Afrika zu Fuß - Sonia Poussin - E-Book

Afrika zu Fuß E-Book

Sonia Poussin

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Beschreibung

Im ersten Band "Zu Fuß durch Afrika" berichteten die Autoren Sonia und Alexandre Poussin von ihrer Wanderung vom Kap der Guten Hoffnung durch Südafrika, Simbabwe, Malawi und Tansania zum Kilimandscharo. Der zweite Teil beginnt am Fuße des Kilimandscharo und führt zunächst durch das Territorium der Massai, durch Tansania und Kenia weiter nach Äthiopien, den Sudan, Ägypten und schließlich nach Israel. Die siebentausend Kilometer bis zum See Genezareth wird das Ehepaar wiederum zu Fuß – und auf die Gastfreundschaft der Afrikaner vertrauend – bewältigen. Während der 1171 Tage dauernden Wanderung lassen uns die beiden an ihren interessanten und bewegenden Bekanntschaften, ihren Ängsten vor Durst, Hitze oder den Löwen teilhaben, mit ihnen betrachtet und erlebt der Leser die surrealen Ufer des Turkana-Sees in Kenia, die mystischen Ruinen von Meroë im Nord-Sudan, die glühende Hitze in der nubischen Steinwüste von Batn el-Hagar, entdeckt die sehr geheimen Rituale der Ehefrauen im Sudan oder die fremde Schönheit der Hamer und der Dassanetch in Äthiopien, begleitet einen Kameltreiber aus Darfur mit seiner Karawane durch die Wüste. Tag für Tag und Schritt für Schritt mehren sich die Erfahrungen und Einsichten der Wanderer "auf den Spuren der Menschen und der Menschheit". Und das Ende der Reise ist der Anfang eines neuen Abenteuers, denn kurz nach der Rückkehr von Sonia und Alexandre Poussin wird ein kleines Mädchen geboren.

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Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Sonia und Alexandre Poussin

AFRIKA ZU FUSS

Vom Kap der Guten Hoffnung

zum Kilimandscharo

Delius Klasing Verlag

Copyright © Editions Robert Laffont, Paris, 2004

Titel der französischen Originalausgabe: Africa Trek I, Du Cap au Kilimandjaro – 14 000 kilomètres dans les pas de l’Homme.

1. Auflage 2010

ISBN 978-3-7688-8305-4

Die Rechte für die deutsche Ausgabe liegen beim Verlag

Delius, Klasing & Co. KG, Bielefeld

Die Printausgabe dieses Werkes wurde mit der

ISBN 978-3-7688-1878-0 herausgegeben.

Aus dem Französischen von Christiane Hauert

Karten: Edigraphie

Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk, auch Teile daraus, nicht vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.delius-klasing.de

Für alle Afrikaner, die uns eingeladen, empfangen, beköstigt, geholfen und uns mit den so vielfältigen Facetten des wunderbaren menschlichen Reichtums ihres Kontinents vertraut gemacht haben.

Ohne sie wären unsere Schritte sinnlos geblieben.

»Ihr habt Glück! Ihr kommt aus dem Blauen und geht ins Blaue! Darf ich mich ganz klein machen und mich in euren Rucksack setzen, um euch zu begleiten?«

Daniel, der Stotterer, aus Cileka in Malawi

»Der Mensch entsteht aus dem Geist, den die lehmige Erde

atmet.«

Antoine de Saint-Exupéry, »Wind, Sand und Sterne«

»Gehe deinen Weg, er existiert nur für dich.«

Augustin, »Bekenntnisse«

»Der Mensch erschien lautlos.«

Pierre Teilhard de Chardin

Der alte Mann: »Warum wandert ihr?«

Wir: » Um euch kennenzulernen. «

Der alte Mann: »Warum fahrt ihr nicht Auto?«

Wir: »Weil wir euch dann nicht bemerkt hätten.«

Inhalt

11Die Pinguine und der Wein

20Die Kraniche und der Philosoph

30Der große Weiße und die kleinen Farbigen

41Glückliches, trauriges Land

56Geisterjäger und Menschenjäger

66Die Forellen und die Besessenheit

77Das Königreich im Himmel – Von den Dinosauriern zu den Kannibalen

90Das Königreich im Himmel – Der alte Mann und die Diamanten

103Der Regenbogen und die Blutschuld

119Von Knochen und Menschen

129Von Reißzähnen und Hörnern

141Das Fenster Gottes und die Arche Brian

157»Small Zimbabwe« versus »Great Zimbabwe«

174Tristes Simbabwe

189Katarakte und Serpentinen

206Mosambik – Der Tiger und die Cholera

221Die sugar daddies und das Paradies

236Der Vater der Erinnerung

247Auf dem Grab des Vergessens

262Makoumba und das Lachen der Zebras

272Der alte Knochen und der König

284Tansania – Die Gören und der Riese Paul

291Rungwa – Auf den Spuren der Löwen

311Missionen und das Volk der Barbaig

328Sansibar – Von Menschenhändlern und Delfinen

337Das Dach Afrikas

345Danksagung

349Internetadressen

Route vom Kap der Guten Hoffnung bis zum See Genezareth

Vom Kap der Guten Hoffnung bis zur Grenze von Lesotho

Die Pinguine und der Wein

Wir: ganz klein, ganz bleich, ganz unten. Der Wind umtost heulend unseren stillgelegten Bunker am Ende der Welt – am Kap der Guten Hoffnung. So sollte es sein! Wir stehen am Anfang der Verwirklichung unseres überdimensionalen Vorhabens, Afrika der Länge nach zu Fuß zu durchqueren.

Hier liegen wir also, vor den Rangern des Nationalparks versteckt, eng aneinandergeschmiegt und dennoch vom eisigen Wind aus der Antarktis steifgefroren, und warten auf den Sonnenaufgang des 1. Januar 2001. Um das dritte Jahrtausend mit einer Wanderung zu begrüßen, um unsere lange Geschichte zu feiern.

Ein kleines Glas mit foie gras und eine Flasche Champagner wärmen unsere Herzen. Wir sind allein, unser einziger Zeuge ist das Kreuz des Südens am Himmel.

Gestern sind wir nach Robben Island gepilgert, wo Nelson Mandela 18 von 27 Jahren Haft absaß und seinen »Langen Weg zur Südafrika Freiheit« schrieb. Auf uns warten 14 000 Kilometer – ein Augenzwinkern für den großen alten Herrn.

In unserem dunklen Rattenloch erinnern wir uns – vor Kälte schlotternd – an die hektischen letzten Tage vor unserer Abreise.

Davor hatte es lange Monate anstrengender Vorbereitungen gegeben, und nun warten wir darauf, endlich loszugehen. Dabei bin ich schon jetzt fix und fertig.

Wir haben uns vorgenommen, »auf den Spuren des Menschen« am Großen Afrikanischen Grabenbruch entlangzuwandern. Vom Kap der Guten Hoffnung im äußersten Süden Afrikas bis zum See Genezareth in Israel ... Sozusagen auf der Fährte des ersten Menschen auf seinem Weg in die Welt. Weder wird es diesen ersten Menschen noch eine erste Reise konkret gegeben haben, und »Wiegen der Menschheit« existieren in fast gleicher Zahl wie Fossilienfundstätten. Die ältesten Funde aber stammen tatsächlich vom Ostafrikanischen Grabenbruch, und wir wollen sie mit unseren Schritten vereinigen; wollen auf dem Weg von Ort zu Ort die Zeit und den Raum zurückverfolgen vom modernen Menschen bis zum Australopithecus.

Neben diesen theoretischen Überlegungen wollen wir aber vor allem einfach im Herzen des heutigen Afrikas wandern. Wir möchten unser Leben mit den Afrikanern teilen, die uns für einen Abend beherbergen, uns austauschen, bevor es weitergeht, das wirkliche Afrika (v)ermessen, das jenseits der gängigen Klischees liegt, und dem düsteren Dreigestirn von Krieg, Krankheiten und Hunger entfliehen. Afrika muss doch anders sein – da liegt es vor uns. Wir wollen es kennenlernen. Fangen wir ganz einfach an!

Der Horizont beginnt sich zu verfärben. Der aufgewühlte Indische Ozean prallt weiß tosend auf den Atlantik, wir starren durch die Schießscharte, um den ersten Sonnenaufgang des Jahrtausends an diesem Ende der Welt nicht zu verpassen. Die katabatischen Winde und die brüllenden Brecher gleichen dem fulminanten »Ritt der Walküren«. Der Leuchtturm hoch oben auf dem guanoweißen Felsen des Kaps reflektiert den ersten Sonnenstrahl: Wir brechen auf gen Norden!

Die Kaphalbinsel ist mit Heidekraut bewachsen, und im grellen Licht bei kaltem, mistralähnlichem Wind fühlen wir uns ans Mittelmeer erinnert, nicht an eine Terra incognita. Inmitten der nach Ericea duftenden Fynbos-Vegetation mit verschiedensten Silberbaumgewächsen steht ein weißes Kreuz als Zeuge Vasco da Gamas, der schon 1498 hierherkam. In den Wellen tummeln sich Seelöwen.

Am späten Nachmittag erreichen wir kurz vor Simonstown den Strand von Boulders, der von unseren ersten afrikanischen Gastgebern, den Pinguinen, bevölkert ist. Diese Komiker watscheln mit Ausnahme einiger kleinerer, mit dem Schnabel ausgefochtener Territorialkämpfe friedlich zwischen den schnarchenden Seeelefanten umher, sonnen sich oder stürzen sich in die Wellen, und wir fragen uns, ob sie die Menschen oder die Menschen sie nachahmen. Wir aalen uns mit ihnen im Sand. Mit ihren schwarzweißen Uniformen scheinen sie das Farbproblem ihres Landes bereits überwunden zu haben!

Die Nacht verbringen wir in unseren Schlafsäcken bei den Pinguinen auf der Düne. Um uns herum andauerndes Geplapper ...

