlagzeile morgen früh schon vor mir: „Polizist fällt an erstem Arbeitstag aus dem Fenster.“

Wo bleibt eigentlich mein Kollege? Wir sind doch gleichzeitig aus dem Funkwagen gestiegen und in das Mehrfamilienhaus gelaufen. Und wo bleibt die BF? Angestrengt werfe ich einen Blick auf die offene Wohnungstür.

„Haben Sie was gesagt?“, fragt der Mann unter mir.

Mit verkrampftem Gesichtsausdruck gucke ich hinunter auf die Straße. Die Menschenmasse dort wird immer dichter. Nur ein Mann scheint so etwas schon häufig genug gesehen zu haben. Er dreht sich um und entfernt sich von den anderen Schaulustigen.

„Ich habe gefragt, wie Sie heißen?“, improvisiere ich. In Filmen versuchen Polizisten immer, das lebensmüde Gegenüber durch Smalltalk von seinem Vorhaben abzuhalten. Aber Filme sind nun mal Filme.

„Ich heiße Leon“, erzählt er mir mit ruhiger Stimme.

„Bleiben Sie ganz ruhig, Leon! Bleiben Sie ganz ruhig!“, rufe ich ihm nun panisch zu. „Gleich holen wir Sie wieder rein!“

Leon guckt schelmisch grinsend zu mir hoch. „Und was ist, wenn ich nicht hochwill?“ Habe ich das im Unterricht etwa verpasst? Was mache ich denn jetzt? „Wie heißen Sie denn?“, fragt er mit der gleichen ruhigen Stimme, die sich für jemanden, der das Leben satthat, nicht gehört.

„Mein Name ist Swoboda! S-W-O-B-O-D-A!“, brülle ich ihn an.

„Okay, Herr Swoboda. Swob“, Leon fährt mit der freien, flachen Hand durch die Luft, „Swobinator …“ Er macht eine kurze Pause. „Bleiben Sie ruhig! Sie sind schließlich Polizist! Verhalten Sie sich gefälligst auch so.“

„Bleiben Sie ganz ruhig, gleich holen wir Sie wieder rein!“ Ich atme einmal durch. Die Menschenmasse auf der Fahrbahn wird immer dichter. Sie hat inzwischen einen makabren Eventcharakter. Ein paar Grillwalker gehen durch die dicht an dicht stehenden Leute und werben mit lauten Rufen für köstliche Bratwürstchen mit Weißbrot zu einem günstigen Preis. Mobile Bierverkäufer, die ich sonst nur vom Olympiastadion kenne, quetschen sich mit schmalen Bierfässern auf ihren Rücken durch die Menge und Popkornverkäufer bieten den Leuten, die auf ihren mitgebrachten Campingstühlen sitzen, frisches hausgemachtes und karamellisiertes Popcorn an.

„Swob.“ Eine vollschlanke, uniformierte Person betritt schweratmend den Raum. „Da biste ja! Kann ja net jeder so schnell die Treppen hochlaufen wie du!“

Ich wende meinen Kopf zu meinem Kollegen um. „Was hat …“, ich korrigiere meine Lautstärke. „Was hat denn so lange gedauert?“

„Icke habe noch nach ’nem Fahrstuhl jesucht. Wussteste, dass es hier keenen Fahrstuhl jibt?“

„Sonst hätte ich ja nicht die Treppen genommen.“

„Musst ja net gleich so ausfallend werden. Soll ick dir helfen?“

„Nee“, sage ich, „wir machen uns hier zu zweit einen schönen Tag. Der Pizzalieferant kommt auch gleich.“

„Hat jemand Pizza gesagt?“, fragt Leon von draußen. „Ich hätte gerne eine Pizza Hawaii. Mit extra Schinken.“

Mein Kollege macht ein paar Schritte auf das Fenster zu und guckt heraus. „Wie jeht es Ihnen?“

„Ach, die Sonne scheint und wir machen uns zu zweit einen schönen Tag. Und wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Verzichten Sie besser auf die Pizza.“

Ich stoße einen leisen Lacher aus.

„Ach, eehn Witzbold! Die ham wa immer jerne.“

Ich bewege mich etwas zur Seite, ohne Leons Arm loszulassen.

„Könn se mir Ihren Arm reichen?“, fragt mein Kollege und hält seine Hand herunter in Leons Richtung. Ohne Widerspruch hebt Leon seinen Arm und greift nach dem meines Kollegen. „Bei drei ziehen wa ihn hoch.“ Ich nicke meinem Passmann zustimmend zu. „Eins … zwei …“ Plötzlich beginnt er zu ziehen. Überrascht davon, dass mein Kollege anscheinend nicht zählen kann, versuche ich, Leons Arm auf meiner Seite ebenso hochzuziehen. Ups, das sah schmerzhaft aus. Leon ist ruckzuck durch den Fensterrahmen und landet wie ein Fisch an Land mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden der Wohnung.

