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Stefan Heym, Brigitte Reimann, Dieter Wellershoff, aber auch Erich Loest, Walter Kaufmann, Reiner Kunze oder Ralph Giordano – all diese Autoren waren in den letzten 50 Jahren zu Gast bei Wolfgang Schreyer in Ahrenshoop. Die Begegnungen mit ihnen, die er in diesem Band erstmals schildert, geben einen unverstellten Einblick in das, was deutsche Schriftsteller in Ost und West in dieser Zeit bewegt hat und bis heute beschäftigt. Nicht zuletzt zeigt dieses kurzweilige Buch, was den Künstlerort Ahrenshoop vielleicht bis heute ausmacht – lebendiger Austausch über Genregrenzen hinweg.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2021
Wolfgang Schreyer
Ahrenshooper Begegnungen
EIN HAUS AM MEER UND SEINE GÄSTE
ISBN 978-3-96521-428-6 (E-Book)
Die Druckausgabe erschien erstmals 2008 im BS-Verlag Rostock Angelika Bruhn.
Gestaltung des Titelbildes: Paul Schreyer
2021 EDITION digitalPekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de
Für Ingrid
Von klein auf zog es mich ans Meer, so wie es meinen rastlosen Vater immer in die Berge zog. Der Strand, die Schippe, der Burgenbau im flachen Wasser! Als Kind schon lernte ich die Ostsee kennen, an Rügens steiler Küste; später das Watt und die wilden Dünen der Halbinsel Eiderstedt, wo eine muntere Spielfreundin versuchte, mich harmlosen Pimpf zu verführen – unter ziehenden Wolkenschatten in der launischen Schönheit einer Natur, geschaffen von Ebbe und Flut im Wind, der die Gräser zittern ließ.
Nie kam mir die Idee, man könne, jenseits der paar Urlaubswochen, sein Leben dort verbringen: an so einem magischen Punkt, „wo das Land endet und die See beginnt“, wie es im Text einer portugiesischen Tourismusbehörde vor 30 Jahren naiv und klangvoll hieß: „Hier lebt jener Geist des Glaubens und der Abenteuer fort, der unsere Schiffe auf die Suche nach neuen Welten geführt hat.“
Wer aber träumt nicht doch manchmal vom eigenen Haus am Meer? Ein Wunsch, leicht erfüllbar für den reichen Mann. Weltweit, so liest man, gibt es acht Millionen Dollar-Millionäre. Und gut ein Zehntel davon sind wahrhaftig Deutsche – was sie uns ab 1990 denn auch, zumal hier an der Küste, klar vor Augen führten. Bauherren ziehen Villen hoch, kostbare Eigentumswohnungen, Landhäuser im Friesenstil; die Grundstücksgrenzen mit Wällen aus Findlingen dauerhaft gepanzert! So reich sind wir nie gewesen, einst in Deutsch-Nordost. Nicht satte Kaufkraft also hat mir das Haus beschert, von dem hier die Rede ist, sondern reines Glück: einer der Zufälle, mit denen das Leben uns über all das hinwegtrösten kann, was uns schiefgegangen ist.
So absurd es auch klingt, ich verdanke mein Glück der amerikanischen Luftwaffe. Deren Männer hatten zwar im Januar 1945 das Fachwerkhaus meines Großvaters, in dem wir wohnten, und zwei Straßen weiter die Drogerie meiner Eltern gleich mit zerbombt. Der alliierte Sieg jedoch setzte den Fernflügen der US Air Force durchaus kein Ende. Schon im August 1946 verlor sie zwei schwere Maschinen über Jugoslawien. Und kurz vor dem Ausbruch des Koreakriegs, am 8. April 1950, schickte ihr Stab einen Fernaufklärer vom Typ „Privateer“ (zu deutsch „Kaperschiff“) quer über die Ostsee bis zur lettischen Küste der Sowjetunion. Die „Privateer“ sah aus wie der Typ Boeing B-29 „Superfortress“, aus dem die zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki gefallen sind. An jenem Karfreitag 1950 nun starten vier sowjetische MiG-15, um den tieffliegenden Späher zur Landung zu zwingen. Als der sich wehrt, schießen sie ihn kurz vor Libau (Liepaja) ab.
Der erste spektakuläre Luftzwischenfall im Kalten Krieg ist da. Ihm folgt eine groß angelegte Suchaktion amerikanischer Seeaufklärer. Nur ein paar Schwimmwesten, Signalpatronen und Keksschachteln werden in der östlichen Ostsee noch entdeckt; mit zehn Mann ist das „Kaperschiff“ versunken. Doch dieser Totalverlust hilft der US-Luftfahrtindustrie auf, die seit dem Kriegsende rote Zahlen schreibt. Ihre Auftragsbücher füllen sich; der Börsenwert der fünf wichtigsten Rüstungsfirmen steigt schlagartig um ein Drittel.
Und den amerikanischen Außenminister Acheson inspiriert die Affäre zu einem „Wahrheitsfeldzug des State Department“. Auf Weisung von Präsident Truman geht er daran, der „Propaganda des kommunistischen Totalitarismus“ zu begegnen, sie nämlich, laut New York Times, „durch ehrliche Darlegung der Wahrheit über Freiheit und Demokratie zu überwinden.“ (Klingt bekannt? Freedom and democracy, es klang schon vor 60 Jahren so.)
Von nun an mehren sich solche Fälle; ein Jahrzehnt geht so ins Land. Ich vermerke jede Meldung; als ehemaliger Flaksoldat mit den Daten der Flugzeuge wie auch mit der Abfangtechnik damals ganz vertraut. Achesons „Wahrheitsfeldzug“, dem schließe ich mich als Chronist jetzt an. Das bleibt ohne Peinlichkeit, denn seltsam, es ist immer nur die US Air Force, die da fremde Grenzen überfliegt. Die Luftwaffe der zweiten Weltmacht, technisch gar nicht schlechter, hält sich klar zurück. Kein einziger Fall von Späh- oder gar Angriffslust wird ihr in all der Zeit angelastet.
