Acker auf den Schuhen - Peggy Wolf - E-Book

Acker auf den Schuhen E-Book

Peggy Wolf

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Beschreibung

Als das ganze Dorf zusammenkommt, um der Beerdigung der ältesten Tochter der Familie Schütter beizuwohnen, spricht keiner über die Vermutungen, die Gerüchte, die Mutmaßungen, wie Susann ums Leben gekommen ist. Weder die mittlere Schwester Betty noch die jüngste Anne, erst recht nicht die Eltern, die stets darum bemüht sind, den Erwartungen dieser streng katholischen Gegend nachzukommen und um jeden Preis alles unter den Teppich zu kehren, was sie in irgendeiner Weise von der Normalität dieser ländlichen Gemeinde abweichen lassen könnte. So war es immer, so ist es auch heute, so wird es immer sein. In Acker auf den Schuhen erzählt die Hamburger Autorin Peggy Wolf eine kraftvolle und beengende Geschichte von der Macht gesellschaftlicher Zwänge und kirchlicher Moralvorstellungen.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Alle Charaktere, Schauplätze und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.

© Querverlag GmbH, Berlin 2014

Erste Auflage September 2014

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Fotografie von Angelika Fuß.

ISBN 978-3-89656-565-5

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Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Für Barbara

Als der Sarg ankam, fuhr Waltraud zum Bestatter. Dort sah sie ihr Kind an, wie es in weißen Rüschen lag, und fand keine Worte. Sie drückte Susanns Hand und fuhr nach Hause. Bis es dunkelte, arbeitete sie im Garten und wurde nicht müde. Dann lag sie bis zum Morgengrauen im Bett, starrte auf die Tapete, schließlich ging sie in die Küche, setzte sich zu einer Kerze an den Tisch und wartete auf den Tag.

Die Gebinde wollte sie am Nachmittag abholen. Bis zur Aufbahrung, so schien es Waltraud, gab es eine Unmenge zu erledigen.

Der Pfarrer war das größte Problem. Ihm musste gesagt werden, dass sich Susann in Norwegen am Torbalken ihrer Hütte erhängt hatte, wenn er das nicht längst von der Dorfzeitung wusste, der Bäckersfrau Gerlinde Kettel. Vor der war niemand sicher. Waltraud überlegte, ob sie Hochwürden beibringen müsste, was ihr Kind zu dieser Tat getrieben haben könnte. Dann entschloss sie sich zu sagen, was sie für nötig hielt, und Fragen zu ignorieren. Der Pfarrer war ein taktvoller Mann.

Aus ihrer Handta­sche suchte sie den Brief heraus, eine Kopie dessen, was ihre Älteste zum Abschied geschrieben hatte. Sie sah auf Susanns Buchsta­ben, die sich zwischen blaue Linien drückten, hin und wieder darauf ausglitten und abrutschten.

Von dem Papier ging etwas aus, das war Waltraud unheimlich. Deshalb steckte sie es schnell zurück in die Tasche.

Am Mittag würde Waltrauds jüngste Tochter Anne ankommen, morgen Abend ihre Zweitgeborene. Sie hatte sich darum bemüht, keines ihrer Kinder zu bevorzugen. Aber zugeben musste sie: Betty war ihr liebstes Kind gewe­sen. Für Betty war es kein Ertragen, die Gebote des Elternhauses zu achten, ja, sie in die eigene Familie zu übernehmen. Susann war, was das anging, fernab von Gut und Böse durchs Leben gesegelt, und Anne hatte aufbe­gehrt, seit sie ihren ersten Schrei getan hatte, lebte in wilder Ehe, nannte ihren Mann ihren Freund. Immerhin, so dachte Waltraud Schütter, hatte Anne zwei Kinder zur Welt gebracht, die gesund waren und gescheit. Die trugen den Namen Schütter in die nächste Generation. Frau Schütter wusste, erst Kinder machen aus Mädchen Frauen. Eine Familie war mit einem geeigneten Ehemann und der Unterschrift auf der Urkunde gültig und untrennbar für immer mit Gottes Segen. Ihr Leben war über siebzig Jahre lang derart aufgeräumt dahingeflossen. Und so musste ein Leben sein. So hatte sie es von ihrer Mutter übernommen und diese von ihrer. So war es seit Frauengedenken. Waltraud Schütter hoffte, dass ihr jüngstes Kind Anne endlich zur Vernunft käme.

