AGUA - Sigrid Wolfinger - E-Book

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Sigrid Wolfinger

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Beschreibung

Zwei vollständig unterschiedliche Länder, zwei verschiedene Personen, ein Schicksal, das sie zusammenführt. Die völlig ahnungslose Unternehmersgattin Sonia Holm wird in die kriminellen Machenschaften ihres Mannes verwickelt. Ein Netz aus Intrigen, Lügen und Erpressung umspannt sie und zieht sie immer tiefer in den Sog des Verbrechens. Wo ist Harry, ihr Mann? Die Antwort scheint in Spanien zu liegen. Comisario Jorge Ramón Ramirez, Chef des Dezernates für Wirtschaftskriminalität, genießt die beschauliche Ruhe der brennend heißen andalusischen Stadt Sevilla.Durch puren Zufall wird er in eine Mordermittlung verwickelt und so nimmt das Geschehen seinen Lauf.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Sigrid Wolfinger wurde 1966 in Leoben/Österreich geboren und wuchs in der Steiermark und in Oberösterreich auf. Sie studierte Englisch, Spanisch und Tourismusmanagement und arbeitet als selbständige Sprachentrainerin in der Erwachsenenbildung. Zahlreiche langjährige Auslandsaufenthalte führten sie vor allem in Länder Zentral - und Südamerikas, nach Spanien aber auch in viele andere Regionen der Welt.

Das Thema Wasser begleitete sie zeitlebens und inspirierte sie zu diesem Roman. Aufgewachsen in einem Land, das Wasser im Überfluss hat, wurde sie bei ihren Auslandsaufenthalten mit dem Problem der Dritten Welt Staaten und des wasserarmen Südens konfrontiert. Sie musste am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser zu haben.

Dies ist ihr Debütroman.

Inhaltsverzeichnis

1—Gmunden — Traunsee/Österreich

2—Traunsee — Westufer

3—Gmunden/Österreich

4—Sevilla/Spanien

5—Gmunden/Österreich

6—Sevilla/Spanien

7—Gmunden/Österreich

8—Sevilla/Spanien

9—Gmunden/Österreich

10—Sevilla/Spanien

11—Gmunden/Österreich

12—Sevilla/Spanien

13—Gmunden/Österreich

14—Sevilla/Spanien

15—Gmunden/Österreich

16—Provinz Huelva/Spanien

17—Gmunden/Österreich

18—Spanien

19—Gmunden/Österreich

20—Sevilla/Spanien

21—Gmunden/Österreich

22—Spanien/Sevilla

23—Salzburg/Österreich

24—Sevilla/Spanien

25—Salzburg/Österreich

26—Sevilla/Spanien

27—Salzburg/Österreich

28—

29—Salzburg/Österreich

30—Sevilla/Spanien

31—Salzburg/Österreich

32—Salzburg — Mirabellplatz/Österreich

33—Salzburg/Österreich

34—

35—Sevilla/Spanien

36—Sevilla/Spanien

37—Sevilla/Spanien

38—Gmunden/Österreich

39—Sevilla/Spanien

40—Provinz Huelva/Spanien

41—Provinz Huelva/Spanien

42—Sevilla/Spanien

43—

44—

45—Sevilla/Kathedrale

46—Sevilla/Kathedrale

47—Sevilla/Hospital la Merced

48—Sevilla

49—Sevilla/Busbahnhof

50—Sevilla/Hospital la Merced

51—Sevilla/Sonias Hotel

52—Sevilla/Sonias Hotel

53—Sevilla/irgendein Hotelzimmer

54—Cadiz/Frachthafen

55—Sevilla/Sonias Hotel

56—Sevilla/Barrio Santa Cruz

57—Sevilla/Jorge Ramón Ramirez Wohnung

58—Sevilla/irgendein Hotelzimmer

59—

60—Sevilla/Innenstadt

61—

62—Sevilla

63—Sevilla/Polizeigebäude

64—Polizeigebäude

65—

66—Sevilla/vor dem Polizeigebäude

66—Irgendwo da draußen auf hoher See

Danksagung & Sonstiges

1—

Gmunden — Traunsee/Österreich

Leise Modellflugzeuggeräusche hingen in der klaren Luft. Ein Hund kläffte sich die Seele aus dem Leib. Überall Fischer – ihre Angeln steil aufgerichtet auf dem Dreispitz, mindestens zwei Stück, während ihre Besitzer bewegungslos wartend auf grünen Klappstühlen ausharrten. Tarngrüne Kuppelzelte spendeten Schatten und eisgekühlte Getränke in großen, bunten Kühltaschen standen bereit. Ein kleiner Kahn schipperte vorbei und schnitt eine Schneise von Wellen und weißen Schaumkronen in den See.

Sonia Holm lag am Ufer, die letzten abendlichen Sonnenstrahlen wärmten ihren Körper. Die aufgewühlten Seewellen schlugen klatschend an die Steine der Bucht. Erst eine kleine, dann zwei, drei größere, bis sich die Oberfläche wieder glättete. Das Rollen und Klatschen der Wellen verebbte und der See plätscherte wieder ganz leise vor sich hin. Es war noch immer warm, obwohl die Maisonne schon beinahe hinter den Bergen verschwunden war. Ein Schwarm Mücken tanzte knapp über der Wasseroberfläche und ab und zu schoss ein Fisch aus der Tiefe und schnappte nach ihnen. Trotzdem es noch gar nicht richtig Sommer war, gab es heuer schon viele heiße und sonnige Tage. Sonia Holm genoss die Ruhe am Ufer des Sees; sie hatte den heutigen Tag ganz für sich alleine. Ihre beiden Kinder waren auf Schulausflug und auch ihr Mann war wieder einmal – wie so oft – auf Geschäftsreise. Der Wetterbericht meldete herrlichen Sonnenschein und sommerliche Temperaturen und so bot sich dieser Tag zum Nichtstun am See an.

Die Berggipfel, die das Ostufer säumten, waren zum Teil noch schneebedeckt. Das Schmelzwasser toste in Sturzbächen zu Tale und die kleinen Bächlein, die den See speisten, hatten sich in wilde Wasserfluten verwandelt. Sonia betrachtete das üppige Grün der Vegetation am Fuße der Berge. Buchenwälder, Haselnussstauden und gelb blühende Wiesen, darüber der graue Fels des Traunsteins, mit seinen steil in den See fallenden Wänden.

Zweimal war sie schon am Gipfel gewesen, das erste Mal mit ihren Eltern, als sie noch ein Teenager war. Sie ging damals noch zur Schule und hatte eigentlich keine Lust den Berg zu besteigen, aber ihre Eltern waren begeisterte Bergsteiger und nahmen sie und ihren Bruder Bernhard immer mit auf ihre Touren. Anfangs war es leicht, dem Pfad zu folgen, aber je höher sie stiegen, desto schwieriger wurde das Gelände und Bernhard mit seinen 9 Jahren war oft heillos überfordert. Die Kinder wurden zur Sicherheit angeseilt, aber an Aufgeben war nicht zu denken. Sonias Vater war in dieser Beziehung sehr ehrgeizig, er war schon viele Male auf dem Gipfel gewesen und seine Kinder sollten dieses Gefühl auch kennen lernen. Zu guter Letzt langten sie alle beim Gipfelkreuz an, müde, abgespannt aber stolz auf ihre Leistung.

Damit war es aber mit Sonias Bergsteigerkarriere auch schon zu Ende – viele andere Dinge waren ihr von nun ab wichtiger, ihr erster Freund, Discobesuche und anderes. Erst ihr Mann, am Beginn ihrer Ehe, konnte sie davon überzeugen, noch einmal den mühsamen Weg zum Gipfel zu bestreiten. Sie erinnerte sich an die schier endlos steil bergan führenden Pfade, nur für trittsichere Personen hieß es, aber Sonia hatte mit ihrem Mann den Berg bezwungen. Vom Gipfelkreuz hatte man einen unglaublich beeindruckenden Blick auf den See.

Jetzt lag sie hier am Seeufer, nahm ihre Sonnenbrille ab und ließ noch einmal den Blick über den See schweifen. Die Sonne spiegelte sich an der Wasseroberfläche, an einer Stelle fingen sich die Sonnenstrahlen an einem dahin treibenden weißen Gegenstand. Sonia Holm zwinkerte und versuchte zu erkennen, was hier an der Oberfläche trieb.

«Ein Schuh», dachte sie, «…was die Leute so alles achtlos in den See werfen».

