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Alice' siebzehnjähriges Herz brennt für David, welcher jedoch nur Augen für die zickige Amelia hat. Doch dann tritt der rothaarige mysteriöse Cassian auf die Herbstbühne. Was verbirgt dieser Bote aus einer andern Welt? Kann eine sensible Außenseiterin zum College- Star werden? Lest selbst und lasst euch von dieser Urban-Fantasy rund um Liebe, Schuld, Schmerz und Glück bezaubern. Verschenken Sie Freude mit vier in sich abgeschlossenen Jahreszeiten Fantasys der Autorin, in welchen Bäume eine besondere Rolle spielen: BROMBEER SPIEGEL NACHT (Sommer) SILBER WEIDEN MOND (Winter) HASEL ZWERGEN MAGIE (Frühling) AHORN FEUER HERZ (Herbst)
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Über die Autorin:
Christine Keller (*1959) ist eine künstlerische Wundertüte. Neben ihrem Status als Familienfrau und Wanderlehrerin malte und realisierte sie von 1987-2006 viele Ausstellungen. Sie studierte an der Universität Zürich, arbeitete als Lebensberaterin und forschte über Farben. Seit 2010 schreibt sie Bücher in verschiedensten Genres, die sie zum Teil selbst illustriert.
Der Wunderbaum Ahorn
Die Medizin des Ahorn
Die Energie des Ahorn
Mampf: Der Ahorn als Speisebaum
Rezepte
Süß-Scharfer Ofenschmaus mit Ahornsirup
Ahornpfannkuchen
Toastfreude mit Sirupobst
Salatsoße mit Ahornsirup
Schnelle Ahornnusscreme
Bonus Track
Ahorn am Wegrand
»Willst du dich umbringen?«
Wer stört mich da? Ich will allein sein! Wie meist. Obwohl ich mich eigentlich einsam fühle. Also, ich will das eine wie das andere. Das ist meine nie endende innere Geschichte, dass ich bei einer Weggabelung immer beide Möglichkeiten wählen will. Wie ein Quantenteilchen … Und am Schluss gehe ich in der Mitte über das freie Feld. Oder stehe hier am Bahndamm …
Ich befinde mich auf meinem Lieblingsweg, der ungefähr vier Meter erhöht den Gleisen folgt. Bald wird der 16:10-Uhr-Zug vorbeifahren. Mein Blick ist schon eine Zeitlang auf den Boden gerichtet und bleibt nun an einem Paar roter Schuhe hängen.
Rote Schuhe direkt vor mir.
Jemand hat sich angeschlichen!
Es sind feuerrote Markenturnschuhe umgeben von blutroten Ahornblättern.
Umbringen?
»Sehe ich so aus?«, frage ich spitz und starre weiter stur nach unten.
Meine Worte verwandeln sich in Atemwolken.
Es ist schließlich der 30. September, der letzte Tag, der noch entfernt nach Sommer riecht und mich mit Nebel umgarnt.
Ich liebe Nebel!
Ich liebe Verschleierung!
Wenn der Nebel um mich herumwallt, habe ich das Gefühl, in einem Herbstbrautkleid zu stecken, das meine Kurven halb umschmeichelt, halb verhüllt. Danke, Herbst, du machst mich irgendwie interessant! Man beteuert mir zwar immer wieder, ich hätte ein schönes Gesicht. Doch solche Aussagen kann ich nicht ernst nehmen. Sie lenken freundlich von meiner Statur ab und weisen indirekt darauf hin, dass ich kein dürrer Fitnesshaken bin. Eher ein halbes Rubens-Girl. Ach, wäre ich doch vor vierhundert Jahren geboren worden …
Der 30. September ist für mich der definitive Todestag des Sommers. Nicht der 21. September, der Wendepunkt der Tag- und Nachtgleiche. Ich hatte mir nämlich geschworen, dass ich bis Ende September David erobern müsse. Dass ich explodieren würde, wenn „es“ nicht geschähe. Wobei ich nicht genau wusste, worin dieses ominöse „Es“ bestehen sollte. Ins Bett hüpfen jedenfalls nicht gleich.
