AD FLUVIUM - Patrick Jung - E-Book

AD FLUVIUM E-Book

Patrick Jung

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Beschreibung

Im vierten Jahrhundert nach Christus, der von uns heute so genannten Spätantike, war das Land westlich des Rheins römisches Provinzgebiet. So war es seit Jahrhunderten gewesen. Doch viel hatte sich geändert seit der Zeit der großen Kaiser, als Jahrzehnte des Friedens die Landschaften und Städte hatten erblühen lassen. Nun kamen die Germanen aus den Gebieten östlich des Rheins in immer größerer Zahl über den großen Strom, anders als früher aber nicht mehr nur als Handelspartner, billige Arbeitskräfte oder schlagkräftige Verbündete. Sie kamen jetzt auch als Räuber, Plünderer und schließlich sogar als Eroberer. Während gleichzeitig der neue Glaube an den einen Gott der Christen die alten Religionen mit ihrer Vielzahl an Göttern herausforderte, verschwammen im Laufe der Zeit die Grenzen zwischen Römern und Germanen immer mehr. Bauern, Händler, Handwerker, Soldaten und natürlich auch ihre Frauen und Kinder, lebten in diesen ereignisreichen Zeiten ihr alltägliches Leben. Das Gleiche galt ebenso für Banditen und Halsabschneider, Gauner und Gesetzlose. Über die Sorgen und Ängste, Leidenschaften und Probleme all dieser Menschen wissen wir heute nichts mehr. Aber wenn wir ihre Stimmen noch hören könnten, hätten sie uns viel zu erzählen. Von den Menschen "ad fluvium", am großen Fluss, dem Rhein, handeln die zwölf Geschichten in diesem Band.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Pa­trick Jung

AD FLU­VI­UM

Ge­schich­ten

von Rö­mern und Ger­ma­nen

Inhaltsverzeichnis

In­halts­ver­zeich­nis

Im­pres­s­um

Wid­mung

Vor­wort

Vor­re­de

Eine Un­zahl von Göt­tern

Ge­schäf­te

Am Bo­den des Brun­nens

Ger­ma­nen­jagd

Der Trank der Göt­ter

Ver­ges­sen

Die Ge­burt der Son­ne

Eis

Eis­gang

Al­lein

Iro­nie

Ein Gott

Impressum

Tex­te:

© Co­py­right by Pa­trick Jung

Um­schlags-/Co­ver­ge­stal­tung:

© Co­py­right by Pa­trick Jung

Ver­lag:

Dr. Pa­trick Jung

Dell­manns­weg 11c

45277 Es­sen

pa­[email protected]

Ver­trieb:

epu­bli – ein Ser­vice

der neo­pu­bli GmbH, Ber­lin

Mai 2021

Widmung

Für Cla­ris­sa, Jo­na­than, Jo­han­na und Jus­tus

Vorwort

Die­se Samm­lung von Ge­schich­ten, so kurz und tri­vi­al sie auch sein mö­gen, ist das Pro­dukt zahl­rei­cher Jah­re. Das Le­ben war lan­ge Zeit zu wich­tig, um das ein­mal be­gon­ne­ne Pro­jekt in­ner­halb ei­ner kür­ze­ren Zeit­span­ne ab­schlie­ßen zu kön­nen. So muss­te es erst zu zwei Um­zü­gen, ei­nem Stel­len­wech­sel, ei­ner Hei­rat und der Ge­burt von drei Kin­dern kom­men, bis es end­lich so­weit war.

Am An­fang stand eine sim­ple Idee: ein­mal aus­pro­bie­ren, ob ab­seits der täg­li­chen Ar­beit und dem oft ge­üb­ten Um­gang mit wis­sen­schaft­li­chen Tex­ten auch das Ver­fas­sen von »blo­ßen« Ge­schich­ten ge­lin­gen könn­te – ganz dem Bei­spiel der rö­mi­schen Ober­schicht fol­gend, de­ren An­ge­hö­ri­ge in ih­rer »frei­en Zeit« bis­wei­len ger­ne als Schrift­stel­ler di­let­tier­ten und da­bei mal ge­rin­ge­ren, mal grö­ße­ren Er­folg ver­bu­chen konn­ten.

Ver­fasst habe ich die ers­ten Tex­te in der alt­ver­trau­ten Bi­blio­thek des Phi­lo­so­phi­kums an der Main­zer Uni­ver­si­tät, zu Hau­se wäh­rend der spo­ra­di­schen »frei­en« Wo­chen­en­den und spä­ter in der El­tern­zeit, nicht zu­letzt auch in der wun­der­bar kre­a­ti­ven At­mo­sphä­re des Es­se­ner Un­per­fekt­hau­ses. Nun erst mer­ke ich, wie wich­tig der je­wei­li­ge ge­ni­us loci beim Schrei­ben doch ge­we­sen ist.

Zu dan­ken habe ich je­doch zu­erst und vor al­lem mei­ner Frau, die mir die not­wen­di­gen Frei­räu­me ein­ge­räumt hat und stets Ver­ständ­nis für die­ses Pro­jekt auf­brin­gen konn­te.

Es­sen, im Mai 2021

Vorrede

Das Land am lin­ken Ufer des nörd­li­chen Ober­rheins und das west­lich dar­an an­schlie­ßen­de Ge­biet bis zur Mo­sel, also das heu­ti­ge Rhein­hes­sen, die Nord­pfa­lz und der Huns­rück, wa­ren im 4. Jahr­hun­dert nach Chris­tus rö­mi­sches Pro­vinz­ge­biet. So war es seit über drei Jahr­hun­der­ten ge­we­sen, und noch im­mer gal­ten Städ­te wie Mo­gon­tia­cum (Mainz) oder Tre­ve­ris (Trier) als Me­tro­po­len des rö­mi­schen Le­bens. Doch die lan­g­an­hal­ten­den Frie­den­spe­ri­o­den un­ter den gro­ßen Kai­sern des Im­pe­ri­um Ro­ma­num ge­hör­ten in die­ser Zeit, die wir heu­te Spät­an­ti­ke nen­nen, be­reits der Ver­gan­gen­heit an.

