Ada und die Gleichung des Glücks - Sienna David - E-Book

Ada und die Gleichung des Glücks E-Book

Sienna David

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

England, 1830er Jahre. Es sind zwei Begegnungen, die das Leben der jungen Adeligen Ada bestimmen werden. Die eine geschieht auf der Pferderennbahn, als Ada Michael kennenlernt, einen ehemaligen Preisboxer. Michael wird ihre große Liebe. Eine Liebe, die geheim bleiben muss. Denn Adas Mutter zwingt sie, jemanden von Stand zu heiraten.

Die zweite schicksalhafte Begegnung ihres Lebens hat Ada mit dem Mathematiker Charles Babbage. Babbage erkennt ihr mathematisches Talent sofort und fördert sie. Bald schon wächst Ada über sich hinaus. Ihre Liebe zur Mathematik ist beinahe so groß wie ihre Liebe zu Michael. Sie ahnt nicht, dass sie eine Liebe loslassen muss, um nicht beide zu verlieren.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumPrologDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsHeuteDamalsHeuteDamalsHeuteDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsHeuteDamalsDamalsDamalsDamalsHeuteHeuteHeuteEinigeNachwort

Über dieses Buch

Band 2 der Reihe »Mutige Frauen, die Geschichte schrieben«

England, 1830er Jahre. Es sind zwei Begegnungen, die das Leben der jungen Adeligen Ada bestimmen werden. Die eine geschieht auf der Pferderennbahn, als Ada Michael kennenlernt, einen ehemaligen Preisboxer. Michael wird ihre große Liebe. Eine Liebe, die geheim bleiben muss. Denn Adas Mutter zwingt sie, jemanden von Stand zu heiraten.

Die zweite schicksalhafte Begegnung ihres Lebens hat Ada mit dem Mathematiker Charles Babbage. Babbage erkennt ihr mathematisches Talent sofort und fördert sie. Bald schon wächst Ada über sich hinaus. Ihre Liebe zur Mathematik ist beinahe so groß wie ihre Liebe zu Michael. Sie ahnt nicht, dass sie eine Liebe loslassen muss, um nicht beide zu verlieren.

Über die Autorin

Sienna David ist das Pseudonym einer deutschen Autorin und Journalistin. Frauen, die Bedeutendes geleistet haben, haben sie schon immer fasziniert, allen voran Ada Lovelace, die als erste Programmiererin der Welt gilt. Sienna David wohnt mit ihrer Familie im Westerwald.

LÜBBE

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der literarischen Agentur Peter Molden, Köln

Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Evi Draxl, München

Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de unter Verwendung von Illustrationen von © Richard Jenkins Photography; © Ildiko Neer/Trevillion Images; © shutterstock: Vasya Kobelev | Anna Kucherova | gowithstock | Alfa Photostudio | Kim Diaz

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-2097-7

luebbe.de

lesejury.de

Prolog

Ockham Park

London

1835

Ada Baroness King trommelte mit ihren langen Fingern auf der blanken Marmorplatte des Schminktisches herum. Ihr Blick wanderte ungeduldig zu ihrer Kammerzofe: Im Spiegel konnte sie die junge Frau dabei beobachten, wie sie ungeschickt mit den langen Haarnadeln hantierte.

»Herrje, Anne, pass doch auf, das ist das dritte Mal, dass du mir die Nadel in die Kopfhaut stichst«, entfuhr es ihr zornig.

Die junge Zofe schlug beschämt die Augen nieder und knickste. Ihre Hände hingen nun untätig zu ihren Seiten herab, die Pausbacken hatten sich fast purpurn gefärbt ob der Zurechtweisung ihrer Herrin. Sogleich hatte Ada ein schlechtes Gewissen, weil sie dem armen Mädchen so zugesetzt hatte. Schließlich konnte Anne auch nichts dafür, dass Ada heute Morgen vor lauter Aufregung nicht sie selbst war.

»Es tut mir leid, dass ich ungehalten war, Anne, mach einfach weiter.«

Anne lächelte unsicher und trat wieder auf sie zu, um ihr Werk zu vollenden.

Wie sehr sie ihre alte Kammerzofe Jane vermisste! Jane war so geschickt gewesen, hatte ihre Arbeit ruhig, konzentriert und tadellos verrichtet. Und nicht zuletzt war Jane auch eine Vertraute für sie gewesen. Sie hätte Jane in ihre Pläne eingeweiht, und Jane wäre genauso aufgeregt gewesen wie Ada selbst. Jane hätte ihr auch den verdammten Koffer gepackt. Der jungen Anne, die erst wenige Wochen in ihren Diensten stand, konnte sie die Last der Mitwisserschaft nicht aufbürden. Deshalb waren nun all ihre schönen Kleider, die gute Wäsche, der Schmuck in einem wilden Durcheinander in ein ledernes Gepäckstück gestopft, welches Ada unter ihrem Bett versteckt hatte, noch bevor Anne sie am Morgen weckte.

Während Anne nun versuchte, mit äußerster Vorsicht weitere Nadeln in Adas langer, dunkelbrauner Lockenmähne zu versenken, hatten Adas unruhige Hände die verbliebenen vier Haarnadeln aufgebogen und zu einem Oktagon drapiert. Danach schob und bog sie so lange an den Nadeln herum, bis das Achteck weder regelmäßig noch konvex war. Doch ihr nimmermüdes Gehirn hatte heute anscheinend keine Lust auf das Spiel mit geometrischen Formen. Sie musste an das denken, was vor ihr lag, und eine ungewohnte Mischung aus euphorischer Vorfreude und rabenschwarzer Angst machte sich in ihrem Inneren breit.

Hinter ihr griff Anne nach einem weißen Seidenband, doch Ada schüttelte den Kopf.

»Lass gut sein, Anne, das reicht für heute.«

Sie betrachtete das Werk ihrer Zofe im Spiegel. Anne hatte versucht, ihr einen geflochtenen Chignon zu stecken. Ada griff nach ihrem silbernen Handspiegel und begutachtete das Werk von allen Seiten. Zugegeben, ihre Haare waren störrisch, so schwer zu bändigen wie ihr Geist. Anne hatte ihr Bestes getan, alles, was sich an Strähnen aus dem geflochtenen Zopf wieder herausgestohlen hatte, mit unzähligen Nadeln festzustecken. Das Ergebnis erinnerte ein wenig an einen verunglückten Bienenkorb. Doch Ada wollte dem Mädchen nicht weiter das Leben schwer machen, also lächelte sie und nickte, woraufhin Anne mit gesenktem Blick rückwärts Richtung Tür ging, noch einmal scheu knickste und sich dann, sichtlich erleichtert, aus dem Zimmer davonmachte.

Warum nur hatte Jane auch diesen Fleischer heiraten müssen? Ada schnaubte bei dem Gedanken daran, dass ihre Zofe nun tagein, tagaus mit Tierkadavern hantierte. Die lebensfrohe Jane, die so viel Spaß an den schönen Dingen hatte, an Kleidung, Schmuck und anderem Tand. Und dann war ihre Wahl auch noch auf Teddy Froy gefallen. Es war Ada ein Rätsel, womit der mürrische, breitschultrige Hüne, der ihnen einmal die Woche das Fleisch lieferte, Janes Herz erobert hatte. Aber die Liebe war eben unberechenbar, schoss es Ada durch den Kopf, und sie musste über ihre eigene Wortwahl lächeln. Unberechenbar – etwas, das es eigentlich nicht gab in ihrer Welt, in der sich alles in Zahlen, Formeln und Figuren ausdrücken ließ, alles zu berechnen und damit zu erklären war. Genau deshalb jagte ihr die Liebe auch immer noch eine Heidenangst ein. Ungefragt war sie in Adas geordnetes Leben eingeschlagen wie ein Komet, hatte alles durcheinandergebracht, aber auch alles so viel schöner gemacht. Vor einem Jahr hätte sie Janes Entscheidung nicht verstanden, jetzt schon.

