Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eva hat Adam nicht verführt, beide haben nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen, es gab keinen Sündenfall. Gott, der Herr hatte keinen Grund seine Geschöpfe auf dem Garten Eden zu vertreiben. Hat aber Kain seinen Bruder Abel erschlagen!? Wer weiß? - Und so lebten sie im Kreise ihrer Kinder und Kindeskinder bis in unsere Tage; Und doch passiert am Ende etwas völlig Unvorhergesehenes.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 561
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bernd Schremmer
Adam und Eva
oder Das gerettete Paradies
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Adam und Eva
I – ZEIT DER WÖRTER
Das erste Kapitel
Die Lust und die Wörter
Eine seltsame Begegnung
Adams Spaziergänge
Die erste Familie
Der Mann aus der Wüste
Feuer und Wasser
Eine Geschichte mit Folgen
Sohn und Vater
II – WELTEN UND ZEITEN
Eva und El Haschem
Heimkunft mit Puschpusch
Lange Jahre
Neue Unruhe
Von Müttern, Söhnen und Töchtern
Eden I und II
Zweite Heimkunft
Der Reisesack
Kains Geständnis
Familienfest
III – WISSEN UND GLAUBEN
Die Gehilfin
Himmel und Erde
Sonntagsschule
Eine Art Lichtgestalt
Zwischenzeit
Königreich Eden
Drei tolle Tage
Dritte Heimkunft
Intermezzo domestico
Sack eins bis vier
Weltsorge und Schöpfungsglaube
IV – TOD UND VOLLENDUNG
Gloria Edeni
Was aber, wenn
Vierte Heimkunft
Der Ledersack
The struggle for existence
Auf der Lichtung
Das Versprechen
Vollendung
Vollendung II
EPILOG
Impressum neobooks
Am Anfang, so heißt es, war ein großer Knall. – Und als nun am sechsten Tag Gott, der Herr, sah, dass alles, was er gemacht hatte, gut war – der Himmel, die Erde, Tag und Nacht, das Gras, das Kraut und die Bäume, alle Lichter am Himmel, die großen wie die kleinen, die Tiere im Wasser, die Tiere in der Luft und auf dem Land – da überkam ihn, nach all seinen vorweltlichen Fehlversuchen, eine solche Freude, ein solches Hochgefühl, und er sprach: „Lasset uns Menschen machen!“ (Zu wem er das sprach, ist bis auf den heutigen Tag nicht ganz geklärt; es heißt: zu den drei himmlischen Heerscharen. Den Engeln, den Geistern und Dämonen, den Teufeln?) Allein, er war Gott, der Herr, und also geschah, wie er gesprochen. Er schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und als Frau. Er segnete sie, segnete sie beide, und sprach zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret euch, füllet die Erde und machet sie euch untertan, herrschet über die Fische im Meer, über die Vögel unter dem Himmel, über das Vieh und alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Und Gott sah, als der Tag, der sechste, sich neigte, alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war nicht nur gut, es war sehr gut. – Und Gott, der Herr, setzte den Menschen, Mann und Frau, in den Garten, den er ihnen gepflanzt hatte, und zeigte ihnen allerlei Pflanzen und Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, so auch den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und er sprach zu ihnen: „Von allen Bäumen im Garten dürft ihr essen, nicht aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen; denn welches Tages ihr davon esset, werdet ihr...“
Nun, die Geschichte ist bekannt. Sie steht geschrieben. Allein, es geschah, dass unter den Tieren, die Gott, der Herr, gemacht hatte, auch die Schlange war.
Den Garten, den Gott, der Herr, gepflanzt hatte für seine Geschöpfe, nannte er Eden. Und seine Geschöpfe nannte er Mensch. Und der Mensch, wie Gott ihn erschaffen hatte, fand, es war eine Lust, im Garten Eden zu spazieren.
„Wie schön das alles ist“, sagte die Frau.
„Wie herrlich“, sagte der Mann.
Sie meinten die Bäume, die Kräuter, die Blumen. In ihrer Fülle, in ihrer Farben- und Früchtepracht. Und sie meinten die Tiere auf der Erde und in der Luft. In so vielerlei Gestalt und Größe.
Und der Mann sagte. „Wahrhaftig, Eva, es ist eine Lust, das alles zu schauen.“
„Und davon zu essen“, sagte sie und biss in einen saftigen Pfirsich. „Aber weshalb... weshalb sagst du Eva zu mir?“
Er sah sie an, ein wenig verwundert.
„Weshalb? Weil ich dich so nenne. Gefällt dir der Name nicht?“
„Oh, doch“, sagte sie. „Der Name gefällt mir. Und ich...“ Sie überlegte, kaum einen Augenblick lang. „Ich nenne dich Adam.“
„Adam“, sagte er. „Wie hübsch.“
Und er lachte und fragte sich, woher ihnen wohl die Wörter kamen.
„Adam und Eva“, sagte Eva und warf den Pfirsichkern weg. „Wie das klingt.“
Und Adam sagte: „Eva und Adam. So herum klingt`s aber auch.“ Und sie fassten sich bei den Händen und spazierten weiter, nackt wie sie waren, durch den Garten.
„Ja“, sagte Adam nach einer Weile, „es ist wirklich eine Lust, so zu spazieren...“
„Weiß Gott“, seufzte Eva, „es ist eine Lust.“ Und da blieb sie auf einmal stehen und fragte Adam, ihren Mann: „Adam, was ist das eigentlich – Lust?“
Da blieb Adam ebenfalls stehen und sah sie an.
Und so standen sie mitten auf der weiten grünen Wiese nahe dem Ufer des Flusses und sahen sich zum ersten Mal in die Augen.
Seitab in den Bäumen sangen die Vögel. Über den Wipfeln neigte sich bereits die Sonne. Es war die erste Dämmerung, die sich über dem Garten Eden senkte. Und die Luft war schwer von Blütenduft.
Am Morgen wurden sie geweckt von den ersten Sonnenstrahlen. Sie lagen dicht nebeneinander im Gras und sahen sich blinzelnd an.
„Unsere erste Nacht“, sagte Eva.
„In unserem Garten“, sagte Adam, ebenfalls lächelnd.
„War es nicht schön?“
„Es war herrlich.“
Und Eva gab Adam einen Kuss.
„Ich gehe jetzt baden.“
„Mach das.“
Und Adam gab Eva rasch auch noch einen Kuss und sagte:
„Ich suche uns schon mal ein schönes Frühstück.“
„Mach das, Adam.“
Und Eva ging hinunter zum Fluss, und Adam sah ihr beglückt nach. Schließlich erhob auch er sich und ging über die Wiese. Dort stand, wie er sah, ein Tier, auf vier Beinen, mit grauem Fell und langen Ohren. Da blieb er kurz stehen und sagte: „Ich nenne dich Esel.“ Der Esel, so schien es, nickte mit dem Kopf und fraß weiter vom frischen Gras. Adam war es zufrieden und ging hin zum Wiesenrand, zu den Bäumen und Sträuchern, die voller Früchte waren.
So verging die Zeit, so vergingen die Tage. Mann und Frau lustwandelten in ihrem Garten, und bald hatten sie für alles einen Namen gefunden, für alle Tiere, alle Pflanzen, alle Bäume, alle Früchte, die man essen konnte.
Manchmal, wenn sie so Hand in Hand unterwegs waren, begegneten sie Gott, dem Herrn, aber sie sahen ihn nicht.
Eines Nachmittags merkten sie plötzlich, dass sie nass wurden auf der Haut. Überrascht blickten sie nach oben, zum Himmel, und sahen über ihren Köpfen eine dunkle, graue Wolke, aus der dicke, schwere Tropfen fielen. Sie stellten fest, dass es Wasser war, und sie nannten das Wolkenwasser Regen. Sie lachten und jauchzten, reckten die Arme in die Höhe, hielten ihre Gesichter in den Regen und begannen zu tanzen, so schön, so erfrischend, so belebend war das Wolkenwasser. Nach einiger Zeit jedoch, als schon die Dämmerung hereinbrach und der Regen noch immer auf sie herabströmte (sie hatten inzwischen aufgehört zu tanzen und standen mit triefenden Haaren unter einem Baum, den sie Palme nannten), sagte Adam: „Ich glaube, wir brauchen ein Dach über den Kopf.“
Eva, die sich an ihn geschmiegt hatte, sah ihn erstaunt an und sagte: „Ein Dach?“
„Na ja, irgend etwas aus großen Blättern...“
Adam wunderte sich selbst über das Wort Dach, das ihm einfach so eingefallen war.
„Aus großen Blättern?“ sagte Eva.
„Jedenfalls größer“, sagte Adam, „als die Palmenblätter über unseren Köpfen. Die halten nicht viel ab.“
„Ein Dach größer als die Blätter der Palme?“
„Und vor allem viel dichter, Eva, dichter als an allen Bäumen im Garten.“
Eva nickte nachdenklich. Und sah sich um.
„Ich glaube, ich verstehe, was du meinst, Adam. Wir brauchen eine Hütte.“
„Eine Hütte?“
Adam war mehr als verblüfft.
