Afrika, der junge Kontinent - Rolf Plan - E-Book

Afrika, der junge Kontinent E-Book

Rolf Plan

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Beschreibung

Sehr interessant sind die Eindrücke, die der Autor, Rolf Plan, nach seiner langen beruflichen Tätigkeit in verschiedensten Bereichen des afrikanischen Kontinents wiedergibt, die so manchen interessierten Leser ansprechen werden. Markant sind sein Ausblick auf die Beziehung zwischen Europa und Afrika während der nächsten Jahre hinsichtlich zu erwartender Flüchtlingsströme von Süd nach Nord sowie seine Gedanken über Möglichkeiten, dem rechtzeitig entgegenzuwirken. Geht es, entsprechend der Wirkungsweise des Autors als Regierungsberater, hauptsächlich um wirtschaftliche und politische Themen, so sorgt mitunter auch die Wiedergabe kurioser Erlebnisse, die ihm während seiner privaten Fahrten begegneten, für die Auflockerung des Ganzen.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Vorwort 3

Kapitel 1 - Ein Kontinent im Aufbruch 5

1.1 Ein geschichtlicher Überblick 5

1.2 Sozial-dynamische Entwicklung des Kontinents 17

1.2.1. Die Sahelzone: ökonomische und soziale Aspekte im Überblick 17

1.2.2. Bevölkerungswachstum und Armut 43

1.2.3. Magnetismus der Städte und ihre Verjüngung 51

1.2.4. Wirtschaftliche und soziale Entwicklungsthesen 57

1.2.5. Generationsstress 65

Kapitel 2 - Migrationsgestaltungen und ihre Auswirkungen 67

Kapitel 3 - Afrikanische und globale Bevölkerungsperspektiven 91

Kapitel 4 - Statt Zusammenfassung: Was tun? 101

Literaturverzeichnis 138

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-364-9

ISBN e-book: 978-3-99131-365-6

Lektorat: Marie Schulz-Jungkenn

Umschlagfoto: Rolf Plan, Mikhail Makeev | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Rolf Plan

www.novumverlag.com

Vorwort

Voller Erwartung undTatendrang erreichte ich Süd-Amerika, die Heimat meiner Kindheit, und freute mich auf einen fünf-monatigen Aufenthalt.

DasWiedersehen und der Besuch von Freunden waren in vollem Gange, als es hieß,ein Virus aus China war bis Bolivien vorgedrungen, womit totale Quarantäne angesagt war.

Dem Diktat widriger Umstände gebeugt,in einem Umfeld lähmender Besorgnis, verzweifelnder Ungewissheit und einschüchternden Angstgefühls sowie vor der Perspektive, in monatelanger untätiger Quarantäneauszuharren, musste ich Wege finden, meine geistige Gesundheit zu retten. Die erbarmungslose Klaustrophobie mied ich mit dieser Schrift über Afrika.

Ja, über Afrika, ein Kontinent, mit dem ich mein Schicksal zehn Jahre verbinde und teile.

Das Unabänderliche nahm ich hin, nicht fatalistisch, sondern pragmatisch.

Bei dieser Schrift handelt es sich folglicheindeutig um ein Zufallsprodukt, einen nicht gewollten Vorgang, einen Sprössling, der unter normalen Bedingungen nicht geboren wäre.

Als ich letztendlich nach sechs Monaten Deutschland erreichte, landete ich prompt in der zweiten Quarantäne.

Was sollte ich anders tun, als den bereits angefangenen Bericht auszudehnen und zu beenden?

Im Prinzip schreibe ich notgedrungen undnicht besonders gerne in deutscher Sprache, von der ich meine Schwachstellen kenne,da nicht damit aufgewachsen.

Mir ist bewusst, dass das Thema nichtjeden anspricht. Eine absolute Minderheit, schätze ich.

Ich denke an Menschen, die mit Vision das Zukunftsverhältnis beiderNachbarkontinente durchschauen, aber auch insbesondere an Menschen, eine Schicksalsgemeinschaft, die den südlichenKontinent bereiste, gar dort arbeitete, und ihn entsprechend zu schätzen gewann.

Theold African hands, wie sich einst die britischen Kolonialherren brüsteten.