Sie schloss wieder ihre Augen und ließ die letzten Sonnenstrahlen auf sich einwirken.

«Es wird Zeit nach Hause zu gehen», murmelte sie leise vor sich hin.

Sie warf einen schnellen Blick auf das Handydisplay: 17.00h, noch kein Anruf von Harry. Wenn ihr Mann auf Geschäftsreise war, rief er sie täglich zweimal an, erkundigte sich nach den Kindern und dem Alltag zu Hause.

«Heute noch kein Anruf», dachte sie, «wird wohl wieder einmal ein stressiger Tag für Harry sein.»

Sie stand auf, rollte ihre rot karierte Decke zusammen und stopfte sie in ihre Tasche. Ein Blick noch auf den See, der noch immer in der untergehenden Abendsonne schimmerte. «Ein friedlicher Anblick», dachte sie. Der weiße Schuh trieb nun näher ans Ufer und Sonia musste unwillkürlich darauf starren. Es war nicht nur dieser Schuh, der sie an etwas erinnerte, irgendetwas schien noch in diesem Schuh zu stecken. Sonia schirmte mit der Hand die letzten Sonnenstrahlen ab und versuchte sich auf den weißen, dahin treibenden Schuh zu konzentrieren. Leise schaukelte er auf den Wellen auf und ab, mal sah man die weiß-blaue Sohle, dann verschwand diese hinter einer kleinen Welle und dann blitzte ganz kurz etwas Weißes aus dem Wasser.

Ein Gedankenblitz durch fuhr Sonia: «Eine Socke, ja es muss eine Socke sein – eine von diesen weißen, billigen Tennissocken, wie es sie überall zu kaufen gab. Na klar, das war es… hatte doch auch Harry derartige Socken.»

Wie oft hatte sie ihrem Mann schon gesagt, dass diese Art von weißen Tennissocken zu so gut wie keiner Hose, geschweige einem Anzug passte. Immer und immer wieder hatte Harry sie aus dem hintersten Winkel der Schublade gekramt und in der Früh angezogen.

«Ich mag sie, Schatz, die sind so bequem», waren seine sich immer wiederholenden Worte, «und außerdem sieht im Büro niemand meine Socken.»

Der weiße Schuh im See verschwand nun vollends hinter einem aufgewühlten Wellenberg eines in der Ferne vorbeifahrenden Motorbootes, nur um gleich darauf wieder umso höher aus dem Wasser zu ragen. Trotzdem sich Sonia von diesem banalen Anblick losreißen wollte, konnte sie es nicht und stand noch immer am Ufer des Sees, die Hand über den Augen und konzentrierte sich auf den schaukelnden Schuh. Die Sonne war nun endgültig hinter dem Bergmassiv verschwunden und der See lag wie eine dunkle Masse vor ihr.

Warum konnte diese Socke in einem dahin treibenden Schuh stecken?

Warum schwamm sie nicht davon, saugte sich mit Wasser voll und war schon längst untergegangen?

Sonia warf wieder einen kurzen Blick auf ihr Handydisplay: 17.30h. Kein Anruf. Zeit nach Hause zu gehen. «Ein weißer Turnschuh und eine weiße Socke.. der „Aufhänger“ des Tages», schmunzelte sie vor sich hin.

Wie recht sie doch behalten würde.

2—

Traunsee — Westufer

Zur gleichen Zeit drängte eine Gruppe japanischer Touristen aus dem Bus, sammelte sich um einen in der Mitte stehenden Reiseleiter mit rotem Schirm. Die Menschentraube bewegte sich in Richtung Schloss Ort, brav folgte sie dem Reiseleiter, der allen voran ging. Die schmale Holzbrücke, die zum Schloss im See führte, wurde von zig blitzenden Kameras abgelichtet, ebenso die romantische Traunstein Bergkulisse im Hintergrund und das kleine Schlösschen davor. Das Seeschloss Ort, im 10. Jahrhundert auf einer kleinen Insel im Traunsee erbaut und somit eines der ältesten Gebäude des Salzkammergutes, bot schon immer die perfekte Kulisse für Foto - und Filmaufnahmen. Zwei junge Japanerinnen fotografierten sich gegenseitig in unzähligen Posen vor dem romantischen Schloss, eine der beiden beugte sich über die Holzbrücke, um mit ihrer Kamera auch die Idylle der vorbeischwimmenden Enten festzuhalten. Sie fokussierte und drückte ab – klick – und noch einmal - klick – immer und immer wieder wurde das perfekte Bild von einem größeren, im Wasser treibenden Gegenstand gestört. Die junge Japanerin rief ihre Freundin und beide blickten nun konzentriert in Richtung Seeoberfläche. Man konnte entsetzte Gesichter erblicken und hysterische Laute vernehmen, die ganze Gruppe japanischer Touristen hing nun an einer Seite der Holzbrückenbrüstung und sah und zeigte auf den See in Richtung Ufer. Die lauten Stimmen wurden nur von unzähligen Kameraklicks unterbrochen – der Aufruhr wurde immer größer. Einer der Touristen lief zum Schlossrestaurant und kurz darauf sah man die Angestellten nach draußen treten und ebenfalls in Richtung Seeufer blicken. Ein Kellner fingerte in seiner Jacke umher und beförderte ein Handy ans Tageslicht und schien aufgeregt mit jemanden zu telefonieren. Japanische Mädchen hielten sich die Hände vor das Gesicht und schüttelten entsetzt den Kopf. Der Kellner beendete seinen Telefonanruf und beugte sich nun auch weit über das Holzgeländer, um einen besseren Blick auf den im See treibenden Gegenstand zu ergattern. In der Ferne konnte man die Folgetonhörner verschiedener Einsatzfahrzeuge hören, das Heulen der Sirenen schien immer näher zu kommen. Feuerwehr, Polizei, Rettung – man konnte sie kaum unterscheiden.

Die Männer der freiwilligen Feuerwehr waren die Ersten am Einsatzort. Sie liefen zum Seeufer, berieten sich kurz, verschwanden und kamen dann mit einem kleinen Boot hinter ihrem Fahrzeug hervor. Drei Männer ließen das Boot ins Wasser und ruderten ein Stück Richtung Holzsteg. Mittlerweilen war nun auch die Polizei sowie die Rettung am Seeufer neben dem Übergang zu Schloss Ort eingetroffen. Zwei Einsatzkräfte versuchten die beunruhigten Japaner zu besänftigen und sie hinter eine imaginäre Linie zurück zu drängen. So bewegte sich die Menschenmasse auf dem Holzsteg langsam rückwärts in den Hof des Schlosses, obwohl noch immer alle versuchten, einen Blick auf den Bergeeinsatz zu erhaschen. Zwei weitere Polizisten standen am Traunseeufer und verfolgten mit höchster Aufmerksamkeit, wie die Feuerwehrleute im Boot mit einer langen Stange nach dem im See treibenden Gegenstand fischten, abglitten, es noch einmal versuchten, wieder abglitten und wie das kleine Boot nun schon Schwindel erregend schaukelte und dann doch die lange Stange mit ihrem Hakenende den Gegenstand zu fassen bekam. Sie ruderten zurück in den geschützten Uferbereich und Polizei und Feuerwehr begutachteten den gefischten Gegenstand, der nun im Gras am Rand des Sees lag: ein weißer Turnschuh einer bekannten Sportmarke, darin eine weiße Tennissocke und darin… ein menschliches Bein.

3—

Gmunden/Österreich

18.00h – kein neuer Anruf auf ihrem Handy.

