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Die junge Aina lebt in der Nähe von einem sibirischen Dorf. Die meiste Zeit verbringt sie mit ihrem Vater, der eine Dampfmühle besitzt, der Grossmutter aus Schweden, die lettische Lieder singt und einem Bären, mit dem Aina gerne spielt. Als sich in der Umgebung auf einmal geheimnisvolle und erregende Dinge ereignen, gerät Ainas Alltag ganz schön durcheinander: Plötzlich tauchen fremde Menschen auf, die genauso schlagartig wie sie aufgetaucht sind wieder verschwinden und Polizisten durchsuchen die Häuser. Eines Tages steigt Aina mit ihren Geschwistern und den Eltern in einen Güterzug, der die Familie nach Europa bringen soll. Auf dieser Reise lernt Aina nicht nur Hunger und Not kennen, sondern erfährt auch wie unterschiedlich Menschen in Krisensituationen agieren. – Ein tiefergreifender Roman, in dem die Autorin ihre Kindheitserlebnisse aus dem "Russland der Oktoberrevolution" dichterisch verarbeitet. Lesenswert! -
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Aina Broby
Aus dem Dänischen übertragen von Ruth Stöbling
Aina, das Mädchen aus Sibirien
Aus dem Dänisch von Ruth Stöbling
Originaltitel Jeg kommer fra Sibirien, onkel © 1946 Aina Broby
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711508114
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Für mein dänisches Enkelkind Aina
Schon seit vielen Tagen war ich nicht mehr draußen gewesen. Durch alle Fenster sah man nichts als Schneegestöber. Es war, als blickte man in einen Kessel mit kochender Milchsuppe. Keiner wagte sich vor die Tür, solange der Buran tobte. Das Tor blieb Tag und Nacht verriegelt, damit der Knecht, der zu den Pferden in den Stall hinuntermußte, sich nicht hinaus in die Steppe verirrte.
Die Mühle war nicht zu hören. Es kamen ja auch keine Schlitten mit Korn. Deshalb waren sie in unserem Teil des Hauses allesamt schlechter Laune. »Jetzt haben die Maschinen schon fünf Tage und Nächte stillgestanden«, sagte Vater brummig und gähnte, daß es in seinen Kieferknochen knackte. Mutter sah ihm bekümmert nach, als er in sein Zimmer ging, um zu rauchen. Sie saß unter der grünen Lampe an ihrer Maschine und nähte Hemden für ihn. Das könne kein andrer als sie richtig machen, meinte sie. Sie war es auch, die ihm eigenhändig den Rücken trokkenrieb und ihm ein reines Hemd anzog, wenn er von der Mühle kam.
Großmutter lag hoch oben in ihrem Bett. Sie hatte schlimme Beine, und sie hatte auch schlimme Augen, die sie in Tee badete, der in einer Tasse neben ihrer Brille stand. Sie lag da und sang auf Lettisch vor sich hin:
»Ihr jungen Mädchen, haltet mir
des Bauern Tun hoch in Ehren!
Bauernhände, Bauernfüße
blühen wie ein Apfelbaum.«
Weiß der Kuckuck, wie ein Apfelbaum aussieht, dachte ich. Im Kinderzimmer standen ein paar Gummibäume in Tontöpfen, Mutter hatte sie aus Omsk schicken lassen, damit ich ein paar Bäume zum Spielen hatte. Aber die blühten nie.
