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Aequitas, ein Wächter dieser Erde geschmiedet aus Gotteshand und den grausamen Händen des Teufels ist außer Kontrolle geraten. Tausende Jahre kam "ES" seinen Verpflichtungen nach, hielt die Menschheit im Zaum, urteilte stets emotionslos fair und trug dazu bei die Welt in Waage zu halten. Die Unbelehrbarkeit, das morbide Verhalten der Menschheit veränderte Aequitas und so kommt "ES" seiner Bestimmung nicht mehr nach. Aequitas kennt nur noch das Mittel der Vergeltung und richtet nun Auge um Auge. Brachial, hasserfüllt und mit einer menschenverachtenden Brutalität streckt "Es" nun seine Opfer zu Grunde. Poltergeister, Dämonen und die aggressiven Kobolde, die unter der Herrschaft von Aequitas stehen, kennen nun keine verbotene Zone mehr und greifen vermehrt die Menschen an. Das was unter keinem Umstand an die Menschen herangetragen werden durfte, ist nun im Begriff eine harte Konfrontation auszulösen. Ein ungleicher Kampf, eine Realität die das menschliche Denken ins Wanken bringen dürfte ist kurz davor alle Grenzen zu überschreiten. Eine Handvoll Menschen die unfreiwillig in den Sog der anstehenden Gefahr hineingezogen wurden, stellen sich Ihrer größten Herausforderung im Leben und bieten dem absolut Bösen die Stirn. Der Autor Christian Mohr hat in seinem Debütroman Aequitas eine unglaubliche nicht enden wollende Spannung erzeugen können, so dass er mit diesem Werk bestimmt einen festen Platz in der Fantasy-Literatur finden wird.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2020
Kapitel 1 Die Reise zur Hallig
Kapitel 2 Lusi alleine zuhause
Kapitel 3 Die ungeplante Abreise
Kapitel 4 Der erste Kontakt
Kapitel 5 Die schonungslose Wahrheit
Kapitel 6 Verdacht
Kapitel 7 Das Verhör
Kapitel 8 Die Recherche
Kapitel 9 Die Herausforderung
Kapitel 10 Die Reise nach New Orleans
Kapitel 11 Der Erdenstab
Kapitel 12 Das Elixier
Kapitel 13 Das kleine Mädchen
Kapitel 14 Die wahrhaftigen Bücher
Kapitel 15 Das erste ungesühnte Opfer
Kapitel 16 Die Rückkehr
Kapitel 17 Der Doppelmord
Kapitel 18 Böses Blut
Kapitel 19 Oberstaatsanwalt
Kapitel 20 Die Zusammenführung
Kapitel 21 Wahrheit oder Lüge?
Kapitel 22 Die blutige Abrechnung
Kapitel 23 Der Poltergeist
Kapitel 24 Das Leichenzimmer
Kapitel 25 In letzter Sekunde
Kapitel 26 Verkehrte Welt
Kapitel 27 Mentale Vorbereitung
Kapitel 28 Die bevorstehende Audienz
Kapitel 29 Verbaler Schlagabtausch
Kapitel 30 Mutterliebe
Kapitel 31 Der Neuanfang
Kapitel 32 Doppelmoral
Es ist Anfang November in der kleinen beschaulichen alten Hafenstadt Husum, wie es so üblich ist um die Jahreszeit, sehr vernebelt, regnerisch und es pfeift eine Eiseskälte über die Nordsee und das Festland. Obwohl das Wetter den Gemütszustand von Glen Brandt widerspiegeln könnte, war es mit Sicherheit nicht der Grund für die kurzfristig eingeplante Reise auf die Hallig. Glen war einfach ausgelaugt, seine Gedanken schienen sich nicht mehr zu ordnen und er verfiel immer weiter in eine Depression. Er wollte mit dieser kleinen Reise wieder Energie tanken, einen Weg finden, die Vergangenheit irgendwie abzuschütteln oder wenigsten damit leben zu können.
35 Jahre sollte es dauern, bis Glen seine unzähligen Vermutungen gegenüber seiner Familie bestätigt bekommen würde, aber in solch einer Dimension, Brutalität und Verachtung hätte sogar er sich das nicht vorstellen können.
Glen bewohnte mit seiner Freundin Lusi eine Altbauwohnung in Husum, diese glänzte nicht gerade mit Wohnkomfort und durch seine ruhige Lage, war aber der finanziellen Situation des Paares angepasst. Obwohl das Geld immer sehr knapp war und der ganz normale Einkauf nicht ohne Taschenrechner ging, war den beiden immer Liebe und Harmonie wichtig und zu jederzeit spürbar. Die Reise auf die Hallig war eigentlich finanziell gar nicht machbar, aber Lusi war es ungemein wichtig, dass Glen mal abschalten sollte und hatte daher einige Euro beiseitegelegt.
»Na mein Schatz«, sagte Lusi, legte ihren Arm um Glen und versuchte, seinem starren Blick aus dem Fenster zu folgen. Er zuckte mit der Schulter, drückte ihre Hand und verfolgte weiterhin die großen Windkraftanlagen, die in weiter Ferne ihre Arbeit verrichteten. Glen drehte sich um und küsste Lusi auf die Stirn.
»Danke mein, Schatz, dass du immer so für mich da bist«, sagte er und umarmte sie.
»Bei allem, was wir erlebt haben?! Ist das ein Wunder?!«, erwiderte Lusi, nahm seine Hand und führte ihn in Richtung Küche. »Trinken wir noch einen Tee, bevor du den Bus zum Ableger nimmst?«, fragte Lusi. »Na, klar. Die Zeit habe ich noch«, erwiderte Glen, setzte sich an den wackeligen, kleinen Küchentisch und zündete sich eine Zigarette an. »Bitte nutze die Zeit und genieße die Tage auf der Hallig«, seufzte Lusi und stellte zwei Becher Tee auf den Tisch. »Alles, was vorgefallen und passiert ist, dafür können wir beide nichts«, sagte Lusi. »Ich weiß, mein Schatz und wir schaffen das alles«, redete Glen vor sich hin und runzelte mit der Stirn.
Glen hatte diese Worte schon häufig gesagt, glaubte auch an diese, aber es war schwer.
»Ich habe dir Prince Zigaretten eingepackt und 50 Euro ins Portmonee gelegt«, sagte Lusi. Glen konnte in ihren Augen sehen, wie sehr sie ihm eine Freude machen wollte. Er umarmte sie zärtlich, weil er ganz genau wusste, dass alleine seine Lieblingszigaretten ein Riesenloch in die Haushaltskasse reißen würden.
»Ich möchte, dass du dich erholst und nicht mit Zigarettenstopfen beschäftigst bist«, erklärte Lusi lächelnd.
Glen nahm seinen Rucksack, verabschiedete sich von Lusi und machte sich langsam auf den Weg zur Busstation. Die Busfahrt zum Ableger und die Überfahrt mit der Fähre auf die Hallig war für Glen eine alte Routine. Seine halbe Kindheit hatte er dort bei seinem Onkel Peter verbracht und kannte die Hallig wie auch die Bewohner sehr gut. Glen hatte Zimmermann gelernt und war auch viele Jahre auf dem Bau, bis zu dem Tag, als sein Rücken nicht mehr konnte. Seinem Onkel hatte er auf der Hallig erst kurz vor seiner Berufsunfähigkeit sein 250 Quadratmeter großes Haus aufgebaut, von der Schwelle bis zur letzten Pfanne. Glen hatte kurz vor seiner Abreise seinen Onkel über seinen Besuch in Kenntnis gesetzt und hatte ihn um Stillschweigen und ein kleines Zimmer auf der Westerwarft gebeten. Es war außerhalb der Saison und somit auch kein Problem. Gerade die Westerwarft war wegen der Selbstversorgung auch nicht gerade immer gefragt bei den Touristen und somit stand seiner geplanten Ruhe wohl nichts im Wege. Sein Onkel freute sich über Glens Besuch, obwohl er um die ganzen Schwierigkeiten in der Familie wusste. Um das Stillschweigen hätte Glen ihn auch nicht bitten müssen, er hätte es auch von sich aus gemacht, um nicht auch in den Sog der Familienrache zu gelangen. Peter sagte immer wieder zu Glen, er sei nicht das schwarze Schaf in der Familie, sondern er werde immer wieder zu einem gemacht.