Es ist mein Anliegen,der jungen Generation von Europäern einen Einblick indie dramatische sozio-ökonomische Lage unseres Nachbarkontinents zu ermöglichen, mit ihnen meineErfahrung zu teilen und sie auf die sich abzeichnende Schicksalswendung Europasaufmerksam zu machen. Bald wird Afrika gezwungenermaßen und drastisch für Europäerin den Vordergrund rücken, und sie darauf vorzubereitenund zu informieren, ist die Botschaft dieser Schrift.

Ich hoffe,schlummernde Interessen geweckt zu haben.

Dieser Bericht basiertauf einem langjährigen Erfahrungspool aus erster Hand, einschließlich literarischer Forschung.

Es ist keinesfalls meine Absicht,aus diesem Bericht einen trockenen Fachtext zu verfassen, sodass ich dieeher informativen und nüchternen Darstellungen mit einer Prise Auflockerungen versah.

Es handeltsich um Anekdoten, heute im Rückblick heiter und amüsant, damals Herausforderungen,die mir das Leben oft nicht unbeträchtlich erschwerten.

Aus Verwunderungund Überraschung kam ich während meiner langen Anwesenheit auf dem südlichenKontinent selten heraus, die Erlebnisse waren mannigfaltig und verschiedenartig.

Kapitel 1 - Ein Kontinent im Aufbruch

1.1 Ein geschichtlicher Überblick

Der afrikanische Kontinent befand sichJahrtausende isoliert durch solche Hindernisse wie die Sahara (so groß wie kontinental USA), durch die sehr gefährliche Seefahrt infolgewidriger Passatwinde an der Westküste, durch Malaria südlich der Saharaund durch das kaum erfasste Innere unseres Nachbarkontinents.

Bewusst fürdie Menschen in Europa trat Afrika erst in die Geschichte mit demSklavenhandel ein. Die Entwurzelung von ungefähr 30 Millionen Menschen aus ihrer Heimat, die imLaufe einer Zeitspanne von schätzungsweise 11 Jahrhunderten als Sklaven gleich normaler Handelsware an Höchstbieter verhökert wurden, stellte für den Kontinent ein demografisches Trauma und einen langfristigen seelischen Schockdar, die seine sozio-ökonomische Entwicklung ins Stocken brachte.

Männer, und in geringerem AusmaßFrauen und Kinder, wurden aus ihrem Land und ihren Gemeinschaften gerissenund auf vier verschiedenen Routen Opfer des Menschenhandels:

innerhalb Subsahara Afrika selbst, da die Sklaverei weiträumig zwischen den Stämmen blühte,auf der TranssaharaRoute, dessen Ziel die nordafrikanischen Länder zwischen Marokko und Ägyptenwaren,auf der sogenannten arabischen Route über den Indischen Ozean zur Arabischen Halbinsel und Kleinasienund schließlich vom16. bis 19 Jahrhundert auf der Transatlantikroute in Richtung Neue Welt.

350 Jahre währte der Sklavenhandel europäischen Ursprungs. Länder wiePortugal, England, Holland und Frankreich profitierten davon und Deutschland indirekt mit. So plagten sich zum Beispiel in Britanniens Kolonien in der Karibik Anfang des 19. Jahrhunderts ca. 500.000 afrikanische Sklavenauf den diversen Inseln in Baumwolle-, Zucker- und Tabakplantagen abund steuerten substanziell zum Reichtum der Kolonialmacht England bei.

Im 18. Jahrhundert wurden vier Millionen Sklavenaus Afrika nach Amerika verschifft. Im selben Zeitraum waren nach Schätzungen aber 30 Prozent derBevölkerung innerhalb Afrikas versklavt – bis zu 30 Millionen Menschen. Allein im Kalifat Sokoto im heutigen NordenNigerias wurden im 19. Jahrhundert rund drei Millionen Sklaven aufPlantagen gehalten, mehr als in den Südstaaten der USA. Bauern konnten durch Missernten schnell in Sklaverei geraten, andere wurden durch Kriege oderRaub zu Sklaven.

Angesichts dieser historischen Gegebenheit fragt man sich nach denAuswirkungen auf die heutige ökonomische und soziale Realität. Insbesondere stellt man sich dieFrage, ob der Kapitalismus, der bis heute regiert, ursprünglich aus ökonomischen Gründenauf die Sklavenarbeit angewiesen war und diese als seine Wurzel angesehenwerden kann.

Eine interessante Frage, die die glorifizierte undhochgelobte Aufklärung in eine imperialistische Färbung einhüllen würde.