Unterstützt von der Neuen Berliner Illustrierten, auch mit Fotos aus ihrem Bildarchiv, schreibe ich eine Serie – die Art von halbdokumentarischer Darstellung, deren Chancen und Grenzen gerade mein Kriegsbuch („Unternehmen Thunderstorm“) zu erkunden sucht. Im Hinblick auf den bald schon legendären Libau-Zwischenfall entsteht, nach dem Hörspiel „Schüsse über der Ostsee“, schließlich mein zweiter Roman zur Zeitgeschichte: „Der Traum des Hauptmann Loy“.
Für das Sachbuch, die Chronik der Affären, fällt mir der Titel „Augen am Himmel“ ein, als der Ablauf plötzlich eskaliert. Am 1. Mai 1960 wird erstmals ein US-Höhenspion des Typs U-2 von einer Sowjetrakete erwischt, nahe dem Ural bei der Stadt Swerdlowsk. Antriebslos taumelt die U-2 im Gleitflug abwärts, unversehrt schwebt der Pilot am Fallschirm in Gefangenschaft. Ausflüchte Washingtons fegt der Kreml weg und legt Sachbeweise vor, gekrönt vom Geständnis des Piloten Powers. Da erklärt das Weiße Haus, der US-Präsident selbst habe seit Beginn seiner Amtszeit (1952) solche Geheimflüge befohlen, als „unerlässlich für die Sicherheit des Westens“. Nikita Chruschtschow ist wütend. Sein Gipfeltreffen mit Eisenhower, anberaumt in Paris zum 19. Mai 1960 – damit ist es geplatzt.
Zur selben Zeit sucht mich Professor Dr. Kurt Maetzig mit zwei Begleitern in Magdeburg auf. Ich weiß nicht mehr viel von dieser ersten Begegnung. Mir ist, als habe er gescherzt: „Früher scheiterten Flugzeuge an Gipfeln, heute ist es umgekehrt.“ Spottlust und Liebenswürdigkeit prägen seinen Stil. Im Breitwandformat „Totalvision“ will er meinen Roman „Der Traum des Hauptmann Loy“ verfilmen – zwar noch schwarz-weiß, doch mit Stars wie Günter Simon, Horst Drinda und Fred Düren; selbst Nebenrollen sind noch mit Christine Laszar, Jana Brejchowa, Ekkehard Schall und Ulrich Tein besetzt.
Kurt Maetzig (96) zu Besuch bei mir in Ahrenshoop 2007
Ich bin verblüfft, schwer beeindruckt. Kurt Maetzig, DEFA-Mann der ersten Stunde, hat deren Wochenschau begründet. Ihn umgibt die Aura von Perfektion und Kompetenz. Filmprojekte, das weiß jeder Autor, werden oft in den Gremien zerredet und sterben, noch bevor die erste Klappe fällt. Aber nicht bei diesem Mann; die Studioleitung hört auf ihn. Etliche seiner Werke – wie „Ehe im Schatten“ – zählen zum Besten des ostdeutschen Films, zu einer Zeit, da der westdeutsche künstlerisch arg darniederliegt. Zumal sein „Der Rat der Götter“ hat sich mir eingeprägt. Bringt er für mich doch das auf den Punkt, was der Volksmund seit langem in Sätze fasst wie: „Der Krieg geht für die Reichen“ und „Geld regiert die Welt“. Schlichte Weisheit, hinreißend ins Bild gesetzt hier.
Da begegnen sich zwei Leute in dem Wunsch, zu zeigen, was derzeit passiert, wie es zugeht auf der Welt. Der Regisseur, 49, Spitzenmann des Fachs, steht im Zenit seines Schaffens. Und kaum ist „Der Traum …“ abgedreht, da schwebt ihm etwas vor, das uns beide im Juni 1961 nach Cuba führt. Nie gab es wieder einen so sprachkundigen wie kameradschaftlichen Reisegefährten für mich wie ihn. Längst haben wir uns angefreundet dort in der Ferne, auf Stoffsuche für einen Film, der dann „Preludio 11“ heißen wird, da bietet er mir eher beiläufig sein Ahrenshooper Sommerhaus zum Kauf an. Erst sechs Jahre steht es, wird von ihm wenig genutzt, und der Preis ist mehr als fair: zwei Drittel der Baukosten … Heutzutage würde das kein Bauherr oder Immobilienmakler fassen.
Das Haus „Cucana“ im Ahrenshooper Niemannsweg um 1960
Das Grundstück selbst ist wie geschenkt zu den sagenhaft niedrigen Bodenpreisen von 1936, die in der DDR weiterhin gelten. In dankbarer Erinnerung an jenen Streifzug durch das ferne Cuba nenne ich das Haus Cucana – ein spanischer Ausdruck für „leichtes Geld“ oder „Glückstreffer“, der in unserem Film als Codewort fällt.
Meine Familie, damals erst dreiköpfig, zieht Ende 1962 fröhlich ein. Im Oberstock, unterm Rohrdach, wohnt unentgeltlich, von dem Besitzerwechsel ganz unberührt, ein Rentnerpaar: Umsiedler aus dem Sudetenland. (Falls dies denn das rechte Wort noch ist; ein Gast vom Rhein erklärt mir später, dass „Umsiedler“ ein Euphemismus sei, ein Hüll- oder Tarnwort der DDR für „Flüchtlinge“ oder „Vertriebene“, wie es korrekt im Westen heißt.)
Der alte Josef Walter, er spielt noch die Orgel in der schilfgedeckten Schifferkirche Ahrenshoops, überträgt etwas von dem Respekt, den ihm Titel und Rang des Professors einflößten, zu meiner Verwunderung auf mich. Seine Frau, die resolute Maria, wird ihn um sieben Jahre überleben. Die Eheleute hüten das Haus, halten den Zaun instand und stellen uns Sträuße aus Ilex und Feldblumen hin, wenn wir im Frühsommer aus Magdeburg kommen.
Das Ehepaar Walter
Kein Zweifel, diesem Haus verdanke ich manch wertvolle Bekanntschaft. Und es bereichert nicht bloß mein Leben, es hat auch das der Kinder verändert. Meine beiden Töchter etwa – aus zwei Ehen –, sie haben ihre Partner nicht, wie sonst wohl geschehen, in Magdeburg, sondern hier an der Küste gefunden; also ihre Familien und dann auch die Unternehmen da gegründet … In der ständigen Abfolge von Ursache und Wirkung, in dem kaum überschaubaren Netz der Kausalreihen, das unser Schicksal ist, sind besonders dicke Knoten offenkundig Zufälle wie dieser.