„Was ist eine Hütte?“
„Ich weiß es nicht. Weißt du, was ein Dach ist?“
Der Regen prasselte weiter hernieder. Und beide spürten sie, irgend etwas war passiert, in ihren Köpfen. Etwas, das vollkommen neu war. Bisher waren ihnen immer nur Wörter eingefallen für Dinge, die es vorher schon gegeben hatte, die Tiere, beispielsweise, die Pflanzen, die dunkle Wolke, den Regen. Und jetzt auf einmal waren ihnen zwei Wörter eingefallen für etwas, das es noch nicht gab, Wörter, aus denen sie erst etwas machen mussten. Damit sie wirklich wurden, damit man sie sehen konnte.
„So wie den Garten“, sagte Eva.
„So wie den Himmel“, sagte Adam.
„Und wie den Regen“, sagte Eva.
Sie nickten und verstanden einander, und Adam sagte: „Was für eine wunderbare Sache ist doch die Sprache.“
Von den Palmenblättern tropfte weiter der Regen.
Und Eva sagte: „Ja, ja, die Sprache. Und nun lass uns mal überlegen, wie wir sie machen wollen, unsere Hütte.“
„Eva!“
Es war eines Abends, als Adam heimkehrte von seinem Nachmittagsspaziergang, den er seit geraumer Zeit gern zu unternehmen pflegte, um, wie er sagte, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, dass Eva nicht wie sonst, wenn er über die große Wiese kam und er ihren Namen rief, in der Tür ihrer Hütte erschien, um ihm entgegenzugehen und sich zu freuen, dass er wieder da war.
„Eva?“
So rief er erneut. Schon etwas lauter. Und trat in die Hütte. Er blickte in alle Ecken ihrer gemütlichen Behausung, in die Schlafecke, in die Essecke, in die Ecke mit den Vorräten. Aber keine Spur von Eva, seinem Weib. Was hatte das zu bedeuten?
„Eva!“
Er rief ihren Namen zum dritten Mal. Und trat wieder hinaus auf die Wiese. Vielleicht war sie in ihrem kleinen Hausgarten, den sie sich angelegt hatte mit Kräutern und Blumen? (Sie experimentierte neuerdings mit allerlei Samen und Ablegern.) Und also ging er um die Hütte. Aber in ihrem Gärtchen war sie auch nicht. Nirgends war sie zu sehen. Er verstand es nicht. So etwas war noch nicht vorgekommen, in all den Jahren nicht! Irgendetwas musste passiert sein. Und zum ersten Mal, solange er denken konnte, begann er, sich Sorgen zu machen um sie.
Schließlich ging er wieder zur Vorderseite der Hütte. Und da stand sie – stand sie vor ihm. Mit hochroten Wangen. Nun ja, dachte er, es war ein heißer Tag. Aber weshalb war sie so außer Atem? Sie war gerannt. Kein Zweifel. Aber weshalb?
„Adam...“ sagte sie.
Sie japste, rang nach Luft.
Und Adam fragte: „Wo warst du, Eva?“
„Ich war...“ Sie strich sich das Haar aus der Stirn. „... ein wenig spazieren.“
„Spazieren?“
Ja, warum nicht, dachte er, aber seit wann kommt man beim Spazieren so außer Atem?
Und er fragte sie abermals: „Wo warst du, Eva?“
Sie zögerte einen Moment und nestelte erneut an ihren Haaren.
„Ich war... in der Mitte des Gartens. Da wo die beiden Bäume stehen, du weißt schon...“
Die beiden Bäume. Adam erinnerte sich dunkel. Sie waren eine Ewigkeit nicht mehr in der Mitte des Gartens gewesen.
„Und?“ fragte er. „Was war dort, dass du so gerannt bist?“
„Du wirst es nicht glauben, Adam...“
Da lächelte Adam. „Aber, Eva, warum sollte ich dir nicht glauben? Wir sind Mann und Frau. Wir sagen uns immer alles. Wir lieben uns doch.“
„Ja, nicht wahr?“
„Ja, nicht wahr. Also, weshalb bist du gerannt?“
Doch Eva zögerte abermals.
„Nun?“ sagte Adam.
„Da war...“
„Ja?“
„Eine Schlange.“
Da musste Adam lachen. „Eine Schlange? Na, so was kommt vor, Eva.“
„Eben nicht!“ rief sie.
Da wurde Adams Miene wieder ernst.
„Und wieso nicht?“
„Es war... eine sprechende Schlange!“
Adam sah Eva, sein Weib, an und verdrehte leicht die Augen. Nun ja, es war ein heißer Tag gewesen.
„Eine sprechende Schlange“, sagte er. „Ich verstehe. Da warst du erschrocken, hast dich gefürchtet, und deshalb bist du gerannt. Komm, wir wollen ins Haus gehen. Dort ist es angenehm kühl.“
Doch Eva blieb stehen.
„Du nimmst mich nicht ernst, Adam. Du glaubst mir nicht!“
„Aber, Eva...“ Er drehte sich zu ihr um. „Den Punkt haben wir doch geklärt. Also komm. Es ist Zeit fürs Abendessen. Was hast du uns heute denn Schönes vorbereitet?“
Eva folgte ihm ins Haus. Und sagte vorerst kein Wort mehr.
Gemeinsam, wie immer, bereiteten sie den Tisch. (So nannten sie die Strohmatte, die Eva eigens für die Mahlzeiten geflochten hatte und die sie jedesmal auf dem Boden zwischen sich ausbreiteten.) Heute gab es Melonen, Feigen, Bananen und Orangensaft. Den Saft tranken sie aus zwei halben Schalen der Kokosnuss. Alle Früchte waren wie immer frisch aus dem großen Garten. Und alles schmeckte köstlich. Und doch konnte Adam, sosehr er sich auch mühte, seine Sinne nicht voll auf die Speisen konzentrieren. Immer wieder musste er an Evas Spaziergang denken, von dem sie rennend zurückgekehrt war. Natürlich gab es keine sprechenden Schlangen, dachte er. Andererseits war Eva, alles in allem, eine vernünftige Frau. War sie immer gewesen, in all den Jahren. Eine kluge, verständige Frau Und schließlich hielt er es nicht länger aus.
„Also da war eine Schlange?“ sagte er.
„Ja.“
Sie blickte ihn kaum an.
„Da wo die beiden Bäume stehen?“
„Ja.“
„Der Baum der Erkenntnis. Und der Baum des Lebens.“
„Ja doch!“
„Und bei welchem der Bäume hast du die Schlange gesehen?“
„Gesehen und gehört!“
„Ja doch, Eva, gesehen und gehört...“
„Du glaubst mir?“
„Ich glaube dir.“
„Schön. - Sie hing an dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“
Adam nickte. Fast war ihm, als hätte er so etwas schon geahnt.
„Und“, sagte er, „was hat sie gesprochen, die Schlange?“
Eva druckste einen Moment.
Und Adam geduldete sich. Er wusste, sie wollte es ja loswerden.
„Glaub mir“, begann sie, „ich ging wirklich spazieren. Ganz gemächlich. Es war so ein schöner Tag. Ich wollte mal wieder zum Baum des Lebens schauen. Seine Früchte sind, wie du weißt, überaus bekömmlich. Doch wie ich mich ihm schon nähere, höre ich plötzlich ein Zischeln über mir. Da erst merkte ich, dass ich vorm Baum der Erkenntnis stand. Und natürlich erinnerte ich mich sofort an die Worte des Herrn. An sein Gebot. Aber was ist das für ein Zischeln? So fragte ich mich. Und dann sah ich sie. Die Schlange. Schrecklich lang. Sie ringelte sich um mehrere dicke Äste und sah zu mir herunter, sah mich an mit ihren freundlichen Augen. Und dann... dann sprach sie auf einmal...“
Adam hörte wie gebannt zu. Noch nie, so fand er, hatte Eva so spannend erzählt.
„Und“, sagte er, „was sprach die Schlange?“
„Glaub mir, Adam“, sagte Eva, „ich war hellwach und völlig klar bei Sinnen... Die Schlange sprach: Fürchte dich nicht. Ihr werdet keineswegs des Todes sterben. Gott weiß, an dem Tag, da ihr vom Baum der Erkenntnis esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“
Da verfiel Adam in ein langes Schweigen, voller zitternder Gedanken. Und Eva, die Adams Gedanken zu erraten meinte, sagte schließlich, weil sie es nicht länger aushielt, ihn so dasitzen zu sehen, unfähig, noch einen Bissen hinunterzubringen:
„Ich habe natürlich nicht auf die Schlange gehört.“
Adam sah sie an, mit unbewegter Miene.
„Natürlich nicht. Du bist gerannt.“
„Und wie!“
Adam nickte und griff nach dem letzten Stück der zuckersüßen Melone. Eva atmete erleichtert auf.
Als sie ihre Mahlzeit beendet hatten, sagte Adam:
„Das Beste ist, wir vergessen das Ganze.“
Und Eva sagte: „Nichts lieber als das.“
In der Nacht aber lag Adam lange wach.