Ada ließ den Blick durchs Zimmer wandern: Der Raum war gemütlich, in freundlichen gelben und taubenblauen Tönen gehalten. Ein kleiner Sekretär aus Mahagoniholz stand nahe dem Fenster, durch das die Morgensonne hereinschien, und im Kamin brannte ein anheimelndes Feuer. Plüschige Teppiche schluckten Adas Schritte auf dem Weg zu dem üppigen Himmelbett, welches den Raum dominierte. Sie konnte nicht anders, sie musste einmal mehr nachsehen, ob der Koffer noch sicher in seinem Versteck auf sie wartete. Sie lupfte die geblümte Tagesdecke und atmete erleichtert auf, was albern war, weil sie selbst ihr Gepäck dort am Abend verstaut hatte. Nun wartete das gute Stück nur darauf, schon bald mit ihr in die Freiheit zu spazieren. Gegen zehn würde die Kutsche am vereinbarten Ort auf sie warten. Ada sah zur Uhr auf dem Kaminsims hinüber. Es war gerade erst sieben – sie hatte also noch viel Zeit totzuschlagen. Aufgeregt durchschritt sie einmal mehr den Raum. Sie würde das hübsche Zimmer vermissen, auch wenn sie sich in ihrer kurzen Zeit auf Ockham nie wirklich zu Hause gefühlt hatte.

Ein letztes Mal inspizierte sich Ada im Spiegel. Sie trug heute ihr schlichtes blaues Chemisenkleid mit der kurzen Schleppe und Bändern, die unter ihrem wenig üppigen Dekolleté gebunden wurden. Auch wenn der Haarknoten schief und krumm war, betonte er ihre hohen Wangenknochen. Darüber lagen ihre Augen, groß und eher grau als blau. Jedoch hatte einer ihrer Hauslehrer einmal gesagt, er habe niemals in klügere Augen geschaut. Und Michael hatte vor einigen Tagen erklärt, er müsse an den Himmel kurz vor einem Sturm denken, wenn er hineinsehe. Der Gedanke brachte sie zum Lächeln und zauberte ihr eine gesunde Röte auf die Wangen. Ada wusste, dass sie keine klassische Schönheit war. Sie war mit ihren zwanzig Jahren zwar endlich dem Babyspeck entwachsen, doch nun fand sie sich zu dünn und zu wenig kurvig. Frauen sollten üppiger gebaut sein, oben und um das Becken herum, dafür mit schmaler Taille und langen Beinen. Zudem war ihre Nase eine Spur zu spitz und ihr Kinn von Natur aus störrisch vorgereckt. Dennoch nannte Michael sie stets »meine Schöne«. Und wenn er sie ansah, dann fühlte Ada sich tatsächlich so.

Sie riss sich von ihrem Spiegelbild los. Eitelkeit stand ihr nicht. Äußerlichkeiten waren für Ada ohnehin nur zweitrangig. Was zählte, war der Kern eines Menschen, sein Inneres. Darauf kam es an.

Adas Blick huschte zur Verbindungstür, hinter der ihr Gatte William sich vermutlich gerade für den Tag herrichtete. Er legte stets größten Wert auf seine Morgentoilette, und sein Kammerdiener Pierce stand meist schon lange vor dem Rest des Haushalts auf, um Williams prunkvolle Garderobe zu glätten und zu säubern. William sah immer tadellos aus, kein Haar wagte es, aus der ordentlich gescheitelten Frisur hervorzustechen. Sein Kragen war stets gestärkt, sein Gehrock faltenfrei, und im Schaft seiner blank gewienerten Stiefel konnte man sich spiegeln.

Sie lauschte, doch kein Laut drang aus dem anderen Raum. Erleichtert ging sie in Richtung Zimmertür und trat in den Flur. Das Treppenhaus war dunkel, an den Wänden hingen teure, handbestickte Teppiche und Bilder von Williams Ahnen, alle mit einem ähnlich stechenden Blick ausgestattet wie ihr Gatte. Sie passierte das Porträt von Jerome King, dem Lebensmittelhändler aus Exeter, der die Linie der Kings einst begründet hatte. Gleich daneben befand sich ein Gemälde seiner Frau Anne Locke, die eine Großnichte des Philosophen John Locke gewesen war. Allein beim Anblick dieser beiden brütend dreinblickenden, mit Ölfarbe auf Leinwand gebannten Ahnen lief Ada ein Schauer über den Rücken. Heimlich streckte sie Anne Locke die Zunge heraus, als sie an dem großen, goldverzierten Rahmen vorbei die geschwungene Treppe hinabstieg.

Ada wollte sich noch ein Frühstück gönnen und dann warten, bis William sich von Stevens, dem Kutscher, zum House of Lords fahren ließ. Meist kehrte ihr Mann danach im Carlton Club ein. Der Gentlemen’s Club befand sich in einem Prachtbau an der Pall Mall im Westend. Ada würde also nicht Gefahr laufen, plötzlich ihrem Ehemann gegenüberzustehen, wenn die Mietdroschke sie zum East End brachte.

Thomas, einer der Diener, öffnete ihr die Tür zum Speisesaal, wo Carson, der Butler, bereits ihren Stuhl abrückte, damit sie Platz nehmen konnte. Ada machte jedoch einen Bogen zum anderen Ende der langgezogenen Tafel, wo Carson wie jeden Morgen die Times für William gebügelt und neu gefaltet hatte, damit dieser sie unberührt zu seiner Tasse Tee genießen konnte. Eines von Williams heiligen Ritualen. Vor allem auf den Tee war er stolz und teilte die merkwürdige Mischung mit niemandem – nicht einmal mit ihr. Was Ada wenig störte, denn der Tee verströmte einen fast unangenehm penetranten Duft nach Bergamotte. Der frühere Premier James Grey hatte ihn William höchstpersönlich aus seinem eigenen Bestand abgetreten. Carson verzog keine Miene, als Ada sich die Zeitung schnappte und sie zu ihrem Platz trug, jedoch war ihr klar, dass sich der Butler innerlich gerade wand wie ein Wurm. Zum einen fand er es überflüssig, dass Frauen sich mit Politik und Gesellschaftsthemen befassten. Zum anderen hasste er es, wenn seine Mühen umsonst waren. Die Zeitung wäre gleich zerknittert, denn Ada faltete und knickte die Seiten so, dass sie sich gut neben ihr Gedeck legen ließen und sie gleichzeitig frühstücken und darin lesen konnte.

Sie nahm anmutig Platz und wartete darauf, dass Thomas, einer der Diener, ihr von ihrem eigenen Tee eingoss, einem schlichten Schwarztee, den sie mit Milch und zwei Würfeln Zucker genoss. Dazu hatte sie heute Morgen nur Toast und Marmelade bestellt, denn weder Fisch noch pochierte Eier sagten ihr derzeit zu. Allein der Geruch drehte ihr den Magen um, besonders in den Morgenstunden.

Während sie die Zeitung laut raschelnd auseinanderfaltete, warf sie dem steifen Butler einen verstohlenen Blick zu und musste ein Grinsen unterdrücken – gut, dass es Carson von jungen Jahren an gewohnt war, seine wahren Gefühle zu verbergen. Ada biss herzhaft in ihren Toast und ignorierte die leichte Übelkeit, die beim Kauen stärker wurde und ihr das Schlucken erschwerte. Sie spülte das Gefühl mit Tee hinunter, bevor sie sich in die Zeitung vertiefte. Ihre Augen blieben an einem längeren Bericht hängen. Charles Darwin, der vor fünf Jahren mit der HMS Beagle im Auftrag der Royal Navy zu Vermessungsfahrten in See gestochen war, wurde mitsamt seiner Crew unter Commander FitzRoy nach einem zweiten Abstecher nach Feuerland in den kommenden Wochen zurück in England erwartet. Ada seufzte. Wie spannend es doch sein musste, ein Mann zu sein. Tun und lassen zu können, was man wollte. Auf große Reisen gehen, forschen, entdecken, kämpfen …

Der große Unbekannte in ihrem Leben kam ihr in den Sinn, ihr Vater. Er hatte all das getan, auch wenn er sehr früh mit seinem Leben für seine Abenteuerlust bezahlt hatte. Viel mehr wusste Ada nicht über George Gordon Noel Byron, den sechsten Baron Byron – oder kurz: Lord Byron. Ihre Mutter nahm seinen Namen nicht in den Mund, obwohl sie nach der Trennung damals darauf verzichtet hatte, wieder unter ihrem Mädchennamen zu firmieren. Lady Annabella Noel-Byron trug diesen Namen seither wie andere Wunden aus einem langen Krieg – schweigend, würdevoll, eine Reminiszenz an die erbrachten Opfer.