Das Mondlicht auf dem Ozean bewacht unseren Schlaf. Nach und nach verschwindet das Gestirn. Ein Zauber? Nein, eine Mondfinsternis. Ein leichter urmenschlicher Schauer kriecht mir den Rücken hoch: Ein gutes Omen? Ein Fluch? Die Phönizier, Odysseus, da Gama, sie alle brachten vor Antritt ihrer Reisen Opfer. Wir indessen begeben uns jeden Abend in die gastfreundliche Obhut der Afrikaner. Der Rest ist nichts als Schweiß, das Unbekannte, Kilometer und Dichtung.

Unsere ersten Afrikaner sind Pinguine. Der Mond sieht aus wie eine angebissene Hostie, und in seinem Schein versinken wir in den fiebrigen Träumen unserer ersten Nacht in Afrika.

Am nächsten Morgen machen wir uns früh auf den Weg und treffen auf einen Mann, der sich über einen Motor beugt. Wo wir wohl ein Frühstück bekämen? Ein zerzauster Kopf taucht auf, und schon sind wir zu Ei und Toast eingeladen.

Mike Hamblet ist Rentner. Aus Simbabwe und hier im Urlaub. Er bewohnt mit Pat jeweils für sechs Monate einen kleinen Bungalow und beobachtet die Wale. Eine schöne Art, der Schwarzmalerei in seinem Lande zu entkommen. Er erzählt uns vom mörderischen Wahn Mugabes, von der Wirtschaftskrise, dem kommenden Hunger, der Zeitenwende ... Er leidet mit seinen Landsleuten. Dabei waren sie mal die Reichsten in ganz Afrika. Doch der Tyrann hat alles zersört.

Wir verabreden uns in Harare. Wir haben noch so viel vor. Und wir spüren unseren ersten Muskelkater. Im Windschatten ist es glutheiß. Unser Schweiß rinnt in Strömen. Abends gelangen wir in ein Wohngebiet bei Noordhoek. Das Gebell riesiger Hunde verjagt uns. Hier mögen wir nicht fragen. Dann ein Schild: Waldarbeiter. Sie sitzen vor einer Baracke auf einer morschen Veranda. Fast hätte ich um eine Bleibe gebeten, doch angesichts ihrer von dakha, dem lokalen Rauschmittel, gelb gefärbten Augen und der galgenähnlichen Baumstämme zögere ich. Wir hauen ab. Unterwegs bedauere ich die Entscheidung. Dann stößt plötzlich einer der Arbeiter zu uns. Auf seinem T-Shirt steht Jesus is my rock. Er bietet uns einen Platz in ihrem Schlafsaal an. Sein Ton klingt vertrauenerweckend. Ein Mann mit großem Herzen. John stellt uns seine Kumpel vor: die superwilds – der große rastalockige Zebulon mit seinem Raubtierlächeln, der kleine schwarze Paulo, der heruntergekommene Mark. Sie alle sind vom Leben gezeichnet, schlicht und frustriert, doch nicht auf den Mund gefallen, den Umgang mit Weißen allerdings nicht gewohnt. Nachdem ihre erste Schüchternheit überwunden ist, kümmern sie sich rührend, machen zwei Betten für uns frei, bewachen uns in der Gemeinschaftsdusche. Sonia ist zuerst dran. Zebulon steht vor der Tür. Als ich meine Socken wasche, taucht ein Typ auf. Zebulon stoppt ihn: »Drinnen duscht eine Weiße!« Der andere fühlt sich verschaukelt: »Du hast zu viel geraucht!« Und öffnet die Tür.

Sonia stößt einen Schrei aus, der Mann schlägt die Tür zu und wendet sich erschrocken ab, als hätte er einen rosa Elefanten gesehen. Alles lacht. Der Typ bekommt ein Bier, und während Zebulon uns eine vegetarische Pizza zubereitet, erzählt er von der Religion der Rastafaris, die auf den äthiopischen Kaiser Haile Selassie zurückgeht. Als ich ihm sage, dass wir dort vorbeikommen werden, umarmt er mich herzlich.

Diese Nacht wird ordentlich geschnarcht.

Am nächsten Morgen steht die Sonne schon hoch am Himmel, als wir einen steilen Hügel erklimmen, von dem schwerer Verkehrslärm herunterschallt. Plötzlich stehen wir inmitten von Abgasen. Wir sind entsetzt. Zwei Typen wollen uns im Auto mitnehmen. Wir lehnen ab.

Es ist unsere erste Verweigerung. Hart, aber gut. Sie stärkt unsere Überzeugung, vertreibt den Zweifel. Denn den gibt es, natürlich! Warum nicht früher ankommen, die Zeit zum Ausruhen nutzen? Warum die Zeit mit Wandern verschwenden, bei dieser Bullenhitze?

Im Gehen liegen das Interesse, der Unterschied, die Kraft und der Luxus unseres Projektes. Kein Glaube ohne Zweifel. Wir müssen daran glauben. Auch wenn ich in der rechten Ferse die Anfänge einer Tendinitis spüre und Sonia ihre fünfte Blase aufsticht.

Am Abend versuchen wir unser Glück in Constantia, dem Milliardärsviertel am Kap. Sonia ist beunruhigt. Man wird uns wegjagen!

Das Tor wird elektrisch geöffnet. Unentschlossen gehen wir eine von Blumen gesäumte Allee hinauf. Und werden von einem vergnügten Riesen empfangen. Wir äußern unser Anliegen. Er bricht in ein bewunderndes Lachen aus und mutmaßt, wir seien Franzosen. »Seid ihr alle so verrückt?«

Minuten später ergehen wir uns in einem Pool à la Hollywood und schlürfen Gingerale. Morgan, der Lebensgefährte, kommt auf einem wunderschönen Vollblut angeritten. Sean und Morgan sind Innenarchitekten. Ihre Geschäfte laufen glänzend. Morgen fliegen sie nach Österreich, zum Skilaufen.

Sie empfehlen uns anstelle der Autobahn den »Contour Path«, einen Wanderweg durch den Wald um den Tafelberg herum bis nach Kapstadt.

Dann stellen sie uns ihre Familie vor: drei Dalmatiner und eine Siamkatze, sehr verspielt ...

Als wir aus dem Wasser steigen, stößt Sean einen Schrei aus. Unsere Körper sind vom Vorabend mit Flohstichen übersät! Die Haustiere kommen wie ein Wirbelwind angefegt und stoßen unsere Cocktailgläser um. In diesem Gedränge gibt es gleich ein nächstes Glas, etwas Puder auf die Stiche, eine Arnikasalbe für Pferde auf meine Waden und ein Senfkörnerfußbad für Sonia. Wer sagt hier, die Franzosen seien verrückt? Afrika zu Fuß – unsere Unternehmung lässt sich gut an.

Nach einem verschwenderischen Frühstück verlassen wir unsere beiden liebenswürdigen Gastgeber, durchqueren die Gärten von Kirstenbosh und stoßen auf den Contour Path, der uns durch einen wunderbaren Mischwald aus duftendem Bambus, Eichen, Japan-Ahorn, Kiefern, Eukalyptus, Gummi- und Teakbäumen und yellowwoods, den typischen uralten Baumriesen Südafrikas, führt. Eine märchenhafte Welt!

Der Großstadtlärm schallt herauf. Wir umrunden den Tafelberg und dringen am Nachmittag von oben her in den city bowl. In der Ferne zeichnet sich die »Waterfront« mit den historischen Hafenbecken ab, in denen einst die Schiffe auf dem Weg nach Indien Zwischenstopp einlegten. Vier Tage haben wir bis nach Kapstadt gebraucht und eine Mischung aus Mittelmeer und Britischem Königreich vorgefunden, denn diese Halbinsel ist sehr weiß. Ganz unerwartet. Ein anderes Afrika.

Ryan Searle, ein entfernter Vetter, empfängt uns in seinem Haus. Wir nutzen die Gelegenheit, unsere Ausrüstung durchzusehen, unsere Socken aus Hightech-Fasern gegen die guten selbst gestrickten aus Wolle zu tauschen, Klettverschlüsse und Gurte an die Rucksäcke zu nähen, damit sie besser sitzen, die Zahl der Zahnbürsten zu halbieren, die Reißverschlüsse durch Bindfäden zu ersetzen und überall wertvolles Gewicht zu sparen. Wir werfen Ballast ab.

Schließlich wiegen unsere Rucksäcke jeweils acht Kilo: eineinhalb die Wasserflasche, drei Kilo und 100 Gramm unsere Technik – Videokamera, Kassetten, eine Batterie, ein Telefon mit E-Mail- Empfang, 500 Gramm der Schlafsack, dazu eine halbe Isomatte, ein T-Shirt und eine Hose für die Nacht, zwei Unterhosen und ein Paar Ersatzsocken. Das ist alles. Und das ist schon zu viel!

Dazu entbehrlicher Luxus: eine ultraleichte Decke aus Vlies, ein Regencape aus Fallschirmseide und ein Teleskop-Wanderstab. Das letzte Kilo wird von einem Tagebuch, einem Minikulturbeutel, einer winzigen Reiseapotheke, einer Stirnlampe und einer Blockflöte beansprucht. Ein Minimum fürs Maximum! Und wohlgemerkt: keine Kleidung zum Wechseln, keine Lebensmittel.

Am Sonntag bei Sonnenaufgang verlassen wir Kapstadt auf der Voortrekker Road, welche schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts von den Buren mit ihren Ochsenkarren zwecks Kolonisierung des Hinterlandes befahren wurde. Man hat uns ausreden wollen, die Stadt per pedes zu verlassen. Wer hatte uns nicht alles eingeredet, wir würden es nicht heil schaffen! Es ist eine Frage des Timings. Am Sonntagmorgen schlafen die Bösewichte ihren Rausch aus! Die Straße verläuft schnurgerade. Fünf Kilometer läuft sie an einem Friedhof entlang. Selbst die Toten liegen in diesem Land getrennt: hier die Grabsteine der Juden, dort die Gruften der Briten, weit weg die Steine des Muslime, und schließlich die Reihen weißer Holzkreuze auf frisch geebnetem Grund. Vor den Toren des Friedhofes für die Schwarzen stehen die Leichenwagen Schlange. Offensichtlich wird hier mehr gestorben. Voller Kummer denke ich an diese Toten, die hier zum ersten und zum letzten Mal mit einer Limousine fahren.