Eva lag neben ihm auf dem Stroh. Sie schlief. Sie atmete. Und das war das Wichtigste. Sie lebte! Das war der Beweis. Sie hatte die Wahrheit gesagt. Sie hatte nicht auf die Schlange gehört, sie hatte nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen (und hatte auch keinen der Äpfel unter die Früchte des Abendessens gelegt). Sie hatte auf Gottes Wort gehört.
Und doch wollte er keinen Schlaf finden.
Weshalb, so fragte er sich immer wieder, war Eva, wenn sie schon meinte, ein bisschen spazieren gehen zu müssen, ausgerechnet dorthin gegangen, in die Mitte des Gartens, wo, wie sie genau wusste, der Baum der Erkenntnis stand?
Aus Neugier?
(Das war so eine Eigenschaft von ihr.)
Ein Glück nur, dachte Adam, dass an dem Baum die Schlange gehangen hatte. Sonst wäre Eva nicht so erschrocken gewesen und davongerannt.
Nicht auszudenken. Sie hätte von den Äpfeln vielleicht probiert und läge jetzt nicht neben ihm auf dem Schlafstroh. Und er würde auch nicht hier liegen, er würde draußen umherirren, um sie zu suchen. – Und sie dann irgendwann zu finden. Tot. Und dann?
Ihn schauderte. Er wäre allein. Allein für alle Zeiten. Wie hätte er da weiterleben sollen – ohne sie?
(Seid fruchtbar und mehret euch, hatte Gott, der Herr, gesprochen. Wie sollte das gehen, wenn er, Adam, allein wäre?)
Die Luft in der Hütte war stickig. Es war wirklich ein heißer Tag gewesen. Und Adam wälzte sich hin und her, von einer Seite auf die andere. Er konnte einfach keinen Schlaf finden.
Denn da war, es half alles nichts, noch ein anderer Gedanke, der ihn quälte. Eva, daran hatte er keinen Zweifel, war vor der Schlange davongerannt. Aber nicht gleich! Nicht in dem Moment, als sie die Schlange erblickte. Sie war erst einmal stehen geblieben. Die Schlange hatte sie, so Evas eigene Worte, freundlich angesehen. Und dann hatte sie – angeblich – gesprochen. Und Eva hatte ihr zugehört. Sie hatte der Schlange zugehört, und erst dann, nachdem sie die schrecklichen Worte vollständig vernommen hatte, war sie davongerannt. Verständlicherweise.
Aber es gab keine sprechenden Schlangen. Darin ließ sich Adam nicht beirren. Wessen Stimme also hatte Eva gehört?
Und als nun am anderen Morgen Eva die Augen auftat und sah, dass sie nackt war, da durchströmte sie jäh ein Gefühl der Erleichterung, ja, der Freude, dass alles so war wie an den Tagen zuvor. Und leise erhob sie sich von ihrem Schlaflager und blickte hinab auf Adam, der immer noch schlief – wohl weil er sich in der Nacht, wie sie durchaus gemerkt hatte, lange hin- und hergewälzt hatte. Und auch er war wie immer nackt, so wie am ersten Tag, als Gott, der Herr, sie beide erschaffen hatte. Und indem sie auf ihn hinabblickte und einen liebkosenden Blick über seine Glieder gleiten ließ, fand sie, dass er noch immer ein schöner junger Mann war, trotz der Jahre, die sie nun schon zusammen lebten in ihrer Hütte, die sie sich mit Verstand und viel Mühe gebaut und eingerichtet hatten nahe dem Ufer des Flusses, der den Garten Eden durchfloss und ihn wässerte und den Gott, der Herr, Prat genannt hatte.
Ach, wie schön ist es, seufzte Eva innerlich, morgens aufzuwachen und alles so wiederzufinden, wie man es abends verlassen hat, um zu schlafen, vielleicht auch um zu träumen. Aber geträumt hatte sie nicht in dieser Nacht, nicht von der Schlange, auch nicht von einem angsterfüllten Lauf durch den Garten.
Am besten, wir vergessen das Ganze, hatte Adam gesagt. Und sie hatte ihm nur zu gern zugestimmt. – Und doch musste sie heute morgen, indem sie nun hinaustrat aus der Hütte, wieder daran denken, an das Zischeln im Baum der Erkenntnis, an die Worte der Schlange.
Da spürte sie plötzlich auf der Schulter Adams Hand. Er stand neben ihr in der Tür. Und sie spürte seinen warmen Leib an dem ihren.
Das Wort nackt, sie fand, allein es zu denken, war immer noch eine Lust.
Adam aber küsste sie nur kurz auf die Wange, dann lief er los, quer über die Wiese hinunter zum Fluss, und Eva folgte ihm. Sie badeten, so wie jeden Morgen, und trieben allerlei übermütige Wasserspiele, noch ausgelassener als sonst – nach dem glücklich überstandenen schrecklichen Abenteuer. Und Eva dachte: Vielleicht half ja der Fluss, zu vergessen.
Ihr werdet... So hatte die Schlange gesprochen. Eure Augen werden... Die Schlange, überlegte Adam, hatte, obwohl Eva allein gewesen war, als sie vor dem Baum der Erkenntnis gestanden hatte, in der Mehrzahl gesprochen!
Adam befand sich auf seinem gewohnten Nachmittagsspaziergang, am Ufer entlang auf dem schon etwas ausgetretenen Pfad, den er so gern ging, weil er dort weit über den mächtig dahinfließenden Fluss blicken und die Spiegelung des Himmels mit seinen glitzernden Sonnenstrahlen und den gelegentlichen Wolken betrachten konnte, als ihm nun jäh diese Merkwürdigkeit in der Rede der Schlange auffiel.
Den ganzen Vormittag, während der gemeinsamen Haus und Gartenarbeiten, hatte er an Evas seltsames Erlebnis nicht zu denken versucht, aber jetzt, allein, in der Stille, waren ihm die, wie Eva gesagt hatte, gezischelten Sätze der Schlange wieder voll gegenwärtig.
Ihr werdet keineswegs des Todes sterben. An dem Tag, da ihr vom Baum der Erkenntnis esset...
Woher wusste die Schlange, dass Eva nicht allein im Garten Eden lebte? Woher wusste sie, dass es auch ihn gab, Adam? Er war nicht dort gewesen, sie hatte ihn nicht sehen können. Hatte sie ihn und Eva schon seit längerem beobachtet? Kannte sie womöglich Eva so genau, dass sie wusste, Eva würde auch ihm von den Äpfeln zu essen geben, weil es ja ihrer beider Art war, alles miteinander zu teilen?
Fragen über Fragen.
Allerdings nur, wie Adam sich eingestehen musste, unter der Bedingung, dass er glaubte, dass es eine sprechende Schlange gab. Was die zweite Voraussetzung einschloss, dass er Evas Bericht tatsächlich Glauben schenkte.
Was für vertrackte Zusammenhänge!
Mit gedankenschwerem Kopf ließ sich Adam auf einem der Felssteine nieder, die am Ufer lagen, und blickte auf das ruhig dahinfließende Wasser.
Der Felsstein war einer seiner Lieblingsplätze. Wie oft hatte er hier schon gesessen und in der Nachmittagsssone seinen Gedanken nachgehangen. Woher kam das Wasser? Wieso versiegte es nie? Warum floss es überhaupt, warum stand es nicht still? Und wo floss es hin? Die Wörter, wenn sie sich zu Fragen zueinanderfügten, waren ihm stets eine ganz eigene Lust.
Heute aber bereiteten sie ihm Unbehagen.
Wenn es keine sprechende Schlange gab (und davon ging er nach wie vor aus), wessen Stimme hatte dann Eva vernommen? Und warum war sie überhaupt spazieren gegangen? Und warum ausgerechnet zu den beiden Bäumen in der Mitte des Gartens? Seine Nachtgedanken. Ihm war, als drehten sich in seinem Kopf die Wörter unaufhörlich im Kreise.
Am anderen Ufer stand Gott, der Herr, aber Adam sah ihn nicht.
Adam sah auf den im Sonnenglanz flimmernden Fluss, und er sprach: „Woher kommst du? Wohin fließt du?“
Freilich erwartete er keine Antwort. Er war ja kein Narr.
Schließlich erhob er sich und wanderte ein Stück weiter den Uferpfad entlang. Er gelangte zu den Stromschnellen, wo die springenden Fische, die er inzwischen Forellen nannte, zwischen den im Wasser liegenden Steinen ihre Kunststückchen vollführten, um gegen den Strom voranzukommen. – Kunststückchen. Adam musste lächeln. Welch ein hübsches Wort. Es war ihm in eben diesem Moment eingefallen. Woher nur, fragte er sich (schon zum wiederholten Male), kamen ihm all die Wörter? Und woher (die Überlegung war natürlich neu) hatte die Schlange die Wörter genommen? Seltsamerweise genau dieselben Wörter, die Gott, der Herr, einst gesprochen hatte! Zu Eva und ihm, als er an ihrem ersten Tag das Gebot erlassen hatte? Wie war das möglich? War da die Schlange, irgendwo versteckt im Gras oder in einem Gebüsch, anwesend gewesen?
Adam fand, Gott hätte das bemerken müssen.
