Aichinger 3.0 - LOVELETTERS - Tinna Aichinger - E-Book

Aichinger 3.0 - LOVELETTERS E-Book

Tinna Aichinger

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Beschreibung

Gerade im Alltäglichen lauert der Abgrund. Ein Mann und eine Frau treffen sich. Zufällig. An einem gewöhnlichen Ort. Niemand hätte damit gerechnet. Weder ER noch Sie...da war etwas, in seiner Art und Weise zu lächeln. Liebe ist, dass du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle. Franz Kafka

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Burkhard und Kristin

Herrn Burkhard Aichinger KFZ-Prüfstelle

Lieber Herr Aichinger,

eine zufriedene Kundin grüßt Sie aus Onktrifften. Ich muss Ihnen einfach sagen: Ich habe mich von Ihnen angenehm betreut gefühlt und werde Sie empfehlen.

In der vergangenen Woche musste ich oft an Sie denken;

und an die Dinge, die Sie erzählt haben.

Fand ich interessant. Womöglich sieht man sich einmal bei MCmoto

in Ebersdorf?

Würde mich sehr freuen!

Mobil: 01xxxxxxxxx8

Herzliche Grüße

Kristin Floreyn

Hallo Frau Floreyn,

vielen Dank für den sehr netten Brief.

Ich habe z. Zt. Urlaub und den Brief gerade erst erhalten.

Würde mich auch freuen, solch eine nette Dame

wiederzusehen.

Wo und wann??

Liebe Grüße aus Rieth

Mobil: 01xxxxxxxxx4

Burkhard Aichinger

Inhaltsverzeichnis

Prolog

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL ZWEI.1

KAPITEL ZWEI.2

KAPITEL DREI

AICHINGER 3.0, denkt sie. Das ist es.

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

Aichinger 3.0. oder: das Tagebuch einer Geworfenen

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

NACHWORT

Prolog

Er ist fast sechzig, als er sie kennenlernt.

Nicht, dass nichts passiert wäre. Bisher. In seinem gesamten Leben. Wenn man es genau nimmt. Er hätte es nicht ahnen können. Nicht einmal in seiner kühnsten Fantasie. Und nicht einmal diese würde ausreichen, um die Vorkommnisse auch nur annäherungsweise vorauszusehen.

Nicht in dieser Form. So etwas hat er noch nie erlebt.

Als es dann passiert, weiß er noch nicht, dass es ihm passiert. Gerade. In diesem Moment.

Sie auch nicht.

Nicht in diesem Augenblick.

Aber dann, etwas später.

Als hätte sich etwas in den Nervenzellen des zentralen Nervensystems festgesetzt. Eine Endlosschleife. Es würde niemals aufhören.

Sie ist gerade über fünfzig.

Viel ist passiert. In ihrem bisherigen Leben. Zu viel. Mannigfaltiges. Wenn man von ein paar Kleinigkeiten einmal absieht.

Doch das hier kommt überraschend.

Nachdem sie sich ganz bewusst davon verabschiedet hat. Aus verschiedensten Gründen.

Nämlich, sich zu verlieben.

Und auf SEX könnte sie am ehesten verzichten.

So etwas kann man sich nicht vornehmen.

Gemäß der Quantentheorie können schon kleinste Ursachen verheerende Folgen haben.

Im Alltäglichen lauert der Abgrund.

EINS

Es ist heiß. Die Sonne brennt unbarmherzig herab.

Obwohl der September gerade erst angefangen hat.

Die Prüfhalle flirrt im grellen Sonnenlicht. Einige Autos noch befinden sich vor ihr in der Warteschlange. Das Motorrad steht auf dem Seitenständer. Eine Weile wird es wohl noch dauern. Sie zieht sich die Sicherheitsjacke aus.

Der Himmel ist ohne Wolken. Endlos blau. Unmittelbar neben der Prüfhalle, direkt hinter der Lärmschutzwand, ist das Rauschen der Autobahn zu hören. Unaufhörlich. Dazwischen das Geräusch der hydraulischen Hebebühnen. Das Aufheulen von Motoren. Gelegentlich erscheint ein Mitarbeiter der Prüfstelle, um den nächsten Kandidaten in die Halle zu bitten. Noch lange nicht ist sie an der Reihe. Eine Gruppe von Führerscheinanwärtern steht zusammen. Leise reden sie miteinander. Einige von ihnen tragen noch die Ausläufer der Pubertätsakne im Gesicht. Gesichter voller Anspannung. Gleich wird wohl der Prüfer kommen. Gott sei Dank habe ich das hinter mir, erinnert sie sich mitfühlend. Lange her.

Gerade wird ein Wohnwagen-Gespann unter die Lupe genommen. Der Besitzer kommt auf sie zu. Ein Mann mit auffallendem schwarzem Vollbart. Bebrilltes Gesicht. Er deutet auf ihr Motorrad. Ob sie denn zufrieden sei damit. „Oh ja“, sagt sie. Das beste Fahrzeug, das sie jemals gefahren habe. Als sie Drehmoment und Hubraum nennt, verneigt er sich fast vor Ehrfurcht. Er sei auch Motorradfahrer, sagt er, doch ein solches Gerät wie dieses – er deutet wieder auf ihre Maschine – habe er noch nie gefahren.

„Ich auch nicht“, antwortet sie. Genau aus diesem Grund gebe es in Zukunft keine Alternative für sie als diese BMW. Noch dazu das günstige Verhältnis von Qualität und Preis. Nicht zu toppen. Sie tauschen noch einige technische Details aus, bevor er in die Halle verwiesen wird. Wenig später verschwindet das Wohnwagen-Gespann. Somit auch er. Netter Typ, denkt sie noch. Blinzelt in die Sonne hinein.

„Was kann ich für Sie tun?“

Plötzlich steht ein Prüfer neben ihr. Sie hatte wohl gedöst.

Seine stechend blauen Augen mustern sie neugierig.

Schöne Frau, denkt er. Schade, nicht meine Hausnummer. Wahrscheinlich Akademikerin, so seine Vermutung.

Auf Verlangen reicht sie ihm den Fahrzeugschein.

„Frau Kristin Floreyn.“ Er nickt. Schiebt die BMW in die Prüfhalle hinein.

Sie folgt ihm nicht. Die schlanke, rothaarige Frau sucht sich einen Platz auf einer Wartebank. Neben ihr sitzt ein weiterer Kunde. Er liest in einer Automobil-Zeitschrift. Leichter Wind weht durch ihre langen, gewellten Haare. Sie hat sie zu einem lockeren Zopf geflochten. Einige Strähnen sind herausgefallen, bewegen sich im Wind.

Was in der Halle nun vorgehen wird, interessiert sie nicht. Schließlich ist das Motorrad erst zwei Jahre alt. Kein Grund also, sich Sorgen zu machen.

In diesem Moment klingelt das Handy in ihrem Rucksack. Es ist Andreas. Ihr langjähriger Freund. Auch Motorradfahrer. „Bist du immer noch in der Prüfstelle?“, fragt er. Offensichtlich ungeduldig. Er sei schon nach Ebersdorf, zu MCmoto, gefahren. Sitze bereits in der Sonne. Sie hatten vereinbart, sich dort zu treffen. MCmoto — ein beliebter Treffpunkt für Motorradfahrer. Neben der Gastronomie gibt es dort auch die Möglichkeit, Kleidung und Zubehör käuflich zu erwerben. Von Lützelberg aus, wo Andreas wohnt, keine große Entfernung. Er ist Kriminalbeamter bei der Polizei in Lützelberg. Kristin lernte ihn vor etwa fünfundzwanzig Jahren an der Polizeihochschule kennen. Als klinische Psychologin leitete sie damals ein Seminar, das sich mit dem Erstellen von Täterprofilen beschäftigte.