Mittags werden wir von Richard Erasmus angehalten, einem schwarzen Taxifahrer, der uns ermahnt, nicht in diesem Stadtteil herumzuwandern, welcher einen schlechten Ruf habe, und der uns zum Essen einlädt. Wir steigen ein, nicht ohne zu vereinbaren, dass er uns wieder herauslässt, wo er uns aufgegabelt hat. Er ist einverstanden.

Bei einem gebratenen Fisch in einem gepflegten Einfamilienhaus inmitten von Chaos schimpft der rundliche Fünfzigjährige, dass er die Schwarzen verachtet, weil sie die Probleme am Kap heraufbeschworen haben. Er als colored hätte schon immer gemeinsame Sache mit den Weißen gemacht ...

Betroffenheit.

Wir erfahren so von der Bedeutung der »Farbigen« als Nachfahren der niederländischen und französischen Pioniere, die sich einst mit den Hottentotten, den Khoisan, den Indern und den Gefangenen aus Malaysia mischten. Ihre Haut variiert in der Tönung von Katzenzungen über Honig bis zum Schokoladenkuchen. Sie sprechen Afrikaans und pflegen ihre eigenen Sitten und Bräuche. Und laut Richard stehen sie stets zwischen Weiß und Schwarz. »Wie die Mitte eines Sandwichs«, sagt Richard, »früher war die Weißen oben, jetzt sind es die Schwarzen.«

Die coloreds sind dafür bekannt, dass sie freitagsabends ordentlich einen zur Brust nehmen. Richard hat auch gleich eine Ausrede parat: das System des tot, das den Weinbauern erlaubt, einen Teil des Lohnes in Naturalien auszuzahlen. Schlechte Angewohnheiten lassen sich nur schwer abgewöhnen. Richard gibt unumwunden zu, dass die Gewalt ein großes Problem seiner Gemeinschaft ist. Vor zwei Jahren hat er seinen Ältesten verloren. Steve war ein mustergültiger Junge und wurde am Strand rücklings erstochen, ohne jeglichen Grund. Auch zeigt uns der Vater seinen vernarbten Hals – die Spuren einer Glasscherbe, weil er versucht hatte, zwei aufgebrachte Jugendliche zu trennen: »Der Alkohol ist das Kreuz meines Volkes!«

Wir setzen unseren Weg in Richtung der Weinberge von Stellenbosch und Franshoek fort, die einst von aus Frankreich geflohenen Hugenotten angelegt und mit Merlot, Cabernet und den südafrikanischen Pinotage-Trauben bepflanzt wurden. Die Weine sind dort dem lokalen Wind namens Cape Doctor und der erbarmungslosen Sonne ausgesetzt und schmecken ähnlich wie Portwein.

Die Universitätsstadt Stellenbosch heißt auch die »Stadt der Eichen«. Kalksteinkirchen thronen in den Parks, auf deren Wiesen Väter ihre Sprösslinge im Cricketspiel unterweisen. Bei ihrer Gründung 1680 war Stellenbosch die erste Stadt im Binnenland. Die alten, mit Glyzinien bewachsenen Cottages im holländischen Stil säumen noch heute die großzügigen Alleen. Auch sieht man hier – wie in Europa – so manches Reetdach. Und überall wunderschöne Eichen!

Wir treffen den jungen französischen Aristokraten Stéphane de Saint-Salvy, seines Zeichens Önologe, der gerade eine de Villiers geheiratet hat, deren Familie seit drei Jahrhunderten in Afrika ansässig ist. Das Paar verleiht den lokalen Spiers-Weinen den French touch. Sie wohnen außerhalb in einem Haus von 1781. Stéphane ist ein Träumer, Karine ein Blondschopf mit funkelnden blauen Augen. Sie führen uns an diesem Abend ein in das Ritual des braai, der südafrikanischen Variante des Freiluftgrillens.

Für ein Kilo Rindfleisch zahlt man drei oder vier Euro. Diese Gelegenheit muss genutzt werden! Und beim Wenden des Fleisches wird vom idealen Leben geträumt: ein halbes Jahr hier, das andere halbe Jahr in Frankreich. Dann hätte man zwei Ernten.

Auf dem Etikett der Flaschen von Nachbar Reynecke findet sich ein augenzwinkernder Verweis auf unsere Wanderung: ein Faustkeil, wie er nebst anderen prähistorischen Werkzeugen in den Weinbergen gefunden wurde. Die Kapregion war über 30 000 Jahre von Jägern und Sammlern bewohnt. Daran sollten sich die Schwarzen wie die Weißen erinnern, die sich hier wie die ersten Menschen aufführen... Historiker gaben dieser Urbevölkerung die Bezeichnung strandlopers, denn sie lebte an den Stränden und vornehmlich von den Früchten des Meeres. Von ihnen stammen die späteren Khoi Khoi, Griquas und andere Khoisan-Ethnien ab.

Am nächsten Tag geht es durch Farmland und Weinberge weiter in Richtung Franshoek, die »Ecke der Franzosen«. Wir lesen vertraute Namen: Languedoc, La Cigale, La Petite Ferme ... Das malerische Tal wird von den Drakensteinbergen begrenzt.

An diesem Abend holt uns David de Villiers, der junge Bruder von Karine, von der Straße ab. Wir schlafen auf seiner historischen Farm, die 1688 von einem Vorfahren errichtet wurde. Er hat den Betrieb vor ein paar Jahren wieder aufgenommen. Ein harter Job.

Das Haus mit Blick ins Tal wird von riesigen Bäumen beschattet. Pfauen kreischen unter dem roten Abendhimmel, und aus den Wiesen steigen immer wieder Schwärme gackernder Perlhühner auf. Die brüchigen Fensterläden stehen offen, und die Säulen der Veranda beschwören sehnsuchtsvoll die guten alten Zeiten. Das verstaubte Interieur mit veralteten Gegenständen bezeugt das Leben früherer Generationen, und in der Anrichte findet sich der verwaiste Nippes der Vergangenheit. Draußen stimmen Tausende von Grillen ihr nächtliches Konzert an. Es lebe die Nostalgie!

Die Kraniche und der Philosoph

Wir verlassen die Weinberge und erklimmen in praller Sonne den Anstieg in den Riviersonderend Mountains. Wir spüren erste Anzeichen einer Sehnenreizung und meinen in der Hitze zu verdursten. Sonias Thermometer misst 48 Grad Celsius, wir sind wie bedusselt und kurz vor einem Sonnenstich. Erschöpft suchen wir Zuflucht in einer Betonröhre unter der Straße. Das kann ja heiter werden! Afrika, o Afrika!

Sonia ist außer sich und rot wie ein Krebs. Wir müssen unsere Zeit besser einteilen. Wir gelangen in die landwirtschaftlich geprägte Region von Overberg, schlagen einen Weg durch das Genadendal ein und erwarten gespannt das erste Zusammentreffen mit weißen Farmern. Ob es wohl stimmt, was man über sie sagt?

Der Tag neigt sich seinem Ende zu, und meine rechte Wade ist ohne jede Kraft. Ich humpele und fürchte einen Krampf. Haben heute viel zu wenig getrunken. Sonia trottet vorweg. Kein Wunder: Sie hat eine Flasche Cola weggezischt, während ich heroisch das Kamel gespielt habe. Sie lässt sich wirklich nicht unterkriegen!

Wir biegen in eine Pappelallee und halten unsere Wanderstäbe fest umklammert. Die weißen Farmer sollen scharfe Hofhunde haben. Rechts und links im fetten Gras muhen gutmütige Kühe. Dann taucht ein getigerter Boxer auf, bellt und fletscht die Zähne. »Halte dich nah bei mir«, sage ich, »aber gehe weiter, als wäre nichts.«

In zehn Meter Entfernung bleibt das Tier mit hochgezogenen Lefzen stehen, fängt an zu wedeln und fordert Streicheleinheiten. Wir atmen auf!

Unser neuer Begleiter geleitet uns zum Tor einer Farm. Dort treffen wir mit einem Pick-up zusammen. Ein wahrer Muskelprotz mustert uns. Mit seiner Ray-Ban-Brille sieht er aus wie Raymond Devos. Kaum habe ich uns vorgestellt, beginnt er freundlich zu lächeln und stammelt eine Begrüßung.

»It’s a long way! You are more than welcome! Let’s have a drink, you must be tired. «

Wicus Leeuwnar ist niederländischer Herkunft und Milchbauer. Er besitzt etwa 100 kleine braune Kühe von der Kanalinsel Jersey, die für ihre gehaltvolle Milch bekannt sind. Hanlie, seine kleine Frau mit Mäusestimme, öffnet uns die Tür zu einem mit rosa Teppichboden ausgelegten Zimmer, in dem ein riesiges Doppelbett steht. Ich bin beschämt. Wir hatten doch nur um einen Platz auf dem Boden gebeten, wo wir unsere Schlafsäcke hinlegen wollten. Natürlich ließe sich auch das machen, sagt Wicus lachend.

Dann zeigt er uns die hardworking ladies vom Hof, denn es ist Zeit zum Melken. Im Stall werden sie uns alle namentlich vorgestellt: Margaret, Louisa, Annie ... Mit seinen behaarten Händen fährt er ihnen zärtlich durchs Fell. Er lobt ihre treuen Augen und ihre Milch, die sich so gut zur Herstellung von Käse eignet. Die lokale Bevölkerung verträgt die unbehandelte Milch nur schlecht, wohl aber die fettreichen Sauermilchprodukte.