Aber leider ist nichts daraus geworden.
Es ist wie immer mit meinen Plänen …
Sie landen im kosmischen Papierkorb.
Ich bin 17 und hatte noch nie einen Freund!
Meine Liste der möglichen Kandidaten besteht nur aus einem: David. »Aber das mit David ist chancenlos«, sage ich mir immer wieder. David Danner – schon die Kombination von Vor- und Nachnamen klingt wie ein Zauberspruch! Tja, Träumen ist zwar erlaubt, aber so kann das nicht weitergehen!
Ich bin eine Schnelldenkerin.
Auch eine Vieldenkerin.
Gedankenkometen rasen beinahe nonstop durch mein Gehirnweltall.
Ich zu sein, ist ziemlich anstrengend!
All diese Dinge habe ich in vielleicht drei Sekunden zusammengedacht und nun schweift mein Blick nach oben.
Die roten Turnschuhe gehören einem Jungen, oder besser gesagt einem jungen Mann. Wow, ein männliches Wesen in meiner Nähe! Eines, das mir sogar meine Gedanken vom Gesicht zu lesen scheint!
Bestimmt wirke ich nachdenklich bis niedergeschlagen. Wobei ich betonen muss, dass ich oft traurig aussehe und dass das nicht einmal unattraktiv sein könnte. Wenn mich überhaupt jemand beachten würde …
»Sehe ich so aus, als würde ich mich umbringen wollen?«,
wiederhole ich provokativ.
»Ein wenig.« Die Stimme klingt samtweich in meinen Ohren.
Ahornblätter torkeln um mich, streicheln mich.
Endlich wage ich, mein Gegenüber zu mustern.
Und genau jetzt sticht die Sonne durch den Nebel.
Mein Blick bleibt an seinem Gesicht hängen, und ich halte den Atem an! Dieses Gesicht! Es ist überirdisch schön! Strahlt. Die Augen sind nebelgrau. Das roteste Haar ever fällt in Wellen bis auf die Schultern.
Ich überlege: Gibt es einen Film- oder Popstar, der so aussieht? Nein, diese Art Schönheit ist heutzutage sehr wahrscheinlich ausgestorben.
Ein gelbgrüner Halo umgibt seine Gestalt. Ein Schein, der wie ein schwaches bengalisches Feuer flackert. Vielleicht ist es auch eine optische Täuschung in der Gegenfarbe seiner roten Haare, die im Herbstlicht leuchten.
Er trägt eine mit Schafwolle besetzte Jacke aus Manchester und eine karierte Hose. An seinen Hals schmiegt sich eine Kette aus dunklen Holzperlen und aus seinem Jackenärmel guckt ein riesiges Zifferblatt an einem Lederband. Der Typ wirkt in diesem bunten Hippielook so lässig, als ob er die neueste Mode tragen würde.
Mit seinen roten Turnschuhen wühlt er in den bereits dürren Ahornblättern, die unter den frisch gefallenen liegen.
Wenn er das tut, wirkt er nicht mehr so himmlisch – alternativ, eher bodenständig.
Trotzdem hat er einen irgendwie ätherischen Ausdruck ...
Ich schließe kurz die Augen, und sofort drängt sich mir Davids Bild auf: seine tiefblauen Augen, sein schwarzer Lockenkopf und sein muskulöser Körper, den seine Lederjacke kaum verstecken kann. Aber die Jacke braucht er, um seinen coolen Look zu vervollständigen, wenn er nach Schulschluss in sein Cabrio steigt. Mit 18 darf er das College motorisiert besuchen.
