AIR - Lukas Vering - E-Book

AIR E-Book

Lukas Vering

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Beschreibung

Liegt die Welt von »Air« in weiter Ferne oder steht sie bereits vor der Tür? Maschinen erschaffen die Luft zum Atmen ebenso wie das Wetter und die Nahrung. Algorithmen bestimmen die Partnerwahl. Werbung steuert jede Kaufentscheidung. Zwischen monotoner Arbeit und flüchtigen Beziehungen sind die Menschen zu Spielfiguren unsichtbarer Mächte geworden. Wer am System zweifelt, betäubt sich mit der Droge Air. Für Ty Redfern427 gleicht jeder Tag dem anderen, seine Zweifel bleiben unausgesprochen. Erst als er Pamina kennenlernt, fängt er an, sich zu widersetzen – ohne zu wissen, welchen Preis er dafür zahlen muss.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 654

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Lukas Vering

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Zwischen den Stühlen 9

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: August 2023

Zwischen den Stühlen @ p.machinery

Kai Beisswenger & Michael Haitel

Titelbild & Illustrationen: Lukas Vering

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Kai Beisswenger

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Zwischen den Stühlen

im Verlag der p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.zds.li

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 343 7

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 760 2

Blaues Licht

1.

Die Luft ist dünn. Sie hinterlässt einen sterilen Geschmack auf der Zunge. Jeder Atemzug füllt die Lungen mit synthetischem Sauerstoff, der unablässig in die Straßen der Stadt sickert, sie überflutet und ertränkt und der leicht, kaum merklich, nach Plastik schmeckt.

Ty Redfern427 steht ungeduldig auf der Warteplattform der Metrolinie 5-85. Es ist Nacht, aber nicht wirklich dunkel. Die Abendluft ist warm und klamm, sie liegt schwer auf seiner Kleidung. »Es wird Zeit, dass der Regen kommt«, denkt Ty und zieht sein Portphone aus der Hosentasche. Das Display leuchtet auf und verrät ihm Datum und Uhrzeit. Beides missfällt ihm. Noch mehr als ein Monat bis zur Regenwoche und nur wenige Stunden, bis sein Wecker den nächsten Tag einläutet. Er seufzt, weil er nichts dagegen tun kann. Sein Blick wandert weiter, hinüber zu einem Gebäude, über dessen Fassade ein Werbeclip in Endlosschleife flimmert: Eine lachende Frau mit makelloser Haut und schimmerndem Haar, die einem ähnlich unrealistischen Mann in die Arme fällt. Im Hintergrund große Buchstaben, die daran erinnern, dass jeder zu jeder Zeit den richtigen Partner finden kann – dank LoveMatch. Ehe der Film wieder von vorne abläuft, gleitet die Metro fast lautlos in die Station ein. Sie zieht einen barschen Wind hinter sich her, der Ty über den kurz geschorenen Kopf wirbelt. Auch dieser Windzug ist warm und schmeckt nach Plastik. Ty wartet, bis die Türen vor ihm aufgleiten, bis der Strom aus Menschen den Waggon verlassen und bis das rote Licht des Türrahmens sich in ein freundliches Grün verwandelt hat. Er betritt das Abteil und lässt sich auf einem der weißen Plastiksitze nieder. Seit die neueste Antibeschichtung auf den Markt gekommen ist, bleiben die Metrozüge weiß. Stets wie frisch aus der Produktion, wie es der Hersteller in seinen fassadenfüllenden Werbeclips verspricht. All die Kritzeleien, die kleinen fiesen Sprüche, die obszönen Zeichnungen versickern im endlos puren Weiß des Plastiks. Schmunzelnd betrachtet Ty die Rückenlehne seines Vordersitzes, die ein dicker schwarzer Fleck ziert. Die Form erinnert ihn an einen Fingerabdruck. Es hat also nicht mal ein halbes Jahr gedauert, bis sie Farbe erfunden haben, die auch auf der allerneuesten Antibeschichtung hält. Welch glücklicher Zufall, dass schon bald eine noch neuere Antibeschichtung auf den Markt kommen wird. Noch blütenweißer, noch tiefenreiner, noch unbezwingbarer. Den Spruch hat Ty im letzten Meeting vorgetragen. Die Kunden schienen zufrieden. Seine Chefin, Carin Asana, hatte sich bedeckt gehalten. Wie immer. Der Gedanke daran verwandelt das Schmunzeln auf seinen Lippen in einen ausdruckslosen Strich. Sein Blick löst sich vom Schriftzug, wandert durch die Scheibe in die Außenwelt. Vor dem Hintergrund einer verzweifelt versiegenden Dunkelheit hüllt sich die endlose Stadt in funkelnde Lichter. Ein Meer aus Dächern erstreckt sich vor seinen Augen, das weiter reicht, als sein Blick schweifen kann. Irgendwo in der Ferne sieht er eine Ansammlung aus hohen Gebäuden, die sich wie Arme Richtung Himmel strecken. Als würden sie ihn stützen und davon abhalten, einfach so auf die wehrlose Stadt hinunter zu krachen. Abertausende von Lichtern glimmen an ihren Fassaden. Er fragt sich, ob die Menschen dort überhaupt mitbekommen, dass es Nacht ist. Ein Blick in den Himmel könnte ihnen verraten, dass dort so etwas wie Dunkelheit herrscht. Aber sehen sie diese auch, durch all die blendenden Lichter?