Sonia Holm öffnete die Garagentüre und stellte ihr Fahrrad im hinteren Bereich neben ihrem roten VW Golf ab. Sie war den ganzen Weg vom See hinauf zu ihrem Haus geradelt und war nun ein bisschen außer Atem. Sie versuchte so oft wie möglich ihr Auto abzustellen und kürzere Wege, sofern es das Wetter zuließ, mit dem Rad zurückzulegen. Früher hatten Harry und sie in der Stadt Gmunden gewohnt, weit oben in der Nähe des Bahnhofes. Sie hatten sich als junges Ehepaar eine kleine Wohnung gemietet, nur 50m2: ein Wohn-Ess-Schlafzimmer, eine kleine Kochnische und ein winziges Bad, genug jedoch für ihre Bedürfnisse. Da sie beide schon sehr zeitig in der Früh die Wohnung verließen, um in die Arbeit zu fahren und erst spätabends wieder heimkehrten, verbrachten sie nicht viel Zeit in ihrer kleinen Wohnung. Das änderte sich jedoch schlagartig, als Sonja schwanger wurde und ihre Zwillingsmädchen geboren wurden. Die Wohnung platzte nun aus allen Nähten, plötzlich waren hier vier Personen und es fehlte an Räumen. Harry Holm bekam damals das Angebot seines Lebens; er konnte in eine Firma wechseln und wurde über Nacht zur rechten Hand des Unternehmensleiters berufen. Sonia konnte sich noch genau an diesen Tag erinnern: Harry kam spätabends nach Hause, die Zwillinge schliefen schon in ihren Betten, er setzte sich zu Sonja auf das Sofa und eröffnete ihr die Tatsache:

«Ich werde morgen meinen jetzigen Job aufgeben und in die Unternehmensleitung der Firma AguaTEC wechseln.»

Sonia wusste zuerst nicht, wie ihr geschah, was Harry sich hier einfallen hatte lassen.

Sie hatte ihn damals vor sechs Jahren nur perplex angesehen und wollte die Hintergründe wissen. Harry war nicht sehr gesprächig, er murmelte nur etwas von viel Geld und endlosen Möglichkeiten und einem Mentor.

Damals begann der kometenhafte Aufstieg des Harry Holm und das Geld begann zu fließen.

Schon bald wechselten sie die Wohnung, eine weitaus Größere am Seeufer war nun ihr neues Domizil – gleichzeitig wurde jedoch die Villa mit Seeblick in Auftrag gegeben und nach einigen Monaten Bauzeit, zogen Sonia und Harry Holm mit ihren Zwillingsmädchen Sarah und Sabina hierher. Harry kaufte sich ein repräsentatives Auto, eine schwarze Mercedes Limousine, und Sonia erhielt ihren damals nagelneuen, roten VW Golf. Plötzlich lebten sie das Leben der Reichen und Schönen, sie wurden zu Firmenparties geladen, speisten mit den internationalen Gästen von AguaTEC und besuchten im Winter Bälle, wo alles was Rang und Namen hatte vertreten war. Doch schon bald zeigten sich auch die negativen Seiten dieses Lebens: Harry Holm war kaum mehr zu Hause. Sonia und die Mädchen verbrachten Tage, oft sogar Wochen alleine in ihrem Luxushaus, Harry war auf Geschäftsreise – hieß es. Harry Holm war nur mehr telefonisch zu erreichen oder meldete sich bei seiner Familie, ein bis zwei Mal täglich von seinen unzähligen Geschäftsreisen. In der Ehe begann es zu kriseln, Sonia und Harry entfremdeten sich zusehend, ihre Kommunikation beschränkte sich auf diese Telefonate.

Auch heute – wie so oft – wartete Sonia Holm wieder einmal auf einen Anruf ihres Ehemannes. Sie hatte einen schönen, ruhigen Tag am See verbracht und eigentlich hatte sie gar keine Lust mit Harry zu telefonieren, sich in seine hektische Welt ziehen zu lassen, aber die Macht der Gewohnheit trieb Sonia dazu, immer und immer wieder einen Blick auf ihr Handydisplay zu werfen. Harry hatte noch nicht angerufen.

4—

Sevilla/Spanien

Comisario Jorge Ramón Ramirez überquerte die Plaza vor der Giralda und setzte sich an einen kleinen Tisch der unzähligen Cafés rund um die Kathedrale und Giralda. Er rief den Kellner und bestellte sich einen café cortado und eine kleine Flasche Wasser. Während er wartete, dass sich das heiße Getränke etwas abkühlte, beobachtete er die vielen Touristen, die mit ihren geöffneten Reiseführern vor der Kathedrale standen und in den Seiten schmökerten, um dann mit Blicken die Fassade abzusuchen. Die Kathedrale von Sevilla war gigantisch, eine der größten gotischen Kathedralen der Welt und ihr Turm - die Giralda - auf den Resten einer ehemaligen Moschee erbaut, ragte rund 82m über die Dächer Sevillas und fungierte als Wahrzeichen der Stadt. Manche Touristen saßen rund um den Springbrunnen mitten auf der Plaza, dessen Wasser unaufhörlich aus den muschelförmigen Steinschalen plätscherte, manche standen in der prallen Mittagssonne auf dem Platz mit riesigen Sonnenhüten und Sonnenbrillen. Vor dem Kathedraleneingang hatte sich eine lange Schlange wartender Touristen gebildet, die alle unaufhörlich Richtung Tor drängten. Die sich vorwärts bewegende Masse wurde nach und nach vom schwarzen Schlund des überdimensionalen Kathedraleneingangs verschluckt.

Es war heiß auf der Plaza vor der Giralda, die sengende andalusische Sonne brannte auch schon im Mai auf die Stadt, die große Hitze der Sommermonate stand jedoch noch bevor. Viele Spanier verließen dann die Stadt, verbrachten die unerträglich heißen Tage am Strand oder sie blieben in ihren Stadthäusern und genossen die Stunden in ihren unzähligen kühlen, schattigen Patios.

Comisario Jorge Ramón Ramirez schlürfte seinen Kaffee, rauchte die zweite Zigarette des heutigen Tages und ließ seine Gedanken über die Plaza und darüber hinaus schweifen.

Es gab nicht viel zu tun, die Tage verliefen ruhig und ohne besondere Vorkommnisse – er war auch nur der Vorsteher einer kleinen Polizeikommission in Sevilla. Sein Dezernat beschäftigte sich hauptsächlich mit Wirtschaftskriminalität, kleineren Fällen von Steuerhinterziehung und illegalem Handel. Jorge Ramón Ramirez wollte schon als kleiner Junge Polizist werden, ein Bubentraum wie ihn alle jungen Buben einmal hatten, er hatte jedoch seine Karriere konsequent verfolgt. Grundschule in Madrid, Polizeischule, zweijährige Ausbildung in Deutschland, lange Jahre Verkehrspolizist der Guardia Civil in der Hauptstadt und dann vor zwei Jahren Vorstand dieser kleinen Wirtschaftskriminalitätseinheit in Sevilla. Nun mit 45 Jahren hatte sich sein Traum erfüllt, er war dort angelangt, wo er immer hinwollte. Nun, die wirklich großen Fälle gab es hier im Süden Spaniens nicht. Mit seinem karrieremäßigen Aufstieg und dem damit verbundenen Umzug nach Andalusien, musste er sich nach seinem hektischen, madrilenischen Stadtleben erst einmal an ein ziemlich überschaubares Ausmaß an Arbeit und an ruhige und heiße Tage hier in Sevilla gewöhnen. Nach seiner Scheidung von seiner zweiten Ehefrau kam ihm das Angebot nach Sevilla zu übersiedeln sehr gelegen, sein neuer Lebensabschnitt sollte mit einem vollkommen neuen Leben im Süden Spaniens beginnen. Er hatte sich eine kleine Stadtwohnung im Barrio Santa Cruz gemietet, zwei Zimmer im obersten Stock mit einer kleinen weiß getünchten Dachterrasse, von der er einen wunderbaren Blick über die Dächer der angrenzenden Häuser hatte. Er liebte es, die lauen Frühlingsabende auf seiner Terrasse zu verbringen und den Tag bei Sonnenuntergang und einem guten Glas Rotwein ausklingen zu lassen. Seine gesellschaftlichen Kontakte beschränkten sich in der ersten Zeit auf seine Dienstkollegen und sein berufliches Umfeld, doch vor einem Monate hatte er Maria Elena kennen gelernt und obwohl er noch nicht bereit war, eine neue Beziehung einzugehen, traf er sich immer öfters mit ihr. Sie verbrachten ihre Freizeit in Cafés oder fuhren an den Wochenenden ans nahe gelegene Meer, machten ausgedehnte Spaziergänge, plauderten, lachten und aßen in kleinen, feinen Strandrestaurants. Maria Elena war unkompliziert und er fühlte sich in ihrer Gesellschaft frei und ungezwungen. Es war noch zu früh über eine ernsthafte Beziehung nachzudenken, Jorge Ramón Ramirez wollte sich darüber auch noch keine Gedanken machen.

Gedankenverloren rührte er in seinem Kaffee.

«Vielleicht sollte ich Maria Elena heute Abend zu mir einladen, etwas Feines kochen…», dachte er.

