Ad Alieni - Fabian Dieterich - E-Book

Ad Alieni E-Book

Fabian Dieterich

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Beschreibung

Sieh zu den Sternen und stelle dir vor, einer dieser funkelnden Punkte wäre eine völlig neue Welt. ALIÉNI, der Fremde. Dieser wundersame, neue Himmelskörper, der auf einmal um unsere geschundene Erde kreiste. Strände, auf denen noch kein Fuß je zuvor einen Abdruck hinterlassen hatte und unbezwungene, schneebedeckte Gebirge, von denen sich mächtige Flüsse hinab in die tiefen Wälder schlängeln. Wir erbauten mit New Haven den ersten Raumhafen außerhalb der Erde und wir errichteten Olympus hoch oben zwischen den höchsten Gipfeln der Berge. Wir trotzten den Naturgewalten und zwangen Unmögliches dazu möglich zu werden. Viele fanden hier ihre Freiheit, andere ihr Glück. Manche fanden sogar Liebe oder Frieden und wieder andere fanden den Tod. Doch dann entdeckten wir das Gold der neuen Welt, die Schätze des Teufels, und verloren dabei unsere Seele. Plötzlich hatte der Kampf um Aliéni begonnen. Und als ich die ersten Raketen über uns aufsteigen sah, fragte ich mich, wie es so weit kommen konnte. Nun, am Anfang waren wir zu fünft und ich denke, jeder wird seine eigene Antwort auf diese Frage haben.

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Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für Kalea, Pippo und all die Wunder, die noch kommen..

Als ich die ersten Raketen über uns aufsteigen sah, fragte ich mich, wie es so weit kommen konnte.

Nun... am Anfang waren wir zu fünft und ich denke, jeder wird seine eigene Antwort auf diese Frage haben...

JACOBA CHANG

KALLE BENSON

A0475 „TRASH“

FENN KASPAR

...

Inhaltsverzeichnis

Prolog: „DIE NEUE WELT“

Kapitel 1: „INS LICHT DER STERNE ÜBER UNS“

Kapitel 2: „HIER LÄUFT DAS ETWAS ANDERS AB“

Kapitel 3: „ACH, FENN...“

Kapitel 4: „KABINE 2.151“

Kapitel 5: „SOLARCITY“

Kapitel 6: „SOLARCITY“

Kapitel 7: „DER DRACHE“

Kapitel 8: „HERZLICH WILLKOMMEN“

Kapitel 9: „ALLES IST VERLOREN“

Kapitel 10: „VOR 30 JAHREN“

Kapitel 11: „ZUM ALLERERSTEN MAL“

Kapitel 12: „VIEL ZU VIELE STERNSCHNUPPEN“

Kapitel 13: „DIE ERSTE SÜNDE“

Kapitel 14: „ABER JETZT IST ALLES GUT“

Kapitel 15: „DER FELS IN DER BRANDUNG“

Kapitel 16: „DIE WIEDERGEBURT“

Kapitel 17: „DER PREIS DES LEBENS“

Kapitel 18: „GUTEN MORGEN, SONNENSCHEIN“

Kapitel 19: „DIE DEBÜTANTIN“

Kapitel 20: „EIN EHRENWERTER MANN“

Kapitel 21: „DER TYRANN“

Kapitel 22: „IN DEN WÄLDERN“

Kapitel 23: „DAS JAHR 0“

Kapitel 24: „DAS STARKE GESCHLECHT“

Kapitel 25: „AUF DER EINEN SEITE“

Kapitel 26: „AUF DER ANDEREN SEITE“

Kapitel 27: „GOLDENE FIRMENKLOS“

Kapitel 28: „DER ANSCHLAG“

Kapitel 29: „DUMM GELAUFEN“

Kapitel 30: „GENAU SO, NUR GANZ ANDERS“

Kapitel 31: „DAS ENDE VON FENN KASPAR“

Kapitel 32: „DAS WIESO“

Kapitel 33: „DAS SALZ DES TEUFELS“

Kapitel 34: „DIE LETZTEN ZEILEN“

Kapitel 35: „WENN STERNE KOLLIDIEREN“

Kapitel 36: „EIN VERSPRECHEN“

Kapitel 37: „DIE WAHRHEIT LIEGT VOR DEN TOREN DES HIMMELS“

Kapitel 38: „DIE SANDBURG“

Kapitel 39: „WER MENSCHEN VEREINEN MÖCHTE“

Kapitel 40: „EINE UNSCHÖNE ENTWICKLUNG“

Kapitel 41: „DER RETTER“

Kapitel 42: „DER EWIGE FRIEDEN“

Kapitel 43: „TRASH“

Kapitel 44: „GENAU MEINE WELT“

Kapitel 45: „KEINE EINLADUNG“

Kapitel 46: „DIE KAPITULATION“

Kapitel 47: „DIE ERSTE IHRES NAMENS“

Kapitel 48: „DER SIEGER SCHREIBT DIE GESCHICHTE“

Kapitel 49: „EPILOG“

..?..

Prolog

„DIE NEUE WELT“

Es riecht nach Freiheit. Ein Duft so rein wie das strahlende Lächeln eines kleinen Kindes. Hast du diesen Duft einmal genossen, einen tiefen Atemzug davon deine Lungen füllen lassen, wirst du nicht mehr sein, wer du warst. Nie wieder. Deine Augen werden sich öffnen und beginnen zu sehen. Der kleinste Windzug wird in deinen Ohren dröhnen, der Duft, den er Kilometer aus der Fremde herbeigetragen hatte, wird dich verführen. Nie wieder wird dein Blick eine Grenze finden, nie wieder dein Wille sich beugen. Lege deine Fesseln ab und betritt eine Welt, die dir gehört…

»Bist du zufrieden?«

Schwere Frage. Er scheint es zu sein. Grinsend sieht er zu mir hinüber, während er das Blatt Papier mit meinen Zeilen darauf noch in seinen Händen hält. Wie immer wirft sein Lächeln leichte Falten seitlich seiner Augen in die wettergegerbte Haut, in der sich neben seinen Mundwinkeln kleine Grübchen bilden.

»Also ich finde es perfekt!«

Wie kann einen so ein Blick nicht völlig aus der Bahn werfen? Wieso zweifelt dieser Mann nie? Woher nimmt er sogar jetzt noch all dieses Feuer, anstatt einfach nachts klammheimlich zu verschwinden? Vermutlich würde ihm das sogar niemand verdenken, denn es könnte gut sein, dass unter seinen Gästen heute Abend auch sein Tod diese heiligen Hallen betritt. Doch er sitzt da, grinst mich an und lacht der nahenden Katastrophe ins Gesicht, weil er zutiefst an das glaubt, was er tut.

Und deswegen muss es perfekt werden. Diese Zeilen müssen zu einem Leuchtfeuer am Horizont werden, damit Menschen wie er es von überall aus sehen und uns zu Hilfe eilen können, um das zu retten, was er aus dem vereisten Boden gestampft hat. Und weil ich nicht weiß, ob meine Worte das vermögen, schweige ich, anstatt zu antworten. Und das recht lange, bis ich es mir eingestehen muss. »Ich weiß noch nicht, irgendwie fällt mir einfach kein passendes Ende ein.«

»Ist das denn so wichtig?« Wieder ist da dieses seelenruhige Schmunzeln voller Zuversicht und Kraft in seinen harten Gesichtszügen.

»Ja, aber natürlich. Das Ende krönt das Meisterwerk. Und wenn wir möchten, dass die Richtigen sich auf den Weg machen, werden wir genau das brauchen. Ein Meisterwerk.«

KALLE

Kapitel 1

„INS LICHT DER STERNE ÜBER UNS“

Schon seltsam, wie die Dinge manchmal laufen. Eigentlich wollte ich mich vor meinem Abflug morgen so unauffällig wie möglich von ihrem Ehemann verabschieden und jetzt versuche ich stattdessen irgendwie zu kaschieren, dass ich soeben in ihrem Blick ertrunken bin.

Dieses Missgeschick ist mir ziemlich exakt zu jenem Zeitpunkt dieses Abends unterlaufen, als Trixi, mitsamt ihres roten Zopfes und der locker sitzenden Leinenhose, die massive Holztür des Einfamilienhauses öffnete und mich überrascht ansah. Sie grinste und strich, ohne ein Wort zu verlieren, neugierig über die kleine Tätowierung auf der Innenseite meines Handgelenks. Ihr Zeigefinger glitt zusammen mit ihren Augen vom Griff des Messers über die Klinge und zum Schluss über den Kreis, der die Waffe einrahmt. Wie ein kleines Mädchen lächelte sie dabei, blickte plötzlich hoch zu mir und begrüßte mich schließlich ganz frech mit den Worten: »Na sieh’ an, das Monster von Lagos! Ich befürchte, unser bescheidenes Zuhause könnte eine Beleidigung für den großen Kriegshelden sein.«

Dass sie während dieser übertriebenen Lobpreisung nicht aufhören konnte, mich mit ihrem breiten Grinsen zu verhöhnen, machte es mir nicht gerade leichter, diese Anspielungen unkommentiert zu lassen, aber es gelang mir. Inzwischen hatte ich sie nach allen Regeln des Anstandes umarmt und auf ihr Geheiß in der Küche in einer kleinen Frühstücksnische Platz genommen.

Ich blicke mich um in diesem Haus, das ich so gut kenne und bemerke, dass Trixi einen Großteil der herrlich warmen Einrichtung ihrer ausgeflippten Eltern übernommen hat. Die bunten Vorhänge, die gemütlichen, skandinavischen Holzmöbel, die nach dem Essen ganzer Jahrzehnte riechen und die gut gehegten Zimmerpflanzen, die überall vor sich hin blühen. Ich sitze an jenem gezeichneten Holztisch, an dem wir in unserer Jugend schon so manches Rührei mit Speck verdrückt hatten, um den Kater des Vorabends zu verjagen und ich bilde mir in diesem Moment ein, den Duft dieser vergangenen Momente immer noch riechen zu können.