Alles sei hier in Sibirien verkehrt, fand Großmutter. Man bekomme nicht mal ein ordentliches Stück Roggenbrot, und die Sprache sei nicht zu verstehen. Vaters Dampfmühle konnte sie auch nicht leiden. Bloß rumzugehen und nach so einem bißchen Maschinerie zu sehen, das sei eine viel zu leichte Arbeit für einen Mann. Und von den Bauern unten im Dorf sagte sie, das seien ein paar richtige Faultiere, die nicht mal Lust hätten, ihren Dung aufs Feld zu bringen, sondern ihn einfach liegenließen, so daß er sich rings um das Dorf zu einer ganzen Kette von Bergen anhäufte. Das lag natürlich daran, daß die Bauern so dicht beieinander wohnten und der eine sich immer darauf verließ, daß der andere die Arbeit machte. Bei den Letten und Schweden, deren Höfe weit voneinander entfernt lagen, war das anders. Wenn es nach Großmutter gegangen wäre, wäre sie nach Europa zurückgefahren, aber Vater sagte, das sei eine viel zu lange Reise für einen alten Menschen. Und außerdem nun, da dort drüben Krieg sei, ganz und gar unmöglich.
Ich saß zu Mutters Linken auf einem Schemel und wartete darauf, daß sie einschlief. Großmutter schlief schon. Ihre spitze Nase wies zur Decke. Auch Vater schlief in seinem Zimmer. Man konnte ihn drinnen schnarchen und pfeifen hören. Er hatte fünf Brüder, die alle auf diese Weise schliefen. Wenn sie zu Besuch kamen, wurden sie im selben Zimmer einquartiert, denn dann störten sie keinen. Wenn Mutter auch eingeschlafen war, würde ich mich in die Küche hinausschleichen können, aber vorher mußte ich durch vier dunkle, kalte Zimmer. Die Kronleuchter dort wurden nur am Heiligabend angezündet. Die Küchentür war mit Filz abgedichtet, aber die Klinke saß so locker, daß sogar der Hund die Tür mit der Schnauze aufstoßen konnte. Als ich das letztemal in der Küche gewesen war, war es da so wunderbar warm. Das Gesinde saß und schlürfte Tee aus Untertassen. Der Samowar wurde ständig mit frischer Glut aus dem Ofen versorgt, und auf dem Tisch stand ein Berg kleiner Kuchen. Sie waren am Rand leicht angebrannt.
Der Tscheche Panotschek hatte mit seinen Müllergesellen oben auf dem Ofen gesessen und mit den Beinen gebaumelt. Panotschek hatte einen breiten Bart und war nicht zu bewegen, Lotterie zu spielen. Er sagte, wenn die Leute das bleibenlassen könnten, würde es keinen Krieg mehr geben. Wenn er Feierabend hatte, malte er kleine Bilder mit der Jungfrau Maria und dem Jesuskind. Weiter unten auf dem Ofen, wo das Mauerwerk so richtig schön lauwarm war, saßen die Mägde. Die alte Annuschka, die herrliches Brot buk und mir kleine Happen in den Mund steckte, obwohl es streng verboten war, mir außerhalb der Mahlzeiten etwas zu essen zu geben, Darja, die es sehr auf Panotschek abgesehen hatte, und Polja, die ständig Ärger mit ihren Brüsten hatte. Immer wenn sie im Dorf zum Tanz gewesen war, bekam sie ein Kind, und dann weinte sie und wußte nicht, was sie damit anfangen sollte, denn sie wollte ungern ihre Stelle aufgeben. Sie entschied sich immer für die Stelle und gab das Kind bei Fremden in Pflege. Zur Strafe dafür mußte sie dann mit schlimmen Brüsten herumlaufen.
