4,99 €
Wenn der Alltag nervt, eine jahrelange Beziehung in die Brüche geht und man aufgrund einer Grippe so richtig erholungsbedürftig ist, dann gibt's nur eins: eine Busrundreise mit möglichst vielen Fremden, um mal so richtig auszuspannen. Oder etwa nicht? Was als Erholungsurlaub im sonnigen Italien gedacht war, entwickelt sich zum gummibereiften Fieber-Wahn im Schatten des Ätna. Die reiselustige Touristin Paula hat bei der Buchung nämlich weder daran gedacht, dass Rundreisen die Last weiterer Teilnehmer mit sich bringen, noch hat sie damit gerechnet, dass Sizilien so viele Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, dass der Terminplan gelinde gesagt »anspruchsvoll« ist. Dass sie zu Reisebeginn Fieber hat, ist dabei nur eine Nebensächlichkeit, Italien ist ja schließlich ein warmes Land, nicht wahr? In der steten Hoffnung auf Badevergnügen im Meer eilt die Gruppe von einer Ruine zur nächsten, denn es wird jede Nacht woanders geschlafen. Altertümer werden nebenbei auch noch besichtigt. Trotz Fieber, Mangelernährung sowie kleinen und großen Katastrophen innerhalb und außerhalb des Busses entpuppt sich die Reise aber dennoch als Höhepunkt eines bis dahin eher normalen Lebens. Erst als der gewöhnungsbedürftige Humor der Reisenden diverse Einsatzfahrzeuge mit blinkender Dachbeleuchtung auf den Plan ruft, droht die wilde Sause umzukippen … aber zuvor wird geklettert, es gibt Bier und An- beziehungsweise Aussichten, die einem der männlichen Fahrgäste fast die Augen aus dem Kopf fallen lassen. Ein leidenschaftliches Plädoyer für Sizilien und letztlich auch für Busrundreisen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2018
Grit Schubert
Agentur»Wild Tourist Sizilien«
Busrundreise,von Urlaub war nie die Rede
Roman
Copyright: © 2018: Grit Schubert – www.wild-tourist.deLektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.netUmschlag & Satz: Erik Kinting
Verlag und Druck:tredition GmbHHalenreie 40-4422359 Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.deabrufbar
Vorwort
»Acht Tage Erholungsurlaub gehen schnell vorbei«, sagte Manni. »Viel zu schnell«, bestätigte ich traurig.
Wir hatten acht Tage schönstes Urlaubswetter auf Mallorca gehabt. Das Meer war noch warm genug zum Baden, die Temperaturen lagen am Tag um die 25 Grad – trotz allem war mir kalt. Morgen würde jeder wieder seines Weges gehen und erst das nächste Wochenende konnten wir wieder zusammen sein.
Seid sechseinhalb Jahren das Gleiche: Montag bis Freitag ist jeder in seiner Wohnung und am Wochenende treffen wir uns. Eine typische Fernbeziehung, obwohl man bei 40 Kilometern nicht wirklich von fern sprechen kann, da die reine Fahrzeit dank der A94 nur 30 Minuten beträgt.
Schon eine ganze Weile sahen wir uns nur noch sehr wenig, weil Manni immer unterwegs war. Er sagte zu oft zu, wenn Bekannte ihn für irgendwelche Handlangertätigkeiten brauchten. Meistens blieb dann gerade noch der Sonntag für uns, an dem wir aber auch nur noch wenig gemeinsam unternahmen. Meistens saß er vor dem Fernseher oder las ein Buch und ich saß am Schreibtisch oder übte Gitarre.
»Wir hatten ursprünglich ausgemacht, dass wir immer das ganze Wochenende miteinander verbringen wollten. Das funktionierte die letzten Jahre doch auch gut. Nun ist es so wie damals, als wir uns kennenlernten«, sagte ich traurig, als wir unter der Woche miteinander telefonierten.
»Ja, ich weiß, aber es gibt nun einmal viel zu tun und die anderen brauchen auch meine Hilfe. Ich bessere damit ja auch unsere Urlaubskasse auf«, meinte Manni vorwurfsvoll.
Ich kämpfte mit den Tränen. »Urlaubskasse aufbessern … Ich verdiene doch mein eigenes Geld und bezahle meinen Anteil am Urlaub«, entgegnete ich wütend und legte auf.
Ich war enttäuscht. Er hatte sich in letzter Zeit sehr verändert.
Wir landeten erst gegen 23:10 Uhr auf dem Flughafen München. Schweigend stiegen wir aus dem Flugzeug und gingen die Rampe hinauf ins Terminal 1. Dort warteten wir auf unsere Koffer.
Nach nicht einmal drei Minuten ratterte das Kofferband los. Schon von Weitem sah ich meinen lila Hartschalenkoffer, den ein rotes Kofferband umschloss. Kurz darauf folgte auch Mannis Gepäckstück.
Wir verließen den Ankunftsbereich und hielten draußen vor dem Terminal Ausschau nach meiner Freundin Geli. Sie war abends immer lange wach und freute sich, wenn sie mich abholen und wohlbehalten in Empfang nehmen konnte. Manchmal holten uns auch die Kinder vom Flughafen ab, aber Leni, die Tochter vom Manni, musste arbeiten und Peter, mein Sohn, hatte seine neue Freundin Kathi zum Abendessen eingeladen und ich wollte die beiden auf keinem Fall stören. Mein jüngerer Sohn Lukas hatte noch keinen Führerschein.