Da­mals zog es Ger­ma­nen aus den von den Rö­mern nie be­setz­ten oder be­reits ge­räum­ten Ge­bie­ten öst­lich des gro­ßen Rhein­stroms es in die im­mer noch ver­gleichs­wei­se rei­chen Pro­vin­zen. Sie wa­ren al­ler­dings nicht mehr wie frü­her nur Han­del­s­part­ner, bil­li­ge Ar­beits­kräf­te oder schlag­kräf­ti­ge Ver­bün­de­te. Sie wur­den zu ei­nem Pro­blem für die rö­mi­sche Ord­nung, denn sie ka­men nun auch als Räu­ber, Plün­de­rer und schließ­lich so­gar als Er­obe­rer.

Wäh­rend im Lau­fe der Zeit die Gren­zen zwi­schen Rö­mern und Ger­ma­nen ver­schwam­men, fand der jun­ge, aus dem Os­ten stam­men­de Glau­be an den einen Gott der Chris­ten im­mer mehr Ver­brei­tung. Mit sei­nen neu­en, ein­schnei­den­den In­hal­ten for­der­te er die tra­di­ti­o­nel­len Re­li­gi­o­nen mit ih­rer un­über­schau­ba­ren Viel­falt an Göt­tern her­aus.

In die­sen er­eig­nis­rei­chen Zei­ten leb­ten die ein­fa­chen Leu­te, also die Bau­ern, Händ­ler, Hand­wer­ker oder Sol­da­ten und na­tür­lich auch ihre Frau­en und Kin­der, ihr all­täg­li­ches Le­ben. Das Glei­che galt eben­so für die Ban­di­ten und Hals­ab­schnei­der, Gau­ner und Ge­setz­lo­sen. Sie alle er­fuh­ren je­den Tag aufs Neue Glück und Frie­den, aber auch Un­g­lück und Ge­walt.

Von al­le­dem wis­sen wir heu­te nichts mehr. An­ti­ke Au­to­ren be­rich­ten uns nur über die gro­ße Po­li­tik und wich­ti­gen Er­eig­nis­se die­ser Jah­re. Ar­chäo­lo­gi­sche Zeug­nis­se ver­mö­gen es im­mer­hin, die all­ge­mei­nen Le­ben­s­um­stän­de der Men­schen ein we­nig zu er­hel­len. Aber die un­zähl­ba­ren Ge­dan­ken, Wor­te und Ta­ten der Men­schen las­sen sich nicht mehr re­kon­stru­ie­ren. Trotz­dem oder ge­ra­de des­halb sind sie es, die un­se­re Vor­stel­lungs­kraft an­re­gen und Bil­der in un­se­ren Köp­fen ent­ste­hen las­sen.

Von den Men­schen ad flu­vi­um, am gro­ßen Fluss, dem Rhein, han­deln die fol­gen­den zwölf Ge­schich­ten. Sie be­rich­ten, ver­teilt über den Lauf ei­nes Jah­res, von ih­ren Sor­gen und Ängs­ten, ih­ren Pro­ble­men und nicht zu­letzt auch von ih­rem Kampf ums Über­le­ben.

Eine Unzahl von Göttern

Juni

I.

»Oh Epo­na, gro­ße Göt­tin, Her­rin der Pfer­de, Be­schüt­ze­rin der Rei­sen­den, er­hö­re mich! Ge­wäh­re mir, dei­nem un­be­deu­ten­den Die­ner, dei­ne Gunst und be­wah­re mich auf mei­ner nächs­ten Fahrt vor Un­ge­mach und Not! Auf dass mir, mei­nem Ge­spann und mei­ner La­dung kein Leid ge­sche­hen möge! Als Dank ge­lo­be ich, dei­nen un­ver­gäng­li­chen Ruhm zu meh­ren, dir ein Op­fer dar­zu­brin­gen in dei­nem Hei­lig­tum in Mo­gon­tia­cum und dich für alle Zu­kunft zu eh­ren!«

Ame­li­us ließ sich sei­ne Wor­te an die Göt­tin noch ein­mal durch den Kopf ge­hen, wäh­rend er schau­kelnd auf dem Kutsch­bock sei­nes Fuhr­wer­kes saß. Er hat­te sie vor ei­ni­gen Ta­gen an ei­nem Al­tar der Pfer­de­her­rin ge­spro­chen und schon in dem Mo­ment ein selt­sa­mes Ge­fühl ge­habt, als sie sei­ne Lip­pen ver­las­sen hat­ten.

Er er­wach­te kurz aus sei­nen Ge­dan­ken und fuhr sich mit der fla­chen Hand über die schweiß­nas­se Stirn. Es war heiß an die­sem Hoch­som­mer­tag, und er, der über eine be­acht­li­che Lei­bes­fül­le ver­füg­te, neig­te stets zum Schwit­zen. Wäh­rend er die Trop­fen von sei­ner Hand ab­schüt­tel­te, schau­te er sich um. Das Ge­spann der vier Och­sen zog in zu­ver­läs­si­ger Rou­ti­ne sei­nen Wa­gen die stau­bi­ge Stra­ße ent­lang, die einst der Stolz der rö­mi­schen Pro­vinz Ger­ma­nia Pri­ma ge­we­sen war und nun aus kaum mehr als ei­ner An­samm­lung Schlag­lö­cher be­stand. Auch die Tie­re wa­ren schon lan­ge in kei­nem gu­ten Zu­stand mehr. Längst hät­te er sie durch jün­ge­re er­setzt, wenn sei­ne fi­nan­zi­el­len Mit­tel es zu­ge­las­sen hät­ten.