Sie hatten über den Krieg geredet und die Unmengen von Geld und Brillanten, die in Eimern vergraben wurden, wenn die Leute flüchten mußten. Über ganze Schiffslasten Gold, die im Schwarzen Meer und bei Port Arthur versenkt worden waren. Annuschka sagte, sie kenne im Dorf eine weise Frau, die sowohl Wasser als auch Schätze finden könne. Aber Panotschek sagte, daß er keinen Fatz davon glaube und daß er jetzt Haus und Frau und Kinder gehabt hätte, wäre er nicht früher einmal einem solchen Betrüger in die Klauen gefallen. Damals wußte er noch nicht, wie falsch die Welt war. Er war sieben, acht Jahre alt gewesen, als seine Eltern bei einem Brand umkamen, während er im Garten der Herrschaft auf einem Baum gesessen und Kirschen gegessen hatte. Nach der Beerdigung hatte der Gutsbesitzer Panotschek nicht mehr in seinem Dienst haben wollen und ihm einen Zettel mit der Adresse von Panotscheks Großvater Nikita in die Tasche des alten Schafpelzes gesteckt. Diesen Zettel sollte er den Leuten zeigen, damit sie ihm den Weg sagten. Man war sehr nett zu ihm gewesen, hatte ihm ein Nachtlager gegeben und ihn mit frischem Brot und Segenswünschen weitergeschickt. Auf diese Weise hatte er schon viele Tagesmärsche zurückgelegt, als er einen halbtauben Bettler traf, und die beiden waren dann gemeinsam weitergegangen. Eines Abends waren sie neben einem Hünengrab in einen Heuschober gekrochen.
Der Abend war so mild gewesen. Die Grillen hatten gezirpt, und die jungen Hasen waren herumgesprungen. Doch der Bettler hatte Schüttelfrost bekommen und gerufen, er spüre, daß es vom Hünengrab eisig herüberziehe, dort drinnen sei bestimmt Geld vergraben. Er schlug Panotschek vor, hinaufzusteigen und unter den Steinen nachzusehen. Das Geld könnten sie dann teilen und für die Reise verwenden. Panotschek hatte seinen Pelz ausgezogen und runtergeworfen und sich daran gemacht, die Steine wegzuwälzen. Doch er fand nur Würmer darunter, und inzwischen hatte sich dieser Hundesohn mit Panotscheks Schafpelz und Großvaters Adresse aus dem Staub gemacht.
Danach war Panotschek wie ein Geldstück von Hand io zu Hand gegangen, und alle Nikitas, denen er begegnet war, waren die falschen gewesen.
Danach war Panotrichek wie ein Geldstück von Hand zu Hand gegangen, und alle Nikitas, denen er begegnet war, Waren die falschen gewesen.
Ich fand, Panotschek konnte einem leid tun, und wir waren uns allesamt darin einig, daß der Bettler und der Gutsbesitzer eine gehörige Tracht Prügel verdient hätten, und Annuschka sagte, daß sie Panotschek nun Karten legen und sehen wolle, was ihm die Zukunft bringen werde. Die Karten zeigten, daß ihm eine lange Reise bevorstand, und der Grund dafür war ein Frauenzimmer. Ein älterer Herr war dabei mit im Spiel, und da bekam Darja einen roten Kopf, und Panotschek lachte, daß die Gläser auf dem Tisch klirrten. Ich konnte einfach nicht verstehen, daß er sich das traute, wo doch Annuschka dabei war, denn sie sah und hörte eine Menge Dinge, die andere Menschen nicht bemerkten. Sie hatte selber gesehen, wie ein Alp durch die Luke in die Badestube blickte. So einer ist immer hinter jungen Leuten her, denn die sind so mit ihren Vergnügungen beschäftigt, daß sie für das Böse kein Auge haben. Als der Alp sah, daß es nur eine alte Frau war, verschwand er sofort. Annuschka konnte auch mit den Seelen von Verstorbenen reden, die in Gestalt einer Fliege zu ihr kamen. Mutter wußte nicht, daß ich unter der Matratze ein kleines Kreuz versteckt hielt, das ich von Annuschka hatte, und daß sie mir auch beigebracht hatte, einen Kreis um mein Bett zu schlagen, nachdem das Licht gelöscht worden war, damit die Gespenster nicht zu mir kommen konnten. Und manchmal lag ich unter der Bettdecke und weinte vor Angst, daß Vater und Mutter sterben würden, weil ich geträumt hatte, meine beiden Vorderzähne seien ausgefallen. In Annuschkas Traumbuch stand, daß man dann seine beiden Eltern verlor.