Vor dem Flughafengebäude fegte ein nasskalter Wind durch die Straße und welke Blätter tanzten durch die Gegend. Es waren gerade einmal zwei Grad über Null und in der sommerlichen Kleidung, die wir trugen, war uns ziemlich kalt. Schnell zog ich mich wieder ins Innere des Flughafens zurück und wartete da auf Gelis Ankunft.
Als sie endlich durch die große Schranke am Terminal 1 einfuhr verschwand die Kälte aus meinen Gliedern. Lachend stieg sie aus ihrem Wagen und umarmte mich kräftig. Ich dachte, sie würde mich vor Freude zerquetschen, denn sie war sehr viel größer und kräftiger als ich. Manni begrüßte sie nur kurz und mahnte zur Eile.
Auch wenn wir auf der Heimfahrt kaum sprachen, war ich froh, in ihrer Nähe zu sein.
Daheim angekommen, verabschiedete ich mich von Geli und Manni. Er hatte sein Auto während des Urlaubs vor meiner Garage geparkt und fuhr nun zu seiner Wohnung in Altötting.
***
Die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub verging schnell und ich erwartete Peter, Kathi und Manni zum Martinsessen. Ich bereitete die Martinsgans mit Kartoffelknödeln und Blaukraut vor und deckte den Tisch mit dem guten Geschirr aus dem Wohnzimmerschrank. Angelockt vom Bratenduft schlich Lukas immer wieder in die Küche um nachzusehen, ob er vielleicht bereits ein kleines Stückchen Braten stibitzen konnte. Weil er schon einmal neben mir stand, konnte er auch gleich die Gläser und Getränke ins Esszimmer tragen.
Als hätten sie sich abgesprochen, standen alle drei gleichzeitig in der Tür. Das passte gut.
Schnell war alles, bis auf einen Knödel und einen Klecks Blaukraut, aufgegessen. Direkt nach dem Essen verabschiedeten sich Kathi und Peter wieder, weil sie noch zu einem befreundeten Pärchen wollten, das gerade das erste Kind bekommen hatte.
Zu dritt deckten wir den Tisch ab und den Rest erledigte die Spülmaschine, die nun schon seit über 14 Jahren zuverlässig ihren Dienst tat.
Die Stimmung war die ganze Zeit über sehr getrübt. Manni und ich sprachen kaum ein Wort miteinander. Er saß bereits im Wohnzimmer, während ich die letzten Handgriffe in der Küche erledigte. Lukas verabschiedete sich auch in sein Zimmer, um noch für die Berufsschule zu lernen.
Endlich war ich der Küche fertig und setzte mich auf den anderen Flügel der Couch, damit ich Manni besser sah. Ich wusste nicht, ob er schon etwas ahnte und auch nicht, wie er reagieren würde. Minutenlang saßen wir da und schwiegen uns an. Es war sehr still. Seit unserem letzten Urlaub hatte ich mich immer wieder gefragt, ob unsere Beziehung eine Zukunft hatte. Nun war es soweit, meinen Entschluss zu verkünden. Meine Lippen begannen sich zu bewegen und leise kam ein Wort nach dem anderen aus meinem Mund, bis ein ganzer Satz, erstickt in Tränen, entstanden war. Unsere Beziehung war schon längst am Ende, die Gefühle erloschen und auch der Urlaub hatte die Liebe nicht zurückgebracht. Kein bisschen. Nun war es ausgesprochen.
Schweigend hielten wir uns an den Händen, während Tränen über unsere Wangen rollten. Mit belegter Stimme bestand er darauf, dass wir Freunde bleiben würden. Verhalten nickte ich. Wir umarmten uns ein letztes Mal und ich versprach ihm, bald meine persönlichen Dinge aus seiner Wohnung zu holen. Manni dagegen hatte keine persönlichen Dinge in meiner Wohnung. Alles, was er über ein Wochenende brauchte, passte in seinen kleinen Rucksack.
***
Schon zwei Tage später fuhr ich nach der Arbeit mit Lukas nach Altötting. Manni war noch arbeiten und wir holten eilig meine Habseligkeiten aus seiner Wohnung. Auf keinem Fall wollte ich, dass er mir begegnete.
Schon bald war mein kleiner SUV mit vielen Kleidungsstücken, Handtaschen und Schuhen bis unters Dach vollgestopft. Nur das Motorrad, das er schon für den Winter eingemottet hatte, ließ ich zurück.
***
Inzwischen war es Mitte November. Schon längst hatte ich im Pausenraum der Firma meinen Urlaub in den großen Kalender eingetragen und mit einem Textmarker, für jeden gut sichtbar, großzügig umkreist. Um diese Zeit herum buchte ich meistens den gemeinsamen Urlaub für das kommende Frühjahr.
Obwohl es mir so kurz nach der Trennung von Manni nicht gut ging, wollte ich meinen Urlaub, den ich für Anfang Mai eingetragen hatte, auch bald klarmachen. Vielleicht eine Erlebnisreise oder so. Aber mir fiel einfach kein geeignetes Urlaubsziel ein, meine Gedanken kreisten und meine Gefühle fuhren Achterbahn. Ich war frei! Ich konnte machen, was ich wollte, aber der Trennungsschmerz ließ es nicht zu. Auch das typische Novemberwetter mit grauem Hochnebel vermieste mir die Laune.