Sei­ne Au­gen wan­der­ten wei­ter und fie­len auf Sa­mus, einen sei­ner bei­den Fuhr­knech­te. Er schritt links ne­ben dem Ge­spann ein­her und be­äug­te wach­sam den Zu­stand der Stra­ße vor ih­nen. Ame­li­us be­ru­hig­te, dass Sa­mus im Not­fall den Wa­gen in kaum mehr als ei­nem Wim­pern­schlag stop­pen konn­te. Auf ihn konn­te er sich ver­las­sen. Seit fast zehn Jah­ren be­glei­te­te der Knecht ihn auf sei­nen Han­dels­fahr­ten zwi­schen Tre­ve­ris und Mo­gon­tia­cum, Agrip­pi­na und Ar­gen­to­ra­tum. Und nie hat­te er ihn im Stich ge­las­sen.

Nur kurz blick­te er da­nach über sei­ne Schul­ter nach hin­ten. Er sah einen Sack mit Rei­se­pro­vi­a­nt und ei­ni­ge gut ge­füll­te Was­ser­schläu­che. Die ei­gent­li­che La­dung des Wa­gens, 20 Kis­ten mit aus­er­le­se­nen Töp­fer­wa­ren aus Tre­ve­ris, war gut un­ter ei­ner di­cken De­cke mit Sei­len ver­täut. Er wuss­te, dass die qua­li­täts­vol­len Töp­fe, Schüs­seln, Tel­ler und Be­cher gut ver­packt wa­ren. Dar­auf leg­te er viel Wert, seit­dem die Stra­ßen kaum noch in­stand­ge­hal­ten wur­den. Eine Schan­de war das! Wo­für zahl­te er ei­gent­lich Steu­ern und Zöl­le!

Aber sein Blick schweif­te be­reits wei­ter und traf auf Sex­tus, sei­nen zwei­ten Knecht. Er saß hin­ten auf dem Fuhr­werk und soll­te ei­gent­lich das Ge­län­de im Auge be­hal­ten. In die­sen Ta­gen war es ge­fähr­lich auf den Stra­ßen. Über­all konn­ten Räu­ber oder plün­dern­de Ala­man­nen von jen­seits des Rheins lau­ern, für die ein Händ­ler wie er ein ge­fun­de­nes Fres­sen war. Und was tat Sex­tus, die­ser Nichts­nutz? Schon wie­der war er ein­ge­schla­fen.

Ame­li­us dreh­te sich seuf­zend um und fiel in die zu­sam­men­ge­sun­ke­ne, be­que­me Sitz­hal­tung zu­rück, in der er die meis­te Zeit auf dem Kutsch­bock ver­brach­te. Mit Sex­tus wür­de er noch ein erns­tes Wört­chen spre­chen. Spä­tes­tens bei der nächs­ten Rast, so viel war si­cher. An­ders als Sa­mus war der Kerl ein­fach zu nichts wirk­lich zu ge­brau­chen.

Doch in der Ein­tö­nig­keit des schau­keln­den Wa­gens fan­den sei­ne Ge­dan­ken rasch wie­der zu­rück in die Sphä­re des Gött­li­chen, die ihm so ganz an­ders vor­kam als die Re­a­li­tät auf der stau­bi­gen Land­s­tra­ße. Schon selt­sam ei­gent­lich, dass er ein Ge­bet an Epo­na, die Her­rin der Pfer­de, ge­rich­tet hat­te, wo er doch sein Pfer­de­ge­spann schon vor vie­len Jah­ren ver­kauft und durch bil­li­ge­re und kräf­ti­ge­re Och­sen er­setzt hat­te. Aber auch frü­her war ihm nie et­was pas­siert, und viel­leicht hat­te er das ja auch die­ser Göt­tin zu ver­dan­ken. Sie kann­te ihn und er kann­te sie. So­was mach­te viel aus. Er hat­te es ja auch nur zur Ab­si­che­rung ge­tan, zu­sätz­lich zu sei­nem üb­li­chen Schutz­ge­such an Mer­kur. Der alt­ehr­wür­di­ge Gott der Händ­ler hat­te im­mer ein wach­sa­mes Auge auf ihn ge­habt. Des­sen war er sich si­cher. Aber viel­leicht war es doch un­dank­bar von ihm ge­we­sen, die­ses Mal auch noch bei ei­ner an­de­ren Göt­tin um Schutz zu bit­ten?

Nein, das glaub­te er nicht. Im­mer­hin war die Si­tua­ti­on an­ders als sonst. Nor­ma­le­r­wei­se wür­de er so nahe an der Gren­ze zu den Ba­r­ba­ren nicht al­lein rei­sen, zu­mal auf ei­nem Weg, der über wei­te Stre­cken durch Wald und Öd­land führ­te, son­dern sich mit an­de­ren Händ­lern zu­sam­men­tun. Gött­li­cher Schutz hin oder her! Die bes­te Si­cher­heit vor Über­fäl­len bot im­mer noch die Ge­mein­schaft mit an­de­ren. Aber die­ses Mal hat­te er nur einen ein­zi­gen Ge­nos­sen ge­fun­den, der den­sel­ben Weg hat­te. Und ihm, dem ar­men Aqui­ta­nus, war einen hal­b­en Tag nach der Ab­rei­se aus No­vio­ma­gus die Vor­der­ach­se des Wa­gens ge­bro­chen. Ver­fluch­te Schlag­lö­cher! Bis dort­hin wa­ren sie von Tre­ve­ris aus mit dem Last­kahn auf der Mo­sel­la ge­fah­ren, was im All­ge­mei­nen viel an­ge­neh­mer und auch si­che­rer war.