Bei ihrem letzten Treffen hatte er gesagt: »Du hinterfragst fast jede Thematik und siehst immer beide Seiten der Medaille. Leute wie du sind im Allgemeinen nicht gern gesehen, die der Wahrheit nicht nur zu nahe kommen, sondern auch unparteiisch bleiben. Du bist eben das Ebenbild deines gehassten alkoholkranken Vaters, du bist es seit Geburt an und wirst es auch immer bleiben. Dieses traurige Bild wurde schon vor etlichen Jahren immer wieder von deiner Mutter und deinem Bruder in die Familie injiziert. Nach so langer Zeit hast du es nur erkannt und somit die Konsequenzen gezogen. Liebe, Aufmerksamkeit und die Geborgenheit sind Dinge, die dein Bruder erhalten hat, nicht du. Zudem wurdest du auch immer gefährlicher, deine Charaktereigenschaften und deinen Hang zur Wahrheitsfindung können notorische Lügner einfach nicht gebrauchen und so was muss umgehend aus dem alltäglichen Leben entfernt werden!«
Diese Worte gingen Glen runter wie Öl, aber es waren eben nur Worte und es folgten nie Taten. Es setzte sich außer Lusi eben keiner für ihn ein, jetzt nicht und im späteren Dasein auch nicht! Das war für Glen, gerade bei Onkel Peter, immer sehr schwer nachvollziehbar. In seinen Augen war Peter ein gestandener Mann, hatte viel Geld und shohes Ansehen. Er könnte sich behaupten, tat es aber nie. Hatte Glens Tante Peter doch mehr unter Kontrolle, als man augenscheinlich erahnen könnte? Oder war Onkel Peter auch nur ein ahnungsloser Mitläufer, der einen nach dem Mund redete? Peter hatte Glen noch angeboten, ihn vom Anleger abzuholen, aber Glen wollte diese kleine Strecke zur Westerwarft lieber laufen.
»Moin, Glen«, sagte der Kapitän der Fähre und begrüßte ihn direkt beim Ableger mit einem festen Händedruck. »Moin, Kapitän, lange nicht gesehen und doch wieder erkannt. Hast Du den Kaffee für die Überfahrt schon angerissen, oder muss ich mir den selber machen?«, erwiderte Glen und schmunzelte dabei. »Geh man in die Kantine unter Deck, da bekommst du deinen Kaffee. Schön, dich mal wieder an Bord zu haben«, sagte der Kapitän und drehte sich dann den anderen Gästen zu. Viele Touristen gingen aber nicht mit an Bord, es waren eher die Einheimischen, die noch mal schnell auf dem Festland einkaufen waren. Die Fähre legte dann pünktlich ab und es sollte auch bei tiefer Dunkelheit nicht länger als eine Stunde Fahrzeit betragen. Glen ging runter in die Kantine, die bei Fahrtantritt und gerade in dieser Jahreszeit menschenleer war und begrüßte den Chef, der mit dem Abwasch der letzten Tour beschäftigt war.
»Hast du einen Becher Kaffee für mich?«, fragte Glen und legte das Geld schon auf den kleinen rustikalen Tresen. »Na klar, mein Bester. Wo bist du die ganze Zeit gewesen? Welche Baustelle nimmst du dir denn dieses Mal vor?«, fragte der Kantinenchef. »Leider keine, ich mache nur über das Wochenende Urlaub, um etwas zu entspannen.« Glen nahm sich den Becher Kaffee, nippte kurz daran und ging ohne ein weiteres Wort Richtung Treppe. Draußen stellte er sich ein wenig Abseits vom Parkdeck, nippte weiter genüsslich an seinem Kaffee und ließ sich den kalten salzigen Nordseewind ins Gesicht wehen. Glen bemerkte schon nach kurzer Zeit Leute, die direkt am Schott des Parkdeckes standen und sich über die Nordsee und deren Artenvielfalt unterhielten. »Hey, Männer«, rief Glen und winkte leicht mit seinem rechten Arm, um die verwirrten Blicke auf sich zu lenken. Glen stand etwas oberhalb des Parkdecks und lehnte sich dann etwas an die Brüstung, um mit den Touristen besser sprechen zu können. »Meinen Sie uns?!«, erwiderte der eine Tourist und schaute zu Glen hoch. »Ja, Sie meine ich. Sie interessieren sich wohl für die Fische und die Artenvielfalt der Nordsee?«, sagte Glen. »Ja klar, wir sind ja nicht nur Touristen, sondern auch Meeresbiologen«, kam die leicht hämische Antwort zurück. »Möchten Sie die Fische mal recht nahe bestaunen, oder warum stehen Sie direkt am Schott, was nur eingehängt ist. Was meinen Sie wohl, was passieren wird, wenn die Fähre bei voller Fahrt auf eine Sandbank aufläuft? Sie wären nicht die ersten Gäste, die ihr Rückfahrtticket nicht mehr benötigen«, erklärte Glen und zeigte mit einem Finger auf zwei Traktoren mit jeweils fünf kleinen Postanhängern unmittelbar hinter den Touristen, die nicht gerade fest gesichert mit den Nordseewellen tanzten. Blass im Gesicht und mit verwirrten Blicken schauten die Meeresbiologen sich an, nahmen noch mal gezielt die Traktoren ins Visier und verließen murmelnd, aber schnell den Schottbereich.
Glen schmunzelte ein wenig, griff dann aber in seine Innentasche nach dem Brief, den Lusi ihm mitgegeben hatte. Sie hatte eine kleine Marotte, sie schrieb unwahrscheinlich gerne kleine Briefe, Spickzettel und notierte sich jegliche Kleinigkeit in ihren Kalender. Dieses Mal schien es aber ein sehr langer Brief zu sein, gefaltet und über zwei Seiten lang. Glen öffnete den Brief, schaute noch kurz auf die Uhr und fing an zu lesen. Er war sichtlich berührt, die Zeilen waren sehr emotional und voller Gefühl. Lusi schrieb in dem Brief, wie sehr sie ihn liebte und auf eine glückliche und unzertrennliche Zukunft hoffte. Glen war sehr vertieft und in Gedanken, bemerkte aber, dass die Fähre langsam ihre Fahrtrichtung änderte. Er wischte sich kurz mit seinem Ärmel durch die Augen, packte den Brief sorgsam wieder weg und sondierte die Umgebung.