Während ich stumm dasitze und in Erinnerungen schwelge, huscht Trixi barfuß durch die Küche und stellt ihr volles Weinglas auf die hölzerne Tischplatte zwischen uns.

»Ich habe mir alle Folgen angesehen«, erklärt Trixi freudestrahlend, während sie den dunkelroten Wein aus der edel verzierten Flasche in die leeren Bäuche unserer Weingläser gießt. »Dieser TRUEbadur ist einfach unfassbar gut! Hätte nicht gedacht, dass ich mir je wieder Dokumentationen ansehe.«

Ich kann mich noch gut an TRUEbadur erinnern. Als ich ihn kennenlernte, bezeichnete sich dieser Kerl mit der Brille, den tiefliegenden Augen und den blonden lockigen Haaren auch schon als ein Investigativ-Journalist, allerdings war er damals noch nicht der König der Pressewüste, sondern bestenfalls eine ausgehungerte Hyäne. Eine Hyäne, die gerade einmal die Reste der letzten Stories annagen durfte, bis jemand kam und ihr in den immer leeren Magen trat, um sie zu verscheuchen. Das änderte sich, als er meine Einheit in einem Krieg begleitete, der bis heute keinen Namen hat. So viele wie dabei aber mitgespielt, verdient, gewonnen und verloren haben, könnte es sein, dass zukünftige Generationen ihn womöglich als den Dritten der Weltkriege kennen werden. Mir persönlich gefällt die Bezeichnung „Der Krieg des David“, den es war der Aufstand der Kleinen gegen die Großen.

»Tja, er ist nicht umsonst der König der Streamer geworden.«, erwidere ich. »Er hat es auf meine Kosten geschafft und deswegen werde ich da hoch nach Aliéni fliegen und ihn umlegen.«, denke ich mir mit einem Lächeln und unterm Tisch versteckten, geballten Fäusten. Und ich versuche mich trotz meiner vielschichtigen Reaktion weiterhin darauf zu konzentrieren, nicht zu auffällig diese wunderschön geformten Pobacken zu bestaunen, die da permanent an mir vorbeiwandern, während Trixi die inzwischen leere Weinflasche aufräumt und eine neue herbeizaubert. Wieder verliere ich mich. Dieses Mal in der Frage, wie sich diese runden Pobacken wohl anfühlen, wenn sie gänzlich nackt in meinen Händen lägen.

Erst jetzt nehme ich wahr, dass sich diese wunderschöne Frau, mit einer Haut, weiß wie Schnee und den feuerroten, langen Locken, während meines Aufenthaltes in meiner Traumwelt vor mir aufgebaut hat, sich zu mir nach vorne lehnt, beide Hände auf die Tischplatte zwischen uns aufstützt und mich nun irgendwie fragend ansieht.

»Brauchst du sonst noch was?«

Und dann passiert etwas, das ich sonst nur selten erlebe: Völlige Überforderung. Ich flüchte vor dem so geheimnisvoll verruchten Schimmer ihrer grünen, faszinierenden Augen, die irgendwas von mir wollen. Weil sie immer noch zu mir gebeugt ist, fällt mein Blick dann plötzlich so unglücklich in ihren tiefen Ausschnitt, dass ich zwischen ihrer Haut und dem wallenden Textil bis zu ihrem Bauchnabel hinablinsen kann. Dann sind da auch noch überall diese wilden Locken, die gar nicht mehr eingesperrt in ihren Zopf zu sein scheinen und schon passiert es einfach. Auf ihre Frage antworte ich mit »Dich.«

Verflixt! Denke ich mir. Ich hatte mir noch an der Tür zu ihrem Haus versprochen, trotz ihrer Blicke die Kontrolle zu behalten und jetzt das!

Jeder geht anders damit um, solch einen Kerl wie mich beim Spannen in seinem Ausschnitt zu erwischen, sie jedoch wählt eine doch recht wütende und kritische Aufarbeitung des Geschehenen.

»Ist das dein Ernst, du Arschloch?«

Schon, aber ich traue mich gerade nicht das zuzugeben, weswegen ich einfach nur still dasitze und das Unwetter über mich hereinbrechen lasse.

»Was willst du genau? Mich oder das hier?« Energisch nimmt Trixi ihre Brüste in beide Hände, umfasst sie fest mit ihren Fingern, sodass der Stoff ihrer weißen Bluse zwischen den einzelnen Gliedern leicht hervortritt und der Sturm scheint sich damit nicht zu legen, sondern sich weiterhin aufzubauen.

»Einmal mit einer verheirateten Frau vögeln, damit du einen Haken dahinter machen kannst! Ist es das was du willst?«

Weil es aufgrund Trixis Wuttirade aktuell sehr schwer ist, das belegte Gesprächsnetz verbal zu durchdringen, hebe ich entschuldigend und auch etwas abwehrend meine Hände vor mich. Doch nicht einmal meine leeren Handflächen bringen sie dazu, zu erkennen, wie unbewaffnet und vor allem wie wehrlos ich gegenwärtig bin.

»Das ist hochgradig verletzend! Ich höre jahrelang nichts von dir, denke du bist tot, verschleppt oder sonst was. Ich habe wegen keinem Menschen auf dieser verdammten Welt so viel geweint, wie wegen dir, du Vollidiot und plötzlich stehst du vor meiner Tür und alles was du willst, ist mich flachlegen!«

Während sie unter versteinerter Miene ganz schön kraftgeladen mit der flachen Hand auf den Tisch vor mir schlägt, beginne ich mich zu wehren. Denn ich habe den berechtigten Verdacht, dass diese Frau jetzt dann doch etwas übertreibt! »Kannst du vielleicht einfach mal die Klappe halten, damit ich mich entschuldigen kann?«, brülle ich sie an. Ja, ich habe mich schon besser entschuldigt. Entsprechend erfolgreich ist dieser Versuch dann letztendlich auch.

»Ganz ehrlich, Kalle. Wie lange möchtest du mich schon haben?«

»In Ordnung. Stopp!«, unterbreche ich ihre Attacke und ich glaube, ein wenig zu schreien. Aber nicht aus Schwäche oder weil ich mich nicht kontrollieren kann, sondern weil ich ihren vorgeschlagenen Lautstärkepegel respektvoll akzeptiere. »Ich weiß nicht, wann es anfing.« Und viel zu kleinlaut füge ich hinzu »Sagen wir einfach, seit immer.«

Ich bereite mich darauf vor, hier in den nächsten Minuten rauszufliegen, deswegen leite ich entsprechende Schritte ein. Unter anderem trinke ich den letzten Schluck meines Weins und präge mir nochmal dessen Namen anhand des Etiketts ein, bis ich plötzlich in ein Streitgespräch gezogen werde, dessen Ausgang man noch nicht einmal im Nachgang richtig hätte nachvollziehen können.

»Wie hast du dir vorgestellt, was jetzt hier passiert?«, werde ich zornig angeschossen.

»Ich werde jetzt gehen!« Ich stehe energisch auf.

»Du wirst hierbleiben und mir antworten!«

Ich setzte mich energisch wieder hin.

»Sag mir, wie du dir das hier vorgestellt hast! Am besten hier auf dem Tisch, oder? Sodass die Nachbarn uns dabei sehen können. Mein Nachbar Alex hat aktuell keinen Internetzugang, den wird’s freuen!« Trixi beginnt den Tisch vor mir wütend abzudecken, indem sie mit einem Schwung ihres Armes alles von der Tischplatte fegt.

»Warum sollte ich das wollen? Und wenn dieser Alex irgendwas sehen will, dann soll er rausgehen oder seinen Internetanschluss bezahlen!«

»Sein Internetanschluss IST bezahlt.«, raunt mich Trixi an »Da muss ein Fehler vorliegen!«.

»Dann soll er mit seinem Anbieter sprechen!«

»Sag Alex nicht, was er zu tun hat!«

»Deine bescheuerten Nachbarn können mich alle mal kreuzweise!«

»Über Tote lästert man nicht!«, kreischt Trixi aufgebracht.

»Wer ist denn bitte in deiner Nachbarschaft gestorben?«

»Hier leben zig Familien seit mehreren Generationen!«, werde ich zunächst ruhig und ermahnend belehrt, bis sich der zweite Halbsatz dann aufbrausend steigert. »Ist es so abwegig, dass da vielleicht auch schon mal jemand gestorben ist?«

»Nein!«, schreie ich fassungslos und genervt. »Es ist sogar sehr wahrscheinlich!«

»Na eben!«, keift sie zurück und ich bin mir gar nicht so sicher, ob sie vom Inhalt unseres Streits überhaupt noch viel mitbekommt oder ihn einfach nur nutzt, um mich in erhöhtem Dezibel-Bereich angreifen zu können.