Ame­li­us hat­te sich nach dem Un­fall aber dazu ent­schie­den, die Fahrt aus­nahms­wei­se al­lein fort­zu­set­zen. Das hat­te sei­nen gu­ten Grund: Nicht nur hat­te er sei­ne Ware ter­min­ge­recht ab­zu­lie­fern. Da­nach woll­te – nein muss­te! – er sich in Mo­gon­tia­cum in vier Ta­gen mit ei­nem ala­man­ni­schen Händ­ler tref­fen, von dem er Gü­ter aus dem Land der Ba­r­ba­ren er­ste­hen woll­te. Das Zu­stan­de­kom­men die­ses Ge­schäf­tes war sehr wich­tig für ihn, und da er nicht wuss­te, wie lan­ge der Ala­man­ne auf ihn war­ten wür­de, war er das Ri­si­ko ei­ner Rei­se ohne Be­glei­tung not­ge­drun­gen ein­ge­gan­gen. Dop­pel­ter gött­li­cher Schutz war da si­cher­lich nicht falsch.

Nun ja, ge­nau­ge­n­om­men hat­te er sich so­gar drei­fa­chen gött­li­chen Schut­zes ver­si­chert. Mit dem Gott der Chris­ten, die­sem seit ei­ni­ger Zeit schon all­ge­gen­wär­ti­gen Chris­tus, konn­te er zwar nur we­nig an­fan­gen. Hat­te die­ser Gott sich doch für sei­ne An­hän­ger ans Kreuz schla­gen und zu Tode mar­tern las­sen. Eine sehr selt­sa­me Art, über sei­ne Fein­de zu tri­um­phie­ren, fand Ame­li­us. Im­mer­hin war er ihm aber sym­pa­thi­scher als die­ser Mi­thras, die­ser an­de­re Gott aus dem Os­ten. Des­sen Leh­re und die Ge­heim­nis­tu­e­rei sei­ner An­hän­ger wa­ren ihm su­spekt. Aber die­ser Chris­tus! So vie­le glaub­ten mitt­ler­wei­le an ihn, da muss­te er doch über Macht ver­fü­gen. Und wenn man es recht be­dach­te, der Al­tar der Epo­na war schon et­was ver­waist und ver­wahr­lost ge­we­sen. Si­cher, ei­gent­lich dul­de­te die­ser Chris­tus kei­ne wei­te­ren Göt­ter ne­ben ihm. Das aber war Ame­li­us völ­lig un­ver­ständ­lich. Er hat­te in ei­nem sei­ner Tem­pel, die sie »Kir­chen« nann­ten, zu ihm ge­be­tet. Er muss­te lei­se ki­chern. Wenn der Pries­ter, der dort sei­nen Dienst ver­rich­tet hat­te, ge­wusst hät­te … Aber bis­her hat­te ihn noch kein Blitz ge­trof­fen oder der Zorn des Got­tes auf an­de­rem Wege ein­ge­holt. Wer weiß, für was es gut war. Scha­den konn­te es zu­min­dest nicht, so schien es Ame­li­us.

Ach, es gab nun mal eine Un­zahl von Göt­tern, für je­den Sterb­li­chen einen, zwei oder drei oder wie vie­le von ih­nen man auch im­mer für die Er­fül­lung sei­ner Wün­sche be­mü­hen woll­te.

II.

Ame­li­us grü­bel­te, Sa­mus führ­te das Ge­spann, und Sex­tus schlief hin­ten auf dem Wa­gen. Es hät­te noch Stun­den so wei­ter­ge­hen kön­nen, hät­ten die Göt­ter nicht an­de­re Plä­ne für den Händ­ler und sei­ne bei­den Knech­te ge­habt.

»Fet­te Beu­te«, grins­te Ma­gnus sei­ne Spieß­ge­sel­len mit ver­faul­ten Zäh­nen an. Un­ter sei­ner lan­gen Mäh­ne ver­filz­ter Haa­re fun­kel­ten sei­ne Au­gen gie­rig. »So ein un­vor­sich­ti­ger Idi­ot«, er­wi­der­te Ur­sus mit ei­nem un­gläu­bi­gen Ton­fall. Der Hüh­ne reck­te sei­nen Kopf aus der wil­den He­cke her­aus, hin­ter der die vier Räu­ber am Ran­de ei­nes Wald­s­tücks Schutz ge­sucht hat­ten. »Rübe run­ter, du Lump, oder willst du, dass sie uns se­hen?«, raun­te es ne­ben ihm. Aman­dus war zwar min­des­tens einen Kopf klei­ner als Ur­sus, aber er wuss­te sehr ge­nau, dass er bei wei­tem der klügs­te der Ban­de war. Des­we­gen ak­zep­tier­ten die an­de­ren ihn auch als An­füh­rer und er konn­te sich sol­che Kom­man­dos er­lau­ben. Ca­nio, der vier­te der Trup­pe, ver­harr­te still, et­was ab­seits der an­de­ren, am Bo­den und be­ob­ach­te­te das über die Stra­ße rum­peln­de Fuhr­werk. Er ist klein, un­schein­bar und sagt fast nie et­was, aber ge­nau des­we­gen ist er der bes­te Räu­ber von uns al­len, dach­te Aman­dus bei­läu­fig und grins­te.

Ein Plan war schnell ge­macht. Es schie­nen ins­ge­samt nur drei zu sein: ein fet­ter Kerl auf dem Kutsch­bock, wahr­schein­lich der Be­sit­zer des Wa­gens und sei­ner La­dung, dazu ei­ner vor­ne bei den Och­sen und ei­ner hin­ten auf der La­de­flä­che. Be­waff­ne­te Be­glei­ter wa­ren nicht zu se­hen, also war das Ri­si­ko ge­ring. Da die Och­sen auch kaum zu ei­ner we­sent­lich hö­he­ren Ge­schwin­dig­keit fä­hig wa­ren, konn­te ih­nen ihre Beu­te auch kaum ent­kom­men. Also ent­schloss sich Aman­dus zu ei­ner ein­fa­chen Tak­tik: Er schick­te Ma­gnus und Ca­nio ein klei­nes Stück die Stra­ße ab­wärts. Sie soll­ten sich dem Wa­gen von hin­ten nä­hern. Er selbst wür­de mit Ur­sus, des­sen be­ein­dru­cken­de Ge­stalt schon so man­chen bra­ven Kauf­mann ein­ge­schüch­tert hat­te, von vor­ne an­grei­fen.