Die Richtungsänderung und die Drosselung der Motoren verrieten Glen die baldige Ankunft auf der Hallig und er machte sich daher auf den Weg zum Parkdeck. Er stellte sich ziemlich weit nach vorne, seitlich von den Traktoren und hielt sich fest. Die großen Strahler der Fähre machten langsam den Ableger und die davor aus dem Meer ragenden Holzpoller sichtbar. Glens Aufmerksamkeit verfiel abermals auf die beiden Meeresbiologen, die anscheinend noch nie mit einer Fähre angelegt hatten und nur mit ihrem Gepäck rumspielten, anstatt sich festzuhalten. Die Bordmannschaft war viel zu sehr in ihrer Routine gefangen, als die Touristen ab und zu mal vor einigen Gefahren zu warnen. Glen pfiff lauthals über das Parkdeck, um die Blicke der Meeresbiologen abermals auf sich zu lenken und es sollte auf Anhieb klappen. Er wies mit Handzeichen daraufhin, dass sie sich festhalten sollten, und zeigte auf die Holzpoller. Der eine verstand sofort die Warnung und hielt sich mit beiden Händen fest, der andere wiederum ignorierte und belächelte diese schon fast. Für weitere Maßnahmen hatte Glen nun keine Zeit mehr, da die Fähre schon den ersten Poller unsanft gerammt hatte. Der nicht zu belehrenden Meeresbiologen wurde zu Boden gerissen. Das Anlegemanöver war schnell beendet und die beiden Traktoren mit den Postanhängern verließen als Erstes die Fähre, danach kamen die Passagiere und zum Schluss die Autos. Glen lief die Rampe des Anlegers hoch, schaute dabei kurz in die Menschenmenge, die entweder auf ihre Gäste oder auf Proviant warteten, und blieb dann etwas Abseits vom Flutlicht der Fähre stehen. Er nahm seinen Rucksack ab und suchte nach der Schachtel Prince, die Lusi für ihn eingepackt hatte. Sein silbernes Sturmfeuerzeug hatte Glen immer griffbereit bei sich, gerade als er sich seine erste Zigarette seit über zwei Stunden angezündet hatte, fiel ihm ein alter Freund in der Menschenmenge auf. Glen hätte leicht auf der Fähre, trotz Verbot, rauchen können, aber das tat er genauso wenig wie bei Rot über die Straße zu laufen. Er genoss richtig die ersten Züge seiner Zigarette und wollte dann kurz seinen Freund begrüßen. Seinen Onkel konnte Glen nicht sichten, aber dafür war ja auch keine Veranlassung, er wollte laufen und Feriengäste waren zu dieser Zeit eher die Ausnahme. »Hey, du alter Sack«, sagte Glen zu seinem Freund mit einem leichten Schmunzeln im Gesicht. »Ist nicht wahr, die Zimmermanns Pussy ist auf der Hallig«, erwiderte der im Rollstuhl sitzende Freund. Der trockene Humor sollte nicht unbemerkt bleiben und es hagelte verwunderte Blicke. »Vor 20 Jahren glaubte ich schon, dass du das nächste Weihnachtsfest nicht mehr er leben würdest und nun siehst du besser aus denn je«, sagte Glen, schnippte seine Zigarette weg und umarmte ihn. »Willst du mich bezirzen, ich bin nicht deine Freundin, du Warmduscher!«, sagte sein Freund und strahlte über beide Ohren
»Sag mal Ludwig, wie geht’s euch? Alles gut auf der Hallig?«, fragte Glen und blickte dabei auch auf Ludwigs Sohn, der teilnahmslos hinter ihm stand. »Alles beim Alten! Otto kriegt mal wieder den Mund nicht auf und ich sitze im Rollstuhl«, sagte Ludwig und beorderte Glen mit lockendem Zeigefinger zu sich heran. Glen beugte sich zu ihm hinunter. »Na, steht Otto wieder mal in seiner blöden destruktiven Haltung hinter uns und schaut verlegen von uns weg?«, flüsterte Ludwig kichernd.
Glen nickte, aber bevor er darauf antworten konnte, unterbrach Otto das Getuschel. »Ich kann dich hören. Wie in Gottes Namen konntest du nur Pfarrer werden und ich dein Sohn sein?«, fauchte Otto und verzog wütend sein Gesicht.
»Weil ich Eier habe! Hol jetzt mein Paket vom Postanhänger und jaule hier nicht so herum«, antwortete Ludwig trocken, richtete seinen alten Gehstock in diese Richtung und verzog dabei keine Miene. Schnaufend richtete Otto noch seine Robe und machte sich schließlich auf den Weg. »Bist du nicht ein wenig hart zu Otto?«, fragte Glen mit leicht besorgtem Unterton.
»Kann schon sein, aber dieses ständige Nörgeln und seine ewige Humorlosigkeit gehen mir echt auf den Sack. Er ist ja auch noch in meine Fußstapfen getreten und Pfarrer geworden.
Wir hängen jeden Tag aufeinander, es ist nicht so wie Vater und Sohn, sondern wir sind eher wie ein altes Ehepaar«, sagte Ludwig mit leicht geneigtem Kopf. »Sei nicht so streng mit ihm, mein Großer, er ist dein Sohn!«, sagte Glen etwas ernster. »Du verstehst das nicht, Glen«, sagte Ludwig. »Na gut, wenn du meinst! Es ist schon spät, ich gehe dann mal lieber«, sagte Glen. »Sollen wir dich mitnehmen?«, fragte Ludwig.
»Nein, lass man. Ich nehme die romantische Strecke«, sagte Glen und schnallte sich seinen Rucksack um. »Schaust du die nächsten Tage noch zum Kaffee herein?«, fragte Ludwig.
»Na klar«, sagte Glen und verabschiedete sich.
Die Fähre hatte schon länger die Hallig verlassen und außer den wenigen Straßenlaternen am Ableger war es einfach nur Stockdunkel. Glen lief in Richtung Deichkrone, ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen und auf den Weg dorthin spekulierte er intensiv über das Alter von Ludwig nach. Seinen Sohn schätzte er auf Mitte sechzig, daraufhin sollte Ludwig wohl in den Neunzigern sein. Der Mond schien Glen den Weg zu weisen, die Deichkrone bestand hauptsächlich aus Felssteinen und Teermasse, die der Mondschein leicht gräulich funkeln ließ. Glen genoss die Ruhe und die frische salzige Luft.
Die Nordsee war vollkommen ruhig und es wehte nur eine leichte Brise.
Nach circa 15 Minuten erreichte Glen das alte Ferienhaus auf der Westerwarft, er brauchte auch nicht lange nach einem Schlüssel zu suchen, dieser steckte bereits. Onkel Peter war wohl schon dort gewesen, um Proviant für Glen in sein Zimmer zu bringen. Glen musste über die Marotte der Hallig- Bewohner, den Schlüssel an jedem Haus stecken zu lassen, schmunzeln, aber was sollte schon passieren? Die Hallig hatte gerade mal circa 100 Einwohner, einen Umfang von zwölf Kilometern und eine Verbindung zum Festland, außer mit der Fähre oder einem Boot, gab es nicht. Glen betrat das kleine reetgedeckte Ferienhaus durch den Seiteneingang und ging über die Treppe in sein vorgesehenes Zimmer nach oben.
Das Zimmer war klein, spartanisch eingerichtet, aber trotzdessen sehr gemütlich. Glen wollte sich gar nicht erst lange im Zimmer aufhalten, sondern gleich wieder an die frische Luft. Er schaltete die kleine Nachttischlampe ein, legte seinen Rucksack ab und verließ auch gleich wieder das Zimmer.
Glen wollte vor dem Schlafengehen unbedingt noch einen kleinen Spaziergang machen. Er lief die Warft hinunter, drehte sich noch mal schnell um und konnte außer dem Schimmer seiner Nachttischlampe kein weiteres Licht entdecken. Sein Blick fiel dann in die Nacht hinein auf die Ipkenswarft, aber auch dort war kein Licht in Sicht. Die Hälfte der Hallig schien menschenleer zu sein, außer dem Mond und den roten Signallichtern der Krabbenkutter, die in weiter Ferne ihrer Arbeit nachgingen, war es dunkel und es herrschte eine gespenstische Stille. Glen ging die schmale geteerte Straße entlang und war dabei sehr in sich gekehrt. Lusis Verhalten hatte ihn mal wieder sehr beschäftigt, sie gab ihm immer so viel, verlangte im Gegenzug aber nichts. Dieser kleine Trip wird in erste Linie Lusi finanziell treffen und daher auch benachteiligen.