Vor dem Schrank häufte Waltraud T-Shirts und Blusen auf dem Boden, die Susann bei ihren seltenen Besuchen vergessen hatte. Sie rochen nach dem Parfum, über das Magdalena Hempel, die Nachbarin links nebenan, gesagt hatte, es rieche frisch wie ein Morgen im Mai, verwunschen wie ein Waldsee im Nebel und frech wie ein Schauer im Juli, aber auch ein wenig beklemmend, als läge sie des Nachts im Bett, darauf wartend, bald etwas Fürchterliches zu erfahren.

Magda und ihre Ausbrüche, dachte Waltraud. Das hatte sie mit Susann gemein. Frau Schütter schätzte Magda als Helferin bei der Kirchenarbeit, bei der Küchenarbeit und bei der Arbeit an und mit den Kindern. Ein wenig neidisch war Waltraud auf die Nachbarsfrau. Deren zwei Söhne waren verheiratet, hatten geradezu liebrei­zende Töchter. Sie lebten in der Stadt, versorgten ihre Eltern. Dass ihre eigenen Töchter bis auf Betty aus der Art geschlagen waren, beschämte Waltraud. Magda Hempel hatte ihr aber immer zu verstehen gegeben, sie hätte keine Vorbe­halte, und das war Waltraud ein Rätsel. Magda hatte Susann sogar besonders gern gehabt.

Waltraud sammelte Susanns Sachen in einer Plastiktüte. Sie wusste, das könnte zu früh sein, aber sie sollten aus dem Haus in die Scheune. Wegschmeißen konnte sie sie nicht; im Schrank liegen sehen konnte sie sie auch nicht. Sie stopfte ein lila T-Shirt in den Beutel. Der Stoff war weich und warm von der Sonne, die durchs Fenster schien.

Waltrauds Herz stolperte. Sie hatte das letzte Hemd weggepackt, da klingelte das Telefon. Waltraud nahm den Müllbeutel, band ihn mit einer Kordel zusammen, die von einem Kleid stammte, das sie seit Jahren nicht mehr trug, umfasste den Sack und ging in den Flur, stellte ihn ab und hielt ihn fest, damit er nicht umfiel. Mit der anderen Hand hob sie den Hörer auf und hing zwischen zwei Polen.

Das war der fünfzehnte Anruf. Die Stimme, es war die alte Hausmann vom Hof schräg gegenüber, sagte, sie erinnere sich an Susann, wie sie den ganzen Kirschbaum leer gegessen hatte, um die Stare zu foppen, und danach drei Tage lang Durchfall hatte.

Einzig Susann konnte auf eine solche Idee kommen. Jetzt meinte die Hausmann, es ist doch seltsam, wie die Erinnerung mit einem spielt: Wie Susann zum Pfarrer gesagt hatte, er wäre wie ein Kohlkopf für die Suppe gut. Die Hausmann kicherte. Hatte Susann das wirklich getan? Elli Hausmann wusste noch haargenau, was der Pfarrer geantwortet hatte, lächelnd und Susann allen Wind aus den Segeln nehmend. Waltraud seufzte über den Jähzorn ihrer Tochter, bedankte sich bei Elli Hausmann und legte schnell auf.

Waltraud fiel das Kleid ein, das sie bei der Aufbahrung anziehen würde. Zum letzten Mal hatte sie es vor einem halben Jahr bei der Beerdigung des Kirchenchorleiters Alfons Bäumler getragen, der an Lungenkrebs gestorben war.