Lady Annabella hatte sich zeitlebens geweigert, ihrer einzigen Tochter auch nur das winzigste Detail über den Vater zu verraten, und hatte es auch Adas Tutoren, den Angestellten, Freunden und Verwandten strengstens untersagt, ihr etwas über den Mann anzuvertrauen, den sie niemals hatte kennenlernen dürfen. Kurz machte sich die gewohnte Traurigkeit in Adas Brust breit, ein alter Schmerz, der seit Kindertagen dort saß und aus Einsamkeit und Fantasie, aus mangelnder Zuwendung und Träumen geboren und dann mit ihr erwachsen geworden war. Doch der heutige Tag war zu schön, um sich dunklen Gefühlen hinzugeben. Sie wollte jetzt nicht an ihren Vater denken.

Ada straffte die Schultern und blätterte entschlossen um. Sie las einen Artikel über die Expansionspläne der Britischen Ostindienkompanie, nachdem diese drei Jahre zuvor erst ihr Handelsmonopol eingebüßt hatte, danach ein paar Zeilen, die sich mit dem texanischen Unabhängigkeitskrieg in Übersee befassten. Schließlich überflog sie die bunten Nachrichten aus London. Vor einem Spielclub im East End war es zu einer Messerstecherei gekommen, wohl aus Rache wegen nicht gezahlter Schutzgelder. Ungläubig las sie den Artikel ein zweites Mal. Wie in Trance stand sie auf, ihre Hand krampfte sich um die Zeilen zusammen. Dann riss sich ein gellender Schrei von ihren Lippen. Das Letzte, was sie mitbekam, war, wie ihr Kopf schmerzhaft auf den Boden im Salon aufschlug.

Damals

Bifrons

nahe Canterbury

1828

Ada lief durch den Garten des weitläufigen Anwesens von Bifrons. Wie ein grüner Teppich breitete sich der akkurat gestutzte Rasen vor ihr aus. Sie passierte die Beete, in denen üppige Rosensträucher einen süßlichen Duft verströmten. Eine kleine Erhebung, zu unbedeutend, um schon als Hügel durchzugehen, führte zu einem Eichenwäldchen, wo Ada gerne im Schatten der alten Bäume lag und ihre Gedanken treiben ließ. Sie wandte sich im Gehen zum Haus um und lief rückwärts weiter. Auch wenn es ein schönes Gebäude war – hochherrschaftlich, mit unzähligen Fenstern, Türmchen, Erkern und geheimen Winkeln, die Ada sonst in ihrer unbändigen Neugier zu entdecken geliebt hätte –, machte dieses Haus sie traurig. Wobei Ada der Fairness halber zugeben musste, dass ihre Abneigung weniger den Bifrons’schen Steinmauern zuzuschreiben war. Vielmehr rührte ihr Groll daher, dass ihre Mutter sich sofort nach der Rückkehr von der gemeinsamen Europareise wieder aus Adas Leben verabschiedet hatte. Nicht einmal Adas dreizehnten Geburtstag hatte sie abgewartet. Sie war zum Kuren nach Bath aufgebrochen, gleich nachdem ihre Kammerzofe das Gepäck neu arrangiert hatte. Der Abschied war wenig herzlich ausgefallen.

»Ich erwarte von dir, dass du ein braves Mädchen bist und den Anweisungen deiner neuen Gouvernante Miss Stamp Folge leistest. Und natürlich hast du auch auf den Rest des Personals zu hören. Sie haben alle entsprechende Anweisungen von mir erhalten.«

»Wann kommt denn Miss Stamp?«, hatte Ada wissen wollen und sich prompt einen tadelnden Blick von ihrer Mutter eingehandelt, die unaufgefordertes Sprechen mit Ungehorsam gleichsetzte. Reumütig hatte Ada die Lider gesenkt und auf ihre Schuhspitzen hinabgeschaut.

»Ungeduld ist ein schlechter Gärtner«, hatte Lady Annabella eine ihrer oft bemühten Weisheiten zitiert. Sie hatte sich bereits umgedreht und ihre Handschuhe übergezogen, während eifrige Diener ihre unzähligen Koffer zur Kutsche getragen hatten. Gerne hätte Ada gefragt, wann ihre Mutter denn gedachte zurückzukehren, denn aus der Vergangenheit wusste sie nur zu gut, dass Mutters Kuraufenthalte mitunter Wochen, ja sogar Monate dauern konnten. Doch Ada hatte aus Angst vor einer weiteren Zurechtweisung geschwiegen.

Ada hatte ihren Lieblingsplatz am Rande des Wäldchens erreicht. Sie ließ sich ins Gras plumpsen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte in die über sie hinwegziehenden Wolken. Ein paar Schwalben kreisten über den Dächern von Bifrons, und Ada kniff die Augen zusammen, um ihre Bewegungen besser studieren zu können. Müsste es nicht herrlich sein, fliegen zu können? Wie groß war ihr Abstand zu der Welt hier unten mit all ihren Problemen, Sorgen und Nöten. Vögel waren frei, etwas, das ihr verwehrt war. In ihrer Kindheit war Adas Mutter ihr stets wie ein exotischer Vogel erschienen, der in seinen Käfig hinein- und gleich wieder herausflatterte, zu schnell und schillernd, um sich einfangen zu lassen. Doch damals hatte sie Großmama Judith und Großpapa Ralph gehabt. Ihre Jahre auf deren Anwesen Kirkby Mallory waren ihr deshalb nie einsam oder traurig erschienen, auch wenn sie von ihrer Mutter oft nur in Form von Briefen gehört hatte. Dann war Großmama Judith vor fünf Jahren gestorben, und seither lebte Ada mit ihrer Mutter ein ziemliches Nomadenleben. Meist mietete diese irgendwo ein Haus an, um Ada dort mit einer Entourage aus Dienern und Gouvernanten abzuladen, damit sie selbst schnell wieder fortkonnte.

Als Mutter im Vorjahr mit dem Vorschlag an sie herangetreten war, Ada möge sie auf ihrer Reise durch Deutschland, die Schweiz und Österreich begleiten, hatte Ada kurzzeitig geglaubt, dass nun alles anders werden würde. Wie sehr sie sich getäuscht hatte! Statt gemeinsamer Unternehmungen saß Ada die meiste Zeit in teuren Hotelzimmern und studierte die Auswahl an mathematischen und naturwissenschaftlichen Werken, die Mutter ihr zu lesen aufgetragen hatte. Lady Annabella hingegen besuchte Schulen und andere Bildungseinrichtungen, weil sie mit dem Gedanken spielte, eine Schule nach modernen Lehrmethoden wie die von einem gewissen Herrn Pestalozzi zu eröffnen. All das wusste Ada nur, weil sie gelegentlich den Gesprächen ihrer Mutter und deren Freundinnen gelauscht hatte, die im Gegensatz zu Ada das Privileg genossen, den ganzen Tag um Lady Annabella herumschwirren zu dürfen.

Einmal hatte ihre Mutter sie zu einer Bootstour über den Genfer See mitgenommen. Sie waren an einem wunderschönen Haus vorbeigekommen, und Ada hatte gehört, wie Mary Montgomery zu Frances Carr gesagt hatte, dass das Monster dort in der Villa Diodati gehaust habe.

»Monster?«, hatte Ada verängstigt gefragt.

Mary Montgomery hatte sie tadelnd über den Rücken ihrer spitzen Nase hinweg angesehen. »Weißt du nicht, dass es unartig ist, Erwachsene zu belauschen?«

Doch Ada hatte keine Ruhe gegeben, und irgendwann hatte Selina Doyle ein Einsehen gehabt.

»Sie reden von deinem Vater, und nun schweig, Kind«, hatte sie gezischt und sich dann wieder dem Getuschel der anderen zugewandt. Ada hatte mit staunenden Augen das Haus betrachtet und sich einmal mehr gewünscht, sie hätte ihren Vater kennenlernen dürfen. Doch auch er war gestorben, kurz bevor Mutter sie mit auf die Reise geschleppt hatte.