Außerdem, was für ein scharfes Gedächtnis musste die Schlange besitzen, dass sie sich Gottes Worte so genau gemerkt hatte, über all die Jahre. Und welche Geduld musste sie aufgebracht haben, dass sie so lange Zeit gewartet hatte – gewartet auf Eva. Oder auf ihn? – Bei dem Gedanken wurde ihm noch unbehaglicher zumute.
Irgendetwas, so fand er, stimmte mit der Schlange nicht.
Oder war Eva diejenige, mit der etwas nicht stimmte? Dass sie meinte, eine Schlange sprechen zu hören? Und das auf so unbotmäßige Weise, indem Gottes Wort ins Gegenteil verkehrt wurde? Ausgeschlossen. So etwas würde Eva nie einfallen.
Um seine Gedanken abzulenken, blickte Adam wieder zu den
im Sonnenlicht rötlich schimmernden Fischen. „Warum nur“, so sprach er, „strengt ihr euch so an und springt über die Steine? Warum lasst ihr euch nicht treiben mit dem Strom? Und wo wollt ihr überhaupt hin? Ins Meer?“
Aber auch die Fische gaben ihm, genauso wie der Fluss, erwartungsgemäß keine Antwort. Und Adam überlegte, ob er mal wieder ins Wasser steigen sollte. Herrschet über die Fische im Meer. So hatte Gott gesprochen. Adam hatte es so verstanden, dass er Fische fangen sollte. Und fast jedesmal, wenn er hierher zu den Stromschnellen kam, fing er ein oder zwei Forellen, die er dann abends mit Eva verspeiste. Die Forellen hatten zartes, rosarotes Fleisch. Leider auch Gräten. Wie alle anderen Fische auch. Adam machte sich schon seit längerem Gedanken darüber, ob sie sich die Fische nicht auf irgendeine Weise zubereiten sollten. Aber welche Weise?
Er wandte dem Fluss den Rücken. Sollten die Fische sich ruhig weiter ungestört anstrengen, um stromaufwärts zu gelangen. Zum Meer. Oder wer weiß wohin.
Unter dem Wort Meer, das Gott so leichthin ausgesprochen hatte, konnte sich Adam beim besten Willen nichts vorstellen. Wie dieses Meer beschaffen war, wo er lag, das war ihm ein Rätsel.
Nun waren ihm Rätsel eigentlich geradezu eine Lust. Sie belebten ungemein das Denken. Aber wie sollte man ein Rätsel lösen von etwas, das man weder gesehen noch jemals gehört, gerochen, geschmeckt hatte?
Immer nahe am Ufer entlang, kam er schon bald zu dem Bach, dem Gott, der Herr, als er mit ihnen durch den Garten Eden gegangen war, keinen Namen gegeben hatte. Adam nannte ihn Euph. Ein klares, lustig sprudelndes Wasser, das sich in den Prat ergoss. Ein leises, unaufhörliches Gemurmel. So dass man fast meinen konnte, es wolle einem was erzählen.
Natürlich erzählte es nichts, das munter sprudelnde Wasser.
Oder doch?
Vielleicht musste man nur genau hinhören. Der Bach entsprang, wie Adam bereits vor längerer Zeit erforscht hatte, der Erde. Weit drinnen im Wald zwischen Moosen und Felssteinen. Er nannte die Stelle Quelle.
„Was sagst du?“ Adam beugte sich hinab zu dem murmelnden Bach. „Ich verstehe dich nicht. Sprich deutlicher. Du sagst, du kämest aus der Tiefe?“
Da musste Adam lächeln. Nach wunderbar, dachte er, das weiß ich doch selber.
Und also beschloss er, wieder heimzukehren zu Eva, seinem Weib, das sicher schon mit dem Essen auf ihn wartete.
Eva stand bereits in der Tür und sah ihn kommen. Heiteren Schrittes. Und schon von weitem winkte er ihr zu, so wie stets, wenn er von seinen Gedankenwanderungen heimkehrte. Den Kopf voller neuer Wörter.
Und Eva, erleichtert, dass er nicht aus dem Wald kam, sondern wie gewohnt vom Fluss, winkte lebhaft zurück.
Ach, was hatte sie doch für einen schön gewachsenen Mann. Wie verlockend glänzten in der Abendsonne seine braunge brannten Schultern, seine Arme, seine Lenden. Nicht auszudenken, dachte Eva, auch Adam würde der Schlange begegnen und ihren Worten erliegen!
Jedenfalls brachte er, soweit sie sehen konnte, keinen rotbäckigen Apfel mit nach Hause.
„Stell dir vor...“ Adam gab ihr wie stets, wenn zurückkehrte, einen Kuss. „Ich habe ein neues Wort entdeckt.“
„Ein neues Wort?“ Eva tat ein bisschen erstaunt.
„Das Wort Kunststückchen.“
„Wie schön.“
„Ich hab es den springenden Fischen abgeschaut.“
„Den Forellen?“
„Den Forellen, du weißt, die in die Luft springen gegen den Strom. – Entschuldige, Eva, dass ich heute keinen Fisch mitgebracht habe.“
„Das ist nicht schlimm, Adam. Ich habe für heute abend noch ein Stück vom Hasen. Aber was bedeutet das Wort Kunststückchen?“
„Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Ich muss noch darüber nachdenken.“
Da lachte Eva.
„Ach, Adam, was bist du doch für ein unermüdlicher Denker.“
Da sah Adam sie an, als hätte er nicht recht verstanden.
„Denker?“ sagte er.
„Na, das bist du doch, Adam. Ein Denker.“
„Ja, ja“, sagte er. „Das bin ich wohl. Aber dieses Wort...“
„Gefällt es dir nicht?“
„Warum, Eva, sollte es mir nicht gefallen? Du weißt, ich freue mich über jedes neue Wort, das du entdeckst. Mag es auch noch so ausgefallen sein. Es beweist mir, was für eine kluge, erfindungsfreudige Frau ich habe.“
Da musste Eva schmunzeln. Adam wusste, wie gern sie Komplimente hörte.
Und so schwatzten und scherzten sie und gingen schließlich ins Haus. Und Eva war froh, dass Adam so guter Dinge war und mit keinem Wort auf ihre Begegnung mit der gotteslästerlichen Schlange zurückkam.
Den ganzen Abend rührten sie mit keiner Silbe daran.
Und so vergingen die Tage, die Abende, die Monde.
Gemeinsam verrichteten sie ihre Arbeiten im Haus, besprachen ihre Mahlzeiten, probierten neue Speisen aus, erfreuten sich an den Blumen und Kräutern in Evas Hausgarten, erjagten mal einen Hasen, mal eine Taube, mal einen Wiesel, ernteten von den Bäumen und Sträuchern, lagen in der Sonne, lauschten den zwitschernden Vögeln, kannten weder Not noch Mühe, und nachmittags, wenn auch nicht jeden, so doch fast jeden zweiten Tag, machte sich Adam auf zu seinem Spaziergang.
Adam ging. Und war froh. Sie denkt nicht mehr daran, dachte er. Sie hat die Schlange abgetan, aus ihrem Kopf verbannt.
Er lief, anfangs wie üblich am Ufer entlang, doch nach etwa hundert Schritten, sobald Eva ihn von der Hütte aus nicht mehr sehen konnte, verließ er heute den Fluss und ging hinein in den Wald.
Es war ein etwas windiger Tag. Die Blätter rauschten in den Zweigen. Die Blätter, die sich wieder einmal gelblich färbten, vereinzelt schon von den Bäumen fielen. Es wurde Herbst. Schon vor etlichen Monden hatte Adam beschlossen, die wechselnden Farben in der Natur Jahreszeiten zu nennen.
Allein, seine Gedanken waren heute mit etwas ganz anderem befaßt. Er hatte in der Nacht einen Traum gehabt. Einen Traum, so sonderbar, wie noch kein Traum zuvor.
Er war auf einem Esel durch die Wüste geritten.
Es war ihm schleierhaft, wie er so etwas hatte träumen können. Noch nie hatte er auf dem Rücken eines Esels gesessen. Dass Eden, Gottes herrlicher Garten, sich nicht endlos weit erstreckte, wusste er allerdings schon von früheren Spaziergängen. Ohne dass er sich bisher groß Gedanken darüber gemacht hatte. Doch nun war die Wüste, die Eden umgab, in seinem Traum erschienen. Sie war in seinem Kopf.
Sich immer weiter vom Fluss entfernend, kämpfte sich Adam, die Sonne im Rücken, durch Gebüsch und Gestrüpp vorwärts in jene Richtung, in der er die Wüste sehr nahe wusste.
Er traf einen Fuchs, der ihn aber nicht weiter beachtete. Er begegnete einer grauen Katze, die ihn verwundert ansah und dann weiterschlich. Er hörte einen Hirsch, der sich durch knackendes Geäst seine Bahn brach. Allein, die durch die Bäume flimmernde Sonne senkte sich schon, und der Weg wurde Adam länger und länger. Was ihm Schritt um Schritt seltsamer vorkam. Bis er schließlich einsehen musste, dass er sich verirrt hatte. Denn plötzlich stand er mitten auf einer Wiese.
