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Stella, die nie eine Schule besucht hat, scheitert fast an den Normen der Gesellschaft, als sie ihr Abitur macht und an der Uni zu studieren beginnt. In Julian Winter glaubt sie ihre große Liebe gefunden zu haben, aber er verlässt sie wegen der spurlos verschwundenen Adriana. Als kurz darauf ihre Eltern erschossen werden, wird sie des Doppelmordes verdächtigt und muss erfahren, dass ihre Eltern nicht ihre Eltern waren. Um ihre wahre Identität zu finden, muss sie tief in die Vergangenheit eintauchen…
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Viktoria von Berlich
Adriana
Die Ruhebringende
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Seit ich mich erinnern kann
Internat
Maturafeier
Sommer auf dem Lago Maggiore
Studium
Greta
Milena
Wiedersehen mit Francesco
Ruben
Prof. Winter
Trennung
Adriana
Foto-Shooting
Francesco
Zirkus
Die Wahrheit (Was ich vergessen wollte)
Seit ich mich erinnern will
Emilia
Das Sommerhaus
Simone & Simon
Die Kinder
Gretas große Liebe
Signor Plantone
Die Öffnung der Container
Epilog
Impressum neobooks
„Wir haben erfahren, dass der Mensch seinen Intellekt bis zu erstaunlichen Leistungen kultivieren kann, ohne dadurch der eigenen Seele Herr zu werden.“
Hermann Hesse
„Mama, so wie du dein Leben verbringst, will ich meines nicht leben!“ sagte meine Tochter Lucia eines Tages zu mir. Sie befand sich im letzten Schuljahr und stand vor der schweren Entscheidung, ihren weiteren Lebensweg zu planen. Ganz offensichtlich war ich für sie kein geeignetes Vorbild.
„Aber das verlangt doch auch niemand von dir“, war meine prompte Antwort. Nach einer Weile des Schweigens wollte ich es dann aber doch wissen und fragte mit sanfter Stimme: „Und warum nicht? Was ist denn so schlecht an meinem Leben?“
„Du bist immer nur zu Hause, hast keinen Beruf, gehst nie auf Reisen. Du willst die Welt ja nicht mal sehen!“ rief sie fast zornig, was sonst gar nicht ihre Art war. Plötzlich spürte ich, dass sie sehr aufgeregt war, so als ob sie sich fürchtete, mir diesen Vorwurf zu machen, den sie wohl schon lange mit sich herumgetragen hatte.
„Woher willst du wissen, dass ich die Welt nicht schon kenne?“ Jetzt wurde auch ich aufgeregt.
„Woher? Aus deinen Büchern? Glaubst du, du kannst alles aus Büchern erfahren? Man muss raus, man muss sich den Problemen im Leben stellen. Ich werde jedenfalls nicht hier versauern. Ich will die Welt kennen lernen.“ Lucia stand vor mir und sah mich herausfordernd und ängstlich zugleich an.
„Ich habe schon die ganze Welt bereist, lange bevor du geboren wurdest“, schleuderte ich ihr entgegen. Sie sah mich entgeistert an. „Davon hast du nie erzählt.“
„Du hast nie gefragt.“
Sie hatte ins Schwarze getroffen. Ich war ebenso aufgeregt und ängstlich wie sie. Und ich war unfair. Sie hatte Recht, ich hätte erzählen müssen. Es ist an der Mutter, den Kindern zu erzählen und dann können die Kinder fragen. Lucia hatte mit diesem Vorwurf alles aufgewühlt, was ich in meinem Schweigen jahrelang versteckt hatte und ihr ging es im Grunde wie mir, auch meine Mutter hatte nie erzählt, und ich hatte nie gefragt.
Es ist eine lange Tradition in meiner Familie. Meine Großmutter hatte nie erzählt, weil ihre Tochter nie gefragt hatte. Ihre Tochter hatte nie gefragt, weil es sie nicht interessiert hatte, was sie später sehr bedauerte. Meine Mutter hatte nie erzählt, weil sie fürchtete, die Wahrheit könnte sich zwischen uns stellen. Ich hatte nie gefragt, weil ich die Wahrheit nicht ertragen hätte und ich hatte nie erzählt, weil meine Vergangenheit mich zu sehr schmerzte. Und Lucia hatte nicht gefragt, weil auch sie vor diesem tiefen Schmerz Angst hatte.
Nun hatte sie also gefragt. Nun war der Schmerz da. Nun war es an mir, diese Tradition zu brechen und ihr zu erzählen, was auch für sie wichtig ist, denn man muss wissen, woher man kommt, um zu wissen, wohin man gehen will.
Ich konnte es ihr nicht sofort erzählen. Da waren noch zu viele Tränen, die geweint werden mussten, ehe meine Stimme wieder klar und kräftig wurde, um ihr meine Geschichte zu erzählen. Und es dauerte noch einmal eine weitere Dekade, bis ich dies alles hier aufschreiben konnte.
Seit ich mich erinnern kann, waren wir auf Reisen. Mein Vater arbeitete für eine internationale Organisation, in deren Auftrag er Regierungen in der ganzen Welt bei komplexen Problemlösungen unterstützte. Seine Aufträge dauerten immer nur wenige Monate und dann zogen wir in das nächste Land, um das nächste komplexe Problem zu lösen. Meine Mutter war Dolmetscherin und half meinen Vater in organisatorischen Dingen, die ihm seine Arbeit wesentlich erleichterten, denn er konnte zwar die kompliziertesten Dinge schnell erfassen und eine Lösung finden, aber sobald es ins Detail ging, war er ziemlich hilflos.