»Ach David! Niemand kann dich echt aus meinen Gedanken verdrängen! Da du drei Reihen vor mir sitzt, sehe ich dich meist nur von hinten. Aber auch ein schöner Rücken kann entzücken! Dazu noch deine breiten Schultern und wenn du dich umdrehst, dein schiefes Lächeln. Dein spezieller Duft, der mir in die Nase steigt, den du über all die Reihen verströmst …« So spreche ich dauernd mit ihm, in Gedanken natürlich. Es gibt nur einen Haken und der heißt Amelia. Amelia, ich bin allergisch gegen diesen Namen, auf diese Person …
Ein Pfiff und ein Rattern.
Ein langer Schatten.
Das ist er, der Zug.
Wuchtig schießt er vorbei, wird schattenhaft und verschwindet wieder im Nichts.
Der schöne rothaarige Unbekannte ist immer noch da.
Steht ganz nah bei mir.
Geht einfach nicht weiter, den Bahndamm hinunter.
Steht stockstill.
Verzieht sogar den Mund zu einem himmlischen Lächeln.
Ich bin verlegen, scharre ebenfalls ein wenig mit den Schuhen, sodass aus dem feuchten Boden der Herbst unter den Blättern hervorkriecht.
Was soll ich sagen, was tun?
Schon wieder streichelt mich ein Ahornblatt und bleibt am Ärmel meiner Norweger-Strickjacke hängen. Die Jacke gehört halb Jana, halb mir. Jana ist meine Mutter. Ich nenne meine Eltern beim Vornamen. Sie wünschen das. Es wirkt jünger und dynamischer. Wenn ich ehrlich bin, sind wir eher eine Dreier-WG als eine Familie.
Wäre nur mein Leben so regelmäßig gestrickt wie die schwarzen Sterne auf dem wollweißen Jackengrund! Vom Stil her passt die Jacke definitiv mehr zu mir! Ich muss mich in was kuscheln! Jana hingegen, als Vertreterin einer Parfümfirma, ist immer chic gekleidet. Auf ihren vielen Reisen trägt sie uniformartige Kostüme und diskrete Mäntel.
Ich zupfe das Ahornblatt von der Jacke und drehe das filigrane rote Kunstwerk zwischen meinen kalten Fingern. Studiere es aufmerksam, um nicht länger den Fremden anstarren zu müssen. Den Bohemien mit den Haaren, die noch röter sind als Ahorn. Das Blatt in meiner Hand sieht aus wie ein kleiner Ahornbaum. Ich liebe Bäume, sie sind so … ehrlich. Nicht wie Menschen, die sich dauernd verstellen.
»Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten …«
Mein rothaariges Gegenüber hat gesprochen!
Worte, die wie Blätter in meine Gedanken taumeln.
Ein Schauer durchfährt mich. Kann es sein, dass ich genau hier am Bahndamm, mehr oder weniger lebensmüde, auf einen männlichen Lyrikfan treffe? Ich, die angehende Dichterin?
»Rilke«, sage ich automatisch.
»Rilke«, bestätigt er mit der sanftesten Stimme der Welt.
Nun muss ich ihn im äußerst zaghaften Licht der Abendsonne nochmals unter die Lupe nehmen. Einen Lyrikkollegen sollte man genau inspizieren! Halb wirkt er wie ein Junge, halb wie ein Mann, früher sagte man Jüngling zu diesem Zustand. Er ist schlaksig und einen Kopf größer als ich. Leicht belustigt und selbstsicher schaut er auf mich herunter.
Wie ein Schauspielgott auf der Bühne zitiert er gleich weiter: »Sie fallen mit verneinender Gebärde. Und in der Nacht fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.«
Genau, diese doofe verneinende Gebärde! Mein ganzes Leben scheint eine solche Gebärde zu sein. Deshalb bin ich einsam. Mein Leben ist Scheiße verneinend, eine Art Vakuum – aber das Gedicht ist großartig! Es ist mein Gedicht!
Als würde er applaudieren, lässt der Ahorn gleich mehrere Blätter auf den rothaarigen Fremdling niederschweben.