Die grünen Augen der jungen Psychologin hatten ihn nicht mehr losgelassen. Zu diesem Zeitpunkt war seine Ehe bereits degeneriert. Kurze Zeit später ließ er sich scheiden. Primär, jedoch nicht ausschließlich wegen Kristin. Inzwischen sind seine zwei Kinder erwachsen. Mit ihrer Mutter hat er kaum noch Kontakt. Heiraten möchte er nie wieder. Obwohl er Kristin über alles liebt. Nach dieser langen Zeit tut er das immer noch. Liebe braucht Freiheit. Sie sei viel zu wertvoll, um den Alltag miteinander zu verbringen. Eine Ansicht, die insbesondere Kristin vertritt. Mit der Zunahme an Lebenserfahrung wird dies beiden Partnern immer deutlicher.

Sie wohnt in Onktrifften, arbeitet im Landeskrankenhaus in Boesemer. Geschlossene Abteilung. Hauptschwerpunkt: Sexualstraftäter und die Entstehungsgeschichte von deren krimineller Entwicklung. Ein zentrales Thema in Kristins Diplomarbeit, seinerzeit. Im Laufe der Jahre spezialisierte sie sich darauf, insbesondere auf die Persönlichkeitsstörungen, die oftmals Ursache für derartige Straftaten sind. Meistens wird sie in umliegende Justizvollzugsanstalten beordert, um dort Straftäter zu therapieren und gerichtliche Gutachten zu erstellen. Gelegentlich wird sie auch in die Behandlung von Vergewaltigungsopfern und deren Traumatisierungen einbezogen. Ein anspruchsvoller Job. Mit unterschiedlichen Arbeitszeiten und wenig Freizeit. Ähnlich wie bei Andreas, der aufgrund seines Schichtdienstes großes Verständnis für ihr Bedürfnis nach Alleinsein in ihrer Freizeit hat. Bisher konnte sie sich nie wirklich an einen Mann binden. Nicht nur aus dienstlichen Gründen. Neben ihrem Beruf ist das Motorradfahren ihre Leidenschaft. Im Wesentlichen ist es das Hobby, das sie verbindet. Aber auch der Beruf. Nicht selten arbeiten sie zusammen, wenn es darum geht, Täterprofile zu erstellen. Eine weitere Gemeinsamkeit.

„Frau Floreyn!“ Die Stimme des Prüfers holt sie abrupt aus ihrem Dämmerzustand heraus. Erneut fallen ihr seine stechend blauen Augen auf. Vielleicht auch deswegen, weil sich ihre Augen auf der gleichen Höhe befinden. Er wirkt etwas stämmig, die blonden Haare trägt er kurz geschnitten. Sie schätzt ihn auf ungefähr sechzig. Wegen der grauen Schläfen.

In der Prüfhalle gibt er ihre Daten in einen Computer ein. Anscheinend hat es keine Mängel gegeben. Sie bezahlt mit Karte. Nebenbei bemerkt sie sein Namensschild, das an seiner Weste befestigt ist: Burkhard Aichinger. Unwillkürlich fällt ihr der Regisseur, Bernd Eichinger, ein. Ob er einen Bruder hat, der Burkhard heißt? Sie verzichtet darauf, ihn danach zu fragen. Offensichtlich ist ihr entfallen, dass der Nachname des Regisseurs mit einem E beginnt. Während Herr Aichinger mit Vehemenz die alte Plakette löst, erzählt er von einem Gutachten, das er über ein geborstenes Silo auf einem Bauernhof in B. erstellen sollte. Berichtet, wie schwierig es gewesen sei, die Ursache der Explosion zu ermitteln. Schlussendlich, führt er stolz aus, habe er die Ursache herausgefunden. Inzwischen befindet sich die neue Plakette auf ihrem Kennzeichen. Er gibt ihr noch einige Tipps, wo interessante Motorradstrecken zu finden sind. „Sind Sie auch Motorradfahrer?“ Nun ist sie aufmerksam geworden. „Oh, nein“, wehrt er ab. Das sei viel zu gefährlich. Er fahre gerne Schwertransporter und große Reisebusse, da fühle er sich sicherer. Ihm reiche es, hier in seiner Dienststelle Probefahrten machen zu müssen. Er händigt ihr die Unterlagen aus, mit der Bitte, diese immer bei sich führen. Ihre Blicke treffen sich, als sie sich mit einem Handschlag verabschieden. Es fühlt sich behutsam und angenehm warm an. Er wünscht alles Gute. Dies ist das zweite Mal, dass er denkt: schöne Frau.

Sie startet den Motor und fährt auf die Bundesstraße, in Richtung Minker Brücke. Da war etwas in seiner Art, sie anzuschauen. Und dann dieser zärtliche Händedruck. Als wäre ein Blitz in ihr Gehirn gefahren. Wärme durchflutet ihren Körper. Sie kann sich gedanklich nicht von dieser Situation lösen. Später dann, in Ebersdorf bei MCmoto, nimmt Andreas sie in den Arm und küsst sie. „Ich habe mich nach dir gesehnt“, sagt er sanft. Seine Annäherungen erzeugen eine kognitive Dissonanz. Vor allem, weil sie immer noch an Burkhard Aichinger denkt. Die ganze Zeit über, während sie gemeinsam mit Andreas nach Lützelberg-Landskuhle fährt. Dorthin, wo er wohnt. Eine geschmackvolle, kleine Wohnung direkt an der Rhein-Allee. Mit Blick auf das Rheinufer. Sündhaft teuer. Sie fühlt sich wie ferngesteuert. Andreas bemerkt ihre geistige Abwesenheit. Was denn los sei, fragt er. Sie wolle nach Hause. Sie sei müde, antwortet sie. Ihr langjähriger Freund ist sichtlich irritiert.

Es wird nicht aufhören. Vor allem nachts. Sie bekommt den Blick, den er ihr bei der Verabschiedung zugeworfen hat, nicht aus ihrem Kopf. Mitunter gesellen sich auch – zunächst noch unspezifische – Gefühle des Verlangens dazu. Nach einem Menschen, den man nicht kennt? Wirklich? Die Gefühle, die sie immer stärker in den Bann ziehen, kommen ihr durchaus bekannt vor. Doch dies scheint lange her zu sein. Ziemlich weit in der Vergangenheit liegend, in der Zeit vor Andreas. Sie vermag sich nicht zu erinnern, sosehr sie sich auch bemüht. Doch, da ist etwas Undefinierbares. Sie ist beunruhigt. Am folgenden Morgen, nach einem unvollständigen Schlaf, fasst sie einen Entschluss. Weil sie nur noch einen Wunsch hat: ihn wiederzusehen.

In der folgenden Arbeitswoche funktioniert sie nur noch, gewissermaßen, im Reservemodus. In der Außenwelt. Mit ihren Patienten, mit ihren Kollegen. Es ist, als laufe alles über sie hinweg und an ihr vorbei. Dann beginnt sie heimlich, im Internet zu recherchieren. Ob er wohl in Rieth wohnt? Sie findet nichts. Kein Hinweis auf seinen Namen. Nicht einmal bei dieser KFZ-Prüfstelle. Es gab zwar einige Treffer mit dem gleichen Vor- und Nachnamen, doch diese Personen wohnten woanders. Weit weg. Das konnte nicht sein! Verzweiflung kommt in ihr auf.