Die Metro setzt sich in Bewegung. Der Waggon taucht hinab zwischen die Gebäude, schlängelt sich durch enge Lücken zwischen hohen Häuserfronten. Als die Metro das lichtarme Dickicht der Gebäude wieder verlässt, wirkt der Nachthimmel beinahe grell. Es ist nicht einmal dunkel genug, als dass man das entfernte Glimmen eines Sternes ausmachen könnte. Immer, wirklich immer, liegt da dieser Film aus zerstreutem Licht über der Stadt. Wie ein phosphorgelber Smog, der die Gebäude und Menschen umschlingt. Er besteht aus Straßenlichtern, Scheinwerfern, Neonleuchten, Videoleinwänden und Displayflimmern. Und die Smogglocke wächst. Die Nächte werden immer heller, der Phosphorschimmer immer strahlender. Und voll des Eifers nähren die Menschen und Maschinen den Smog, bis er eines Tages die Nacht komplett zersetzt hat.

Tys Blick verfängt sich an einem Gebäude, das den Lichtfilm mit einem vagen, kaum merklichen Grün zu füttern scheint. Es ist ein hoher, schmaler und zylinderförmiger Turm. Etwa ab der Hälfte verwandelt sich die glatte Oberfläche und wird ersetzt durch unzählige, halb geöffnete Klappen, die wie Schuppen von dem Turm abstehen. Ty muss an das Bild eines sogenannten Tannenzapfens denken, das er einmal in einem Buch gesehen hat. Aus diesen Öffnungen glüht das Grün. Es ist nicht aufdringlich oder grell, es schimmert gerade so durch die Nacht, doch es verrät die unendliche Produktivität des Synthie-Baums. Unablässig wird der synthetische Sauerstoff durch die Klappen des Turmes in die Atmosphäre gepumpt. Aus diesen Öffnungen sickert und strömt der Geschmack nach Plastik, der sich immerzu auf Tys Zunge breitmacht. Ohne die Synthi-Bäume, das hat er schon als Kind gelernt, würde kein Mensch auf der Erde leben. Der Turm mit seinen Schuppen sieht bedrohlich aus, wie er in den halbdunklen Nachthimmel ragt, wie er über der Stadt thront und wie das Grün aus seinem Inneren schimmert, als läge dort ein Geheimnis begraben. Er hat sich schon immer gefragt, ob die echten Bäume damals auch so angsteinflößend wirkten. Ob man sich unter ihren Ästen und Wipfeln auch so klein und unbedeutend vorkam, wie unter den grünglimmenden Blicken der Türme?

Plötzlich spürt er, wie die Metro langsamer wird. Er reißt den Blick von dem Synthie-Baum und für einen Moment kreisen seine Augen hektisch durch das Innere des Waggons, bis er die Leuchtschrift findet, die ihm verrät, dass er eine Haltestelle zu weit gefahren ist. »Verdammtes Gerät«, flucht er vor sich hin. Es ist nicht das erste Mal, dass die lautlose Metro ohne seine Kenntnisnahme zum Halten gekommen ist. Jetzt muss er einen Umweg in Kauf nehmen. Oder die Abkürzung durch die engen Gassen des Asox-Viertels.

Sein Portphonedisplay zeigt leuchtende Zahlen, die verkünden, dass es schon viel zu spät ist. Er hätte das verdammte Date schon nach zehn Minuten abbrechen sollen. Die Angaben in ihrem LoveMatch-Profil waren zwar verifiziert, aber ihre schrille, nervtötende Stimme war natürlich nicht dokumentiert. Er ist zwei Drinks zu lang geblieben, weil er nicht wollte, dass sie ihm eine schlechte Bewertung gibt. Noch zwei Dates ohne Abschluss mit einer Bewertung unter drei Sternen und er könnte aus dem Beta-Suchalgorithmus fallen. Und das Letzte, was er momentan gebrauchen kann, ist noch ein teures Upgrade. Er seufzt, während er den Ziffern auf der digitalen Uhr dabei zusieht, wie sie im Sekundentakt zerfallen und sich neu zusammensetzen. Er weiß, dass er sich mit dieser ganzen LoveMatch-Sache nur endlos im Kreis dreht. Er ahnt auch, dass genau das der Sinn der Sache ist. Aber wem soll er das erzählen?

Mit schnellen Schritten eilt er die Stufen von der Plattform zur Straße hinab. Wenn er die Abkürzung nimmt, bekommt er immerhin noch gute fünf Stunden Schlaf. Und vielleicht bemerkt Carin Asana seine Augenringe nicht einmal. Hoffentlich. Immerhin ist er nur einen Vortrag über optische Präsenz am Arbeitsplatz davon entfernt, ein firmenfinanziertes Facelift verpasst zu bekommen. Aber vielleicht würde das die elendigen Sommersprossen auf seiner Nase endlich wegradieren.