Ich arbeite als Gästebetreuerin in einem großen Restaurant, in dem ich Dauergäste, aber auch Seminargruppen aus der ganzen Welt empfange. Man ist den ganzen Tag auf den Beinen und versucht, jedem Gast den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Das kann manchmal sehr anstrengend sein, aber man bekommt auch viel zurück. Häufig merke ich, wenn es jemandem nicht gut geht, und versuche aufbauende Worte zu finden. Viele meiner Gäste sind ebenfalls aufmerksam und tun es mir gleich.
Nach der Arbeit legte ich mich zu Hause auf die Couch, rollte mich unter meiner kuscheligen Sofadecke zusammen und schlief – erschöpft von der Arbeit – ein.
Es machte Bing und mein Handy zeigte eine WhatsApp-Nachricht von meiner Mutter:
Paula, du meldest dich ja gar nicht mehr bei uns. Gewiss geht es dir nicht gut. Kopf hoch. Bald findest du wieder einen neuen Freund, mit dem du glücklich wirst. Melde dich mal. Liebe Grüße Mama und Papa.
Woher wusste sie aus über 400 km Entfernung, dass es mir mies ging? War hier irgendwo eine Kamera versteckt?
Meine beiden Katzen lagen ineinander verschlungen zu meinen Füßen und schliefen. Ihre reinweißen Körper verschmolzen nahezu. Der weiße Knäul besaß zwei Köpfe, drei Beine und einen Schwanz. Dieser seltsame Anblick lies mich schmunzeln.
Vor zwei Jahren rettete ich die beiden, damals noch Babys, von einem heruntergekommenen Bauernhof in der Nähe von Ampfing. Sie waren damals dem Tod näher als dem Leben. Mit viel Fürsorge und der Hilfe unseres Tierarztes überlebten sie aber. Immer wenn ich traurig war, schmiegten sie sich an mich, um mich zu trösten.
Ich beschloss, noch schnell bei unserem Metzger vorbeizuschauen, um Schlachtabfälle für die Katzen zu holen und danach mit Mama zu telefonieren.
Die Katzen begleiteten mich bis zur Haustür. Statt wie sonst rauszulaufen, schüttelten beide ihre Pfoten, um mir mitzuteilen, dass das feuchte Nieselwetter nichts für sie war und sie lieber drinnen auf mich warten wollten.
Die Katzen erwarteten jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, dass ich ihnen etwas mitbrachte. So kam ich auch diesmal vor lauter Gedränge kaum durch den Flur. Kreuz und quer tapsten sie um meine Beine, um mir die Beute abzuringen. Immer wieder stolperte ich über die weißen Tiger.
Endlich hatte ich es bis zu den Fressnäpfen geschafft und wurde freigegeben. Nun rief ich Mama an und versicherte ihr, dass es mir gut ginge, und erwähnte, dass ich noch nicht wüsste, wo ich Urlaub machen würde.
Spontan schlug sie mir vor, bei ihnen auf dem Campingplatz Urlaub zu machen. Der an einem schönen See in Hessen gelegene Campingplatz war in der Tat ein kleines Idyll. Man konnte durch Wälder wandern oder einfach mal nichts tun, aber …
»Mama, das ist nett gemeint, aber ich würde gerne in den Süden fliegen. Euer Campingplatz ist ja immer da.«
Daraufhin schlug sie vor, mit ihr zusammen nach Teneriffa zu fliegen, um uns dort den Zoo anzusehen, den sie wohl aus dem Fernsehen kannte. Im Hintergrund hörte ich Papa, wie toll er die Idee fand. Sie schwärmte überschwänglich davon, mal wieder einen Urlaub mit mir alleine zu verbringen.
Bei mir setzte das Sprachzentrum im Hirn aus.
»Hallo? Bis du noch dran?«, kam es besorgt aus dem Hörer.
»Ja, Mama, alles gut. Ich kümmere mich um die Buchung, dann gebe ich dir Bescheid«, log ich.
»Prima. Gute Nacht und träum was Schönes«, sagte sie noch.
Die Bilder unserer letzten Reise nach Mallorca zogen an mir vorbei – fünf Nächte Malle!
Schon auf dem Hinflug – eigentlich stand die Maschine noch am Münchener Flughafen, das Boarding war noch nicht ganz beendet – brach ein Streit zwischen Mama und einem Schwaben aus. Sie wollte unbedingt am Fenster sitzen, doch auf ihrem Platz A saß schon ein Herr, der extra einen C-Platz buchte, um am Fenster zu sitzen. Er sah seinen Buchungsfehler nicht ein, Mama beharrte auf ihrem Platz.
»Mama, das ist ja wie im Kindergarten mit euch. Wir fliegen keine zwei Stunden, da ist es doch egal, auf welchem Platz du sitzt.« »Nein. Ich will jetzt an mein Fenster«, zischte sie auf Hessisch.
Ich nahm auf Sitz B Platz. »Benehmt euch wie Erwachsene, selbst die Kinder gucken schon.«
»Das ist aber mein Platz!«, jammerte Mama weiter.