Nur Au­gen­bli­cke spä­ter war es der gute Sa­mus, der als ers­ter zwei Ge­stal­ten aus ei­nem na­he­ge­le­ge­nen Wald­s­tück fron­tal auf das Ge­spann zu­lau­fen sah. Ei­ner da­von war ein Rie­se mit ei­ner ge­wal­ti­gen Keu­le in der Hand, der an­de­re klei­ner, aber mit ei­nem Lang­schwert be­waff­net.

»Ame­li­us! Herr!«, rief der Fuhr­knecht in ei­nem Re­flex. Die­ser er­wach­te ab­rupt aus sei­nen Träu­me­rei­en und be­merk­te mit dem In­stinkt des lang­jäh­ri­gen Rei­sen­den die Ge­fahr. Schnell hat­te er sei­ne Hand un­ter dem Brett, auf dem er saß. Dort tas­te­te er nach ei­nem Dolch, der dort be­fes­tigt war. Sei­ne di­cken Fin­ger such­ten da­nach, fan­den zu­erst je­doch die klei­ne Tru­he mit sei­ner Bar­schaft und ei­ni­gen an­de­ren Wert­sa­chen, die er eben­falls hier ver­steckt hat­te. Hek­tisch fühl­te er wei­ter und hat­te kurz dar­auf den Dolch in der Hand. Ruck­ar­tig blick­te er nach hin­ten und er­starr­te für einen Mo­ment vor Ent­set­zen. Wäh­rend der tum­be Sex­tus ge­ra­de erst wach wur­de und sich ver­wun­dert die Au­gen rieb, wa­ren zwei wei­te­re An­grei­fer be­reits di­rekt hin­ter dem Wa­gen und schick­ten sich an, den Knecht zu er­grei­fen und un­schäd­lich zu ma­chen.

Die Ge­dan­ken ras­ten Ame­li­us durch den Kopf. Bei den Göt­tern! Soll­te er die Zü­gel er­grei­fen und die Och­sen zum Trab an­trei­ben? Sinn­los! Soll­te er kämp­fen? Mit nur ei­nem Dolch ge­gen vier Räu­ber? Oder soll­te er vom Wa­gen sprin­gen und weg­lau­fen? Doch kaum war der Se­kun­den­bruch­teil ver­stri­chen, den er für die­se Fra­gen be­nö­tigt hat­te, sah er mit schreck­ge­wei­te­ten Au­gen, wie die bei­den Ker­le Sex­tus er­grif­fen hat­ten. Sie zerr­ten den völ­lig über­rasch­ten Tau­ge­n­ichts be­reits vom Wa­gen her­un­ter. Nun war es Zeit zu han­deln, sonst wäre er si­cher gleich selbst an der Rei­he. Aber mehr als ein lau­tes: »Sex­tus!« kam dem angst­er­füll­ten Ame­li­us nicht über die Lip­pen.

Schon lag der Knecht auf dem Bo­den, die bei­den An­grei­fer über ihm. Ame­li­us kniff die Au­gen zu­sam­men. Sex­tus trat dem einen, ei­nem Kerl mit lan­gen Haa­ren, in den Ma­gen und ließ ihn schrei­end zu­rück­tau­meln. Gut so! Der an­de­re je­doch, ein er­staun­lich klei­ner Kerl, beug­te sich in ei­ner schnel­len, ver­stoh­le­nen Be­we­gung über den ar­men Fuhr­knecht. Ame­li­us sah das Mes­ser in sei­ner Hand auf­blit­zen und woll­te ein zwei­tes Mal auf­schrei­en. Aber dazu kam er nicht mehr. Der Räu­ber ramm­te Sex­tus das Mes­ser in die Brust, zog es ohne in­ne­zu­hal­ten oder den Schmer­zens­schrei sei­nes um sich schla­gen­den Op­fers zu be­ach­ten wie­der her­aus und stach ein zwei­tes Mal zu.

Ame­li­us zuck­te zu­sam­men und muss­te den Blick von die­ser grau­en­haf­ten Sze­ne ab­wen­den. Er dreh­te sich wie­der her­um, nur um Zeu­ge ei­nes wei­te­ren Kamp­fes zu wer­den. Es ging al­les so schnell, dass er zu kla­rem Den­ken nicht fä­hig war. Er sah Sa­mus, wie er sich des hü­nen­haf­ten An­grei­fers er­wehr­te. Er tat dies auf die ver­mut­lich ein­zig rich­ti­ge Art und Wei­se: Er wich den Keu­len­schlä­gen des Rie­sen im­mer wie­der aus und ver­such­te, den wuch­ti­gen An­grif­fen kein Ziel zu bie­ten. Im­mer­hin hat­te auch er einen Dolch in der Hand. Was er da­mit ge­gen sei­nen Geg­ner be­wir­ken woll­te, das wuss­te Ame­li­us frei­lich nicht. Aber war da nicht noch ein wei­te­rer Räu­ber ge­we­sen? Der Händ­ler fuhr er­neut zu­sam­men; der Schweiß schoss sei­ne Stirn her­un­ter, als er ne­ben dem Kutsch­bock plötz­lich den Mann be­merk­te. Der Kerl hat­te so­gar ein Lang­schwert in der Hand! Ame­li­us sah, wie die Klin­ge die Luft durch­schnitt und auf ihn zu­schnell­te. In­stink­tiv mach­te er einen Schritt zu­rück und wich da­mit dem Stoß mehr schlecht als ge­konnt aus. Da­bei ver­la­ger­te er sein statt­li­ches Kör­per­ge­wicht so weit nach hin­ten, dass er ins Tau­meln ge­ri­et, die Ba­lan­ce ver­lor und hin­ter­rücks vom Kutsch­bock fiel. Der Dolch glitt ihm aus der Hand und flog in ho­hem Bo­gen ins Gras ne­ben der Stra­ße. Das letz­te, was Ame­li­us da­nach noch hör­te, war ein wei­te­rer, dies­mal dump­fer Knall. Dann wur­de es dun­kel um ihn.