Die Sonne glühte weiterhin auf die Plaza vor der Giralda und das leise Plätschern des Brunnenwassers hatte sich in ein Rauschen verwandelt. Die Touristen bildeten nun einen kleinen Kreis um den Brunnen und schienen etwas verwirrt auf die Steine zu blicken. Jorge Ramón Ramirez beobachtete interessiert das Treiben, irgendetwas schien auch ihn zu irritieren, die Szenerie vor der Kathedrale hatte sich - kaum merklich – geändert, das ruhige, beschauliche Bild wurde durch etwas gestört.

Er trank seinen Kaffee aus, legte ein paar Münzen für den Kellner auf den kleinen Tisch und verließ seinen Platz. Zügig überschritt er den Platz, um einen Blick auf den Brunnen zu erhaschen, der nun offensichtlich im Interesse der Menschen lag. Vor dem Brunnen hatte sich eine große Wasserpfütze gebildet, Wasser strömte aus seinem Inneren über die Steinbrüstung und rann unaufhörlich über die Stufen auf die Plaza. Die Pfütze war im Begriff sich zu einem See zu entwickeln und die Menschen rückten nach und nach weiter zurück. Jorge Ramón Ramirez watete durch die Wasseransammlung, warf einen Blick in den Brunnen, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches erkennen.

«Es muss der Wasserablauf sein», dachte er.

Er nahm sein Mobiltelefon und wählte die Nummer seines Kommissariats. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Corrado Sanchez, sein Kollege, der heute Telefondienst hatte.

«Hola Jorge, was gibt’s?»

«Corrado, gut dass ich dich erreiche. Such mir bitte die Nummer der städtischen Wasserwerke heraus und schick sie mir auf mein Handy. Wir haben hier ein Problem auf der Plaza vor der Giralda.»

«Si, Jefe.-sofort, dauert nur einen Moment, was ist los?»

Jorge Ramón Ramirez hatte schon aufgelegt, er war kein Mann der großen Worte. Sein Auftrag war klar und damit basta.

Das Wasser rann nun schon über den gesamten Platz, bildete kleine Rinnsale, die sich ihren Weg über die Steinplatten der Plaza suchten. Die Touristen liefen in großen Bögen um den See und drängten weiterhin zum Eingang der Kathedrale – niemand schien sich sonderlich um die riesige Wasserpfütze zu kümmern.

Mit einem kurzem BING kündigte sich die SMS an, sie enthielt eine kurze Nachricht von Corrado: «Jefe, hier die gewünschte Nummer: 778743 / Chef der Wasserverwaltung Señor Cotineli»

Jorge Ramón Ramirez wählte die Nummer und ließ sich mit Señor Cotineli verbinden.

«Buenas tardes Señor Cotineli, hier ist Comisario Ramirez. Ich befinde mich gerade auf der Plaza vor der Giralda und wir haben hier ein Problem mit dem Brunnen. Der Abfluss scheint verstopft zu sein und das Brunnenwasser rinnt unaufhörlich über den Rand und auf den Platz. Sie sollten so schnell wie möglich einen Einsatztrupp hier vorbeischicken, der die Situation abklärt. Ich bleibe solange hier und warte. Danke, adios.»

Señor Cotineli, der Chef der städtischen Wasserwerke schien sich nicht sonderlich für Jorge Ramón Ramirez Anruf zu interessieren, hatte ihm jedoch zugesagt, sich um die Angelegenheit zu kümmern.

Das Brunnenwasser plätscherte unaufhörlich in den Brunnen, dessen steinerner Rand nun eine rinnende Wasserwand bildete, die ihren Inhalt stetig auf den Platz vor der Giralda ergoss. Die Rinnsale hatten sich in Sturzbäche verwandelt und drängten zu den umliegenden Kanaldeckeln, um dort in der Tiefe der Kanalisation zu verschwinden.

Jorge Ramón Ramirez trat zur Seite und watete auf Zehenspitzen durch den See zurück zu dem kleinen Café. Er beschloss, sich einen weiteren Kaffee zu gönnen, während er auf den Einsatztrupp der Wasserwerke wartete. Er ließ sich an dem gleichen kleinen Tischchen nieder, an dem er schon vorhin seinen café cortado getrunken hatte. Als der Kellner ihm seinen zweiten Kaffee brachte, verwickelte er ihn in eine heftige Diskussion über die möglichen Ursachen einer derartigen Überschwemmung. Die Spanier an den Nebentischen beteiligten sich angeregt und in der Hektik des Gesprächs übersah man die herannahende Einsatztruppe der Wasserwerke, die mit ihrem Kleinbus mitten in den Wassersee fuhr und dort parkte. Mit hohen Gummistiefeln und ihrem Werkzeugkoffer stiegen die Männer über den Rand des Brunnens, hinein in die Fluten und machten sich am Abfluss zu schaffen.

Als Jorge Ramón Ramirez die Männer nun doch entdeckte, sprang er von seinem Tisch auf, versuchte vorsichtig durch das Wasser zum Brunnen vorzudringen. Seine leichten Sommerschuhe hatten sich schon komplett mit Wasser gefüllt und er schritt laut fluchend zu den Arbeitern.

«Wie sieht’s aus?», fragte er den großen Arbeiter im dunkelblauen Werkanzug, der offensichtlich den Trupp anführte.

«Señor, gehen sie aus dem Weg, treten sie zur Seite, wir sind am Arbeiten», war die harsche Antwort.

Jorge Ramón Ramirez war es nicht gewohnt, Befehle von anderen entgegen zu nehmen, doch er bemerkte erst jetzt, dass er sich nicht vorgestellt hatte.

«Ich bin Comisario Jorge Ramón Ramirez, ich habe sie angerufen – als dieses Chaos hier begann! Ich fühle mich hier gewissermaßen als Einsatzleiter und möchte nun wissen, was sie vorhaben hier zu tun!»

Der Vorarbeiter unterbrach kurz seine Arbeit und sah den Kommissar verdutzt an – schien sich aber schnell wieder seiner Wichtigkeit hier vor Ort bewusst zu werden und versuchte noch einmal in rauem Tone, den unerwünschten „Eindringling“ los zu werden.

«Señor, ich habe ihnen schon gesagt, dass sie zurücktreten sollen – es ist mir sch…egal wer sie sind – verschwinden sie, wir werden die Situation schon in den Griff bekommen!»

Das war nun eindeutig zu viel für Jorge Ramón Ramirez. Eine derartige Frechheit musste und wollte er sich nicht bieten lassen, wo doch er derjenige war, der diese Sache erst ins Rollen gebracht hatte. Er stand nun knöcheltief im kalten Wasser, seine Schuhe waren randvoll gelaufen und seine Hose begann sich nun von unten her nass anzusaugen, was natürlich nicht zu seiner Stimmung beitrug.

«Entweder sie sagen mir nun augenblicklich was hier geschieht oder die Angelegenheit wird noch unangenehm für sie verlaufen. Ich habe hier die Nummer ihres Chefs und bin im Begriff, diesen sofort an zu rufen und mich über sie zu beschweren.»

Um der ganzen Drohung Nachdruck zu verleihen, hielt Jorge Ramón Ramirez dem Vorarbeiter sein Handy unter die Nase und begann die ersten Tasten der Vorwahl zu drücken.

Dies schien nun offensichtlich Eindruck zu machen und der Vorarbeiter und seine beiden Kollegen stoppten ihre Arbeit.

«Señor…- wie war doch gleich ihr Name?», gab einer der Arbeiter klein bei.

«Comisario Jorge Ramón Ramirez!»

«Señor Ramirez, wir haben den Abfluss des Brunnens geöffnet, aber das Problem scheint nicht im unmittelbaren Brunnenabfluss zu liegen. Irgendetwas verstopft das Wasserabflussrohr weiter unten. Ich fürchte wir müssen das Wasser komplett abdrehen lassen, was aber nur die Zentrale veranlassen kann.» «Na also, warum nicht gleich…», murmelte Jorge Ramón Ramirez mürrisch.

Der Vorarbeiter der Wasserwerkstruppe telefonierte lautstark mit der Verwaltung, schrie und fluchte:

«Zum x-ten Mal es liegt nicht an unserer Arbeit, das Problem liegt am Rohr, wir können hier nichts tun, ihr müsst das Wasser abdrehen, die ganze Plaza ist schon versaut…WAS??? 15 Minuten, na bitte wenn’s nicht schneller geht…»

Fluchend beendete er seinen Anruf und befahl seinen Arbeitern den Brunnen zu verlassen und zum Auto zu gehen.