Es gibt nur wenige Geschichten, die ich über die Vergangenheit meiner Eltern weiß, denn ich hatte ja nie gefragt. Aber irgendwann einmal, als ich selbst auf der Suche nach einem Partner war, erzählte mir meine Mutter, wie sie meinem Vater begegnet war. Er hatte sie einfach über den Haufen gerannt, als er völlig in Gedanken versunken auf dem Weg in die nächste Vorlesung war. Der Becher Kaffee in ihrer Hand brachte ihn zum Stoppen, denn er ergoss sich auf seine „wertvollen“ Unterlagen, was jenen übereifrigen Studenten dazu brachte, innezuhalten und dem Verursacher dieser ungeheuren Tat einen wütenden Blick zuzuwerfen. Doch als er in die Augen meiner Mutter sah, da veränderte sich augenblicklich sein ganzes Verhalten. Zuerst war er verdutzt, dann wurde er rot und dann entschuldigte er sich übereifrig für sein Verhalten, was, wie meine Mutter wusste, noch nie vorgekommen war, denn jener Student, der schon etwas älter war, weil er schon mehrere Studiengänge absolviert hatte, war bekannt dafür, dass ihn nichts und niemand außerhalb der Vorlesungen interessierte und jeden, der seinen Weg kreuzte, nur mit Verachtung betrachtete. Er entschuldigte sich immer wieder und fragte sogar, wie er das wiedergutmachen könne. Meine Mutter musste lachen über so viel Ungeschick. Eigentlich wollte sie ihn ebenso mit Verachtung strafen, aber sie erkannte das Außergewöhnliche dieses Augenblicks und verlangte als Wiedergutmachung eine Einladung ins Café, was er auch prompt akzeptierte. Wie es so seine Art war, musste er erst lange über einen geeigneten Zeitpunkt nachdenken, denn seine Vorlesung würde gleich beginnen und eigentlich wusste er im Grunde nicht wann, denn eigentlich hatte er nie Zeit. Meine Mutter wollte sofort ins Café gehen. Sie wollte wissen, wie ernst es ihm war, sie wollte wissen, ob er bereit war, für sie alles stehen und liegen zu lassen. Wieder stockte er. Er schloss die Augen, so als ob er alle Komponenten dieser verzwickten Situation einzeln bewerten und gegeneinander abwägen wollte. Dann öffnete er seine Augen, sah sie an und sein Blick wurde weich und alles andere schien seine Wichtigkeit verloren zu haben. Ohne ein weiteres Wort nahm er sie bei der Hand und ging mit ihr in das schönste Café der Stadt. Meine Mutter sagte, dass in jenem Café ein Dialog zwischen ihnen begann, der ihr ganzes Leben andauerte.
Dieser Blick, der weich wurde, wenn er meine Mutter ansah, den habe ich immer wieder beobachtet. Und ich habe nie gesehen, dass mein Vater je eine andere Frau so angesehen hatte. Er interessierte sich im Grunde nicht für Menschen. Er unterhielt sich nur, wenn es für ihn interessant war und dann war es egal, ob es ein Mann oder eine Frau war. Meine Mutter hatte keinen Grund zur Eifersucht, aber ich wusste, dass sie immer etwas unruhig wurde, wenn eine Frau ein langes Gespräch mit meinem Vater führte. Vielleicht hatte sie ein wenig Sorge, dass aus einem guten Gespräch mehr werden könnte, denn er war einzig und allein über den Intellekt zu begeistern. Aber das war selten, denn mein Vater hatte über zwanzig Jahre studiert, verschiedene Fachrichtungen, mehrere Abschlüsse und Habilitationen. Sein Traum war es, ein Universalgelehrter zu werden.
Als meine Eltern sich trafen, da hatte er erst die Hälfte seiner Studien absolviert. Von da an blieben sie immer zusammen. Meine Mutter studierte Sprachen und ging mit ihm an jede Universität, die er für wichtig erachtete. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Dolmetscherin, während er weiterhin studierte. Die Zeiten, in denen sie getrennt waren, empfanden beide als verlorene Zeit.