»Rilke ist mein Lieblingsdichter«, erkläre ich, obwohl ich eigentlich kein Gespräch beginnen will. Mein einziger Wunsch ist es, allein zu sein und von David zu träumen.
Gut, ganz allein bin ich nie auf dem Bahndamm. Der Ahorn ist mir ein Freund geworden und verleiht mir die Kraft seiner Beständigkeit. Die vorbeifahrenden Züge hingegen geben mir das Gefühl, dass das Leben doch noch nicht vorbei ist.
»Und du wolltest wirklich nicht …? Du sahst so traurig aus …« Der Fremde scheint noch nicht ganz sicher zu sein, dass ich mir nichts antun will.
Instinktiv greife ich in die linke Tasche meiner Norwegerjacke. Etwas Hartes, Kantiges befindet sich hier, das mir Sicherheit gibt. Da stecken meine Wörter und meine Gedichte zwischen rotgeschmückte Deckel geklemmt. Dieses Lyriktagebuch ist das letzte Geschenk meiner Großeltern, mein Schatz und Talisman.
Der unbekannte Schönling sieht mich leer schlucken. Es ist nicht so lange her, genau gesagt drei Monate, dass mich Oma verlassen hat. Nach einem Jahr ist sie Opa gefolgt. Die beiden waren die Eckpfeiler meines Lebens, doch nun wanke ich.
»Und wenn ich mein Leben beenden wollte, dann hätte es nichts mit dir zu tun!« Die harten Worte entfahren mir einfach so.
Manchmal bin ich richtig unausstehlich!
Der graue Blick des fremden jungen Mannes ruht auf mir.
Seine roten Haare leuchten wie eine Kerze.
»Hat es nicht, da stimme ich dir zu. Trotzdem ist es erstaunlich, dass du genau hier stehst und dich vorbeugst, wenn der 16:10-Uhr-Zug vorbeifährt.«
Na, er hat Nerven, der Rotschopf. Wäre nicht David, könnte er mir direkt gefährlich werden. Aber so ist es mit der Liebe. Auch mit einer einseitigen. Es existiert nur ein Mensch des anderen Geschlechts. Alle anderen sind zu Statistenrollen verdammt. Wobei es mich doch reizt, diesen Typen ein wenig zu provozieren.
»Grund hätte ich ja …« Ich erkläre meinen Grund aber nicht.
Mein Gegenüber zieht die Augenbrauen hoch und sagt nur: »Cassian.«
Ich in Gedanken: »???« Man sehe mir die Fragezeichen immer auf der Stirn stehen, sagte jeweils Opa.
Auf jeden Fall verstehe ich nicht, warum mir der Fremde nun seinen Namen nennt.
»Wenn wir über Lebensmüdigkeit sprechen, sollten wir unsere Namen kennen.«
Okay. Das ist vernünftig: »Alice«, murmle ich schnell und leise. Seine Schuld, wenn er es nicht versteht.
»Alice«, wiederholt er aber brav. Gottlob beteuert er nicht, wie schön mein Name klinge. Und dass ich wohl gerne ins Wunderland abhauen würde …
»Alice kommt von Adal-heit, das bedeutet von edler Art«, bemerke ich und füge gehässig hinzu: «Oder von edler Gestalt«.
»Aha«, sagt der Rothaarige leicht ironisch, »Adelheid wie Heidi.«
Wider Willen muss ich grinsen. Mit diesem Kinderbuchklassiker habe ich nun wirklich nicht viel am Hut, obwohl ich mit Heidi gemein habe, dass wir im Leben meist irgendwo deponiert werden, egal ob Alp oder College.
Cassian strahlt, als hätte er einen Volltreffer gelandet.
»Und, gefällt dir dein Name, Cassian?«, frage ich schnell, um abzulenken.