Doch wie kam es denn dazu, dass Cucana überhaupt gebaut worden ist? Wie es entstand, vor gut fünfzig Jahren, und was sich in der ersten Zeit dort zutrug – welchen Gast etwa hat das Haus damals wohl gesehen? Das weiß nur der Vorbesitzer, und ich konnte ihn bitten, sich an einiges von dem zu erinnern, das nun so weit schon zurückliegt.
Um 1954 war der Professor Dr. Kurt Maetzig fast jedem im Lande bekannt, als einer der namhaftesten Filmemacher. Er fuhr eine schwere Sowjetlimousine des Typs SIS oder SIL, von ihm als „recht talfreudig“ ironisiert; drei Nationalpreise waren ihm bereits verliehen worden. Bei all seiner Prominenz aber fiel es ihm schwer, in Ahrenshoop Fuß zu fassen. Denn erstens war es im Jahrzehnt nach dem Kriegsende noch durchaus unüblich, sich einen Sommersitz zu wünschen: Material und Arbeitskräfte dienten eher dem dringenden Ersatz von zerbombtem Wohnraum. Und zweitens fand sich in dem berühmten Künstlerort und Ostseebad, wohl wegen der lachhaften Bodenpreise, für den Professor zunächst gar kein solider Baugrund.
Nur der Name des Hauses schwebte ihm vor, „Yvonneshoop“, nach seiner damaligen Ehefrau. Und ein talentierter Berliner Architekt namens Gerhard Dalchau legte ihm bald den ortstypischen Entwurf vor – für ein rohrgedecktes, bescheiden wirkendes Haus mit rund 120 Quadratmetern Wohnfläche; ein Viertel davon dem Flüchtlingspaar Maria und Josef Walter zugedacht. Doch als die Wustrower Bauleute der Firma Engelhardt mit dem Ausschachten begannen, trat beim zweiten Spatenstich Wasser zutage – dort am Ende des Koppelwegs, zwischen dem Ahrenshooper Holz und dem Schifferberg.
Ein Stück Sumpfwiese also! Heute steht dort zwar ein schmuckes Haus; doch die Isoliertechnik von 1954 ließ das noch nicht zu. Und das Flurstück zwischen dem Grenzweg und dem Weg Am Strom, das Kurt Maetzig sodann erwarb – für nur 507 Mark einschließlich Grunderwerbssteuer, Vermessungs- und Notariatskosten –, dieser Streifen Weideland war zu schmal, als dass sein Haus, zwölf Meter lang, darauf gepasst hätte. Also bot er der südlichen Nachbarin, Frau Müller, weitere 1.140 Mark für ein paar Dutzend Quadratmeter, die ihm noch fehlten. Es stand freilich ein Apfelbaum darauf, der „Hasenköpfe“ trug, und die Verkäuferin setzte durch, dass die Ernte weiter ihr gehöre.
Nun endlich kam der Architekt zum Zuge, dem auch die Bauaufsicht oblag; für seinen Einsatz, verteilt über zwei Jahre, stellte er bloß 2.390 Mark in Rechnung. Doch das Grundwasserproblem folgte ihm auf den neuen Bauplatz. Kein Wunder, liegt ja das ganze Dorf, bis auf die Häuser am Schifferberg, hinter den Dünen auf Meeresniveau. Und „Am Strom“ – der Name dieses Sandwegs bezeichnet tatsächlich eine alte Passage zwischen der Ostsee und dem Saaler Bodden. Die Öffnung war zwar verlandet, nachdem die Hanse dort anno 1398 Schiffe auf Grund gesetzt hatte, damit ihr die Hafenstadt Ribnitz als Konkurrenz zu Rostock oder Lübeck nicht in die Quere kam. Aber die abnorme Sturmflut vom November 1872 hatte sich eben dort, am Nordende des Steilufers, erneut in den Bodden ergossen.
Jene Schiffe, im Dunkel der Geschichte versunken, haben später die Fantasie meines Sohns Robert bewegt, ihn zu kindlichem Schürfen verlockt. Die Ahrenshooper aber ließen das Graben lieber sein; sie haben auf Keller meist verzichtet. Ihre Häuser stellten sie auf Sockel aus Feldsteinen, billig und wasserfest. Wo es ihnen an solch derbem Material aus der Eiszeit fehlte, holten sie die Brocken mühsam mit Steinzangen aus dem Saaler Bodden. Das war ihnen ein trockenes Wohnen schon wert.
Der Architekt Gerhard Dalchau, mit derlei kaum vertraut, ließ statt des ortsüblichen Fundaments eine Betonplatte gießen, 90 Quadratmeter groß und mit Glaswolle bewehrt. Die trug dann das Mauerwerk, dazu auch die Balken, auf welche man die Dielenbretter des Erdgeschosses legte. Nur ein kleines Quadrat, unter der Küche, sparte die Platte aus, für den Hohlraum zur Aufnahme der Motorpumpe und des Wassertanks. Denn es gab noch keinen Anschluss ans Wassernetz! Und der Brunnen unter dem Haus lag bedenklich nahe der Sickergrube für das Abwasser – zum Verdruss des Professors. Zwar hatte der eher Geistiges wie internationales Recht studiert, in München wie auch an der Pariser Sorbonne; er war aber naturkundig genug, um der Filterwirkung des Sandbodens zu misstrauen.
Da freute es ihn, dass es bald, von Tiefbrunnen am Hohen Ufer her, sauberes Trinkwasser gab. Und Regisseur Maetzig – darin geübt, zu improvisieren – nutzte die Motorpumpe nun, um das häufig einsickernde Grundwasser aus dem Kellerloch zu drücken; bis die Pumpe nach einiger Zeit selber der Feuchtigkeit erlag.