Ada seufzte und blinzelte in die Sonne. Im Gegensatz zu dem Leben der Vögel bestand ihres aus festen Regeln, aus Vorschriften und Erwartungen – und es wurde viel von ihr erwartet. Sie hatte fleißig zu sein, artig und vor allem fügsam. Benehmt Euch, Lady Ada, sonst werdet Ihr keinen guten Ehemann finden, pflegte Nanny Moore mit strenger Miene zu mahnen. Als ob es nur darum ging im Leben. Nicht nur einmal war ihr ein abfälliges pah! herausgerutscht. Schon früh hatte Ada begriffen, dass eine Heirat nur selten mit Liebe zu tun hatte – zumindest für Menschen ihres Standes. Sie hatte es bei ihrer Cousine Harriet erlebt, die mit einem zwanzig Jahre älteren Lord vermählt worden war und noch auf dem Weg zum Altar unter ihrem Schleier bittere Tränen vergossen hatte. Im Jahr darauf hatten sie Harriet besucht. Die junge Frau war um Jahre gealtert, war bereits mit dem zweiten Kind schwanger gewesen und hatte für ihren Gatten nichts als angewiderte Blicke übriggehabt, der wiederum schon am Nachmittag neben seinem Brandyglas in der Bibliothek mit offenem Mund und nach hinten gefallenem Kopf laut vor sich hin geschnarcht hatte.

Nein, so stellte sich Ada ihr Leben nicht vor. Sie wollte etwas erleben, wollte etwas von der Welt sehen, forschen – und tief in ihrem Herzen wusste sie, dass der Schlüssel zur Freiheit in ihrem wachen Verstand lag. Ihr Wissensdurst war schier unerschöpflich, ihr Kopf in der Lage, die aufgenommenen Informationen blitzschnell zu verarbeiten und neu zu denken. Sie war anders als die anderen Mädchen in ihrem Alter, die sich für schöne Kleider und Handarbeiten begeisterten. Ada hätte jederzeit ihre gesamte teure Garderobe für eine gut gefüllte Bibliothek hergegeben.

Auch wenn ihre Mutter der Ansicht war, Adas Lebensweg sei vorgezeichnet wie ein langer, gerader Korridor, an dessen Ende eine gute Partie auf sie wartete, sie würde die Türen entlang des Flurs finden, hinter denen andere Wege lagen. Sie, Ada, würde allen beweisen, dass eine Frau keinen Ehemann brauchte, um ein gutes, bereicherndes Leben zu haben. Wobei sie nicht einsam bleiben wollte. Sie sehnte sich nach Freundschaft, nach einem Menschen, der sie verstand und so nahm, wie sie war. Jemand, der ihre tintenverschmierten Finger liebenswert fand, der ihren Verstand schätzte und ihr nicht den Mund verbat, wenn sie ihre Meinung kundtat. Wie sehr wünschte sie sich, Mutter wäre dieser Jemand. Doch Lady Annabella hatte ihr nie das Gefühl vermittelt, gut genug für ihre kostbare Zeit und Aufmerksamkeit zu sein.

Die Schwalben kreisten nun direkt über ihr, und der Anblick ließ ihr Herz plötzlich wild pochen und ihre Hände schwitzen. Fort waren die trüben Gedanken. Wie immer, wenn sie scheinbar aus dem Nichts eine neue Idee hatte, beschlich Ada das Gefühl, eine der Türen gefunden zu haben, hinter deren eine Welt lag, die ihr allein vorbehalten war.

»Ich werde eine Flugmaschine bauen, Puff«, verkündete sie aufgeregt und erschreckte damit ihren weißen Kater, der sich zu ihren Füßen im warmen Gras ausgestreckt hatte. Wie in Trance setzte sie sich auf und schloss die Lider, weil die Gerätschaft vor ihrem inneren Auge bereits Formen annahm. Groß müsste die Flugmaschine sein, mit Schwingen links und rechts und einem hohlen Inneren, in das sich ein Mensch setzen und in die Lüfte aufsteigen könnte. Und weil Ada die Geschichten von Pegasus, dem geflügelten Pferd, liebte, müsste ihre Maschine natürlich die Form eines Pferdes haben. Ada war regelrecht entbrannt für ihre Idee, als sie die Augen wieder aufschlug. »Puff, stell dir das nur vor. Ein fliegendes Pferd, vielleicht mit Dampfkraft betrieben wie Schiffe und Eisenbahnen, und ich sitze darin und steuere es in die Wolken hinein.«

Die Katze schien jedoch wenig begeistert von Adas hochfliegenden Plänen, denn sie streckte sich, gähnte und rollte sich dann wieder zu einem weißen Fellknäuel zusammen.

»Ach, dann verschlaf doch diesen monumentalen Moment«, sagte Ada und sprang auf, schon im Begriff, in ihrem Zimmer die neue Idee zu Papier zu bringen. Ärgerlich registrierte sie in diesem Moment die Stimme ihrer Nanny.

»Miss Ada, ich habe schon mehrfach nach Euch gerufen. Ihr sollt ins Studierzimmer kommen, Ihr werdet schon erwartet.« Nanny Moores fülliges Gesicht war rot und verschwitzt, weil sie bei den hohen Temperaturen die kleine Erhebung zu eilig hinaufgelaufen war.

»Warum denn? Ich habe meine Aufgaben für heute schon erledigt«, sagte sie trotzig, was ihr einen strengen Blick von Nanny Moore einbrachte.

»Es steht Euch nicht zu, meine Anordnungen zu hinterfragen, Miss Ada. Also los jetzt.«

Ada atmete tief ein und aus, um ihren Zorn in den Griff zu bekommen. Sie hasste es, wenn sie ihre Gedanken nicht umgehend zu Papier bringen konnte. So manche gute Idee war auf diese Weise schon in den Tiefen ihres Gehirns verloren gegangen.

Mit langem Gesicht folgte Ada ihrer Nanny, Puff unter den Arm geklemmt, der sich bald heftig wehrte, weil er lieber draußen blieb und Mäuse jagte. Als er sie kratzte, ließ sie ihn los, worauf der Kater zu einem Sprint über den fein geschnittenen Rasen ansetzte, um Sekunden später hinter einer niedrigen Bruchsteinmauer zu verschwinden.

KleinerVerräter, dachte sie liebevoll.

Ada trat seufzend in den dunklen, kühlen Empfangsbereich des Hauses und ging dann mit extra langsamen Schritten die breite Treppe zum Obergeschoss hinauf, wo neben dem Kinderzimmer auch ihr Studierzimmer lag. Sie blickte kurz an sich herab und überlegte, was ihre Mutter wohl zu ihrem Aussehen sagen würde: Ihr weißes Kleid hatte grüne Flecken vom Gras, ihre Hand war mit blutigen Kratzern versehen, und in ihren am Morgen noch ordentlich geflochtenen Zöpfen hingen kleine Zweige und Blätter. Nanny Moore hatte sie dafür eben schon getadelt und gedroht, alles an Mylady Byron zu melden, doch Ada hatte keine Lust gehabt, sich von ihrer Zofe frisch einkleiden zu lassen. Sie wollte nun endlich sehen, wer oder was im Studierzimmer auf sie wartete.

Als sie die schwere Holztür mit einem Knarzen aufzog, blieb sie wie angewurzelt stehen. Die Frau, die da vor ihr stand, war ganz anders als alle, die Mutter bisher zu ihrer Erziehung eingestellt hatte. Sie war jung, Anfang zwanzig, schätzte Ada. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem lockeren Knoten im Nacken geschlungen, aus dem sich einzelne Strähnen befreit hatten, die sich nun um ihr freundliches Gesicht kringelten. Sie trug eine hochgeschlossene Bluse und einen langen grauen Baumwollrock. Doch am eindrucksvollsten war, dass sie Ada ein warmes Lächeln entgegensandte, als diese in der Tür stand. Kein Tadel, keine Zurechtweisung, weil sie schmutzig und zu spät war. Nur dieses Lächeln.