III.

Als sich die Dun­kel­heit lich­te­te, war das ers­te, was sei­ne Sin­ne wahr­nah­men, das un­an­ge­neh­me Po­chen in sei­nem Schä­del. Ame­li­us griff sich an den Kopf und er­tas­te­te et­was war­mes, kleb­ri­ges … sein Blut. Er muss­te hart mit dem Hin­ter­kopf auf die Stra­ße auf­ge­schla­gen sein. Als ihm die Er­in­ne­rung an die Er­eig­nis­se wie ein Pfeil­schuss ins Ge­dächt­nis traf, rich­te­te er sich er­schro­cken auf, so schnell sein mas­si­ger und schmer­zen­der Kör­per es ihm er­laub­te. Er blick­te sich um und stell­te fest, dass er di­rekt ne­ben dem Wa­gen lag. Mit ei­nem Stöh­nen dreh­te er sich erst in die Hocke, dann wuch­te­te er sich in die Senk­rech­te.

Zwar wur­de ihm da­bei et­was schwin­de­lig, aber den­noch hat­te er die Si­tua­ti­on schnell er­fasst: Die Och­sen wa­ren nicht mehr da, die Kis­ten sei­ner La­dung la­gen ver­streut und teil­wei­se auf­ge­bro­chen um das Fuhr­werk her­um. Da­zwi­schen sah er glän­zen­de rote und schwa­r­ze Scher­ben der kost­ba­ren Ton­ge­fä­ße, die er trans­por­tiert hat­te. Was für eine Ver­schwen­dung! Die Räu­ber hat­ten für fei­nes Ta­fel­ge­schirr of­fen­sicht­lich kei­ne Ver­wen­dung. Aber gut für ihn: Ein gro­ßer Teil der Ware könn­te tat­säch­lich in­takt ge­blie­ben sein, so gut wie sie in den Kis­ten ver­packt war.

Ein schnel­ler Blick un­ter den Kutsch­bock ge­nüg­te ihm um be­stä­tigt zu se­hen, was ihm oh­ne­hin klar war: Die klei­ne Tru­he mit sei­ner Bar­schaft war weg. Na­tür­lich hat­ten sie die mit­ge­nom­men – oder auf­ge­bro­chen, weg­ge­wor­fen und nur den In­halt ein­ge­steckt. Auch der Sack mit dem Rei­se­pro­vi­a­nt und die Was­ser­schläu­che wa­ren weg.

Er seufz­te auf und dreh­te den Kopf wei­ter, um sei­ne Be­stands­auf­nah­me ab­zu­schlie­ßen. Hin­ter dem Wa­gen sah er Sex­tus leb­los auf der Stra­ße lie­gen, von Sa­mus fehl­te jede Spur. Er blick­te nach un­ten auf den Bo­den, aber sein Dolch schien auch nicht mehr da zu sein. Selt­sam, dass die Ge­setz­lo­sen ihn über­haupt am Le­ben ge­las­sen hat­ten. Nor­ma­le­r­wei­se konn­te man als Op­fer ei­nes sol­chen Über­falls nicht mit Gna­de rech­nen.

Schon wie­der schweif­ten sei­ne Ge­dan­ken kurz ab … Mer­kur oder Epo­na woll­te sein Ver­stand die­ses Glück nicht an­rech­nen. Im­mer­hin war sei­ne La­dung in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen, sein Geld ge­raubt und auch sei­ne Zug­tie­re wa­ren nicht mehr da. Soll­te doch der Gott der Chris­ten sei­ne schüt­zen­de Hand über ihn und sein Le­ben ge­hal­ten ha­ben? Er schüt­tel­te kurz den Kopf. Für sol­che Fein­hei­ten hat­te er jetzt kei­ne Zeit. Er rich­te­te sei­nen Blick nach oben, Rich­tung Him­mel. »Dank an Euch, ihr Göt­ter! Mer­kur, Epo­na und auch an dich, Chris­tus, dass ihr eure schüt­zen­den Hän­de über mich ge­hal­ten habt und ich die Grau­sam­keit die­ser ver­fluch­ten Ban­di­ten über­lebt habe!«, flüs­ter­te er mehr zu sich selbst als an ir­gend­wen sonst. Das muss­te für den Mo­ment ge­nü­gen.

Da­nach be­weg­te er sich lang­sam, noch et­was wan­kend, hin zu Sex­tus, der re­gungs­los auf der Stra­ße hin­ter dem Wa­gen lag. Dort an­ge­kom­men reich­te er­neut ein kur­z­er Blick, um zu se­hen, dass die zwei Mes­ser­sti­che aus­ge­reicht hat­ten, um den ar­men Kerl ins Reich der Schat­ten zu schi­cken. Hm, mit ihm wür­de er wohl doch kein Wört­chen mehr re­den.

Doch Ame­li­us hielt nicht lan­ge inne und wank­te statt­des­sen wei­ter. Er sah, dass die meis­ten Kis­ten, die ent­we­der noch auf der La­de­flä­che stan­den oder nun auf dem Bo­den la­gen, tat­säch­lich noch ver­schlos­sen wa­ren. Er bück­te sich, hob eine von ih­nen auf und schüt­tel­te sie leicht. Der In­halt schien zum größ­ten Teil heil zu sein. Sei­ne Mie­ne hell­te sich et­was auf.