«Wir müssen in die Kanalisation hinabsteigen, unter den Brunnen, und das Rohr inspizieren – Befehl von oben! Scheißtag, nichts als blöde Einsätze heute. Also Männer, ab in den Kanal.»

Sichtlich schlecht gelaunt wandte er sich Jorge Ramón Ramirez zu, der nun schon völlig durchnässt, neben den Brunnenarbeitern stand.

«Señor Comisario, wer auch immer sie sind, sie sehen ja, hier gibt’s nichts zu regeln für uns, aber wenn der feine Herr „Einsatzleiter“ uns in die Kanalisation begleiten möchte – bitte, tun sie sich keinen Zwang an. Eines sage ich ihnen aber, wir haben weder Gummistiefel noch Arbeitsanzug für sie, sie müssen schon mit ihrer Kleidung vorlieb nehmen und da unten kann’s ganz schön ungemütlich werden!»

Wütend blickte Jorge Ramón Ramirez den Vorarbeiter und seine Truppe an.

Darauf war er nicht gefasst: in die Kanalisation hinabsteigen… keine gute Idee, er wollte an diesem beschaulichem Tag nur seinen Nachmittagskaffee genießen und nun war er unvorbereitet in eine längere Sache verwickelt. Er wollte dem Vorarbeiter jedoch keine Gelegenheit bieten, ihn in diesem Ton zurückzulassen und ihn als zu hochnäsig abzustempeln.

«Ich bin schon völlig nass, schlimmer kann es kaum werden», dachte er. «Was soll’s, ich bringe diese Sache zu Ende.»

Er suchte verzweifelt nach passenden Worten, keinesfalls wollte er seine Autorität untergraben lassen.

«Wenn es der Einsatz erfordert», teilte er dem Vorarbeiter mit, «dann folge ich ihnen in die Kanalisation. Eines ist jedoch klar, das Sagen habe noch immer ich hier in diesem Fall, verstanden! Ich habe das Problem entdeckt, ich habe die Zentrale verständigt und ich werde es zu Ende bringen!»

«Wie sie meinen, Señor.»

Die Truppe hatte sich schon Richtung Wagen begeben und Jorge Ramón Ramirez stieg nun auch ein und drängte sich mit den restlichen Arbeitern auf den Rücksitz. Der Einsatzwagen fuhr einmal rund um die Kathedrale und stoppte bei einem großen Kanaldeckel. Ohne Worte verließen alle Personen das Auto, die Arbeiter machten sich mit ihrem Werkzeug an dem verzierten Eisendeckel zu schaffen und öffneten das Tor zur Sevillaner Unterwelt.

5—

Gmunden/Österreich

Sonia Holm hatte mittlerweile geduscht, sich umgezogen und war im Begriff sich ein Abendessen zu kochen, als ihr Handydisplay „Einen Anruf in Abwesenheit“ anzeigte.

Es war Harrys Nummer.

«Er muss angerufen haben als ich noch unter der Dusche war», dachte sie.

Sie überlegte kurz und drückte dann die Rückruftaste. Zu Beginn hörte sie nur ein Knacken in der Leitung, die Verbindung wurde hergestellt, dann kam das Läuten – es läutete einmal zweimal dreimal …«Verdammt Harry, melde dich doch» …viermal…

Am anderen Ende der Leitung wurde das Gespräch entgegengenommen.

«Hallo Harry, ich bin es - Hallo – Hallo – hörst du mich?»

Sonia vernahm ein leises Atemgeräusch. Er war doch da…

«H A L L O, hörst du mich?»

Ein tiefes Einatmen am anderen Apparat, dann wurde aufgelegt.

Sonia versuchte es noch einmal, betätigte wieder die Rückruftaste.

«Diese schlechte Verbindung nach… – Wo war Harry eigentlich?», dachte sie und versuchte sich fieberhaft an das zu erinnern, was Harry ihr und den Kindern bei seiner Abreise noch zwischen Tür und Angel zugerufen hatte. Sonia Holm hatte sich angewöhnt, nicht mehr zuzuhorchen, was und wo und mit wem Harry ständig unterwegs war.

«War es Rumänien? – Nein, das war letzte Woche – es war Salzburg», das wusste sie noch genau, «Abflug Flughafen Salzburg… nach???»

Es läutete nun wieder am anderen Ende der Leitung, einmal zweimal…knack, jemand nahm das Gespräch an und wieder nur leises Atmen in der Leitung. Sonia

presste ihr Handy ans Ohr, sie konnte das Geräusch des Einund Ausatmens deutlich in der Leitung hören, ja fast sogar spüren – es wehte mit einem kleinen Luftzug aus dem Telefon. Irgendwo tief in ihr drinnen regte sich ganz sachte ein Gefühl des Unbehagens.

Sie versuchte es noch einmal, jetzt schon etwas zaghafter:

«Harry, bist du’s? Melde dich doch…»

…Einatmen, ein leicht schnaufendes Ausatmen – nun ein bisschen deutlicher…

Das Geräusch war so nah und doch so fern, aber Sonia wurde das beunruhigende Gefühl nicht los, dass dies nicht Harry war. Wer war es dann? Wer atmete und horchte in Harrys Telefon ohne sich zu melden?

Sonia legte auf, beendete das Telefonat. Sie legte ihr Handy auf den Tisch vor sich und betrachtete es. Hunderte Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Wo war Harry? Warum konnte sie sich einfach nicht erinnern, was er bei seiner Abreise gesagt hatte: Salzburg Flughafen und dann…sie bereute es nun zutiefst nicht zugehört zu haben.

Dieses eigenartige Telefonat eben hatte etwas Beunruhigendes an sich – Sonia wusste nicht, was es war, aber es hatte sie verwirrt und aufgewühlt. War es Harry, der sich nicht melden wollte? – machte keinen Sinn…– aber wer war es dann? Wer hatte Harrys Handy und vor allem wer nahm das Gespräch an, um sich dann nicht zu melden?

Sonia beschloss zu warten und es dann später noch einmal zu versuchen. Sie hatte Teewasser aufgesetzt, sobald es kochte, goss sie es über den schwarzen Tee in ihrer Teetasse und machte sich ein belegtes Brot. Sie setzte sich mit Tasse und Brot auf das große, beige Sofa vor dem riesigen Flachbildschirm und versuchte sich durch Herumzappen durch die Kanäle etwas abzulenken. Es war nun schon abends und durch die offene Terrassentür wehte ein frisches Lüftchen in das Wohnzimmer. Fröstelnd schloss Sonia die Terrassentür und knipste das Licht an, es war nun auch schon finster geworden. Ihre Gedanken waren noch immer bei Harry und immer und immer wieder blinzelte sie zu ihrem Handy, ob er nicht vielleicht doch noch angerufen hatte und das Display einen Anruf anzeigte. - Nichts.

Sie wurde sich der Stille und Leere im Haus erst jetzt bewusst. Obwohl der Fernseher unzählige Neuigkeiten aus der ganzen Welt durch das Zimmer plärrte, spürte Sonia die Stille der sonst so lebendigen Räume. Ihre Töchter, die von früh bis spät mit lautem Lachen und Gezänke Frische in die Zimmer brachten, würden erst morgen von ihrem Schulausflug nach Hause kommen und Harry, ihr Mann, ja der war – weiß Gott wo.

Warum konnte sie sich einfach nicht erinnern, wohin Harrys diesmalige Dienstreise ging?

Sie beschloss – sofern Harry sich nicht meldete – morgen Früh in Harrys Firma anzurufen und seine Sekretärin um Auskunft zu fragen.

Trotz allem ließ sie der Gedanke nicht los, dass dieser Anruf vorhin nicht Harry gewesen war – «weibliche Intuition», sagte sie sich.

Sie stand auf, ging in die Küche, um sich noch eine Tasse Tee zuzubereiten.