In der Tat, in seinemBuch mit dem Untertitel „Wie Rassismus und Kolonialismus bis heute die Welt regiert“ erklärt der Sozialwissenschaftler Kehinde Andrews, Professor an der Birmingham CityUniversity, seine These, dass der Wohlstand des Westens auf dem Grundstein Kolonialismus, Sklavereiund Genozid beruht.

Nicht so, insistierte Adam Smith, der liberale Gründer der modernen Ökonomie, in seiner bekannten Publikation und seinem Lebenswerk „Wohlstand der Nationen“, erschienen 1776. Sklavenarbeitsei zwar die billigste Tätigkeit, weil nur für die Ernährung der Arbeitskraftgesorgt werden muss, sie sei laut ihm aber letztendlichdie teuerste, da die Sklaven ihre Arbeitsunwilligkeit dazu treibt, möglichstviel zu essen und entsprechend wenig zu arbeiten.

Esist debattierbar, ob der große und schlaue Meisterder Ökonomie in diesem Punkt recht hatte, da sehr schwer nachvollziehbar. Die Sklavenarbeit erscheint mir jedenfallsvom 16. bis 18. Jahrhundert unersetzbar, um europäischen Wohlstand zu schaffen.

Atlasgebirge Marokko

Die endgültige Berechtigung seiner These holte Adam Smith jedochmit dem Aufstieg des modernen Industriekapitalismus ein, ab der Industrierevolutionum die Jahre 1750 in England. Es stellt sich ab dem Zeitpunktnämlich heraus, dass Produktivitätsfortschritte aufgrund technischer Erfindungen die Ertragsfähigkeit der Sklavenarbeit weithinter sich ließen. Plantagenarbeit war nicht mehr der Ursprung des Reichtums europäischer Nationen.

Im Rückblick gesehen,entstand die Sklaverei aus ökonomischen Gründen, aber auch diese waren der Grund seiner Abschaffung, nicht wohlgemerkt moralische Ursachen.

Und ja, man muss es zugeben,unser heutiger aktueller Kapitalismus wurde aus der Sklavenarbeit geboren, eine unwiderlegbare Tatsache1.

Eine bemerkenswerte These vertritt der Historiker Eric Williams in seinemStandardwerk „Capitalism and Slavery“, 1944, Port of Spain, Trinidad and Tobago.Seine These lautet, dass Sklaverei nicht Folge von Rassismus sei,sondern umgekehrt, Rassismus sei die Folge von Sklaverei.

Eric Williamshebt hervor, dass Rassismus, wie wir ihn heute kennen, eine Politik,eine Strategie der Grundeigentümer war, um Macht über die billigsten Arbeitskräfte aufdem damaligen Markt auszuüben: die versklavten Afrikaner.

Obwohl die Sklavenarbeit bereits langevor dem Kapitalismus bestand, kann man nicht von Rassismus als permanent existierende Ideologie und Praxissprechen. Das antike Griechenland, und Rom beispielsweise, basierten auf der Sklavenarbeit. Aber die alte Sklaverei wurde nicht rassistisch betrachtet. Sklaven waren meistens Kriegsgefangene. DieSklaverei galt als Methode der Disziplinierung und Zwangsarbeit. Auch in Europa.

Grund für die Zwangsarbeit mit Afrikanern war ökonomisch. Es lag anden günstigen Bedingungen für den Plantagenbesitzer, einen afrikanischen Sklaven auf Lebzeitenzu kaufen, wobei er mit dem gleichen Geld einen weißen Diener nur für10 Jahre hätte kaufen können.

Rassismus entstand als eine Ideologie, um eineder größten Schrecken der Menschheitsgeschichte zu rechtfertigen und mit pseudowissenschaftlichemBiologismus „rational“ zu begründen.

Jede Idee entsteht aus einer materiellen Grundlage der Realitätund nicht umgekehrt. Zuerst war die Notwendigkeit von Schwarzarbeit, dann die ideologische Rechtfertigung dafür.

Zuerst kam der Kapitalismus, dann der systematische Rassismus, der seit der Zeit bisheute weiter besteht.2

Ich versuche mir Gedanken zu machen über Eric Williams beachtenswerteThese und sie zu erklären: Wenn ich mich in die Person desdamaligen Plantagenbesitzers reinzuversetzen versuche, stelle ich fest, dass ich nicht ausreichendPersonal zur Verfügung habe, um meine extensive Plantage rentabel zu bearbeiten. Meine einheimischen Zwangsarbeiter in Brasilienverstarben aufgrund eingeführter Krankheiten und zu hoher Arbeitsanforderungen.