Plötzlich hörte ich Großmutter laut sagen: »Was für einen Nutzen hast du schon von dem Kind? Es sitzt ja nur da und träumt. Als ich in dem Alter war, hatte ich mir schon mein erstes Paar Stiefel und ein Hemd verdient, aber jetzt muß ja alles so vornehm sein, und unsereins darf nicht mal mehr mit den Fingern, die einem der Herrgott gegeben hat, das Essen probieren.«
Ich zuckte zusammen, stand auf und ging ins leere Kinderzimmer. Dort stand nur eine Kiste mit Spielsachen, und hinten an der Wand standen die Gummibäume in ihren Tontöpfen. Es gab dort keine Möbel, damit ich Platz zum Herumspringen hatte, ohne daß ich mich stoßen konnte. Ich nahm eine Gummikuh aus der Spielzeugkiste: »Ich will dich lehren, du Faulpelz, hier bloß rumzuliegen und nichts zu tun!« Ich schlug darauf los, daß sie in hohem Bogen zwischen die Gummibäume flog. Ich sprang hinterher und fiel hin. Einen Lidschlag lang sah ich die Blumentopfkante auf meine Augen zurasen. Ich zog die Knie bis ans Kinn hoch, so weh tat es, und hatte beide Hände voll Blut. Mit dem einen Auge sah ich überhaupt nichts mehr. »Jascha, Jascha!« hörte ich Mutter völlig außer sich schreien. »Wir müssen einen Arzt holen. Was machen wir bloß?«
Ich sah eine Untertasse voll Jod und einen Wattebausch, der dort hineingetaucht wurde. Und dann brannte es so im Kopf, daß ich gar nicht mehr schreien konnte.
Als ich wach wurde, brannte nur ein einziges Licht. Sie waren alle miteinander da: Vater und Mutter, die draußen aus der Küche, und selbst Großmutter war aus ihrem Bett gekrochen. Einen solch ernsten Gesichtsausdruck hatte ich nie zuvor bei meinem Vater gesehen. Er zog den Mund so ulkig zusammen, daß ich einfach lachen mußte. Darüber wurden sie alle so froh, daß einer dem andern ins Wort fiel. Annuschka sagte, es sei ein gutes Zeichen, daß die Wunde rund sei, und Großmutter versicherte, daß ein Kinderkopf imstande sei, ein Brett zu spalten.
»Solange sie so klein sind, können sie alles aushalten.« Ihre letzten Zwillinge seien ihr, als sie mit dem Pferdewagen Milch wegfuhr, vom Sitz gerutscht und zwischen die, Kannen gefallen, und davon hätten die Kleinen keinen Schaden zurückbehalten. Nein, die Vorsehung habe es so eingerichtet, daß jedes Kalb sein Zeichen bekomme, und die Menschen bekämen es auch, und damit müßten sie sich abfinden.
Ich bekam eine große häßliche Narbe, und die Gummibäume wurden auf den Dunghaufen geworfen.
Unser Haus hatte vierundzwanzig Fenster. Doch die Aussicht, die man daraus hatte, reichte nicht weiter als bis zum Bretterzaun. Er war so hoch, daß ein Mann einem andern auf die Schultern steigen mußte, um hinübersehen zu können. Und oben hatte der Zaun eiserne Stacheln, damit keine Wölfe, Hunde oder Vagabunden herüberklettern konnten.