Das war noch so ein seltsamer Fall. Nie hatte er einen Schluck über den Durst getrunken. Nie hatte er geraucht. Jahr um Jahr war er morgens durchs Dorf gejoggt.

Susann hatte mal gesagt: „Joggen bedeutete mal schlurfen oder sich fortschleppen. Putzige Wandlung eines Wortes.“ Ganz und gar nicht wie das aufrechte Spurten, das der Chorleiter entlang der Wiesen und Felder zeigte.

Alfons Bäumler war im Dorf aufgewachsen, lebte aber, seit er das Postamt leitete, in einer Etagenwohnung in der Stadt. Einen Vater hatte es für ihn nie gegeben; seine Mutter besuchte er an jedem Wochenende im Dorf, und nach ihrem Tod war er in ihr Haus gezogen, wo er allein lebte.

Waltraud wollte nicht auf das Gerede unter den Frauen im Chor hören. Alfons wirkte verloren, tapfer und vor allem diszipliniert. Die Einsamkeit, die an ihm klebte, hatte Waltraud dazu bewogen, ihn zu verhätscheln, und er nahm ihre Geschenke dankbar an, vor allem, weil Waltraud sie nicht mit Avancen verband. Ein Mann wie Alfons Bäumler musste sich davon erdrückt, erniedrigt, bedrängt fühlen. Das hatte Waltraud schnell erkannt. Ihr Urteil lautete: Alfons gehörte zu den Männern, die einzig ihre Mutter lieben wollten. Sie seufzte. Hätte es in ihrem Leben einen anderen gegeben, Alfons Bäumler wäre es gewesen!

Sie schleifte den Plastiksack zum Treppengeländer und ging zu ihrem Schrank. Hermanns Anzug müsste passen. Ihr Mann hatte nicht zugenommen. Er nahm eher ab, was Waltraud beschäftigte. Der Arzt sagte wieder und wieder, es gäbe keinen Anlass zur Sorge. Sie griff nach einem der weißen Hemden und guckte sich den Kragen an. Durchgescheuert! Hermanns Bart wurde kratziger, je schwächer sein Körper wurde. Auch das beschäftigte Waltraud, doch dazu schwieg der Arzt. Sie fand ein Hemd, das er anziehen konnte, und griff nach dem schwarzen Kleid, das sie anziehen würde. Sie trug es zum Fenster. Es hatte keine Löcher, Flecken oder abgewetzte Stellen. Es war einige Jahre alt, mehrfach geändert worden, doch das sah ihm niemand an. Sie zog es über. Es passte. Es saß. Zufrieden darüber drehte sich Waltraud vor ihrem Spiegel. Der Reißverschluss würde sich schließen lassen, und sie würde atmen können. Sie drückte ihre schweren Brüste in den Stoff. Sie würde einen anderen BH tragen müssen, dieser wollte nicht hinter die Säume, lugte aus dem Dekolleté. Sie zog das Kleid aus, hängte es über den Bügel und zog wieder Rock und Bluse an, die sie gewöhnlich im Haus trug. Plötzlich erschrak sie: Bald schon würde Susann begraben.

Der Gedanke umschwebte sie, bedrängte sie, drückte ihr auf die Kehle. Sie riss das Fenster auf, riss den Mund auf, atmete. Wie irre starrte sie auf ein paar Fliegen, die mit den Köpfen ans Fenster prallten. Das beruhigte Waltraud. Die Fliegenflügelchen arbeiteten auf Hochtouren, ihre Kraft war wie die von Düsenjägern. Waltraud Schütter erschlug drei von ihnen mit der Klatsche. Eine entkam in den Himmel, das Dorf, das in Sonne ersoffen da lag. Die Kadaver sammelte Waltraud in der Hand, warf sie hinaus, schloss das Fenster und ging in den Flur.