Irgendwann war es auch für meinen Vater an der Zeit, sich einen Lehrstuhl oder irgendeine Anstellung zu suchen. Doch je umfassender er gebildet war, umso schwieriger wurde es, etwas Passendes zu finden. Obwohl die Angebote vielfältig waren, konnte er sich nicht für eines entscheiden, denn er wollte sich nicht nur auf ein Fachgebiet spezialisieren. Es gab sogar Überlegungen, einen speziellen Lehrstuhl für ihn einzurichten, aber auch das sagte ihm nicht zu. Er taugte nicht zum Lehren, er wollte lernen. Meine Mutter meinte, dass er nun genug Theorie hätte und er auch im beruflichen Leben noch genug lernen könnte, wenn er sich denn endlich den Herausforderungen der Welt stellen würde. Dieser Gedanke faszinierte meinen Vater. „Die Herausforderungen der Welt!“ Und wieder dachte er lange darüber nach, welche Herausforderungen denn für ihn geeignet wären. Da nahm meine Mutter ihn an der Hand und mit auf ihre Reisen, in denen sie für internationale Regierungen dolmetschte. Zunächst hörte er nur zu, um welche Probleme es denn überhaupt ging, doch es dauerte nicht lange, da fing sein gelangweilter Intellekt an, nach Lösungen zu suchen. Zuerst nur zur Übung, doch diese Ansätze waren so brillant, dass meine Mutter auf einem Stehempfang am Rande einer dieser endlosen Konferenzen den Beteiligten davon erzählte. Doch zu ihrer Enttäuschung traf sie nur auf Ablehnung. Irgendwann wurde ihr klar, warum. Die Vorschläge waren zu außergewöhnlich, um auf einem Stehempfang und aus dem Mund einer einfachen Dolmetscherin kommend, überhaupt akzeptiert zu werden. Man wollte diese Worte nicht von ihr hören. Man wollte Smalltalk. Meine Mutter begriff allmählich, dass die Präsentation, der äußere Rahmen, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Hintergrund eine fast noch größere Rolle spielten, als der Lösungsansatz selbst, und: Was nichts kostet, ist nichts wert! Es bedurfte einer international anerkannten Organisation, um meinem Vater den Rahmen zu geben, den er für die Umsetzung seiner Fähigkeiten brauchte. Aber alle Firmen und Organisationen winkten ab. Mein Vater hatte kein Spezialgebiet und er weigerte sich beharrlich, sich mit nur einem Gebiet zu begnügen. In einer Welt, die von Spezialisten beherrscht wird, wird ein breit gefächertes Allgemeinwissen verachtet, so als ob man nur an der Oberfläche gekratzt hätte. Sie hätten reich werden können, aber mein Vater zog es vor, ein weiteres Studium aufzunehmen. Eines Tages wurde meine Mutter auf einer Konferenz in der Schweiz von einem geheimnisvollen Mann angesprochen. Er hatte von den Bemühungen meiner Eltern erfahren und sagte, dass seine Organisation, die im Geheimen arbeite und nicht in der Öffentlichkeit erscheine, einen Mann wie meinen Vater suche. Denn es ist von großer Wichtigkeit, dass ihre Aktivitäten möglichst unauffällig abliefen. Meine Eltern waren überhaupt nicht begeistert. Sie fürchteten schon, irgendeinem Geheimdienst in die Falle zu gehen. Es stellte sich heraus, dass die Organisation ein Zusammenschluss von mächtigen Menschen aus der ganzen Welt war, die ungeachtet ihrer religiösen oder ethnischen Unterschiede, einen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten wollten. Der entscheidende Vorteil ist ihre Unabhängigkeit von der Politik. Die Mitglieder sind rein privat und daher von keiner Regierung abhängig. Durch ihre finanziellen Möglichkeiten und den damit verbundenen Beziehungen zu den Mächtigen der Welt, ist es ihnen möglich, Hilfe direkt dort hinzubringen, wo sie ihrer Meinung nach erforderlich ist. Diese Männer und Frauen unterstützen auch die bekannten Hilfsorganisationen mit viel Geld, aber sie haben erkannt, dass die Größe einer Organisation auch oft ein großes Hindernis ist und die damit verbundene Bürokratie Unsummen verschlingt.
Mein Vater sollte nun wie eine Art Unternehmensberater, aber sehr diskret, ganz konkrete Probleme in den Ländern analysieren und deren Lösung ausarbeiten. Das war genau das, was meinem Vater zusagte. Meine Mutter sollte als seine Dolmetscherin mitarbeiten, so dass sie immer gemeinsam arbeiten konnten. Und zu diesem Zeitpunkt kam ich, Stella, in ihr Leben. Meine Mutter hatte die Hoffnung auf ein Kind schon aufgegeben und nun, da sie ein unstetes Leben beginnen würden, da wurden sie zu einer Familie. Ungünstiger hätte der Zeitpunkt nicht sein können und auch die Organisation war nicht begeistert, denn meine Eltern sollten ja beide tätig werden. Auch mein Vater war sehr skeptisch. Zu zweit waren sie ein eingespieltes Team, aber zu dritt? Und dann konnte er sich überhaupt nicht vorstellen, was er denn mit so einem kleinen Wesen anfangen sollte. Alle diese Bedenken konnten die Freude meiner Mutter nicht vertreiben. Sie betrachtete mich als ein Geschenk des Lebens. Dieses Glück übertrug sich wohl auf meinen Vater, denn es dauerte nicht lange, da hatte er sich in mich verliebt, wie damals in meine Mutter und ich wurde Teil ihres Dialogs.