Das Personal starb mireinfach weg. Oder verschwand im Dickicht, denn sie kannten sich zu Hause aus. Schwerstarbeit waren sie nicht gewohnt.

Anschließend erwarb ich Kriminelle und Kriegsgefangene ausEuropa. Es waren Weiße und sie waren teuer.Zur Zwangsarbeit waren auch sie nicht geeignet. Das heiße Klima half nicht. Undich stellte fest, Menschen meiner Kultur und meinem „Zivilisationsgrad oder meiner Zivilisationshöhe“ sind zueigenwillig, störrisch und untauglich, längerfristig unter Zwang Schwerstarbeit zu leisten. Sie lassensich nicht so leicht Befehle geben. Sie laufen davon, sind oft krank, leistenpermanent Widerstand usw.

Irgendwie musste ich kräftiges, billiges und zahlreichesPersonal anschaffen. Und wichtig: Die Menschen mussten dem heißen tropischen Klima vertrautund angepasst sein.

Das Angebot der Menschenhändler, die in ihren großen Segelschiffen, gefüllt mit Schwarzen aus Afrika, im Hafen andockten, kam mirgerade recht. Dass sie nun schwarz waren, war mir absolut egal.Hauptsache, sie taten ihre Arbeit und waren entsprechend ausbeutungsfähig.

Afrikaner wurden in eine andere Welt extrapoliert,für sie eine fremde Umwelt. Sie waren hilflos und demWillen der Weißen ausgesetzt. Sie wurden zur Arbeit gezwungen, weil siekeine Alternative hatten.

Wo sollten sie sonst hin in diesem unbekannten Umfeld? Wenn sie flüchteten,wurden sie, Erkennungsmarke schwarz, sofort wieder eingefangen, bestraft und/oder weiterverkauft.

Mit Rassismushat diese Tatsache überhaupt nichts zu tun. Rassismus kam später:„Aha, ein Schwarzer, taugt nur für Körperarbeit.“ Plantagenbesitzer gelangten irgendwannzu der Auffassung, Afrikaner sind nicht störrisch, haben keine eigeneMeinung, es mangelt an Selbstbewusstsein, lassen sich alle möglichen Befehle geben, sind nichteigensinnig, zeigen keine Gegenwehr und eignen sich für schwere Arbeit.

Ein Stereotyp des Schwarzen wurde geboren aufgrund von Jahrhunderte dauernder Gefangenschaft und Zwangsarbeit in Kolonien. Schwarz entwickelte sich zu Rassismus. Diese Tendenz hatsich bis heute geprägt. Es handelt sich hier um einProdukt des Kolonialismus.

So zumindest versuche ich mir Eric WilliamsThese zu erklären.

Erik Williams war ein Historiker aus Trinidad und Tobago, Chef Minister der Inseln, Premier undbis zu seinem Tod 1981 Regierungschef seines Landes. Sein o. g. Buch ist beeindruckendund lesenswert.

Ab 1492 führten Europäer ihre Krankheitserreger in diedavon unberührten Gebiete Amerikas ein, mit der Bilanz eines demografischen Zusammenbruchs bei der einheimischen Bevölkerung. Als Ergebnis verstarben schätzungsweise 80 Prozent der indianischen Einwohner. Insbesondere die Portugiesen bedienten sichafrikanischer Arbeitskräfte als Leibeigene, um den Ausfall bei den Eingeborenen auszugleichen und ihre Zuckerrohrplantagen kommerziell und rentabel zu halten. Der Zwangsimport aus Afrikagalt weniger anfällig für u. a. Pocken-, Masern- oder Typhusepidemien.

Ähnliche Erfahrungenam eigenen Leibe hatten die Europäer auf dem alten Kontinentim 14. Jahrhundert u. a. mit der Schwarzen Pest: Von einem Brutherdin Asien eingeführt, dezimierte und tötete sie damals zwischen 30 und 50 Prozent der europäischen Bevölkerung.

Undaktuell, 2020/21 haben wir bereits eine zweite Bescherung aus Asien.