Im Haus war es still. Die Ruhe sprang sie an und zog in die Herzkammern. Sie fühlte es ganz deutlich hinter den Rippenbögen. Das war eine seltsame Pause, und dann wurde ihr das Herz so schwer wie der Gemarkungsstein ihres Grundstücks, ein aus Granit gehauener Block, der sich der Straße zuneigte, die in die Stadt führte. Wie glücklich war sie, als die Kapellenglocke sie erlöste. Die Ehefrau ermahn­te sich. Es war Zeit, Hermann etwas Warmes auf den Tisch zu stellen.

Es war Mai. Die letzten Blüten der Apfelbäume strebten ins Universum, darauf wartend, noch bestäubt und befruchtet zu werden. Äpfel liebte Waltraud. Dieser Duft. Die mehlige Säure. Sie ging in die Küche, in ihr Reich, in die Zentrale des Hauses. Dort wurde gefeiert, beglückwünscht, geredet, geurteilt, gezankt oder getrauert, wie jetzt. Oberschränke, Unterschränke, Besenschränke und der Kühlschrank, der Herd und die Kochmaschine waren mit den Jahren grau geworden, so wie Waltraud. Ihr Körper hatte sich gegen die Ecken und Kanten dieser Möbel ausgepolstert. Es brodelte, sprudelte, rauschte in ihren Töpfen. Immer hackte, schlug, knetete sie, und immer schwitzte sie.

Die Welt vor den Türen des Hauses, in dem sie aufgewachsen war, interessierte sie wenig. Seit der Eingemeindung mied das Dorf den Acker auf den Schuhen. Das war ihr aufgefallen, und sie beklagte zuweilen das städtische Gehabe. Der Behördenapparat verlangte nach Anträgen, ließ auf Be­scheide aber warten. Frau Schütter verstand sich zuerst schlecht auf die Papiere, aber irgendwann erkannte sie Vorteile.

Sie führte die Kneipe im Dorf, die sie von ihrer Familie geerbt hatte. Bestellen, berechnen, kochen, servieren, ausschenken, putzen, das machte sie, seit sie zehn Jahre alt war.

Von jeher war sie dem Hermann vom Nachbardorf versprochen, der zehn Jahre älter ist als Waltraud, dem als Erstgeborenem seiner Familie ein ansehn­liches Stück Land gehörte. Bauer zu werden, lag ihm nicht. Bis zur Rente oblagen ihm Geldangelegenheiten beim Finanzamt in der Stadt.

Wo Anne bloß blieb, das wollte die Mutter wissen. Immer machte sie sich Sorgen. Die lange Fahrt mit dem Auto, was da alles passieren konnte!

Waltraud hatte den Führerschein vor fünfundvierzig Jahren erworben, im selben Jahr wie Hermann. Es war zu umständlich gewesen, dass er einkaufte. Hermann fuhr mit dem Bus zur Arbeit. Sie musste das Auto bedienen. Gern mit dem Auto gefahren war sie nie.

Nun stand sie in der Küche und griff in den Kartoffelkorb unter der Spüle. Sie wog ab, wie viele Kartoffeln sie schälen sollte. Sie dachte, wenn die Kinder doch kämen, sollten es ein paar mehr sein. Kämen die Kinder später, müsste sie frische kochen. Waltraud war verärgert über die ungenauen Zeitangaben ihrer Jüngsten Anne. Die Mutter ließ Kartoffeln in ihre Schürzen­tasche fallen und beschloss, sie für sich und ihren Mann zu kochen. Abgestandene Kartoffeln konnte sie unmöglich anbieten.

Sie nahm ihr Schälmesser aus der Schublade, griff nach ein paar Zeitungsseiten, die auf dem Regal lagerten, und brachte die Kartoffeln zum Tisch.

Durch das Fenster wehte ein warmer Wind. Er trug ein Stampfen mit sich; es roch nach Diesel. Waltraud glaubte an einen Drescher. Metall schepperte. Männer stritten. Bald wurden sie leiser. Nun war es still. Waltraud fröstelte. Sie war ungern allein, seit sie von Susanns Tod erfahren hatte. Gern hätte sie das Radio auf der Küchenbank eingeschaltet, um sich nicht einsam zu fühlen, aber Musik, etwas, das Susann gemocht hatte, konnte Waltraud jetzt nicht ertragen, und in den Nachrichten würde sie von Schreckensmeldungen aus aller Welt hören. Dabei hatte sie mit ihrer ganz eigenen Sorge schon genug zu tun. Sie setzte sich, zog sich die Zeitung zurecht, begann zu schälen.