So lange ich mich erinnern kann, waren wir auf Reisen. Irgendwo auf der Welt. Ich weiß, ich habe die Pyramiden gesehen, sah aus einem Hotelfenster den Zuckerhut, bin auf der Großen Mauer in China gelaufen, habe das Taj Mahal betrachtet. Ich weiß, ich habe alle sieben Weltwunder gesehen, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Wenn ich zurückschaue, dann sehe ich nur meine Eltern, dann sehe ich nur uns drei. Sonst nichts. Diese Einheit inmitten einer fremden Welt war das Wichtigste für mich. Meine Eltern waren mein Zuhause und ich hatte immer Angst vor dem Augenblick, da ich mein Zuhause verlassen musste. Wir waren eigentlich immer zusammen. Als ich noch klein war, da nahm meine Mutter mich überall mit hin, später auch mein Vater. Sie ließen mich nie alleine. Eine Schule habe ich nie besucht. Es war organisatorisch nicht möglich, da wir ja als Touristen reisten und meine Eltern hielten das auch nicht für wichtig, denn sie waren der Meinung, dass sie mir alles Relevante selbst beibringen könnten. Je älter ich wurde, umso größer wurde auch mein Anteil an unserer Aufgabe. Schon früh zeigte sich, dass ich Sprachen ebenso schnell lernen konnte, wie meine Mutter. Meist klappte die Kommunikation auf Englisch, Spanisch, Französisch oder Portugiesisch. Diese Sprachen beherrschte meine Mutter perfekt. Es kam aber auch oft vor, dass unsere Auftraggeber sich untereinander in ihrer eigenen Sprache unterhielten, um ungestört Informationen auszutauschen, die wir nicht verstehen sollten. Ich hatte als Kind die Fähigkeit, ohne dass ich diese Sprachen kannte, aus Schlüsselwörtern sehr schnell zu erkennen, ob unsere Partner ein wirkliches Interesse an unserer Arbeit hatten oder nicht. Das war sehr wichtig für das weitere Vorgehen. Deshalb nahm auch mein Vater mich gerne zu ersten Sondierungsgesprächen mit. Ich musste dann entweder unter dem Tisch mit irgendwelchen Spielsachen spielen oder sollte still am Tisch sitzen und malen. Tatsächlich aber hörte ich sehr genau auf den Klang der Sprache und berichtete ihm hinterher von meinen Beobachtungen. Manchmal reisten wir dann bald wieder ab, weil kein wirkliches Interesse an einer Lösung vorhanden war. Leider verlor ich diese Gabe wieder. Je älter ich wurde und je mehr ich lernte auf meinen Verstand zu achten, umso mehr verlor ich meine Intuition. Dafür wurde ich zu einer wichtigen Ratgeberin meines Vaters. Er teilte all sein Wissen mit mir und liebte es, in einer Art Wettstreit um die beste Lösung zu ringen. Dafür zog sich jeder für eine Weile zurück, dachte über die Gegebenheiten nach und suchte nach einer optimalen Lösung. Natürlich hatte er den Vorteil einer ungeheuren Erfahrung. Aber er schätze an mir meine oft unkonventionellen Lösungsvorschläge, die sich nicht immer umsetzen ließen, die aber seine rein logische Vorgehensweise oft über den Haufen schmiss. Er brauchte mich nicht für seine Arbeit, aber er liebte die Gedankenspiele, die wir bis ins Absurde treiben konnten. Meine Mutter amüsierte sich immer köstlich, wenn er für einen Augenblick nicht weiterwusste. Ich lernte ungeheuer schnell und genauso schnell ließ ich auch meinen Gedanken freien Lauf. Aber mein Vater war im Grunde nicht zu schlagen, dafür hatte er einfach zu viel Erfahrung.
So hätte es ewig weitergehen können und von mir aus hätte sich auch nichts ändern müssen, aber meine Eltern waren irgendwann der Ansicht, dass ich ein Studium aufnehmen sollte.
Die gemeinsame Zeit war fast vorbei. Auch meine Eltern zögerten den geplanten Studienanfang immer wieder hinaus. Dafür war ich ihnen dankbar, denn es war für mich unvorstellbar, alleine irgendwo auf der Welt leben zu müssen. Wir wählten die Schweiz aus, das Land, in dem wir immer unsere Urlaube verbrachten und wo meine Eltern zwischen ihren Aufträgen Station machten, so dass wir uns häufig sehen konnten. Zunächst sollte ich die Matura ablegen um die Zulassung zur Universität zu erwerben. Wir meldeten mich zur Prüfung an einer internationalen Schule an, besorgten uns die Prüfungsaufgaben der Vorjahre und ich bereitete mich vor. Die Sprachen stellten kein Problem dar, Geschichte musste ich mir noch aneignen, die naturwissenschaftlichen Fächer überraschten mich. Die gestellten Fragen erschienen mir so einfach. Das sollte die Voraussetzung für ein Studium sein? Da hatte ich mich schon mit ganz anderen Fragestellungen auseinandergesetzt! Kinderkram! Mit Freude ging ich an die Aufgaben heran. Die erste Überraschung erlebte ich, als wir die Lösungen verglichen. Ich hatte zwar oft das richtige Ergebnis, aber meist keinen Lösungsweg oder einen völlig anderen. Und manche Fragen hatte ich schlichtweg nicht verstanden! Was wollten eigentlich die von mir? Was sollte das Ganze? Ich konnte keinen Sinn erkennen. Mir fehlte der Bezug zu den Problemen in der realen Welt. Ich hatte nicht gelernt, dass Mathematik auch einen Selbstzweck hat. Ich hatte es immer nur als Hilfsmittel für eine größere Aufgabe gekannt.
Noch heute staune ich über meine Naivität, mit der ich in die Prüfungen ging. Wenn ich auch den Lösungsweg nicht genau zeigen konnte, so zählte doch allein die Lösung, dachte ich. Und ich war mir sicher, dass sie mein großes Wissen honorieren würden. Sie prüften mich sogar noch mündlich. Ich war zufrieden mit mir. Nur der Schuldirektor Dr. Hofmann sah das ganz anders. Er lud mich und meine Eltern zu einem persönlichen Gespräch, in dem er erläuterte, dass ich durch alle Prüfungen gefallen sei.