Zwei weitere Wochen vergehen.

Unfähig, sich gedanklich von ihm abzuwenden. Wie konnte sie es nur anstellen, ihn wiederzusehen? Obwohl es ihr unangemessen vorkommt, spielt sie mit dem Gedanken, ihm einen Brief zu schreiben. Ja, das ist es, denkt sie. Die einzige Möglichkeit, Kontakt herzustellen. Es vergeht eine weitere Woche, bis sie sich schließlich dazu durchringen kann, diese Idee zu verwirklichen. Sie schreibt einen Brief an IHN, adressiert an seinen Arbeitsplatz.

Bevor sie ihn versendet, notiert sie noch ihre Handynummer dazu.

Ihr Bewusstsein ist auf einen winzigen Punkt zusammengeschnurrt: auf IHN. Burkhard Aichinger. Er hat sie verzaubert.

Wieder vergeht eine Woche. Ohne eine Reaktion von ihm. Ihr kommt es vor, als wäre es eine Katastrophe, wenn er nicht reagierte. Was dann? Wie leer wäre ihr Leben dann? Völlig abstrus, so etwas zu denken. Immerhin lebt sie seit fünfundzwanzig Jahren in einer völlig zufriedenstellenden Beziehung. In deren Innerem keine Nische war für offene Wünsche. Schon gar nicht für andere Männer. Nichts fehlte. Darüber hinaus weiß sie doch gar nicht, was er für ein Mensch ist. Man kann nicht für jemanden schwärmen, den man nicht kennt. Tatsächlich zweifelt sie langsam an ihrem Verstand.

Eine weitere Woche, in welcher sie des Nachts kaum noch schlafen kann. Sie stellt sich vor, mit ihm zu schlafen. Ihr wird heiß. Wälzt sich im Bett umher. Der Wunsch, Sex mit ihm zu haben, intensiviert sich. An ein derart drängendes Verlangen im Zusammenhang mit Andreas kann sie sich nicht erinnern. Ein Verlangen anderer Art, als sie es bisher kannte. Wie konnte das sein? Obwohl das Intimleben zwischen Andreas und ihr vollkommen in Ordnung ist. Er stets auf sie eingeht. Immerhin lieben sie sich. Und langweilig war es niemals zwischen ihnen. Seit fünfundzwanzig Jahren. Wirklich? Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst ist, muss sie sich eingestehen, dass das mit der Liebe zwar stimmt. Der Sex jedoch wurde ihr immer lästiger. Wie eine Aufgabe, die man erledigt, weil sie eben dazugehört. Im Grunde könnte sie darauf verzichten. Andreas ist auch so interessant genug. Intimitäten braucht es eigentlich nicht zu geben. Diesen ketzerischen Gedanken hat sie in letzter Zeit bereits öfter gehabt.

Und nun wallt dieser Gedanke immer dringlicher in ihr auf. Die Uhr des Radioweckers zeigt 2:25. Bisher hat sie kein Auge zugetan. Ich werde verrückt, wenn ich ihn nicht wiedersehe. Erneut geht sie im Strudel des Gedankenkarussells unter. Als wäre es momentan das Wichtigste in ihrem Leben. Was ist das für ein Mann, der auf einen solchen Brief, wie sie ihn geschrieben hat, nicht reagiert? Ein Idiot? Womöglich ist er verheiratet. Natürlich, das wird es sein. Aber antworten könnte er doch wenigstens. Das wäre das Mindeste.

Die freie Zeit, die sie oftmals nur an den Wochenenden hat, verbringt Kristin meist bei Andreas in Lützelberg. Wenn es sich denn ergibt und er keine laufenden Ermittlungen hat. Sie gehen gemeinsam aus oder fahren Fahrrad, wenn das Wetter keine Motorradtouren zulässt. Generell treiben sie viel Sport und halten sich vorzugsweise draußen in der Natur auf. Auch in der dunklen Jahreszeit. Die Industriekultur in Denningen und Felden interessiert sie besonders.

Inzwischen sind zwei Wochen vergangen, seit sie den Brief verschickt hat. Im Grunde besteht kaum noch Hoffnung. Eine seltsame Leere füllt ihr Inneres aus. Der Glaube daran, noch eine Reaktion von Burkhard Aichinger zu erhalten, geht allmählich verloren. Sollte sie ihm erneut schreiben? Wie sähe das denn aus? Möglicherweise ist ihm etwas dazwischengekommen, etwa ein Urlaub. Schlimmstenfalls hat er den Brief gar nicht erhalten. Man weiß ja nie, wie korrekt es unter den Kollegen an seinem Arbeitsplatz zugeht. Nachdem sie ausgiebig mit dem Gedanken gespielt hat, noch einen Brief zu schreiben, verwirft sie diese Idee. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Nach einem ereignisreichen, interessanten Wochenende ist Kristin gerade dabei, ihre Sachen zusammenzupacken, um nach Hause zu fahren. Da vibriert ihr Handy und das Signal einer ankommenden SMS ertönt. Im Grunde kann es nur eine Mitteilung ihres Arbeitgebers sein. Das Landeskrankenhaus in Boesemer. Auch das noch, denkt sie genervt. Klickt die Nachricht an. Es erscheint eine ihr unbekannte Handynummer. Sie öffnet die Nachricht:

Hallo Frau Floreyn,

vielen Dank für den sehr netten Brief.

Ich habe z. Zt. Urlaub und den Brief gerade erst erhalten.

Würde mich auch freuen, solch eine nette Dame

wiederzusehen.

Wo und wann??

Liebe Grüße aus Rieth

Mobil: 01xxxxxxxxx4

Burkhard Aichinger

Es ist, als drehte sich der Raum, in welchem sie sich befindet, immer schneller. Sie muss sich hinsetzen, um nicht umzufallen. Gleichzeitig wird das Rauschen in ihren Ohren immer lauter. Das Blickfeld verengt sich. Sie bekommt es mit der Angst zu tun. Atmet tief durch. Entspanne dich, denkt sie. Wie gebannt schaut sie auf den Text. Kann es kaum glauben. Am liebsten würde sie sofort antworten. Wegen Andreas jedoch verzichtet sie zunächst darauf. Viel schneller, als die Polizei erlaubt, ist sie auf der Autobahn unterwegs. Nur in der Nähe von Rieth, dort, wo sich hinter der Lärmschutzwand die Prüfstelle befindet, verlangsamt sie ihr Tempo. Unmittelbar dahinter erhebt sich ein Meer von Hochhäusern. Ob er dort wohnt? Nein. Das kann nicht sein. Da er – vermutlich – verheiratet ist, verortet sie ihn eher in einer Siedlung von Einfamilienhäusern. Ein durchschnittlicher Familienvater womöglich. Daher ziemlich unerreichbar für eine alleinstehende Frau. Ein Gefühl der Unwirtlichkeit stellt sich ein. Sobald sie zu Hause angekommen sein wird, wird sie ihm antworten. Aber was sollte sie schreiben? Wo sollten sie sich treffen? So schnell? Eigentlich hätte sie es angenehmer gefunden, etwas zeitlichen Vorlauf zu haben.

Anscheinend, so kommt es ihr vor, hat sie es mit einem spontanen Menschen zu tun, der vorrangig an unmittelbaren Lösungen interessiert ist. Ein Mann, der sofort alles umsetzt. Bis ins Detail. Ein Genauigkeitsfanatiker. Vermutlich berufsbedingt.