Glen machte sich deswegen wieder leichte Vorwürfe und fing an, diesen kleinen Urlaub zu bereuen, blieb dann stehen und schaute in völligen Gedanken an Lusi in die scheinbar endlo se Dunkelheit. Ein Summen unterbrach seinen leichten Gefühlsausbruch und zog seine volle Aufmerksamkeit auf sich.
Es war kein alltägliches Geräusch und kam eindeutig von der verlassenden Warft. Glen sortierte kurz seine Gedanken und ging dann auf die Pohnswarft zu, obwohl er wusste, dass die Pohnswarf nicht bewohnt war und nicht einmal Häuser darauf standen, aber seine Neugier war geweckt. Er stieg über das Viehgitter und ging dann die nicht ganz so hohe Warft hinauf.
Daraufhin machte Glen die Geräuschquelle sehr schnell ausfindig, es war ein Windmessgerät, das unmittelbar neben einem Geräteschuppen stand. Das war es auch schon, was diese Warft zu bieten hatte, außer vielleicht noch den Fething, der aber wiederum als Standard jeder Warft zu sehen ist. Der Fething ist eine Art Teich, der in Mitte einer Warft liegt und in früheren Zeiten für Trinkwasser genutzt wurde. Heutzutage wird er für Löschwasser oder Viehtränke gebraucht. »Warum wurde diese Warft nur nie wieder aufgebaut?«, dachte sich Glen. Er wusste, dass diese Warft sehr dicht an der Halligkante lag und bei der letzten Zerstörung um 1825 die Mittel nicht zur Verfügung gestanden hatten, um die Warft so aufzubauen, dass sie weiteren Sturmfluten die Stirn hätte bieten können, aber in den letzten Jahrzehnten hätte es doch möglich sein müssen. Glen setzte sich an den Geräteschuppen, lauschte dem Windmessgerät und wollte dabei nur einige Gedanken sortieren, bis er wieder auf sein Zimmer gehen würde.
Er erinnerte sich zurück, es war genau vor vier Jahren, als seine Mutter ihm die Worte an den Kopf geworfen hatte, die noch heute in seinem Kopf widerhallten: »Du bist ein Nichts, nur ein Zimmermann, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt! Deine Tochter sollte sich für dich schämen. Dein Bruder Ole ist ein Vorbild für deine Tochter, du aber nicht.
Ich bereue den Tag deiner Geburt!« Sie selbst war nur eine Küchenhilfe, hatte keine Ausbildung und kam mit solchen Sprüchen, fluchte Glen innerlich. Sein Bruder hatte es nur mit krimineller Energie zu Geld gebracht und schmückte sich mit fremden Federn. Durch seinen egoistischen Feldzug an die Spitze hatten viele Menschen leiden müssen. Auch der beste Freund von Ole lebte nur von Betrügereien, Steuerhinterziehung und purem Egoismus. Frank, der Busenfreund seines Bruders, machte seit über 20 Jahren Schwarzarbeit mit Autos, kassierte fleißig Stütze vom Staat und beschiss jeden, der nicht seine Mutter war. »Wenn nur Verwerfung von Anstand und Moral zum Erfolg führt, dann möchte ich lieber erfolglos bleiben«, bibberte Glen vor sich hin. »Obwohl ich nicht mehr als Zimmermann arbeite, bin ich doch nicht weniger wert als andere. Ich habe meine liebe Lusi, die ich über alles liebe, und damit schon mehr an Reichtum als die anderen drei je haben werden. Mein Selbstbewusstsein wurde schon mein ganzes Leben im Keim erstickt, um keinerlei Gefahr für meinen Bruder zu sein!« Glen erinnerte sich wieder um Jahre zurück und fiel dabei regelrecht in eine Depression. Er war mal ein begnadeter Fußballer gewesen und sein Bruder hatte in der gleichen Mannschaft mitgespielt, bis Ole eines Tages aufgehört hatte, angeblich wegen Knieproblemen. Nein, dies war auch eine seiner Lebenslügen. Ich war einfach besser und sein Ego konnte es einfach nicht ertragen. Als Ole nicht mehr spielte, durfte ich zweimal die Woche fünf Kilometer zum Training laufen. Auf mysteriöse Weise war der Fahrservice von meiner Mutter eingestellt worden.
Nach 33 Jahren hatte Glen es endlich begriffen und dann kamen auch noch so viele Sachen auf einmal. Erst lernte ich Lusi kennen, was bisher mein schönster Tag im Leben war und dann ging meine Familie wie Tiere auf uns los. Kurz zuvor hatte ich dann auch noch mein Auto an meinen Bruder verliehen, der mit einen seiner komischen Freunde was vor hatte und davon fuhr. Das Ende vom Lied war, es wurden bei einer Polizeikontrolle Drogen gefunden und mir in die Schuhe geschoben. Beide stritten den Besitz ab und sagten gegen mich aus. Sogar meine Mutter sagte gegen mich aus, obwohl sie gar nicht dabei war, schien es für sie eindeutig gewesen zu sein. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie Drogen genommen oder verkauft, aber wurde deswegen auf zwei Jahre Bewährung verurteilt. Glen schüttelte den Kopf und versuchte sein Kopfkino einzudämmen, aber es schien nicht zu funktionieren!«
Ja genau, das reichte ja noch nicht!!«, schrie Glen aus sich heraus und hielt dabei seine Hände an den Kopf.
Glens Familie machte dann auch noch ihren ganzen Einfluss geltend, sodass Lusi und ich beruflich keinen Fuß mehr auf den Boden bekamen. Diskreditierungen wo es nur ging, im beruflichen wie auch im privaten Umfeld schienen an der Tagesordnung zu sein und etliche miese Versuche um eine gezielte Spaltung der Beziehung herbeizuführen. Die letzten Sätze hatte Glen so laut vor sich her gesagt, dass man diese ohne Weiteres in 20 Metern Entfernung hätte hören können.
Glen fing an seine Hände zu reiben und stand dabei auf, es wurde ihm langsam kalt und er entschied zurückzugehen. Er lief am Fething vorbei und taxierte diesen richtig. Im Mondschein sah dieser einfach unheimlich aus, wie der Eingang zur Hölle dachte er sich. Auf der Teerstraße angekommen, kam in Glen ein mulmiges Gefühl auf, er wusste aber nicht warum.
Er schaute sich immer wieder um, als wenn ihn irgendetwas verfolgen würde. Sein Schritt wurde schneller und sein Herz pochte beunruhigend laut, dass man es an seiner Halsschlagader sehen konnte. Glen hatte Angst. Das Gefühl kannte er so nicht, aber die Symptome seines Körpers sprachen eine andere Sprache. Das letzte Stück zur Warft rannte Glen, er verschloss unten die Nebentür und eilte in sein Zimmer, was er dann auch verschloss. Was war gerade mit mir los?, fragte sich Glen und setzte sich erst einmal auf das Bett. Es war gerade nicht nur Angst, es war etwas anderes. Ehrfurcht verspürte Glen, da draußen war irgendwas oder war alles nur Einbildung? Er versuchte sich zu beruhigen und füllte dabei Wasser in den Wasserkocher, um sich einen Becher Kaffee aufzubrühen. Verdammt noch mal, ich bin hier um mich zu sortieren, Abstand von der Vergangenheit zu gewinnen und nicht wie ein kleines Kind vor irgendetwas wegzulaufen.