„Geht es Ihnen gut, Leon?“

„So gut es jemandem gehen kann, der gerade dem Tod ins Auge geblickt hat. Aber nach der Pizza wird alles gegessen sein.“

Erleichtert atme ich auf. „Und was machen wir jetzt mit ihm?“, frage ich leise meinen Kollegen, während Leon sich den Staub von der Anzughose klopft.

„Icke würde vorschlagen, dass wa ihn erst nach dem PsychKG ’nem Arzt vorstellen. Dort soll sich ihn mal eener ankieken.“

Ich nicke zustimmend. Wir begleiten Leon die Treppe herunter zum Funkwagen – ich vorweg und mein Kollege hinter ihm. Fast im ersten Stockwerk angekommen, drehe ich mich halb zu Leon um. „Sagen Sie mal, Sie wollten nicht wirklich aus dem achten Stock springen, oder?“

Er schaut mir direkt ins Gesicht. Mit einem kurzen „Nee“ versucht er, meine Frage zu beantworten.

„Aber warum haben Sie sich dann in so eine Gefahr begeben? Es hätte doch etwas passieren können.“

Leon fängt an zu grinsen: „Ich wollte eine Katze retten.“

Zusammen verlassen wir das Haus. Die ersten Camper zücken ihre Smartphones und nehmen das Event mit Kopfschütteln auf. Einige zünden ihre Fackeln an und holen die Mistgabeln heraus. Andere basteln Papierflieger mit ihrer Nummer drauf und lassen sie sanft in Leons Richtung fliegen. Wir setzen Leon in den Funkwagen hinter den Beifahrersitz und ich nehme hinter dem Fahrersitz Platz. Wir schnallen Leon gemeinsam an, indem mein Kollege mir den Gurt gibt und ich ihn im Gurtschloss einrasten lasse. Dann entfernt er sich ein paar Schritte von uns.

„Wo gehst du hin?“, frage ich.

„Das ständige Jerede von Essen und Pizza …“, erklärt mein Kollege. „Ick koof mir noch eben ’ne köstliche Bratwurst mit Weißbrot zu einem günstigen Preis.“

Einkaufen

Ich habe Feierabend und bin uniformiert auf dem Weg nach Hause. Vorher muss ich aber noch einen Abstecher zum Supermarkt machen. In meinem Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Es ist eisglatt und kalt. So kalt, dass ich meine Strickjacke unter die normale Uniformjacke angezogen habe. Daher bin ich froh, als ich den Supermarkt betrete. Der Markt muss gerade erst geöffnet haben. Es sind kaum Kunden vor Ort und einige Mitarbeiter füllen noch Regale auf. Ich schlendere durch den ersten Gang. Links befinden sich erst überwiegend Schokoprodukte und dann das Gemüse und das Obst, rechts Molke- und Wurstprodukte. Während ich in Gedanken mein Frühstück auswähle, fällt mir ein Mann ins Auge. Er steht vor dem Schokoladenregal und hat einen großen Rucksack über seiner rechten Schulter. Vorsichtig blickt er sich einmal um, dann nimmt er drei Packungen Ferrero Rocher und drei Packungen Kinder Bueno und legt sie in den Rucksack. Danach geht er weiter. Ich denke mir nichts dabei, nehme mir stattdessen eine Rolle Zwiebelmett und packe zwei Brötchen in eine Papiertüte. Dazu einen abgepackten Eiscappuccino. Dann gehe ich in Richtung Kasse. Bei den in Tetrapacks eingetüteten Getränken steht wieder der Mann von vorhin. Er trägt eine schwarze Mütze, einen schwarzen Mantel, eine schwarze Anzughose und schwarze Anzugschuhe. Er nimmt sich zwei Robby Bubble, stellt sie senkrecht in seine nun übervolle Tasche und zieht das Band zu. Dann geht auch er, vor mir, in Richtung der Kassen. Wir bleiben an einer leeren Kasse ohne Kassierer stehen.