Am Bordstein bleibt er stehen und wirft einen langen Blick die Straße hinunter. Sie führt in einem ausschweifenden Bogen einmal um das Asox-Viertel herum. Straßenlaternen schießen alle fünf Meter in die Höhe und werfen ihre hellen Lichtkegel auf den Asphalt. E-Autos gleiten summend durch die Betonschneise. Dann wandern seine Augen auf die andere Straßenseite. Ihm gegenüber stehen hohe, blockartige Gebäude, zwischen denen Gassen in ein Labyrinth aus Wegen, Wänden und düsteren Ecken führen. Wohnungen stapeln sich wie Schuhkartons in die Höhe, die Fenster des einen Gebäudes sind nicht einmal fünf Meter vom nächsten entfernt. Und dazwischen, in den engen Gassen, tummeln sich Gestalten, denen Ty um diese Uhrzeit nicht mehr begegnen will. Wohnblockviertel wie das Asox streuen sich überall durch die Stadt. Als die Bevölkerungszahlen immer explosionsartiger anstiegen und man den verfügbaren Platz nicht an die Menschen verschwenden wollte, die heute in diesen Vierteln leben, waren die generellen Mietpreise so dermaßen in die Höhe geschossen, dass vielen nichts anderes übrig blieb, als in einen Wohnblock-Schuhkarton überzusiedeln.

Noch ein Blick auf die unaufhaltsamen Displayziffern und Tys Entschluss steht fest. Er überquert die Straße und lässt sich von den Häuserwänden verschlingen. Links und rechts von ihm steigen die grauen Wände empor. Glatter, nichtssagender Beton. Fenster neben Fenster neben Fenster. Einige leuchten, werfen ihren Schein hinaus in die Gasse, aus anderen dringt das kalte, bläuliche Flackern der Televisoren. Zwischen den Fronten spannen sich Stromleitungen und Kabel. In unregelmäßigen Abständen baumeln Lampen von den Oberleitungen, die kalte Lichtkegel in die Gasse werfen. Ty schiebt die Hände in die Jackentaschen und marschiert voran. Geräusche hallen durch die enge Straße. Laute Stimmen vermischen sich mit den hektischen Klängen des Televisorprogramms. Irgendwo glaubt er, Schritte zu hören. Oder ist das nur das Echo seiner eigenen Füße? Er biegt ruckartig ab, durchquert eine noch engere Seitengasse, passiert zwei stinkende, überquellende Mülltonnen und betritt eine neue Straße. Einen kurzen Augenblick schaut er nach oben durch die Kabel und Leitungen, die sich hier wie ein undurchdringbares Netz zwischen den Wänden spannen. Irgendwo sieht er einen Fetzen Nachthimmel, getüncht vom Phosphorgelb des Lichtsmogs. Sein Blick rast weiter, bis er einen anderen Fetzen findet. Doch hier sieht er nur einen der atmenden Türme mit seinem grünen Glimmen. In der nächsten Gasse versperrt ein Fahrzeug die Hälfte des Weges. Der Motor summt, die Scheinwerfer strahlen die Gasse aus. Zögerlich bleibt Ty stehen und stiert das E-Auto an. Durch die Rückscheibe sieht er einen Schemen auf dem Fahrersitz. Vorsichtshalber schlägt er die andere Richtung ein. Irgendwo ertönt ein lautes Knallen, das ihn zusammenzucken lässt. Suchend rasen seine Augen durch die Gasse, die Häuserfronten empor, über jedes einzelne Fenster. Es sind zu viele, ihm wird schwindelig, er bricht die Suche ab. Er beschleunigt seine Schritte und verlässt auch diese Gasse, biegt erneut in eine andere Straße ein. Seine Augen linsen auf sein Portphone, das er nur ein Stückchen aus der Hosentasche hervorzuholen wagt. Die Zeitangabe entlockt ihm ein geknurrtes »Verdammt …«. Wäre er doch an dem dämlichen E-Auto vorbeimarschiert, dann hätte er das Viertel schon fast durchquert.

Plötzlich hört er Schritte. Ehe er reagieren kann, sieht er zwei Gestalten aus einer Seitengasse auf die Straße treten. Kapuzen hüllen ihre Gesichter in Schatten. Sie beachten Ty nicht, wenden ihm ihre dürren Rücken zu, deren Schulterblätter sich durch schimmernden Polyesterstoff drücken. Sie entfernen sich in die andere Richtung. Ein vages, türkises Leuchten wird von ihren Jacken auf die grauen Betonfassaden geworfen. Der ölige Schimmer und die subtile Farbe lassen eine Erinnerung in Ty hochköcheln. Vor nur knapp einem Monat hat er genau für diese Jacken einen Werbespot konzipiert. Monochrome Farbaufnahme, ein halb verhungertes Model stolpert über einen weitläufigen Platz aus Marmor, einzig und allein das Türkis des vollrecycelten, ultraleichten Chinz-Polyesters bringt Farbe ins Spiel. Dazu lang gezogene, dröhnende Elektrobässe und ein simpler Werbespruch. Im Endeffekt wurde seine Idee in einer knallbunten, ohrenbetäubenden Partyszene arrangiert, die laut Carin Asana viel treffsicherer das Zielpublikum erreiche. Seinen Werbespruch hatten sie trotzdem verwendet.