Nach kurzem Zögern nahm Glen sein Handy und schrieb seiner Liebsten eine Nachricht. Es war eine knappe Nachricht, ohne seinen Gefühlszustand zu beschreiben oder sonstige Aufregungen hervorzurufen. Glen trank seinen Kaffee und zog nebenbei Lusis gefühlvollen Brief aus der Jackentasche.
Dieser verschaffte ihm auf Anhieb ein wenig innere Ruhe und ließ ihn leicht entspannen. Nebenbei machte Glen sich schon bettfertig, hielt aber weiterhin den Brief in seiner Hand und ging damit auch ins Bett. Nicht nur die Dielen im Zimmer knarrten, sondern auch das schon antike Bett. Es waren auch Geräusche zu hören, die für Glen nur schwerlich zu identifizieren waren. Diesen schenkte er aber keinerlei Beachtung, er war jetzt eben auf einer Hallig und nicht mehr auf dem Festland.
Geräusche, die man zuhause gar nicht mehr wahrnimmt, weil man sie schlichtweg nicht hören konnte, die stellten sich auf der Hallig in den Vordergrund. Auch wenn es nur das Geschnatter von Gänsen ist, was nicht vom Verkehrslärm übertönt wurde, gestaltet sich hier als völlig neue Erfahrung. Glen schaltete das kleine Nachtlicht aus und mummelte sich ein. Er musste kurz noch mal an das denken, was draußen mit ihm los gewesen war. Was war das? Nur bei dem Gedanken kam ihm die Gänsehaut wieder, aber dieses Mal sollte diese bleiben.
Glen wurde kalt, obwohl es wohl temperiert war. Er zitterte, es war eine Totenstille im Zimmer, aber dann hörte es sich so an, als würde was an der Tür kratzen. Glen hörte genauer hin, es war nicht die Tür, sondern wohl ein Ast, der leise gegen das Fenster klopfte. Er versuchte sich noch ein wenig mehr einzumummeln, aber dann riss er völlig angsterfüllt die Augen auf: Einen Baum gab es vor dem Fenster gar nicht. Seine Decke zog er sich bis zur Nasenspitze hoch und versuchte irgendetwas zu erkennen, obwohl der Mond sein Zimmer ein wenig erleuchtete, war da nichts zu sehen. Es war aber was im Raum, Glen spürte es. Zitternd griff er zur Nachttischlampe und schaltete diese ein. Unter hoher Anspannung schaute Glen sich in dem kleinen Zimmer um, aber es schien so als hätte ihn sein Gefühl getäuscht. Es war eindeutig nichts zu erkennen.
Außer dass der Wind draußen zugenommen hatte und Glen einige Böen bemerkte, schien alles in Ordnung zu sein.
Glen fing an, sich wieder etwas zu beruhigen, atmete kurz tief durch und war im Begriff, die Nachttischlampe auszuschalten um endlich in den Schlaf zu fallen. Er blickte noch kurz durch sein Zimmer und drehte sich dann zur Lampe. Kurz vor dem Ausschalten war aber wieder dieses Gefühl da und dieses Mal stärker. Glen erschrak und änderte seine Position von liegen in eine sitzende und das in Sekundenschnelle. Es war ihm jetzt egal, ob er was sehen konnte. Es war eindeutig etwas im Raum. Ihn überkam ein schauriges Gefühl, unfähig aber zu handeln, verblieb er in seiner Position. Mit weit aufgerissenen Augen bemerkte Glen dann doch noch eine Bewegung. Es war aber keine bedrohliche, es schien sich eine große Fliege im Zimmer verirrt zu haben. Angespannt registrierte Glen diese, aber das Tier entpuppte sich als Biene, die im Lichtstrahl der Nachttischlampe ihre Runden drehte. Ein leichtes Summen konnte man jetzt wahrnehmen. Bienen um diese Jahreszeit? Verwundert, aber auch angespannt beobachtete Glen die Situation weiter. Es blieb aber nicht bei der einen, das Summen wurde lauter. Die Bienen kamen jetzt vermehrt und entstanden anscheinend aus dem Nichts. Zeitgleich bewegte sich Lusis Brief auf dem Nachttisch, wo ihn Glen kurz zuvor hingelegt hatte. Wie von Geisterhand schoss plötzlich der Brief an die Wand, Zentimeter an Glens Kopf vorbei und breitete sich an dieser aus. Das grausige Schauspiel nahm seinen Lauf, die Bienen wurden wilder und das Summen lauter.
Der Brief hatte sich voll entfaltet, nicht einmal 30 Zentimeter vor Glen streckte er sich an der Wand aus. Es kann nicht sein!
Es ist nicht real! Meine Wahrnehmungen sind gestört! Glen zitterte vor Angst. Seine Gedanken und seine Motorik schienen gelähmt zu sein, aber er konnte trotzdem das Treiben mit seinen Augen verfolgen. Sein Puls raste, der Atem vernebelte und der Schock ließ Glen keines seiner Glieder bewegen.
Nicht menschlich, physisch nicht erklärbar wurde mit Blut »VERSCHWINDE!!!!« geschrieben. Die Bienen fielen auf den Holzdielenboden, der Brief löste sich von der Wand und die Realität schien ansatzweise wiederhergestellt. Gefangen vor geballter Angst und Schockstarre in seinen Knochen versuchte Glen trotz alledem, Ruhe zu bewahren! »Was ist hier los, verdammt noch mal?«, fluchte Glen und schaute sich verwirrt um. Er setzte sich auf, stützte seine Ellenbogen auf die Knie ab und hielt seinen Kopf. Bevor er aber weiter sich mit dem auseinandersetzen konnte, was er gerade gesehen hatte, ging der Horror weiter. Ein scharrendes Geräusch an der Tür hatte Glen aufschrecken lassen und nahm nun seine volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Es hörte kurz auf, dann aber kamen heftige Schläge, sodass das verschlossene Türschloss beinahe aufsprang. Irgendetwas stand vor der Tür und wollte unwiderruflich rein! Bevor Glen über das »Wie« oder »Warum« überhaupt nachdenken konnte, schepperte die Tür regelrecht auf. Eine Gestalt, ein paar Zentimeter kleiner als Glen stand auf der Türschwelle und schaute aus dem verdunkelten Flur in das Zimmer hinein. Glen sprang auf sein Bett, kauerte sich dort in die letzte Ecke und hielt irrwitzigerweise sein Kopfkissen als ultimativen Schutz vor seinen Brustkorb. Das schwache Licht der Nachttischlampe verriet den Umriss der Gestalt, aber nicht das wahre Antlitz. Glen scheute sonst keine Konfrontation, aber es war dieses Mal anders. Seitdem er auf der Pohnswarft gewesen war, fühlte er »Angst«, die er so noch nicht gekannt hatte, ein Gefühl der Machtlosigkeit. Seine Menschenkenntnis, sein Bauchgefühl und alle anderen Sinne versagten urplötzlich! Ihm wurde klar, dass das, was dort stand, nicht von dieser Welt war oder es war tot. Es bewegte sich. Es bewegte sich auf ihn zu und verriet damit sein wahres Gesicht. Es war eindeutig und unwiderruflich tot.
»Verschwinde von hier«, schallte es hämmernd durch das kleine Zimmer, bevor Glen sein Bewusstsein verlor.