Lieber Herr Aichinger,

habe mich sehr gefreut, eine Nachricht von Ihnen erhalten zu haben.

Einige dienstfreie Tage liegen vor mir. Wie wäre es mit morgen, um 16:00 Uhr, auf dem Parkplatz vor einem Gestüt in Onktrifften?

Alles Liebe – Kristin Floreyn

Etwa drei Minuten später ertönt das Signal für eingehende SMS.

Sie zuckt zusammen. Sitzt der auf seinem Handy? Ihr Herzschlag ist bis in den Hals hinein spürbar. In den Ohren rauscht es laut.

Hallo Frau Floreyn,

gerne werde ich morgen dort sein. nur eines noch möchte ich vorwegschicken.

ich bin verheiratet. wenn sie es nicht stört, würde ich mich freuen, sie näher kennenzulernen.

L.G. Burkhard Aichinger

Zwei

15:00 Uhr. Es ist so weit. Kristin sitzt in ihrem Wohnzimmer. Eine geräumige Wohnung in Onktrifften, inmitten einer Hochhaussiedlung. Immerhin mit direktem Blick auf den Rhein. Andreas kann ihre Präferenz für Hochhäuser nicht nachvollziehen. Ein ewiges Thema zwischen ihnen. Weil er der Meinung ist, dass dort oft Menschen wohnen, die nicht zu einem passen. Sie stört das nicht. Schon immer hat sie Hochhäuser geliebt. Die alte Standuhr, ein Geschenk ihrer Eltern, tickt unnatürlich laut. Als wäre ihre Wahrnehmung außerordentlich geschärft. Draußen vor den großen Fenstern der graue Tag.

Entschlossen, zu Fuß zu gehen, macht sie sich auf den Weg. Die Nacht hat sie wieder einmal kaum geschlafen. Wie würde es wohl sein, ihn endlich zu sehen? Welchen Inhalt würden ihre Gespräche haben? Diese Frage rotiert schon seit dem frühen Morgen in ihrem Kopf. Sie ist auf diffuse Weise aufgeregt. Es beginnt zu regnen. Der Rhein erscheint in einem ungewohnt trüben Licht. Das leise Motorengeräusch der Dieselschiffe durchzieht die Stille. Nur wenige Autos fahren auf der Straße, die am Ufer entlangführt. Der Regen wird stärker. Überhaupt zeigt sich das Wetter heute von der unangenehmen Seite. Ihr Gesicht fühlt sich bereits nach kurzer Zeit feucht an. Je näher Kristin ihrem Ziel kommt, desto mehr wird sie von einer undefinierbaren Furcht ergriffen. Mittlerweile ist diese Furcht so groß wie eine Kathedrale. Etwa so, als stünde man vor einer entscheidenden Prüfung. Während der Prüfungen an der Uni, seinerzeit, hätte es nicht schlimmer sein können. Sie kann sich nicht erinnern, jemals so aufgeregt gewesen zu sein. Am liebsten würde sie umkehren. Die Gefühle fahren Achterbahn. Sie fragt sich nicht, weshalb.

Die Einfahrt des Gestüts wird sichtbar, mit seinem vorgelagerten Parkplatz. Lediglich ein dunkelgrüner Audi-Kombi steht dort. Ansonsten weit und breit nichts zu sehen. Nicht einmal Reiter auf dem Reitplatz. Der Regen wird intensiver. Wie immer ist sie zu früh am Treffpunkt. Als sie sich dem einzigen hier befindlichen Wagen nähert, fällt ihr sein Kennzeichen auf: R – BA – XXX. Ob er das ist? In der Frontscheibe des Wagens spiegelt sich das graue Gewölk des Himmels. Ihr Puls beschleunigt sich.

„Hallo, Frau Floreyn!“ Auf einmal steht er vor ihr.

„Das kann ich jetzt nicht glauben.“ Mehr fällt Kristin nicht dazu ein. Es ist ihr peinlich, warum auch immer. „Wieso nicht?“ Sein Lachen klingt aufrichtig natürlich. Was ihr spontan gefällt. Es mildert ein wenig ihre Nervosität.

„Sollen wir ein wenig spazieren gehen, dort auf dem Rheindamm? Es regnet zwar, aber das macht nichts. Sie haben ja einen Schirm. Er reicht für uns zwei.“

Schöne Frau, denkt er wieder. Steht mir nicht zu, eigentlich. Sie ist in Wirklichkeit noch viel schöner als in seiner Erinnerung.

Schon ergreift er den Schirm. Burkhard Aichinger trägt ein grünes Militärhemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hat; dazu eine dunkelgrüne Bundeswehr-Hose. Schweigend gehen sie eine Weile nebeneinander. Seine behaarten Unterarme berühren ihre. Dichte blonde Haare. Sie bekommt eine Gänsehaut. Momentan gibt es nur die Gegenwart. Als stünde die Zeit still. Inzwischen hat sie sich bei ihm eingehakt, nachdem er sie dazu aufgefordert hatte. Das war es dann auch, zunächst, an verbalen Auftakten seinerseits. Man kommt einfach nicht ins Gespräch miteinander. Zu groß ist die emotionale Spannung beiderseits. Burkhard Aichinger wirkt wie jemand, der in sich selbst eingesperrt ist. Auch sie ist blockiert. Der Wind auf dem Rheindamm nimmt zu. Der Schirm bietet kaum Schutz gegen den Regen. „Wir sollten uns duzen, ein Sie passt einfach nicht, finde ich.“ Während er das sagt, bleibt er stehen. Sie wenden sich einander zu. Die Augen auf gleicher Höhe. Seine blauen Augen strahlen, umrandet von langen, blonden Wimpern. Er schaut sie intensiv an. Streichelt ihr Gesicht. Schmiegt sich an ihren Körper. Ihre Gesichter berühren sich. Sie spürt seinen ruhigen Atem. Wieder sieht er sie an, die Stirn an ihre gelehnt. Keiner von beiden sagt etwas. Er duftet dezent nach einem angenehmen Rasierwasser. Sie küssen sich, seine Zunge tastet sich vorsichtig an ihre heran. „Deine Zunge macht mich wahnsinnig“, flüstert er. Die Umarmung wird fester, sie spürt eine deutliche Erektion. Auch sie ist außer sich vor Erregung. So behutsam ist sie noch nie von jemandem geküsst worden. Ein Strudel von unbändigen Gefühlen reißt sie hinab in ungeahnte Tiefen.