Später sehen wir uns beim Bier wieder. Wicus verbietet uns, am folgenden Tag aufzubrechen, denn er will uns noch seine Blauen Kraniche zeigen, die in Südafrika unter Schutz stehen. Dass wir diese Vögel nicht kennen, erstaunt ihn, der einem Verein zur Rettung der Tiere vorsteht. In diesen Tagen findet man die hübschen Jungvögel zu Hunderten auf den Stoppelfeldern. Der Januar ist hier hochsommerlich. Der Weizen ist schon geerntet, die Stoppeln knacken unter unseren Reifen, und wir fahren schnurstracks über das trockene Feld, bis Wicus stoppt und uns warnt: »Passt auf, wo ihr hintretet, bloß nicht drauftreten!« Die vertrauen aber auch niemandem, diese Buren ...

Und wirklich, mitten im Nichts hockt ein blaues Kranichküken und beobachtet, wie sein kleiner Bruder gerade schlüpft. Das Ei sieht aus wie ein Stein, und das Vögelchen stellt sich tot, als wir uns nähern. Dank des rötlichen Köpfchens und des bunten Gefieders könnte man es mit zwei Kieseln verwechseln.

Wicus unterbricht unsere Betrachtung mit ein paar Erläuterungen. Die Vögel bauen weder Nest noch Höhle, sodass die Bussarde sie aus der Luft nicht ausmachen können. Schon ein kleines Stück Eierschale wäre wie ein Morsezeichen an alle Raubvögel. Also frisst die Kranichmutter die Schale nach dem Schlüpfen auf. Sie muss sich hier in der Nähe aufhalten. Etwa 100 Meter entfernt tut der wunderhübsche blaugrau gefiederte Stelzvogel, als würde er uns nicht sehen, und pickt Getreidekörner aus den Stoppeln.

Wicus hält das Küken liebkosend in seiner Pranke und erzählt, dass es hier von den Kranichen vor zehn Jahren gerade einmal 200 Paare gegeben hat und die Art auszusterben drohte. Seitdem die Farmer nach der Ernte mit dem Pflügen warten und weniger Pestizide einsetzen, welche die Eierschale schädigen, ist die Population auf 200 000 angewachsen. Das ist ein Sieg, nicht nur für seinen Verein ...

Sonia stößt einen Schrei aus. Der kleine Bruder zu unseren Füßen hat ein Stückchen Schale herausgebrochen und kommt ans Licht der Welt. Angesichts dieses kleinen Wunders sind wir alle drei zu Tränen gerührt.

Am selben Abend hält Wicus uns einen Diavortrag. Jedes Bild ist ein Meisterwerk. Er hatte vergessen zu erwähnen, dass er ein Fotograf von Weltrang ist, in allen wichtigen Naturzeitschriften veröffentlicht und auch ausbildet ...

Wir beenden den Abend mit gegrillten Langusten, das Stück ein Kilo schwer, einfach köstlich!

Die Begegnung mit »unseren« ersten Buren macht uns betroffen. Wicus Leeuwnar ist der erste einer endlosen Zahl von Farmern hier, die das Klischee vom Rassisten Lügen straft ...

Von Concordia nach Stormvlei, Dienstag, 23.1.2001,

23. Tag, 28 Kilometer bis km 318

Wie jeden Abend vertrauen wir dem Zufall. Der Weg leitet unsere Schritte und bestimmt unser Schicksal. Morgens wissen wir nicht, wo wir am Abend landen. Unsere Waden, Sehnen und Bänder gewöhnen sich langsam an die Beanspruchung, und so mancher unserer Gastgeber bereitet uns morgens ein wunderbares Picknick, das wir tagsüber im Schatten eines Baumes in freier Natur verzehren. Wir treffen auf zahllose Höfe und auf Landarbeitersiedlungen.

Heute verheddern wir uns in einem Gewirr aus Stacheldrahtzäunen, die quer über die Felder gezogen sind. Vor unseren Augen stärken sich Störche für ihren langen Flug gen Norden. Sie nehmen genau unsere Route, doch sie brauchen dafür keine drei Jahre, sondern drei Monate. Vögel sehen wir jetzt mit anderen Augen ...

In einem Waldstück sehen wir einen weißen Bauern und seinen schwarzen Arbeiter. Sie roden, schaffen Platz für Zitronenbäume. Seite an Seite haben sie ein komplexes System von Bewässerungsgräben angelegt. Wenn man zusammenarbeitet, geht einiges leichter ...

Später gelangen wir wieder in ein Weinbaugebiet und lesen auf einem Schild Grootkloof. Man hat uns erzählt, dass wir hier Höhlenmalereien der Buschleute finden würden. Wir biegen in eine Allee und gelangen zu einem Anwesen mit modernen Skulpturen, wo wir auf einen alten Mann treffen und ihn nach Laubscher van der Merwe und nach den Felszeichnungen fragen.

Laubscher ist sein Bruder. Er bittet uns herein.

Der Zufall hat uns hier mit einem Mann zusammengeführt, der 1984 an der ersten und heimlichen Annäherung zwischen ANC (African National Congress) und dem Apartheidsregime beteiligt war. Während seines Gefängnisaufenthaltes hatte Nelson Mandela als persönlicher Freund seine Kinder in Obhut genommen. Ehefrau Elsbeth ist Bildhauerin und empfängt uns in heiterer Stimmung. Sie lädt uns zum Abendbrot ein.

Unsere Befangenheit lässt sich nur schwer verbergen, aber Harvey weiß uns zu beruhigen: Er sei an der Schwelle zur ewigen Stille und hätte unbändige Lust zu kommunizieren. Er freut sich, dass wir wandern, und erzählt, er hätte in Kapstadt 15 Jahre lang eine Bergsteiger-Zeitschrift geleitet ...

Und wir diskutieren über den Himalaya, über Afrika und auch über Politik. Sein noch intaktes Auge leuchtet, als unser Gespräch auf die Menschen kommt. Die Gedanken und der Erinnerungsfluss des ehemaligen Vermittlers und Friedensstifters sind unerschöpflich. Selten gönnt er sich, ermattet, eine Pause, um danach mit umso mehr Enthusiasmus seinen von philosophischen Weisheiten durchwebten Erfahrungsschatz mitzuteilen. Sein ausgemergelter Körper und sein blindes Auge hindern ihn nicht, große Hoffnungen für sein Land zu hegen:

»Kein Friedenspreis der Welt wird jemals der Größe und den einzigartigen Leistungen eines Mandelas entsprechen, seinen Kerkermeistern zu verzeihen und ohne Blutbad alle Ethnien und Volksgruppen um sich zu scharen. Es ist, als würde jeder Einzelne wieder in die Schule geschickt. Und wenn die Wette aufgeht, besteht eine reelle Chance, dass unsere Wunden innerhalb einer Generation verheilen. «

Harvey sieht seinem Tod mit der Gelassenheit eines Menschen mit einem erfüllten Leben entgegen. Und wie alle Quäker glaubt er nicht, dass seine Gebete Gott erreichen, sondern dass es auf seine Taten ankommt. Dennoch freue er sich, sich in Kürze an Gott wenden zu können, denn er hätte ihm eine Menge zu sagen ...

Am nächsten Morgen erscheint er fröhlich beim Frühstück, umarmt Sonia und gibt bekannt, dass er sich so stark fühlt wie schon lange nicht mehr und stark genug, um uns einige Kilometer zu begleiten.

Auf dem Kopf eine Schirmmütze, einen winzigen Rucksack geschultert, die Wanderschuhe zum letzten Mal geschnürt, folgt er uns gemächlichen Schrittes die Allee von Grootkloof hinunter. Sein kleiner Hund teilt seine Freude.

Harvey ist überglücklich, mir schnürt es die Kehle zu, doch ich trage ein Lächeln zur Schau. Wenn er umkehrt, werden wir ihn niemals wiedersehen. Unser schnurgerader Pfad scheint mir wie das Sinnbild seines Lebens ...

Der Weg führt uns nach Osten, der Sonne, dem Licht entgegen. Sein gesundes Auge leuchtet auf. Vier Kilometer später holt Elsbeth ihn mit dem Auto ab. Als wir uns trennen, flüstere ich ihm ein Sprichwort aus dem Tibet ins Ohr: »Wenn du am Gipfel angekommen bist, klettere weiter!«

Harvey bleibt mitten auf dem Weg stehen, um uns nachzuschauen, uns mit ermüdetem Arm nachzuwinken und auf seinen Hund zu warten, der uns noch ein Stück begleitet und sein Spiel und seinen Traum verlängert.

Der Gruß eines Weisen.

Dass wir am Abend nach einem langen Marsch in einer Schule für schwer erziehbare Kinder Unterschlupf finden, scheint uns wie eine Antwort auf die kämpferischen Hoffnungen Harveys zu sein. Die Probleme hier beruhen nicht etwa auf der Hautfarbe, und die Heranwachsenden in ihren Uniformen – very british – stammen aus allen Schichten. Gegründet wurde das Olyfkrans College in Swellendam von Adriaan und Louise Mocke, einem idealistischen Mittfünfziger und seiner malenden Frau, welche großherzig und lächelnd der Sippe vorsteht.

Nach einem Glas Bordeaux erklärt uns Adriaan das Internat, erzählt von den ausgestoßenen Kindern, die hier eine neue Heimat und eine Art großer Familie finden. Kein Lernen ohne Liebe ... Sie alle wohnen in einer Siedlung historischer, liebevoll restaurierter Strohhäuschen, und wir begreifen umgehend, was Adriaan unter einer »großen Familie« versteht. Alle Augenblicke kommt einer mit einer Herzensangelegenheit, einem Schnupfen oder einer unaufschiebbaren Idee. Das erfordert ein hundertprozentiges Engagement. Louise erzählt uns von dem pädagogischen Konzept. Man bemüht sich, dass jede Persönlichkeit eine Möglichkeit der Entfaltung erhält. Es geht nicht so sehr um Integration in die Gesellschaft, die Jugendlichen sollen nicht die Anpassung, sondern ihr Leben meistern lernen. Dann wird auch etwas aus ihnen. Zu den Ehemaligen zählen etliche Journalisten, Künstler, Umweltaktivisten, eine Fernsehansagerin, mittelständische Unternehmer, lauter lebenstüchtige Existenzen.