»Verdammt! Warum bist du so wütend auf mich, Trixi?«

»Weil ich jahrelang auf ein Wort von dir gewartet habe und du zwar scheinbar in Kriege ziehen kannst, aber nicht in der Lage bist mit Frauen zu sprechen!« schimpft Trixi und versucht dabei ihre Tränen davon abzuhalten sich in die Tiefe zu stürzen. »Und jetzt sitzt du hier und sagst, was ich immer hören wollte und ich bin inzwischen die Frau von einem Arsch, der mir sagt, er wäre auf einem Ethik-Seminar, während er seine Studentin in meinem Auto vögelt, weil er Angst hat, seines dreckig zu machen!«

Ich sage nichts, denn das kann ich tatsächlich am besten. Außerdem habe ich Angst, ich könnte sie verletzen, wenn ich versuche all ihre Finger einzufangen, die soeben zu Fäusten geballt auf mich einprasseln, während sie mit ihnen gerade eben noch das Wort „Seminar“ mit Anführungszeichen eingerahmt hatte. Von außen mag es seltsam erscheinen, wieso sich so ein Bär wie ich nicht gegen eine derartig zierliche Person wie Trixi wehrt, doch zum einen spüre ich die Einschläge ihrer winzigen Fäuste kaum und zum anderen glaube ich, dass ihr das Ganze irgendetwas zu bringen scheint. Also lasse ich sie wüten. Sie schimpft und spuckt dabei, ihre Schläge treffen meine Brust, den Oberkörper, sie werden immer wilder und unkontrollierter, bis die Ausführungen der Schläge so schlampig werden, dass ich allmählich Angst um ihre Hände bekomme und sie an beiden Gelenken packe. Wutschnaubend kommt sie vor mir zum Stillstand und glüht mich mit ihren smaragdgrünen Augen an. »Was, verdammt?!«

Ihr Gesicht ruht direkt vor mir, während ihre wilde, rote Mähne in Locken an ihren Wangen hinabfällt und meine Nase kitzelt. Und auch wenn ich auf meinen Blick dorthin nicht stolz bin, kann ich dank ihm erkennen, wie sich ihre Brüste unter ihrem aufgewühlten Atem mächtig auf und ab senken. Wie sie dabei den weißen Stoff der Bluse immer wieder spannen und damit den Blick freigeben auf alles, was dieser vergeblich versucht zu verhüllen.

Moralisch betrachtet wäre es jetzt an der Zeit, etwas anzumerken wie »Trixi, du bist mit meinem Freund verheiratet!«. Aus taktischer Sicht sollte man vielleicht fragen »Wie lange ist der denn eigentlich noch weg?«, aber was mich eigentlich am meisten interessiert, ist »Wo steht denn das Auto deines Mannes und wie kommen wir da am schnellsten hin?«

Der schnellste Weg beginnt wohl in der Küche auf jener Bank, auf der ich gerade noch gesessen hatte. Das sagt mir Trixi zwar nicht, zeigt es mir aber dafür recht deutlich, indem sie mir mit der flachen Hand einen Stoß vor die Brust versetzt, ich zurück auf die Bank plumpse und plötzlich wieder dort sitze, wo alles anfing. Sie steht zwischen meinen Beinen direkt vor mir, sieht mich mit großen Augen an, kommt immer näher und plötzlich nehmen mir rote Locken die Sicht. Ich nehme ihre Lippen wahr, wie sie meine Unterlippe umschließen und ich spüre ihren Atem, der über meine Wangen hinweg in meinen Bart rauscht. Da sind ihre Wimpern, die beim Schließen ihrer Augen mein Gesicht kitzeln und ihre Finger, die in meine Boxershorts gleiten. Ich habe einige Fragen, doch ich komme nicht dazu auch nur eine zu stellen, denn dafür braucht man Luft und die bleibt mir augenblicklich weg, als Trixi es sich auf meinem Schoß bequem macht und den Reißverschluss meiner Hose in einer bemerkenswerten Geschwindigkeit seiner Existenzberechtigung beraubt.

Sie kniet sich mit ihren Beinen rechts und links von mir auf das Holz der Bank. Ihre Küsse nehmen mir die Orientierung und ihre Hand wandert von meinem Bart über mein Kinn, an meinem Hals hinab, streicht über meine Brust und bewegt sich in meinen Schoß, wo sich auch ihre Hüfte mehr und mehr niederlässt. Sie zieht mir mein Shirt über den Kopf und lässt es zu Boden sinken. Während wir uns küssen, knöpfe ich blind ihre Bluse auf, die sich im Handumdrehen zu meinem Shirt gesellt haben muss, denn ich fühle augenblicklich ihre nackten, festen Brüste auf mir. Sie setzt sich, lässt ihre Körpermitte über mich streifen und massiert mich mit einer Stelle, die sich warm und nach feuchtem Stoff anfühlt. Um irgendwie an ein Minimum von Luft zu kommen, lassen ihre Lippen kurz von mir ab. Nur wenige Zentimeter sind sie von mir entfernt, weswegen ich Trixis Geschmack aus ihrem Atem entnehmen kann, der in harten Stößen gegen mich anbrandet.

So eine Küchenbank schränkt einen enorm ein und das passt mir nicht. Entschlossen packe ich sie. Ihre angespannten, prallen Pobacken liegen in meinen Händen. Als ich aufstehe und sie mit mir in die Höhe hebe, schlingt sie ihre Beine um mich, ich fühle ihre Füße über meinen Rücken streichen und sie greift mit ihren Fingern in mein Haar. Während sie zwischen heißen Atemstößen ihre Zunge über meine Lippen tanzen lässt, presst sie ihren Oberkörper so fest an meinen, dass ich spüre, wie ihre warmen, festen Brüste an mir plattgedrückt werden. In den Augenwinkeln glaube ich, das Wohnzimmer hinter einer der offenstehenden Zimmertüren erspäht zu haben und steuere mit ihr darauf zu. Doch dabei scheine ich ihr zu langsam zu sein, denn sie windet sich plötzlich aus meinem Griff, setzt ihre Füße auf den Boden und tänzelt ungeduldig mit schnellen Schritten davon.

Wenig später habe ich sie eingeholt, doch vermutlich auch nur, weil sie gefangen werden wollte. Mit funkelndem Blick steht sie vor mir in der Mitte des warm gestalteten Wohnzimmers, voller weicher Sofas, alter, hölzerner Hocker, vererbter Kommoden, dicker, bunter Teppiche und einer bodentiefen Fensterwand, die in die klare, kalte Nacht hinauszeigt. Sie lässt grinsend einen feuchten Slip um ihren ausgestreckten Zeigefinger kreisen und wirft ihn dann in hohem Bogen hinter sich.

Ich stürme auf sie zu, küsse sie, mein massiver Körper kollidiert dabei mit ihrer zerbrechlichen Figur. Es fühlt sich an, als würde sie mich mit all ihrer Zierlichkeit einfangen. Die Wucht meines Aufpralls lässt sie nur ein paar wenige Schritte zurückweichen und doch befindet sie sich schon bald mit dem Rücken zur Wand. Jener Fensterwand, in der die Lichter des Dorfes ruhig vor sich hin flackern. Sie schmunzelt und lässt eine genüsslich langsame Welle durch ihren Körper schwappen. Sie beginnt bei ihren Brüsten, deren harte Nippel kurz an mir hochstreichen, bis sie sich wieder von mir entfernen, während ich anschließend fühle, wie ihr glatter Bauch an meinem vorbeihuscht und sich unser Schweiß vermischt. Auch diese Berührung lässt mich schnell wieder allein zurück und doch fühle ich sie. Zuerst ihren Bauchnabel, dann einen kleinen Hügel und zuletzt streicht sie warm und feucht gegen den gespannten Stoff meiner Boxershorts und tränkt jenes Textil, das schon längst durch die Nässe von innen verloren hatte.

Trixi fokussiert mich gespannt mit leicht geöffnetem Mund, während ich vor ihr stehe und meine Hände jeweils seitlich ihres Kopfes gegen das Fenster drücke, wodurch ich sie mit meinen Armen einrahme und den kläglichen Versuch unternehme, dieses wunderschön wilde Geschöpf einzufangen. Sie dreht sich ohne Vorwarnung schwungvoll um, ihr Haar peitscht durch die Luft, bis sie auf einmal mit dem Gesicht zum Nachthimmel steht, ihren Kopf kurz leicht nach unten senkt und mit geschlossenen Augen vor sich hinträumt. Ihre Finger streichen zitternd über das kalte Glas, das durch ihren tiefen, warmen Atem regelmäßig feucht anläuft. Sie schiebt ihre Hüfte nach hinten und gewährt damit einen winzigen Freiraum zwischen der Glasscheibe und ihrem Venushügel. Die Fingerspitzen meiner rechten Hand streichen über ihren straffen Bauch, steigen an ihm hinab, folgen dem haarigen Streifen weit unter ihrem Bauchnabel und der ein oder andere davon tastet sich dort flink in die feuchte Tiefe.

Sie seufzt auf, wirft genüsslich ihren Kopf in den Nacken und wieder beschlägt die Fensterfront vor ihr, während sie ihre Hüften um meine Finger herum kreisen lässt und sich die Berührungen genau dort holt, wo sie diese gerade am meisten ersehnt. Sie stöhnt wimmernd, drückt sich fester gegen meine Finger und diese tiefer in sich hinein, bis ihre Bewegungen wilder, nahezu unkontrollierbar werden und ihr ein kurzer Schrei entfährt, der kläglich in ihrem schweren Atem untergeht.

Ich denke, das ist jetzt der richtige Zeitpunkt um etwas Wichtiges zu erfragen. »Wo steht denn nun der Wagen deines Mannes?«

Die Tür zur Garage fliegt auf und schlägt gegen ein dahinterliegendes Regal, sodass mehrere Politurdosen herausfallen und scheppernd auf den matten, schwarzen Boden niedergehen. Vor uns steht er in all seiner Pracht: Der Mercedes 300 SL, ein Cabrio, das bereits ein Oldtimer war, als ich geboren wurde. Unter dem Dach der Garage, einer Kuppel aus Glas, glänzt er im gedimmten Licht in seinem tiefen Rot.