Bei aller Schlichtheit wurde es freilich für ihn und für die Fünfzigerjahre ein teures Haus. Schon die Baukosten addierten sich bis auf 45.000 Mark. Und ähnlich schlug die gediegene Innenausstattung zu Buche. Enthielt sie doch neben Möbeln aus den Werkstätten Hellerau (geschmackvolle Sonderanfertigungen für gut 12.000 Mark) und vier prächtigen Kachelöfen aus Kröpelin (2000 Mark) auch Wandleuchten, Drückergarnituren und einen schmiedeeisernen Raumteiler des gerade mit dem Nationalpreis geehrten Metallgestalters Fritz Kühn. Dessen illustre Schöpfungen sind übrigens in zahlreichen Formen wie Brunnen, Skulpturen oder Gitter heute noch zu sehen: von der Brüsseler Weltausstellung über die Turmbekränzung am Mahnmal Buchenwald bis zur Dortmunder Oper und dem Strausberger Platz in Berlin. (Fritz Kühns Kunstschmiedewerkstatt führte ab 1967 sein Sohn Achim weiter – ein Freund von Ingrid, meiner zweiten Frau, der gern mal von Born zu uns herüberkommt.)
Kurt Maetzig sparte auch nicht an den Küchen- und Schlafzimmermöbeln, die er vom Tischlermeister Zimmek einbauen und durch einen Dresdner Künstler für 1.600 Mark bemalen ließ. Das Doppelbett trug, wie in historischen Filmen, auf gedrechselten Säulen einen Baldachin; den allerdings baute ich ab, auf Wunsch meiner ersten Frau (es blieb das einzige Detail im Haus, das sie befremdete; nicht einmal als lustiges Zitat aus der Kinowelt konnte ich’s ihr nahebringen).
Im Wohnraum hing ein handgeknüpfter Teppich an der Südwand. Und weiße Bodenteppiche, handgewebt in der Werkstatt Schmidt-Kirstein am Weg zum Hohen Ufer, bedeckten die Dielen, verrutschten freilich leicht. Wie auch der riesige Kachelofen dort bei Starkwind zum Qualmen neigte. Karl Röwer, der Ofensetzer – ein allzeit fröhlicher Mann – hatte vom Bau des Monstrums dringend abgeraten: die Züge in dessen Innerem waren zu lang, ihre Steigung zu gering. Aber der Bauherr, kraftvoller Schönheit zugeneigt, setzte sich durch.
Wer hat Kurt Maetzig nun besucht, als das Haus schließlich stand? Das kann man noch jetzt von ihm selbst erfahren. Zu seinem 96. Geburtstag nämlich, Ende Januar 2007, fand ihn das Neue Deutschland souverän, uneitel und hellwach – eine „Filmlegende“, wie eh und je fähig, präzise, anschaulich und humorvoll zu erzählen. Mir nannte er von all seinen Gästen zunächst nur drei damals wichtige: den Schauspieler und Regisseur Gustav von Wangenheim (1895–1975), den Romancier F. C. Weiskopf (1900–1955), sowie Rudi Engel (1903–1993), den Direktor der Deutschen Akademie der Künste. „Wenn es damals Prominente waren“, so schrieb er mir dazu, „so ist ihr Ruhm längst verblasst, und die Namen, die uns heute zu diesen Jahren einfallen, sind nicht dabei.“
Einen, von ihm schon vergessen, empfing er im Sommer 1957 hier: den Filmer Hubert von Blücher, dem ich kurz darauf selber in Babelsberg begegnet bin. Der hatte, zuletzt mit dem Regisseur Ernesto Remani, in Süd- und Nordamerika gedreht. Nun hoffte er, mit dem Apparat der DEFA dem Provinziellen des westdeutschen Filmbetriebs zu entgehen. Von ihm kam die Idee zu dem TV-Dreiteiler „Tempel des Satans“, wir freundeten uns an, und 30 Jahre später schickte er mich für den Roman „Endzeit der Sieger“ quer durch die USA.
Doch als ich mich revanchieren wollte, mit einer Einladung an die Ostsee, da zögerte er. Denn inzwischen gehörte ihm in Düsseldorf eine Firma der Rüstungsindustrie, und er fürchtete, die Stasi werde ihn kontaktieren, falls er noch mal in die DDR käme. „Wie würden die das wohl tun?“, fragte er mich in Westberlin. – „Na, durch einen, den du kennst“, sagte ich arglos, „wie zum Beispiel mich …“ Hubert versank in Schweigen, und mir ging auf, dass man keinen Freund verunsichern darf – oder durfte, damals in jenen Zeiten.
Hubert von Blücher (1967)
Angenehm nachzutragen bleibt Folgendes. Ende Juni 2007 besucht uns Kurt Maetzig, chauffiert und begleitet von der sympathischen Baerbel Maetzig, die seit 35 Jahren seine Gefährtin ist. Während wir noch von damals reden und dabei sind, unsere einst so enge Freundschaft zu erneuern, fällt ihm als sein erster Gast in diesem Haus noch Isot Kilian (1924–1986) ein, welche von Kennern des Bertolt Brecht (1898–1956) als dessen letzte Geliebte betrachtet wird.
Geboren in Hamburg, ging Isot Kilian, aus linkem Elternhaus stammend, als bildschönes Mädchen zur Bühne – befreundet mit dem Autor Wolfgang Borchert (1921–1947), dessen Antikriegsstück „Draußen vor der Tür“, berühmt für seine Ausdrucksstärke, zum klassischen Drama des Kriegsheimkehrers geworden ist, der fassungslos am Beginn eines neuen Lebens steht.
Die junge Schauspielerin kam dann nach Ostberlin, wo sie den Philosophen Wolfgang Harich (1923–1995) heiratete, mit dem sie – vor dessen Verhaftung und Strafverbüßung – eine Tochter hatte. Beim Berliner Ensemble trat Isot Kilian u. a. im „Kaukasischen Kreidekreis“ auf. Sie wurde dort schließlich – halb Scriptgirl, halb Regieassistentin – zur Vertrauten Brechts, dessen Interessen sie zumal dann schützte, wenn er sich an seinem Buckower Sommersitz aufhielt.
Zuvor bereits machte Kurt Maetzig, der Begründer und erste Direktor der DEFA-Wochenschau „Der Augenzeuge“, ihre Bekanntschaft, wirkte sie doch zeitweilig als Sprecherin in seiner Wochenschau mit. Des Anlasses und der näheren Umstände ihres Besuchs in Ahrenshoop entsinnt der Professor sich nach all den Jahren nicht mehr. Vermutlich aber blieb Frau Kilian auch in den späten Fünfzigerjahren für ihn bemerkenswert; vielleicht schon deswegen, weil sie in die Hauptabteilung Film des Ministeriums für Kultur gewechselt war; also in jene Behörde, der die Filmproduktion der DDR letztlich unterstand.