Unser Gespräch kreist um Frankreich, die Kultur und die Religionen. Adriaan begeistert sich für Klosterarchitektur und hat ein halbes Dutzend Mal Mont-Saint-Michel besucht.

Abends bei Kerzenschein halten wir einen kleinen Vortrag vor der überaus interessierten und lebenshungrigen Jugend, und die Sitzung schließt mit einem von einem Rap begleiteten Flötenduett. Adriaan fragt, wer uns wohl am nächsten Tag begleiten möchte: Es werden so viele Kilometer marschiert wie Jugendliche mitkommen. Nach anfänglichem Enthusiasmus reduziert sich die Zahl auf 15.

Also brechen wir auf: mit zwei artig-verschmitzten Farbigen namens Christo und Civil, dem Computer-Freak Johnny, dessen Brustmuskeln so stark wie seine Stimme schwach ist, dem hinkenden Kahlkopf Peter, der vor verrückten Ideen strotzt, Ian, einer langen Bohnenstange mit einem ausgesprochenen Faible für Autos ... Die Jugend in ihrer ganzen Herrlichkeit! Schritt für Schritt erschaffen wir uns eine neue Welt. Christo und Civil wachsen uns ans Herz, der eine sammelt Schlangen und will Chemiker werden, um ihr Gift sinnvoll zu nutzen, der andere besitzt Brieftauben und möchte als Landschaftsgärtner arbeiten, weil er als Herrscher allein die Natur anerkennt ...

Von Heidelberg nach Riversdale am Dienstag,

den 30. Januar 2001.

30. Tag, 32 Kilometer bis km 455

Wir laufen auf einer Nationalstraße. Manchmal lässt sich das nicht umgehen. Gestern haben wir 60 Kilometer zurückgelegt und waren gegen 22 Uhr bei Christophe Lombard, einem emeritierten Professor für Afrikaans-Literatur, gelandet, um mit unseren vor Schmerzen schreienden und von Muskelkater gelähmten Körpern der spannenden Geschichte seiner Sprache zu lauschen.

Es waren französische Hugenotten, die 1875 eine erste Grammatik aufgestellt und zum Zwecke der Einheit der »kosmopolitischen Republik am Kap« den Gebrauch anderer Sprachen verboten hatten. Afrikaans ist eine Mischung aus Holländisch, Malaiisch, kreolischem Portugiesisch und Anleihen aus dem Französischen; Muttersprache von rund sechs Millionen hauptsächlich farbiger Afrikaner.

Der Sprache liegt die Idee zu Grunde, sich von der linguistischen Vorherrschaft Europas zu befreien. Deshalb sprechen Lombard und Co trotz ihrer französischen Herkunft und ihrer Namen zu ihrem Bedauern nicht die »wunderbare Sprache Molières«.

Heute jedenfalls ist ein Festtag, denn wir bekommen Gelegenheit, unsere Socken zu wechseln. Vorhin hatten wir schon gemeint, ein Auto wollte uns überfahren, als seine Fahrerin plötzlich auf den Seitenstreifen auswich. Bei der untersetzten, impulsiven Dame handelte es sich um Désirée Kingwill, unsere Gastgeberin in Genadendal, die uns die versprochenen Mohairsocken brachte. Désirée ist ein Engel!

Es geht weiter. Vor uns schlängelt sich die geteerte Straße bis in die Unendlichkeit. Wir durchmessen nicht den Raum, sondern die Zeit. Bis zu den Antennen da am Horizont sind es wohl noch zwei Stunden ...

Wandern heißt Warten und bedeutet Kultivieren der Geduld. Sobald ich mich umdrehe, meine ich, nicht vorangekommen zu sein, meckere über Dinge in der Nähe, an denen wir doch schon vor Stunden vorübergegangen sind. Sonia ist ganz anders. Sie ist wunderbar. Sie nimmt ihr leichtes Humpeln nach der gestrigen, überlangen Strecke klaglos hin. Jeder Tag an ihrer Seite ist eine Liebeserklärung ... Auf die immer neu auftretende Frage, warum wir zu einem dreijährigen Fußmarsch aufgebrochen sind, könnte ich antworten: »Um jede Sekunde des Lebens mit meiner Frau zu teilen.« Alles andere ist Beiwerk. Unterwegs singen wir, führen endlose Unterhaltungen, planen und entwerfen. Noch nie zuvor haben wir so viel Zeit gehabt.

Fernholt Galant ist Inspektor und kontrolliert die Einhaltung der affirmative action (die Förderung der Schwarzen nach Quoten) in 53 Schulen seines Distrikts. Der Farbige, ein Freund Adriaan Mockes, bewohnt ein gutbürgerliches Haus, »... denn wir sind hier die einzigen Nicht-Weißen ... «. Ein Pionier!

Ganz einfach ist das nicht. Seine Familie hat kaum Kontakt zu den Nachbarn. Die erkennen den gewissen Wohlstand und unterstellen sofort Korruption. In ihren Augen ist es unmöglich, dass es ein Farbiger auf rechtmäßigem Wege zu etwas bringt. Das lässt sich erst überwinden, wenn alle gemischt wohnen und man sich kennenlernt. Es sind die Nachwehen der Apartheid, die die Weißen am Kontakt mit Nicht-Weißen hindern. Die affirmative action ist ein Regierungsprogramm zur Förderung der »Durchmischung« zum Ausgleich für die während der Apartheid versagten Bildungschancen.

Am nächsten Nachmittag begleiten wir ihn zu seinem (einzigen) Sohn in ein Leichtathletik-Stadion. Er prophezeit, dass wir Aufsehen erregen werden. Wir verstehen nicht. Aber natürlich! Ein weißes Paar in seiner Begleitung! Man wird sich fragen, wer wir seien, was wir im Schilde führten. Schließlich seien wir hier in einer Provinzstadt!

Und wirklich dreht sich das Publikum nach uns um. Schwarze und weiße Blicke drücken unterschiedlichste Gefühle aus. Nicht dass wir missfielen, aber man wundert sich und quittiert dies mit einem ungelenken Lächeln. Fernholt freut sich über die Wirkung.

Dabei befinden wir uns hier sozusagen auf einem Versuchsgelände – eine Privatschule, in der (unter Aufsicht Fernholts) alle Schüler gleichberechtigt sind. Doch was sich die Eltern für ihre Kinder wünschen, können die älteren Leute nicht so leicht verwirklichen. Wirklich ändern tut sich erst etwas in der heutigen Generation.

Und wie zum Beweis fällt Priscilla, die Gattin von Fernholt, Sonia beim Abschied weinend in die Arme und dankt uns für unseren Aufenthalt. Noch nie zuvor hatten sie und ihr Mann einen so engen Kontakt zu Weißen ...

Verwirrt und beschämt und doch voller Freude über unsere Bekanntschaft wenden wir uns ab und träumen von der Sehnsucht einer ganzen Nation.

Sonia jucken die Füße. Die Blasen heilen, und doch ist es eine Tortur. Sie beißt die Zähne zusammen, aber nach ein paar Kilometern kann sie es nicht mehr ertragen. Sie schleudert die Schuhe von den Füßen. Unter den Socken sind die Füße rot und angeschwollen. Que pasa? Eine Mohairallergie! Die Arme muss wieder ihre alten zerlöcherten Strümpfe überziehen.

Kurz vor Albertina kaufen wir an einer Tankstelle einen Schokoriegel, als wir von einer brünetten Afrikanerin ad hoc zum braai eingeladen werden. Pauline du Plessis baut Tomaten an und erzählt uns bei halsbrecherischer Fahrt, dass sie reinrassige Araber züchte und Pferdeflüsterin sei. Hauptabnehmer ihrer Reittiere ist ein Scheich in Dubai.

Kaum auf ihrem Hof angelangt, nimmt sie Gelegenheit, uns ihre Begabung vorzuführen: Ungezwungen, aber wohlbedacht betritt sie eine Umzäunung, in der ein überspannter Hengst stampft und scharrt und mit seinen ausschlagenden Hufen dichte Staubwolken aufwirbelt. Sie beginnt einen fremd anmutenden Tanz mit dem Tier: einen Schritt nach links, zwei nach rechts. Und der Hengst beruhigt sich. Dann nähert sie sich ihm, die Schultern schwingend. Das Tier wirkt wie betäubt; Paulines Erklärung: Pferde sind »Linkshänder«, man darf sich nicht von links nähern. Einige Tiere lernen die Annäherung zu ertragen, doch ihnen ist niemals wohl dabei. Sie sind sehr schreckhaft. Sie benötigen Raum zum Flüchten. Die Kommunikation findet über die Brust statt.

Sie pustet dem Tier liebevoll zwischen die Nüstern, der beschwichtigte Hengst senkt den Kopf, und Pauline ergreift seinen Schweif. Wir verharren unbeweglich, während sie ihm die Schenkel liebkost und er sich glücklich entspannt.

Ein rotbraun behaarter, bärtiger Riese taucht auf und stellt sich als Gerhart vor, der uns vorschlägt, zu Pferde anstatt zu Fuß weiterzureisen. Das würde wohl kein Pferd schaffen ... Es folgt ein explosionsartiges Lachen, dann eine Verwünschung: »Gerhart! Kak Man!« Pauline landet auf ihrem Hintern, und der Gaul macht sich aus dem Staub.

Abends tauschen wir uns über den Islam und die arabischen Staaten aus. Zum Erstaunen der Versammelten rezitiere ich Pauline eine Sure aus dem Koran, die sich zum bösen Blick bei geschäftlichen Verhandlungen äußert ... Alljährlich nimmt diese hartgesottene Frau an einem Ausdauerwettbewerb im Orient teil: 500 Kilometer auf dem Rücken eines Pferdes. Das sei schließlich eine gute Werbung für ihre Pferde und ihre Sättel. Pauline hat sich einen Sattel aus Kohlefaser patentieren lassen, den ihr die Reiter aus den Händen reißen. Die südafrikanischen Farmer sind alle auf der Suche nach alternativen Beschäftigungen. Pauline ist auch eine Expertin für Stiefel, Hufe und Hufeisen, und sie weiß eine Lösung für die gemarterten Füße meiner geliebten Gefährtin: Socken aus Opossumwolle, frisch importiert aus Australien!