„Kann man mal machen“, versuche ich, ein Gespräch mit dem Mann anzufangen. „Einfach den Supermarkt öffnen und dann frühstücken gehen, sodass niemand an der Kasse ist.“

Doch der Mann mit dem Rucksack macht keine Anstalten, mir zu antworten, geschweige denn an der Kasse zu warten. Ohne sich umzublicken, läuft er gemütlich an der Kasse vorbei und biegt dann nach links in Richtung Ausgang ab. Der wird doch wohl nicht etwa …

„Polizei Berlin, schönen guten Morgen. Bleiben Sie mal bitte stehen!“

Doch der Mann mit dem Rucksack bleibt nicht stehen, er rennt los. Warum müssen die immer weglaufen? Mit weinendem Auge blicke ich auf mein Fastfrühstück, lege es aufs Kassenband und laufe dann hinterher. Die Glastür mit Lichtschranke ist noch offen. Mit vollem Tempo laufe ich raus. Mit vollem Tempo rutsche ich aus. Mit vollem Tempo knalle ich hin und bekomme Applaus von nun heraneilenden Kunden, die vermutlich noch nie einen Polizisten am Boden gesehen haben.

Pflichtbewusst halte ich nach dem Dieb Ausschau, während ich mir den Hinterkopf reibe, und schiebe ein lautes „Bleiben Sie stehen!“ hinterher. Wie kann der mit den Anzugschuhen nur so schnell laufen, ohne sich was zu tun? Ich raffe mich auf und laufe ihm langsamer nach. „Polizei! Stehen bleiben!“ Etwa 500 Meter verfolge ich ihn geradeaus. Dann biegt der Unbekannte nach rechts in eine Gasse zwischen zwei Häusern ein. Ich tue es ihm gleich. Einen Meter vor ihm befindet sich eine circa zwei Meter hohe Mauer. „Jetzt habe ich dich“, denke ich. Vielleicht habe ich doch mehr mit diesen erfolgreichen Polizisten aus Hollywoodfilmen gemeinsam, als ich dachte.

Doch statt sich brav festnehmen zu lassen, klettert der Frechdachs kurzerhand die Mauer empor und lässt sich auf der anderen Seite wieder fallen. Trotz mit Lebensmitteln vollgepacktem Rucksack. Ich laufe auf die Mauer zu, mache einen Schritt dagegen, ziehe mich auf die Mauer und lasse mich ebenfalls auf die andere Seite fallen. Dort kann ich gerade noch sehen, wie ein Bein hinter einer Ecke verschwindet. „Jetzt …“, hechle ich, „jetzt … bleiben… Sie doch … bitte … stehen.“ Total erschöpft schleppe ich mich zu der Ecke, wo der Flüchtige gerade noch zu sehen war. Dann bleibe ich stehen und evaluiere die Situation.

30 Meter vor mir steht der Mann vor einer sehr heruntergekommenen Gartenlaube, welche an die Holzhütte der armen Familie aus „Charly und die Schokoladenfabrik“ erinnert. Am morsch aussehenden Holzzaun weht traurig ein einzelner roter Luftballon im kühlen Wind und darunter hängt ein kleines, selbst bemaltes Plakat mit der Aufschrift „Happy Birthday Timi“.

Der Flüchtige betritt die quietschende Veranda, klopft an die graue Holztür und geht wieder einen Schritt zurück. Dann nimmt er seine Mütze vom Kopf, steckt sie sich in seine linke Manteltasche und hält den Rucksack mit beiden Händen hinter seinem Rücken. Er blickt sich kurz um und ich denke, mich trifft der Schlag. Der Mann, der Flüchtige … das ist der Springer von letztens. Der Dieb ist Leon.

Ich will meinen Weg zu ihm gerade fortsetzen, um ihn zur Rede zu stellen, überlege mir schon, wie ich den Tatvorwurf formuliere, da öffnet sich die Haustür und ich bleibe erneut stehen. Eine dünne Frau mit einem schmutzigen, aber hübschen Kleid öffnet die Tür. Leon holt den Rucksack hinter seinem Rücken hervor und gibt ihn der Frau. Weinend sackt sie zu Boden. Dann kommt ein kleiner Junge mit einem Gips am linken Bein heraus. Mit kleinen Schritten und den Stützen humpelt er langsam auf Leon zu. Trotzdem strahlt er übers ganze Gesicht. „Leeeon!“, ruft er so laut und freudig, dass selbst ich es aus der Entfernung verstehen kann. Dieser bückt sich und nimmt die herzzerreißende Umarmung entgegen. Was passiert hier gerade? Dann löst sich der Junge von Leon und humpelt zurück ins Haus. Leon geht einen Schritt auf die Frau zu, die noch immer mit dem Rucksack am Boden hockt, hilft ihr auf und sie gehen gemeinsam rein. Er dreht sich noch ein letztes Mal um und für eine unendliche Sekunde treffen sich unsere Blicke. Dann geht die Tür zu.