„Ich kannte Isot nur in den letzten zwölf Jahren ihres Lebens“, schreibt mir Prof. Dieter Hoffmeier, von dem gleich die Rede sein wird. „Sie war, bei der fast täglichen Zusammenarbeit, von einer unaufdringlichen Freundlichkeit, erriet meist schon im voraus, was nötig war, besorgte das Notwendige einfallsreich; falls ihre charmanten Überredungskünste nicht halfen, auch bohrend und beharrlich. Möglicherweise hat Brecht auch diese Eigenschaft an ihr geschätzt. Brecht bezeichnete sie – wie die anderen auch – als ,Mitarbeiterin’ der Regie und Dramaturgie.“ … Dieser Text lässt mich vermuten, dass es sich hier im Kunstbetrieb der DDR um eine besonders hilfreiche und warmherzige Frau gehandelt haben muss.
Unser erster Gast ist Ende 1962ein Freund und liebenswerter Filou: Dr. Dieter Hoffmeier nebst Ehefrau Gisela, einer hübschen Buchhändlerin. Sein sprudelnder Witz gehört eigentlich auf Kleinkunstbühnen; ein begnadeter Kabarettist. Tolle Nummern hat er auf Feten geliefert, führende Genossen parodiert. Nicht unbedenklich im Magdeburg der Fünfzigerjahre! Die frühe DDR, wohl Heimat des Flüsterwitzes, doch kein Standort für Politsatire. Leben und Laufbahn lassen sich schwerlich darauf gründen. Aber Talent und Neigung zogen den Spaßvogel ohnehin unter die großen Ernstmacher der Bühne. Am Deutschen Theaterinstitut (Belvedere bei Weimar) hat er studiert, ist in Leipzig Dozent an der Theaterhochschule, hat dann in Greifswald promoviert und sich später an der Berliner Humboldt-Uni habilitiert.
Anfang 1957 hat mich der lustige Gefährte, damals erst 25, zu Milieustudien nach Hamburg begleitet, bis ins Herz des Lasters auf St. Pauli. Auch Ralph Giordano, der eben mit dem Kommunismus bricht, erträgt an der noblen Elbchaussee unseren Besuch – selbst als wir ihm sagen, er erinnere uns (rein optisch) an einen Mafioso aus dem Film „Ladykillers“, der gerade im Kino läuft. So was sagen sich Literaten wohl bloß in der Jugend.
Im heißen Sommer 59 sind wir zwei dann durch Russland gereist und haben, dank Dieters Sprachkenntnis, zwischen Odessa und Riga Verlage besucht, Trinksprüche erwidert, Honorare quittiert und starke Persönlichkeiten kennengelernt – vom Chef der Marinezeitschrift, einem Admiral, bis zu jenem Redakteur, der uns das Endbuch eines US-Autors namens „Chemigue“ empfiehlt; er nennt es „Der alte Mann und das Fisch“.
Dieter Hoffmeier
Unsere Kontaktleute dort sind die Übersetzer, Weltkriegsoffiziere zumeist. Major a. D. Kolja Djatlenko, der mein Kriegsbuch ins Ukrainische übersetzt hat, war in Stalingrad bis ins Hauptquartier der verlorenen 6. Armee gelangt, als Parlamentär, nachdem vor ihm schon andere trotz der weißen Fahne abgeknallt worden sind. Und Oberstleutnant a. D. Bernikow, für den Moskauer „Sowjetmatrosen“ tätig, hat Erich Weinert und Willi Bredel bei ihren Lautsprechereinsätzen an der Front begleitet. Nach dem Sieg ist er Kulturchef in der „Täglichen Rundschau“ gewesen, dem Blatt der Besatzungsmacht. Als er nun auf das Feuilleton des „Neuen Deutschland“ schimpft, entschlüpft es ihm: Viel lieber wär er Naturwissenschaftler geworden. Warum aber, frage ich, hat er dann Germanistik studiert? „Das ist halt Parteiauftrag gewesen“, sagt er traurig. „Alle mit den Buchstaben A bis G mussten in die Germanistik. Sonst wäre da keiner hingegangen. Und ich, ich bin doch ganz am Anfang des Alphabets, leider.“
So viele Erinnerungen; Skurriles, das man nie vergisst. Und nun biete ich dem Freund und seiner Gefährtin stolz das winzige Quartier im Oberstock, mit Seeblick immerhin. Prompt trägt er sich gleich mehrfach ins Gästebuch ein, nämlich als Goethe, Heine, Storm („Was wäre unser Werk ohne das Meer?“), Wilhelm II.; auch als Hauptmann, Stalin oder Becher („O Strandkorb, Schale der Wärme, sonnzugewandt dem unendlichen Blau …“). Stets in glaubhaft wirkender Handschrift, routiniert wie ein Passfälscher.
Ein paar Jahre später, während er mir die Ping-pong-Dialoge in meinem Stück „Tod des Chefs“ ankreidet, dringt er längst in Originaltexte Stanislawskis ein, um alte, schwache Übersetzungen zu korrigieren. Noch ahnt keiner von uns, dass Dieter demnächst Professor und Direktor des Instituts für Schauspiel-Regie in Berlin sein und bekanntester Stanislawski-Forscher im deutschen Sprachraum werden wird, der als Experte für Schauspiel- und Regietheorie höchste internationale Anerkennung findet. Die zweibändige Berliner Ausgabe der Schriften des russischen Meisters ist von ihm – dieses Theatergenies, das er uns als „Dilettant aus reichem Haus“ vorgestellt hat.
Was mich heute beschämt: In Momenten von Enttäuschung und Isolation kam von ihm zu den besseren meiner Bücher stärkendes Lob – während ich ihm auf sein Fachgebiet kaum folgen und ähnlich fundierten Zuspruch leisten konnte.