Die schummernden Lichtbälle verschwinden in der Ferne. Seufzend dreht Ty sich um und geht weiter. Er nähert sich dem Ende des Asox-Viertels. Seine Schritte werden schneller, als könnten seine Füße es gar nicht abwarten, sich endlich wieder auf breiten Straßen zu bewegen. Noch eine letzte Abbiegung und er hat es geschafft. Gerade biegt er um die Ecke, als er etwas auf dem Boden liegen sieht. Erschrocken zuckt er zusammen, macht instinktiv einen Schritt zurück und spürt sofort eine kalte Betonwand im Rücken. Auf dem Boden liegt ein dunkles Bündel. Er starrt auf die abgewetzte Kleidung, die viel zu groß für den ausgemergelten Körper ist, der darin steckt. Aus einem Ärmel ragt eine knochige Hand. Eine schmutzige Kapuze umhüllt ein ausdrucksloses Gesicht. Die Augen ohne Glanz, der Mund weit offen, als hätte er noch um einen letzten Atemzug gerungen. Wobei es zu viel Luft war, die ihn tötete. Neben der fleischlosen Hand liegt die leergezogene Spraydose, die die Lungen des dürren Körpers zum Bersten gebracht haben. Es muss ein tiefer, letzter Zug gewesen sein.

Tys Muskeln entspannen sich. Der Schock ist verebbt. Einen Moment lang mustert er den Toten. Die Wangen sind eingefallen, die Haare dünn und licht, aber die Hautfarbe wirkt so seltsam satt und frisch. Sie sagen, das sei einer der Nebeneffekte. Sie sagen, der Anblick einer so strahlenden Hautfarbe, das muss jedem bewusst sein, sei ein Ausdruck der Krankheit. Neugierig nähert er sich einen Schritt, um den Leichnam zu inspizieren. Hat ihn das Air wirklich so krank gemacht?

Ein Geräusch aus dem Inneren des Viertels lässt Ty wieder zurückschrecken. Sein Blick rast zum anderen Ende der Gasse. Dort erwarten ihn die Straßenlichter, die E-Autos, die bunt blinkenden Neonreklamen. Mit einem großen Schritt passiert er den Körper und erreicht die breite Hauptstraße, wo ihn Lärm und Licht verschlucken.

2.

Zweieinhalb Sterne. Sein Hals reagiert mit einem Würgereflex, durch den er beinah am halb zerkauten Instantmüsli erstickt, als er die Bewertung seines gestrigen Dates liest. Er springt auf, hustet, spuckt das Müsli in die Spüle und versichert sich nochmals, dass er richtig gesehen hat. Zweieinhalb Sterne. Ein entnervtes Seufzen folgt dem Müsli über seine Lippen. Ty verflucht sich dafür, dass er ihr wohlwollende drei Sterne gegeben hat. Der ganze Aufriss für so eine Pleite. Er hätte sich das Geld für die Drinks, den Weg durch das Asox-Viertel, die viel zu kurze Nacht und den grauenhaft stechenden Schmerz in den Schläfen, den das Geräusch seines Weckers verursacht hat, sparen können. Doch jetzt hängt er hier, müde und schlaff, an dem ausfahrbaren Tisch in der kleinen Küche. Neben ihm wirft das Lux-Fenster, ein Bildschirm, der ihm vorgaukelt, ein echtes Fenster zu sein, falsches Tageslicht in den Raum. Er kann seine Augenringe wie Gewichte spüren. Sie hängen wie Betonklötze an seinen Lidern und sind wahrscheinlich dunkler als der innerstädtische Nachthimmel.

Der Appetit ist ihm vergangen. Er hievt sich von seinem Hocker, schlurft aus der Küche in den Wohnbereich und tritt missmutig gegen die Tür zur Nasszelle. Der Abzug ist schon wieder kaputt und die warme, feuchte Luft seiner morgendlichen Dusche hängt immer noch im Raum. Der Spiegel über dem Waschbecken ist nach wie vor beschlagen. Er nimmt ein Handtuch und wischt darüber. Zum Vorschein kommt ein fahles Gesicht mit leicht olivfarbener Haut. Die Augen sind blässlich und blau, als würde es ihnen an Kraft fehlen, um richtig zu strahlen. Und dann sind da noch die Sommersprossen auf seiner Nase. Wie kleine, rotbraune Splitter, die sich irgendwann einmal in seine Haut geschlagen haben und sich nun weigern, von ihr abzulassen. Er hat das Bleach-Peeling probiert, den Skinreaper, sogar das Ex-Face-Erase. Aber die Sommersprossen sind immer wiedergekommen.