Ich spüre, wie der Lack des Oldtimers dort immer wärmer wird, wo Trixis Po auf ihm liegt, wo ihr Schweiß über das dunkle Rot kriecht, während ich mich mit meiner Zungenspitze über ihre feuchten Lippen taste, bis dorthin, wo sie es kaum noch erträgt. Ihre schlanken, festen Schenkel sind vor mir gespreizt, ihre nackten Füße berühren nur noch mit ihren Zehenspitzen links und rechts von meinem Kopf die Motorhaube, während sie sich in ihrer immer heftiger werdenden Ekstase der Kuppel über uns entgegenwölbt. Ihr ganzer Körper glänzt im sanften Licht, das sonst auf die wahre Liebe ihres Mannes fällt. Wimmernd scheint sie plötzlich aufzugeben, ihr Kopf überstreckt sich nach hinten, ihr Haar legt sich auf die Motorhaube, während ihr Körper beginnt zu beben. Ihr linker Fuß schlägt energisch auf das Blech der Motorhaube, sie greift in mein Haar, zieht mich gierig zwischen ihre Schenkel und ich kralle mich mit meiner rechten Hand in ihren festen Pobacken und kreise immer langsamer um genau jene Stelle, zu der sie mich dirigiert. Schweißperlen kriechen von ihren nackten Brüsten über ihren Bauch hinab zu mir, während die Schreie ihres Höhepunktes wild und gierig durch das gesamte Haus wehen. Die Holztreppe hinauf, über unsere zurückgelassene Kleidung, welche wie das Meer an Patronenhülsen am Ende eines Krieges in den Straßen liegt. Der Hall ihres Stöhnens prallt gegen die Fensterfront im Wohnzimmer, an der immer noch ihr Atem an der Scheibe schmilzt und über den Holztisch, auf dem unser Wein nun im Rhythmus ihrer Schreie vibriert.

Als ihr Atem wieder langsamer wird und die Muskeln in ihren Schenkeln sich entspannen, greift sie erneut mit ihren gerade noch erschlafften Fingern in mein Haar und zieht meinen Kopf hoch zu ihrem, sodass sie mir in die Augen sehen kann.

Verschwitzt und erschöpft, aber mit noch wilderen Augen als je zuvor, raunt sie mich an »So, Schluss jetzt mit dem Vorspiel!«

»Oh ja!«, atme ich erschöpft aus.

»Oh ja! Endlich. Das wollte ich schon so lange mal machen!«, grinst sie, eingewickelt in die dicke Decke, während sie an mich gekuschelt auf der Rückbank des geschundenen Cabrios liegt und wir unseren Füßen dabei zusehen, wie sie miteinander spielen. »Er wird mich hassen!«, kichert Trixi, und ich stolpere dabei gedanklich über die Kuriosität, dass ihr Mann vermutlich wesentlich wütender sein wird über das, was seinem Mercedes zugestoßen ist, als das was seiner Frau „zustieß“.

Sagen wir es mal so. Der Oldtimer und wir haben beiderseits unsere Spuren aufeinander hinterlassen. Unter anderem glänzt auf der Motorhaube immer noch Trixis Schweiß im Licht der Deckenbeleuchtung, während ich auf Trixis nacktem Po vorhin wiederum deutliche Abdrücke der Motorhaube des Mercedes erkennen konnte. Außerdem entstanden verschmierte Lippenstiftabdrücke auf der Heckklappe, vermutlich in jener Phase, als Trixi vornübergebeugt ihr Gesicht auf besagtem Fahrzeugbereich abgelegt hatte und ihre Energie in das alte, deutsche Blech zu schreien schien. Hierbei waren mir übrigens auch die roten Abdrücke der Motorhaube auf ihren nackten Pobacken aufgefallen. Hinzu kommen ein paar leichte Kratzer im Karosserielack, sowie einige blaue Flecken. Außerdem sollte noch der Außenspiegel erwähnt werden, den Trixi bei ihrem letzten Höhepunkt abgerissen hatte und den sie inmitten meiner Umarmung immer noch in der Hand hält, als wäre sie bisher nicht in der Lage gewesen ihn loszulassen.

Doch ihre letzte Äußerung wirft eine Frage bei mir auf. »Und wieso dann genau heute?«

Sie drückt ihre verschwitzte Wange, auf der eine ihrer feuchten, roten Strähnen klebt, an mich und blickt ins Licht der Sterne über uns. »Weil man dir ansieht, dass du dieses Mal nicht wieder zurückkommen wirst.«

JACOBA

Kapitel 2

„HIER LÄUFT DAS ETWAS ANDERS AB“

»Welcome home, Mam« Vor einigen Jahren musste ich geschäftlich in die Vereinigten Staaten von Amerika reisen. Angesichts der Tatsache, dass es sich hierbei um einen dreiwöchigen Aufenthalt handelte, klingt es lächerlich, dass mir eigentlich nur ein Moment in Erinnerung geblieben ist. Dieser steckt dort dafür aber immer noch so fest, als könnte ich ihn wie einen Film in meiner Virtual Reality Brille abspielen.

Ich stand gelangweilt in einer endlosen Schlange vor den vielen Boxen der Einreisekontrolle. Meine Augen hatten so lange vergeblich nach etwas gesucht, das lohnenswert gewesen wäre zu verfolgen und waren hiervon derart müde, dass sie gerade dabei waren den Blick auf die weißen Kacheln des Bodens abfallen zu lassen, als eine Frau mittleren Alters, mit einem Pferdezopf aus wunderschönem, blondem Haar durch mein Blickfeld huschte und schließlich vor dem Schalter der Grenzpolizei zum stehen kam. Sie stellte ihre kleine Tasche ab, ein kleiner Junge hielt sich mit einer Hand an ihrer Hose fest und blickte nervös und ängstlich um sich, während sie ihren Reisepass durch das Fenster zu dem uniformierten Mann hinter der Scheibe durchreichte. Dieser prüfte, was sie ihm soeben gegeben hatte, lehnte sich dann nach vorne, grinste den kleinen Jungen an, der pflichtbewusst, seinen Teddybär im Arm hielt und händigte dessen Mutter anschließend die Dokumente aus. Es folgte ein üblicher Vorgang, den ich nie als herausragend wahrgenommen habe. Doch wie so oft fallen einem Besonderheiten erst als solche auf, wenn man damit aufhört, sie als Selbstverständlichkeit anzusehen.

Damals sagte der Grenzschützer zu dem Kind und seiner Mutter »Welcome home.«, hier läuft das etwas anders ab. Spartanischer, etwas weniger freundlich und das obwohl ich extra das große rote Kreuz auf meinem weißen T-Shirt trage, um das sich eine Schlange windet und das ihnen hier allen zeigen soll, wie wertvoll ich für sie bin.

»Name?«, knurrt die bildhübsche, französische Grenzschützerin, die mit kalter Mimik in dem modernen, gläsernen Schalter am Anfang der Abflughalle und der Boardingterminals sitzt.

»Jacoba Chang«, antworte ich der Dame hinter der Plexiglasscheibe und blicke in der verdunkelten Oberfläche vor mir in mein eigenes Spiegelbild.

Ich stehe mit dieser Ansicht alleine da, aber ich finde ja, dass man mir meinen Vornamen eher ansieht als meinen Nachnamen. Vor mir trug meinen Vornamen bereits meine Großmutter. Sie war das kleine Mädchen eines großen Häuptlings, der aus seinem Reservat im kanadischen British Columbia heraus eine weiße Regierung erpresste, die glaubte auf seinem Grund und Boden Öl gefunden zu haben. Rückblickend sagte er immer, er gewann die Rebellion gegen die Regierung und verlor am Ende dann doch noch gegen die Weißen. Denn die Regierung bezahlt vermutlich heute noch, um Öl zu finden, das es nicht gibt, aber blöderweise verlor er seine ganz persönliche Rebellion gegen seine weiße, blonde Frau, in die er sich verliebt hatte und die seinen Aufstand gegen ihre Namenswahl für die gemeinsame Tochter mit eiserner Faust niederschlug. Seit dem hieß ihr kleines Mädchen Jacoba. Sie war eine Wanderin zwischen den Welten, so wie ich. Eine Eigenschaft die mich so sehr ausmacht, dass man es mir sogar ansehen müsste. Finde zumindest ich. Die meisten bestehen aber darauf, dass man mir lediglich meinen Nachnamen ansieht, was ich stur ignoriere. Jene Sturheit verdanke ich übrigens meinem Vater.

Bevor Tao Chang diese Eigenschaft einst aus der südchinesischen Provinz mitgebracht hatte war er zuvor ein Jahrzehnt als Wanderarbeiter durch die Welt gezogen. Er hatte für chinesische Unternehmen den bisher letzten Versuch einer neuen Seidenstraße vorangetrieben. Er hatte jahrelang in überfüllten Bruchbuden mit Schimmel an den Wänden, Seite an Seite mit verschwitzten Arbeitern geschlafen. Er hatte sein Geld stets in die Heimat geschickt, wo sein fauler Bruder davon lebte und sich mehr schlecht als Recht um die gemeinsamen Eltern kümmerte.