„Möchtest du noch weiter spazieren gehen?“ Sie nickt. Die Welt um sie herum scheint zu rotieren. „Sag mal, Kristin, was machst du eigentlich – außer Motorradfahren – in deiner Freizeit?“

Sie erzählt von ihrem Beruf als klinische Psychologin. Auch, fairerweise, von ihrer langjährigen Beziehung. Sozusagen als Pendant zu seiner Ehe. Auf ihre Frage hin, ob er Kinder habe, berichtet er von seiner Tochter. „Was ich beruflich mache, weißt du ja“, er lächelt. „Wie lange arbeite ich schon in der Prüfstelle? Puh, bestimmt dreißig Jahre“, fügt er nachdenklich hinzu. „Und“, erkundigt sich Kristin, „was interessiert dich ansonsten noch, wenn du gerade nicht arbeitest?“

„Grundsätzlich alles, was mit Technik zu tun hat. Ich bilde mich, über meinen Beruf hinaus, ständig weiter. Besuche Messen, wo technische Neuerungen vorgestellt werden. Das verlangt mein Arbeitgeber zwar nicht; das mache ich freiwillig, weil ich es spannend finde.“

Dann minutenlanges Schweigen. Da kommt nichts. Sie ist unzufrieden. Das kann nicht sein, denkt sie beunruhigt. Keine weiteren Interessen außer Technik? Als nach erneuter Nachfrage ihrerseits – um welche Technik es sich denn handele – nichts Spezifisches kommt, gibt Kristin auf. Fällt ihm nichts anderes ein oder ist da tatsächlich nichts? Sie kann sich das nicht vorstellen. Wurde sie Opfer einer Idealisierung? Der Psychologe in ihr gibt niemals Ruhe. Etwas, das sie seit vier Jahrzehnten Psychologie hinterfragen sollte. Zum ersten Mal überhaupt denkt sie das. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr, als sie anfing, sich für die Psychologie zu interessieren, fällt ihr auf, dass sie nicht in der Lage ist, in einer anderen Dimension zu denken. Ein integraler Bestandteil von ihr. Weshalb fiel ihr das niemals auf? Sondern erst jetzt, im Zusammenhang mit Burkhard Aichinger? Ein äußerst erklärungsbedürftiger Zustand.

Auf einmal ertönt laute Musik. Ein Disco-Schiff auf dem Rhein fährt gerade vorüber. Leute tanzen ausgelassen an Deck. Der Regen scheint sie nicht zu stören.

Ihn offenbar schon.

„Ich möchte gerne zum Auto zurückgehen, wegen des Regens“, er deutet zum Himmel. Es klingt ungeduldig. Weshalb dies? Ob die Ehefrau zu Hause wartet?

Sie nickt. Auf dem Rückweg zum Auto gehen sie schweigend nebeneinanderher. Niemand außer ihnen geht spazieren, hier auf dem Rheindamm. Nicht einmal Hundehalter. Ihr Kopf ist leer. Auch ihm fällt nichts ein, was er sagen könnte. Eine unangenehme Situation. Als das Gestüt in sichtbare Nähe kommt, erzählt sie ihm von ihrer Zeit in der Reitschule, damals, als sie gerade neun Jahre alt war. Ihm fällt auch dazu nichts ein. Warum auch? Geile Frau, denkt er. Trotzdem.

Mittlerweile ist es dämmrig geworden. Sie stehen vor seinem Auto. „Wollen wir uns noch etwas in den Wagen setzen?“, fragt Burkhard. Kristin nickt und öffnet bereits die Beifahrertüre. Das kann doch nicht alles gewesen sein? Im Auto? Ihr kommt das ziemlich pubertär vor. Junge Leute, die noch keine eigene Wohnung haben, benutzen ihr Auto zu diesem Zwecke. Später wird sie erfahren, dass genau dies ihn besonders scharf macht. Das Verbotene. Die Tatsache, jemand könnte dabei zusehen, brachte ihn auf Touren. Sie spürt eine zunehmende Erregung. Beugt sich zu ihm hinüber und küsst ihn lange und intensiv. Er atmet heftig. Schiebt den Fahrersitz nach hinten. Immer noch liegt sie auf der Handbremse und dem Schalthebel. Es stört sie nicht. Langsam tastet sich ihre Hand nach seiner Hose vor. Spürt seine starke Erektion. Woraufhin, ehe er sich versah, der Reißverschluss seiner Hose geöffnet wird. Sie tastet nach seinem Glied. „Du geiles Biest“, stöhnt er laut. Nur zu gerne hätte sie ihn sich unverzüglich einverleibt.

„Erst bist du dran“, sagt er bestimmend. Hält ihre Hand fest. Sie ist verwundert. So etwas wäre Andreas nicht passiert. „Ich will alle deine Löcher verwöhnen, dich bis zur Bewusstlosigkeit lecken.“

„Wir können gerne zu mir nach Hause fahren“, flüstert sie mit heiserer Stimme. Die Autofenster sind derart beschlagen, dass man nicht mehr hinausschauen kann. Er schaltet die Lüftung ein. „Okay“, sagt er, „das soll aber nicht zur Gewohnheit werden. Man könnte uns hier in Onktrifften zusammen sehen. Freunde von mir wohnen hier in der Nähe. Das möchte ich unbedingt vermeiden – meine Frau … du verstehst?“

Das alles interessiert sie jetzt nicht mehr. Auch Andreas geriet mittlerweile völlig in Vergessenheit. Als hätte er niemals existiert. Die pure Gegenwart. Nur noch er und sie. Als gäbe es keine Umwelt, keine anderen Menschen mehr. Sie verschwindet gänzlich im Spiralnebel ihrer Lust. Später würde sie sich fragen, was in aller Welt da wohl über sie gekommen war.

Bernhard parkt den Wagen in einer Seitenstraße. „Geh du bitte zuerst in deine Wohnung“, sagt er verschwörerisch, „ich komme dann später nach, okay?“

Wenig später klingelt es an ihrer Haustüre. Unmittelbar steht er vor ihr. „Ah, der Staubsaugervertreter“, flüstert Kristin mit belegter Stimme. Kichert. Kniet sich vor ihn hin, öffnet seine Hose. „Nein“, stößt er aus, „erst bist du dran.“ Er zieht sie an den Händen hoch und treibt sie vor sich her. Sie torkeln durch den Flur, stolpern und fallen auf den Fußboden. Mit geschickten Handgriffen, innerhalb kurzer Zeit, hat er sie entkleidet. Er hingegen ist noch vollständig angezogen. Die Hose wieder geschlossen.

„Wie willst du es haben“, keucht er, „von hinten? Komm, knie dich hin.“ Schon fährt er mit seiner Hand zwischen ihre Schenkel, während sie sich im Vierfüßlerstand auf dem Fußboden befindet. Immer noch im Flur ihrer Wohnung. Mit dem Kopf unter einem Sessel liegend. Mit unglaublicher Geschicklichkeit bearbeitet er ihre Klitoris. Dringt weiter zwischen die Schamlippen vor, um dann mit einigen Fingern einzudringen. Eine vehemente Massage in ihrem Inneren raubt ihr fast den Atem. Irgendwie wirkt es professionell. So etwas hat sie noch nie zuvor erlebt. Weil es ihr inzwischen zu unbequem wird, robbt sie durch den Flur, in ihr Schlafzimmer hinein. Wirft sich auf ihr Bett. Langsam, vor ihrem Bett stehend, entkleidet auch er sich. Endlich, denkt sie. Unwillkürlich erinnert sein Glied an eine Thüringer Rostbratwurst. Beeindruckend. Sein Blick ist wild, seine blauen Augen rot gerändert. Auf ihrem Bett liegend, macht er keinerlei Anstalten, sich an sie zu schmiegen. Liegt neben ihr und bearbeitet mit seinem Mund ihre Brustwarzen. Wieder mit dieser überraschend professionellen Vorgehensweise. Übergangslos befindet sich sein Kopf zwischen ihren Schenkeln. Hingebungsvoll saugt und leckt er an ihren Schamlippen. Als wollte er in sie hineinkriechen. Mit einer Vehemenz, die Kristin zunehmend unheimlicher wird. Sie ist unfähig, sich zu entspannen. Augenblicklich scheint er ihre Unpässlichkeit wahrzunehmen. „Was willst du?“, fragt er heiser. Sein Gesicht ist gerötet von der heftigen Aktion, die Augen rot unterlaufen. Schließlich liegt sie mit dem Gesicht auf seiner Scham, er mit seinem in ihrem Schoß. Eine optimale Position, um einander lecken zu können. Ihre Körper hätten nicht besser zusammenpassen können. Kristin liebt Schwänze. Seinen ganz besonders, denn er riecht und schmeckt angenehm. Nach Rasierwasser. Der Mann denkt auch an alles. Na prima. Bisher rochen sie immer nach Fischstäbchen, was Kristin dann unverzüglich davon abhielt, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen. Manchmal, leider, auch bei Andreas. Burkhard Aichinger weiß offensichtlich, worauf es ankommt. Bestimmt macht er das nicht zum ersten Mal so. Kristin ist das egal. Sie bearbeitet seine Eichel mit der Zunge, bevor sie das Glied komplett in ihrer Mundhöhle verschwinden lässt. Er stöhnt leise. Dann, plötzlich, windet er sich aus ihrer Umklammerung heraus, als wäre ihm diese Aktion zu viel. Nicht jetzt, denkt er. Jetzt noch nicht. „Ich glaube“, keucht er, „ich brauche eine Tüte.“ Er steht wieder vor ihrem Bett. Wo auch immer er das Kondom hervorgezaubert hat, kann sie sich der Verwunderung kaum entziehen. Es scheint, dass er die Kontrolle über die Situation behalten will. Burkhard kniet auf ihrem Bett, zieht Kristin auf seine Oberschenkel. Dann versucht er, in sie einzudringen. Jedoch ohne sich mit seinem gesamten Körper auf sie zu legen. Als wollte er sie nicht vollständig berühren. Keine intensive Nähe herstellen.