„Aber das ist doch ganz unmöglich!“ protestierte ich. Meine Eltern sahen sich vielsagend an, als ob sie damit schon gerechnet hätten. In mir stieg eine unerklärliche Angst empor, die mich das Schlimmste befürchten ließ.
„Es ist nicht so, dass Ihre Tochter nicht das Zeug zur Matura hätte, es ist nur alles so unstrukturiert. Die Lösungen waren teilweise ganz erstaunlich, gingen aber an der eigentlichen Fragestellung vorbei und schossen weit über das Ziel hinaus. Welche Schulen hat sie denn besucht?“
„Keine“ kam es wie aus einem Munde meiner Eltern.
„Das erklärt alles“, meinte Dr. Hofmann.
„Meine Lösungen sind richtig, Sie verstehen sie nur nicht!“ protestierte ich wieder.
„Das ist richtig, junge Frau, Niemand versteht. Das ist der springende Punkt. Sie müssen lernen, sich so auszudrücken, dass jeder sie versteht, das gilt in den Sprachen, ebenso wie in den naturwissenschaftlichen Disziplinen. Ich habe mir Ihre Arbeiten lange und ausführlich angesehen und ich werde sie aufheben, denn sie sind ganz außergewöhnlich. Aber ich habe Stunden gebraucht, um sie zu verstehen. Deshalb weiß ich auch, dass es nicht an Ihrem Wissen mangelt, sondern an Ihrer Methodik. Ihnen fehlen elementare Formen der Darstellung. Sie machen Gedankensprünge, die nobelpreisverdächtig sind, aber die einfachsten Regeln der Mathematik sind Ihnen fremd. Dies gilt für alle Fächer. Die Inhalte Ihrer Aufsätze, in welcher Sprache auch immer, waren äußerst interessant, aber sie habe keine der gültigen Regeln der Vorgehensweise, der Form oder Darstellung beachtet.“
„Das ist doch unwichtig. Entscheidend ist doch das Ergebnis“, versuchte ich es erneut.
„Leider nicht. Es mag einer der größten Fehler in unserem Schulsystem sein, aber es bedarf dieser Regeln und Formen, um eine Bewertung und auch Vergleichbarkeit zu ermöglichen. Wie sollten wir die Leistungen der Schüler gerecht bewerten, wenn jeder macht, was er will?“
„Diesen Vorwurf müssen Sie uns machen“, mischte meine Mutter sich ein. „Wir haben sie lernen lassen, wie sie wollte, ohne auf irgendeinen Lehrplan Rücksicht zu nehmen. Sie hat alles so schnell gelernt, dass die Schulbücher, die wir benutzen wollten, völlig ungeeignet waren. Wir wollten, dass sich ihr Verstand frei entwickelt, ohne das Korsett der wissenschaftlichen Betrachtungs- und Vorgehensweise.“
„Das ist Ihnen gelungen“, bestätigte Dr. Hofmann, ohne es irgendwie zu bewerten. „Daher sehe ich keinen Grund, weshalb sie nicht auch diese elementaren Regeln der Schule schnell erlernen wird. Die Frage ist nur, wo sie sie erlernen soll.“
„Kannst du sie mir nicht beibringen, Mama?“
„Nein, mein Kind, ich fürchte das kann eine Schule besser als ich.“
Das war der Satz, der mich aus unserer kleinen Gemeinschaft ausstieß. Er bedeutete das Ende meiner Kindheit. Die gemeinsame Zeit mit meinen Eltern war wie eine Insel der Glückseligkeit inmitten einer mir fremden Welt. Wie sehr ich auf einer Insel gelebt hatte, wie wenig ich von der Welt und den Menschen wusste, zeigte sich schon bald sehr schmerzhaft.
Man beschloss, dass ich für ein Jahr im dazugehörigen Internat wohnen würde, um das letzte Schuljahr vor der Matura gemeinsam mit anderen Schülern zu verbringen. Dr. Hofmann würde für mich einen Ergänzungsplan ausarbeiten, um meine eventuell vorhandenen Defizite in den einzelnen Fächern auszugleichen.
Der Sommer gehörte noch uns. Einen letzten gemeinsamen Auftrag durfte ich noch mit ihnen ausführen. Es war für uns alle eine traurige Zeit, denn es war uns bewusst, dass es nie mehr so sein würde, wie bisher. Es ist ein völlig normaler Vorgang, dass das Kind irgendwann das Haus verlässt, um eigene Wege zu gehen. In aller Regel leiden die Eltern mehr als das Kind. Für mich war es eine Urangst, die da in mir pochte, so, als ob ich den Boden unter den Füßen verlieren würde, wenn ich mich von meinen Eltern trennte. Und die Aussicht, ein Jahr lang in einem Internat wohnen zu müssen, kam mir vor, als ob ich ins Gefängnis gehen sollte. Warum konnte ich nicht einfach so weitermachen wie bisher? Es lief doch alles wunderbar. Nein, ich sollte erwachsen werden und wollte doch gar nicht. Warum konnte ich nicht immer Kind bleiben? Auf diese Frage fand auch mein Vater keine befriedigende Antwort. Ich glaube, auch er hätte am liebsten die Zeit angehalten.