Die Kartoffeln kochten. Dann weckte sie ihren Mann, der seit dem Morgen im Garten unter dem Schirm vor sich hin träumte. Sie wusste, Hermann hatte es gern, in der Küche zu sitzen, während sie kochte. Er las die Überschriften im Vaterlandsfreund, genoss die Ruhe und die Art, wie Waltraud um ihn herumwirbelte. Er war ein großer Mann, knochig, mit buschigen Augenbrauen. Seine Haare machten seinem Namen Ehre. Seine Haut war wie Pergament.

Er hatte seine Frau kommen hören. Er lächelte das Lächeln, das ihm die vom Schlaganfall unbrauchbar gewordenen Muskeln noch erlaubten. Sie ging zu ihm, zog ihn an den Armen zu sich und stützte ihm den Rücken, dann legte sie sich seine Arme um den Hals, dorthin, wo sie früher den Fuchspelz getragen hatte, den er ihr zum zwanzigsten Hochzeitstag geschenkt hatte, und zog Hermann an sich, drehte sich mit ihm, bis er im Rollstuhl landete. Während der Drehung lastete sein Gewicht auf ihren Wirbeln, die schmerzten.

Manchmal wünschte sie sich jemanden für diese Arbeit und schämte sich dann, denn sie war seine Frau, und sie hatte in guten wie in schlechten Tagen für ihn da zu sein.

Sie schob ihn in die Küche. Die Tür war dafür verbreitert worden, schob ihn an den Tisch und gab ihm die Zeitung. Die rechte Hälfte seines Körpers hing wie tot an ihm. Heute hatte er einen schlechten Tag. Sein Arm zitterte. Trotzdem schaffte er es, den Vaterlandsfreund aufzuschlagen.

Waltraud strich ihm kaum merklich über den Kopf. Dann schabte sie Erdreste von Möhren, wusch sie, schnitt sie in Scheiben und kochte sie in Salzwasser. Sie berichtete ihrem Mann, wer alles wegen Susann angerufen hatte. Sie sagte ihm, wann sie die Blumen abholen würde. Sie war sich nicht sicher, ob er sie verstanden hatte. Also schaltete sie das Radio doch noch ein.

Die Möhren kochten, die Kartoffeln konnten abgegossen werden. Waltraud holte aus dem Kühlschrank zwei Koteletts und drosch auf sie ein, bis sie so dick waren wie ihre Daumen und nicht wie die des fetten Fleischers. Sie salzte, pfefferte, briet das Fleisch. Panade aus Eiern und Mehl, das Ganze in Butter gebraten, hatte der Arzt vor Jahren verboten. Die Köchin nahm Teller aus dem Schrank, stellte sie auf den Tisch und schnitt Hermann das Fleisch in winzige Stückchen. Seine linke Hand zuckte unentwegt, als wäre sie an eine Stromquelle angeschlossen. Er kämpfte gegen das Zittern, aber er schaffte es nicht, die Hand stillzuhalten. Waltraud wusste: Über diese Anfälle verzweifelte er, deshalb setzte sie sich schnell hin, faltete die Hände und betete: „Du gibst uns, Herr, durch Speis’ und Trank Gesundheit, Kraft und Leben. So nehmen wir mit Lob und Dank, was Du uns heute hast gegeben. Amen.“ Die rüttelnde Hand im Schoß an die nicht rüttelnde gepresst, murmelte Hermann die Worte mit halbgeschlossenen Augen mit. Sie aßen schweigend.

Im Radio starb Madame Butterfly. Waltraud würgte den letzten Bissen runter, wusch ihren Teller ab. Hermann angelte derweil nach dem Essen.