Spielgefährten hatte ich nicht, denn ich war ein Nachkömmling. Vor gar nicht so langer Zeit war mein einziger Freund, der junge Bär Mischka, in der Nähe der Küchentür angekettet gewesen. Er konnte lange auf zwei Beinen stehen, um mich zu umarmen und russische Volkstänze mit mir zu tanzen. Wenn im Haus ein Fest gefeiert wurde, schlich ich mich mit seinem Lieblingsgericht, Moosbeeren in Puderzucker, zu ihm hinaus und stopfte sie ihm in den dampfenden Rachen. Doch dann kam Onkel Andreas mit einem Engländer, der auf Safari gehen wollte. Der Mann fing sofort an, Mischka hinter den Ohren zu kraulen. Mischka wollte sich revanchieren und riß dem Mann ein Loch ins Ohrläppchen. Der Engländer bewahrte Haltung, doch was er lispelte, war nicht mißzuverstehen. Der Bär müsse auf der Stelle abgeschossen werden. Onkel Andreas erledigte das sofort.
Ich bekam das Fell, um mich damit, statt mit einem Deckbett, zuzudecken. Nun blieb mir nur noch die Jagdhündin. Sie hatte anstelle von Augenbrauen zwei gelbe Flecke. Sie haßte Hühner und fürchtete sich vor Pferden. Wenn sich die Hühner unter der Scheune zwischen den Pfählen versteckten, um zu legen, mußten die Hündin und ich dort runterkriechen und die Eier holen. Und wenn die Hündin werfen wollte, verzog auch sie sich unter die Scheune, weil sie wußte, daß keiner außer mir dort hinkommen konnte. Wenn die Welpen so groß waren, daß sie allein gehen konnten, packte sie sie beim Nakkenfell und kroch mit ihnen unter dem Tor durch, wo sie sich ein Loch gegraben hatte. Die ganze Schar trottete zum Dorf hinunter, von wo Harmonikamusik und unterdrücktes Freudengekreisch herüberklangen. Da hielt ich es nicht länger aus, allein auf dem Hof zu spielen, und rannte hinter ihnen her.
Als wir zum Dorftor kamen, das verschlossen war, damit die Durchreisenden ein Trinkgeld springen ließen, fand ich neben dem Tor ein Loch im Zaun und kroch durch. Doch bevor ich noch das andere Bein nachziehen konnte, flogen mir schon von allen Seiten Schnee- und Lehmklumpen um die Ohren. Einen Augenblick später sah mein Mantel wie ein Scheuerlappen aus. Ein Junge kam auf mich zu und riß mir die vergoldeten Knöpfe ab. Er sagte, die brauche er dringender als ich. Ein Schneeball traf meine Pelzmütze, so daß sie weit wegflog, und ein paar Mädchen sprangen auf mich zu und rissen mir mein rotes Haarband herunter. Dann schlug einer vor, mich zu waschen, und sie schleppten mich zu einem Graben und stellten mir ein Bein, so daß ich kopfüber hineinfiel. Als ich hochkam, lief mir der Morast so übers Gesicht, daß ich kaum Luft bekam. Die Kinder sagten, jetzt sei es genug. Sie wischten mir mit ihren Mantelärmeln das Gesicht ab, stülpten mir die Mütze über die Augen und sagten, wenn ich den Mund hielte, könnte ich gern mit zur Beerdigung kommen.
Wir kamen zu einem Haus, wo Leute standen und den Hals reckten, um zu sehen, was dort drinnen vor sich ging. Kolka – das war der, der sich meine Knöpfe genommen hatte – flüsterte uns zu, wir sollten uns an die Männerbeine halten, denn da könne man leichter hindurchschlüpfen. Wir gelangten in die Stube und wurden in einer Ecke zusammengedrängt, wo wir abwechselnd einer dem andern auf die Schultern kletterten.