Doch die Zeit ist unerbittlich. Sie schritt voran und brachte den Tag, an dem mich meine Eltern allein in einem fremden Zimmer in eben jenem Internat, das für mich eine Schule des Lebens werden würde, zurückließen. Meine Angst war so groß, dass ich innerlich zitterte. Die Tränen kamen erst sehr viel später. Meine Angst hielt mich gefangen in diesem Zimmer, ich wagte nicht, mich zu bewegen, bis plötzlich eine Seitentür aufging und eine junge Frau herein kam. Sie lächelte mich an und stellte sich als Milena vor. Sie hatte das Zimmer neben mir. Das besondere an unseren Zimmern war, dass sie eine direkte Verbindungstür hatten. Ich war nicht allein! Dr. Hofmann hatte Milena von mir erzählt und sie gefragt, ob sie bereit wäre, sich meiner anzunehmen. Sie willigte ein und das war ein Segen für mich! Sie war der Engel, der mich durch dieses erste Jahr auf dem Weg zum Erwachsenwerden begleitete. Und die Tür blieb das ganze Jahr hindurch offen.
Hatte ich in der ersten Zeit noch geglaubt, dass ich im Grunde schon viel zu gebildet für diese Schule war, so lernte ich doch schnell, dass es noch mehr umfassend gebildete Schüler außer mir gab. Und Milena war mit Abstand die Begabteste von uns allen. Sie hatte ein Stipendium für Hochbegabte erhalten und sah darin die Chance für ihr Leben. Ihre Eltern waren sehr stolz auf sie, denn sie hätten ihr nicht dieses teure Internat ermöglichen können, das uns allen die Türen für die Universitäten auf der ganzen Welt öffnen konnte. Vorausgesetzt, wir waren gut genug. Milena würde es schaffen, daran bestand kein Zweifel. Sie tat ihr Bestes, damit ich es auch schaffen konnte. Sie nahm mich überall mit hin, zeigte mir alles, erklärte mir alles, machte mit mir Hausaufgaben und lernte mit mir für die Klausuren. Und sie war unendlich geduldig mit mir, denn ich war es nicht gewohnt, so passiv zu lernen. Was mich nicht interessierte, war unwichtig, wozu also lernen? Das meiste interessierte mich nicht. Milena dagegen war völlig offen für alles. Sie beherrschte das System des Lernstoffes aufnehmen, speichern und zu gegebener Zeit in entsprechender Form wieder von sich zu geben, perfekt. Es war egal, welches Fach, sie beherrschte sie alle. Ich verschwendete meine Energie im Auflehnen gegen das System, das sich aber nicht ändern ließ. Milena hatte es einfach akzeptiert, perfektioniert und benutzte diese Gabe, um Ihr nächstes Ziel, ein Stipendium für Harvard, zu erreichen.
Obwohl wir so unterschiedlich waren, entwickelte sich zwischen uns doch eine tiefe Freundschaft. Mit der Zeit erkannte ich, dass auch Milena in gewisser Weise eine Außenseiterin war. Sie war tief gläubig und Mitglied einer evangelischen Sekte. Diese Gemeinschaft gab ihr einerseits Halt, andererseits galten aber auch feste Regeln, die sie nicht brechen durfte. So war ihr immer klar, dass sie nur einen Mann heiraten durfte, der ihrem Glauben angehörte. Auch in der Schweiz gab es eine Gemeinde ihrer Sekte und dort ging sie regelmäßig hin, um zu singen und zu beten und um sich Kraft und Zuversicht zu holen. Ihr fester Glaube war ein ganz wesentlicher Teil ihrer inneren Stärke und Ausgeglichenheit. Milena versuchte, mir etwas davon zu vermitteln, aber so wenig, wie ich die Lehrer und den Lehrplan einfach kommentarlos hinnehmen konnte, so wenig konnte ich Gott und die Bibel, ohne zu hinterfragen, hinnehmen. Das war eine der Eigenschaften, die ich an ihr besonders schätzte: Sie versuchte nicht, mich zu überzeugen. Sie ging ihren eigenen Weg ohne den Weg der anderen in Frage zu stellen. Sie mochte mich, mit all meinen Fehlern. Und ich lernte durch sie, was wahre Freundschaft sein kann.
Das Thema Liebe war damals für mich noch kein Thema und für Milena auch nicht, jedenfalls nicht in der Schule. So wurden wir beide von den anderen Mädchen immer ein wenig belächelt. Das war vielleicht auch ein Grund, warum Milena vor mir keine wirkliche Freundin gehabt hat. Sie hat bei den üblichen Ränkespielen nicht mitgemacht, nicht mitmachen können. Dadurch stand auch sie immer ein wenig außerhalb der Klasse. Trotzdem war sie sehr beliebt, man suchte und schätzte ihre fachliche Kompetenz in allen Fächern. Ich kann mich nicht erinnern, dass ihr je Neid oder Missgunst entgegengebracht wurde. Ich war leider nicht so beliebt, aber daran war ich selbst schuld. Gleich zu Anfang hatte ich geglaubt, mit meinem umfassenden Allgemeinwissen angeben zu müssen. Im Grunde war das Unsicherheit, da ich ja noch nie mit Gleichaltrigen zusammen war. Ich wusste schlichtweg nicht, wie man sich in meinem Alter verhält und tat daher einfach erwachsen, versuchte mit meinen Mitschülern so zu diskutieren, wie ich es mit meinen Eltern gewohnt war. Das wirkte natürlich sehr arrogant und schon nach einer Woche war ich endgültig unten durch. Die Freundschaft mit Milena war ein gewisser Schutz vor dem Spott der anderen, aber ich behielt meine Außenseiterposition bis zum Schluss. Mit der Zeit lernte ich, dass es besser ist, erst einmal die Klappe zu halten, alles zu beobachten und das Verhalten der anderen zu studieren, bevor man sich an einem Gespräch beteiligt.