»Ihr müsst Ada sein, ich bin Eure neue Gouvernante, Miss Stamp«, sagte sie mit melodischer Stimme, und Ada blieb mit offenem Mund in der Tür stehen. »Ich war so frei und habe das merkwürdige Brett entfernt, seinen Einsatz werden wir beide nicht benötigen, denke ich.«

Adas Blick glitt in die Ecke, wo das Marterinstrument gestanden hatte. Viele ihrer Gouvernanten hatten es auf Geheiß ihrer Mutter eingesetzt, die behauptete, so würde der unruhige Geist ihrer Tochter am besten zur Ruhe kommen. Ada hatte schon Stunden reglos auf diesem Brett zugebracht. Ihr ganzer Körper hatte sich angefühlt, als würden Ameisen hindurchkrabbeln, so fahrig hatte sie diese sinnlose Übung gemacht.

»Stattdessen habe ich Euch diese Kärtchen hier gemalt, Ihr könnt sie Euch gerne ansehen. Wenn Ihr besonders gut gearbeitet habt, dann dürft Ihr Euch eins nehmen«, fuhr Miss Stamp fort und riss Ada damit aus ihren Gedanken. Ada trat näher, während die Gouvernante ihr einen kleinen Stapel handgefertigter Bildchen über den Schreibtisch hinweg zuschob.

Zögerlich griff sie nach den Karten. Sie waren wunderschön. Miss Stamp hatte auf den Miniatur-Aquarellen Pflanzen und Tiere mit äußerster Präzision eingefangen. Adas Herz begann schneller zu schlagen. Sie wusste, dass nun eine neue Zeit für sie angebrochen war. Sie markierte das Ende der Einsamkeit, weil sie sich absolut sicher war, eine Seelengefährtin gefunden zu haben.

Damals

Bifrons

1829

»Miss Ada, ein bisschen mehr Konzentration«, hörte sie die sanfte Stimme von Miss Stamp. Wehmütig riss Ada ihren Blick vom Fenster los. Draußen schien die Sonne, ein milder Frühlingstag lockte hinter der Glasscheibe, der Himmel war blassblau und nur mit ein paar wenigen weißen Schäfchenwolken verhangen. Ein Schmetterling flog an ihrem Studierzimmer vorbei und machte ihr einmal mehr bewusst, wie frei das Fliegen machte und wie eingesperrt sie selbst doch war – an den Boden und an dieses Studierzimmer gekettet.

Doch das würde sie ändern. Seit Wochen schon arbeitete Ada gedanklich an ihrer Flugmaschine. Sie hatte die Flügel einer toten Krähe studiert, hatte gelesen und gerechnet und bestimmt fünfzig Zeichnungen angefertigt, nur um alles wieder zu verwerfen. Gerade stand sie vor dem Problem des Materials. Sie hatte sich aus der gut bestückten Bücherei von Bifrons ein Buch über den Mathematiker Archytas von Tarent geholt, der eine Art Holztaube gebaut hatte, gute vierhundert Jahre vor Christi Geburt. Doch das war nur ein Modell gewesen, nicht dazu gedacht, Menschen zu tragen. Holz erschien ihr definitiv nicht als der passende Werkstoff.

»Also gut, ich gebe mich geschlagen.«

Überrascht riss Ada sich von der grünen Kulisse draußen los und starrte Miss Stamp an, die energisch das Lateinbuch zuklappte. Ada schluckte. Sie wollte Miss Stamp auf gar keinen Fall verärgern. Ihr Leben war um so vieles besser, seit ihre neue Gouvernante hier war. Sie hatte echtes Interesse an Adas Gedanken, lauschte ihr und machte Vorschläge. Etwa was ihre Idee mit dem dampfbetriebenen Flugapparat betraf. Miss Stamp hatte ihr sogar geholfen, in einem Raum neben der Gesindeküche eine Art Werkstatt einzurichten. Dort wollte Ada weiterforschen und tüfteln und ihre Ergebnisse in einem Werk mit dem Titel »Fliegologie« festhalten. Ihr Herz schlug immer ein paar Takte schneller, wenn sie daran dachte. In ihren Träumen wurde sie eine so berühmte Forscherin und Gelehrte wie etwa Galilei oder da Vinci. Und vor allem sah sie stets ihre Mutter, wie diese bewundernd und voller Liebe vor ihr stand und sie um Verzeihung bat für all die vielen Jahre, in denen sie Ada keine Beachtung geschenkt hatte.

»Miss Ada, Ihr träumt schon wieder«, sagte Miss Stamp, an deren Mundwinkeln nun ein Lächeln zupfte.

»Es tut mir leid, Miss Stamp, ich werde versuchen, mich jetzt auf den gallischen Krieg zu konzentrieren«, beeilte Ada sich zu sagen, doch Miss Stamp schüttelte den Kopf.

»Der Tag ist einfach zu schön, wir werden den Unterricht heute ins Freie verlegen.«

Ada traute ihren Ohren kaum. Noch nie hatte eine Gouvernante so etwas vorgeschlagen. Stets hatte Ada Stunde um Stunde im Studierzimmer sitzen und ihren Stoff abarbeiten müssen – auf Geheiß ihrer Mutter natürlich, die sich regelmäßig bei ihren Tutoren über Adas Fortschritte erkundigte und dabei auch nicht müde wurde zu erwähnen, dass es gelte, den unruhigen Geist des Kindes in geordnete Bahnen zu lenken. Doch Miss Stamp schien das wenig zu interessieren. Sie hatte bereits ein paar Bücher in eine Tasche gepackt und ging auf die Tür zu.

»Bewegen müsst Ihr Euch schon selbst, Miss Ada, die Welt da draußen wird wohl kaum hier herein ins Studierzimmer spazieren.«

Das ließ Ada sich nicht zweimal sagen. Sie sprang so begeistert auf, dass ihr Stuhl nach hinten kippte und mit einem Poltern auf dem Boden aufschlug. Entsetzt starrte Ada zuerst das gefällte Sitzmöbel und dann ihre Lehrerin an.

Doch Miss Stamp lächelte nur milde. »Hebt ihn auf und dann kommt.«

Keine Strafe, kein Tadel, keine Zurechtweisung – Miss Stamp war wirklich der gütigste Mensch, den sie kannte. Ada tat wie geheißen und folgte ihrer Lehrerin, wobei sie versuchte, ihre Begeisterung über die Aussicht, den Tag tatsächlich im Freien verbringen zu dürfen, so weit zu zügeln, dass kein weiteres Missgeschick passieren würde. Zumindest bis sie an der Luft wären. Miss Stamp ging vor ihr die Treppe hinunter und bat Mrs. Ecclestone, die Köchin, ein kleines Picknick vorzubereiten.

»Das steht sicher nicht auf dem Lehrplan, den Mylady Byron im Sinn hatte«, merkte die Köchin spitz an, verschwand nichtsdestotrotz in ihrem Reich, aus dem sie kurze Zeit später mit einem Korb voller Sandwiches, einer Glasflasche mit frischer Limonade und etwas Obst zurückkehrte.

»Das werde ich Lady Byron wissen lassen«, vernahmen sie plötzlich die gestrenge Stimme von Nanny Moore, die mit verschränkten Armen an der Treppe stand und das Schauspiel eine Weile beobachtet hatte.

»Tun Sie das, liebe Miss Moore, Pflanzen- und Heimatkunde stehen nämlich durchaus auf dem Lehrplan, und ich halte viel davon, beides in natura zu betrachten, statt nur auf den Seiten eines Buches.«

Mit diesen Worten griff Miss Stamp den Korb und strebte zur Tür. Ada folgte ihr, wobei ihre Bewunderung für die resolute Erzieherin gerade ins Unermessliche gewachsen war. Nanny Moore allerdings blickte ihnen so sauertöpfisch nach, dass sogar ein Krug Milch ungenießbar geworden wäre.

Draußen wartete ein herrlicher Tag auf sie. Warm und sonnig, mit kleinen Bienen, die über den Klee summten, und Vögeln, die oben in den Bäumen saßen und sich ein Lied zuriefen. Es duftete nach Lavendel und geschnittenem Gras, nach Erde und sonnenwarmen Steinen. Miss Stamp marschierte zielstrebig zu dem kleinen Bach am äußersten Rand des weitläufigen Areals von Bifrons. Dort streifte sie ihre Schuhe ab, hob ihre Röcke an und tapste barfuß geradewegs ins Wasser. Ada fiel die Kinnlade herunter.