In Dubai errichtete er einige Jahre lang für deutsche Ingenieure architektonische Träume. Hier konnten sie sich austoben. Hier kümmerte sich niemand um Arbeitssicherheit oder Personalkosten. Je wahnwitziger die Idee, desto größer das internationale Ansehen und die Chance auf eine Baugenehmigung. Die Projekte übertrumpften sich gegenseitig in ihrem Wahnsinn. Wenn Tao Chang nachts beim Einschlafen in den engen Baracken mal nicht mit seinen Armen an einen Nebenmann stieß, wusste er, dass nur deswegen mehr Platz im Zimmer war, weil an diesem Tag wieder einer seiner Kollegen von der Tiefe unter den wackligen Gerüsten verschluckt worden war. Offiziell hatten diese Arbeitskräfte gekündigt, deren Plätze nachts frei blieben. Und Tao Chang glaubte diese Lüge, weil er am nächsten Morgen sonst vor Angst nicht wieder auf eines der wankenden Gerüste hätte steigen können. Er glaubte diese Lügen bis an jenen Tag, als er zusammen mit dem Vorarbeiter weit hinaus auf einen der unteren Gerüstarme klettern musste, um den verdrehten Körper eines Arbeiters zu bergen, der von weit oben in die Tiefe gestürzt war. Ab diesem Tag konnte Tao Chang kein Gerüst dieser Welt mehr betreten.

Ich kann mich an eine Szene erinnern, an dem mich meine Mutter vom Kindergerüst retten musste, weil ich nicht in der Lage war, es selbstständig zu verlassen und meine Vater nicht in der Lage war es zu betreten.

Tao Chang hatte einen Traum und ein Konto. Und da dieser Traum größer als das Konto war, heuerte er bei der Armada an und fischte von nun an für die chinesische Handelsmarine. Er stank immer nach Fisch. Es war teilweise so schlimm, dass ihm übel wurde, wenn er morgens erwachte und seinen eigenen Geruch wahrnahm. Dieser Gestank hielt jedoch nicht die somalischen Piraten davon ab, ihn mitsamt der gesamten Besatzung seines Fischerbootes zu entführen. Irgendwo an der Küste Ostafrikas wurden sie einen Monat lang in Wellblechhütten gehalten wie Hunde. Sie wurden erst wieder freigelassen, als man begriffen hatte, dass niemand für sie Lösegeld bezahlen wird. Menschen gehörten in der Volksrepublik seiner Jugend nun einmal nicht zu den wertvollen Rohstoffen des Landes.

Entlang der Neuen Seidenstraße wurde er verachtet und nachts auf dem Heimweg angegriffen. In den Emiraten hatte einer wie er die größte Bedeutung, wenn er am besten vor einem Fernsehteam vom Gerüst stürzte und am Boden aufplatzte wie eine Melone. Zumindest für die Presse. Die Afrikaner hassten ihn als einen Räuber ihrer Meere. Er hatte sein Leben lang nach Schweiß gestunken. Nach Schweiß oder Fisch. Manchmal war es nicht einmal sein Schweiß gewesen, sondern der jener Arbeiter, mit denen er in der immer selben versifften Wohnung auf fleckigen Matratzen schlief. Doch Tao Chang hielt durch, denn er hatte wie gesagt einen Traum.

Ein Traum, der größer war als eine Matratze für sich alleine. Er war 34 Jahre alt, als er schließlich in Vancouver von einem großen Containerschiff stieg und er war 35 Jahre alt, als er sein eigenes Restaurant eröffnete. Wieder roch er nach Fisch, doch schnell zog dieser Geruch die Einwohner der Küstenmetropole in seinen Bann. Sie stürmten sein kleines Restaurant. Weil er sich trotzdem erst einmal nicht mehr Verkaufsraum leisten konnte, investierte er in eine große Flotte aus blauen Vespas, mit denen Studenten für ein paar Dollar seine Speisen in die ganze Region fuhren. Manchmal fuhr er sogar selbst, den er liebte seine Vespas.

Als er meine Mutter zum ersten Mal sah, tanzte Sarah Alba mit Federn im Haar um ein Feuer. Am Ende seiner Navigationsroute stand Tao Chang verblüfft mit seinem vollbepackten Roller inmitten einer Horde von Indianern, die es nicht übers Herz gebracht hatten, den gefangenen Fisch zu töten und deswegen bei ihm vegetarische Frühlingsrollen bestellten. Sarah Alba bezahlte für die große Runde und ließ ihn anschließend einfach nicht wieder gehen. Gegen Mitternacht tanzte er ebenfalls um das Feuer, kurzzeitig ging auch mal seine Hose in Flammen auf. Ironischerweise als er versuchte Sarahs Anweisungen zum Regentanz Folge zu leisten. Von da an belieferte er die freundlichen Indianer regelmäßig, was sich auch im Verschleiß seiner Hosen wiederspiegelte und als er 36 Jahre alt wurde, brachte seine Ehefrau Sarah Chang die kleine Jacoba Chang zur Welt.

Wie gesagt, meinen Vornamen sieht man mir am meisten an. Die weichen, indianischen Gesichtszüge sind sonnengebräunt, die Augen dunkel, am Ansatz erkennt man inzwischen wieder das tiefe Schwarz meines Haars. Meinen Nachnamen kann man hingegen nur spüren. Und zwar immer dann, wenn chinesische Disziplin und Ausdauer sich wie die Flut auch den stärksten Felsen vornimmt und zerbröselt. Stück für Stück.

Ich streiche mir die Strähne meiner grellen, pinkfarbenen Haare aus dem Gesicht und klemme sie mir hinter mein rechtes Ohr, damit die schlecht gelaunte Französin keine Schwierigkeiten damit bekommt mein Gesicht mit dem Passbild abzugleichen. Ich stehe immer noch am Schalter der Einreisekontrolle vom pompösen Raumfahrtbahnhof Europa, eine Fahrstunde entfernt von Marseille. Inzwischen habe ich den Rucksack von meinem Rücken genommen und ihn so herum aufgesetzt, dass seine Tragegurte zwar wieder über meinen Schultern liegen, der Rucksack nun aber auf meinen Bauch liegt. So kommt man meiner Erfahrung nach an Ticketschaltern und Einreisekontrollen besser an all die Taschen und Dokumente im Rucksack.

»Was ist der Grund Ihrer Reise nach Aliéni?«, werde ich nüchtern von der Grenzschützerin ausgefragt.

Seltsam, dass ich mich gerade in diesem Moment dabei ertappe, wie ich das kleine Plüsch-Äffchen in meiner linken Hand halte und sein Bäuchlein mit meinem Daumen massiere.

Vermutlich weil ich nicht schnell genug antworte konkretisiert die Französin ihre Frage, bevor ich etwas sagen kann. »Beruf?« Sie sieht mich nicht an, sondern spricht stattdessen genervt mit meinem Reisepass.

»Krankenschwester«

»Entsendet von...?«

»Ärzte ohne Grenzen«

Erst jetzt blickt die Soldatin auf und scannt mich mit ihren müden Augen von oben bis unten, bricht diese Überprüfung aber schnell ab, ohne erkannt zu haben, dass sie soeben angelogen worden war. Aber sie musste nicht wissen, dass ich von einer der größten Anwaltskanzleien der Welt gesandt worden war. In solchen Fällen reise ich immer legendiert. Die Leute nerven einen einfach mehr, wenn sie wissen, dass man soeben ermittelt, wer hier Scheiße gebaut hat. Und je größer besagter Scheiß ist, desto anstrengender sind besagte Leute. Der Streitwert liegt in diesem Fall bei einer ganzen Stadt, daher halte ich mich solange bedeckt wie irgend möglich.

»Wo ist Ihre unterschriebene Verzichtserklärung?« Nochmals blättert sie meinen Reisepass durch, vermutlich um sicherzugehen, dass sie den kleinen Zettel nicht übersehen hatte, klappt das Dokument aber schnell zu, als ich die geforderten Unterlagen wortlos unter der Scheibe ihres Schalters zu ihr durchschiebe.

Die Dame legt meine Verzichtserklärung auf eine Glasscheibe, die kurz danach aufleuchtet, weswegen ich davon ausgehe, dass da gerade eine digitale Kopie angefertigt wurde, dann gibt sie mir meinen gefälschten Zettel zurück und sieht mich fragend an. »Wissen Sie wohin Sie müssen?«

»Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir den Weg zu einem...«

»Also nein.«, unterbricht sie mich genervt, während ich eine Boardkarte des Kreuzers aufklappen wollte, um sie darum zu bitten, mir auf dieser den Weg zu meinem Quartier in dem fliegenden Koloss zu zeigen. Meine Karte bleibt halb geöffnet, während ich überlege, ob ich nicht einfach gehen sollte, um die knurrige Soldatin nicht ganz auf die Palme zu bringen.

»Das medizinische Personal ist im Hemmingways untergebracht.« Verschwörerisch lehnt sich die junge Soldatin nach vorne und flüstert »Is’ das reinste Bordell. Pass’ bloß gut auf dich auf. Die Ärzte dort sehen euch Krankenschwestern da als so ne Art Frischfleisch an. Halt’ dich von den Willkommenspartys fern. Wir nennen das die Rapeseason, weil wir danach die ganzen Anzeigen aufnehmen müssen.«

Als habe sie mir gerade kulturelle Besonderheiten erklärt, fährt sie plötzlich fort mit »Arbeiten werden Sie auf Aliéni im Mutter-Theresa-Hospital im russischen Viertel. Ein eskortierter Konvoi fungiert als Shuttle und bringt Sie zu ihren Schichten. An manchen Tagen pünktlicher an anderen später. Bringen Sie Zeit mit, wenn die Amerikaner dran sind den Konvoi zu stellen.«

Ob die Französin, die wohl russische Vorfahren zu haben scheint, mir das auch so gesagt hätte, wenn ich eher nach meiner nordamerikanischen Heimat aussehen würde, als nach meiner chinesischen? China, die USA und Russland traten sich zwar immer noch gelegentlich auf die Füße, aber die kriegerischen Zeiten waren zum Glück vorbei. Einzelne Sticheleien bleiben aber wohl für immer.