Noch im Juni 1990, als unser hiesiges Kulturleben etwas erlitt, das einer feindlichen Übernahme (hostile take-over) aufs Haar glich, da schloss ein Brief von ihm mit dem Satz: Einerseits, Wolfgang, durchleben wir das, was Balzac mit dem Romantitel „Verlorene Illusionen“ für seine Epoche bezeichnete; andererseits geht mir ein Wort Schillers aus dem „Don Carlos“ jetzt durch den Sinn: „Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird!“
Ein paar Sommer über war Dieter Hoffmeier mit seiner kleinen Familie hier zu Gast, dann verloren wir uns – bis auf mancherlei Post – physisch aus den Augen. Umso erquickender aber, ihn und sein Weib, heiter wie eh und je, im August 2006 auf der Berliner Buchpremiere des Romans „Die Legende“ zu treffen, den wir (mein Sohn Paul und ich) über den 11. September der USA und dessen Hintergründe verfasst hatten. Welch ein Wiedersehen! Die eigene Freude verblüffte mich, sie kam so jäh und heftig, wie selten von mir erlebt; ein Cocktail von Neurotransmittern wohl, allerlei Endophine als wahrer Glücksimpuls … Aber ist das denn ein Wunder, nach all den Jahren innerlicher Gemeinsamkeit?
Der junge Theatermann steht beim ersten Besuch in Ahrenshoop fast noch im Startloch seiner akademischen Laufbahn. Ganz anders die Eheleute Elfriede und Gerhard Rehbein. Sie scheinen längst am Ziel zu sein, als wir uns hier kennenlernen. Kaum älter als ich, sind beide doch schon Professoren. Sie ist Direktorin des Verkehrsmuseums zu Dresden, er mit 34 Jahren bereits Rektor dort – nämlich der Verkehrshochschule „Friedrich List“.
Zwei Persönlichkeiten, die in sich ruhen, zumal sie das ganz aus eigener Kraft geschafft haben. Gemeinsam verbringen wir anno 1960 ein paar Ferienwochen im Haus Claasen, dem letzten vor der Düne im Sandweg „Am Strom“. Dank einer gewissen Zurückhaltung, durch Vertreter der neuen Elite vielleicht von der alten übernommen, wären wir schwerlich ins Gespräch gekommen, hätte uns nicht um die Mitte des Urlaubs ein gellender Aufschrei geweckt. Eine fremde Katze, zum offenen Fenster herein und jäh auf ihr Bett springend, hat Elfriede Rehbein schockiert.
Vor seinem Studium, so hören wir nun, ist Gerhard Rehbein noch mit Steigeisen an Telegrafenpfählen hochgeklettert; er hat bei der Deutschen Reichpost von der Pike auf gedient. Unsere Interessen berühren sich – die zwei lesen Romane, auch um das Abbild mit der Wirklichkeit zu vergleichen (Karl-Heinz Jakobs’ „Beschreibung eines Sommers“ wird erwähnt); mich beschäftigen Neuheiten im Transport- und Nachrichtenwesen – ihr beider Spezialgebiet. Zu meinem Sachbuch „Augen am Himmel“ tragen die Rehbeins schwer zugängliche Fakten und Sachverhalte bei. Ebenso, wesentlich später, zu dem eher fantastischen Roman „Der sechste Sinn“. Wo auch immer sich mir eine technisch-wissenschaftliche Frage stellt, spenden sie hilfreich Rat.
Gerhard Rehbein (1960)
Einmal nur in vier Jahrzehnten war zu sehen, dass der Professor die Fassung verlor. Im August 1968 hat er einen Termin bei Walter Ulbricht erwirkt, der sich gerade im Dierhagener Gästehaus des Ministerrats erholt, dem heutigen „Hotel Fischland“. Er will dem Parteichef Probleme nahebringen, die wohl ab 1980 das Satelliten-Fernsehen der DDR bereiten wird. Ein Katzensprung von Ahrenshoop – aber mein vierjähriger Sohn Robert, der alles spielerisch ergründen muss, hat aus den Ventilen des „Wolga“ unseres Gastes heimlich Luft abgelassen … (Wäre dies hier kein Bericht, sondern ein Roman, so würde ich schreiben: Durch diesen Bubenstreich blieb der SED-Führung jene Entwicklung verhängnisvoll lange unbekannt.)
Gerhard Rehbein beobachtet scharf. Geboren in Thüringen, sieht er ein Dreifach-Talent bei den Sachsen: die seien „helle, heflich und heimtücksch“. Der Sommersitz des Parteichefs heiße eigentlich Türhaken, von sächsischer Zunge weichgespült zu Dierhagen. Doch jenseits solcher Scherze, die Nähe zur Macht hat ihn manches gelehrt – das gibt er gern an mich weiter. Dort an der Spitze gehe es kühler zu als in Szenen meines jüngsten Manuskripts; stets wahre Ulbricht Abstand zu Untergebenen, auch zu seinen Beratern. Ja, streng sind da die Bräuche. Der Chef reist stets im Sonderzug bis Gelbensande, dort erst steigt er in die Staatskarosse um, den Konvoi aus Berlin. Und das Gästehaus im Naturschutzgebiet, umringt von den Datschen treuer Genossen, wird außerdem seewärts gedeckt, durch ein Kampfschiff der Volksmarine.
Drei Jahre später, über Ahrenshoops Steilufer spazierend, erörtern wir den Rang und die Rolle Walter Ulbrichts. Den respektiert der Professor als Staatsmann, während er Erich Honecker, der Ulbricht eben stürzt, schlicht das Format abspricht. Wir Schriftsteller sehen das noch anders. Bis auf Köpfe wie Peter Hacks erhoffen wir von dem neuen Mann, neben Freiraum in der Kunst, Popularität für ihn und seine Partei durch eine neue Sozialpolitik zugunsten der Bevölkerung.
Die Geschichte wird meinem Gast später Recht gehen. Er sieht auch das Wirken der Staatssicherheit klarer – deren Penetranz. Ihn wundert es, wie unbekümmert ich da noch bin, trotz der üblen Spitzelaffäre von 1958 in Magdeburg. Selber hat er sich einen Brief geschickt und den so präpariert, dass beim heimlichen Öffnen die Finger des Kontrolleurs sich nachhaltig blau färben. Und Dresdens Stasichef lässt ihn dies auch verärgert wissen! Was ist das für ein Geheimdienst, der ohne Not so Peinliches zugibt?