Mitten in der Stube stand ein offener Sarg. Darin lag ein toter Mann. Die Umstehenden hatten ihre liebe Not, die Schmeißfliegen von der Leiche fernzuhalten. Es roch nach Thymian und genauso, als würde Annuschka einen Hasen ausnehmen. Die Frau des Toten lag auf seiner Brust und weinte. Mehr bekam ich nicht zu sehen. Der Sarg wurde hinausgetragen und auf einen Schlitten gestellt, und der Zug setzte sich in Richtung Friedhof in Bewegung. Wir folgten ihm und fielen wie die andern in all dem Schlamm auf die Knie, und wem das Kreuz gereicht wurde, der küßte es. Der Priester sang, während die kniende Menge vor- und zurückschwankte und schluchzte. Ich bekam ein paar ordentliche Knüffe, weil ich nicht mitweinte. Die Menge sang auch einen Choral, doch der Ton lag so hoch, daß die meisten das Mitsingen nach und nach aufgeben mußten.
Kaum war die Leiche in der Erde, als die Leute auch schon auf die Schlitten losstürzten und sich holterdiepolter übereinanderwarfen, um auch ja einen Platz zu bekommen. Wir Kinder hängten uns an die Seiten und ließen die Beine durch den Schnee schleifen. Die Schlitten machten bald tüchtige Fahrt, nun, da die Pferde wußten, daß es nach Hause ging und die Leute sich nach Schnaps und warmen Plinsen sehnten. Plötzlich fragte einer, wer ich denn sei. Sie sahen sich meine Kleidung an und sagten, ich müsse oben von der Mühle sein. Sie sprachen darüber, wie schrecklich ich zugerichtet worden sei und was wohl die Müllermadam dazu sagen werde. Und daß es wohl am klügsten sei, sich nicht in irgendwas hineinziehen zu lassen. Sie hielten den Schlitten an und sagten zu mir, ich solle in Gottes Namen nach Hause gehen. Ich trottete quer durch die Steppe davon.
»He du, du mußt doch deine Knöpfe wiederhaben!« Es war Kolka, der mir nachgelaufen kam und sie mir in die Hand drückte. Er wollte noch etwas sagen, machte aber kehrt und lief weg. Ich paßte auf, daß ich dem Schlitten auch ja den Rücken zudrehte, weil sie nicht sehen sollten, daß ich Tränen in den Augen hatte.
Als das Frühjahr kam, ging ich wieder zu den Kindern hinunter. Es war der erste Tag, an dem ich ohne Mantel draußen war. Diesmal schlug mich keiner. Seitdem ging ich oft zu ihnen und war mit dabei, wenn man im Dorf Hochzeiten, Kindtaufen oder Beerdigungen feierte, die gemeinsam ausgerichtet wurden. Vor allem am zweiten Tag einer Hochzeit, wenn alle mehr oder weniger sternhagelvoll waren, gab es keinen, der noch auf uns Kinder achtete. Die Festtagsgäste waren damit beschäftigt, Tassen und Gläser zu zerschlagen, sich gegenseitig Wasser über den Kopf zu schütten, auf den Tischen zu tanzen oder wie die Verrückten mit dem blutbefleckten Brautlaken als Fahne durch einen brennenden Strohhaufen zu fahren.
Dann bestand für uns die Gelegenheit, ins Haus zu schleichen und uns an den gedeckten Tischen die Taschen vollzustopfen. Ich sei dafür genau die richtige, sagte Kolka, denn ich hätte keine Angst. Hinterher trafen wir uns auf dem Friedhof, wo wir zwischen den Gräbern mit ihrem Gewirr von Minze und Riesenvergißmeinnicht gut versteckt waren. Dort feierten wir Hochzeit. Aber keiner wollte Braut und Bräutigam sein, denn die mußten nebeneinanderliegen, während die andern aßen. Meistens traf es mich und den pockennarbigen Petka. Er lag da, steif wie ein Stock, damit ich nicht merken sollte, daß er die Taschen voll Gurken und Piroggen hatte.