Jetzt beugte sich der ältere Herr nach vorne, um meiner Mama in tiefstem Schwäbisch mitzuteilen, dass sie gefälligst erst einmal Deutsch lernen solle. Das brachte sie dermaßen in Rage, dass auch sie sich vorbeugte und beide über mich hinweg herumfuchtelten und sich gegenseitig beschimpften. Sie ließen erst von einander ab, als ich ihnen drohte, dass der Kapitän sie sicher gleich rauswerfen lassen würde. Daraufhin beruhigten sich beide.
Das Hotel in Paguera war riesig, die Verpflegung eine Katastrophe, das Personal unfreundlich. Viele entnervte Rentner, die dort überwinterten, zählten unter Tränen die Tage, bis sie endlich abreisen durften. Wir hatten allerding eine gute Zeit miteinander. Mit dem Mietwagen fuhren wir über die schöne Insel und kamen an wirklich tollen Orten vorbei.
Dennoch wollte ich nicht mit Mama in den Urlaub. Ich wollte allein sein, neue Kontakte knüpfen.
***
Am nächsten Tag hatte ich tatsächlich eine Idee, wohin ich reisen könnte. Vor eineinhalb Jahren verbrachten Manni und ich den wohl schönsten Urlaub in unsere Beziehung: auf Sizilien. Damals nahmen wir uns vor, noch einmal wiederzukommen, weil wir in der einen Woche nur einen Bruchteil der Insel besichtigen konnten.
Kurzentschlossen ging ich ins Reisebüro und fragte nach einer geführten Rundreise, wurde fündig, buchte eine für Anfang Mai 2018 und freute mich schon sehr darauf.
Endlich Urlaub
Es war Mittwoch, der 3. Mai 2018, und meine erste Urlaubswoche hatte bereits begonnen. In dieser Nacht bekam ich hohes Fieber, Schmerzen in den Bronchien und ein gemeines Stechen in den Ohren.
Der Doktor verschrieb mir am nächsten Tag Antibiotika und etwas gegen die Verschleimung der Bronchien. Er erklärte mir, dass ich gar nicht ans Reisen denken bräuchte und bis Samstag nicht gesund werden würde. Optimistisch blieb ich dennoch. Ich hatte mich schließlich ein halbes Jahr lang auf dieses Abenteuer gefreut, ganz allein in den Urlaub zu fliegen und Unbekanntes zu entdecken.
Die nächsten zwei Tage konnte ich das Bett kaum verlassen und auch Freitagnachmittag war das Fieber noch unverändert hoch. Ich war noch nicht einmal in der Lage, meinen Koffer zu packen. Sollte die Reise ohne mich stattfinden? Von meinem Bett aus schrieb ich per Handy eine E-Mail an das Reisebüro, dass ich krank sei und deshalb die Reise stornieren müsse. Auch Peter schrieb ich via WhatsApp, dass er mich am nächsten Morgen nicht zum Flughafen fahren bräuchte, weil ich mit einer schweren Bronchitis im Bett läge. Selbst zum traurig sein war ich zu schwach. Lucas brachte mir fürsorglich einen Tee und versuchte, mir etwas beizustehen. Ich ergab mich meinem Schicksal.
Manni wünschte mir per WhatsApp einen schönen Urlaub. Als ich ihm schrieb, dass ich krank sei, fragte er: Wie schaffst du es, jedes Mal im Urlaub krank zu werden?
Das wusste ich natürlich auch nicht so genau, aber es war tatsächlich so. Auch in unserem letzten gemeinsamen Urlaub auf Mallorca hatte es mich erwischt und statt am Strand lag ich im Hotelbett. Und wenn ich mal nicht krank war, dann verletzte ich mich irgendwie blöd, wie vor zwei Jahren, als wir in Cefalu im Hotel waren und ich nachmittags einen Teller in den Schrank stellen wollte, der mir dabei aus den Händen rutschte. Blitzschnell griff ich nach ihm, aber Millisekunden bevor ich ihn erwischte zerbrach er und ich griff in die Scherben, zerschnitt mir die Hand. In einem anderen Urlaub, den wir in Bibione verbrachten, aß ich einen Hummer und bekam anschließend die schlimmsten Bauchkrämpfe meines Lebens. Auf der Heimreise bekam ich in einem Hotel am Gardasee einen allergischen Ausschlag von den Putzmitteln, deren Geruch dort die Luft schwängerte – mein ganzer Körper war krebsrot, heiß und angeschwollen, alles spannte und brannte. Ich brauchte Cortison, um die Reise überhaupt fortsetzen zu können. Meine Oma nannte mich früher Pechmarie, mir passierte dauernd so was.
***
An der Wohnungstür klingelte es Sturm, auch mein Handy und das Haustelefon lärmten im Duett. Ein Blick auf das Handy verriet mir, dass es Samstag war, der 5. Mai, drei Uhr morgens.
Ich schleppte mich zur Tür und drückte auf den Türöffner. Peter kam aufgeregt die Treppen hochgestürmt. Er nahm gleich drei Stufen auf einmal. Verschlafen stand ich mit meinem viel zu großen roten Schlafanzug in der Tür.
»Mama, warum bist du noch nicht fertig? Du verpasst doch deinen Flug«, fragte er mich erstaunt.
»Welchen Flug?«, wollte ich wissen.