Obwohl Lusi wusste, dass es früher aus finanziellen und zeitlichen Gründen keine andere Möglichkeit gegeben hatte, als in diese Wohnung zu ziehen, fühlte sie sich dort nicht nur unwohl, sondern hatte auch Angst. Dieses Wochenende sollte das erste Mal ohne Glen sein. Obwohl sie ihn zu diesem kleinen Trip überredet hatte, kam jetzt so langsam die Ernüchterung.
Lusi hatte sich zur Ablenkung für das Wochenende umfangreiche Hausarbeit vorgenommen und einen Besuch bei ihrer Oma Elfi geplant. Glen und Lusi kümmerten sich regelmäßig um Oma Elfi, da sie gerade vor kurzem Opa verloren hatte.
Elfi war in Lusis Augen immer eine gestandene Frau gewesen, hatte sich nie beklagt, musste schlimme Krankheiten überstehen und das Martyrium ihrer Tochter. Opas tot hingegen stand sie hilflos gegenüber, es kam sehr plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung. Lusi backte für den geplanten Besuch bei Oma einen Kuchen, machte die Wäsche und staubsaugte die ganze Wohnung. Sie fluchte mehrmals bei der Hausarbeit, da sie mit ihren Gedanken immer wieder bei ihrer Mutter war, die verabscheuungswürdig und ohne jeglichen Anstand das Erbe einforderte. Lusi und Glen hatten vor dem Tod von Opa nur unregelmäßigen Kontakt, da sie mit trügerischen, hinterhältigen und perfiden Mittel davon abgehalten wurde. Ihnen wurde von Lusis Mutter Hilde eine sehr dunkle Geschichte über Opas Vergangenheit erzählt, die sie unter Tränen immer und immer wieder beteuerte. Die zweite Seite der Medaille wurde leider erst nach Opas Tod in Augenschein genommen und es stellte sich unweigerlich heraus, dass es Ungereimtheiten in Hildes Geschichte gab. Es gab sogar starke Indizien dafür, dass Opa völlig unschuldig war und mit dieser Verleumdung ins Grab gehen musste. Dieser Vorfall sollte aber den Kontakt zwischen Hilde und Elfi jäh beenden und das schon seit über 20 Jahren. Lusi trat in voller Gedankenwut gegen die Küchentür, sackte in sich zusammen und wimmerte vor sich hin. »Erst die Familie von Glen« und jetzt auch noch meine eigene Mutter. Lusi dachte kurz an die Worte von Glen: »Der genetische Code des Teufels ist in meiner Familie allgegenwärtig, aber was ist mit deiner Mutter los?« – »Sie hat uns alle getäuscht«, schrie Lusi aus sich heraus. Einige Minuten verblieb sie noch in der Hocke und wischte sich dabei ihre Tränen aus dem Gesicht. Als sie sich beruhigt hatte, machte Lusi sich mit ihrem Fahrrad auf den Weg zu Oma. Sie verbrachten einige schönen Stunden, tranken Kaffee, aßen dabei Lusis selbstgebackenen Kuchen und spielten einige Runden Rommé. Der Tag ging zur Neige und Lusi verabschiedete sich von Oma, wünschte ihr eine gute Nacht und machte sich dann auf den Heimweg. Zuhause angekommen verbarrikadierte sie regelrecht die Haustür und versperrte zusätzlich mit zwei vollen Wäscheständern den recht schmalen Flur. Trotzdessen hatte Lusi immer noch nicht ein richtiges Sicherheitsgefühl, Glen war eben auf der Hallig und sie musste das Wochenende alleine bestreiten. Lusi kochte sich Wasser für einen löslichen Kaffee, nahm ein Paket Tabak aus dem kleinen Vor ratsschrank und setzte sich an den Küchentisch. Sie machte einige Zigaretten, um sich abzulenken, genoss ihren löslichen Kaffee und verfiel immer wieder mit ihren Gedanken in die Vergangenheit. »Uns bleibt auch nichts erspart, aber es ist so wie es ist!«, dachte Lusi. Sie hatte sich vorgenommen, einmal vor 23:00 Uhr ins Bett zu gehen, mit einer heißen Wärmflasche und ihrem Laptop und putzte sich daraufhin schon mal ihre Zähne. Sie ließ dann das kleine Herdlicht in der Küche eingeschaltet, ansonsten machte sie alle anderen Lichter aus und schaltete sogar die Steckdosenleisten ab. Voll gepackt mit ihrer Wärmflasche, Chips, Laptop und einem löslichen Kaffee ging sie in das ungeliebte Schlafzimmer. Lusi mochte das Schlafzimmer nicht, es war ihr mit circa 24 Quadratmetern viel zu groß, etliche Umzugskarton stapelten sich an der einen Wand, die noch voll vom Umzug aus Platzmangel dort verbleiben mussten und die Dielen knarrten dort besonders laut.
Sie kuschelte sich ins Bett, die Wärmflasche packte sie sich auf den Bauch und machte sich einen Spielfilm über den Laptop an. Sie versuchte, ein wenig abzuschalten, aber es gelang ihr nicht so richtig.
Es war einfach der schönste Tag meines Lebens, als ich Glen vor knapp vier Jahren kennenlernen durfte, super muskulös war er und er hatte immer ein Lächeln auf seinem Gesicht, das jeden Tag versüßen konnte, dachte Lusi und schüttelte dabei Ihren Kopf. So ein Lächeln habe ich schon lange nicht mehr sehen dürfen. »Was ist nur passiert?«, murmelte Lusi.
Glen wollte den Familienfrieden bewahren und hörte für sei nen Bruder Ole auf zu arbeiten, um die ewigen Streitereien zu beenden. Das hatte ihm seine Mutter Gerda immer wieder eingeredet und das bei jedem Besuch. Lusi halten diese Worte bis jetzt noch in ihren Ohren. Ole hatte die Welt nicht mehr verstanden, es konnte nicht sein, dass sich einer weigern würde, für ihn zu arbeiten. Einer der für ein Viertel des normalen Lohnes arbeitete, seine Mülltonnen bei Abwesenheit rein und raus stellte und unter solchem Druck stand, dass Glen an einen 12-Stunden-Tag nur 15 Minuten Pause einplante.
Ole hatte sich dann als einziger wahrhaftiger Sohn bei seiner Mutter ausgeheult, beide hatten sich dabei so sehr ins Gesicht gelogen, dass beide Parteien nur das hörten, was jeweils der andere hören wollte. Lusi sei die Schuldige, hatte Gerda gesagt, sie habe es mit ihren eigenen Ohren gehört, dass Lusi Glen zur Aufgabe der Arbeit gedrängt hätte und sie Ole nur für einen reichen Snob ohne Charakter hielt.
So was habe ich nie gesagt, weinte Lusi und hielt sich ihr Lieblingskissen vor ihr Gesicht. Und dann passierte das mit den Drogen. In meinen Augen war das mit voller Absicht und genauestens geplant, schniefte Lusi. Mit Tränen im Gesicht versuchte Lusi, noch ein wenig vom Spielfilm mitzubekommen.
Ich darf da jetzt nicht mehr daran denken, auch wenn das gerade mal 5 Prozent von dem ist, was wirklich alles vorgefallen ist.
Aber anstatt den Spielfilm weiterzuverfolgen, schaute sie auf die kahle weiße Wand, die einige Schattenspiele zu bieten hatte. Das rote Rollo verdeckte nicht ganz das offene Fenster, der leichte Sturm und der Mond machten sich daher bemerkbar.