Noch bewusster wurde Afrika den Europäern 1885. In dem Jahr fand in Berlindie sogenannte Afrikakonferenz statt. Ich würde sie eher alsAfrikaaufteilungskonferenz bezeichnen oder den Wettlauf um Afrika unter den damaligen Mächten.

Jeder derInteressenten ergatterte sich ein Stück des Kuchens. Sie hattenAfrika endgültig entdeckt und strebten auf ihre Machtausdehnung durch Territorialaneignung.

Hier sehen wir den vorherrschenden Zeitgeist der damaligen Epoche, mit seinem Hangzum Kolonialismus und zur Ausbeutung in großem Maße: zuerst nach Amerika, jetzt nach Afrika, plus grausamerAusbeutung der Eingeborenen. Allerdings führte Frankreich bereits 1910 eine Basis-Gesundheitsversorgung in seinem damaligen Äquatorialgebiet Afrikas ein.3Neben Frankreich führte auch Großbritannien in den 30er-Jahren Infrastruktur- und Gesundheitsversorgung in ihren Kolonien ein, metaphorisch eine „zivilisatorische Mission“, wie sie es nannten, d. h.eine Rechtfertigung dafür, dass sie die Länder aus der „Unterentwicklung“führten.

Eher eine Legitimation ihrer Präsenz in Übersee.

Der derzeitige Kolonialismus könnte unter diesenUmständen auch als Entwicklungskolonialismus bezeichnet werden.

Die Entwicklungspolitik bzw. technische Beratung, die ichall diese Jahre beruflich ausführte, ist demnach im weitesten Sinne einKind des Kolonialismus. Fühle mich unwohl im Anblick dieser Erkenntnisse.

Mehr darüber in späteren Kapiteln.

In der postkolonialen Zeit, nach der afrikanischen Unabhängigkeit, erhoben sich zunehmend kritische Stimmen über Regierungen wie „inkompetente Führer“, „Korruption“,„Misswirtschaft“, „Ausbeutung der Bevölkerung“, ohne gleichzeitig zu berücksichtigen, dass der ergebnislose Versuch, das Bedürfnis einer exponentiell wachsenden Bevölkerung nach Befriedigung öffentlichen Dienstleistungen und Einrichtungen von vornherein Schiffbruch erleidet.

In der heutigen afrikanischen Gesellschaft folgt eine junge Generation dernächsten in einem Rhythmus von ca. zwanzig Jahren. Demzufolge kämpft die Gemeinschaft mit unüberbrückbaren Schwierigkeiten, ausreichende Straßen-, Wohn-, Schulen- und Gesundheitsinfrastruktur dieser explosionsartig sich vermehrenden Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. In Angriff genommene Maßnahmen sind permanent nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Die Maßnahmen sind zu geringfügig, zubedächtig und zu stockend.

Unter diesen Umständen des permanenten Mangels ist es nicht unüblich,dass Familien, ethnische Gruppen oder Politiker sich unausgewogene, unproportionierte Anteile der Mangelware aneignen, seies als „Backschisch“ für den Polizeibeamten, Schmiergeld für dieBehörde oder überhöhte Preise bei Ausschreibungsverfahren, andenen gierige Machteliten besonders profitieren.

Korruption ist die Strategie, mit derdie Gesellschaft das fehlende Gleichgewicht auf dem Markt zwischen Angebot und Nachfrage auszugleichen versucht.Politische Kandidaten, die sich zur Wahl für das höchste Amtstellen, versprechen regelmäßig den Kampf gegen Korruption, ernsthafte Maßnahmenführen sie jedoch niemals aus.

Damit möchte ich nicht die schädlicheund zerstörerische Wirkung dieser Handlungen auf Gesellschaft und Wirtschaft bestreiten. Die Konsequenzendieser Gepflogenheiten abzuwerten, wäre unrealistisch und töricht.

Der Expatriate oder Ausländer,der sich längere Zeit in Übersee aufhält und arbeitet, spürt als Auswirkungdes Kolonialismus eine größere Vertrautheit zwischen den Kolonien und ihrenehemaligen Kolonialmächten: Nigeria oder Kenia mit Großbritannien, Senegal oder Tschadmit Frankreich, Mosambik oder So Tomé e Principe mit Portugal oderdie Demokratische Republik Kongo mit Belgien. Sogar Namibia mit Deutschland, wie man aktuell in der Presse lesen kann.