Das Portphone in seiner Hosentasche vibriert. Er weiß, was das bedeutet, dazu muss er nicht einmal nachschauen. LoveMatch hat eine Mail geschickt und ihn darüber informiert, dass er aufgrund seines derzeitigen Bewertungsstatus aus dem Beta-Suchalgorithmus fällt. Damit sinkt er in die C-Klasse. Von da braucht es nicht mehr viel, bis er wie die hoffnungslosen, unbeachteten D-Geister am Rande des Systems herumlungert und vergeblich darauf hofft, dass sein Profil überhaupt noch irgendeine Beachtung findet. Er weiß, dass er das unmöglich jemandem erzählen kann. Aber was sollen sie auch sagen? Er verlässt die Wohnung, noch bevor das Portphone ihn mit einem unerträglichen Piepen daran erinnern kann, dass es Zeit wird, den Weg zur Arbeit anzutreten.

Ty zieht die Wohnungstür hinter sich zu. Das Safelock surrt, dann flackert ein rotes Licht auf, das anzeigt, dass die Tür abgeschlossen wurde. Nun befindet er sich auf dem Außenbalkon, der an der Fassade seines Wohnblockes entlangläuft, um die Wohnungen mit dem Treppenhaus im Inneren zu verbinden. Mit einem einzigen großen Schritt überquert er den schmalen Balkon und tritt an die Brüstung. Würde er von der Straße hinaufblicken, müsste er den stecknadelgroßen Punkt, der sein Kopf ist, auf einer Fläche von zwölf Stockwerken mit je zwölf Wohneinheiten pro Hauswand suchen. Er würde ihn vielleicht, mit viel Glück, irgendwo im zehnten Stock, auf der östlichen Hälfte finden. Würde das Safelock nicht auf sein Portphone reagieren, würde er selbst nicht wissen, wo er wohnt.

Er richtet den Blick gen Horizont. Irgendwo hinter dem trüben Dunst, der über den Häuserdächern schwebt, muss die Sonne verborgen liegen. Der wabernde Smog, dunstig und bleich und gelblich grün, nimmt die Brennkraft der Sonne auf und verteilt sie über das gesamte Himmelsgerüst. Jeder Blick in den gleißenden Himmel wird mit einem Stich in seine Pupillen bestraft. Ty senkt die Augen wieder, lässt sie für einen Moment über die Skyline der Stadt schweben. Nicht weit von hier erkennt er die quadratischen Betonklötze des Asox-Viertels. Die schmalen Gassen, die sich zwischen die Blöcke schneiden, wirken wie eckige Adern in einem kubischen Organismus. Daneben sieht er die Metroschiene, eine massive, stählerne Vene, die sich auf Balken gestützt durch die Stadt schlängelt. Sie ist nicht allein. Kreuz und quer jagen die Stahlvenen zwischen den Gebäuden her, laufen hier und da in Mündungsbecken ein, wo sie sich vielleicht teilen, aber niemals enden. Tys Blick streift über das endlose Auf und Ab der Dächer. Tausend verschiedene Höhen, tausend verschiedene Formen, tausend verschiedene Ausmaße. Die meisten Gebäude enden in flachen Dächern, andere tragen Glastikkonstrukte wie seltsame Hüte, einige haben spitze Dächer aus Metallschuppen und dann sind da noch die seltenen, alten Gebäude mit ihren verwitterten Dachziegeln. Aber viele gibt es davon nicht mehr. Kräne, Walzen und Abrissbirnen fressen sie auf, Biss für Biss, Tag für Tag. Dafür schießen an anderer Stelle Gerüste und neue Häuserskelette empor. Alles ist immer neu, ständig im Aufbau, ständig im Abriss. Alles ist im Fluss. Nichts bleibt. Die Stadt löst sich ständig auf und setzt sich neu zusammen. Nichts erinnert lange an das, was früher war. Die Stadt hat kein Gedächtnis, ihr Hirn ist wie eine Brausetablette im Wasserglas.

Seine Sicht wird von den Wolkenkratzern des Zentrums verbaut. Würde er den Außenbalkon entlang spazieren und Richtung Süden, Westen oder Norden schauen, würde sich ihm das gleiche Spektakel immer und immer wieder bieten. Eine endlose Landschaft aus Dächern, Synthie-Bäumen und Metroschienen, irgendwo in der Ferne eine Ansammlung noch höherer Gebäude. »Die Arme der Welt«, hat sein Bruder sie einmal genannt. Der Satz ist hängen geblieben. Jedes Mal, wenn er die Wolkenkratzer eines der Zentren sieht, blubbert er aus seinem Gedächtnis wieder empor. Er erinnert sich an das Zimmer, das er damals mit dem Bruder geteilt hat. Ihre kleinen Betten dicht aneinandergedrängt, genauso wie die Wellenlinien, die ihre Körper unter die Decken zeichneten. Die warme, orangefarbene Sonne, die durch das Fenster schien … Eine Wohnungstür fällt krachend zu. Erschrocken zuckt Ty zusammen, schaut zur Seite. Sechs Türen weiter steht ein Mann, nicht viel älter als er selbst, und wartet auf das rote Leuchtsignal des Safelocks. Es kommt. Er geht. Passiert Ty, ohne aufzublicken, das Interesse tief in das Display seines Portphones vergraben. Ty legt die Arme auf das Balkongerüst und schaut wieder in die Ferne. So weit, bis er die Schornsteine und Kühltürme eines Industrieviertels sehen kann. Die Rauchsäulen, die sie in die Luft pumpen, verschwimmen nach nur wenigen Metern mit dem diesigen Brei, der sich hier Himmel nennt. Aber irgendwo dahinter, hinter den Fabriken und Kraftwerken, sieht er noch mehr Arme, die sich bis in die Wolken strecken. Und dahinter noch mehr. Und mehr. Und mehr …

Sein Portphone summt. Es ist Zeit.