Ihre Küche war groß, ja riesengroß – auch hier musste es ja ein repräsentativer Raum sein für Harry und seine Firmengäste, die ab und zu zum Abendessen vorbeikamen. Harry führte dann seine Gäste voller Stolz durch seine Seevilla und zeigte ihnen alle Räume. Sonia konnte diesem Gehabe nie etwas abgewinnen, sie wollte ihr Privatreich nicht mit irgendwelchen Geschäftspartnern von Harry teilen, sie betrachtete das Haus als ihre ganz private kleine Insel, ihr Reich, in dem sie, als Hausfrau, viele Stunden verbrachte. Manchmal wurden auch Geschäftspartner im Gästezimmer einquartiert, die Männer verbrachten dann Stunden mit ein paar Bieren in ihrem Wohnzimmer und selbst ihr Badezimmer musste sie mit Harrys Leuten teilen. Dies waren immer die furchtbarsten Tage für Sonia, sie hasste es, wenn sie in der Früh aufstand, um den Kindern Frühstück zu machen und Harrys Businesspartner in einen Morgenmantel gewickelt aus ihrem Bad kam. Sie empfand diese Besuche als Eindringlinge in ihre Welt, obwohl – das musste sie ganz unverblümt zugeben – alle Gäste sich sehr korrekt und sehr höflich verhielten. Sie bereitete Frühstück zu für alle, machte Kaffee und Tee, sie kochte Eier, bot Schinken und Käse aus Österreich und für „spezielle“ Fälle – wie sie so manchen ausländischen exotischen Gast nannte – schnitt sie Früchte aller Art in kleine mundgerechte Stücke, damit sich Harrys Gäste wie zu Hause fühlten. Unter Harrys vorwurfsvollen Blicken zog sie sich dann jedoch immer zurück, sie wollte nicht mit seinen Gästen frühstücken und perfekten Smalltalk am Esstisch führen. Das war vorprogrammierter Streit im Hause Holm: Sie hasste diese Gäste, weil sie in ihr privates Reich eindrangen und Harry wollte repräsentieren und prahlen und setzte ein gewisse Gastfreundschaft ihrerseits voraus.

Jetzt stand Sonia Holm in ihrer überdimensionalen Küche, alleine, und goss sich eine zweite Tasse Tee ein. Aus dem Wohnzimmer hörte sie den vertrauten Klingelton ihres Telefons, der eine SMS ankündigte. Sie ging rasch zum kleinen Tisch neben dem Sofa, öffnete ihr Handy und sah, dass diese Nachricht von Harry war.

«Alles in Ordnung hier – lg Harry», leuchtete ihr entgegen.

«Was soll das nun?», dachte Sonia, «Zuerst meldet er sich nicht und dann schickt er mir eine Nachricht.»

Sie wählte das Menü „Antwort“ und schrieb: «Ruf mich an! S.», klappte den Deckel ihres Telefons zu, nahm ihre Tasse Tee und ging ins Bett.

6—

Sevilla/Spanien

Es war angenehm kühl hier unten im Sevillaner Kanalsystem unter der Kathedrale, aber auch feucht, sehr feucht. Es tropfte stetig von den Tunnelgewölben, es schien als ob die Wände schwitzten und das Wasser sich in unzähligen kleinen Tropfen sammelte, die just in dem Moment beschlossen in die Tiefe zu fallen, als Jorge Ramón Ramirez und die Männer der städtischen Wasserverwaltung geduckt vorbeigingen. Es war stockfinster, nur der Strahl der zwei Taschenlampen, die die Männer mit sich gebracht hatten, erleuchtete ein kleines Stück Weg vor ihnen.

Der Boden der Tunnel war feucht und klitschig, Jorge Ramón Ramirez musste sich von Zeit zu Zeit an den Seitenwänden abstützen, um nicht auszurutschen. Ihm ekelte vor der Berührung der nassen, schleimigen Wände, aber um mit den Arbeitern Schritt zu halten, musste er zügig voranschreiten. Er war der Letzte der Truppe und – wie angekündigt – hatten die Männer ihm keine Taschenlampe zur Verfügung gestellt. Er war darauf bedacht, höchstens einen Meter hinter dem letzten Arbeiter zu gehen, denn der rutschige Boden mit seiner holprigen Oberfläche, seinen Löchern und Wölbungen war eine Herausforderung bei dieser geringen Beleuchtung. Seine Sommerschuhe waren zudem auch schon völlig durchnässt und jeder Schritt hinterließ ein quatschendes Geräusch, das in dem dunklen Tunnel widerhallte.

Die Männer sprachen kein Wort. Zielstrebig gingen sie durch das Tunnelsystem, es schien als ob sie hier täglich lang gingen. Jorge Ramón Ramirez hatte jetzt schon völlig seine Orientierung verloren, er konnte nicht sagen, ob sie sich nun unter der Kathedrale Sevillas oder unter dem Vorplatz befanden. Es wurde zusehends feuchter und stickiger hier unten, als seitlich ein dickes, schwitzendes Rohr in ihren Weg bog, dem sie nun offensichtlich folgten. Es wand sich entlang der Tunneldecke und bog mal nach rechts und mal nach links ab und gab ein außerirdisches Glucken und Zischen von sich.

Es war der Vorarbeiter der städtischen Wasserverwaltung der plötzlich strauchelte, stolperte und seine Taschenlampe zu Boden fallen ließ. Das Geräusch der zerberstenden Lampe war laut und unheimlich, der Schall breitete sich in Windeseile durch den Tunnel aus und hallte von den feuchten Wänden. Erschrocken blieben Jorge Ramón Ramirez und die beiden anderen stehen und halfen dem Mann wieder auf die Beine.

Er fluchte laut: «Verdammt, das gibt’s doch nicht. So ein Mist!», und trat wütend mit seinen Füßen gegen die Tunnelwand und das kleine Hindernis, das ihn offensichtlich zu Fall gebracht hatte.

Die Dunkelheit um sie herum war nun spürbar; eine beklemmende, dumpfe, feuchte Dunkelheit, die sie von den rabenschwarzen Wänden umfing und die vier Männer

im wackeligen Schein der letzten Taschenlampe zusammenrücken ließ.

«Juan, gib mir mal die Lampe!»

Unwirsch riss der Vorarbeiter seinem Kollegen die verbleibende Taschenlampe aus der Hand. Er lenkte den Lichtstrahl auf das kleine Stück Boden vor ihm. Der schwache Lichtkegel brachte ein glitschiges, löchriges Stück Tunnelboden ins Blickfeld der Männer und verfing sich dann an einem größeren dunklen Gegenstand, der mitten im Weg stand. Der Vorarbeiter machte einen Schritt darauf zu, beugte sich vor, um den Gegenstand näher zu betrachten, als sich mit einem Satz eine Ratte aus dem Staub machte, deren Versteck die Männer nun offensichtlich gestört hatten. Die Männer schreckten in kurzer Panik zurück – das Tier rannte blitzartig auf sie zu, drehte dann ganz plötzlich ab und verschwand in der dunklen Tiefe des Tunnels.

Jorge Ramón Ramirez konnte sein Herz pochen hören. Ratten waren nun nicht so sein Ding. Rational betrachtet hatte er nichts gegen diese Tiere, sie waren intelligent und beinahe immer unsichtbar, aber in dieser Umgebung…

«Konzentriere dich auf deine Aufgabe», dachte er, wie sie es in der Polizeischule gelernt hatten. «Lass keine Panik aufkommen», suggerierte er sich selbst, «Panik führt zu Fehlhandlungen…es war bloß eine Ratte!»

Der Vorarbeiter hatte mittlerweile das Hindernis im Tunnelweg als Werkzeugkoffer identifiziert. Er öffnete den Koffer sachte und leuchtete mit der Taschenlampe in sein Inneres: wie zu erwarten, war er voll mit Werkzeug, vor allem Spezialwerkzeug für den Sanitärbereich wie man es in jedem Baumarkt erstehen konnte. Im unteren Bereich des Werkzeugkoffers lag auch noch ein zusammengeknülltes Bündel völlig verschmutzter Putzlappen sowie Nylonsäcke und Schnüre.

«Den muss ein Kollege der Wasserwerke hier unten vergessen haben», dachte er und befahl seinen zwei Kollegen den Koffer mit an die Oberfläche zu nehmen. Der eine der beiden, den er vorhin „Juan“ genannt hatte, nahm den Koffer widerwillig an sich, murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und trottete hinter dem Vorarbeiter weiter durch den Tunnelgang.

Die kleine Truppe rund um Jorge Ramón Ramirez wurde immer langsamer und gelangte nun offensichtlich langsam ans Ende des dunklen Ganges, da sich dieser nun zu einer kleinen Grotte erweiterte.

Das dicke, schwitzende Rohr an der Decke mündete hier in ein Wirrwarr von Rohren, die sich nach allen Richtungen ausbreiteten. Es gluckte, tropfte und zischte in dem kleinen Raum, die Luftfeuchtigkeit war enorm.