»Na los, Miss Ada, kommt, das Wasser wird Euch erfrischen«, rief sie und spritzte übermütig in Richtung ihrer Schülerin.

Ada kam sich vor, als würde sie träumen. Schnell schälte sie sich aus den viel zu warmen, knöchelhohen Stiefeln, streifte die Strümpfe ab und folgte Miss Stamp ins Wasser. Es war kalt, aber das störte Ada nicht. Selten nur hatte sie sich in ihrem jungen Leben so lebendig gefühlt, so voll von der Schönheit des Lebens und der Natur. So erfüllt von Zuversicht und Liebe. Ja, sie liebte Miss Stamp, auch wenn diese erst wenige Monate bei ihr war. Doch Ada wusste, wie Liebe sich anfühlte, denn sie hatte Großmutter Judith geliebt und Puff, der zu Adas Bestürzung im letzten Winter morgens tot vor dem Haus gelegen hatte. Und sie liebte Miss Stamp. Leider konnte sie von ihrer Mutter nicht dasselbe sagen. Sie achtete sie, sie versuchte, ihretwegen gehorsam zu sein, und wollte ihr um jeden Preis gefallen – doch wie konnte sie jemanden lieben, der sie nicht zurückliebte?

»Schon wieder in Gedanken?«, neckte Miss Stamp, und Ada beschloss, ihre wilden Grübeleien für den Moment ruhen zu lassen, um sich ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Sie wollte jeden Augenblick aufsaugen und diese schönen Gefühle und Erlebnisse in ihrem Herzen bewahren, damit sie sie bei Bedarf wie ein Buch hervorholen konnte, wenn die Tage wieder finsterer wurden.

Die wilde Wasserschlacht, die folgte, hatte sich gewaschen. Nass und außer Atem, stiegen die beiden irgendwann aus dem kalten Bach, um danach im Schatten der großen alten Eichen ihr Picknick einzunehmen – dort wo Ada sonst gerne mit Puff gelegen hatte, um ihren Gedanken nachzuhängen.

Während Miss Stamp sich unter dem grünen Blätterdach ausstreckte und die Augen schloss, beobachtete Ada einige Hummeln dabei, wie diese völlig mühelos ihre unförmigen Körper nur mit der Kraft der winzigen Flügel emporhoben. Ada wusste, dass eine Hummel bei einem Gewicht von etwa 1,2 Gramm gerade mal eine Flügelfläche von 0,7 Quadratzentimetern besaß. Nach den Gesetzen der Aerodynamik war es unmöglich, dass eine Hummel flog, und doch tat sie es. Ada lächelte. Sie mochte die pelzigen Insekten, die sich einfach nicht darum scherten, was möglich war und was nicht.

»Was geht in Eurem klugen Kopf vor?«, vernahm sie Miss Stamps sanfte Stimme. Ada blickte zu ihrer Lehrerin hinüber, die immer noch die Augen geschlossen hatte.

»Ich will etwas Besonderes aus meinem Leben machen, Miss Stamp. Ich will eine große Erfinderin werden. Die erste Frau, die mit ihren Ideen jeden Mann überflügelt.«

Miss Stamp schwieg einige Augenblicke lang, und Ada befürchtete schon, sie wäre zu weit gegangen, als sie ein leises Lachen vernahm.

»Ich bin davon überzeugt, dass Ihr genau das tun werdet.«

Ada grinste zufrieden. Sie drehte sich, nun etwas mutiger, auf den Bauch, um Miss Stamp besser beobachten zu können. »Und ich will niemals heiraten«, platzte es aus ihr heraus. Nun öffnete die Gouvernante doch die Augen.

»Warum nicht?«

Ada stupste ein paar Ameisen an, die sich im Gras gemeinschaftlich mit einem Krümel Kuchen vom Picknick abmühten.

»Weil ich glücklich sein will.«

Miss Stamps Stirn zog sich in Falten, während sie ihre nächsten Worte abzuwägen schien. »Zu heiraten bedeutet nicht, unglücklich zu werden. Man kann mit dem richtigen Menschen sehr großes Glück in einer Ehe finden.«

Ada schüttelte den Kopf. »Ich kenne kein einziges Ehepaar, das mir glücklich erscheint.«

»Ihr seid noch sehr jung, und Euer Leben verläuft in engen Bahnen. Wartet ab, bis Ihr in die Welt hinausgeht, mehr seht und erlebt. Ihr werdet Eure Meinung ändern, wenn sich Euer Herz meldet.« Miss Stamp hatte sich aufgesetzt und begonnen, einen Kranz aus Gänseblümchen zu flechten, den sie Ada schließlich aufs Haar legte. Dann lächelte sie. »Ihr werdet Euren Weg gehen und auf diesem Weg jemanden finden, der alles heller und schöner erscheinen lässt. Jemanden, der Euer Innerstes versteht und Euch liebt, so wie Ihr seid.«

»Habt Ihr so jemanden, Miss Stamp?«, fragte Ada neugierig.

»Ich hatte so jemanden, ja.« Ihre Stimme klang neutral, doch eine ungewohnte Traurigkeit huschte kurz über Miss Stamps Züge. »Es hat nicht sollen sein, doch dafür habe ich jetzt meinen Beruf, der mich glücklich macht – und Euch.« Sie tippte Ada auf die Stupsnase und stand dann abrupt auf. »Kommt, wir wollen noch etwas für Eure Bildung tun, damit Nanny Moore keinen Grund zum Schimpfen hat.«

Den Rest des Nachmittags verbrachten sie damit, Pflanzen zu bestimmen und die giftigen in ein kleines Buch zu zeichnen. Als sie sich am Ende des Tages wieder zum Herrenhaus aufmachten, war Ada müde, aber beseelt.

»Es war ein wundervoller Tag, ich danke Euch von Herzen.«

Miss Stamp war kurz stehen geblieben und lächelte Ada an. »Die Freude war ganz meinerseits«, sagte sie und deutete eine kleine Verbeugung an.

Ada konnte nicht anders, sie schlang ihre Arme um Miss Stamps Taille und drückte sich an sie. Nach einem kurzen Zögern erwiderte die Gouvernante die Geste, doch nach ein paar Momenten schob sie Ada sanft von sich.

»Genug für heute. Aber morgen zeigt Ihr mir noch einmal Eure Werkstatt, wenn wir mit dem Unterricht fertig sind.«

»Das Fliegezimmer«, korrigierte Ada und schenkte ihrer Lehrerin ein strahlendes Lächeln, während sie zur Tür strebten, wo ihnen die immer noch sauertöpfisch dreinblickende Nanny Moore schon entgegenkam. Doch Ada beachtete sie nicht einmal. Sie war zu glücklich. Heute Nacht im Bett würde sie noch einmal dem lieben Gott dafür danken, dass er ihr Miss Stamp gesandt hatte.

Der Unterricht am folgenden Tag zog sich, und Ada musste all ihre Willenskraft aufbringen, um Miss Stamps Worten zu folgen, denn sie wollte auf gar keinen Fall riskieren, dass ihre Gouvernante einen Grund hatte, den Besuch in der Werkstatt zu verweigern. Sie verbat es sich sogar, aus dem Fenster zu sehen, und drängte alle anderen Gedanken, die nichts mit Cicero oder Euklid zu tun hatten, beiseite. Endlich war es vier Uhr, und Miss Stamp signalisierte ihr, dass der Unterricht beendet sei.

»Und wollen Sie mich jetzt in meine Werkstatt begleiten?«

»Das hatte ich Euch doch versprochen, Miss Ada, und Versprechen werden nicht gebrochen.«

Das war Ada von ihrer Mutter anders gewohnt, doch sie vermied es, diesen Umstand anzumerken. Am liebsten hätte Ada Miss Stamp bei der Hand genommen und die Treppe hinabgezogen, so ungeduldig war sie, doch sie riss sich zusammen und versuchte, weder zu rennen noch auf dem Weg über ihr Projekt zu erzählen.