Ich weiß wirklich nicht, was mich dazu treibt, dieses Gespräch weiterzuführen! Mein Leben geht den Unbekannten eigentlich gar nichts an. Ich wollte nämlich an diesem Nachmittag einsamer sein denn je. Ich brauche Einsamkeit, aber die anderen verstehen das nicht.
Meine Oma ermahnte meine Mutter kurz vor ihrem Tod: »Jana«, sagte sie, »du musst dich mehr um Alice kümmern.«
Ich lauschte nicht vorsätzlich, ich hörte diese Worte vor der Krankenzimmertüre, als wir einer nach dem anderen von Oma Abschied nahmen.
Aber hält sich Jana denn dran? Gut, sie fragt nach meinen Sozialkontakten und will unbedingt einmal pro Woche einen Frauenabend mit mir verbringen, der dann meistens ausfällt. Um die Hausaufgaben kümmert sich sowieso immer mein Vater, sprich Sam. Kümmern bedeutet bei Sam, kurz nachzufragen, ob er irgendetwas unterschreiben muss. Dann will er noch wissen, ob ich einen Nachhilfelehrer brauche, den würde er mir schnellstens besorgen. Ja, wenn David mir Nachhilfe gegeben hätte … Ich werde rot bei diesem gleichzeitig verlockenden und erschreckenden Gedanken und binde meinen Jackengurt enger, als würde ich mich in der Schafwolle verbergen wollen. Schon wieder zugenommen, stelle ich dabei fest!
Cassian unterbricht meine Gedanken mit einem blöden wissenden Blick, als hätte er mitgehört, was ich denke.
»Es ist ein schwieriger Name. Cassian war dieser Heilige, der Schutzpatron der Lehrer, welcher von seinen eigenen Schülern mit Griffeln erstochen wurde.«
Mir läuft ein Schauder über den Rücken. Dabei ist Cassian heute ein Modename. In der Fantasyromanen zum Beispiel wimmelt es von Cassianen.
»Es scheint tatsächlich mein Schicksal zu sein, anderen Dinge beizubringen«, verkündet Cassian mit wichtiger Stimme.
Mysteriös.
Was will er überhaupt, dieser Cassian?
Mir etwas beibringen?
Das hat noch niemand geschafft! Ich bin der Learning by Doing-Typ. Und ich habe echt genug von all den Klugscheißern und Bitches an der Schule. Eigentlich habe ich auch die Nase voll von meinen Pseudoeltern. Die einzigen Menschen, von welchen ich mich belehren ließ, waren meine Grosseltern.
»Adam, Chris oder David, solche Namen würden mir eher gefallen«, sagt Cassian nun.
Wie kommt er gerade auf David? Und warum betont er genau diesen Namen?
Mysteriöser als mysteriös!
Ohne nachzudenken, greife ich nach Cassians Ärmel. Mir ist nämlich leicht schwindlig geworden.
Cassian stützt sich, während er mich auffängt, mit einer Hand am Ahornstamm ab. Als wäre er überrumpelt worden.
»Du bist nicht etwa schwanger?«, fragt er mit gespielt ernster Miene.
»Ganz sicher nicht!« Ich kann mich nicht beherrschen und kichere. Schwanger?
Wovon?
Von Illusionen?
Von der Leere in meinem Leben?
Ich sage nichts mehr … Soll er doch gehen …
»Ich bin ein Waisenkind«, rutscht mir dann doch noch heraus. Das bin ich ja nicht in echt. Eher symbolisch.
»Mit solchen Aussagen spielt man nicht.« Cassians Stimme ist plötzlich hart.
Er beugt sich über mich. Dieser Duft! Er riecht leicht süßlich, wie Ahorn. Wie Ahornzucker.
Warum weiß Cassian, dass das mit dem Waisenkind eine Lüge ist?
»Kannst du Gedanken lesen?«
»Ich kann alles.«
Diese Einbildung! Sie verschlägt mir den Atem.
»Ich muss weiter …«, sage ich schnell, doch Cassian hält mich zurück. Mein rechter Jackenärmel verrutscht und feine weiße Striche werden sichtbar, gleich oberhalb des Handgelenks.