Sie sah nach draußen. Ihr war klar: Triebe sie Hermann nicht mit dem Essen an, würde die Sonne über der Terrasse vorübergezogen sein. Sie wartete am Spülbecken stehend zwei, drei Ewigkeitchen lang. Schließlich setzte sie sich mit dem ausgewrungenen Abwaschlappen neben ihren Mann und sah ihn an. Der kannte diesen Blick und bemühte sich, größere Portionen auf seine Gabel zu laden. Waltraud dauerte das Ganze aber doch zu lange.

Sie ging zurück zu ihrem Spülbecken, wusch die Milchkanne aus und scheuerte auf ihren Arbeitsplat­ten herum, bis Hermann endlich seinen Teller von sich fortschob. Wie eine Trophäe trug seine Frau das Porzellan zum Waschbecken, spülte, trocknete es und stellte es zurück in den Schrank. Sie ließ das Becken leerlaufen, so lange Wasser nachlaufen, bis die Schaumreste im Ausguss versunken waren. So gefiel ihr die Spüle.

Ihrem Mann brachte Waltraud einen feuchtwarmen Waschlappen, der über einer Strebe des Geschirrständers hing, und wischte ihm damit über Mund und Hände. Nun reichte sie ihm ein frisches Handtuch aus dem Schrank. So gefiel ihr Hermann.

Er legte Lappen und Handtuch auf den Tisch und schien bewegt werden zu wollen. Seine Frau schob ihn ins Wohnzimmer. Dort schlief er gewöhnlich nach dem Essen auf dem Sofa. Sie half ihm, sich hinzulegen, deckte ihn mit der grün-weiß-rot karierten Wolldecke zu. Bis er eingeschlafen war, zupfte Waltraud einige braun gewordene Blätter aus ihren Grünpflanzen am Fenster und warf sie in den Papierkorb, der unter dem Fensterbrett stand. Als sie ihren Mann schnarchen hörte, öffnete sie ganz leise das Fenster. Beim Hinausgehen nahm Waltraud die Fernsehzeitung vom Tisch und einen Kugelschreiber. Vielleicht würde sie das Kreuzworträtsel auf der letzten Seite lösen können. Mit der Zeitung ging sie zum Sonnenschirm auf die Terrasse und schloss ihn. Magdalena stand bei ihrem Zaun und zupfte an den Rosen.

„Wieder Mehltau“, klagte die Nachbarin. Waltraud nickte. Sie war nicht auf eine Unterhaltung aus, schon gar nicht, wenn Magda über Mehltau maulte, anstatt etwas dagegen zu tun. Waltraud wollte in der Sonne sitzen und die gut riechende Luft einatmen.

Das Kreuzworträtsel war unwichtig, Mehltau war unwichtig. Die Nachbarin verzog sich in ihr Haus. Waltraud wusste, nun war sie eingeschnappt. Das war Magdalenas einzige Macke. Waltraud wusste auch, in einer Stunde würde alles vergessen sein.

Der Garten der Schütters schmiegte sich ans Haus, das in der Gabel zweier Straßen lag. Um die Mittags­stunde fiel Sonne auf die paar Betonplatten, die als Terrasse dienten. Waltraud setzte sich auf die Liege, auf der Hermann die sommerlichen Vormittage verdöste, und dachte daran, wie Susann an derselben Stelle in ihrer Kinderbadewanne geplanscht hatte. Wieder entstand eine Pause – eine Pause, in der Seelen reden: Waltraud glaubte, Susann lachen zu hören. Es waren aber Hummeln und Bienen, die Lilien und Brombeeren umbrummten.

Ob die Beeren so dick und groß und reif würden wie im letzten Jahr? Das würde viel Arbeit bedeuten. Waltraud nahm sich vor, dieses Jahr nicht so viel Marmelade zu kochen. Für wen denn? Sie schämte sich sogleich, sich vor der Arbeit drücken zu wollen, schließlich könnte sie ihre Marmeladen auch auf dem Markt anbieten. Sie schlug die Gedanken fort wie eine der Bienen, die ihre Brille mit einer Blüte verwechselt hatte.