Flachbildfernseher

Ich zappe mich durch die Fernsehkanäle, während ich an meinem halb leeren Bier nuckle und die herrliche Einsamkeit genieße. Auf einigen Sendern laufen Nachrichten, auf anderen Wiederholungen von Krimis, die im Laufe des Tages schon einmal ausgestrahlt wurden, auf wieder anderen schlecht gedrehte Erotik-Kurzfilme.

Beim einhundertersten Sender bleibe ich hängen. „Ich heiße Dexter Morgen und ich bin Forensiker, spezialisiert auf die Analyse von Blutspritzern. Ich arbeite für die Polizei von Miami.“ Es ist eine der ersten Folgen der Staffel. Dexter hat gerade einen Raum mit Folie ausgelegt und Fotos von den Opfern des Mörders aufgehängt, da klingelt es an meiner Wohnungstür.

Ich schrecke auf. Dann quäle ich mich von der Couch, gehe zur Wohnungstür und hebe das Türtelefon ab. „Hallo?“, frage ich in die Sprechmuschel.

Es knackt. „Äh, ja, hallo. Ich habe ein Paket für Sie.“

Ich drücke den Haustüröffner und höre ein Summen durch das Türtelefon. Dann öffne ich die Wohnungstür. „Endlich ist es angekommen“, denke ich. „Ich warte bestimmt schon …“ Ich versuche zurückzurechnen, wann ich das letzte Mal etwas bestellt habe. Entweder der Flachbildfernseher aus China ist nach über sechs Monaten doch noch angekommen oder ich soll wieder etwas für meinen Nachbarn annehmen. Ich warte eine Weile an der offenen Wohnungstür. Vergebens. Dann ziehe ich mir eine Jeans und Schuhe an. Wehe dem Lieferanten, wenn er meinen Fernseher nur im Erdgeschoss hingestellt und ihn dann unbeaufsichtigt im Flur stehen gelassen hat.

Wütend verlasse ich meine Wohnung und nehme zwei Treppenstufen auf einmal, bis ich im Erdgeschoss ankomme. Dort blicke ich enttäuscht auf die einsame, offenstehende Tür. Ich mache einen Schritt nach draußen und blicke mich um. Nichts und niemand zu sehen. Kein Pappkarton mit Fernseher und kein Lieferant, der mir sagt, dass ein Produkt aus China vom Zoll abgefangen wurde.

Ich will gerade wieder rückwärts zurück in den Hauseingang gehen, da stoße ich auf einen semi-harten Widerstand. Langsam drehe ich mich um und erblicke Leon. „Ahh!“, schreie ich.

„Ahh!“, schreit Leon und weicht einen Schritt zurück.

„Was machst du denn hier?“, flüstere ich.

„Das könnte ich dich auch fragen.“ Leon verschränkt seine Arme vor der Brust.

„Ich wohne hier!“

Leon überlegt kurz. „Okay, das ergibt Sinn.“

„Also?“, frage ich.

„Ich wollte dich auf ein Bier einladen“, antwortet Leon, „weil du mich mit dem Einkauf hast davonkommen lassen. Ich kenne da eine gute Bar. Die hat rund um die Uhr auf.“

Polizisten sind immer auf ihre Eigensicherung aus. Allem, was ihnen verdächtig vorkommt, begegnen sie mit Vorsicht und Misstrauen. Sie vertrauen nur ihren Kollegen, Freunden und Verwandten. Wenn ein fremder, kleptomanischer, suizidgefährdeter Möchtegern-Robin-Hood sie auf ein Bier einlädt, haben ihre Alarmglocken zu läuten. Sie haben ruhig, aber bestimmt abzulehnen. Es ist allerhöchste Vorsicht geboten.

„Warte“, sage ich, „ich hole noch eben meine Jacke.“

Unterm Schwanz

„Die Polizei ist von Natur anständig, bloß sie verkehren zu oft in schlechter Gesellschaft.“ – Bruno Ziegler

Die Bar, die Leon so angepriesen hat, ist nur ein paar U-Bahnstationen entfernt von meiner Wohnung und gehört einem Freund von Leon. Sie heißt „Unterm Schwanz“. Ein sehr irreführender Name, wie ich finde.

Wir betreten die Location und setzen uns an einen freien Tisch. Ein paar Leute stehen an einem Münz-Billardtisch und spielen Pool, ein lockiger Mann spielt Schach mit sich selbst. Andere sitzen an ihren Tischen und starren auf einen Flachbildschirm aus China. Er zeigt die Wiederholung einer Reality-TV-Polizeisendung.

„Du nimmst doch auch ein Bier, oder?“, fragt Leon. „Dwin, zwei Bier bitte.“

Der kleine, dickliche Barkeeper zeigt mit einer Geste, dass er die Bestellung verstanden hat.

„Also“, frage ich, „warum genau noch mal sind wir hier?“