»Dein Sizilienurlaub auf den du dich schon so freust. Seit Wochen nervst du mich, dass ich nicht vergessen soll, dich zum Flughafen zu fahren!«
»Hast du denn die Nachricht, die ich dir gestern Abend geschrieben habe, nicht gelesen? Ich bin krank und kann nicht verreisen.« Dabei schaute ich auf das Display meines Handys. Die Nachricht blinkte immer noch und wartete darauf, versendet zu werden.
Mir wurde heiß, aber nicht des Fiebers wegen, sondern weil die Reisestornierung an mein Reisebüro auch nicht abgesendet worden war.
Mit fragendem Blick starrte mich Peter an. Hinter ihm entdeckte ich nun Kathi.
Als hätte jemand einen Startknopf gedrückt rannte ich plötzlich zurück ins Schlafzimmer. Der leere Koffer lag noch auf dem Boden. Wie von Sinnen riss ich den Kleiderschrank auf und warf alles, was irgendwie nach Sommer aussah, in den Koffer. Schnell noch Socken, Unterwäsche und einen dicken Pulli für den Besuch auf dem Ätna, ein Paar dünne Stoffschuhe, leichte Trecking- und etwas festere Bergschuhe, Badelatschen zum Duschen – mehr brauchte ich hoffentlich nicht. Dann flitzte ich ins Bad.
Lukas guckte aus seinem Zimmer. »Mama? Was ist hier denn los? Du wolltest doch zu Hause bleiben.«
»Hab mich umentschieden. Mir geht es heute auch schon viel besser«, log ich.
Kurze Katzenwäsche, rein in die Jeans, noch schnell Zahnpasta, Duschgel, Sonnenmilch, Deo, Bürste und Haarspray in den Kulturbeutel gepfeffert und …
»Fertig«, rief ich begeistert.
Kathi, Lucas und Peter hatten schweigend meinem Treiben zugesehen. Peter brachte den Koffer schon mal runter zum Wagen. Handgepäck!, schoss es mir durch den Kopf. Von den beiden Wanderrucksäcken, die ich besaß, entschied ich mich für den billigen. Der teurere war wesentlich angenehmer zu tragen, aber es passte weniger rein. Jacke, Buch, eine leichte rote Decke und was mir noch so in die Finger kam wurde hektisch reingestopft und …
Verflixt, ich musst noch schnell online einchecken, um den Flieger nicht zu verpassen! Die Zeit würde jetzt gerade noch für den Dropoff-Schalter und die Sicherheitskontrolle reichen.
Wo waren nur die Reiseunterlagen? In dem kleinen braunen Ledertäschchen, wo ich sie gewöhnlich zusammen mit dem Reisepass aufbewahrte, waren sie nicht. Reisepass, Tempos, Brillenputztücher … Wo zum Teufel … Ich lief ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa lag der dicke Sizilien-Reiseführer, in dem die Reiseunterlagen klemmten. Handy her … Handy, Handy … ah da. Die Fluggesellschaft googeln, Online-Check-in … Buchungsnummer des Reiseveranstalters eingeben, Anzahl der Personen, Anschrift, Flugnummer, abschicken. PDF-Datei runterladen, an den WLAN-Drucker schicken und …
Kathi brachte schon mal den Rucksack nach unten zu Peter.
Lukas bekam schnell noch reichlich Taschengeld für die kommenden acht Tage, noch ein Griff in das Ausgabefach des Druckers … Was? Leer? Auf dem Display stand Automatische Reinigung. Das konnte doch jetzt wohl nicht wahr sein! Wieso funktionierte das Ding immer dann nicht, wenn es schnell gehen musste? Das würde zu lange dauern, außerdem hupte Peter schon ungeduldig und die Zeit wurde immer knapper. Ich schnappte mir das Ledertäschchen, sauste die Stufen nach unten und warf mich hinten ins Auto. Es war inzwischen 4:15 Uhr. Wir würden um diese frühe Uhrzeit ca. 35 Minuten bis zum Franz-Josef-Strauß-Flughafen brauchen.
Auf der Landstraße zwischen Erding und Freising fuhr ein Schwerlasttransport, der von orange blinkenden Begleitfahrzeugen abgeschirmt wurde und nicht überholt werden konnte. Jetzt wurde ich langsam nervös. War der Flug um 5:50 Uhr noch zu schaffen? Bei einem Blick in meinen Rucksack bemerkte ich, dass die Reisegutscheine nicht da waren und vermutlich noch neben dem sich wahrscheinlich immer noch reinigenden Drucker lagen, aber ich bin ja sowieso als Flug- und Rundreisegast registriert.
Als wir endlich ankamen, lief das Boarding bereits. Hektisch begab ich mich zum Infoschalter der Airline und schilderte mein Problem. Die beiden noch recht jungen Damen beruhigten mich erst einmal und versicherten mir, dass ich mit ihrer Hilfe den Flug noch rechtzeitig erreichen würde. Ich konnte mir den Boardingpass vom Online-Check-in bei ihnen ausdrucken – Begeisterung! – und noch bevor ich michs versah, stand die andere nette Dame schon mit meinem Koffer am Dropoff-Schalter. Jetzt noch schnell den Ausweis vorgezeigt, schon verschwand das Gepäck auf dem Förderband nach hinten.
Zügig führte sie mich an der langen Warteschlange vor der Sicherheitsschleuse vorbei, wo das Sicherheitspersonal extra eine Seitentür öffnete, durch die ich nun gehen durfte.