»Hallo?« zischt sie mich trotz unserer neugewonnen Vertrautheit an und reißt mich damit aus meiner kleinen Denkpause. »Sie müssen da rüber!« Die Armeeangehörige deutet mit ihrem Zeigefinger zu einer Art überdachtem Platz, der übersät ist mit Kisten, wartenden Menschen, dampfenden Bussen und Bergen von Gepäck. »Von da gehen alle 50 Minuten die Shuttles zu den Startrampen. Sie werden es nicht verfehlen können. Die Raketen nach SolarCity sind kaum zu übersehen.«

»Dankeschön.« Außerdem deute ich dabei eine Verbeugung an, bei welcher ich meine Hände betend vor meinem Gesicht zusammenführe. Sollen ruhig alle denken, ich wäre Chinesin. Dann drehe ich mich um, nehme mein Gepäck und gehe mit ruhigen Schritten zu dem Busbahnhof. Und zwar langsam, weil ich besagte Raketen am Horizont dann halt wohl doch irgendwie übersehen konnte. So wie ich das verstanden habe starten hier und an drei anderen Raumfahrtbahnhöfen auf der Welt sogenannte „Pilums“, das sind hohe, schmale Raketen, die an einen Speer erinnern, der zur Sonne geschleudert wird. Diese Pilums bringen Waren und Menschen aller Bahnhöfe nach SolarCity, einer fliegenden Raumfahrtstation voller Lagerräume, Hotels und anderen Möglichkeiten, Menschen und Waren zu versorgen, die auf die großen Sternenkreuzer warten, welche zwischen Aliéni und SolarCity hin und her pendeln.

»Halten Sie sich von den Ärzten fern!« brüllt mir die russische Französin hinterher.

Ich winke Richtung Schalter der Einreisekontrolle um der Grenzschützerin klarzumachen, dass ich sie verstanden habe, drehe mich dann um und stürze zu Boden.

Der schwarze Asphalt kommt rasant näher, wie in einem Film, der mit einer dieser verwackelten Handkameras gedreht wurde. Irgendwas blockiert meine Beine, die können mich also nicht mehr abfangen. Ich reiße meine Hände zum Schutz nach oben vor mein Gesicht, als der Amateurfilm vor mir auf einmal zum Stehen kommt. Zwei Hände umfassen meine Taille, mein Po berührt etwas, das ich nicht zuordnen kann. Dann werde ich in den starken Armen umgedreht und finde mich in der Umarmung eines großen, muskulösen Mannes wieder. Glitzernde, blaue Augen funkeln mich an, das längere, schwarze Haar ist zur Seite gegeelt und das Gesicht mit den weichen Zügen glatt rasiert.

»Danke.«, hauche ich im Affekt.

»Gerne.« grinst das Kraftpaket und ich merke an allen Stellen, an denen unsere Körper aufeinanderliegen seine definierte Muskelmasse. Mein Rücken, der in seinem Unterarm liegt, mein Bauch, der sich von seinem nach hinten wölbt. Sie alle sagen mir, dass der Kerl mich ewig halten könnte. »Ich bin Jacoba.«

Leichte Grübchen bilden sich auf seinen Wangen, als seine Lippen sich zu einem Lächeln formen. »Hi, ich bin Sven. Dr. Sven Bright.«

Und ich bin begeistert. Na also. Dann gibt es ja doch hochanständige Ärzte.

FENN

Kapitel 3

„ACH, FENN...“

»Was soll das heißen, du bist in Berlin, Fenn?«

Ich beschließe, für den Rest des Gesprächs etwas Distanz zwischen dem Mobiltelefon und meinem Ohr aufzubauen.

»Sie haben unsere Türe eingetreten!«, versuche ich mich zu rechtfertigen.

»Ach, Fenn...«, rügt mich die herablassende Frauenstimme wie ein kleines, dummes Kind, das gerne mal zur Übertreibungen neigt und deswegen umgehend zur Wahrheit ermahnt werden muss.

Es fällt mir schwer ruhig zu bleiben, aber trotzdem schließe ich irgendwie die Augen, atme durch und zähle leise bis zehn, so wie es der Ratgeber „Du kannst sie nicht alle töten“ empfiehlt. Die nette Hellseherin in Shanghai meinte damals, mein Krafttier wäre der Tiger. Ein gewaltiges Biest, das mit seinen gewaltigen Tatzen sämtliches Unheil von mir abhalten könne. Ich frage mich, wo dieses dumme Vieh war, als ich die Frau am anderen Ende der Leitung geheiratet habe!

»Ich meine es ganz ernst!«, versuche ich mich mit neuer Kraft zu rechtfertigen. Und ich sehe es noch so klar vor mir, als wäre es gestern gewesen. Vermutlich weil es gestern war, als es plötzlich an unserer Tür im zehnten Stock des Wohnkomplexes so dermaßen gewalttätig geklopft hatte, als würde der TÜV aktuell sämtliche Haustüren des Wohnblocks einem Stresstest unterziehen. Schon vom Balkon aus hatte ich die zwei blauen Streifenwägen mit den neongelb leuchtenden LED- Bändern entlang der Konturen der Fahrzeuge gesehen und einen schwarzen BMW, der zwischen ihnen geparkt wurde. Anschließend waren zwei Typen in Anzug aus dem BMW ausgestiegen, hinter denen die vier Streifenpolizisten in auffallend großem Abstand mehr oder weniger versuchten zu folgen. Ich konnte gerade erkennen, dass sie zehn Stockwerke unter mir im Haupteingang meines tristen Gebäudes verschwanden, als ich im Vollsprint meine Wohnung durchquerte, auf Socken über die glatten Fließen des Treppenhauses rutschte und die Tasten aller Aufzüge drückte. Als ich auf den Displays über den Aufzugtüren sah, dass all die Fahrstuhlkabinen von oben kommen, wusste ich schon mal, dass darin keine Polizisten stehen würden, wenn sie sich gleich vor mir öffnen, denn die warteten ja alle im Erdgeschoss. Sollen sie doch ewig warten! Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zum ersten Mal in all dem Schock das Gefühl, dass ich es hier raus schaffen könnte. Die vier Türen öffneten sich nahezu gleichzeitig. Gleißendes Licht schwappte aus den Kabinen der Aufzüge in das dunkle Treppenhaus. Ich krallte mir einen der Blumenkübel und blockierte damit die eine Tür, mit dem hastig zusammengeknüllten Türvorleger die andere. In einen Türspalt lehnte ich einen Schirm und in die letzte Tür stieß ich gerade noch rechtzeitig mit dem Fuß einen anderen Blumenkübel, bevor die Tür sich schloss, um meine Verfolger zu mir zu bringen.

Die Aufzüge waren endlich blockiert! Es würde ein paar Minuten dauern, bis man im großen Foyer im Erdgeschoss merkte, dass keiner der gerufenen Aufzüge kommen werde und dann würde es ein langer Aufstieg werden bis in das 10. Obergeschoss. Meine Zeit hatte begonnen abzulaufen, aber ich hatte ihr ein paar Minuten abgetrotzt und ich hatte nicht vor, auch nur eine davon zu verschwenden.

Seit den Wahlen hatte ich einen Rucksack gepackt. Einen dieser Rucksäcke, für die man in Friedenszeiten belächelt und im Krieg beneidet oder umgebracht wird. Diesen zerrte ich trotz aller Vorbereitung in panischer Hektik aus seinem Versteck hinter dem Schrank und flitzte dann zu unserer Tonne für Altpapier. Dann griff ich mein Mobiltelefon, mein Portemonnaie und entschied mich für meine Lieblingsjeans, mein Lieblingsshirt, mein Lieblingshemd, meine Lieblingsschuhe und eine knallgelbe Jacke. Eigentlich hasste ich das Ding, weil der Reißverschluss alle paar Zentimeter auf seinem Weg hakte, aber mir war gerade eingefallen, was sie alle lachend gesagt hatten, als ich dieses Mistding zum ersten Mal stolz ausgeführt hatte. »Du siehst darin aus wie ein Briefträger.«

»Hey du, wohnt hier ein Fenn Kaspar?«

Ich weiß noch, wie ich mich umdrehte und in die Gesichter all dieser Leute im Flur blickte. Zuerst war da dieses fleischige Gesicht des ebenso fleischigen Kerls im Anzug, der mich angesprochen hatte. Er war eindeutig einer dieser lauten Menschen. Jemand, der scheinbar seit seiner Geburt permanent Angst hat, im Brutkasten liegen gelassen zu werden und deswegen einfach immer zu schreien scheint. Dann war da sein Kollege, ein krasser Gegenentwurf. Nahezu eingefallene Gesichtszüge, ein scharfer Blick, eine drahtige Figur, im schlimmsten Fall ein völlig fanatischer Triathlet, der vermutlich schneller bis zu irgendeiner einsamen Insel schwimmt, als ich da hinfliegen könnte. Er hielt sich im Hintergrund und war ruhig, ein weiterer Punkt, der mir Sorgen machte. Hauptsächlich beunruhigte mich aber die Tatsache, dass seit dem Antritt der neuen Regierung immer mehr Menschen verschwunden waren, nachdem sie Besuch von genau dieser Art von Mensch erhalten hatten. Politische Kommissare.

»Sorry?«, antwortete ich, während ich mit der einen Hand meine Kopfhörer aus den Ohren pfriemelte und versuchte mit der anderen das große Paket zu balancieren.

»War ja klar!«, lächelte der fette Anzugträger um sich, blickte dabei hauptsächlich in peinlich berührte Gesichter der Streifenpolizisten und brüllte mich plötzlich noch lauter an, als davor, wurde dafür aber immer langsamer. »Verstehst - du - meine – Sprache?«

Erst als ich »Ja, klar!« zurückgab, kam der Mann wieder in seine normale Aussprache zurück.