Es war, wie er sofort erkannte, das kleine Rasenstück in der Mitte des Gartens, und er stand genau zwischen den beiden Bäume, die, laut Gottes Wort, anders waren als alle übrigen Bäume im Garten.
Da vergaß Adam seinen Traum, den Esel, die Wüste. Und er trat, da er nun schon einmal hier war, vor den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
Er blickte hinauf in die Äste und Zweige.
Keine Schlange.
Sosehr er seine Augen auch anstrengte, er sah nur die schönen rotbäckigen Äpfel. Er schaute sich um. Und er dachte an Eva, sein braves Weib.
Da hörte er eine Stimme:
Fürchte dich nicht, Adam. Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tag, da ihr vom Baum der Erkenntnis esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Adam traute seinen Ohren nicht. Wer sprach da?
Die Schlange, von der Eva erzählt hatte, konnte es nicht sein. Denn eine Schlange war nirgends zu entdecken, auch kein anderes Tier, weder am Stamm des Baums noch in den Zweigen noch irgendwo unten im Gras.
Da wurde Adam klar: Es war der Baum, der zu ihm gesprochen hatte!
Es konnte nicht anders sein. Der Baum kannte Gottes Wort, denn er war ja dabei gewesen an jenem Tag, als der Herr das Gebot erlassen hatte, und nun wollte er ihn mit seinen herrlichen Äpfeln – Adam suchte nach dem passenden Wort – verlocken? versuchen? verführen!
Adam spürte, jetzt kam es darauf an.
Und also holte er tief Luft und nahm alle seine Geisteskräfte zusammen. (Natürlich wusste er, dass es keinen sprechenden Baum gab, ebensowenig wie es sprechende Tiere gab, und auch keinen Baum, der Ohren hatte, ihn zu hören. Aber darauf kam es jetzt nicht an.) Fest und entschlossen trat er noch einen Schritt vor und sprach:
„Höre, Baum! Ich fürchte mich nicht. Aber warum sollte ich von deinen Äpfeln essen? Damit mir die Augen aufgetan werden? Sie sind es schon. Damit ich erkenne, was gut und böse ist? Ich will es nicht wissen. Damit ich wie Gott bin? Das will ich nicht sein!“
Adam schwieg. Er hörte nichts.
Er fand, er hatte recht anständig gesprochen. Kehrte sich ab und ging.
Er ging über die Wiese auf den Wald, auf die Sonne zu, blieb aber nach ein paar Schritten noch einmal stehen und drehte sich um.
„Höre“, sagte er, „ich fürchte mich nicht. Aber was soll aus Eva werden? Ich esse von deinen Äpfeln. Erkenne, was gut und böse ist. Und falle, wissend geworden, tot um. Und dann? – Eva wird sich die Augen aus dem Kopf weinen. Sie wird für immer allein sein. Sie wird niemals Kinder haben. Wie könnte ich ihr das antun?“
Adam lauschte abermals. Nickte. Kehrte sich ab und schritt erneut auf den Wald zu.
Doch am Ende des Rasenstücks kam er nicht umhin, sich abermals umzudrehen.
„Höre, ich bin kein Narr. Ich weiß wohl, du bist nur ein Baum. Trotzdem sag`s ich dir noch einmal: Ich will nicht sein wie Gott! Denn Gott, der Herr, hat mich Mensch genannt! Das ist es, was ich bin, und so soll es sein.“
Adam lauschte zum dritten Mal. Lächelte zufrieden. Er fand, es war, alles in allem, eine recht gelungene Rede – und er wusste ja, wem er sie gehalten hatte.
Das einzig Ärgerliche, fand er, war nur, die unheimliche Stimme hatte, wie schon zu Eva, abermals in der Mehrzahl gesprochen, so als würde sie davon ausgehen, dass, wenn schon nicht Eva, dann er schwach werden und von den Äpfeln ein paar mit nach Hause nehmen würde.
Nach Hause. In ihre Hütte. Zum Abendessen.
Und während er sich weiter durch den sich langsam lichtenden Wald schlug – in Richtung des Flusses, damit Eva nicht stutzig wurde – , wurde ihm mit jedem Schritt klarer: Er konnte ihr unmöglich von seinem unerhörten Erlebnis erzählen. Es würde sie viel zu sehr aufregen. Es würde sie wieder an die Schlange erinnern. Und am Ende würde sie – nicht auszudenken! – darauf warten, dass er tot umfiel.
Vielleicht konnte er ihr später einmal davon erzählen, nach einigen Monden oder Jahren. Zuvor musste er erst noch ein wenig nachdenken, über das Ganze.
Es vergingen aber nur wenige Tage, da erkannte Adam sein Weib, und Eva wurde schwanger.
Und nach neun Monden gebar Eva einen Knaben und ein Mädchen. Den Knaben nannten sie Kain, und seine Zwillingsschwester nannten sie Lebuda.
So steht es geschrieben.
Da war nun im Haus die Freude groß. Ein Junge. Ein Mädchen. Der Unterschied war leicht feststellbar. Und Eva im weichen Stroh, je einen Wurm im Arm, war froh, dass sie es geschafft hatte. Einige Augenblicke lang hatte sie geglaubt, sie würde die Schmerzen nicht überleben. Und Adam, nachdem er sich seinerseits erholt hatte, strahlte vor Stolz. Sie hatten Gottes Gebot erfüllt. Seid fruchtbar und mehret euch.
Er konnte sich gar nicht satt sehen an dem Ergebnis. Sie hatten zwei Menschlein geschaffen! (Ein Weltereignis, in der Tat.) Sie waren Vater und Mutter geworden. Und das bedeutete: Sie besaßen von Stund an zwei neue Wörter! Und zwei weitere kamen hinzu. Sohn und Tochter. Und die vier Wörter zusammen ergaben ein fünftes: Familie.
Weiß Gott, dachte Adam, es ist wirklich aufregend, erhebend, wenn auch nicht immer ganz einfach, der erste Mensch zu sein. Die fünf Wörter jedenfalls beschrieben eine ganz neue Welt. Vermittelten ein ganz neues Lebensgefühl, zwischen Eva und ihm, und von sich selbst.
Als Gott, der Herr, sie erschuf, mochten sie an Geist und körperlicher Beschaffenheit etwa im Alter von zwanzig Jahren gewesen sein. Nun waren sie nahezu doppelt so alt und doppelt soviel an der Zahl in ihrer Hütte. Schon nach einigen Tagen wurde Adam klar, sie würden anbauen, die Hütte um einen Raum erweitern müssen.
Und also ging er alsbald ans Werk.
So vergingen die Tage. Und Adam erkannte abermals sein Weib, und Eva ward abermals schwanger. Und nach der gesetzten Zeit gebar sie einen Sohn und zwei Zwillingsschwestern. Den Zweitgeborenen nannten sie Abel und seine Schwestern Zippora und Bitja.
So steht es geschrieben.
Nun Vater von fünf Kindern, wurde Adam von Tag zu Tag häuslicher. Er half Eva, wo er nur konnte. Er nahm ihr die zwei Älteren ab, wenn sie von den drei Jüngeren voll in Anspruch genommen war. Er spielte mit Kain und seiner Schwester im Hauptraum, während sie Abel und seine Schwestern im Nebenraum, den sie schon bald Kinderstube nannten, fütterte.
Mehr noch als früher betrieben sie all ihre Wirtschaft gemeinsam. Im Hausgarten bauten sie, nach Eva erfolgreichen Experimenten, jetzt auch Gemüse an. Und jeden Morgen ging Adam auf die Weidewiese zu den Schafen oder den Ziegen, um Milch zu zapfen.
Am liebsten aber spielte er mit den Kleinen, im Haus, auf der Wiese, half ihnen beim Sprechenlernen auf die Sprünge, nahm sie beim Laufenlernen an die Hand, er zeigte ihnen die Schmetterlinge, die Vögel, die Käfer im Gras, lachte und alberte mit ihnen herum, ließ sich von ihnen kitzeln, boxen und an den Haaren ziehen. Und Eva, wenn sie in der Tür stand und ihnen zusah, zeigte mitunter eine leicht besorgte Miene.
Eines Abends, als sie einigermaßen erschöpft vor der Hütte saßen, nachdem in der Kinderstube endlich Ruhe eingekehrt war, sagte Eva:
„Ich glaube, wir müssen anfangen, die lieben Kleinen zu erziehen.“
Adam sah sie erstaunt an.
„Na, wir müssen ihnen klar machen, was sie tun dürfen und was sie zu lassen haben.“
Adam nickte. Er verstand, was Eva meinte. Aber irgendwie erinnerte ihn das an etwas. Ihm fiel nur nicht ein, an was.
„Findest du nicht?“ fragte Eva.
„Doch, doch“, antwortete Adam. „Mitunter treiben sie es wohl ein bisschen wild. Aber ist es wirklich so schlimm?“
„Sie müssen parieren lernen.“
„Parieren?“
„Aufs Wort hören.“
„Und wenn sie nicht hören wollen?“
„Dann musst du mit ihnen schimpfen.“
„Ich?“
„Ja, wer denn sonst? Soll ich mich denn um alles kümmern?“
Den Satz fand Adam nun doch ein wenig übertrieben.