Im Fahrstuhl, der ihn all die Stockwerke nach unten transportiert, zückt er sein Portphone. Nicht nur als Ablenkungsmanöver, um keinen Blickkontakt mit den sechs anderen Fahrstuhlinsassen riskieren zu müssen. Das kleine Mailsymbol, das die Nachricht von LoveMatch anzeigt, ignoriert er gekonnt und öffnet stattdessen ein Suchfenster. Seine Fingerspitzen rasen blitzschnell über die Tastatur und tippen eine Frage ein. Er will wissen, was in dem Industriegebiet produziert wird: »Phoenix-Industriekomplex. Warenherstellung und Energieproduktion«. Er scrollt über die Details. Schließlich tippt er eine Spezifikation ein: »Luftverschmutzung«. Prompt erscheint die Antwort: »Der Phoenix-Industriekomplex verfügt über siebenunddreißig Synthie-Bäume und acht SyS-Filter. Die Fabriken und Kraftwerke laufen alle ohne den Ausstoß von Belastungsstoffen. Die letzte Messung der Luftwerte erbrachte ein Durchschnittsergebnis von nur null Komma drei Punkten auf der Schadstoffskala.«

Während er das Portphone in der Hosentasche verschwinden lässt, denkt er an die Schornsteine, die unermüdlich ihre gräulichen Rauchfontänen in den Himmel schießen und den großen, gierigen Smogteppich weiternähren.

3.

Vor dem Apartmentblock zerstreuen sich die Wege der Fahrstuhlgemeinde. Sie verfliegt so schnell, wie sie zusammengekommen ist, und Ty sieht nur noch sich entfernende Rücken von Personen, deren Gesichter er nicht kennt. Er schreitet über die Rasenfläche, die das Gebäude umringt. Wie immer strahlt das Gras in sattem Grün, jeder Halm perfekt ausgerichtet und gleich lang. Der Rasen federt seine Schritte ab, die Halme passen sich automatisch seinem Gewicht und seiner Auftrittskraft an, sodass sein Rücken perfekt ausbalanciert wird. Die kleinen, grünen Plastikhalme machen einen tadellosen Job. Sein Weg führt zu einer breiten Straße, die umsäumt ist von niedrigeren Gebäuden. Hier wohnen die Besserverdiener. Wobei sie zu gut nicht verdienen können, sonst würden sie nicht im Schatten der Apartmentblocks und in so greifbarer Nähe zum Asox-Viertel leben. Tatsächlich, so hat es Ty zumindest gehört, haben sich hier die Väter einer Sekte niedergelassen. Welche, das hat er schon wieder vergessen. Technokraten, Ozeanisten oder Polygamisten oder welchen Namen sie sich auch immer gegeben haben. Vermutlich lösen sie sich ebenso schnell auf, wie die Fahrstuhlgemeinde.

Er passiert ein Gebäude, von dem er ganz sicher weiß, dass es von einer Sekte errichtet wurde. Es ist dreieckig, quasi nur ein mit weißen Metallplatten verkleidetes Dach, das vom Straßenboden bis zur Spitze läuft. Die Eingangstür besteht aus dunklem, undurchsichtigem Glas. Er weiß, dass die jetzigen Nutzer nicht die Erbauer sind. Vermutlich nur irgendwelche Air-Junkies, die sich mit dem Aberglauben irgendwelcher Hirngeschädigten ihren Rausch finanzieren wollen. Dennoch bleibt sein Blick immer wieder an der weißen Pyramide mit der dunklen Glastür hängen. Er ist sich fast sicher, dass es an dem dunklen Glas liegen muss. Sicher, Glas ist eine Rarität und fast überall durch das stabilere Glastik ersetzt worden, aber es ist vielmehr die Farbe, die seine Aufmerksamkeit erregt. Dieses tiefe, unendliche Blau. Wenn er nur wüsste, woher er diese Farbe kennt …