»Was ein Glück! Wohnt hier ein Fenn Kaspar?«

»Laut Klingelschild schon.«, bestätigte ich und deutete mit einem Finger, den ich beim Tragen des Pakets entbehren konnte, auf mein eigenes Klingelschild. »Scheint aber nicht da zu sein, ich klingele schon seit fünf Minuten.«, erklärte ich und drehe mich Richtung Treppe. Beim Umdrehen lies ich meinen Blick über die Aufzüge schweifen und stellte erleichtert fest, dass ich keine der Blockaden vergessen hatte zu entfernen und die Aufzüge inzwischen alle wieder in ihren Schächten unterwegs waren.

»Halt!«, donnerte die Stimme mir von hinten entgegen.

Ich stand schon, weit bevor ich meinen Füßen das überhaupt auftragen konnte und drehte mich so voller Angst um, dass ich mir wünschte eine zusätzliche Hose eingepackt zu haben.

Das fleischige Gesicht blickt in das Display seines Mobiltelefons und betrachtet mein Personalfoto, dann klappen seine Augen plötzlich zu mir hoch, mir gefriert der Atem und seine Blick tastet mich ab. Von der Mütze, einem Werbegeschenk unserer Post, hinab zu den Augen, in die ich die blauen Kontaktlinsen eingesetzt hatte, die Nena mich immer zwang anzuziehen, wenn sie wieder mal wuschig war. Seine Augen wanderten weiter zu meinen Wangen, von denen ich schweren Herzens, in all der Eile, meinen blonden Vollbart abrasiert hatte. Verletzungsfrei und in einer überraschenden Perfektion. Dann schweifte sein Blick noch über das Paket in meinen Händen und die gelbe Jacke auf meinem Körper.

»Gut, verpiss dich.«

Du dreckiger Bastard! Vor diesen elendigen Wahlen warst du gar nichts. Nichts, als einer dieser kleinen Köter, die wissen, wie klein sie sind und nach allem schnappen, das ihnen Angst macht. Du warst nichts und jetzt nimmst du mir alles.

»Ich hab gesagt, du sollst dich verpissen!«, grinste mich der Politische Kommissar mit glänzender Stirn aus einer Stärke heraus an, die allein auf die Rückendeckung jener Polizisten beruhte, die soeben hinter ihm genervt die Augen verdrehten, oder sich beschämt abwendeten.

Ich gehorchte und schwor mir, dass das zum letzten mal sein würde. »Jetzt darf ich die ganze Scheiße wieder runtertragen!«, grummelte ich, hieb demonstrativ mein Paket etwas an, indem ich meinen Rucksack versteckt hatte, machte auf dem Absatz kehrt und schaffte die ersten Stufen nach unten.

»Tja, Augen auf bei der Berufswahl.« hörte ich noch hinter mir, zusammen mit dem Gekicher des Fetten, während ich mit immer schneller rasendem Herz Stufe um Stufe hinabstieg.

Das letzte, das ich hörte war »Na dann schauen wir mal.« Dann flüsterte jemand »Hier ist der böse Wolf.« und dann erschallte ein lautes Lachen, welches mich auf dem Weg nach unten sogar überholte. Dieselbe Stimme sagte dann noch »Lasst es krachen.« und schon tat es drei Schläge, bei deren letztem meine Haustüre kläglich kollabierte und hörbar in sich zusammenbrach.

»Du übertreibst, Fenn! Ich weiß, dass du Angst davor hattest, dass sie gewählt werden, aber so schlimm sind die nicht!«

»Dein Onkel hat gesagt, ich bin der Erste, den er an die Wand stellt, wenn sie endlich wieder das Sagen haben und anscheinend hat er eine geeignete gefunden!«

»Ach, Fenn. Dass du das immer so ernst nimmst. Dass du dich an sowas überhaupt erinnern kannst.«

»Das war an unserer Hochzeit!«, schreie ich entsetzt über so viel Naivität in den Hörer. Ich erinnere mich an unsere Feier, an diesen besoffenen radikalen Bastard, der meinen Wein trank, meinen Flammlachs aß und mir grinsend den Tod versprach, während nur ich in dem kichernden Volk um mich herum bemerkte, wie ernst er das gerade meinte. Ich erinnere mich und werde wütend.

»Das hat er doch gar nicht so gemeint!«

Ich frage mich allmählich, ob diese Frau schon so dumm war, als ich sie geheiratet habe. »Woher wussten die überhaupt, dass ich daheim bin?«, frage ich mich und das Telefon in meiner Hand. »Ich habe niemandem erzählt, dass ich heute Bauch, Beine, Po schwänze. Nur dir, aber...«

Wieder denke ich an meine Hochzeit, aber dieses mal werde ich nicht wütend, denn wütend würde nicht ausreichen, um loszuwerden, was in mir tobt. »Du verdammtes Biest!«, schreie ich in den Hörer.

Ich höre noch ein »Fenn!«, als ich den Anruf und damit meine Ehe beende. Erst dann lasse ich all meine Wut, all meinen weltumspannenden Zorn an meinem Mobiltelefon aus und werfe es in den Fluss neben mir, nachdem ich einsehen muss, dass ich das verdammte Drecksding nicht zerbrechen kann.

Meine Ahnen hatten in der Vergangenheit leidenschaftlich gerne Krieg geführt. Sie hatten ihre Nachbarn überfallen, zerstört, was diese lange aufgebaut hatten, geplündert, was diesen gehörte und vergewaltigt, wen diese geliebt hatten. Sie hatten gestohlen, sich ihre Welt schön gelogen, Leichen gefleddert und sich fleißig damit beschäftigt, ganze Ethnien auszurotten. Ich bin kein Teil dieser Vergangenheit, sondern ein Teil der Gegenwart, deswegen muss ich mich für die Vergangenheit nicht schämen. Aber ich muss mich für die Gegenwart schämen. Dafür, dass meine Heimat wieder in den Händen solcher Arschlöcher ist, die Ruhm und Glorie auf dem Elend anderer aufbauen wollen, weil wir ja die tollste aller Rassen sind. Es sind die selben Versprechungen wie damals, dieselben Parolen und derselbe Ton. Wieder wird es keiner merken, wieder wird sich keiner auflehnen und wieder wird danach niemand schuld sein.

Ich bin groß geworden in einem Land, indem man seine Meinung sagen darf. Das Land hat sich in dieser Hinsicht vielleicht verändert, ich aber nicht. Und das ist der Grund, wieso seit heute mein gesamtes Leben in diesen Rucksack passt. Wieso setzt sich immer das Extrem durch? Wieso können Menschen nicht einfach miteinander leben? Dafür, dass der Mensch alleine nicht überleben kann, geht er mit Gesellschaft echt verdammt schlecht um.

»Bonjour, Monsieur Stark.«. Die junge Frau, mit dem schwarzen glatten Haar und dem weißen Polohemd, das ihre gebräunte Haut hervorhebt, grinst mich freundlich an.

Wer hätte gedacht, was man mit einem Ehering alles machen kann? Ich zum Beispiel habe mir damit ein ganz neues Leben gekauft. Das Leben des Manuel Stark. Und dieser Manuel Stark ist ganz sicher nicht in Berlin. Sollen sie doch diese gesamte Scheißstadt nach mir absuchen.

»Herzlich willkommen am Raumfahrtbahnhof Montpellier.«, sagt die junge Französin lächelnd. »Sie sollten jetzt zum Boarding gehen, sonst verpassen Sie Ihren Flug.«

Sie trägt am ganzen Körper weiß und das passt. Immerhin sind wir hier an einem Hafen. Gut, es ist ein Weltraumhafen, aber trotzdem strahlt er all diese Hoffnung aus, schon bald all den Dreck hier gegen ein weißes Papier eintauschen zu können. Ein weißes Papier, eine leere Seite, die beschriftet werden möchte. Der monströse Eingang vor mir führt in einen gläsernen Palast, der einer Hand ähnelt, von der aus fünf Finger hinaus führen in die gleißende Wüste von Südfrankreich. An jedem Ende dieser Finger warten die Startrampen der Raketen, mit denen wir nach SolarCity davonfliegen werden. Das Meer ist gar nicht so weit weg und es wirkt sogar noch näher, da man mehrere Gräben um den Bahnhof gezogen hatte, die mit dem salzigen Wasser der Küste geflutet wurden, um die Startrampen überspülen zu können, falls Feuer ausbrechen sollte. All diese, in der Sommersonne glitzernden Flüsse um uns herum verleihen dem ganzen Raumfahrtbahnhof hier die Atmosphäre einer Oase mitten in der Wüste. In den fingerartigen Terminals, filigranen Gebäuden aus Stahl und Glas, gibt es Lounges mit weichen Sesseln, Restaurants mit Aquarien voller edelster Meeresfrüchte, Boutiquen für Schweizer Uhren und Parfums aller Arten, sowie Bordelle voller Spiel und Spaß, doch ich will nur an einen Ort. In eine dieser Raketen und hinweg von dieser Erde, die mich so anwidert.

Ich trage mein wunderschönes, rotes Hemd, mit den weißen Blüten darauf, als wäre es mein letzter Protest gegen all die Dunkelheit, die am Horizont schon längst heraufgezogen ist. Mein blondes Haar ist zu einem Zopf zusammengebunden und mein Nackenkissen in Form eines lila Elefanten ist aufgepumpt und bereit für etliche Stunden Flug. Die getönte Pilotenbrille verdeckt meine Tränen, als ich ein letztes Mal auf diese Welt blicke, die ich vermutlich nur deswegen gerade so hasse, damit es mir leichter fällt, sie gleich zu verlassen. Und das vermutlich für immer.