Meine Tage waren ausgefüllt mit Unterricht und Nachhilfe. Dr. Hofmann übernahm die Nachmittagsstunden, in denen alle meine Wissenslücken zuerst analysiert und dann ergänzt wurden. Je mehr ich lernte, umso mehr wurde mir klar, wie wenig ich im Grunde wusste. Mein ganzes Selbstvertrauen schlich sich davon. Ich verlor tatsächlich den Boden unter den Füßen. Ohne meine Eltern war ich ein Nichts. Ich fühlte mich verlassen und einsam. Anfangs hatten wir noch täglich telefoniert, d.h. ich habe täglich geweint. Meine Mutter litt ebenso wie ich unter diesen Tränen. Schon nach kurzer Zeit schlug sie vor, nur noch einmal pro Woche zu telefonieren. Damals glaubte ich, sie würde mich nicht mehr lieben, doch heute weiß ich, dass es das einzig Richtige war. Ich war alt genug, um mit dieser Situation fertig zu werden. Milena war ein gutes Vorbild und Dr. Hofmann, der immer so sachlich und distanziert war, schaffte es auf diese Weise, meinen Verstand zu motivieren. Anfangs schrieb ich nur schlechte Noten. Es lag an meiner Ungeübtheit und an einer bis dahin nicht gekannten Unsicherheit. Ich war mir während der Prüfungen einfach nicht mehr sicher, ob das, was ich auf diese Frage antworten würde auch das Richtige ist. Vielleicht ist alles doch ganz anders?
Es sah so aus, als ob ein Jahr doch nicht ausreichen würde, alles das nachzuholen, was mir an schulischer Erfahrung fehlte. Man sollte die Regeln der Schule möglichst früh lernen, dann kann man sich auf die Inhalte konzentrieren. Ich war im Grunde schon zu alt, um mich einfach unterzuordnen. Dafür war auch mein Verstand zu kritisch und hinterfragte alles und jedes. Vielleicht ist es aber auch mein Wesen, mein Charakter, der sich gerne weigert, wenn ihm keine Wahl gelassen wird.
„Sie wollen also noch ein weiteres Jahr bei uns bleiben?“ fragte mich Dr. Hofmann nach etwa zwei Monaten.
„Wie kommen Sie darauf?“ fragte ich ganz erschrocken.
„Na, mit den Noten werden Sie die Matura nur mit knapper Not schaffen“, stellte er schlicht fest.
„Das reicht“, erwiderte ich kühn. Es war mir egal wie, Hauptsache war, ich schaffte es irgendwie.
„Sie wollen doch studieren?“
„Ja, und?“ Die Angst begann.
„Dazu brauchen Sie aber gute Noten, sonst wird Sie keine Universität zum Studium zulassen.“
„Wie gut?“ Die Angst beherrschte mich.
„Sehr gut.“
Ich glaube, diese Erkenntnis war der absolute Tiefpunkt in jenem Jahr. In diesem Augenblick wollte ich alles hinschmeißen und einfach wegrennen. Das würde ich nie schaffen. Auch noch sehr gute Noten schreiben! Bis dahin hatte ich tatsächlich gedacht, die sehr guten Noten, die Milena anstrebte, seien nur für ein Stipendium wichtig. (Meine Naivität hatte ihren absoluten Höhepunkt erreicht.) Die Aussicht, noch ein weiteres Jahr hier bleiben zu müssen, noch einmal denselben Unterrichtsstoff durch zu kauen, nur um bessere Noten zu erreichen, ließ all meine Hoffnungen verpuffen. Es war, als ob ich Verlängerung der Haft wegen schlechter Führung bekommen hätte.
Dr. Hofmann wusste genau, was er tat. Er hatte den Punkt erreicht, an dem ich bereit war, meinen Widerstand aufzugeben.
„Sie können es schaffen, Stella“, lockte er meine Aufmerksamkeit auf sich.
„Ich habe keine Träume mehr, Dr. Hofmann“, bemitleidete ich mich selbst.
„Geben Sie es auf, in allem und jedem einen Sinn oder Zweck zu suchen. Sie machen es sich selbst viel zu schwer. Akzeptieren Sie einfach, dass die meisten Dinge, mit denen wir es im Leben zu tun haben, einfach getan werden müssen. Akzeptieren Sie, dass das meiste, was Sie hier lernen müssen, nicht unbedingt wichtig für Ihr späteres Leben ist. Nehmen Sie es als Übung für den Verstand und ersparen Sie Ihren Emotionen diese Kämpfe, es kommen noch andere Situationen, in denen Gefühl von größter Wichtigkeit ist. Sie und ich können dieses System nicht ändern. Ich kann ihnen nur helfen damit zu Recht zu kommen.“
Er sah mich eine ganze Weile an. Ich saß nur da und war völlig erschöpft. Was er sagte hörte sich gut an, ich wusste nur nicht, wie ich das umsetzen sollte. Und ob ich das überhaupt wollte. Es gab ja auch die Möglichkeit, alles hinzuschmeißen!