Abends am Feuer unter freiem Himmel erzählt Gerhart von seinen Erlebnissen im Angolakrieg als reitender Spion, vom Tod seiner Freunde in einem Hinterhalt, dem strahlenden Sieg, der Fahnenflucht der Amerikaner bei der Umzingelung von Luanda, der nachfolgenden Anarchie, die ihnen und ihrer Haltung recht gab. Und während wir auf unser Fleisch warten, stimmt er mit tiefer Stimme ein altes Lied der Buren an, dessen Text mir bekannt vorkommt, das ich aber nie verstanden hatte: »O Sarie Marais ... «; es hieß bei mir »Ö Sarimares ...«, und Gerhart klärt mich auf, dass es von einer Burin und ihrem Kampf gegen die rooineks, die Rotschwänze (also die britischen Soldaten, die auch auf dem Penis Sonnenbrand bekamen), handelt, welche sie von ihrem französischen Liebhaber getrennt hatten ...

Zur Feier dieses Kampfes gegen das perfide Albion trinken und singen wir die ganze Nacht hindurch, bis unsere Koteletts schwarz wie Holzkohle sind ...

Der große Weiße und die kleinen Farbigen

Mossel Bay, Montag, 5. Februar 2001,

36. Tag, 46 Kilometer bis km 541

Nach einem Monat kommen wir an den Indischen Ozean, haben aber vom Kap noch keinen Kilometer in Richtung Norden gutgemacht. Unser Weg führt entlang der Garden Route durch eine Region, die für eine üppige Vegetation, mildes Klima und seinen britischen Charme berühmt ist.

Bis jetzt hatte Afrika wenig Gelegenheit, sich uns zu offenbaren. Wir wähnen uns in Europa, nur dass es hier opulenter und großzügiger ausfällt. Ein wundervoller Start. Allein die interessanten Begegnungen mit all den verrückten Persönlichkeiten unterwegs verweisen auf das Potenzial, die geistige Freiheit und den spirituellen Reichtum dieses Kontinents.

Der kürzeste Weg hätte uns durch die angeblich von Buren und ihren Ziegen bewohnte Wüste Karoo geführt, doch herrschen dort jetzt, im Hochsommer der südlichen Hemisphäre, Temperaturen von 40 bis 50 Grad Celsius. Alle 90 Kilometer träfe man in etwa 15 Kilometer Entfernung von der von wenigen Lastern befahrenen Nationalstraße Nr. 1 auf eine Farm. Da wir aber wandern, um Leute zu treffen, beglückwünschen wir uns zu unserer Entscheidung.

Gestern, noch auf der Nationalstraße Nr. 2, hielt neben uns ein riesiger blauer Mercedes mit getönten Scheiben. Aus dem Wagenfenster reichte man uns mit spitzen Fingern eine Visitenkarte: »Falls ihr durch Plettenberg Bay kommt, besucht uns doch zu Hause!«

Die Scheibe ging wieder hoch, und das Auto brauste von dannen. Niemand würde uns das glauben, aber ich hielt ja das Papier in meinen Händen: Mike and Jill Wells. Seit wir unterwegs sind, haben wir nicht ein Mal draußen oder in einem Hotel übernachtet …

Mossel Bay, das Tor zur Garden Route, ist auf den ersten Blick nichts als ein weiterer Badeort für die sich langweilende Generation der Rentner. Doch der Strand ist wirklich einzigartig, und zwar aus drei Gründen.

Primo: die Geografie. Es ist als einziger Strand des Landes nach Norden ausgerichtet und bietet einen unvermuteten Blick auf den sich längs der Küste erstreckenden Zug der Outeniqua-Berge sowie eine im Vergleich zu den entfesselten südlichen Breiten sanftmediterrane Brandung. Secundo: die Geschichte. An diesem Strand war einst als erster Europäer der Portugiese Bartholomäus Diaz an Land gegangen, nachdem er zwei Monate und 500 Kilometer zuvor das Kap der Guten Hoffnung gerundet hatte. Damals wurde der erste Briefkasten in Form eines Loches in einem afrikanischen Olivenbaum in Betrieb genommen, der über 200 Jahre lang als Postlager für Seefahrer diente. Tertio: die Fischkunde. Einige Kabellängen vor dem Ufer halten sich reichlich Haifische auf, die Jagd auf die Pelzrobben machen – Selbstbedienung nach Art des Weißen Hais. Der Strand ist von den Viechern glücklicherweise noch nie heimgesucht worden, aber die Badenden entfernen sich ohnehin nicht allzu weit vom Ufer. Man respektiert hier eben das Revier des anderen.

Auch hier taucht wieder jemand buchstäblich aus dem Nichts auf und fragt nach dem Befinden der Wanderer. Auf unser Erstaunen hin erklärt er, dass seine Frau uns am Morgen überholt und sich gefragt hatte, wohin wir wohl wollten.

»Nach Jerusalem!«

Pause.

»Wenn das stimmt, müsst ihr unbedingt bei uns vorbeikommen. Sonst denkt sie, ich hätte getrunken!«

Richard Ambler-Smith war einst als Straußenfarmer tätig. Als Rentner vertrödelt er seine Zeit im Touristenbüro. Also lobt er seine Region, denn schließlich gibt es nur wenige Orte auf der Welt, wo man Weiße Haie beobachten kann: zum einen in Australien und dann in Südafrika, und zwar in Mossel Bay, Gans Bay und False Bay. Am folgenden Tag wird er uns mit Roy bekannt machen, der uns mit hinausnehmen will, um diese Tiere aus der Nähe zu betrachten.

Im Morgengrauen erwarten uns Roy und Jackie auf der INFANTE, einem roten Segler aus Ferrozement, der glücklicherweise keine Touristenfalle ist. Roy, ein gealterter, sonnengebräunter beau mit weißem Haarband und lockeren Mundwerk, geht uns offensiv an: »Wir zeigen euch ein Wunderwerk der Schöpfung, das direkt aus dem Mesozoikum stammt und so perfekt ist, dass es von der Evolution unberührt blieb. Allein die Menschen bedrohen seine Existenz. Aber wir sind hier nicht im Zirkus, und das vom Aussterben bedrohte Tier bedarf der Geduld ... «

Roy besitzt ein ebenso großes Maul wie seine Schäfchen, und wir lernen, dass er der einzige Mensch sei, der beobachten konnte, wie ein Hai auf offener See sein Geschäft verrichtete. Obwohl Haie keine Kiemen besitzen und sich dauernd fortbewegen müssen, stoppen sie zum Defäkieren ab und entledigen sich krampfartig. Roy bietet nicht nur verklärte Informationen, sondern ist auch wichtiger Gewährsmann für die Wissenschaft, dazu in Sachen Statistik unschlagbar: Im Februar beträgt die Chance nur 35 Prozent, eines Tieres ansichtig zu werden. Wir ankern ein paar Meter von der Insel der Robben entfernt. Natürlich in Lee, wo uns die Ausdünstungen der Gezeiten in die Nase steigen.

Um die Tiere anzulocken, wendet Roy eine »ökologische« und effiziente Methode an und zieht ein Stück verdorbener Haifischleber an der Wasseroberfläche hinter dem Boot her. Das wittern die Tiere im Umkreis von mehreren Kilometern.

Dann heißt es warten. Wir kochen in glühender Sonne, und die Stunden verstreichen, ohne dass unser schwatzhafter Begleiter sich in seinem belehrenden Redefluss unterbrechen ließe.

Uns überkommt eine bleierne Müdigkeit, die auch auf die Tablette gegen Seekrankheit zurückzuführen ist, die uns der Kapitän aufgezwungen hat – vielleicht, um meckernde Kunden zu besänftigen ...

Roy »beruhigt« uns, die Haie würden regelmäßig mittags gegen halb eins auftauchen, wahrscheinlich von der Gewerkschaft verordnet ...

Warten macht hungrig und Seeluft auch! Glücklicherweise kocht Jackie wirklich gut. So manche Feldküche war schließlich schon kriegsentscheidend. Gegen 16 Uhr nachmittags wirft Roy entnervt das Handtuch. Weder an diesem noch am folgenden Tag haben wir Glück. Am dritten lässt die Statistik auf Erfolg hoffen. Um 14.45 Uhr endlich der erlösende Ruf: »Hai an Steuerbord!«

Sonia und ich lassen uns in den an der Bordwand festgebundenen Unterwasserkäfig fallen. Seite an Seite durchpflügen wir die dunkle, blaugrüne See, als plötzlich ein vier oder fünf Meter langer Hai auftaucht, unerschrocken und nahezu unbeweglich, und ganz offensichtlich seine bestialische Kraft zurückhält. Wie er vor unserem Käfig hin und her schwimmt, scheint er fast ein wenig schüchtern, vorsichtig und feinfühlig, selbst beim Morden. Er nähert sich dem Stück Haifleisch, mit welchem Roy ihn ködert, folgt ihm mit weit aufgerissenem Maul und schließt sein messerscharfes Gebiss. Die dreieckigen Zähne schneiden sich durch das Fleisch, keine 30 Zentimeter von unseren Taucherbrillen entfernt. Sonias Augen sehen in der Wolke der Luftbläschen riesig aus.

Kaum ist seine Mahlzeit verschlungen, dreht das gefräßige Tier eine weitere Runde. Als ich meinen Arm ausstrecke, um ein Foto zu machen, schießt er auf mich zu. Sein schwarzes Auge erforscht mich bis tief in die Seele, seine Flanken zucken, mit seiner glänzend grauen Haut gleitet er widerstandslos durch das Wasser, die Rückenflosse durchschneidet die See, die Brustflossen bewegen sich präzise, alles an ihm ist dazu angetan, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Ein seltenes, ein majestätisches Schauspiel der Natur, bei dem wir gar nicht glauben können, wir seien gekommen, einen der letzten Weißen Haie zu betrachten, sondern umgekehrt, als würde das Tier uns in unserem Käfig begaffen.