Als wir gerade Semjons Hochzeit feiern wollten, hatte ich Pech. Ich stand in der Speisekammer und schüttete mir aus einem Steintopf Moosbeeren in die Schürze, da wurde ich von einer Frau überrascht. »Du verdammter Spitzbube!« schrie sie, zog mich an den Zöpfen und schlug mir mit einem Holzlöffel auf den Kopf. Doch dann besann sie sich, faltete die Hände und rief Gott zum Zeugen an, daß sie nicht gesehen habe, daß ich das sei. Sie band sich ein neues Kopftuch um und sagte, sie wolle das kleine Goldkind nach Hause begleiten. Meiner Mutter gegenüber beklagte sie sich darüber, daß mich diese Taugenichtse von Kindern zum Stehlen verleitet hätten, und sagte, es sei ein Wunder Gottes, daß gerade sie und keine andere das entdeckt habe.
Sie bekam für ihre Mühe zwei Rubel und ich eine Gouvernante.
Die Gouvernante kam eines Tages direkt aus Petersburg und erzählte bis tief in die Nacht hinein von all den Herrlichkeiten dieser Stadt: von vornehmen Soireen und prächtigen Maskenbällen. Das ganze Haus wurde um und um gekehrt. Vater gestattete ihr, das Pferd zu nehmen, sooft sie wolle, und die Dienstboten gingep für sie durchs Feuer, sobald sie sich mit ihrer Gitarre zeigte. Aber während wir andern von ihren Liedern und ihrem Spiel ganz weg waren, kroch Großmutter aus ihrem Bett und machte ihre Kammertür zu.
Doch das störte Mademoiselle Marina nicht im geringsten. Sie tanzte durch die Stuben, wo die Kronleuchter nun in voller Festbeleuchtung brannten, und unsere beiden schwarzen Katzen folgten ihr auf dem Fuß. Die langen Fransen ihres Schals hatten es ihnen angetan. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge rund um die Bahnstation, und ich durfte Mademoiselle Marinas Pompadour mit dem Puder und dem Rouge tragen. Als während der Winterferien meine großen Schwestern aus dem Internat nach Hause kamen, hatten wir überhaupt keine Zeit mehr, Französisch zu sprechen, sondern sprachen nur noch über die Weihnachtsvorbereitungen. Wir sollten ein Dutzend Gäste aus Petersburg zu Besuch bekommen, und die ganze Wohnung wurde auf den Kopf gestellt. Vater mußte auf sein Arbeitszimmer verzichten, und meine Schwestern wurden in Großmutters Kammer einquartiert, die leerstand, weil Großmutter zu Tante Viktoria auf Besuch gefahren war.
Jeden Tag trafen von der Bahnstation Säcke und Kisten ein. Sie wurden im Kinderzimmer gestapelt. Mademoiselle Marina hatte lange Listen über die Sachen zusammengestellt, die eingekauft werden mußten. Weder Rasierwasser noch Konfetti, noch Waldens Hustenpastillen durften vergessen werden. »Denn gerade die Kleinigkeiten bilden das Tüpfelchen auf dem I«, sagte Marina. Vor allem aber sollten wir ein Grammophon bekommen.
Die Gäste trafen am vierundzwanzigsten Dezember ein. Mutter trug das Haar hochgesteckt und hatte den ganzen Kopf voller Locken und nahm heimlich Pulver ein. Mademoiselle Marinas Gitarre war mit bunten Bändern geschmückt, und die Dienstboten schlichen vorsichtig auf Strümpfen herum.
Es kamen neun Herren und drei Damen. Allesamt waren sie Marinas alte Freunde. Die Herren küßten Mutter die Hand, und die Damen küßten mich mitten ins Gesicht. Mademoiselle Marina führte sie durchs Haus und prahlte mit Vaters großem Betriebskapital und Mutters Auslandsreisen und ihrer musikalischen Ausbildung.
Zu Mittag gab es Bouillon, Gänse- und Putenbraten und rotes Eis, das die Form einer Windmühle hatte. Die Flügel waren aus Waffeln, und innen in der Mühle brannte Licht. Nach dem Dessert legte Mademoiselle Marina