Lusi hörte plötzlich eine schöne und leise Melodie, die anscheinend auf einer Orgel gespielt wurde, und schaute dann wieder auf den Laptop, um sich zu vergewissern. Es war in dem Film aber nichts von einer Orgel feststellbar, nach weiterem Hinhören kamen diese Töne auch nicht vom Laptop, sondern woanders her. Lusi kamen die Töne bekannt vor, konnte aber die Ursprungsquelle bis jetzt nicht orten. Sie machte den Laptop aus, um besser lauschen zu können, es schien so, als wären die Töne allgegenwärtig. Zu den Tönen kam aber noch ein sehr beunruhigendes Geräusch aus der Küche.
Fußschritte waren zu hören und dann das Knarren der Küchentür. Lusi hatte Angst, setzte sich auf dem Bett in die Hocke und umklammerte ihr Kissen. Geräusche kamen aus den Heizungsrohren, die Dielen im Flur und im Wohnzimmer gaben den anscheinenden Schritten nach. Das Orgelspiel wurde lauter und der Türgriff vom Schlafzimmer bewegte sich.
Die Birne der Nachttischlampe knallte durch und die Wärmflasche kühlte nicht nur ab, sie war eiskalt. Nur das schwache Mondlicht an der Wand erhellte das Zimmer noch leicht. Die Schatten, die dort ihr Spiel trieben, blieben wie die Zeiger einer Uhr auf einmal stehen und die Tonart der Orgel schien ins unermesslich Grelle zu gehen. Plötzlich war alles ruhig.
Lusis Atem war hastig und ihre Augen weit aufgerissen und es schien wohl vorbei zu sein. Direkt neben Lusi gingen die Schritte aber weiter und blieben kurz vor dem Kleiderschrank stehen. Ein grauenhaftes Geräusch kam dann aus Richtung des Kleiderschrankes, Lusi fiel vor Angst in eine Starre und wurde kurze Zeit später bewusstlos. Es sollte Sekunden, Minuten oder Stunden dauern, bis Lusi wieder bei Bewusstsein war. Sie zog sich sofort ihre Decke über den Kopf und lauschte in das Zimmer hinein. Es war nichts zu hören und sie suchte mit einer Hand die Taschenlampe unter dem Nachttisch.
Sie leuchtete langsam vom Teppich zum Bett bis zur Wand, wo die Kisten standen und zurück. Sie hielt die Taschenlampe dann Richtung Schrank und erschrak abermals. Es waren Buchstaben in den Schrank eingeritzt und Blut sollten diese wohl noch unterstreichen. Ein Satz stand dort.
GLEN SOLL VON DER HALLIG VERSCHWINDEN, SOFORT!!!
Glen wurde wach. Verwirrt, verunsichert und verängstigt schaute er sich um. »Was um Gotteswillen passiert hier gerade?«, murmelte Glen und versuchte, sich zu beruhigen. »Ich darf das jetzt nicht überanalysieren, bestimmt hat mir mein Gehirn einen Streich gespielt. Ich habe ja auch seit Längerem diese akuten Schlafstörungen«, sagte Glen vor sich hin und schaute dabei auf die offene Tür und die davor liegenden Bienen.
»Ja genau, Schlafstörung! Es war so real, wie meine Unterhose nass ist.« Glen zog sich schnell um, packte all seine Sachen zusammen und kochte nebenbei Wasser auf. Obwohl er so schnell wie möglich das Zimmer verlassen wollte, sollte ein morgendlicher Kaffee nicht fehlen. Er schaute auf die Uhr, um zu sehen, wie lange er auf der Hallig noch ausharren musste. Ich nehme die nächste Fähre und bin dann so was von weg. Einige Stunden musste Glen aber noch überbrücken, beschloss daher, seine Sachen zu nehmen und den Rest des Tages draußen zu verbringen Er verstaute alles in seinem Rucksack, setzte sich dann auf den kleinen wackeligen Küchenstuhl und nahm einen Schluck Kaffee. Seine Blicke haschten immer wieder durch das kleine Zimmer, getrieben von Neugier erblickte er abermals Lusis Brief. Er steckte zwischen dem Bett und der Wand. »Es muss eine rationale Erklärung dafür geben!«, grummelte Glen vor sich hin und stand auf. Stellte seinen vollen Becher Kaffee auf den Tisch und näherte sich dem Bett. Er griff nach dem Brief und hoffte inständig, dieses wahnsinnige Wort nicht noch einmal lesen zu müssen. Völlig irrational stand das Wort aber da! Verschwinde! Glen ließ den Brief fallen, nahm seinen Rucksack und verließ sofort das Zimmer. »Scheiß auf den Kaffee, scheiß auf alles«, fluchte Glen und ging die Treppe runter. Unten war die Tür aber verschlossen, mit zittriger Hand schloss er diese auf und bekam dabei leichte Panik. Er schlug die Tür hinter sich zu und rannte die Warft hinunter. Erst auf der Straße hielt Glen an und schnappte nach Luft. Wer oder was war in meinen Zimmer?
Von unten hätte er nicht kommen können, die Tür war verschlossen!, dachte Glen verwirrt. War letzte Nacht wirklich der Tod vor mir gestanden? Das wäre wenigstens eine Erklärung! Einige Erinnerungen vor seiner Bewusstlosigkeit schossen ihm durch seinen Kopf und verstärkten damit seine Hilflosigkeit. Warum soll ich verschwinden? Gebannt von diesen ganzen Eindrücken entfernte Glen sich immer weiter von der Westerwarft. Ich muss hier weg! Ich brauche Hilfe!
Ohne es weiter bemerkt zu haben, stand Glen nur noch wenige Meter vor der Lorenzwarft und könnte sein Onkel um ein Gespräch bitten. »Was soll ich Peter denn erzählen? Er ist der Letzte aus meiner Familie, der noch zu mir hält und mich nicht als Schwachkopf abstempelt! Mit dieser wahnwitzigen Geschichte wird sich das aber mit Sicherheit ändern!«, stammelte Glen vor sich hin und ging in Gedanken weiter die schmale Straße entlang. Trotz seiner Angst bemerkte er aber auch das kleine Naturschauspiel, das auf der Hallig beeindruckend zur Geltung kam. Der Morgennebel legte sich wie ein Schleier nieder und schien sich trotz immer stärkeren Sonnenstrahlen nicht auflösen zu wollen. Die Intensität war das Naturschauspiel, nicht der Nebel an sich. Es, hat mir nichts getan! Was es auch immer gewesen ist, es will mich nicht auf der Hallig haben und hat mir das auch beeindruckend vermittelt!, dachte sich Glen mit einem Hauch Erleichterung. Glen sah eine Sitzbank eingebettet im Nebel und steuerte geradewegs auf diese zu, um sich ein wenig auszuruhen. Er setzte sich, holte seine Kamera aus dem Rucksack und wollte wenigstens ein paar Aufnahmen für Lusi machen. Eine ganze Fotoreihe, wie er es versprochen hatte, würde es nicht werden, aber dafür würde sie sicherlich Verständnis haben. Kreativlos knipste Glen einige Fotos, ohne auch nur ansatzweise auf die Motive zu achten. Ludwig könnte mir vielleicht helfen! Wenn nicht er, wer sonst!? Tod, Angst und Spinnereien sind doch genau sein Spezialgebiet! Mit diesen Gedanken packte Glen die Kamera wieder ein. Er stand auf und machte sich umgehend auf den Weg zur Kirchwarft. Eine Art Erleichterung machte sich bei Glen bemerkbar, obwohl es eine wahnwitzige Geschichte war, würde Ludwig der perfekte Zuhörer sein. Ob er ihm das Erlebte glauben würde, spielte für Glen erst einmal eine nebensächliche Rolle. Die Kirchwarft kam immer näher und Glen sollte sie in den nächsten fünf Minuten erreichen können.
Er griff in seine Hosentasche, da sein Handy vibrierender Weise auf sich aufmerksam machte.