Als Waltrauds Töchter alle zu Hause gelebt hatten, gab es keinen Augenblick, in dem sie in der Sonne saß. Das Sitzen hatte sie sich angewöhnt, und, wenn sie ehrlich war, ihr Körper hatte ihr ein wenig dabei geholfen. Nichts ging mehr so leicht wie früher, das Atmen nicht, das Tragen nicht, das Laufen nicht. Manchmal war sie froh, die Gaststube nicht mehr be­wirtschaften zu müssen. Anderntags sehnte sie sich nach dem Trubel und danach, gebraucht zu werden.

Es war vierzehn Jahre her, dass Waltraud ihre Gaststätte geschlossen hatte. Nach Hermanns Schlaganfall sagte der Arzt, sie müsse für ihren Mann da sein. Dafür solle sie fit sein. Die Wirtin räumte das Lager, gab die Konzession auf. Nachdem der letzte Gast gegangen war, hatte sie die Tische und Stühle so stehen gelassen, wie sie all die Jahre gestanden hatten. Ebenso die Zinnkrüge, die Hermann von Schützenfesten heimgebracht hatte. Längst standen sie blind im Regal über der Theke.

Waltraud dachte daran, wie sie den letzten Abend in ihrer Wirtschaft gewesen war, wie sie, nachdem der letzte Gast gegangen war, den Schlüssel abgezogen hatte, wie sie ihn an den Nagel neben dem Küchenschrank gehängt hatte, wie ihr übel geworden war, und in diese Übelkeit hinein hatte Hermann vorgeschlagen, sie sollten ein paar Tage fortfahren. Sie aber wollte nicht fort, wollte keinen Tapetenwechsel, wie er den Plan genannt hatte.

Daran musste sie denken und daran, dass sie selten länger fort war. Nach der Hochzeit waren sie zwei Wochen lang im Odenwald gewesen: Flitterwochen. Das waren sonnige Tage gewesen. Hermann war lustig und charmant und ließ sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen. Ja, das hatte Waltraud beeindruckt.

Sie kannten sich seit Kindertagen. Die Familien hatten ausgehandelt, die beiden zu verheiraten. Da ging es um Ländereien, aber darum ging es ja immer im Dorf. Hermann war Waltrauds Spielfreund gewesen. Doch im Odenwald wurde er ihr Ehemann. Und wenn es niemand wissen wollte, dumm angestellt hatte er sich nicht. Er war ein sorgsamer, ein gründlicher Mann. Das war er in allen Dingen. Das liebte Waltraud an ihm.

Das Haus musste in Ordnung gehalten werden. Dazu waren die Sommermonate gut, und als die Kinder da waren, fehlte manchmal das Geld für die Ferien. Daran dachte Waltraud und rechnete nach, wie oft sie fort gewesen waren. Alle zwei, drei Jahre? Wo sie hinfuhren, wusste Waltraud ganz genau: an die Nordsee. Waltraud mochte es, am Wasser entlangzulaufen; einen Tag lang. Am nächsten wäre sie am liebsten nach Hause gefahren.

Sie fühlte sich den Frauen am Strand gegenüber unwohl. Die sahen aus, als durchtanzten sie die Nächte und führten nachmittags auf kleinen Füßen kleine Hunde am Wasser entlang. Unverschämt, wie sie braun gebrannten Männern zulächelten. Frau Schütter hätte es nicht mal dem Pfarrer gestanden, aber sie fühlte sich breit, trampelig, unbeholfen. Im Dorf, da waren die Frauen wie sie. Dort war sie wer. Dort war sie glücklich bis zu dem Tag, als Waltraud erkennen musste, Susann war krank.