Ada, du plapperst wieder, hörte sie im Geiste ihre Mutter tadeln, wenn sie im Gehen sprach. Doch als sie nahe der Gesindeküche waren, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten.

»Ich habe mir im Garten die Flügel einer toten Krähe angesehen, Miss Stamp, und ich glaube, dass diese sich hervorragend aus Drähten und Papier nachbauen ließen. Ich habe das aufgezeichnet. Meinen Berechnungen zufolge sollten sie stark genug sein, um mein kleines Holzpferd zu tragen. Um es anzutreiben, versuche ich, aus einem Zinnbecher und einer Metallstange eine Art Zylinder zu bauen für eine kleine Dampfmaschine.«

Sie hatten die Tür zu Adas Refugium erreicht, und Miss Stamp trat staunend ein. Ada folgte ihr gespannt. Sie hatte hier in den vergangenen Wochen unzählige Dinge zusammengetragen: Federn, Holz, Äste, Rohre und Drähte stapelten sich neben unzähligen Töpfen, Kesseln und anderen Behältnissen auf einem langen Holztisch. Daneben lagen Notizbücher mit Zeichnungen und Berechnungen. Es gab Seile, die an dicken Balken von der Decke hingen, und sogar einen Flaschenzug. Ada hatte aus Stöcken eine Art Dreieck gebaut, an dem sie später die richtigen Flügel aufhängen wollte. In Gläsern auf einem Regal hatte sie Schrauben und Nägel gesammelt, einen alten Hammer sowie einen ausrangierten Schraubendreher hatte sie aus den Beständen des Hausmeisters mitgehen lassen. Besonders stolz war sie darauf, dass sie eine Packung Reibzündhölzer ergattert hatte, die die Köchin auf der Arbeitsplatte hatte liegen lassen.

»Ich habe mir überlegt, dass ich den Zinnbecher einschmelze und neu forme, sodass er mit dem Rohr verbunden wird.«

Miss Stamp nickte und fuhr ehrfürchtig über Adas Sammelsurium. »Das ist beeindruckend, Miss Ada. Seit wir den Holztisch hier hereingetragen haben, habt Ihr ganze Arbeit geleistet, um aus dem Raum eine echte Werkstatt zu machen – Pardon, ein Fliegezimmer«, korrigierte sie sich lachend.

Ada platzte fast vor Stolz. Sie wollte Miss Stamp so gerne teilhaben lassen an ihren Experimenten. Also zog sie einen alten Stuhl aus einer Ecke und bot der Lehrerin darauf Platz.

»Bleiben Sie zurück, gleich wird es gefährlich«, rief sie wie ein Zauberer auf dem Jahrmarkt. Sie platzierte den Kessel an einem Gestänge über einer improvisierten Feuerstelle am Boden und nahm sich ein Reibzündholz aus der Verpackung. Wie sie es bei der Köchin gesehen hatte, strich sie das Stäbchen nun an der mit Lucifer beschrifteten Schachtel entlang. Mit einem Zischen erwachte das mit Phosphor getränkte Holz zum Leben. Funken sprühten, und es begann, heftig zu stinken.

»Oh Gott, Ada«, schrie Miss Stamp und sprang auf.

Ada blickte verwirrt zu ihrer Gouvernante, doch dann sah sie, dass die Schleife an einem ihrer geflochtenen Zöpfe Feuer gefangen hatte. Die Haare um die Schleife herum waren bereits angesengt. Vergeblich versuchte Ada mit der Hand, die Flammen auszuschlagen. Miss Stamp griff geistesgegenwärtig nach einem Wassereimer, der in einer Ecke stand, und leerte ihn über Adas Kopf aus. Ada schnappte ein paarmal nach Luft und taumelte dann auf den Tisch zu, um sich festzuhalten, weil sie das Gefühl hatte, gleich in Ohnmacht zu fallen. Der Schreck war ihr in alle Glieder gefahren. Miss Stamp und sie blickten sich immer noch schwer atmend an, beide zu schockiert, um etwas zu sagen.

Dafür hatte Nanny Moore, die, durch die Schreie angelockt, nur wenige Sekunden später in der Tür stand, umso mehr Worte parat. »Heiliger, grundgütiger Gott«, stieß sie aus, als sie Ada erblickte, tropfnass und mit angekokeltem Zopf. »Geht es Euch gut, Miss Ada?«, fragte sie und marschierte durch den Raum, ohne Miss Stamp eines Blickes zu würdigen. Ada nickte, noch immer nicht fähig, etwas zu sagen. Nanny Moore griff nach Adas Haaren und gab einen zischenden Laut der Missbilligung von sich. »Das müssen wir abschneiden, da ist nichts mehr zu retten. Was habt Ihr Euch bei diesem Unfug nur gedacht?« Sie klang nun weniger besorgt als verärgert.

»Ich wollte das Modell einer Dampfmaschine bauen«, gab Ada trotzig zurück.

Nanny Moore schüttelte resigniert den Kopf. »Von einem Kind habe ich nicht so viel Verstand erwartet, aber Sie …« Bei dem hingespuckten Sie fuhr sie erbost zu Miss Stamp herum. »Wie konnten Sie das zulassen? Das Mädchen hat doch auch ohne Ermutigung schon genug Flausen im Kopf. Sie hätte sich ernsthaft verletzen, ja sogar umbringen können. Das ganze Haus hätte in Flammen aufgehen können. Das wird ein Nachspiel haben, darauf können Sie Gift nehmen.«

Ehe Miss Stamp irgendetwas zu ihrer Verteidigung hätte erwidern können, riss Nanny Moore Ada am Arm und zog sie hinter sich her aus der Werkstatt. In ihrem Zorn schien es sie nicht weiter zu stören, dass Ada auf der Treppe ins Straucheln geriet und sich an einer Stufe am Schienbein stieß. Als sie Adas Zimmer erreichten, schleuderte Nanny Moore sie fast in den Raum. Ada rieb sich kleinlaut die schmerzende Stelle, die der Klammergriff der Nanny hinterlassen hatte.

»Setzt euch«, befahl Nanny Moore und verließ den Raum, um wenig später mit einer Schere zurückzukehren.

»Das wird Euch eine Lehre sein«, sagte sie fast schadenfroh, als Adas schöne, lange Locken zu Boden fielen. Ada biss sich auf die Lippen, denn sie wollte nicht weinen. Nicht wegen ein paar Haaren, die nachwachsen würden. Vielmehr machte ihr die Angst zu schaffen. Wenn ihre Mutter von diesem Vorfall erfuhr, würde Miss Stamp vermutlich ihre Sachen packen müssen.

Ada schlief schlecht in dieser Nacht. Sie wälzte sich immerzu unruhig hin und her. Sollte sie selbst vielleicht Nanny Moore zuvorkommen und ihrer Mutter, die gerade in Kent bei einer Freundin weilte, den Vorfall in einem Brief beichten? Sie könnte es so darstellen, als sei Miss Stamp erst hinzugekommen, als alles schon passiert war. Dass Miss Stamp sie und auch das ganze Haus gerettet hatte. Nur zu gerne würde sie die ganze Schuld auf sich laden, um ihre Lehrerin damit aus dem Kreuzfeuer zu nehmen. Ja, das würde sie tun, gleich als Erstes morgen früh, beschloss sie und schlief dann endlich ein.

Doch noch bevor Ada ihren Entschluss in die Tat umsetzen konnte, teilte Nanny Moore ihr beim Wecken mit, dass sie Hausarrest habe, bis entschieden sei, wie es weitergehe.

»Ich wünsche, meiner Mutter zu schreiben. Bitte bringt mir Tinte und Papier«, sagte Ada bestimmt und hoffte, dass man das Zittern aus ihrer Stimme nicht heraushörte.

»Ausgeschlossen. Ich werde Eure Frau Mama über den Vorfall informieren. Ich habe schon seit Längerem und mit wachsendem Unmut beobachtet, dass Miss Stamp viel Unruhe in Euren Alltag gebracht hat. Nun reicht es endgültig.«

Ada wollte betteln, wollte flehen, doch Nanny Moore hatte schon immer eine Art gehabt, sie mit einem einzigen Blick zum Schweigen zu bringen. Es würde alles nichts nützen, das Unheil hatte schon begonnen, sich über Adas Kopf zusammenzubrauen.