Jorge Ramón Ramirez war nun schon völlig durchnässt, seine Schuhe angesaugt mit Wasser. «Die kann ich vergessen», dachte er.

Sein weißes, kurzärmliges Hemd klebte feucht und schwer an seinem Körper und die leichte Baumwollhose war nass bis zu den Knien. Er beugte sich nach unten und krempelte die Hose nach oben, denn der nasse Stoff zog nach unten und setzte sich an seinen Beinen fest und zerrte bei jedem Schritt an seiner Hautoberfläche.

«So hätte ich mir diesen kleinen Ausflug in die Sevillaner Unterwelt nicht vorgestellt!» - sein ganzer Körper lechzte nach einer kühlen, erfrischenden Dusche.

«Juan», hallte es durch den Raum. «Höher, leuchte höher – ich sehe doch nichts.»

Der Lichtkegel der einzigen Taschenlampe schwenkte nach oben, fuhr dem Rohr entlang zu einer Schnittstelle, aus der es schwer tropfte.

Der Vorarbeiter machte sich schon an den Schrauben zu schaffen, setzte den Schraubschlüssel an und – in der Annahme, es hier mit einer völlig verrosteten Schraube aufnehmen zu müssen – machte er sich bereit, mit all seiner Kraft entgegen dem Uhrzeigersinn zu drehen. Mit einem BLING fiel die Schraube zu Boden, noch bevor der Vorarbeiter seinen angesetzten Schwung ausführen konnte. Verwundert blickten alle Männer zu Boden, dann wieder hinauf zu dem Rohr und der Schnittstelle.

«Juan, mehr Licht!»

Das schwache Licht der Taschenlampe fixierte nun die Schrauben an der Rohrschnittstelle.

«Die sind alle locker – das gibt’s doch nicht!»

Der Vorarbeiter rüttelte an dem kleinen Rohrteilstück und alle Schrauben lockerten sich von selbst und fielen sofort mit vielen kleinen BLING BLINGs auf den nassen Steinboden.

«Sergio, hilf mir!» forderte der Vorarbeiter seinen zweiten Mitarbeiter auf.

«Du stützt das Rohrstück und ich nehme es aus der Verankerung.»

»Licht, Juan, mehr Licht – verdammt, kannst du nicht einmal alles richtig machen. »

Fluchend und heftig schwitzend rüttelte der Vorarbeiter an dem Rohrteilstück, Sergio, sein Kollege, unterstützte ihn dabei und Juan – immer darauf bedacht alles richtig zu machen, um nicht wieder mit einem Wortschwall seines Chefs überfallen zu werden,

leuchtete den beiden die Stelle aus. Jorge Ramón Ramirez versuchte den Arbeitern nicht im Wege zu stehen und lehnte sich an die feuchte, glitschige Tunnelwand und betrachtete das Geschehen so gut es ging im schwachen Schein der Taschenlampe.

Quietschend löste sich das Rohrstück aus der Verankerung und ein Schwall Wasser ergoss sich über Sergio und den Vorarbeiter. Jorge Ramón Ramirez konnte gerade noch zur Seite springen, aber das Wasser rann ihm einmal mehr in seine leichten Sommerschuhe.

«Scheiße, so eine Sauerei – verflucht…», schimpfte auch der pudelnasse Vorarbeiter vor sich hin. Mit einer Hand strich er sich die nassen Haare aus dem Gesicht, mit der anderen hielt er das aus der Verankerung gerissene Stück Rohr.

7—

Gmunden/Österreich

Eine kühle Morgenbrise wehte durch das geöffnete Schlafzimmerfenster als Sonias Wecker läutete. Die Digitalanzeige leuchtete in grellem Grün: 6.30h.

Verschlafen öffnete Sonia ihre Augen und tapste unbeholfen nach dem Wecker, um dem nervenden Piepston ein jähes Ende zu bereiten.

«Noch fünf Minuten», dachte sie und drehte sich zur Seite.

Die Vögel zwitscherten vor dem Fenster, ein weiterer schöner Frühsommertag kündigte sich an.

Langsam begannen sich die Gedanken in Sonias verschlafenem Kopf auszubreiten.

«Niemand im Haus, wo war Harry? – Nach dem Frühstück werde ich in der Firma anrufen und Harrys Aufenthaltsort mit seiner Sekretärin abklären», dachte sie.

Sie hatte unruhig geschlafen, von Harry in Flugzeugen und auf Flughäfen geträumt.

Langsam wälzte sich Sonia aus dem Bett, hüllte sich in ihren weißen Morgenmantel, zog die Vorhänge zurück und blinzelte in die ersten Morgensonnenstrahlen. Sie atmete tief ein – in der Früh war die Luft kühl und angenehm, angereichert von der Feuchtigkeit des Sees. Sie liebte diese unschuldige Stimmung am Morgen. Der Garten lag groß und grün vor ihr und strahlte eine zufriedene Ruhe aus. Der Frühsommer war ihre Lieblingsjahreszeit, die starre Kälte des Winters wurde von lebendiger, blühender Natur abgelöst, man konnte jedoch noch immer die nächtliche Kühle spüren. Im Hochsommer war es oft drückend schwül und heiß und unzählige Stechmücken quälten die Seeanrainer.

Sonia ging die Treppe hinunter, um sich einen Kaffee zu machen. Sie brauchte diesen Morgenkaffee, um erst richtig in Schwung zu kommen. Es war jeden Tag das

selbe Ritual: zuerst die Kaffeemaschine andrehen, Wasser einfüllen, Bohnen malen und warten, bis sich dampfend und zischend die Tasse mit der braunen, duftenden Flüssigkeit füllte. Der frische Kaffeegeruch erfüllte sie mit Freude, er war der Geruch des Morgens. Sie trank immer zwei Tassen Kaffee mit Milch ohne Zucker – langsam, mit jedem Schluck der warmen Flüssigkeit, erwachten ihre Lebensgeister.

Nach der ersten Tasse Kaffee ging sie zur Eingangstüre der Villa, hinaus, ein Stück in den weitläufigen Garten, dort wo jedes Jahr im Mai ein Flieder prunkvoll lila blühte, dort stand der Postkasten. Sonia öffnete den blechernen Deckel und langte in sein Inneres. Ein Stoß Briefe, Prospekte und die Tageszeitung wurden ans Licht befördert.

Sie schlenderte zurück ins Haus und machte sich daran, die zweite Tasse Kaffee zuzubereiten. Während die Kaffeemaschine wieder ächzend zischte und das Wasser erhitzte, warf Sonia einen Blick auf die Post. Briefe für Harry, Rechnungen für Harry, Einladungen für Harry…Harry Harry Harry … es gab nur Post für Harry.

«Typisch, wie immer», dachte sie, «Harry, Harry alles nur für Harry, ganz als ob die

Kinder und ich hier gar nicht wohnen würden.»

Sie nahm die Tageszeitung in die Hand, trank langsam die zweite Tasse heißen Kaffe und begann sich durch die Weltnachrichten zu arbeiten. Beim Durchblättern des Regionalteiles sprang ihr ein Artikel sofort ins Auge, dem sie sich auch gleich näher widmete.

Leichenteilfund im Traunsee– stand hier als große Überschrift.

Die örtliche Polizei bittet um Mithilfe bei der Aufklärung des grausigen Fundes.

Sonia stellte ihre Kaffeetasse ab und las nun aufmerksam den Artikel.

In der Nähe von Schloss Ort / Gmunden wurde gestern der Fuß eines Toten angeschwemmt, der in einem Sportschuh mit weißer Socke steckte. Die Polizei rätselt über Herkunft und Zusammenhänge dieses mysteriösen Fundes. Ein Polizeisprecher verlautete:“ Natürlich kann man ein Verbrechen nicht ausschließen, aber vorerst haben wir keine Anhaltspunkte und müssen erst einmal auf die DNA-Analyse warten. Wir bitten jedoch die örtliche Bevölkerung um Mithilfe bei der Aufklärung des Falles: Wer kennt diesen Schuh?“…

Es folgte ein Bild des Sportschuhs, der weißen Socke und ein Bild einer japanischen Touristin, die offensichtlich auf die Fundstelle im See zeigte.

Sonias Blick flog noch einmal über die Zeilen und blieb an dem Foto des Schuhs hängen. «War das nicht der Schuh, den ich gestern im Wasser gesehen hatte? ... Die weiße Socke, na sicherlich, ich habe ihn gesehen…», durchfuhr es sie.