„Du bist der Vater!“ sagte Eva.
„Ja, ja, das bin ich... Aber vielleicht kannst du besser schimpfen als ich.“
„Red keinen Unsinn, Adam. Gott hat dich zuerst erschaffen. Du bist der Herr im Haus. Also bist du es, dem es zukommt, hin und wieder ein Machtwort zu sprechen.“
Ein Machtwort.
Adam nickte abermals. Wunderte sich aber, was Eva auf einmal für neue Wörter gebrauchte.
„Aber was“, fragte er, „wenn auch mein Machtwort nicht fruchtet?“
„Dann musst du ihnen drohen.“
„Drohen?“
Bei dem Wort war Adam nun gar nicht wohl.
„Womit soll ich ihnen denn drohen?“
„Mit Gottes Zorn.“
Adam schwieg eine Weile. – Ihm war, als wolle Eva ihn in eine ganz neue Richtung, in eine völlig neue Rolle drängen.
„Ihnen drohen“, sagte er schließlich, „mit Gottes Zorn... Ich weiß nicht... Darüber muss ich erst nachdenken.“
„Tu das. Aber nicht zu lange. Eines Tages sind sie groß, dann ist es zu spät. Dann machen sie, was sie wollen. Laufen nicht nur hinunter an den Fluss. Dann laufen sie auch in den Wald. Du verstehst, was ich meine.“
Da erschrak Adam. In den Wald. Womöglich in die Mitte des Gartens! So weit wie Eva hatte er noch gar nicht gedacht. Weiß Gott, seit sie Mutter geworden war, entdeckte er immer neue Seiten an ihr.
„Aber wie soll ich Ihnen Gott erklären?“ sagte Adam.
„Das weiß ich nicht“, sagte Eva. „Vielleicht machst du mal wieder einen Spaziergang, so wie früher. Dann wird dir schon etwas einfallen.“
Der Gedanke gefiel ihm. Er war schon eine Ewigkeit nicht mehr spazieren gegangen.
Der erste Versuch jedoch missglückte.
„Wir wollen mit!“ schrien alle Fünf sofort, als Adam am nächsten Tag sagte, er wolle ein Stück am Fluss entlang gehen, um über etwas Wichtiges nachzudenken.
Und Kain, der Älteste, fragte: „Was ist das, etwas Wichtiges?“
Adam geriet in einige Verlegenheit und blickte zum Himmel. (Warum er das tat, wusste er auch nicht.)
Eva aber, die neben ihm stand, sagte: „Nun lasst mal den Vater gehen, er wird es euch später erklären.“
Adam jedoch schien es nicht recht, die Kinder zu vertrösten. Fast kam es ihm wie eine Lüge vor.
Und also setzte er sich ins Gras, scharte alle Fünf um sich und sagte: „Ich erzähle euch eine Geschichte.“
„Au ja, eine Geschichte!“ riefen die Kinder.
Eva indes seufzte leise und ging ins Haus.
Kleine Geschichten hatte Adam schon des öfteren erzählt, aber immer nur nebenbei, beim Spielen auf der Wiese, über die Käfer im Gras, über die fleißigen Ameisen, über die Vögel, die sich in den Bäumen Nester bauten. Nun waren die Tiere freilich nichts, worüber er spazierenderweise am Fluss hätte nachdenken müssen. Zippora und Bitja hätten sich vielleicht nicht groß gewundert. Aber Lebuda hätte sofort bemerkt, das da was nicht stimmte, Lebuda war ein aufgewecktes Kind und ein Jahr älter. Und die beiden Jungen, sofern sie denn überhaupt richtig zuhörten und sich nicht wie so oft kabbelten, würden gelangweilte Mienen machen: Schon wieder eine Tiergeschichte! Womit sie ja recht hätten. Und also begann Adam:
„Es waren einmal ein Vater und eine Mutter, die hatten sieben Kinder und lebten tief im Wald...“
Adam merkte, der Anfang war schon mal gar nicht so übel, alle Fünf hingen sofort gebannt an seinen Lippen. Und also erzählte er weiter:
„Und alle zusammen wohnten sie glücklich und zufrieden in einer Hütte, die der Vater und die Mutter einst gebaut hatten aus starken Ästen und Stroh. Die Hütte aber stand auf einer grünen Wiese, und rund um die Wiese wuchsen nicht nur die Bäume des dichten, finsteren Waldes, am Waldesrand wuchsen auch allerlei Sträucher. Und die Sträucher trugen gar mancherlei Früchte...“ Adam hielt einen Moment inne, über sich selbst erstaunt, was ihm da einfiel; er steuerte, wie ihm schien, geradenwegs auf eine Katastrophe zu. Auf Gottes strenges Wort.
„Und die Früchte“, fragte Lebuda, „die konnten sie essen?“
„Die Früchte...?“
Ach, dieses naseweise Kind, dachte Adam.
„Nun frag doch nicht so dumm“, schalt Kain seine Schwester. „Lass Vater erzählen. Dann wirst du schon erfahren, was mit den Früchten ist.“
Lebuda zog einen Flunsch. Und Adam dachte: Sieh an, der Kain, der wittert schon etwas.
„Ja, ja“, erzählte Adam nun weiter, „die Früchte... die Früchte waren lustig anzusehen und gut zu essen. Bis auf den einen Strauch mit den kleinen roten Beeren. Die sahen zwar hübsch aus, waren aber giftig. Und eindringlich warnend sagten die Eltern zu ihren sieben Kindern: An dem Tag, da ihr davon esst, müsst ihr des Todes sterben.“
Da war mit einem Schlag Stille um ihn herum. Alle Fünf sahen ihn an mit großen erschrockenen Augen. Hatte er das beabsichtigt? Er wusste es selbst nicht. Und so setzte er hinzu:
„Die Kinder aber, alle sieben, waren lieb und klug und gehorsam. Sie hörten auf das, was die Eltern ihnen sagten. Und so lebten sie weiter alle Tage, glücklich und zufrieden.“
Adam meinte, einen ganz passablen Schluss gefunden zu haben. Die Mienen um ihn herum entspannten sich. Bis auf Abels Miene.
„Des Todes?“ sagte Abel schließlich, etwas stockend. „Was ist das: des Todes sterben?“
„Mann, Abel!“ stöhnte Kain. „Du hast doch gehört. Das ist, wenn man nicht mehr lebt, weil man giftige Beeren gegessen hat.“
Abel schwieg. Weil Kain mal wieder so schlau tat.
Adam aber kamen Zweifel, ob ihm seine Geschichte wirklich
so recht gelungen war. Eigentlich war Abels Frage gar nicht so dumm. Und streng genommen wusste er, Adam, der Vater, auch nicht, was es hieß, des Todes zu sterben.
Was ist der Tod? Was geschieht da? Und was ist danach?
Die Mädchen aber schienen zufrieden mit dem Gehörten. Sie standen auf aus dem Gras. Und Bitja rief:
„Kommt, wir wollen verstecken spielen!“
Und Zippora rief: „Au ja!“
Auch die Jungen erhoben sich nun und folgten den Zwillingsschwestern. Nur Lebuda, Kains Schwester, blieb stehen, da wo sie gesessen hatte, und fragte Adam, ihren Vater:
„Und was ist nun das Wichtige, über das du nachdenken wolltest?“
„Das Wichtige...?“
Adam hatte das Gefühl, erwischt worden zu sein.
„Das Wichtige“, antwortete er, „ist immer das, was einem im Moment am meisten Sorge bereitet...“
„Und was bereitet dir im Moment am meisten Sorge?“
Dieses wissbegierige Kind.
„Dass euch nichts zustößt“, sagte Adam. „Dass es euch gut geht.“
Da hellte sich Lebudas Miene auf.
„Verstehe“, sagte sie. „So wie in der Geschichte. Dass wir nichts tun, was verboten ist.“
„Genau so“, sagte Adam.
Lebuda nickte.
„Dass wir nicht allein an den Fluss gehen. Weil das Wasser sehr tief ist. Und wegen der Krokodile.“
Adam war erleichtert. Seine Geschichte war anscheinend doch nicht so ganz verkehrt gewesen.
„Und nun lauf“, sagte er, „die anderen rufen schon nach dir.“
Lebuda aber beugte sich, da er immer noch im Gras saß, zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss.
„Mach dir keine Sorgen, Väterchen. Ich passe schon auf, dass keiner rote Beeren isst.“
Da sah Adam seine Tochter verblüfft an, gerührt, ja überwältigt. Noch nie hatte sie ihn Väterchen genannt. Und noch nie hatte sie so klug gelächelt.
Lebuda aber wandte sich um und lief zu den anderen. Und Adam sah ihr nach. Vielleicht, dachte er, vielleicht geht das Erziehen ja auch mit Geschichtenerzählen. Und ohne dass man gleich Gottes Zorn bemüht.
Erziehungsfragen!