In sei­nem Kopf setz­te sich das Bild des Über­falls zu­sam­men: Sa­mus muss­te ge­flo­hen sein. Ihm selbst hat­ten die Räu­ber kei­ne wei­te­re Be­ach­tung ge­schenkt und statt­des­sen den Wa­gen nach Wert­vol­lem ab­ge­sucht. Viel­leicht hat­ten sie ihn auch für tot ge­hal­ten. Als sie fest­ge­stellt hat­ten, dass in den Kis­ten nur Ton­ge­fä­ße wa­ren, hat­ten sie le­dig­lich die Tru­he mit dem Geld, die Ver­pfle­gung und die Och­sen mit­ge­nom­men. In der Tat, er konn­te deut­lich die Spu­ren der Tie­re se­hen. Sie führ­ten vom Wa­gen weg in Rich­tung des Wald­s­tücks, aus der die ers­ten bei­den An­grei­fer ge­kom­men wa­ren.

Aber was soll­te er nun tun? Bis er Hil­fe or­ga­ni­siert hät­te, wä­ren die Ba­s­tar­de über alle Ber­ge. Ohne die Och­sen konn­te er das Fuhr­werk mit der La­dung auf kei­nen Fall von hier weg­brin­gen. Und es hier zu­rück­zu­las­sen wür­de einen noch grö­ße­ren fi­nan­zi­el­len Ver­lust be­deu­ten. Ganz ab­ge­se­hen da­von, dass er kei­nen Pro­vi­a­nt mehr hat­te. Ja, nicht ein­mal Was­ser hat­ten sie ihm ge­las­sen! Wenn er nur we­nigs­tens wüss­te, wo Sa­mus steck­te!

Den Spu­ren der Och­sen könn­te er recht ein­fach fol­gen … viel­leicht wür­de sich ja die Ge­le­gen­heit er­ge­ben, den Räu­bern die Tru­he und die Tie­re wie­der ab­zu­neh­men? Doch an­ge­sichts der Chan­cen die­ses Un­ter­fan­gens muss­te er selbst schmun­zeln. Da­bei wur­de er sich un­ver­mit­telt des po­chen­den Schmer­zes in sei­nem Schä­del be­wusst, der ihm das Nach­den­ken er­schwer­te und sei­ne Ge­dan­ken­gän­ge trüb­te. Of­fen­bar hat­ten die Räu­ber ihn als eine so ge­rin­ge Be­dro­hung er­ach­tet, dass sie ihn noch nicht ein­mal um­ge­bracht hat­ten – oder sich zu­min­dest ver­ge­wis­sert hat­ten, ob er noch lebt.

An­de­rer­seits … für ir­gen­d­et­was muss­te sei­ne – und ja wohl über­aus auf­rich­ti­ge! – Got­tes­fürch­tig­keit doch auch gut sein! Drei Gott­hei­ten hat­te er um Schutz an­ge­fleht, und jede da­von konn­te nun ih­ren Bei­trag leis­ten: Mit Mer­kurs Hil­fe könn­te er sein Geld wie­der­be­kom­men, und Epo­na könn­te ihn wie­der in den Be­sitz der Och­sen brin­gen. Gut, Och­sen hin oder her, es wa­ren im­mer­hin Zug­tie­re und so­mit die Brü­der der Pfer­de, und da konn­te die Göt­tin si­cher­lich ein Auge zu­drü­cken. Und Chris­tus schließ­lich wür­de sei­ne schüt­zen­de Hand über ihn selbst und sein leib­li­ches Wohl­er­ge­hen hal­ten. Viel­leicht stan­den die Chan­cen mit dem Bei­stand die­ser Göt­ter­tri­as also doch gar nicht so schlecht? Mög­li­cher­wei­se wür­de er es so­gar noch recht­zei­tig nach Mo­gon­tia­cum schaf­fen, um sei­ne Ware ab­zu­lie­fern und da­nach sei­nen ala­man­ni­schen Ge­schäfts­part­ner zu tref­fen? Die­se Aus­sich­ten wa­ren ver­lo­ckend.

Sein Wil­le fo­kus­sier­te sich. Er hol­te tief Luft, hielt die of­fe­nen Hän­de mit an­ge­win­kel­ten El­len­bo­gen vor sich und schau­te er­neut gen Him­mel. »Mer­kur, Epo­na und Chris­tus, mäch­tigs­te al­ler Göt­ter, Un­fehl­ba­re, Be­schüt­zer eu­res un­be­deu­ten­den Die­ners! Helft mir, das an mir und mei­nem Ei­gen­tum be­gan­ge­ne Un­recht un­ge­sche­hen zu ma­chen, die­se drei­mal ver­fluch­ten Räu­ber zu stra­fen und mich un­ver­sehrt mit al­len mei­nen Be­sitz­tü­mern in­ner­halb von drei Ta­gen nach Mo­gon­tia­cum zu brin­gen! Wenn ihr mir die­se Gunst er­füllt, dann … ja, dann ge­lo­be ich, wer­de ich je­dem von euch einen Al­tar er­rich­ten, pracht­voll und eu­rer Grö­ße wür­dig! Alle recht­schaf­fe­n­en Ein­woh­ner des rö­mi­schen Ger­ma­ni­ens sol­len dort zu­sam­men­kom­men und euch hul­di­gen, um eu­ren Ruhm zu meh­ren und die Kun­de von eu­rer Gna­de zu ver­brei­ten!«

Das soll­te als An­reiz aus­rei­chen, dach­te Ame­li­us mit ei­nem An­flug von Ge­nug­tu­ung. Die Stif­tung ei­nes stei­ner­nen Al­tars war kei­ne bil­li­ge An­ge­le­gen­heit. Wäre er selbst ein Gott, dann wür­de er sich auf den Han­del ein­las­sen.