Beinah stößt er mit jemandem zusammen. Die Person dreht sich kurz um, zischt irgendetwas über die Schulter, geht weiter und beschleunigt die Schritte, damit sie vor ihm die Metrostation erreicht, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Ty lässt sich zurückfallen. Wieder wandert sein Blick zu der tiefblauen Glastür, doch diesmal wird seine Sicht blockiert. Eine Frau in grauen Arbeiteroveralls schiebt sich zwischen ihn und den Erinnerungsfetzen, der sich hinter dem Dunkelblau verbirgt. Sie hält einen selbst gebastelten Straßenreiniger auf den Bordstein gerichtet. Es ist ein länglicher Stab, an dessen Ende eine Laserkartusche angebracht wurde, die mit ihren Strahlen den Schmutz vom Gehweg radiert. Sorgfalt ist dabei nicht gerade ihr Ding. Sie schwingt das Gerät auf und ab, verweilt viel zu lange auf einer Stelle, schließlich macht sie gar nichts mehr. Ty schaut mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Empörung auf, nur um festzustellen, dass sie zurückschaut. Ihr Blick ist fest. Darin liegen Vorwurf und Frage zugleich, Ty kann sich nicht entscheiden, was davon dominiert. Ehe er den Blick hastig von ihr reißt und seine Schritte beschleunigt, erkennt er ein uneindeutiges Lächeln auf roten Lippen. Den Rest des Weges zur Metrostation spürt er ihren bohrenden Blick zwischen seinen Schulterblättern. Kurz bevor er die Lifttreppe hinauf zur Plattform betritt, schaut er noch einmal zurück, immer noch perplex, dass jemand so dreist sein kann. Oder ist das Verwunderung, dass jemand länger als die üblichen anderthalb Sekunden Aufmerksamkeit an einen Fremden verschenkt? Egal. Sie reinigt weiter. Genauso fahrlässig wie zuvor.

Die Metro ist vollgestopft mit Körpern. Sie atmen, sie schwitzen, sondern ihre Wärme ab. Und dennoch schmeckt die Luft nur nach tiefgekühlter Frische und Plastik. Irgendwo unter der Decke hängen in regelmäßigen Abständen kleine SyS-Tanks, vollgeladen mit dem Atem der Synthie-Bäume, den sie nun in das Innere des Waggons sickern lassen. Die Lungen der Körper nehmen ihn auf; und geben ihn wieder ab. Das Lüftungssystem saugt ihn auf; die SyS-Tanks füllen nach.

Ty hat keinen Sitzplatz bekommen, er steht an eine Wand gelehnt. Im Augenwinkel sieht er die Person, mit der er vorhin fast kollidiert wäre: den Hintern auf einen der Plastiksitze niedergelassen, ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Ty versucht, durch das Gewebe aus Armen und Köpfen durch eine der Scheiben zu schauen, doch von hier aus sieht er nur Silhouetten, die mit dem trüben Gelb des Morgenhimmels verschwimmen. Irgendwo im Hintergrund dudeln die Geräusche eines Bildschirms, auf dem Werbefilme in Endlosschleife laufen, durchsetzt von aktuellen Neuigkeiten aus der Stadt. Die Bildschirme kann er immer gut erkennen, egal wo er steht oder sitzt. Dafür hat man gesorgt. Gerade läuft ein Spot über Ex-Face-Erase. Hätte er es nicht ausprobiert, würde er der Frau mit der unfassbar makellosen, glatten und völlig animierten Haut auf der Stelle glauben, dass auch er all seine Probleme einfach wegradieren kann. Er fährt sich mit dem Finger über die Nase. Wenn dem so wäre, dann würde er wohl kaum noch mit diesen Sommersprossen herumlaufen, die ihn aussehen lassen, als wäre er in einen Haufen rostiger Nägel gefallen. Auf dem Bildschirm spulen sich derweil zwanzig Sekunden hirnloser Lobhudelei auf die Großartigkeit der Stadt ab. Jede sechste Woche gibt es eine neue Kampagne über die Errungenschaften der Zeit.

»Die Synthie-Bäume sind das höchste Geschenk unserer Wissenschaft. Sie sind das größte und wichtigste Substitut von allen«, erklärt eine Frauenstimme, vollgetankt mit Pathos und Stolz. Nun blenden sie einen Mann ein, dem Brille und Laborkittel wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verleihen sollen. »Der synthetische Sauerstoff«, verdeutlicht er »ist die Grundlage für die Substituierung und somit der Schlüssel zu unserer Befreiung von der Natur.« Ty ist sich sicher, dass er diesen Mann erst letztens gesehen hat, wie er anders kostümiert eine neue Art Wellnessdrink anpries.

»Wir leben in einer schönen, neuen Welt.« Er sieht eine Frau und einen Mann tief einatmen, im Hintergrund azurblauer Himmel und fluffige, weiße Wolken. Sie saugen den Sauerstoff ein, als würde er nicht nach Plastik schmecken. Ihre Haut wirkt beneidenswert frisch und rosig, ihre Pupillen leuchten. Ty lässt seinen Blick durch den Innenraum des Metrowaggons schweifen. Er beobachtet matte Gesichter mit Augen, deren Farben so ausgewaschen sind, dass sie kaum unterscheidbar sind.