Später, sehr viel später wird er ihr erklären, dass er von der sogenannten Missionarsstellung nichts halte. Einfallslos sei diese. Immer die gleiche Nummer. Er wird es Blümchensex nennen. Ihm komme es vor, als würde man dauernd nur Zigeunerschnitzel essen, obwohl es doch viel exotischere Gerichte gebe. Schwanz rein, ein bisschen ruckeln, Orgasmus und dann – HABE FERTIG. Dies entspreche nicht seiner Vorstellung von einer lustvollen Sexualität. Ganz und gar nicht. Er liebe es, Höhepunkte zu verschieben, sie mitunter gar nicht erst zuzulassen. Für ihn sei es eine Schande, so etwas Wertvolles wie Lust so zügig zu beenden. Auch das Bett als bevorzugter Ort des Geschehens komme ihm öde vor. Seinem Stil entsprächen eher außergewöhnliche Orte wie etwa die freie Natur oder unheimliche Parkplätze.

Auf einmal wird sein Glied schlaff. Nichts geht mehr. Er rollt sich zur Seite, ihr den Rücken zugewandt. „Oh Mann“, stöhnt er, „ich stelle mich ja an wie ein Fünfzehnjähriger!“ Eine definitiv suboptimale Situation. In erster Linie für ihn. Sie ist lediglich enttäuscht. Irgendwie unzufrieden. So etwas wäre Andreas nicht passiert.

Weshalb in aller Welt ist Andreas auf einmal präsent, in ihren Gedanken? Sie bekommt ein schlechtes Gewissen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Burkhard liegt neben ihr. Auf dem Rücken. Das Gesicht hat er von Kristin abgewandt. Es ist unglaublich still. Wie nach einer Explosion. Dann fängt Burkhard zu reden an. Hört nicht mehr auf. Beklagt sich, dass ihm dies vor zwanzig Jahren nicht passiert wäre. „Nicht schlimm, das kann vorkommen“, sagt sie knapp. Sein Redeschwall ist nicht zu bremsen. Kristin lässt ihn reden. Je mehr sie ihn von der Seite betrachtet, desto mehr erinnert er sie an ihren vor achtundzwanzig Jahren verstorbenen Onkel. Gabriel hat er geheißen. Es schockiert sie zunehmend. Als wäre er wieder auferstanden. Er gleicht ihm in vielerlei Hinsicht. Nicht nur bezogen auf sein äußeres Erscheinungsbild. Insbesondere die verdrängten Gedankeninhalte, die sie über Jahrzehnte hinweg mühevoll unterdrückt hatte. Nun kamen sie umso heftiger zum Vorschein. Definitiv geriet da etwas in Bewegung. Manchmal steht die Vergangenheit wieder auf. Ist es der Inhalt dessen, was er erzählt?

Ohne Luft zu holen, fährt er fort.

Seit seinem frühen Erwachsenenalter sei er ein anderer Mensch geworden. Damals habe er sich immer schwächer gefühlt. Sein Hausarzt verwies ihn in ein Krankenhaus. Dann, mit dem Eintritt des Oberarztes in sein Krankenzimmer, habe sich sein Leben verändert. Die Diagnose. Genau drei Tage waren es, die er gebraucht habe, um mit seinem Leben abzuschließen. Auch Selbstmord sei in der engeren Auswahl gewesen. Er fand letztlich nicht den Mut dazu. Und das kurz vor einer wichtigen Prüfung während seiner Ausbildung. Leukämie. Keine Chance, sagte der Arzt. Es folgte das volle Programm: Chemotherapie, Bestrahlung etc. Wie durch ein Wunder wurde er wieder gesund.

Kristin ist schockiert. Auch dreißig Jahre später könne er dieses Ereignis nicht vergessen. Kristin kann nicht ahnen, dass seine Krankengeschichte noch nicht zu Ende ist. Ob sie als Rechtfertigung dazu dienen soll, ihn zu rehabilitieren, vermag sie nicht zu ergründen. Durch die Einnahme kardiologischer Medikamente werde seine Manneskraft leider nicht unerheblich beeinflusst. Diese müsse er einnehmen, weil vor etwa zehn Jahren ein sog. Stiller Infarkt bei ihm festgestellt wurde. Eine Angst, die omnipräsent ist, denkt Kristin entsetzt. Mit einem Schlag befindet sie sich auf dem Boden der harten Realität. Ein derartiges Kontrastprogramm mit einer solchen Variationsbreite hat sie noch nie zuvor erlebt. Romantische Gefühle gibt es ja ohnehin nicht mit Burkhard. Aber eine knisternde Erotik. Seine unkomplizierte, frivole Art gefällt ihr. Ohne Umschweife zur Sache zu kommen. Dazu noch in dieser überraschend anderen Art. Sie wehrt sich gedanklich dagegen, es möglicherweise mit einem Pflegefall zu tun zu haben. Er jammert nicht. Er setzt sie nur in Kenntnis über seinen Gesamtzustand. Eine gewisse Ehrlichkeit mag ja gut sein, aber so etwas braucht der andere doch nun wirklich nicht zu wissen. Wie unromantisch, ärgert sie sich. Und dies ist noch zu schwach formuliert. Äußerungen dieser Art haben das Potenzial, regelrecht abzutörnen. Noch eine Weile erzählt er Belanglosigkeiten aus seinem täglichen Berufsleben. Kristin ist es kalt. Immerhin liegen sie beide auf ihrer Tagesdecke. Am liebsten würde sie unter die Bettdecke kriechen. So oder so.

„Darf ich jetzt gehen?“, fragt er auf einmal. „Natürlich“, antwortet Kristin. Was sollte sie auch dazu sagen. Etwa Nein? Innerlich schüttelt sie den Kopf. DER MOHR HAT SEINE SCHULDIGKEIT GETAN; UND GUT IST.