Hastig trank sie die Tasse Kaffee zu Ende und blätterte noch einmal aufgewühlt durch die Tageszeitung, um vielleicht noch einen interessanten Artikel zu finden. Da dem nicht so war, beschloss sie, sich anzuziehen und ging in den ersten Stock zu ihrem begehbaren Kleiderschrank. Sie wählte eine leichte, bunte Sommerbluse und eine weiße Leinenhose und verschwand damit im Badezimmer. Sie kämmte ihre schulterlangen braunen Haare und band sie mit einem Gummiband streng zurück, schminkte sich, putze sich die Zähne und wählte – passend zum Frühsommertag – einen Hauch von einem blumigen Parfum.

Ihre Gedanken spielten verrückt: Der Leichenfuß im See, Harrys Verschwinden… was sollte noch alles auf sie zu kommen?

Sie warf einen kurzen Blick auf die Uhr, es war nun 7.30h – «Noch eine halbe Stunde, dann kann ich Harrys Sekretärin in der Firma erreichen.»

Gewöhnlicherweise war Frau Bauer, Harrys rechte Hand, die Erste in der Firma. Sie mochte es, in den ruhigen Morgenstunden die sich stapelnden Akten, die Harry ihr meist noch spätabends auf den Schreibtisch zu legen pflegte, zu bearbeiten ohne dabei von klingelnden Telefonen und quatschenden Arbeitskollegen gestört zu werden. Sonia wusste dies, Harry hatte ihr oft von seiner zuverlässigen und verschwiegenen Sekretärin vorgeschwärmt, sie hatte Frau Bauer jedoch nie persönlich kennen gelernt. Frau Bauer war sozusagen der stille, unsichtbare Geist, der Harry alles und jedes vorbereitete oder von ihm fernhielt und zu ihm stand, wenn wieder einmal schlechte Stimmung im Vorstand herrschte.

Sonia hatte sich schon öfters gefragt, wie Frau Bauer, die Unsichtbare, wohl aussehen mag? In den letzten Jahren ihrer Ehe mit Harry war es auch immer Frau Bauer gewesen, die ihr zum Hochzeitstag und zum Geburtstag per Botendienst einen riesigen Blumenstrauß schickte, versehen mit einer kleinen Grußkarte, auf der immer die selben Standardworte standen. Es war auch Frau Bauer, die den Zwillingsmädchen im Auftrag von Harry die Geburtstagsgeschenke besorgte. Irgendetwas Pompöses, Teures musste es sein – ob sich die Mädchen darüber freuten, war nebensächlich.

«Harry ist dienstlich verhindert, meldet sich aber sobald er kann».

Ihre immer gleichen Worte klangen noch in Sonias Ohren. Wenn Sonia darüber nachdachte, war Harry immer „dienstlich verhindert“, wenn es um diverse Familienfeste ging, und nicht nur dabei, sogar beim Begräbnis seines eigenen Vaters war er wieder einmal „dienstlich verhindert“.

Sonia mochte sich hier und jetzt nicht mit Harrys Charakter auseinandersetzten, da gab es unzählige Dinge in ihrem Zusammenleben, die von Harrys emotionaler Kälte und Gleichgültigkeit geprägt waren, beides Eigenschaften, die – wie viele Businesspartner meinten – seine Stärken im Berufsalltag waren. Harry war der Mann für’s Grobe, er zeigte keine emotionalen Schwächen, er war – wie es so schön im Businessjargon hieß – beinhart und gut. Und Frau Bauer, die unsichtbare Perle, wurde Dank ihres „Outlook“ – Kalenders an diverse Holmsche Familienangelegenheiten erinnert, der Todesfall von Harrys Vater war darin nicht vorgesehen und somit war Harry „dienstlich verhindert“.

Ein Blick auf die Küchenuhr sagte Sonia, dass es nun an der Zeit war, in Harrys Firma anzurufen. Sie wählte aus ihrem Kontaktmenü „Harry Büro“ und überließ ihrem Handy das Wählen.

«Firma AguaTEC, Bauer, guten Morgen!»

«Guten Morgen Frau Bauer, hier ist Sonia Holm.»

«Frau Holm, was kann ich für sie tun?»

«Frau Bauer, ich brauche die Aufenthaltsadresse und Telefonnummer von meinem Mann - ich kann ihn in einer privaten Angelegenheit via Handy nicht erreichen!»

«Darf ich fragen warum es geht?» Frau Bauer ließ sich offenbar nicht aus der Ruhe bringen und folgte ihrem Standardfragenrepertoir.

«Frau Bauer, ich sagte ihnen ja schon, ich kann meinen Mann via Handy nicht erreichen und ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, wo er derzeit ist. Ich brauche daher von ihnen seinen Aufenthaltsort sowie eine Festnetznummer in seinem Hotel.»

«Frau Holm, darf ich sie noch einmal fragen, worum es geht?»

«…Das gibt es doch nicht…», dachte Sonia, «wie hartnäckig ist die denn.»

Um Frau Bauer zu befriedigen, log Sonia etwas von einem kleinen Unfall mit der Tochter und dass Harry davon wissen müsste.

«… Und sie können ihn auf seinem Firmenhandy nicht erreichen?» Frau Bauer bohrte weiter.

Sonia spürte schon die ersten Vorzeichen einer ungeduldigen Wut in ihr aufsteigen. Das kann doch nicht sein, dass dieser Vorzimmerzerberus all ihre Versuche, Information über Harrys Aufenthaltsort zu erhalten, abblockte. Sie war seine Ehefrau und war berechtigt, zu wissen, wo er war.

«Also noch einmal auf die freundliche Tour», dachte sie und pirschte sich an Frau Bauers soziales Gewissen heran.

«Frau Bauer, sie wissen ja, wie schwer Harry zu erreichen ist und wie sehr er an seinen Töchtern hängt. Es wäre ganz sicher nicht in seinem Sinne, dass er nichts von dem Unfall seiner Tochter erfahren würde.»

Frau Bauer zögerte einen kleinen Moment am Telefon.

Sonia wertete dies als Zustimmung und hakte nach.

«Frau Bauer, Harry ist am Mittwoch vom Flughafen Salzburg abgeflogen…» - das wusste sie ja noch - «…und dann konnte ich ihn nicht mehr erreichen.»

«Herr Holm ist–soviel ich weiß - in Spanien. Ich habe ihm ein Ticket nach Sevilla gebucht, via Palma de Mallorca.»

Spanien, genau – das war es! Sonia war erleichtert, es schien als ob ihre Erinnerung nun wieder zurückkam. Sie sah Harry beim Abschied neben seinem Auto stehen und ihr irgendetwas zurufen von fünf Tage Spanien, dringenden Terminen, Abflug Salzburg…etc.

Frau Bauer hatte sich in der Zwischenzeit wieder ganz in die Rolle als Sekretärin und Auskunftsdame vertieft.

«Frau Holm, ich suche die Adresse und Telefonnummer des Hotels und rufe sie in ein paar Minuten zurück.» Und schon war die Leitung unterbrochen.

Sonia ließ sich auf ihrem großen Wohnzimmersofa nieder und legte das Handy zur Seite.

Spanien, Harry war in Spanien. Wieso meldet er sich dann nicht?

Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal Harrys Nummer zu wählen. Sie wartete, das Klingeln hallte in ihrem Ohr…nichts, keine Antwort.

Das Display leuchtete auf und noch bevor der Klingelton anhob, antwortete Sonia.

«Hallo?»

«Frau Holm?», es war Frau Bauer, die nach einigen Minuten der Recherche nun Harrys Hoteladresse und Telefonnummer ausfindig machen konnte.

Sonia bedankte sich für ihre Mühe, notierte sich die Details und versuchte Frau Bauer so schnell wie möglich los zu werden. Sie stellte sich eine kleine, dickliche, ältere Dame mit grauen hochgesteckten Haaren vor, die mit Lesebrille auf der Nase das bestgehütete Geheimnis um Harrys Aufenthaltsort preisgab. Wie konnte Harry nur so von Frau Bauer schwärmen? Sonia betrachtete lange den kleinen weißen Zettel mit dem Namen und der Telefonnummer unter der Harry angeblich zu erreichen ist.

Hotel Puerto Sol, Sevilla…

Sonia wählte die Telefonnummer, die Frau Bauer ihr diktiert hatte und als der erste Klingelton ertönte, legte sie panikartig