JACOBA

Kapitel 4

„KABINE 2.151“

»Setz dich, Jacoba.« Wir befinden uns inzwischen in einem Shuttle der Linie 4 und ich setze mich in einen Sitz der hinteren Reihe des Busses. Es ist schon seltsam, denke ich mir als ich mich auf der verschlissenen Sitzfläche niederlasse, die in diesem Moment kleine Teile ihrer wolkenhaften Füllung ausspuckt. Während der gesamte Busbahnhof mit all seinen Glasfassaden glänzt wie ein Eispalast und das nur noch übertroffen wird von dem edlen Marmor in den Waschräumen, den goldenen Armaturen, dem Parfüm in der Luft und den Wasserfällen, die im Bahnhof die Scheiben nach unten gleiten, um dort in die vielen Kanälen aus Meerwasser einzutauchen sind diese Busse die reinsten Wracks. Es dauert ein wenig bis ich verstehe wieso. Vermutlich rechnet man jederzeit damit, dass eine dieser Raketen mal nicht startet und hier alles in Flammen steht. In diesem Fall würde man wohl die Schleusen der Kanäle öffnen und ruckzuck alles unter Wasser setzen. Dann wäre zwar ganz schnell alles gelöscht, die Busse wären dann aber hin, weswegen man sich wohl für diese Seelenverkäufer entschieden hat.

»Hast du dich verletzt?«, fragt mein Retter und streicht mir mein pinkfarbenes Haar hinter mein linkes Ohr.

»Nein, nichts passiert. Mir geht’s gut.«, grinse ich ihn verlegen an.

Er scannt mich mit seinen angestrengt zugekniffenen Augen, während er vor mir steht. Dann nimmt er links neben mir Platz, auf dem Sitz, der in den Gang des Busses zeigt.

»Bist du sicher?«, er wirkt besorgt, weswegen ich schnell beruhige.

»Quatsch, alles gut. Ich bin ja nicht mal richtig hingefallen.« Ich kichere gelassen.

»Bist du wirklich sicher?« Meine Gelassenheit verschwindet, mit seiner Hand, die auf meinem Oberschenkel auftaucht.

»Also ich glaube das bedarf einer genaueren Untersuchung.« Sein Lächeln ist vielsagend, ich weiß nur nicht, ob mir gefällt, was es zu erzählen hat.

Ich nehme seine Hand und lege sie ihm auf seinen eigenen Oberschenkel. »Absolut sicher. Kein Bedarf. Aber danke.«

»Hey, ich weiß was ich tue, immerhin habe ich den Körper studiert.« Er findet seinen Witz wohl unheimlich amüsant und rutscht mit funkelnden Augen und glucksenden Lachgeräuschen näher an mich. Und wieder ist da diese verdammte Hand!

»Nein danke, Onkel Doktor!«, zische ich geladen wie eine Viper.

Und er raunt »Sehr schön, ich liebe diese Spielchen!«

Ich verstehe nicht wie man so sein kann. Ich habe seine Finger jetzt schon so oft von meinen Oberschenkeln weggeführt, dass die Bewegung allmählich von meinem Muskelgedächtnis in Standardrepertoire aufgenommen wird. Was soll ich denn bitte noch tun, damit auch Dr. Bright endlich versteht, dass es reicht?

»Dr. Bright?« ermahne ich ihn, was in meiner Freundlichkeit aber eher wie eine nett gemeinte Frage klingt. Ich hasse mich für den Klang meiner Stimme. Am liebsten würde ich diesem Arschloch seine Hand abhacken und doch bekomme ich diese Wut einfach nicht in meine Stimme gepackt.

»Merke dir einfach Sven und Kabine 2.151.«

Ich ziehe meine Schulter voller Ekel nach oben, damit er sich mit seinen Lippen nicht an mein Ohr annähern kann.

Flüstern tut er trotzdem. »Nenne mich doch bitte Sven.«

Ich spüre seinen Speichel auf meinem Ohr und seine Finger, die nun an meinem anderen Arm nach unten streichen. Ich bin so in mich zusammengesackt, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie er seinen Arm erst auf die Lehne und dann um mich gelegt hatte. Ich fühle mich klein und nichts funktioniert, um hier rauszukommen, doch das Schlimmste ist, ich weiß nicht, ob ich diesen Scheißhaufen hassen soll, oder mich, weil ich so unfähig bin, ihn aufzuhalten.

Seine rechte Hand gleitet über meinen Arm wieder nach oben und legt sich in meinen Nacken. Während ich meinen Kopf von ihm abwende, manövriert er meinen Kopf mit festem Griff zu sich. Sein Gesicht ist so nahe, dass ich seinen Atem rieche. Was vorhin noch verführerisch roch, widert mich nun an. Ich hoffe, es wird gleich so schlimm, dass meine Reflexe übernehmen und ich ihm einfach ins Gesicht kotzen kann, da hält er plötzlich inne.

»Sven, Sven!« nähern sich männliche Schreie. Der Halbgott in weiß wendet seinen Kopf von mir ab und schielt mit seinen kalten, blauen Augen den Flur des Busses entlang. Ich habe das Gefühl einen Hauch Verwirrung in seinem Blick zu erkennen. Da ruft jemand seinen Namen in einem Bus, der quasi auf das Ende der Welt zusteuert. Das ist also kein Ort, an dem man einfach mal so zufällig seinem Cousin im Bus begegnet. Dr. Sven Bright dürfte also durchaus verwundert sein, aber nein. Sein Blick bleibt geschärft und seine Augen auf eine Art zusammengekniffen, welche in der neusten Ausgabe seines Lieblingsmagazins wohl gerade noch als sinnlich empfohlen wurde. Das weiß ich, weil es im Wartebereich der Einreisekontrolle nichts anderes zu lesen gab und ich daher diesen Schund nach ihm durchblättern musste.

Dr. Sven Bright dreht seinen Kopf nicht wieder zurück zu mir. Nein, er scheint gefangen zu sein von den Jubelrufen seines Namens. Besagter, extrem sinnlicher Blick entgleitet Dr. Sven Bright jedoch, als dieser schreiende, knallbunt gekleidete Typ auf ihn zugestürmt kommt. Der mutmaßliche Cousin des Doktors, der sich so sehr über dessen Anwesenheit freut, dass er wild herumschreien muss, überfordert meine Augen. Er trägt eine Jeans, darüber flattert ein rotes Hawaiihemd, auf dem entweder weiße Blüten oder die Entstehungsgeschichte irgendeiner Papageienart gemalt zu sein scheinen. Besagtes Hemd ist an den Ärmeln hochgekrempelt und nicht zugeknöpft, so dass es in seinem Sprint hinter ihm her weht, wie der Umhang eines aufgedrehten Superhelden. Er trägt einen blonden Dreitagebart und bändigt sein langes, blondes Haar mit einem dunkelblauen Bandana, das durch einen horizontalen, roséfarbenen Balken geteilt wird und nach hinten gebunden wurde. Außerdem umgarnt seinen Nacken ein lilafarbenes Nackenkissen, an dessen einer Seite ein Elefantenkopf angenäht wurde, der mir jetzt im Vollsprint seines Besitzers aufgeregt zunickt.

Wenige Meter vor uns lässt der Cousin des Arztes seinen Koffer mitten im Flur fallen und öffnet in voller Fahrt seine Arme und Augen. Die Kollision erfolgt. Das nächste an was ich mich aktiv erinnern kann ist, wie dieser Groupie auf dem Schoß des Arztes sitzt, dessen Kopf in seinen beiden Händen hält und ihn so inbrünstig auf die Lippen küsst, dass ich mir wirklich die Frage stelle, was für eine kranke Beziehung dieser Arzt zu seinen Cousins hat! Außerdem überlege ich mir Notizen zu machen, weil der Kerl scheinbar beherrscht was er da tut!

Lippen werden abgeleckt, es wird gestöhnt, der versaute Cousin greift in das schwarze Haar des Arztes und reißt dessen Kopf leicht nach hinten, um ihn noch sinnlicher in Grund und Boden zu küssen. Ich glaube da sogar mal eine Zunge zwischen den beiden Lippenpaaren aufblitzen zu sehen. Doch Dr. Sven Bright scheint über diesen Teil seiner Familie ähnlich schockiert zu sein, wie ich. Das sagt mir sein Blick, der nämlich auf einmal so gar keinem Life-Style-Magazin mehr entspricht - außer Kugelfische haben inzwischen auch eines.

»Sven!«, stöhnt der Cousin glücklich, lehnt sich nach einem bemerkenswert langen Kuss im Schoß von Dr. Bright leicht zurück und lässt seine Finger an den Schläfen des Arztes nach unten, über dessen Kinn, seinen Hals, seine Brust und seinen Bauch gleiten.

»Wieso warst du heute Morgen denn so schnell weg? Dass du schnell kommst, war mir bekannt, aber nicht, dass du auch genauso schnell wieder gehst.«

Der Cousin kichert derart schrill über seinen eigenen Satz, dass ich mich erst darüber amüsieren möchte, doch dann verschämt überlege, ob ich etwa auch manchmal in derart hohe Stimmlagen abrutsche. Ich halte die Klappe, weil ich Schlimmes befürchte, dafür findet aber jemand anderes seine Sprache.

»Was soll denn diese Scheiße?« Dr. Sven Bright verliert die Fassung. Und weil er vermutlich merkt, dass er damit reichlich spät dran ist, legt er auch gleich nach. »Und wer bist du schwule Sau eigentlich?«

»Sven! Was soll denn das?«