Wem ist sie da bloß begegnet? Zum Abschied küsst sie Burkhard auf die Wange. „Das sollten wir wiederholen. Ich werde mich melden.“

Ein außerordentlich seltsamer Mensch.

ZWEI.1

Ganz banal fing sein Interesse an Frauen an. Aus einer gewissen Hilflosigkeit heraus, sozusagen. Mit Frauenzeitschriften – in welchen typische Frauenthemen erörtert wurden. Natürlich hielt er das geheim. Insbesondere vor Männern. Früher genierte er sich dafür, anders zu sein als die übrigen Männer. Heute jedoch betrachtet er es als einen Gewinn, einen erheblichen Vorteil. Bevor er seine Frau kennenlernte, war er unglaublich schüchtern. Ständig wurde er rot, wenn ihn ein Mädchen ansprach. Anfangs ging er ihnen vor Scham aus dem Weg. Weil er ständig onanierte. Bis zu zehnmal am Tag. Er sah anderen lieber zu. Was sich meist kompliziert gestaltete. Um dann anschließend sich selbst zu befriedigen. In den letzten Jahren kam es ihm mehr darauf an, dass andere ihm zusahen. Oder – das affizierte ihn ganz besonders – beide Varianten gleichzeitig. Ein erotischer Overkill, jedoch leider sehr selten.

Seit etwa dreißig Jahren liest er Frauenzeitschriften. Heimlich.

Um sie besser zu verstehen. Zu erfahren, was in ihnen vorgeht. Nachdem er ständig aneckte. Insbesondere bei seiner eigenen Frau. Er versteht sie bis heute nicht. Trotz intensiven Studiums weiblicher Themen. Vermutlich liegt es an ihr. Sie mag im Grunde keine Männer. Offensichtlich ist ihr das nicht bewusst. Auf diesen Trichter kam er unlängst.

Speziell galt seine Aufmerksamkeit dem Innenleben einer Frau. Immerzu träumte er davon, dass Frauen mit ihm darüber sprächen. Dies ist im Grunde auch heute noch sein größter Wunsch. Damit ist nicht die geistige Ebene gemeint. Dem Körperlichen widmete er sich am liebsten. Er verfeinerte es; vergleichbar mit einem Mediziner, der anatomische Studien betreibt.

Erst in den letzten Jahren kam dann die geistige Ebene dazu. Die zu erkunden sich außerordentlich lohnte, wenn man etwas Bestimmtes erreichen wollte: Sex mit ihnen zu haben. Um Handlungen an ihnen vorzunehmen, die sie nie zuvor erlebt hatten.

Nun endlich, nach all den Jahren, wissen die Frauen seine körperlichen Fähigkeiten zu schätzen. Seine eigene Frau allerdings noch immer nicht. Glücklicherweise hat er einen Weg gefunden, um mit dieser defizitären Lage umzugehen. Natürlich weiß sie nichts davon. Mittlerweile hat er begriffen, wie Frauen funktionieren. Vor allem sexuell. Eine seiner Spezialitäten, auf die er mächtig stolz ist. Ja, durchaus, das kann sich sehen lassen. Allein schon anhand der zunehmenden Resonanz ist dies festzustellen. Und das trotz seines unscheinbaren äußeren Erscheinungsbildes. Auch heute noch empfindet er sich eher als durchschnittlich aussehend. Seine untersetzte Gestalt in Kombination mit der hellen Haut und den blonden Haaren. Ein Nordlicht mit blauen Augen, immerhin. Nein, sein Aussehen rangiert weit entfernt von dem eines heißblütigen Südländers. Mit der Zeit kam er dahinter, dass es darauf gar nicht ankommt. Frauen mögen Aktionen. Möglichst ausgefallene. Leider reden sie nicht darüber. Bis heute fand er keine Frau, die sich ausgiebig dazu äußerte. Was er bedauerlich findet. Seine eigene Lust spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Vielmehr wird seine Erregung erst durch die Geilheit der Frau induziert. Indem er sich vorstellt, wie es sich für sie anfühlt. Und die damit einhergehenden Reaktionen erfüllen ihn voll und ganz. Nur bei seiner eigenen Frau funktioniert auch dies nicht. Was auch, zugegebenermaßen, wesentlich an ihm liegt, weil er schon lange kein Interesse mehr an ihr hat. Womöglich ahnt sie es. Sexuelles Verlangen ihr gegenüber existiert nicht; dafür sind andere zuständig. Bereits zu Beginn seiner Ehe, die Tochter war noch klein, orientierte er sich zunehmend anders. Ohne jedoch jemals mit dem Gedanken gespielt zu haben, seine Frau zu verlassen. Das wäre für ihn niemals infrage gekommen. Aus den verschiedensten Gründen, versteht sich.

ZWEI.2

Noch aufgewühlt von den Ereignissen am Nachmittag macht sich die Psychologin daran, einen Brief zu schreiben. Fährt den Rechner hoch. Draußen vor dem Fenster schwarze Nacht. Lediglich die Positionslichter der Schubschiffe sind noch erkennbar. Sie weiß nicht, wie lange sie regungslos auf dem Sofa gesessen hatte. Nachdem Aichinger verschwunden war. Als wäre ein Bulldozer über sie hinweggerollt. So jedenfalls kommt es ihr vor. Zeit für einen Brief. Sie muss den immer stärker werdenden Überdruck an Gefühlen loswerden.

Anschließend sendet sie ihn an seine Mail-Adresse.

Eines jedoch ahnt sie noch nicht. Zu diesem Zeitpunkt. Sie wird keinen Brief von IHM erhalten. Niemals.

Lieber Burkhard,

ich weiß nicht, wie es Dir ergangen ist – ich jedenfalls habe die vergangene Nacht kaum geschlafen. Etwa gegen zwei Uhr wachte ich auf. Und dann immer wieder und wieder. Konnte nicht ahnen, was wir miteinander erleben würden. Nicht einmal in meiner kühnsten Fantasie. Es übertraf bei Weitem meine Vorstellungskraft. In meiner Erinnerung bist du mir noch voll präsent. Denke an Deine blauen Augen, an Dein Lächeln, das mich – ich kann mich gar nicht genug wiederholen – regelrecht verzaubert hat. Ich könnte Dich stundenlang anschauen. Sehe immerzu vor meinem geistigen Auge, was wir miteinander erlebt haben. In Endlosschleife. Diese Art von explosionsartiger Nähe, die wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Mehr und mehr wird mir klar, was in mir vorgegangen war. Und vor allem: was immer noch in mir vorgeht. Ohne Aussicht auf Entlastung. Ich versuche zu sortieren. Bisher ist mir dies nur sehr mangelhaft gelungen. Eigentlich gar nicht. Dabei bin ich ein Mensch, der systematisch gelernt hat, analytisch zu denken, und ich bin ein Anhänger der formalen Logik. Womöglich bin ich gerade deswegen anfällig dafür, so etwas wie starke Gefühle nicht angemessen verarbeiten zu können. Zeitweise habe ich den Eindruck, regelrecht einem geistigen Zersetzungsprozess ausgesetzt zu sein. Es ist ein Gefühl wie unter Drogen. Eine Art von Schwebezustand. Ich könnte ja versuchen, darüber zu reflektieren. Mein lieber Burkhard – ich möchte es einfach nur genießen. Diese Anziehungskraft in einer Intensität, wie ich sie noch niemals zuvor erlebt habe. Wie ich Dir ja erzählte, ist mein derzeitiger Beruf Klinische Psychologie. Seinerzeit an der Uni in Lützelberg absolvierte ich anschließend noch eine Ausbildung als Psychoanalytikerin. Sie dauerte zwei weitere Jahre. Unmittelbar nach meinem Examen. Im Grunde habe ich bereits mit dreizehn Jahren angefangen, mich mit Psychologie und Philosophie zu beschäftigen; lange bevor ich überhaupt an ein Studium gedacht habe. Das nur zu Deiner Frage, was ich sonst noch so in meiner Freizeit betreibe. Ich beschäftigte mich damit häufiger als mit dem Motorradfahren oder irgendwelchen anderen Interessen. Doch diese Gedanken bleiben nicht lange – schon tauchst Du wieder vor meinem geistigen Auge auf. Insbesondere die bisher unerfüllte Sehnsucht, Dich in mir zu spüren. Ich hoffe doch sehr, Du kannst mir diesen Wunsch eines Tages erfüllen. Kann zeitweise an nichts anderes mehr denken; bin wie fixiert darauf. Möchte nicht darüber nachdenken, warum das so ist; schließlich bin ich kein unerfahrener Teenager mehr.