Adam überlegte, ob er den günstigen Moment ausnutzen und doch noch seinen Spaziergang machen sollte, um noch einmal in Ruhe über alles nachzudenken. Er stand auf. Doch im selben Moment, als hätte er es geahnt, riefen sie auch schon nach ihm, er solle endlich kommen und mitspielen, beim Verstecken und Suchen.
Adam seufzte innerlich. Aber was half`s? Inzwischen kannte er seine Schwäche, dass er gegenüber den Kindern schwer Nein sagen konnte.
Und so scheiterte auch sein zweiter Fluchtversuch an den Fluss, in die Stille seiner Gedankenwelt.
Am Abend, als schon die Dämmerung hereingebrochen war und der Mond über dem Fluss stand, saßen Adam und Eva abermals vor der Hütte.
„Du hast den Kindern also eine Geschichte erzählt“, sagte Eva nach einer Weile.
„Ja“, sagte Adam. „Eine kleine Geschichte... Von sieben artigen Kindern.“
Eva sah ihn an, mit einem neugierigen Lächeln.
„Von sieben artigen Kindern? Erzähl, Adam. Die Geschichte möchte ich auch hören.“
Adam wollte sich erst zieren, sah aber ein, dass Eva die Geschichte kennen musste, falls eines der Kinder sie mal darauf ansprach. Und also wiederholte er, was er den Kindern erzählte hatte, ohne etwas wegzulassen, ohne etwas hinzuzufügen, gespannt, ob seine Geschichte Evas Zustimmung finden würde.
„Ein Gleichnis also“, sagte Eva, als er geendigt hatte.
Adam sah sie erstaunt an.
„Ein Gleichnis? Was meinst du damit?“
„Na ganz einfach, du hast von roten Beeren erzählt, nun können wir ihnen vom Baum der Erkenntnis erzählen.“
Adam war einen Moment lang sprachlos.
„Hauptsache, sie haben das Gleichnis auch verstanden“, fuhr Eva fort. „Und sie beherzigen die Lehre.“
Die Lehre? – Adam fielen sofort Lebudas kluge Trostworte ein. Aber die anderen, die Jüngeren?
„Manchmal denke ich, wir erwarten vielleicht etwas zu viel für ihr Alter“, sagte er.
„Ja, vielleicht...“ sagte Eva.
„Was wissen wir schon, was in ihren kleinen Köpfen vor sich geht, was sie schon begreifen können und was noch nicht.“
„Da hast du recht, Adam. Wir wissen zu wenig.“
Sie schwiegen eine Weile.
Dann sagte Eva: „Hast du schon mal daran gedacht, Adam, dass wir nie Kinder waren?“
Adam nickte.
„Ja, der Gedanke ist mir auch schon gekommen.“
„Gott hat uns erschaffen, und wir waren gleich erwachsen.“
„Ja“, sagte Adam, „uns fehlt etwas.“
Und wiederum schwiegen sie eine Weile. Und blickten über die im Mondschein verlassen daliegende Wiese, die tagsüber so voller Leben war.
„Manchmal“, sagte Eva, „machmal, Adam, beneide ich unsere Sprösslinge. Wenn ich sie spielen, wenn ich sie herumtollen sehe, so fröhlich, so unbekümmert...“
Obwohl sie es mitunter etwas wild treiben, dachte Adam.
„Ja“, sagte er, „wir beide, Eva, wir haben nie gespielt.“
„Wir sind eben Gottes Geschöpfe. Und er ist unser Vater.“
„Und das erste, was er uns gesagt hat, war ein Verbot.“
Wiederum schwiegen sie eine Weile.
„Was meinst du“, sagte Eva, „ob Gott eine Familie hat?“
Adam sah sie erstaunt an.
„Du willst sagen: Ob wir auch eine Mutter haben?“
„Zum Beispiel.“
„Gute Frage. Jedenfalls hat er uns nicht verraten, wie er uns gemacht hat.“
„Ja, das wissen wir nicht.“
„Wir wissen so vieles nicht, Eva. Eins aber weiß ich ziemlich genau: Gott hat gewiss nicht so eine fabelhafte Frau wie ich?“
Nun musste Eva doch lachen.
„Du alter Schmeichler“, sagte sie. „Und ich – ich weiß, wenn Gott eine Frau hat, dann hat sie bestimmt nicht so einen fabelhaften Mann wie ich, der so schöne Geschichten erfinden kann. Wie bist du eigentlich auf die Zahl sieben gekommen?“
„Auf die Zahl sieben?“
„Na, auf die sieben Kinder. Vielleicht, weil wir alle zusammen auch sieben sind? Und weil wir alle Gottes Kinder sind?“
Nun war Adam doch etwas verblüfft, und eigentlich gefiel ihm der Gedanke nicht so recht; er fand, nur er, Adam, war der Vater seiner zwei Söhne und seiner drei Töchter. Eva neigte manchmal zu gedanklichen Übertreibungen. Und wenn man schon Evas Gedanken folgen wollte, dann durfte man vielleicht auch fragen, warum Gott, der Vater, sich seit mehr als zwanzig Jahren bei seinen Kindern nicht blicken ließ. – Aber die Frage behielt Adam einstweilen für sich.
So verging die Zeit, und sie lebten weiter alle Sieben glücklich und zufrieden im Garten Eden. Sie litten keine Not, es geschah kein Unglück, die Kinder wuchsen heran, gesund, mit jedem Tag schöner und ein bisschen klüger. Wohl gab es hin und wieder kleinen Zank und Streit unter den Geschwistern. Aber wenn sie sich prügelten, versöhnten sie sich bald wieder. Und wenn sie besonders artig gewesen waren, erzählte ihnen Adam abends vorm Schlafen eine Geschichte.
Aber auch die Zeit schlaffördernder Geschichten ging bald zu Ende. Es gab nun immer öfter kleine Neckereien zwischen den Geschlechtern. Und Adam sprach zu Eva und beschloss, abermals anzubauen: Einen Raum für die Jungen, einen Raum für die Mädchen. Und die vormalige Kinderstube wurde nun zum Schlafraum für Eva und ihn.
Allein, die neuen Räumlichkeiten lösten auch nicht alle Probleme. Vor allem tagsüber.
Kain entwickelte sich zusehends zum Anführer. Er wollte bestimmen, was gemacht wurde. Wollte entscheiden, was richtig und was falsch war. Er hatte entdeckt, dass er der Älteste war. Und Adam bemerkte, dass Kain auf Abel neidisch wurde, weil Abel zwei Schwestern hatte und er nur eine.
Abel jedoch störte sich nicht an Kains neidischen Blicken, er war mit ganz anderen Dingen befasst, er sammelte Steine, fing Schmetterlinge, lag stundenlang im Gras und betrachtete die Wolken. Manchmal stellte er überraschende Fragen: „Warum wird es abends dunkel, und die Sterne fangen an zu leuchten?“ Oder: „Warum geht die Sonne morgens nicht da auf, wo sie abends untergegangen ist?“ Adam, der Vater, staunte. Noch ein Denker, dachte er. Der Junge schlägt nach mir. Eine Antwort aber wusste er auch nicht. Kain indes belächelte seinen Bruder. Lebuda jedoch gesellte sich gern zu ihm, interessierte sich für seine Steine, erfand Namen für seine Schmetterlinge, zusammen erzählten sie sich Wolkengeschichten.
Adam fand, die beiden passten zueinander. Lebuda war von sanftem Wesen, begabt mit Phantasie und Geduld, konnte zuhören, Anteil nehmen und wurde von Tag zu Tag schöner, war Eva immer mehr wie aus dem Gesicht geschnitten. Sogar ihr feines, helles Haar hatte sie von ihrer Mutter.
Zipporas Haare hingegen waren schwarz, so schwarz wie ihre Augen, und obwohl ein Jahr jünger als Lebuda entwickelte sie schon zusehends weibliche Reize, hübsche kleine Brüste, deren Wirkung sie sich durchaus bewusst war. Sie sang und tanzte gern und begann, Kain schöne Augen zu machen. Was dieser durchaus bemerkte. Es dauerte nicht lange, und die beiden saßen abends im Mondschein am Fluss, ein Stück entfernt von der elterlichen Hütte.
Eva sagte zu Adam: „Ich glaube, wir müssen aufpassen.“
Adam sagte: „Warum?“
„Na, warum wohl!“
Adam fand, Eva neigte mal wieder zur Übertreibung. Die beiden waren Kinder, gerade mal zwölf, dreizehn Jahre alt.
Bitja, die kleinste unter den Geschwistern, war noch ein wenig verträumt und verspielt. Am liebsten saß sie am Ufer und formte aus dem gelben Flussschlamm Tierfiguren, die sie in die Sonne stellte, damit sie fest und trocken wurden, die sie dann in die Hütte trug, um sich herum aufbaute und die dann zu laufen, zu springen und zu sprechen anfingen. Adam beobachtete sie heimlich und war verzückt. Zum Glück, dachte er, befand sich unter Bitjas Tieren keine sprechende Schlange.
Die Zeit verging. Keines der Kinder lief in den Wald. Es geschah kein Unheil. Eines Abends sagte Eva zu Adam:
„Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir die Kinder mit einigen Aufgaben betrauen.“
„Aufgaben?“ sagte Adam.