Am Gate 34 angekommen standen einige Passagiere noch vor dem Ticketscanner. Nun atmete ich erleichtert durch – worauf ich einen kleinen Hustenanfall bekam.
Vor mir in der Reihe stand eine dünne zappelige Frau mit kurz geschorenen grauen Haaren, die lautstark mit einer anderen Reisenden diskutierte. Dahinter stand ein junges Pärchen, das sich verliebt ansah. Er hielt sie fest in seinen Armen und küsste sie zärtlich auf die Stirn. Neben mir zischte eine etwas ältere Dame ihren Gatten an, der jetzt noch vorhatte, schnell eine Zigarette rauchen zu gehen: »Du hast die letzte Stunde sieben Zigaretten geraucht«, nörgelte sie auf sächsisch. Er schwieg zu diesem Vorwurf. Hinter mir gesellte sich zu meinem Erstaunen auch noch ein etwas älteres Pärchen dazu, beide waren in bayerische Tracht gekleidet, er mit einem rot-weiß-karierten Hemd und Lederhose, sie fest in ein Dirndl eingeschnürt. Was sie damit auf Sizilien wollten, erschloss sich mir nicht.
Nach der ganzen Aufregung der letzten Stunden wollte ich nur noch auf meinem Platz ausruhen.
»All completed«, kam es aus dem Bordlautsprecher. Ich lehnte mich seufzend auf meinen Platz 18 D im A320/200 zurück. In nicht ganz zwei Stunden würde die Maschine in Catania aufsetzen und schon beim Landeanflug würde man einen Blick auf den Ätna werfen können, der mit 3350 Meter Höhe stolz in den Himmel ragte. Jetzt kam sogar etwas Freude in mir auf und ich war froh, dass ich gestern zu schwach war, um meine Urlaubsstornierungen abzuschicken.
Tag 1: Anreise Catania
Nach dem Verlassen des Flugzeugs schleppte ich mich in Richtung WC, wohin auch die meisten anderen Passagiere unterwegs waren. Ich hatte Glück, erreichte fast als Erste die Toiletten und ich hatte gleich mehrere Kabinen zur Auswahl.
Als ich es mir bequem gemacht hatte, drangen merkwürdige Geräusche aus der Nachbarkabine. So etwas hatte ich ja noch nie gehört. Blies da jemand seine Luftmatratze auf? Oder war die Lüftung defekt? Nein. Jemand atmete heftig und pustete glucksend in irgendwas hinein.
Als ich mir die Hände wusch, wurde da immer noch gepustet und gegluckst.
Ich fand den Weg zur Gepäckausgabe. Hoffentlich war mein Koffer in München noch rechtzeitig zum Flugzeug gebracht worden. Zu meiner Freude spuckte ihn das Kofferband gleich als Ersten aus. Als ich mich auf den Weg zum Ausgang machte, warf ich noch einen Blick auf die übrigen Reisenden, die noch auf ihr Gepäck warteten. Mein Blick fiel auf die dünne Frau, die in München so laut war. Sie band gerade acht Luftballons an ihren Koffer. Seltsam.
Am Ausgang wartete schon eine junge Reiseleiterin und hielt ein Schild meiner Reisegesellschaft hoch.
»Guten Morgen. Ich bin die Paula Fuchs«, stellte ich mich vor. »Guten Morgen. Ich bin ihre Reiseleiterin.« Sie strich in ihrer Liste meinen Namen durch und drückte mir einen großen Brief in die Hand, in dem sich sämtliche Reiseinformationen befanden.
»Am Ausgang gleich links steht der Bus für Sie bereit.«
Es war ein blauer Bus, der die Farbe des Reiseunternehmens hatte. Drinnen saß bereits das ältere Ehepaar in Trachtenkleidung. Das verliebte junge Pärchen von vorhin stieg auch schon zu. Aus dem Fenster sah ich die dünne Frau mit den bunten Luftballons am Koffer. Sie hielt geradewegs auf den Bus zu. Die wollte doch hier nicht etwa einsteigen? »Horst, jetzt mach endlich die Zigarette aus und steig ein, sonst fährt der Bus ohne dich ab«, hörte ich von draußen, aber statt Horst stürmte aufgeschreckt die dünne Frau in den Bus und setzte sich schnell auf einen freien Platz. Vor mir saß ein Mann mit einer weißen Kappe auf dem Kopf und daneben eine blonde, kleine, rundliche Frau mit Kirschohrsteckern und einem weißen Kleid, auf dem ebenfalls rote Kirschen aufgedruckt waren. Auf dem Weg zum Hotel erklärte die Reiseleiterin, was beim Einchecken im Hotel zu beachten sei und auch, wie schön heute der Ätna aussehe. Es war wirklich beeindruckend, den dampfenden Riesen mit seinem Schneehäubchen obendrauf zu betrachten. Nun teilte die nette Dame aktuelle Reisepläne aus und erläuterte, was am nächsten Morgen vor der Abfahrt mit dem Bus noch alles zu beachten wäre.
Nachdem ich an der Rezeption eingecheckt hatte und die Zimmer zugeteilt waren, wurde wir mit einem kleinen Elektrofahrzeug samt Koffern zu den Bungalows gefahren. Die Hotelanlage war wirklich groß, aber auch schon etwas in die Jahre gekommen.