Ab 1982 sehen wir einander nicht mehr. Die UNO beruft Gerhard Rehbein zum Entwicklungshelfer für Afrika und Lateinamerika, in Sachen Telekommunikation. Drei Jahre darauf wählt man ihn zum Vizepräsidenten des Verwaltungsrats der ITU (International Telecommunication Union), einer Spezialorganisation der UNO in Genf; bald wird er deren Präsident. Und ab 1994 berät er weltweit tätige Unternehmen wie Ericsson oder AT&T New York, hilft beim Aufbau des Mobilfunknetzes von Mannesmann, später Vodafone … Doch in all der Zeit wechseln wir Briefe und schicken uns Bücher. Mehrfach höre ich Ermutigendes von dem alten Freund – wenn ihn etwa der letzte Roman „Die Legende“ überzeugt hat und er daran das Milieu in New York und Washington, ihm wohlbekannt, als stimmig dargestellt lobt.
Wieland Herzfelde ist 67,als er im Juli 1963 überraschend hier eintrifft. Bloß für ein paar Tage, er hat ja kein Quartier, will aber seinem Enkel unbedingt den Ort zeigen, wo er Anfang der Dreißigerjahre mit seinem Bruder Helmut – dem berühmten Fotomonteur John Heartfield – und George Grosz eine gute Zeit hatte. Der Enkel kommt aus Kanada, wo Herzfeldes Sohn bei einem Fernsehsender arbeitet.
Das Haus ist voll, doch ihm den Wunsch abschlagen? Unmöglich; eher rückt man da zusammen. Denn ich verehre den Mann, seit ich sein Erinnerungsbuch „Immergrün“ las, und ihn zwölf Jahre zuvor erstmals sah – in Halle, bei den Jungen Autoren des Landes Sachsen-Anhalt. Dort bestaunte man ihn als den sagenhaften Chef des Berliner Malik-Verlags, den er mit seinem älteren Bruder schon 1917 gegründet und ab 1933 fünf Jahre lang im Prager Exil weitergeführt hatte. Dann aber hatte er sich, über Paris nach New York flüchtend, als Buchhändler durchgeschlagen, um schließlich dort mit Anna Seghers und Oskar Maria Graf den Aurora-Verlag zu starten.
Wieland Herzfelde
Der schmale, bewegliche Mann ist also eine Legende, nur merkt ihm das niemand an. Sein Rat kommt, wenn überhaupt, ganz leise. Er pocht auf kein Prestige – wie schon der Untertitel seines „Immergrün“ verrät: „Merkwürdige Erlebnisse und Erfahrungen eines fröhlichen Waisenknaben“. Im Berliner Vorstand des Schriftstellerverbandes, wo wir uns zur Zeit des Mauerbaus gegenübersitzen, mildert er spitzbübisch lächelnd die amtliche Forderung nach Sozialistischem Realismus listig ab: man möge einfach realistisch schreiben; inwieweit der Autor auch Sozialist sei, das werde sein Buch dann schon zeigen.
Das missfällt den Konservativen um Otto Gotsche und Alfred Kurella. Weiter freilich lehnt Herzfelde sich in solchen Gremien kaum hinaus. Heute scheint mir, dass sein gedämpftes Wesen, zumal damals in Halle, auch von Bedrückendem herrührte – Westemigranten wurde in der Regel arg misstraut. 1949 aus den USA heimgekehrt, gab man ihm nicht etwa einen Verlag, wozu er das Zeug ja hatte, sondern machte ihn zum Professor für neuere Literatur an der Sektion Journalistik der Universität Leipzig. Dort hatte die Parteileitung ihn stets im Auge. Und während er uns junge Leute in Halle so zurückhaltend beriet, war ihm gerade die SED-Kandidatur gestrichen worden! Und zwar wegen früheren Umgangs mit Hermann und Noel H. Field, mysteriösen Figuren, die als US-Spione galten und in den Schauprozessen des Ostblocks der frühen Fünfzigerjahre eine düstere Rolle spielten.
Um 1956 parteiintern rehabilitiert, gelangte er wie ich in den SV-Vorstand und kam auch zu einem schönen Haus in Bad Saarow. Dorthin lädt er uns – meine erste Frau und mich – mehrfach ein; so uneitel und freundschaftlich, dass der Alters- und Rangunterschied da verschwimmt. Ja, Herzfelde hilft uns sogar bei der Grundstückssuche; ihm liegt deutlich an unserer Nachbarschaft. Ich weiß zwar inzwischen, dass er mein Kriegsbuch schätzt, dessen Mängel er ignoriert, aber was hat er denn von der Gesellschaft eines 30 Jahre jüngeren, der ihm kaum das Wasser reichen kann? „Na, Gespräche“, ist seine Antwort. „Weißt du, alles muss doch irgendwo einen letzten Sinn haben.“
Ein entwaffnender Satz, der sich einprägt. Und Herzfelde empfiehlt mich seinem Berliner Baumeister, der uns flugs einen Bungalow entwirft … Nur, es gibt nahe dem Scharmützelsee derzeit keine Baugenehmigung.
Zum Glück. Sonst hätte es mich nie nach Ahrenshoop verschlagen. Dorthin folgt uns sein Architekt mit dem Plan für ein kleines Gästehaus – ein grauhaariger Pfiffikus namens Koch, Stadtbezirksbaudirektor ist er in Köpenick – und so gewitzt, dass er auf Ämtern an der Küste die erste Silbe seines langen Titels gern nuschelnd verschluckt. Erfolgreich; doch Behörden sind langsam, das Häuschen steht noch nicht, als Wieland Herzfelde eintrifft.
Wir tummeln uns am Strand. Der Enkel freilich darf mit der Luftmatratze nicht ins Wasser: Grenzgebiet, Fluchtgefahr (selbst für Knaben aus Kanada). Und mein Überschwimmen der Bojenlinie rügt ein Rettungsschwimmer – dies sei bereits die Staatsgrenze! Durch meinen Hinweis auf die Dreimeilenzone gereizt, tadelt er auch den Sandwall, in dem wir liegen: Burgenbau ist verboten, weil die Strandkörbe darin bei Hochwasser absaufen. Dies sei aber keine Burg, erklärt ihm Herzfelde, es fehle ja der Turm. Denn nicht mal einen Strandkorb haben wir.