Diese Vertrautheit ist insofern überraschend, als der Kolonialismus südlich der Saharaeigentlich nicht länger als 60 Jahre herrschte. Er wird voraussichtlich denKontinent nicht in aller Ewigkeit prägen, wird aber als Sündenbock allen Übels aufdem Kontinent beschuldigt.

Diese postkolonialen Verknüpfungen verursachen jedoch auch Beziehungsspannungen. Mitden Jahren kehrten sich mehrere Ex-Kolonien von ihren ehemaligenKolonialherren ab: Die Demokratische Republik Kongo zum Beispiel drehte sich in Richtung USA und Frankreich, während sich Ruanda zunächst nach Paris richtete und später nach Washington, auch wenn dieser Schrittals Folge die Amtssprache von Französisch zu Englisch bedeutete.

Auch Deutschland pflegt einenähere Beziehung zu Namibia, vermutlich infolge der Gräueltaten im Kolonialismus gegendie Stämme der Herero und Nama. Wiedergutmachungen wurden in letzter Zeit zwischen den deutschen und namibischen Regierungen ausgehandelt. Die Schwierigkeit und eigentlich auch Ungerechtigkeit besteht darin, dass Verhandlungs- und Wiedergutmachungspartner die Regierungen und nichtdie eigentlichen Opfer, die Stämme, sind. Ob Letztere jemals von den Geldsegen profitieren werden, ist fraglich.

Dasselbe gilt für illegale Aneignungen,sprich Diebstahl, von Kulturgut sämtlicher deutscher Kolonien, von Neu Irland im Bismarck-Archipel, über Western Samoa bis Kamerun undTogo. Auch hier wird die Rückerstattung mit den jeweiligen Regierungenausgehandelt anstatt mit den Stämmen als eigentliche Besitzer der Kulturgüter.

Auseinandersetzungen zwischen besagten Stämmen undjeweiligen heimischen Regierungen gehen zum Teil so weit, dass die Vorhaben letztendlichabgesagt werden und die Kulturgüter in deutschen Museen verbleiben.

Zwanzig Jahrenach der Unabhängigkeit zogen die ersten Afrikaner zu den ehemaligen Metropolen.

DayoOlopade, die US-nigerianische Journalistin, meinte, der Tatsache entsprechend, dass die heutige Landschaft derafrikanischen Diaspora das umgekehrte Spiegelbild des Kolonialismus wiedergibt.4

Am stärksten ist diese Vertrautheit zwischen Frankreich und ihren ehemaligen Kolonien in West- und Zentralafrikaoder Madagaskar zu beobachten. Die Beziehungen stellen eine Ausnahme dar im Vergleich zu anderen kolonialen Verbindungen. Erklären lässt sichdiese Tatsache mit der damaligen kolonialen und heute liberalen Assimilierungspolitik, einer Verlängerungder französischen politischen und wirtschaftlichen Unterstützung weit über die Unabhängigkeit hinaus, insbesondere währenddes Ost-West-Konflikts, militärischem und politischem Schutz in Krisensituationen, wie aktuell demTerrorismus im Sahel, und letztlich auch vertraulicher Gleichgesinntheit und übereinstimmender Interessen zwischen den französischen und afrikanischen Eliten.

Marktverkäuferin in Fada Largeau, Tschad

Eine starke finanzielle und Währungskontrolle bestand außerdem mit der festen Wechselkursbeziehung FCFA/Euro, festgelegt durch den Ministère des Finances in Paris.

(FCFA=Franc desCommunautés Financières d’Afrique). Diese jahrzehntelange Beziehung zwischen den beiden Währungen soll nach neuesterInformation abgebaut werden. Die erwähnte staatliche Institution füllt auch regelmäßigHaushaltslücken dieser Staaten, eine keineswegs gegebene Gepflogenheit der restlichen Ex- Kolonialmächte gegenüber ihrendamaligen Kolonien. Sogar mit dem Libanon unterhält Frankreich noch historisch ferneVerbindungen.

Nach der Niederlage der Mittelmächte besetzten die Ententemächte 1918/1919 den Libanon. Als Ergebniswurde Frankreich das Völkerbundsmandat 1919 über das Land (einschließlich Syrien) übergeben, dasFrankreich bis 1943 hielt.

Aktuell (2021) engagiert sich Macron solidarisch in Videokonferenzen, um Hilfe für das krisengeschüttelte Mittelmeerland zu organisierenund bei Geldgebern Spenden zu sammeln.