Das Trachtenehepaar und ich waren Zimmernachbarn und wir stellten einander vor:
»Ich bin die Paula aus Schönkirchen«, sagte ich forsch.
»Marianne und Heinz. Wir kommen aus Fürstenfeldbruck«, stellten sie sich vor. Sie wussten zu berichten, dass das junge Pärchen, das in München vor mir ins Flugzeug stieg, in Regensburg wohnte.
Wir beschlossen, erst einmal ins Haupthaus zu gehen, wo sich auch das Restaurant befand und wir uns mit einem Frühstück stärken konnten.
Auf dem Rückweg überkam nicht nur mich die Müdigkeit, sondern auch Marianne und Heinz und so verabschiedeten wir uns voneinander, um ein Schläfchen einzulegen.
So müde ich auch war, war an Schlaf jedoch nicht zu denken. Obwohl es angenehm ruhig und das Bett bequem war, fand ich keine Ruhe und wälzte mich von einer Seite auf die andere. Ich stand auf, zog mich wieder an und erkundete stattdessen die riesige Hotelanlage, die direkt am Meer lag. Als ich zurückkam waren die beiden Trachtler auch schon wieder wach und gemeinsam verließen wir die Hotelanlage, um uns etwas umzuschauen.
In der Nähe des Hotels kamen wir an einem Restaurant vorbei, in das die beiden gleich gehen wollten, aber ich hatte noch keinen Hunger und marschierte weiter nach Giardini Naxos in Richtung Taormina. Dabei ging ich den Fußweg neben dem Strand entlang und konnte die Ruhe und die Meeresluft genießen. Niemand wollte hier etwas von einem und ich genoss es, die Zeit ganz allein zu verbringen.
An einem schönen Strandabschnitt holte ich die rote Decke aus meinem Rucksack und breitete sie im Sand aus. Es waren nur sehr wenige Leute hier, trotzdem zog ich möglichst unauffällig meinen Bikini an und legte mich in die Sonne. Prompt schlief ich ein.
Erst am späten Nachmittag wachte ich auf. Inzwischen etwas schwach auf den Beinen, ging ich langsam zum Hotel zurück. Abendessen sollte es erst ab halb acht geben, bis dahin legte ich mich aufs Bett, um mich von meinem Ausflug zu erholen, ich war halt immer noch etwas krank. In den nächsten Tagen würde ich bestimmt an verschieden Stränden vorbeikommen und an der guten Meeresluft ganz schnell gesund werden. Immerhin hatte ich Urlaub. Beim Abendessen traf ich Marianne und Heinz wieder. Wir tauschten uns über die Erlebnisse der letzten Stunden aus. Neugierig blickten wir in die Runde der vielen Hotelgäste und rätselten, wer wohl mit uns reisen würde, aber wir gaben auf und prosteten uns mit dem Gratisrotwein zu. An einem Tisch in der Ecke saß ganz allein die dünne Frau mit ihren kurzrasierten grauen Haaren. Irgendwie tat sie mir ein wenig leid, so alleine dazusitzen, aber ich wollte sie auch nicht ansprechen.
Es war zwar erst kurz vor neun Uhr abends, aber die Müdigkeit kroch wieder in mir hoch. Ich lag schon im Bett als mir auffiel, dass ich nicht wusste, wann der Bus morgen abfahren würde. Auf dem Tisch lag der Umschlag mit Reiseinformationen, den mir die junge Reisebegleiterin übergeben hatte. Ich stand auf, öffnete den Brief und las die erste Seite:
Liebe Gäste,
Benvenuto, auf Sizilien. Ich bin Ihre Rundreiseleiterin und freue mich sehr Sie im Namen Ihres Reiseveranstalters und im Namen unserer Agentur Wild Tourist Sizilien auf meiner Heimatinsel begrüßen zu dürfen. Ich heiße Utta Schlimer.
Morgen früh werden wir uns kennenlernen und dann werde ich Ihnen alle Informationen zu unserer gemeinsamen Reise geben. Abfahrt ist um 8:00 Uhr vor dem Haupteingang des Hotels, nach dem Frühstück, welches Sie bereits ab 7:00 Uhr zu sich nehmen können.
Stellen Sie morgen bis spätestens 7:30 Uhr Ihr Reisegepäck gut sichtbar vor Ihrem Zimmer auf den Weg und wählen Sie 03 auf Ihrem Zimmertelefon, damit dieses vom Hotelpersonal abgeholt wird. Bitte kontrollieren Sie später, dass sich Ihr Gepäck tatsächlich im Stauraum des Busses befindet.
Ich freue mich auf Sie und auf unsere gemeinsame Reise.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Utta Schlimer
Meinen Handywecker stellte ich auf 7:15 Uhr. Die Zeit sollte ausreichen, um rechtzeitig am Bus zu sein.
Wer mochte diese Frau sein, die mit einem deutschen Namen auf dem Anschreiben Sizilien als ihre Heimat bezeichnete? Ich war gespannt auf die Reiseleiterin und das Abenteuer, welches vor mir lag.
Aber erst mal pochte mein Kopf und ich musste schlafen.