Und tatsächlich, nachdem Ada zwei Wochen niemanden außer Nanny Moore zu Gesicht bekommen hatte und sich in ihrem Zimmer langsam fühlte wie eine Gefangene, wurde sie von einem der Hausmädchen geholt und ins Studierzimmer gebracht. Dort wartete Miss Stamp auf sie, fast so wie am Tag ihrer Ankunft vor gut einem Jahr. Doch heute strahlte sie nicht. Im Gegenteil: Sie hatte rotgeäderte Augen und war blass. Ada erschrak, weil sie ahnte, was nun kommen würde.

»Setzt Euch, Miss Ada, ich muss mit Euch sprechen«, sagte sie heiser.

Ada schluckte, nahm jedoch ohne Widerworte Platz. Ihr Herz schlug wild, und ihre Hände wurden feucht.

»Ada, Eure Mutter wurde über meine – wie sie es umschreibt – unorthodoxen Lehrmethoden informiert. Sie war mehr als aufgebracht, dass ich ihren Anordnungen nicht Folge leiste, und fürchtet, dass ich Euch nachhaltig verdorben hätte. Sie war sehr erzürnt.«

Ada wollte nichts mehr hören. Sie schüttelte den Kopf und schloss die Augen. »Nein, nein, ich werde das nicht zulassen. Ich will nicht, dass Sie gehen.«

Miss Stamps Blick wurde weicher. »Ada, es lässt sich nicht ändern.«

»O doch, ich kann das ändern. Ich werde allen sagen, dass Nanny Moore lügt. Dass alles ganz allein meine Schuld war.« Wütend war sie aufgesprungen und hatte ihre Hand zu einer Faust geballt, bereit, für sich und ihre geliebte Lehrerin zu kämpfen.

Miss Stamp war nun ebenfalls aufgestanden und umrundete den Schreibtisch, an dem sie gesessen hatte. Liebevoll umfassten ihre Hände Adas immer noch geballte Faust. »Miss Ada, glaubt mir, ich wäre gerne hier bei Euch geblieben. Aber ich habe keine Wahl.« Ihre Stimme brach, und sie schluckte mehrmals, ehe sie weitersprach: »Eure Mutter hat dafür gesorgt, dass ich nirgendwo mehr eine Stelle als Gouvernante bekommen werde. Ich bekomme kein Zeugnis und keinen Lohn. Damit bleibt mir nichts anderes übrig, als den Antrag eines Freundes in meiner alten Heimat anzunehmen. Meine Koffer sind bereits gepackt, morgen früh breche ich nach Cornwall auf.«

»Sie dürfen nicht gehen, Sie sind doch alles, was ich habe«, brach es aus Ada hervor. Ihre Wut mischte sich mit dem unbändigen Schmerz tiefster Trauer. Schließlich versagten ihr die Beine, und sie brach zu Miss Stamps Füßen zusammen. »Wenn Sie gehen, will ich auch fort von hier. Ich will mit Ihnen kommen«, schluchzte sie und umschlang verzweifelt die Beine der Gouvernante.

Auch Miss Stamp konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken, und als Ada zu ihr hinaufblickte, sah sie, wie Miss Stamp sich eine Träne von der Wange wischte. Sanft zog sie Ada auf die Füße und nahm sie in den Arm. Nun brachen alle Dämme, und Ada vergoss eine wahre Sturzflut an Tränen.

»Ada, Ihr wisst, dass das nicht geht.«

Natürlich wusste sie das, aber wie sollte ihr Leben nun aussehen, wenn Miss Stamp fortging? Sie hatte niemanden mehr, nicht einmal ein Haustier. Als sie sich leergeweint hatte, schob Miss Stamp sie sanft von sich.

»Ada, hör gut zu. Du bist ein ganz besonderes Mädchen«, flüsterte ihre Gouvernante, die abrupt zum vertraulichen Du gewechselt war. Mit ernstem Gesicht umgriff sie Adas Schultern und sah ihr tief in die Augen, ehe sie weitersprach: »Du hast so viele Talente und einen sehr wachen Verstand. Hör niemals auf, Fragen zu stellen, verliere nie deine Neugier und deinen Mut, dem Leben alles abzuringen, was es dir zu bieten hat. Du hast die Gabe, mehr in der Welt zu sehen als andere. Nutze sie. Ich bin fest davon überzeugt, dass du deinen Weg gehen wirst, und dankbar, dass ich dabei ein paar Schritte mit dir tun durfte. Und nun lauf, Nanny Moore erwartet dich. Weiterer Kontakt zwischen uns ist nicht erwünscht«, fügte sie bitter hinzu.

Ada versuchte tapfer zu sein, um es für sie beide nicht noch schmerzvoller zu machen. Sie nickte und biss sich innen auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Doch der Schmerz in ihrem Herzen blieb.

»Geh«, flehte Miss Stamp, während ihre Stimme bedenklich schwankte.

Ada drehte sich um und lief gehorsam zur Tür. An der Schwelle hielt sie jedoch noch einmal inne. »Ich werde Sie niemals vergessen, Miss Stamp, versprochen. Solange ich lebe nicht.«

Mit diesen Worten rannte sie los und suchte Zuflucht in ihrem Zimmer, welches für sie erneut zum Gefängnis werden würde – doch davon wusste Ada in diesem Moment gottlob noch nichts.

Heute

Ockham Park

1835

Als Ada die Augen öffnete, war ihr erster Gedanke, wie seltsam es war, dass sie ausgerechnet jetzt von Miss Stamp geträumt hatte. Seit langem hatte sie nicht mehr an ihre einstige Gouvernante gedacht. Doch da war noch etwas. Dunkel und unheilvoll lauerte es in einem verborgenen Winkel ihres Bewusstseins, wartete darauf, dass Ada bereit wäre, sich ihm zu stellen. Und dann fiel es ihr wieder ein: Michael.

Der Gedanke an ihn hätte Ada wohl vor Schmerz den Verstand geraubt, doch ihr Körper hatte beschlossen, sie davor zu schützen. So hatte Ada das Gefühl, unter der Oberfläche eines zugefrorenen Sees zu schwimmen. Taub und kalt, fest im eisigen Griff des Wassers, das die Welt um sie herum in eine Kulisse aus dumpfen Geräuschen und verschwommenen Farben und Formen verwandelte. Ihre Augen waren zwar geöffnet, aber sie nahm kaum etwas um sich herum wahr. Ihre Glieder waren zu schwer, als dass sie auch nur einen Finger hätte heben können, und die Trauer saß wie ein Kloß in ihrer Kehle und machte es ihr fast unmöglich, an dem Gefühl vorbeizuschlucken. Sie hatte so etwas schon einmal durchlebt, und es war nicht schwer, die Parallelen zwischen damals und heute zu ziehen: In beiden Fällen hatte ihr Körper so auf den Verlust eines geliebten Menschen reagiert. Damals war es der Weggang von Miss Stamp gewesen, heute war es Michaels Tod.

Vor dem großen Herrenhaus im italienischen Stil wartete Dr. Herbert Mayo in seiner Kutsche, bis der Lakai hinten abgestiegen war, um ihn mit einem Schirm bis zur Tür des King’schen Anwesens zu geleiten.

Beim Anblick der dunklen, regenschweren Wolken am Himmel verzog der Arzt missmutig das Gesicht. Er hasste das Wetter in seiner Heimat. Vor einigen Jahren war er mit seiner Frau durch Europa gereist und hatte das angenehme Klima Italiens schätzen gelernt. Auch wenn es noch eine ganze Weile dauern würde, so spielte er dennoch mit dem Gedanken, dort seinen Ruhestand zu verleben. Dr. Mayo seufzte. Italien musste warten. Jetzt war er hier in Ockham, aus Verbundenheit zu seiner alten Freundin Lady Annabella. Er wusste um Lady Annabellas Sorge, dass Ada von ähn-lichen Dämonen befallen werden könnte wie einst Adas Vater, Lord Byron. Als Spezialist für Nervenkrankheiten hatte Dr. Mayo der Familie deshalb stets mit Rat und Tat zur Seite gestanden.