Und dann holen uns Roy und Tina ins Leben zurück: »Seid ihr raus aus dem Käfig und habt den Weißen Riesen geritten? Glücklich, den big sixth gesehen zu haben?«

Für uns ist es der big first, denn wir haben bisher weder einen Löwen noch einen anderen der big five getroffen. Zum Ausgleich bietet man uns Strauße an, will uns eine der beiden Farmen in Oudtshoorn zeigen. Und wieder wird doziert: »Der Straußen-Boom geht auf die Jahrhundertwende zurück. Die Damen der Belle Époque waren ganz versessen auf die Schwanzfedern und drapierten sie auf ihren Hüten, bis sie durch keine Tür mehr kamen.« Wir staunen ... Erneute Belehrung: »Die Erfindung des Automobils hat diese Mode erledigt.«

Eine Provokation unsererseits: »War es nicht vielleicht der Stacheldraht?«

Und so weiter und so fort ...

Nach kurzer Besichtigung des Brutraums geht es hinaus auf die Ranch. Eine Gruppe männlicher Tiere wärmt sich für ein 400-Meter-Rennen auf. Mit ihren langen nackten Hälsen sind sie viel größer als die ostrich boys, welche sie aufzäumen. Richard hat den Besitzer überredet, dass ich gegen sie antreten darf.

Pancras, ein dem Genozid entkommener Mann aus Ruanda, der zur Betreuung französischsprachiger Gäste eingestellt ist, erklärt mir, wie ich das Reittier im Zaum halte. Es ist »ganz einfach«: Will ich nach rechts, drücke ich den rechten Flügel nach unten und hebe den Linken an, und umgekehrt.

Die Farbigen sammeln sich an einer Linie und sitzen mit einem Sprung auf, wobei ihre Schenkel entlang des Straußenhalses unter die heißen Flügel gleiten. Nach zwei misslungenen Versuchen bin auch ich oben, und es kann losgehen! Auf ein Zeichen fallen die Tiere in einen scharfen Trab, und ich klammere mich verzweifelt an einem wenig vertrauenswürdigen Federbüschel fest. Wir sind schnell wie der Wind! Dann beginne ich zu rutschen, werde durchgeschüttelt und durchgerüttelt; nur der Straußenhals reckt sich scheinbar bewegungslos gen Himmel. Mit letzter Kraft, aber ohne große Hoffnung, ziehe ich mich wieder hinauf. Der Strauß windet sich wie ein Wurm und legt zu. Ich sehe schon die Sterne, klammere mich an die Stummelflügel und riskiere einen Blick: Ich liege vorn! Sonia und Richard johlen wie die Buchmacher, als ich flach auf dem Vogel liegend über die Ziellinie presche.

Auf dem Rückweg erklärt Richard den erneuten Boom der Strauße mit ihrem Leder, den Eiern, dem fett- und cholesterinarmen Fleisch, das ideal für den amerikanischen Markt ist: Der Strauß ist ein wonderbird!

Als wir unsere Wanderung wieder aufnehmen, können wir kaum den Blick von den Straußen abwenden, die mit hoch aufgereckten, kahlen Hälsen und kokettem Blick dahinziehen und sich mit leichten Schlägen ihrer sonst nutzlosen Flügel unter der aufsteigenden Sonne des Karoo-Tals Kühlung verschaffen.

Wir folgen dem Schienenweg einer kleinen Dampfeisenbahn, die sich pfeifend die felsige Küste entlangschlängelt. Hin und wieder gelangen wir an einen einsamen Strand, wo wir uns als Erstes schnell der Stiefel entledigen, um das Barfußlaufen zu genießen. Doch der nasse Strand ist hart, und es ist etwas anderes, ob man im Sommer 300 Meter am Strand von Deauville schlendert oder hier 130 Kilometer wandert, bis sich das linke Bein wegen der Neigung verkürzt hat, die Waden buchstäblich sandgestrahlt sind und die Haare von der gewaltigen Gischt des tosenden Meeres triefen ... Parallel zum Ufer schwimmen Delfine, die es wie uns gen Osten zieht. Wie überall in der Welt wird auch diese Küste von vereinzelt in den Dünen stehenden, seltsam eklektizistischen Villen verunziert. In der Lagune von Knysna ergreifen wir die Gelegenheit, unsere Armmuskeln beim Paddeln zu trainieren, und nachts schließlich erreichen wir Plettenberg Bay, ein township im gar nicht so grünen Green Valley.

Wir überwinden unsere Ängste und klopfen an die Tür eines Hauses, das uns etwas weniger heruntergekommen erscheint als die übrigen. Es öffnet uns eine mandeläugige Frau mit einem Glockenhut, gefolgt von einem dünnen Mann mit wulstigen Lippen und hervorstehenden Augen, die uns sofort hereinbitten.

Esther und Isaac Wildeman sind Arbeiter, und sie bereiten uns in ihrer Hütte ein zauberhaftes Nachtlager. Dass es hier drinnen so hübsch und mollig ist, konnten wir nicht ahnen. Isaac erklärt, dass das Geld für den Hausbau von Mandela stammte, der jedem farbigen Arbeiter ein eigenes Domizil versprochen hatte. Vorher hatten die beiden in einem shack, einem eher provisorischen und gegen Regen und Sturm ungeschützten Verschlag mit Wellblechdach, auf der blanken Erde gelebt.

Noch beeindruckt von unserem Weg, der uns an zahlreichen Slums inmitten der Felder vorbeigeführt hat, fragen wir nach: Sie hatten Glück, es gab damals Materialgutscheine im Wert von 10 000 Rand (heute gut 1500 Euro), und sie konnten ihr eigenes Häuschen bauen und mussten nicht, wie in anderen Gemeinden, in eine auf freiem Feld erstellte monotone Siedlung ziehen, in denen eigentlich kein Mensch leben wollte. Dort entstand ein regelrechter Schwarzmarkt: Man erhielt ein Haus, vermietete es weiter und bemühte sich, an einem attraktiveren Ort unterzukommen. Wurde eine Hütte nicht bezogen, war sie bald geplündert und demontiert. Und warum wurden solche Siedlungen erstellt? Ein Grund liegt natürlich in der Korruption: Gemeinderäte und Unternehmer steckten unter einer Decke, man wirtschaftete in die eigene Tasche und siedelte die arme Bevölkerung preisgünstig, aber fernab von jeder Arbeitsmöglichkeit auf dem Lande an.

»Wir aber sind nicht zu vergleichen mit den illegalen Siedlern in der Umgebung. Wir haben schon immer hier am Kap gelebt, und das andere sind Schwarze, die von weit her kommen, die wurden vom ANC hergeschickt, um den Wahlausgang zu beeinflussen, es kamen ganze Busladungen ... Wer weiß, wovon sie leben? Sie stammen aus den Slums der Großstädte, und man hat ihnen bestimmt einiges versprochen, aber sie haben nichts erhalten. Und Mandela ist fern!«

Esther und Isaac haben Probleme mit jenen Siedlern: Die Leute verachten sie, sprechen kein Afrikaans, arbeiten nicht, gehen nachts auf Diebestour, trinken ...

Esther sieht trotz der hohen Wangenkochen und ihrer hellen Hautfarbe aus wie eine Asiatin und stammt sicher von den Khoisan ab, doch sie kann das nur vermuten. Sie hat ihre Eltern nie kennengelernt, wurde von einer weißen Farmerin in der Karoo aufgezogen und hat keine Vergangenheit. Heute arbeitet sie in Plettenberg bei einem indischen Tuchhändler, von dem wohl auch die aufwendige Ausstattung der kuschelig eingerichteten Hütte stammt.

Und dann hören wir ein Geständnis: Beide sind ehemalige Alkoholiker, haben es irgendwann geschafft, den Schnaps gegen den Glauben zu tauschen. Isaac war dem pop’ sack, einem billigen Weißwein in 5-Liter-Kanistern, verfallen, hatte seine Frau bestohlen und geschlagen, um seiner Obsession frönen zu können, hatte immer wieder seine Arbeit verloren, sich jeden Freitag besoffen, in der Hölle gelebt ...

Sein zahnloses Lächeln bestätigt die Eskapaden der Vergangenheit, als Esther von dem Akt der Befreiung erzählt: dass es irgendwann genug war, dass sie sich drei Wochen lang eingeschlossen, immer wieder gebetet und eine Gospelplatte lautgestellt hat, um seine Schreie zu übertönen. Sie lebte in Angst und Schrecken. Er trank drei Tage lang, sie hörte ihn stöhnen, die Kinder flüchteten zu Nachbarn. Einen Abend trat er die Tür ein, um nach Nächten auf dem Sofa im eigenen Bett zu schlafen ...

Etwas peinlich berührt berichtet Isaac dann von seiner »Erweckung«: Er hätte einen Tritt bekommen (nicht von Esther), war durchs Zimmer geflogen und »Amazing Graze« – ein ihm bis dahin fremdes Lied – singend aufgestanden, um nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren. Damit hatte sich sein Leben geändert!

Kaum zu glauben, dass dieser kleine adrette gläubige Mann einst ein solcher Säufer gewesen sein soll. Und dann erzählt uns Esther, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen hat:

»Ich trank, um zu vergessen. Natürlich weniger als Isaac, ich konnte so einfach besser einschlafen. Ich vernachlässigte das Haus, ich kochte nicht mehr, ständig hatte ich Kopfschmerzen. Eines Sonntags kam ich in die Kirche, als der Pastor vom reinigenden Wasser inmitten der Berge der Unwissenheit sprach. Urplötzlich bekam ich einen furchtbaren Durst, stürzte nach Hause und trank literweise Wasser. Ab diesem Moment wurde mir speiübel, sobald ich nur ein Glas mit Alkohol sah.«

Nach dem Abendessen lockt es uns hinaus auf die Straße. Alle Welt lebt draußen, denn in den Häusern ist es viel zu eng. Wir hören Glas splittern, Jugendliche mit Bierflaschen in den Händen scharen sich um einen Wachmann, zwei Alte kriechen am Boden, die Umstehenden lachen, ein grotesker Trauerzug. Eine Welt der Langeweile, der Untätigkeit und Armut, in der Alkohol wie Dynamit zünden kann ...