Nun muss­te er sich aber be­ei­len. Die Son­ne stand schon sehr tief und es wür­de nicht mehr lan­ge dau­ern, bis es dun­kel wer­den wür­de. Er wisch­te sich noch ein­mal mit der fla­chen Hand über die Stirn, blick­te ein letz­tes Mal geis­tes­ab­we­send auf den Leich­nam des ar­men Sex­tus und trot­te­te dann lang­sam in Rich­tung des Wal­des. Die Spu­ren der Och­sen wa­ren leicht zu se­hen, auch im we­ni­ger wer­den­den Licht, da die Hufe der schwe­ren Tie­re das hohe Gras ziem­lich nie­der­ge­drückt hat­ten.

Als er den Wald er­reicht hat­te, wur­de sein Rü­cken noch von den Strah­len der lang­sam un­ter­ge­hen­den Son­ne ge­wärmt. Er blick­te zu­rück und nahm das be­son­de­re Licht, die ei­gen­ar­ti­ge At­mo­sphä­re der be­gin­nen­den Däm­me­rung an ei­nem Spät­som­mer­tag, auf. Wenn das kein Zei­chen von ei­nem sei­ner gött­li­chen Be­schüt­zer war. Er dreh­te sich wie­der um und sah einen schma­len Pfad zwi­schen den Bäu­men, über den die Ban­di­ten die Och­sen wohl ge­führt hat­ten. Und da, war das nicht das Schnau­ben ei­nes Och­sen, das aus dem Di­ckicht der Blät­ter zu ihm drang? Zu­ver­sicht durch­ström­te ihn, als er lang­sam zwi­schen den Bäu­men ver­schwand und we­nig spä­ter die letz­ten Strah­len der Son­ne vom An­ge­sicht der Erde ver­schwun­den wa­ren.

Geschäfte

Juli

I.

Ma­rus wisch­te sich mit ei­nem tie­fen Seuf­zer den Schweiß von der Stirn. Heu­te war ei­ner die­ser Tage, an de­nen man bes­ser gar nicht erst auf­ge­stan­den wäre.

Trotz sei­ner ha­ge­ren Sta­tur litt er un­ter der sen­gen­den Hit­ze. Seit Wo­chen brann­te die Son­ne un­barm­her­zig vom Him­mel und lähm­te jede Be­we­gung, je­den Ge­dan­ken, je­des Ge­fühl. Auch hat­te er den Ein­druck, dass es in Mo­gon­tia­cum manch­mal noch hei­ßer und un­an­ge­neh­mer war als an­ders­wo. In Tre­ve­ris war es ihm nie so un­er­träg­lich vor­ge­kom­men. Doch hier mach­te die un­mit­tel­ba­re Nähe zum Rhein, an des­sen Ufer sich die Häu­ser sei­ner Hei­mat­stadt in der Ebe­ne hin­zo­gen, die Luft feucht und drü­ckend. An sol­chen Ta­gen hass­te er den brei­ten Strom, hass­te er Mo­gon­tia­cum und viel mehr noch For­tu­na, die ihm wie­der ein­mal nicht hold zu sein schien.

Ma­rus saß an an ei­nem Tisch, auf dem ei­ni­ge Wach­stä­fel­chen mit ge­schäft­li­chen Auf­zeich­nun­gen, meh­re­re Schreib­grif­fel und ein Re­chen­brett la­gen. Er strich sich über sein kurz­ge­scho­re­nes Haar und ließ sei­nen Blick ge­dan­ken­ver­lo­ren durch sein Wohn- und Ar­beits­zim­mer schwei­fen. Er blieb hän­gen an ei­ni­gen klei­nen Be­chern aus Ton, die in ei­nem Re­gal an der Wand stan­den. Silb­ri­ger Glanz fiel ihm ent­ge­gen. Ein Strahl der Mit­tags­son­ne traf ge­nau auf das Trink­ge­schirr und ließ die grau-schwa­r­ze Ober­flä­che der Be­cher glän­zen, als wä­ren sie aus feins­tem Sil­ber. »Schön wärʼs«, dach­te er bei sich und muss­te in­ner­lich grin­sen. Als wäre der Son­nen­strahl ein Zei­chen der Göt­ter. So ein Un­sinn.

Er stand auf, nahm einen der Be­cher und igno­rier­te den klei­nen Krug mit ab­ge­stan­de­nem Was­ser, der da­ne­ben im Re­gal stand. Statt­des­sen ging er durch die nied­ri­ge Tür in das hin­te­re Zim­mer sei­nes klei­nen Hau­ses, das er als Schlaf­raum nutz­te.

Dort bück­te er sich und öff­ne­te eine höl­zer­ne Luke im Bo­den. In dem klei­nen Erd­kel­ler, den er vor Jah­ren hat­te an­le­gen las­sen, griff er ziel­si­cher nach ei­nem schwe­ren Ton­krug. Er nahm ihn her­aus und schenk­te sich dar­aus et­was ver­dünn­ten Wein ein.

So­fort nahm er einen tie­fen Schluck und ge­noss das er­fri­schen­de Ge­fühl, als die küh­le Flüs­sig­keit ihm die Keh­le her­un­ter­lief. Er füll­te den Be­cher ein zwei­tes Mal, stell­te den Krug in den Kel­ler zu­rück und schloss die Luke wie­der. Da­nach ging er zu­rück und setz­te sich er­neut an sei­nen Ar­beit­s­tisch.

Er stell­te den Be­cher ab und nahm ei­nes der Wach­stä­fel­chen zur Hand, auf dem er den gan­zen Vor­mit­tag über No­ti­zen ge­macht hat­te. Ma­rus run­zel­te die Stirn und war fast et­was ent­täuscht, dass die­se auch nach der kur­z­en Pau­se nicht er­freu­li­cher wa­ren als zu­vor.