Tag 2: Tindari – Cefalu – Palermo
Die Sonne schien und ein Bus stand bereit zur Abfahrt, die für 8 Uhr geplant war. Mehrere Touristen schwirrten aufgeregt um den Bus herum, der Fahrer nahm höflich ein Gepäckstück nach dem anderen entgegen und verstaute alles geduldig. Jetzt sah ich die dünne grauhaarige Frau wieder, die ihren Koffer nun ebenfalls zögerlich dem Busfahrer übergab. Von Weitem beobachtete ich, wie sie schützend ihre Hände um die Luftballons hielt, die immer noch am Koffergriff befestigt waren. Der sichtlich irritierte Busfahrer legte den dunkelblauen Stoffkoffer mit den inzwischen nur noch sieben Ballons vorsichtig ganz oben auf die anderen Gepäckstücke. War das der einzige Bus hier? Scheinbar schon. Jetzt erkannte ich auch das junge Regensburger Pärchen, das gestern vor mit ins Flugzeug stieg. Auch Marianne und Heinz gesellten sich dazu und wurden von einer etwa fünfzigjährigen attraktiven Frau begrüßt, die gut einen Kopf größer war als ich. Die Reiseleiterin mit einem kurzen braunen Fransen-Haarschnitt begrüßte jeden Einzelnen und hakte in ihrer Liste die anwesenden Personen ab.
Weit und breit konnte ich keinen anderen Bus ausmachen. Mein lila Koffer stand mit einem Schwarzen etwas abseits, alle anderen waren bereits im Bus. Es würde also tatsächlich dieser Reisebus sein, in dem ich die Insel näher kennenlernen würde. Es waren noch 15 Minuten Zeit bis zur Abfahrt und ein schnelles Frühstück möglich. Zu Hause bekam ich so früh noch keinen Bissen runter, aber heute konnte ich ohne leeren Magen nicht starten, weil ich ja nicht wusste, wann es wieder was gab. Die reine Fahrzeit war im Reiseplan mit fünf Stunden veranschlagt. Es sollte von Taormina über Tindari, Cefalu bis nach Palermo gehen.
Das Restaurant leerte sich bereits. Die Frau des sächsischen Kettenrauchers nahm sich eine Birne aus der Obstschale und steckte sie in ihre Handtasche. Er belehrte sie, dass es verboten sei, Speisen aus dem Restaurant mitzunehmen. Daraufhin ging sie zurück und holte sich zusätzlich noch einen Apfel sowie einen Joghurt und ließ beides vor den Augen ihres zerknirschten Mannes ebenfalls in der Handtasche verschwinden.
Kurz darauf verließ auch ich das Hotel wieder und nur noch mein Koffer stand abseits vom Bus. Ich rollte ihn zum Fahrer und überließ ihn ihm.
Im Bus ging ich bis fast nach ganz hinten durch. Marianne und Heinz belegten die komplette letzte Sitzreihe. Zwei Reihen davor saß das Regensburger Pärchen auf der rechten Seite, ich auf der linken. Hinter mir saß ein allein reisender voluminöser Herr, dessen Alter ich nicht schätzen konnte, Ende 50 riet ich. Zwei Plätze vor mir saß die dürre Frau. Direkt hinter dem hinteren Ausstieg saß ein sportlich wirkendes Paar. Er hatte kaum Haare auf dem Kopf, sie einen blonden Kurzhaarschnitt.
Der Bus war bis vor die hintere Bustür voll besetzt.
Die Lautsprecheranlage knackte und eine rauchige Frauenstimme ertönte: »So, bevore wir abfahre, möchte ich mich erst einmal vorstelle. Ich bine Utta Schlimer und …«
»Höhö … die schlimme Ulla«, ertönte eine schwäbische Männerstimme aus einer der ersten Sitzreihen. Ich sah, wie der Mann der Kirschfrau, der seine weiße Kappe heute falsch herum auf dem Kopf trug, immer noch über seinen Witz lachend, seinen Fotoapparat auf die arme Reiseleiterin richtete und sie ablichtete. Prompt hielt seine Frau ihm den Mund zu.
»Also, ich, ähm, bine die Utta und die nächste Woche ihre Reiseleiterin. Ursprünglich i komme aus dem Ruhrpott, der jetzt ja wieder sauber ist. Seit, äh dreiundzwanzig Jahre lebe ich hiere, ähm auf diese wunderbare Insel. Also meine, äh, Deutsch heute wieder. Zu meiner Rechten ist der Massimo, unser Busfahrer, der uns, äh, sicher überall hinbringe wird.«
Massimo schloss jetzt unvermittelt die Türen und fuhr los.
»Diese Gruppe bestehte aus neunundzwanzig Reisende. Wenne wir auf der Autobahn angekomme sind erzähle, ähm, ich Ihnen den Ablauf der Reise und des heutgen Tages. Na, meine Deutsch is heute auch, äh, ach …«
Ich lehnte mich in meinen Sitz zurück, den linken Arm auf meinem Rucksack, der auf dem freien Fensterplatz stand. Das monotone Motorengeräusch des Busses ließ mich schon wieder einschlafen.
In meinem Traum sah ich mich am Strand in der Sonne liegen und ein angenehm lauer Wind streifte kühlend über meinen Körper … Mit einem lauten Knacken meldete sich die Sprechanlage zurück und die Reiseleiterin sich wieder zu Wort. Die Fahrt zur Autobahn war viel zu kurz. Ich konnte es nicht leiden, wenn man mich einfach so aus meinen Träumen riss.
»So, wie versproche …«