Auch wo vorher schon Vertrautsein war, so recht öffnen die Gäste sich oft erst am Meer. Herzfelde etwa erzählt mir hier, wie kläglich der große Brecht sich 1947 vor dem US-Ausschuss für unamerikanische Umtriebe geduckt habe, gefolgt von seinem fluchtartigen Rückzug nach Europa, zunächst in die Schweiz. Da schwingt Verständnis mit für derlei Mangel an Courage, vielleicht nach eigener Erfahrung mit bösartigen Behörden … Heute denke ich, dass es naiv von mir war, deswegen im Stillen von dem verehrten Gast abzurücken.
Voller Respekt hingegen schildert er mir den amerikanischen Autor Albert Maltz. Dessen Roman „Ein langer Tag in einem kurzen Leben“ hat mich wieder so gepackt wie schon sein Buch „Der unterirdische Strom“. Herzfelde sagt mir nun, Maltz sei, als einer der Hollywood Ten wegen seiner fortschrittlichen Haltung 1950 angeklagt und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Das Buch „Ein langer Tag …“ habe er, als Frucht seiner Haftzeit, in Mexiko verfasst. Elf Jahre war Maltz da im Exil! Und anders als Howard Fast, der wie viele linke Geister des Westens nach Chruschtschows Geheimrede (auf dem XX. Parteitag 1956) flugs gebrochen hätte mit den Träumen der Jugend, also mit dem Marxismus, sei Albert Maltz trotz alledem seiner Überzeugung treu geblieben.
Damals finde ich, kein Autor dürfe an Unerschrockenheit wesentlich hinter den Helden zurückstehen, über die er schreibt. Daher enttäuscht es mich, dass Albert Maltz in den Siebzigerjahren, heimgekehrt nach Los Angeles, als alter Mann seinen Frieden macht mit Hollywood – etwa das Drehbuch schreibt für den Western-Ulk „Ein Fressen für die Geier“. Und Wieland Herzfelde? Nun, der schweigt jetzt zu dem starren Parteikurs, den das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED uns Ende 1965 verkündet … Gewiss, es ist närrisch, Schriftsteller bis in ihr hohes Alter, also ein Leben lang an den Lichtgestalten zu messen, die sie geschaffen haben. Wie andere auch halten sie nicht immer stand, wenn der Druck wächst, suchen Harmonie. Doch das geht mir erst sehr viel später auf. Mich zieht es zu Kollegen wie Stefan Heym, die man dort auf dem Plenum beschimpft hat; ihnen stehe ich nach Kräften bei.
Heym kriegt partout das dicke Manuskript „Der Tag X“ nicht durch die Zensur. Zwar hat er da in eher parteinaher Sicht den Anteil des Westens am Aufstand vom 17. Juni 1953 übertrieben. Doch von Herzfelde weiß ich, weshalb das Buch trotzdem unerwünscht ist: Staatsparteien, ob rechte oder linke, wollen durchaus nicht an schwarze Tage erinnert werden. Die SED hat den 17. Juni genauso zum Tabu erklärt, wie die NSDAP ein Buch über den „Roehm-Putsch“ vom 30. Juni 1934 als Nestbeschmutzung verhindert hätte! Das sagt mir der alte Fuchs, und es klingt überzeugend.
Dennoch entscheide ich mich gegen ihn. Das passiert am 1. Mai 1966, gleich nach dem traditionellen Buchbasar am Alexanderplatz. Da nämlich betritt Heym mit mir das Restaurant „Moskwa“. Dort sitzt schon Herzfelde in trautem Kreis, er winkt uns an seinen Tisch. Heym aber setzt sich nicht, bissig hält er Herzfelde sein Einknicken vor, die Anpassung an den Parteikurs: sei er denn gewählt worden als DDR-Vertreter für die nächste P.E.N.-Tagung im Westen? – „Ausgewählt“, sagt Herzfelde ebenso schalkhaft wie ehrlich.
Es ist, als ob da beide an mir zerren. Und auch ich bleibe nicht, sondern folge Heym ins Freie, hinaus auf die Karl-Marx-Allee. Den väterlichen Freund lasse ich im Stich und bin dem da schon 70-Jährigen nie mehr begegnet. Ich sehe noch das Bedauern in seinem Gesicht … Mir bleibt die Szene bitter in Erinnerung.
Immerhin, derlei Nachgiebigkeit zahlt sich anderweitig aus. Den Verzicht auf Einspruch gegen den Lauf der Dinge, in Ost wie in West belohnt man ihn. Nun erst wird Herzfelde – und das ist nur gerecht – Leiter der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege der Deutschen Akademie der Künste. Ihm werden der Vaterländische Verdienstorden, der Stern der Völkerfreundschaft, ein Nationalpreis und auch der Goethe-Preis verliehen; schließlich noch der Karl-Marx-Orden und die Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden. Bereits demenzkrank (und im peinlichen Gespött derer, denen die Schrecken des eigenen Alters noch verborgen sind), wird er mit 90, zwei Jahre vor seinem Tode, Ehrenbürger von Berlin.
Welch ein Leben! Unempfänglich gegenüber Moden, in klugen Schritten, dazu in Kenntnis des Unrechts, das überall geschieht und fest im Gefüge der Welt verankert ist, gab Wieland Herzfelde zuletzt nach. Der Skandal von Ausbeutung und Klassenherrschaft widerte ihn mehr an als das Diktat seiner Partei. Doch mir scheint, er hat erst sehr spät aufgehört, sich zu fragen: Wer bin ich? Was kann ich wohl noch ändern? Worauf läuft all das denn hinaus?
Das eben sind die Lebensfragen, wie er mir einmal gesagt hat. Man kann manches tun, um ihnen aus dem Weg zu gehen, und sei es bloß, um zu verschnaufen; doch es gibt keinen sicheren Schutz gegen sie. Ein Stafettenläufer gibt den Stab – oder die Botschaft – weiter, wenn die eigene Kraft sich erschöpft. Nicht nur in Hollywood, so meine ich, hat er das Recht auf ein Happy End.