Trotzdem fühle ich mich so, vor allem im Zusammenhang mit Dir. Es ist wohl der Zauber des ersten Mals. Du verursachst einfach die Stimmung in mir, die mich– mehr als irgendetwas bisher Gewesenes – erregt. Etwas lange Zurückliegendes ist wiederauferstanden und fängt an, mich immer stärker zu beherrschen. Und wenn Du dann da bist in meiner Gegenwart, kann ich es Dir nicht sagen, sosehr ich das auch möchte. Deswegen schreibe ich Dir, weil ich mir wünsche, dass Du das weißt. Bitte interpretiere meine Gedanken nicht in der Richtung, dass ich mit Dir zusammen sein möchte. Denn das will ich nicht. Weniger ist mehr, wenn auch nicht alles. Ich brauche meinen Freiraum, das Alleinsein, die Illusion, die Sehnsucht möge nicht an der Realität sterben. Ich gedenke nicht, in Deine Ehe einzudringen. So in der Art einer banalen, spießigen Zweierbeziehung. Das mit Dir liegt definitiv auf einer anderen Ebene. Einer Ebene, die sich jeglicher Erklärung entzieht. Und die nicht, meinem Gefühl nach, durch irgendwelche gewöhnlichen Alltagsdinge zerstört werden kann. Möge es niemals aufhören und die Zeit stillstehen. Da sitze ich an meinem Bildschirm und meine Finger rasen über die Tastatur. Mit einem Handy lässt sich das einfach nicht bewerkstelligen. Meine Pulsfrequenz ist hoch, mir ist kalt. Ich sehne mich nach Deiner männlichen Nähe, Deiner Wärme. Ich schreibe Dir, auch auf die Gefahr hin, dass Du womöglich denkst: Mit diesem Unsinn kann ich nun gar nichts anfangen. Das würde mich dann zwar unendlich traurig machen, weil ich Dich unangemessen idealisiert hätte. Das wäre dann aber mein Problem. Und ich sagte Dir ja: Es gibt nicht wirklich viele Dinge, die mich umhauen.

Ich denke, ich werde jetzt aufhören, damit Du nicht den Eindruck bekommst: Nun ist sie völlig durchgedreht. Ich musste Dir einfach schreiben, in der Annahme, nun endlich wieder schlafen zu können.

Ich verbleibe in der Hoffnung, Dir möge es ähnlich ergehen … Liebe Grüße – Kristin

P.S.: Was mir an Dir besonders gefällt, ist Deine Lümmelhaftigkeit. Du bist der Mann, der an der Türe klingelt und – noch bevor er „Guten Tag“ gesagt hat – sagt: Wir können alles miteinander machen, aber zuerst möchte ich Dich ficken.

Burkhard Aichinger sitzt vor seinem Bildschirm. In seinem Büro. Eine Art von Arbeitszimmer im Miniatur-Format. Innerhalb der gemeinsamen Wohnung. Dieser kleine Raum wurde zu einem Fluchtraum für ihn. Es ist spät. Kristin hat ihm eine Mail geschickt. Inzwischen bereut er es, ihr seine E-Mail-Adresse mitgeteilt zu haben. Immerhin ist es so weniger auffällig, als wenn sie den Brief wieder an seinen Arbeitgeber adressiert hätte. Nach dem Lesen würde er diesen Brief unverzüglich löschen. Seine Frau könnte dahinterkommen. Sein Rechner ist zwar passwortgeschützt – aber man kann nie wissen.

Oh Mann, denkt er. Kann das denn wahr sein? Einen solchen Brief hatte er noch niemals erhalten. Von niemandem. Schon gar nicht von seiner Frau. Kurz überlegt er, ob es derartige Äußerungen – verbal oder schriftlich – jemals zwischen Angelika und ihm gegeben hatte. Nein, stellt er fest. Sosehr er sich auch bemüht, er kann sich an nichts Derartiges erinnern. Traurig. Und wenn er ganz ehrlich zu sich selbst ist: Von ihm kam erst recht nichts. Was noch bedauerlicher ist. Niemals hatte er darüber nachgedacht. Warum fällt ihm das bloß erst jetzt auf? Außerordentlich beklagenswert.

Und jetzt diese Frau! Unglaublich. Dazu noch ihre sexuelle Toleranz! Im Grunde gab es so etwas doch nur in den Clubs. Oder im Puff. Gegen Entgelt. Nicht im täglichen Leben. Nicht mit stinknormalen Mitmenschen. Mein Kompliment, meine liebe Kristin! Wirklich, es ist beeindruckt. Zu schön, um wahr zu sein. Die Gefühlsamplituden schlagen heftig aus. Er befindet sich irgendwo zwischen tiefer Rührung und kolossaler Geilheit.

Nebenan sieht seine Frau gerade eine Fernsehsendung. Nach dem Getöse zu urteilen, kann es sich nur um einen Krimi handeln. Wieder einer dieser unsäglichen Krimis!

Mein Gott, denkt er. Fällt der gar nichts anderes ein, als immer nur vor der Glotze zu sitzen? Wenn er sich das so recht überlegt: Eigentlich war es immer schon so. Auch schon am Anfang seiner Ehe. Nur ist ihm das bisher nicht aufgefallen. Na gut, dann wurde seine Tochter geboren. Eine schöne Zeit, wie er findet. Immerhin gab es da etwas, was ihn mit Angelika verband. Das gemeinsame Projekt Tochter. Stets hatte er sich als Vater redlich Mühe mit ihr gegeben. Im Grunde bis heute. Ja, wirklich, er liebt Tinna über alles. Doch sie ist schon lange von zu Hause ausgezogen. Nun sitzt er hier alleine, nur noch mit seiner Frau. Die jeden Abend vor dem Fernseher sitzt. Oft auch bereits am Nachmittag. Vor diesen, wie er findet, unerträglichen Talkshows. Zeitweise flüchtete er regelrecht. Hinaus in die Siedlung. Trieb sich ziellos in den Grünanlagen herum. Manchmal kaufte er an einem Kiosk einige Illustrierte. Einfach, um sich zu zerstreuen. Zu Hause konnte er sie nicht ungestört lesen. Weil er etwas las, wofür man sich im Grunde schämen musste. Vor allem als Mann. Triviale Frauenzeitschriften. Wirklich keine Heldentat.