„Na, sie müssen lernen, dass das Leben nicht nur aus Spiel und Spaß besteht.“
„Da hast du wohl recht“, sagte Adam, „sie sind jetzt groß genug.“
Und also geschah es.
Eva scharte fortan die Mädchen um sich, zeigte ihnen, wie man Stroh flechtet, wie man aus Lehm Töpfe und Schüsseln formt, wie man Tierhäute abzieht, trocknet und daraus Lendenschurze fertigt.
Adam nahm sich die Jungen, ging mit ihnen aufs Feld, auf die Weidewiese. Kain zeigte er, wie man den Boden bearbeitet, wie man die Kohlpflanzen bewässert und die Gräser mit den dicken Körnern erntet. Abel führte er zu den Schafen, gab ihm einen Hirtenstab in die Hand und erklärte ihm, wie er die Herde zusammen und unliebsame Tiere fernzuhalten hat.
Schon bald aber wurde Kain neidisch auf Abel, weil jener in der Sonnenglut nicht so sehr zu schwitzen brauchte wie er. Abel indes war bei seinen Schafen vollends zufrieden; sie bereiteten
ihm keine großen Sorgen, und er hatte, auf seinen Hütestock gestützt, jede Menge Zeit, die Natur zu betrachten und seine Gedanken schweifen zu lassen, in die Ferne, in die sich endlos in Richtung Morgensonne ausbreitende Wüste.
Eines Nachmittags kam Adam zu Abel, um wieder einmal nach dem Rechten zu sehen, nachdem er vorher Kain aufgesucht und ihn gelobt hatte für seine tüchtige Feldarbeit, und auch für Abel fand er nun anerkennende Worte, weil alle Schafe wohlbehalten beieinander waren und fleißig fraßen.
„Ich hoffe“, sagte Abel, „du bist mit mir zufrieden, Vater.“
„Aber ja“, sagte Adam, „ich bin zufrieden, zufrieden mit euch beiden.“
Und in der Tat, er war stolz auf seine Söhne. Es war alles so, wie es sein sollte.
„Und Gott, der Herr, sprach, machet euch die Erde untertan, herrschet über die Fische im Meer und über das Vieh auf dem Land“, sagte Adam, „so sprach Gott, als er eure Mutter und mich...“ Adam zögerte einen Moment, als fiele ihm nicht gleich das rechte Wort ein, und sagte schließlich. „Als er uns in die Welt setzte.“
Abel vernahm es und schwieg, sichtbar nachdenklich.
Und so standen sie, Vater und Sohn, und blickten in die flimmernde, schier endlose Wüste.
„Und was“, fragte Abel nach einer Weile, „was ist die Erde?“
Adam erkannte seinen wissbegierigen Sohn.
„Du wirst lachen, Abel, das weiß ich auch nicht. Vielleicht meinte Gott damit den Erdboden, den wir beackern sollen, aber ich bin mir nicht sicher.“
„Und das Meer“, fragte Abel, „was ist das Meer? Ich kenne nur die Fische in unserem Fluss.“
Adam nickte abermals beifällig.
„So geht`s mir auch, Abel. Auch ich habe noch nie ein Meer gesehen, hier in unserem schönen Garten Eden.“
Und wiederum schwiegen sie beide. Und Adam dachte an seinen seltsamen Traum, den er in letzter Zeit erneut geträumt hatte, in welchem er auf einem Esel in die Wüste hinausritt. Ohne allerdings je irgendwo anzukommen. Abels dritte Frage jedoch galt nicht, wie Adam im Stillen erwartet hatte, der Wüste, sondern einer noch weit schwierigeren Sache. Der schwierigsten überhaupt.
Abel fragte: „Und wer ist Gott?“
Da blickte Adam zum Himmel, sah seinen Sohn an, blickte erneut in die Wüste und kratzte sich sein struppiges blondes Kinn.
Im selben Moment erblickte er in der Ferne einen dunklen Fleck. Adam schloss unwillkürlich die Augen. Täuschte ihn eine Luftspiegelung? Abel aber streckte den Arm aus.
„Da kommt jemand.“
„Ja“, sagte Adam, „sieht ganz so aus.“
Das war nun doch eine Überraschung. Ein Mensch, der aus der Wüste kam. Wie war das möglich? fragte sich Adam.
Und mit jedem Schritt, den die Gestalt näherkam, wurde es deutlicher, es war ein Mann. In offenbar rüstigem Alter. Etwas merkwürdig gekleidet, wie Adam fand. Er trug ein langes, dunkelbraunes Gewand, an den Füßen Sandalen, um den Kopf ein weißes Tuch. Über die Schulter hatte er eine Art Beutel gehängt, und in der rechten Hand führte er einen knorrigen Stecken. Sein Gesicht, braungebrannt, mit einer spitzen Nase, einem gekräuselten schwarzen Bart, schien Adam nicht unfreundlich. – Was ihn jedoch in einige Verwirrung stürzte, war, dass der Mann älter zu sein schien als er selbst. Und das bedeutete, dass er, Adam, nicht der erste Mensch war, den Gott erschaffen hatte?
Abel fragte: „Kennst du den Mann, Vater?“
Und Adam antwortete: „Wie sollte ich ihn kennen, Abel? Wir hatten noch niemals Besuch in Eden.“
Unwillkürlich legte er seinen Arm um Abels Schultern.
Und als nun der Mann aus der Wüste bei ihnen angelangt war, wusste Adam nicht recht, was er sagen sollte, noch nie hatte er zu irgend jemandem Begrüßungsworte gesprochen.
Schließlich gab er sich einen Ruck und sagte: „Willkommen, Fremdling, im Garten Eden.“
Er fand, es klang vielleicht etwas geschwollen. Und die Bezeichnung Fremdling schien ihm, möglicherweise, ein wenig gewagt.
Der Ankömmling jedoch lächelte milde.
„Gott zum Gruß, ihr beiden! Habe ich also die Oase gefunden, die ich zu finden hoffte.“
Adam war leicht verdutzt. Gott zum Gruß? Oase? Die er zu finden hoffte?
Er hielt es für das Beste, sich dem Fremden erst einmal vorzustellen. Und also sagte er:
„Ich bin Adam. Und das ist mein Sohn Abel.“
Der Mann nickte wohlgefällig und sprach:
„Und ich nenne mich El-Iblis.“
Adam nickte seinerseits, wusste aber mit dem Namen nichts anzufangen.
„Und woher kommt Ihr?“
„Aus dem Land im Osten.“ Er wandte sich kurz um in die Richtung, aus der er gekommen war. „Aus dem Land der Morgensonne.“
Nun war es Abel, der fragte:
„Es gibt also ein Land hinter der Wüste?“
„Aber ja, Abel.“
„Und wie heißt das Land?“
„Es heißt Nod.“
„Und im Land Nod leben auch Menschen, so wie wir hier im Garten Eden?“
„So wie ihr hier?“
Der Mann aus dem Land Nod schmunzelte.
„Du stellst knifflige Fragen, Abel. Ich bin ja gerade erst bei euch angekommen.“
Was war an der Frage knifflig? dachte Adam. Dem Mann aus dem Land Nod schien es zu gefallen, ein bisschen geheimnisvoll zu tun.
„Ich denke, Ihr hattet einen langen Weg“, sagte Adam. „Ihr werdet durstig und hungrig sein. Ich schlage vor, wir gehen erst mal zu unserer Hütte. Ihr werdet staunen, was für ein schönes Haus wir haben. Dort werdet Ihr auch meine Töchter kennenlernen, Lebuda, Zippora und Bitja. Außerdem habe ich noch einen zweiten Sohn, Kain, meinen Erstge-borenen. Er ist im Moment bei den Feldfrüchten.“ Er gab Abel einen leichten Klaps auf die Schulter. „Lauf, Abel, und sag Kain, wir haben Besuch.“
Abel lief los, wenn auch ein wenig widerwillig, wie es Adam schien; er hätte dem Besucher aus dem Land Nod wohl gern noch einige Fragen gestellt.
Adam sah seinem Sohn nach und lächelte stolz.
„Ein lieber, kluger Junge“, sagte er. „Er hütet die Schafe. Aber ich bin auch auf Kain stolz. Der sich die Erde untertan macht.“
Adam beobachtete aufmerksam seinen Gast. Aber über das Wort „untertan“ schien er sich in keiner Weise zu wundern.
Er sagte: „So ist es recht, Adam, dass Ihr auf Eure beiden Söhne stolz seid. Und eine Frau habt Ihr sicherlich auch?“
Da musste Adam lächeln. Was für eine Frage für einen so weit gereisten Mann!
„Aber ja“, sagte er. „Wie sollte ich keine Frau haben, da ich doch Kinder habe. Meine Frau – sie heißt Eva – ist ein braves, treusorgendes Weib.“ Adam hatte noch mehr lobende Worte für Eva auf der Zunge, wollte aber nicht allzu sehr vorgreifen; sollte der Fremdling aus der Wüste sich doch selbst überzeugen; deshalb war er ja wohl gekommen.
„Ich denke, wir gehen dann mal“, sagte Adam.