Einstige Einwohner Frankreichs fühltensich aus diesem Grund durch die ehemalige Kolonialmacht angezogen. Diese Tatsache trat insbesondere nach der ausgeprägten Dürre in der Sahelzone Mitte der 70er-Jahreein. Der Zustrom afrikanischer Einwanderer stieg abrupt auf annähernd 70.000 an,nach einer Diaspora in den 60er- Jahren kurz nach der Unabhängigkeit vonweniger als die Hälfte.5

Erst mit dem Anfang des neuenJahrtausends beschleunigte sich die Einwanderung französisch sprechender Migranten zusehends sowohl nach Belgien als auch nach Frankreich.Die Einwanderungsbewegung in diesen Ländern, und im Sommer 2015 auch nach Deutschland, reflektiert ein Sinnbild desDurchbruchs der allumfassenden humanistischen Bildung und Empfindsamkeit, dessen Höhepunkt sich allerdings zunehmend als begrenzt erweist.

Wie gestaltet sich diesbezüglich die ZukunftsperspektiveEuropas?

Thema dieser Schrift besteht darin, sich mit dieser Frage in weiteren Kapiteln auseinanderzusetzen.

1.2 Sozial-dynamische Entwicklung des Kontinents

1.2.1. Die Sahelzone: ökonomische und soziale Aspekte im Überblick

40 Grad Hitze und ein aufkommender Sandsturm.

Um mich herum endlose wogende Sanddünen wie vomWinde aufgepeitschte Wellen, so weit das Auge reicht.

Meine unbeherrschbare Neugierde führtemich durch das Herz der Sahara in Richtung Faya Largeau,eine Oase und ehemalige französische Festung aus Zeiten der Kolonie französisch Äquatorialafrikas.

In rasenderGeschwindigkeit näherte sich von Osten her eine dunkle, furchterregendeund himmelhohe Sand- und Staubwand. Bedrohliches Gedröhne und Gezische durchbrachendie unvergleichliche Grabesstille der einsamen Wüstenwelt.

In zwei Sätzen sprangen mein Fahrerund ich von unserem klapprigen Wüstengefährt und rieben in Windeseile Motorhaubeund sonstige Lackstellen mit Hammelfett ein, um den Lack gegen Sandabreibungzu schützen.

Im nächsten Augenblick war es ringsherum stockfinster. Der Wind pfiff undjaulte quälend laut und ich hörte den Sand wie Geschosse gegendie Karosserie prallen.

Staub und Sand drangen und bliesen durch unzählige Öffnungen des antiquierten und zerbeulten Gefährts, sodass ich meinen Fahrer nach kurzer Zeit neben mir nur noch vermutete, aber nicht mehr sah, und ohneTaschentuch nicht atmen konnte.

Mir stockte der Atem vor Spannung. Das stehende Autoschaukelte und wackelte, als ob wir über die schlagloch- und sandlochüberzogene Sandpisterasten. So schnell der Sturm kam, war er wieder verschwunden, mit ihm aberauch die unter normalen Umständen kaum erkenntliche Wüstenpiste.

Der sonst so selbstsichere und zuverlässig dreinschauende Fahrer blickte mich ratlos an. Von leeren schwarzen Ölfässern, die richtungsweisend strategisch auf Dünenkämme gestellt waren, oder voneinem GPS Gerät, keine Spur.

Wir waren, um esmilde auszudrücken, orientierungs- und führungslos verirrt in der ozeanweiten Wüstenwelt.

Außerdem saßen wir tiefmit vier Rädern in einem Sandloch, dank des Sturms.

Es botsich nur eine Lösung: im Auto übernachten und am Morgen beobachten,wo die Sonne aufgeht. Unsere Fahrtrichtung war gegen Norden, vonN’Djamena, der Hauptstadt aus kommend. Wir hatten den Rest desTages Zeit, das Auto wieder vom Sand zu befreien.

Einequälende, schweißtreibende Herausforderung.

Am nächsten Tag fuhren wir blind ohne Pisteweiter, immer Richtung Norden.

Sahara Schiff, Tschad

Sehr half uns das unerwartete Erscheinen eines Saharaschiffes.

Eines Saharaschiffes?

Ja, Saharaschiff, lebateau du Sahara getauft, wie ich später erfuhr, von Franzosen.

Es bietet unregelmäßigen Passagier- und Frachtservice zwischen N’ Djamena und Faya