Er schaute kurz auf das Display und nahm dann das Gespräch ohne weitere Verzögerungen an. »Hallo Schatz«, sagte Glen und ging dabei zielstrebig die Warft hinauf in Richtung Pfarrhaus.
Lusi und Glen telefonierten gerade mal fünf Minuten, als beiderseits das Gespräch beendet wurde. Glen war jetzt auch in voller Sorge um Lusi und wollte so schnell wie möglich wieder auf das Festland. Kurz vor dem Pfarrhaus kam ihm Otto schon entgegen und begrüßte ihn. »Hallo Glen! Mein Vater wartet mit Kaffee im Pfarrhaus auf dich«, sagte der Pfarrer und grinste ein wenig dabei. »Wieso, wir waren doch erst für Morgen verabredet?«, wunderte sich Glen. »Mein Vater ist 93 Jahre alt und hat dich über das Fernglas schon von Weitem gesehen. Ich wollte dich gerade holen kommen. Tue mir den Gefallen und erfreue ihn mit deiner Gesellschaft«, sagte Otto und schien sehr dankbar über das Glens Erscheinen. »Ich muss sowieso mit Ludwig reden. Es ist sehr wichtig«, sagte Glen. »Die Tür ist offen«, sagte Otto noch und verschwand in Richtung der kleinen Kirche.
Es war für Glen immer wieder ein schöner Anblick, in seinen Augen war diese Warft schon immer die schönste auf der Hallig gewesen. Eine kleine Kirche reetgedeckt mit roten Backsteinen gebaut und mit lieblichen grün und weißen Fenstern verziert. Der Glockenturm stand separat neben der Kirche, eingehüllt in Sträucher und unmittelbar vor dem Friedhof.
Das Pfarrhaus war im gleichen Baustil entstanden und stand unmittelbar daneben. Glen betrat das Pfarrhaus durch die große weiße Eingangstür, zog seine Jacke aus und hielt gleich Ausschau nach Ludwig. »Komm rein, mein Freund, ich bin in der Küche«, sagte Ludwig. Glen hängte noch seine Jacke auf und lief dann in die Küche. »Na, Ludwig? Ich muss dringend mit dir reden und hoffe, du stempelst mich nicht als Spinner ab«, begann Glen unruhig das Gespräch und setzte sich an den Küchentisch. »Was soll ich da denn noch abstempeln?«, sagte Ludwig gut gelaunt und schenkte Glen einen Becher Kaffee ein. »Wie witzig. Kannst du auch einmal ernst sein?«, sagte Glen und senkte seinen Kopf. »So habe ich dich ja noch nie erlebt! Erzähl! Was ist passiert?«, sagte Ludwig ernst, stellte den Kaffee auf den Tisch und blickte auf Glen.
Dieser zögerte etwas, nahm einen Schluck Kaffee und schaute dann auf Ludwig. »Irgendetwas war gestern Abend in meinem Zimmer und hat mich fast zu Tode erschreckt. Ich weiß nicht, was es war, aber es will mich nicht auf der Hallig haben!«, schluchzte Glen. »Gerade eben kam auch noch die Nachricht von meiner Freundin, dass irgendwas auch bei uns zuhause gewesen sei. Die Kripo war sogar da und Lusi ist völlig verängstigt!«, erzählte Glen weiter und bevor er ins Stocken kam. »Atme erstmal richtig durch«, versuchte Ludwig ihn zu beruhigen. »Erzähle mir alles«, ermutigte Ludwig seinen Gast und sah Glen dabei ernst an. Glen erzählte ihm von den Bienen, der schrecklichen Kreatur, dem Brief und dem Anruf seiner Freundin. Ludwig schien dabei immer blasser zu werden und war plötzlich völlig in sich gekehrt. Beide schwiegen für gut eine Minute. »Warst du auch auf der Pohnswarft?«, fragte Ludwig irgendwie völlig am Thema vorbei. »Ja klar, der Blick von dort auf die Nordsee ist einmalig«, beantwortete Glen seine Frage. Der trockene Humor und die gute Laune schien jetzt bei beiden wie weggeblasen zu sein. Unter ei niger Anstrengung stand Ludwig auf, schob seinen Rollstuhl beiseite und ging wackelnd an das Küchenfenster. »Es darf einfach nicht sein«, murmelte Ludwig vor sich hin. »Was darf nicht sein?«, fragte Glen. »Ruf deine Freundin sofort an und gib sie mir«, forderte Ludwig mit erhobener Stimme. Glen hinterfragte sein Anliegen erst gar nicht und rief Lusi auf ihrem Handy an und gab Ludwig das Telefon ohne ein weiteres Wort. Ludwig stellte sich kurz am Telefon vor und fragte dann nach dem nächtlichen Vorfall. Beide sprachen einige Zeit lang miteinander, bevor Ludwig Lusi zwei Fragen stellte, die Glen unmittelbar mitkriegen sollte. »Liebst du Glen über alles?«, fragte Ludwig und drängte sie zu einer ehrlichen Antwort.
»Hast du Glen irgendetwas angetan, seit ihr zusammen seid oder verheimlichst du ihm schwerwiegende Dinge?«, fragte Ludwig Lusi sehr eindringlich. Glen konnte die Antworten nicht hören, aber sich diese schon denken.
Ludwig verabschiedete sich von Lusi und sagte ihr, dass Glen in spätesten zwei Stunden zu Hause wäre. »Was war das denn gerade eben?«, fragte Glen und nahm sein Telefon wieder.
»Kamen dir das Bienensummen und die Orgelmusik, die Lusi gehört hatte, irgendwie bekannt vor?«, fragte Ludwig. »Der einzige, den ich mit Bienen in Verbindung bringe, wäre mein Opa. Er hatte auch eine eigene Imkerei«, sagte Glen. »Ansonsten habe ich solch ein Bienensummen in dieser Intensität noch nie gehört und Orgelmusik spielte Lusis Opa gerne«, ergänzte Glen seine Antwort. »Beide sind aber tot und ich will jetzt wissen, was hier los ist«, fluchte Glen. »Du musst so fort die Hallig verlassen und ich werde mich um deine Überfahrt kümmern«, sagte Ludwig und zeigte mit seiner Hand auf Glens Handy. »Lusi und du seid nicht in Gefahr, sofern sie mir die Wahrheit gesagt hat«, sagte Ludwig weiterhin. Er nahm das Handy von Glen und telefonierte kurz und setzte sich wieder in seinen Rollstuhl.
»Überlege mal Glen, wie unheimlich die Begegnung gestern für dich war und bei Lusi war es auch nicht anders. Ihr hattet beide Besuch aus dem Jenseits und dieser wollte euch nicht schaden, sondern euch beide vor etwas warnen«, erzählte Ludwig und schien noch um einiges mehr zu wissen.
»AEQUITAS muss weiter ruhen«, murmelte Ludwig in sich hinein. »Ein Fischer, den ich gerade angerufen habe, wird dich mit seinem Boot an das Festland bringen. Ich bete bei Gott, dass es noch nicht zu spät ist«, sagte Ludwig und griff zitternd zum Kaffeebecher. »Ich verstehe nur Bahnhof«, sagte Glen und stand auf, weil ihn seine innere Unruhe nicht mehr sitzen ließ. »Ich muss noch einiges auf der Hallig erledigen, werde dich dann in Husum besuchen und dir alles erklären«, sagte Ludwig und drückte dabei auf seinen Notfallknopf am Rollstuhl. »Ich hoffe deine Abreise ist noch rechtzeitig, obwohl der Nebel ein Vorbote dessen ist, was kommen wird.