Die ganze Nacht über diskutieren wir mit Esther und Isaac, die so gern ihren Nachbarn helfen würden, den Alkohol zu überwinden. Wir versuchen sie zu unterstützen: »Gründet einen Verein! Sprecht mit dem Bürgermeister! Geht in die Familien, berichtet von eurer Erleuchtung, outet euch als ehemalige Trinker, man wird euch nachahmen! Ihr seid die Einzigen mit einem blühenden Garten, deswegen sind wir bei euch – das ist kein Zufall, ihr seid schon jetzt beispielhaft.«

Am Sonntag werden wir durch ein Klopfen geweckt. Esther tritt mit einem Frühstückstablett ins Zimmer. Wir staunen, und sie freut sich unbändig über die gelungene Überraschung.

Nach dem Mahl finden wir die beiden geschniegelt und gebügelt, bereit für den Gottesdienst, zu dem sie uns mitnehmen wollen. Im Land florieren die kleinen protestantischen Absplitterungen, in denen verlorene Christen Aufnahme finden und die gegenseitige Akzeptanz genießen. Ihr Tempel, ein kleiner Zementbau mit Wellblechdach, steht am Ende der kleinen Straße. Von überall laufen die Begeisterten herbei. Wir sind die ersten Weißen, die jemals in dieser Gemeinde übernachtet haben. Erstaunte Blicke, glückliches Lachen, man hat sich herausgeputzt. Rund 50 Leute drängen sich in dem kleinen Raum. Eine elektrische Gitarre erklingt. Es wird sehr laut. Der Verstärker ist voll aufgedreht, wir spüren die Vibration der Bässe in unseren Lungen – eine heiße, charismatische Show!

Einen Pastor gibt es hier nicht. Die Gläubigen haben die Sache selbst in die Hand genommen, die Anleitungen stammen nicht selten aus Handbüchern, die aus den USA importiert werden. Den Versammelten stehen fünf Prediger oder »Zeremonienmeister« gegenüber – darunter auch Isaac –, denen die Aufgabe obliegt, die spirituellen Höhenflüge mit einem Amen oder einem Hallelujah zu akzentuieren. Mittlerweile scheint das Dach in der heißen Sonne zu glühen, die Gesänge und Tänze gehen weiter, der Rhythmus wird schneller. Kein Vaterunser, kein Glaubensbekenntnis, kaum Lesungen, viel Einfühlungsvermögen und Sympathie, viele Liter Schweiß. Dafür werden Hände aufgelegt, gemeinschaftliche Bekenntnisse und Beschwichtigungen ausgerufen. Wir befinden uns inmitten der schnalzenden Runde, inmitten von Schreien, Tränen und Menschen in Trance, inmitten purer Emotionen!

Hier reagiert man sich ab, überwindet die Härten des Lebens mit gemeinsamen Gebeten und dem Tanz, der die Menschen einst bei den Stammesfesten am Feuer vereinte. Isaac ergreift das Wort: »Das Haus Gottes ist nicht aus Mauersteinen oder Zement gebaut, Gott wohnt in euren Herzen. Öffnet dem Herrn die Tür ... «

In diesem Augenblick erscheint im Türrahmen eine nachlässig gekleidete Frau mit zwei eingeschüchterten Kindern, der verstörte Blick zeugt von Not, die an die Stelle ihrer verblühten Schönheit getreten ist, sie zögert wie betäubt von den irren Gedanken, die sie hierhergeführt haben mögen.

Esther nimmt sie an die Hand und führt sie auf einen Platz nahe dem Eingang. Die Frau bricht in Tränen aus und stößt ein herzzerreißendes »Please! Help me!« aus. Sie ist offensichtlich am Ende ihrer Kräfte. Unsere Freundin erzählt uns, dass die Frau in alkoholischer Umnachtung ihre Schwester mit dem Schlag einer Flasche auf den Kopf getötet hat und nun nebst den eigenen drei Kindern die beiden Waisen der Schwester aufziehen muss.

Im Hinausgehen triumphiert Esther: Seit Wochen hatte sie sich vergeblich darum bemüht, die Frau in den Gottesdienst zu locken. Und auch Isaac begeistert sich und stellt uns Ewan Wildeman vor, seinen Vetter – Wunderkind und Abtrünniger des Tals, nunmehr Bürgermeister im reichen Plettenberg Bay. Bescheiden in einem T-Shirt gekleidet, aber doch mit einer gewissen hochmütigen Genugtuung begrüßt dieser seine Bekannten auf der Straße und dann uns. Wir fragen ihn nach einem seiner Mitarbeiter.

»Mike Wells? Ich bin mit seiner Tochter verheiratet!«

Beim Abschied bricht Esther in Sonias Armen in Tränen aus, und auch wir lassen uns von unseren Emotionen überwältigen. Selten fühlten wir uns angesichts so großer Güte und Selbstlosigkeit so sehr beflügelt! Esther, der Engel von Green Valley.

Am Nachmittag treffen wir erneut auf den Mann im weißen Mercedes, diesmal in Begleitung seiner entzückenden Gattin Jill und Tochter Shelley. Auf einer Vernissage hatten Adriaan und Louise Mocke von uns erzählt ...

Mike ist englischer Herkunft und hat gerade seinen Siebzigsten gefeiert. Der ehemalige Werbefachmann berät heute Gemeinden in der Umgebung von Plett, und er begeistert sich für unsere Wanderung. Er stellt sich vor, einen allgemein akzeptierten Sittenkodex zu entwerfen, der alle südafrikanischen Bevölkerungsgruppen auf die ihnen gemeinsamen Grundwerte festlegt anstatt auf die anarchischen und rohen Gesetze des Marktes und des Großstadtdschungels, die sich jetzt durchzusetzen scheinen.

Schwiegersohn Ewan schüttet Wasser auf unsere Mühlen, wettert gegen den Alkohol als Geißel der hiesigen Gemeinden und begrüßt den Vorschlag zur Einrichtung eines Vereins. Esther und Isaac verkörpern hier eine große Hoffnung. Ewan und Gattin Shelley, eine rothaarige Künstlerin und einst Aktivistin im Kampf gegen die Apartheid, mit ihren blondschöpfigen Kindern, die zu unseren Füßen im Sand malen, zählen ebenfalls zu jenen Menschen, die uns für die Zukunft Südafrikas hoffen lassen.

Am Nachmittag nimmt uns Shelley mit in ihre Galerie Small Miracles, in der Künstler aus dem ganzen Land ausstellen. Wir bleiben vor ein paar knalligbunten, mit Motiven afrikanischer Tiere handbemalten Keramiken stehen. Diese Ardmore-Keramik stammt aus der Gegend jenseits von Lesotho. Die Künstler sind Zulus, viele von ihnen sind HIV-positiv. Was für eine Fröhlichkeit angesichts dieses Dramas, des nahen Todes! Aber das ist typisch für Afrika – eine Art positiver Fatalismus. Und die Sammler reißen ihnen die einzigartigen Stücke aus den Händen.

Abends ein vornehmes Diner zu den Klängen von Johann Sebastian Bach. Es gibt Lammkeule mit weißen Bohnen, RoquefortKäse und einen Cahors, den Jill und Mike aus Rocamadour mitgebracht haben, wo sie ein Haus besitzen.

Mike gleicht der Karikatur eines distinguierten Engländers, Jill hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Romy Schneider und verkörpert eine spannende Mischung preußischer und schottischer Einflüsse. Mike vergöttert sie, hebt zu einer verliebten Eloge auf die »südafrikanische Joan Baez der 1970er-Jahre« an und legt eine ihrer Platten auf – eine kristallklare Stimme in Begleitung einer Querflöte: »Ich habe immer von Freiheit geträumt, frei wie ein Vogel auf der Stromleitung ... «

Die Stimme kehrt aus der Vergangenheit zurück. Mir ist so klar wie noch selten zuvor, welche Bedeutung es für den Menschen hat, eine Spur zu hinterlassen. Nicht für den Stolz, den Ruhm in der Nachwelt, nicht für das Ego. Sondern als Zeichen der eigenen Existenz. Als Beweis des Lebens für sich selbst. Die Ausdrucksweise, die klare helle Stimme Jills, schlicht und universell, bringt das Esszimmer zum Schwingen und wächst über ihre Schöpferin hinaus.

Mit strahlenden Augen, die Nase bescheiden gesenkt, scheint Jill fast daran zu zweifeln, dass sie jemals so gesungen hat, während der Blick ihres Mannes vom Versuch der Durchdringung des Mysteriums, dem Geheimnis der Schönheit, der Reinheit seiner Frau zeugt ... Sie schreibt an einer Kinderoper und entwickelt simultan das Libretto, die Choreografie, die Musik und die Kostüme. Beide sind verwitwet und nunmehr zum zweiten Mal verheiratet. Die Liebe als Jungbrunnen! Um sie zum Einzug in sein Haus zu bewegen, hat Mike einen Anbau für ihren Flügel konzipiert. Beim Kaffee begeistert sie uns mit Walzern von Chopin. Wird Afrika noch lange so weitermachen können?

Während der fünf folgenden Tage durchqueren wir abseits der Nationalstraße 2 den Nationalpark Tsitsikama, einem von Vogelgezwitscher erfüllten Primärwald mit riesigen Gelbholzbäumen und Baumfarnen. Zum ersten Mal nach 700 Kilometern durchwandern wir eine üppige, unberührte Natur – ein Vorgeschmack auf ein anderes Afrika, nach dem wir uns schon lange sehnen. Bäche plätschern die bemoosten Hänge des kurioserweise braunrötlichen Urwaldes hinunter. Verantwortlich für diese Färbung sind die roten Büsche, die aus der gleichen Familie stammen wie der rooibos.