»Dachte ich es mir doch.« Cassian klingt nun wieder besorgt.
Also wirklich … Innerhalb weniger Minuten hat sich dieser Mensch total in mein Leben eingemischt. Ein Schwall Ahornblätter taumelt um mich, und mir schwindelt erneut.
»Das ist nichts …«, will ich sagen, doch ich bleibe stumm und reiße gleich beide Norwegerjackenärmel so weit nach vorn, dass sie meine Hände bedecken.
Cassian schaut mich an.
Scheint zu verstehen.
Shit nochmal!
»Es war, weil alles zu viel war, aber nun ist es vorbei …« Meine Stimme klingt krächzend.
Stimmt, seit zwei Monaten habe ich es nicht mehr getan, sonst muss ich wieder regelmäßig in Therapie. Dass ich mich zwanghaft so spüren will, hat mit all den Verlusten zu tun, und mit meiner gestörten Kind-Eltern-Beziehung. Ich weiss aber noch heute nicht, warum nur ich nach dem Tod von Opa und Oma in Therapie musste, und nicht auch Sam und Jana. Klar, ich war am meisten betroffen, ich klebte ja regelrecht an meinen Großeltern. Und es war wirklich extrem, wie rasch hintereinander mir meine zwei wichtigsten Bezugspersonen genommen wurden. Im Tod vereint, auf dem Stadtfriedhof und auch in einer anderen Welt. Sie waren das glücklichste Paar, das ich je kannte.
»Ich … Ich bin nicht die, die du meinst, dass ich sie sei …« Ich weiß nicht, warum ich mich stotternd vor Cassian rechtfertige. Immerhin kenne ich ihn erst seit ungefähr einer Viertelstunde.
Cassian schmunzelt: »Ich bin ebenfalls nicht der, der ich vorgebe zu sein.«
Wenn er lächelt, bilden sich kleine Fältchen neben seinen Augen und er wirkt gleich viel älter. Ein kalter Hauch umfasst mich und gleichzeitig strömt eine unbekannte Wärme in mein Herz. Ein seltsames Fluidum geht von diesem jungen Mann aus …
Er schaut mich aufmunternd an, als sollte ich weitererzählen. Wie oft habe ich mir das von meinen Eltern gewünscht?
»Ich bin einfach
hässlich
zu dick
zu ehrgeizig im College
habe keinen Freund
nicht einmal normale Freundinnen!
Ich habe
einfach nichts mehr
seit Opa und Oma tot sind!«
Wie abgehackte Gedichtzeilen sprudelt es aus mir heraus. Bin ich verrückt, all meine Geheimnisse einem Fremden zu erzählen?
»Bin ich verrückt, all meine Geheimnisse einem Fremden zu erzählen?«, spucke ich prompt hinaus. Wenn ich einmal loslege, dann bin ich konsequent.
»Ich bin kein Fremder, ich bin dein Schutzengel.« Cassians Stimme klingt diesmal klar wie ein Bergkristall.
Er ist mein Schutzengel?
»Du weißt, dass das nicht stimmt, was du eben über dich gesagt hast. Du bist eine junge, hübsche und intelligente Frau, eine eigenwillige Persönlichkeit.«
»Sehen wir uns wieder?«, hängt Cassian wie nebenbei noch an.
Er legt seine Hand auf meinen Arm. Diesmal strömt eine Welle von Wärme durch meinen ganzen Körper.
Sofort zieht er seine Hand wieder zurück. Als hätte er sich verbrannt, schlendert er am Ahorn und mir vorbei. Da vorn steht ein Motorrad mitten auf dem Weg. Ich reiße die Augen auf, denn bis jetzt habe ich es noch gar nicht bemerkt.
»Morgen um dieselbe Zeit hier?«
Ich nicke.
Mein Kopf fühlt sich wie betäubt und mit Watte gefüllt an.