Annes Kinder, vier und sechs Jahre alt, stürmten in den Garten und drückten ihre Großmutter an sich, die sie ganz fest hielt. Annes Lebensgefährte Robert parkte den Wagen vor dem Haus, als Anne in den Garten kam. Sie lachte ihrer Mutter zu. Sie drückten sich vorsichtig. Robert, Gitarrist in einem Showorchester und begnadeter Hobbyhandwerker, gab seiner Schwiegermutter die Hand, lobte das Haus, das in gutem Zustand den Winter überdauert hatte, weil er wusste, darüber freute sich seine Schwiegermutter in spe, und die nickte und drängte alle zum Essen in die Küche. Die Enkel hatten Hunger, mochten aber keine Koteletts.

Waltraud kochte frische Kartoffeln, briet die Koteletts trotzdem und schnitt das Fleisch, wie sie es für ihren Mann geschnitten hatte. Und die Kleinen aßen es. Anne erzählte von einer ereignislosen Fahrt, vom Wetter, das sie lobte.

Alles schien vertraut. Hätte jemand die Familie nicht gekannt, so würde er geglaubt haben, alles liefe in bester Harmonie ab. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, bald schon begruben sie Susann.

Nach dem Essen hopsten die Kinder auf der Küchen­bank herum und riefen nach dem Kakao, den Waltraud gern für sie kochte, und für die Er­wachsenen brühte sie Kaffee. Sie sagte, Hermann läge auf seinem Schlafplatz; sie sagte, sie sollten ihn nicht aufwecken.

Waltraud müsste am Nachmittag zum Pfarrer fahren, die Trauerrede und die Beerdigung besprechen. Anne trank ihren Kaffee aus und beschloss, ihre Mutter zu begleiten, und Robert sollte auf die Kinder und auf Hermann aufpassen.

Es gab etwas, das war allen Schütters gleich: In Ausnahme­situationen waren sie in der Lage, das Notwendige abzuar­beiten und für diese Zeit alle Gefühle auszuschalten. Waltraud holte ihre Tasche, ihre Brille. Anne nahm ihre Jacke und den Autoschlüssel.

Hermann lag zwischen seinen Kissen. Die Kinder und Robert winkten aus dem Flurfenster. Anne fuhr vom Hof auf die Landstraße und dachte an Susann, die, seitdem sie zum Namenstag den Aquarellmalkasten geschenkt bekommen hatte, Wolken gemalt hatte, wie die Fettwänste, die über der Kapelle trieben. Die hätten Susann gefallen, dachte Anne.

Der Friedhof im Dorf war vor drei Jahrhunderten ge­schlossen worden. Seither wurden die Toten im Nachbardorf beerdigt. Nachdem Klingenhausen eingemeindet war, wurde auch dieser Friedhof geschlossen, und alle Toten sollten auf dem ‚Städtischen Friedhof‘ liegen. Waltraud und ihre Töchter hatten am Telefon beschlossen, Susann solle nicht dort in einem Einzelgrab liegen.

Anne fuhr. Die Straße war frei. Ihr war unklar, wo ihre Schwester hätte begraben sein wollen. Darüber hatten sie nicht gesprochen. In Norwegen? Wäre das für Susann infrage gekommen? Anne war mit sich im Streit. Weit fort von der Heimat? Das hatte sich Susann womöglich nicht gewünscht und wenn doch? Anne hatte ihrer Mutter und ihrer Schwester Betty zugestimmt: Susann sollte ins Familiengrab auf den ‚Katholischen Friedhof‘ in Lämmerberg. Die Schütter-Frauen waren sich einig geworden, Susann solle neben Waltrauds Mutter liegen.

Susann hatte Oma Charlotta Luise Menderlech besonders gemocht. Während Waltraud hinter dem Tresen stand, hatte Oma Charlotta Susann wie einige Jahre später Betty und Anne gebadet. Sie sang mit Susann, mit Betty und Anne, und sie las Gutenachtgeschichten vor.

Der Platz neben Charlotta Menderlich war frei. Ihr Mann Heinrich war nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Er galt als verschollen seit einem Schneesturm in den französischen Alpen. Das war 1944.