„Mit Ihrem Potential ist es ein Leichtes, dieses System ad absurdum zu führen. Lernen Sie es zu beherrschen, dann dient es Ihnen als Mittel zum Zweck.“
Damit hatte er meine Eitelkeit wieder zum Leben erweckt. Mein Verstand hatte die Aufgabe, die er brauchte, um genug Aufmerksamkeit für das Lernen bereit zu stellen. Von nun an ging ich völlig anders an die Aufgaben heran. Mit Hilfe von alten Prüfungsaufgaben erarbeitete ich mir den Schulstoff, der mir fehlte. Ich fragte nicht mehr, interessiert mich das? Ich versuchte nur noch zu analysieren, welche Fragen sich aus dem vorgegebenen Stoff ergeben könnten. Jedes Fach hatte seine eigene Systematik und jeder Lehrer wiederum seine eigene Herangehensweise. Je mehr ich dieses System begriff, umso mehr bewunderte ich Milena, deren eigentliche Begabung in eben jener Analyse des Systems lag. Sie hatte nicht nur die Gabe, alles sehr leicht zu lernen, sondern eben auch intuitiv zu erfassen, auf was es in den Prüfungen ankam. Und: sie war innerlich gefestigt. Meine Unsicherheit blieb. Und damit auch eine relative Fehlerquote, die es nicht erlaubte, sehr gute Noten zu schreiben. Es blieb bei einem Gut.
Über Dr. Hofmann kann ich leider nicht viel mehr berichten. Er war mir ein väterlicher Lehrer, der mich sehr gemocht haben muss, denn er hat wirklich viel Zeit in jenem Jahr mit mir verbracht, was - wie ich später erst begriffen habe.- nicht üblich war. Damals nahm ich es einfach so als selbstverständlich hin, ohne den Menschen hinter dem Lehrer zu sehen. Dazu war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Erst Jahre später habe ich mich bei ihm dafür bedankt, was ihn sehr freute. Da erzählte er mir auch, dass es ihn sehr gefreut hatte, dass Milena und ich, obwohl wir so unterschiedlich waren, in Freundschaft verbunden waren, denn irgendwie waren wir in jenem Jahrgang seine Lieblingsschülerinnen. Er hatte immer ein Herz für Außenseiter.
In den Weihnachtsferien durfte ich endlich wieder zu meinen Eltern, doch die Insel der Glückseligkeit hatte sich verändert. Zum ersten Mal in meinem Leben hatten wir eine Zeitlang getrennt gelebt, getrennte Erlebnisse gehabt, getrennte Erfahrungen gemacht. Ich konnte nicht mehr mitreden, wenn sie von ihren Aufträgen erzählten, denn ich war ja nicht dabei gewesen. Und ich musste ihnen von meinen Erlebnissen ausführlich erzählen, denn sie waren ja auch nicht dabei gewesen. Zuerst war es fremd für mich, so ausführlich zu erzählen. Früher hatten wenige Worte genügt, damit sie im Bilde waren, jetzt musste ich mich wirklich anstrengen, damit sie mir folgen konnten. Und wenn sie berichteten, dann fühlte ich mich ausgestoßen. Ihre Zweisamkeit bestand noch immer, aber ich gehörte nicht mehr dazu, jedenfalls nicht mehr so wie früher. Der Dialog zwischen ihnen war geblieben, doch mit mir hatte er sich verändert. Dieses Weihnachten fühlte ich eine Einsamkeit, die ich nie mehr ganz verlieren würde. Es ist diese Einsamkeit, die einem bewusst macht, dass man ein Individuum ist, ein einzelner Mensch, getrennt von den anderen, auch wenn man nahe beieinander ist, so ist man doch allein, einzeln, getrennt. Man lebt ein eigenes Leben, niemand kann wirklich fühlen, was in einem vorgeht. Und am Ende des Lebens geht man alleine den letzten Schritt. Niemand, der einen begleiten wird. Als Kind glaubt man noch, dass man eine Einheit bildet mit der Mutter und dass auch die Eltern eine Einheit sind. Ich war sehr lange Kind, ich wollte es bleiben.
Als die Erkenntnis der Einsamkeit kam, da fürchtete ich mich vor dem Leben, so allein. Ich glaubte, ich hätte alles verloren, würde nie mehr diese Sicherheit haben, die mich immer umfangen hatte. Diese Sicherheit, die trügerisch gewesen war, die es nie wirklich gegeben hatte, diese Sicherheit verlor ich tatsächlich. Doch mit der Zeit erlernte ich eine andere Art von Sicherheit. Ich lernte mir selbst zu vertrauen, ich lernte, dass die Erfahrungen meines bisherigen Lebens ein ungeheurer Schatz waren.
Mir fehlten zwar die Erfahrungen, die andere in meinem Alter längst gemacht hatten, aber dafür halfen mir die Erfahrungen, die die anderen noch nicht hatten, leichter das Fehlende zu erkennen und bewusster anzunehmen. Ich lernte später und dadurch anders. Nicht unbedingt leichter, aber eben anders. Es rettete mich nicht vor manchen Irrungen und Wirrungen, aber ich war immer in der Lage, mich selbst zu beobachten und zu analysieren. Mein Verstand hat mich aus manch misslicher Lage immer wieder gerettet.