Er wird von einem Ruck unterbrochen. Die Körper neben ihm haben sich in Bewegung gesetzt. Ein Tuscheln und Rascheln huscht durch den Waggon. Er weiß, ohne nachzuprüfen, dass sie an seiner Haltestelle angekommen sind. Die meisten Fahrgäste steigen hier aus. Ty folgt ihnen. Nur wenige Meter vor ihm wächst ein gigantisches Konstrukt aus Glastik, Beton und Stahl in den Himmel. Geschwungene Metallträger winden sich an dem Gebäude empor, als wären sie Ranken eines urzeitlichen Gewächses, und verleihen dem Hochhaus eine dynamische Form. Dazwischen Fensterfronten. Feinstes Glastik, hauchdünn und doch unzerbrechlich, eingefärbt in flüssig wirkendes Grün. Am Boden, im Eingangsbereich, türmen sich mehrere Kuppeln aus transparentem Glastik auf. Aus der breitesten und höchsten entspringt der Jade-Vision Tower, der sich hoch in den Himmel schraubt und dabei so wild und ungezähmt wirkt, als wäre er ein kristallisierter Blitz. Ty blickt die imposante Fassade hinauf. Irgendwo da oben, in einem der mittleren Stockwerke, wartet seine Vorgesetzte Carin Asana mit ihrem selbstgefälligen Lächeln darauf, seine Augenringe zu begutachten und mit ihrer überheblichen Stimme einen Kommentar über optische Präsenz am Arbeitsplatz zum Besten zu geben.

4.

Der Fahrstuhl steigt geräuschlos in die Höhe, transportiert Ty und die Menschen um ihn herum zu ihren Arbeitsstätten. Obwohl sie dicht aneinandergedrängt stehen, spürt Ty ihre Wärme in der durchklimatisierten Luft nicht. Mit geschlossenen Augen könnte er glauben, zwischen Schaufensterpuppen zu stecken.

Ein sanftes Klingeln, eine tonlose Stimme sagt das Stockwerk an. Ty schiebt sich durch die reglosen Körper und betritt einen breiten, hellen Flur. Der Boden besteht aus glatten Fliesen, in denen er sein mattes Spiegelbild erkennen kann. Der Flur öffnet sich nach einigen Metern in einen hohen, runden Raum, in dem unzählige lange Tische installiert sind. Trennwände teilen die Tische in mehrere Arbeitsplätze auf. In der Mitte des Raumes wächst eine enge Wendeltreppe aus dem mattspiegelnden Boden, die hinauf in die zweite Etage führt. Die hintere Front des runden Raumes besteht aus Glastik, sie ist Teil der geschwungenen Fassade. Von innen wirkt das Glastik transparent, das Licht dringt ungehindert in den Raum. Die grüne Farbe der Front ist lediglich ein Außeneindruck.

Mit gesenktem Kopf bahnt Ty sich einen Weg durch das Labyrinth aus Tischen, bis er seinen eigenen Arbeitsplatz erreicht. Geräuschlos sinkt er auf den Bürostuhl, dessen gummiartiges Polster sich sofort an seine Rücken- und Gesäßform anpasst. Er atmet durch. Dann hebt er die Hände und führt sie über das in den Tisch eingelassene Sync-Board. Es erkennt seine Fingerabdrücke und beginnt zu leuchten. Sofort flackern unter Tys Fingern eine Tastatur und die gespeicherten Zeichnungen vom Vortag auf. Die nächste Geste gilt dem Bildschirm, der auf perfekter Augenhöhe angebracht ist. Auch dieser antwortet mit einem plötzlichen Aufleuchten. Sofort listen sich zahllose Nachrichten am Rande des Bildschirms auf. Darunter ein neuer Sitzungstermin.

»Carin Asana lädt die Arbeitsgruppe D um zwölf-null-null in die Skylounge. Zur Vorbereitung auf die Kampagnen zur Regenwoche und zur Verteilung der Aufgabenbereiche des entlassenen Mitarbeiters Milo Terstaan142.«

Ty sieht die Nachricht einen Moment lang an. Dann rollt er mit seinem Bürostuhl ein Stück zurück, lehnt sich nach hinten, sodass er an den Trennwänden vorbeisehen kann und schaut den langen Tisch entlang. Zwei Bereiche weiter, in denen tippende Körper über ihren Sync-Boards hängen, sieht er einen leeren Stuhl. Er kannte Milo Terstaan142 nicht gut. Er weiß, wo er saß, welchen Aufgabenbereich er betreute, dass sein linkes Auge dazu neigte, nervös zu zucken, wenn er in Sitzungen zu Wort kam und dass er seit einigen Wochen in unregelmäßigen Abständen auf der Arbeit fehlte. Tys Blick verweilt auf dem leeren Bürostuhl, dessen Polsterung vermutlich immer noch den Abdruck von Milo Terstaan142 in sich trägt.

Das Wort »entlassen« kann so einiges bedeuten. Es kann bedeuten, dass Carin Asana es nicht duldet, wenn jemand ihre Produktivität durch Abwesenheit schmälert. Es kann bedeuten, dass Milo heimlich Geheimnisse der Agentur an andere Unternehmen verkauft hat, aufgeflogen und Hals über Kopf geflohen ist. Es kann aber auch bedeuten, dass sie ihn tot in seiner Wohnung, in der Agenturtoilette oder in irgendeiner Gasse irgendeines Asox-Viertels gefunden haben.

Während der Vormittag verfliegt, huschen immer wieder getuschelte Wortfetzen durch die Reihen der Arbeitsplätze. Ty kann keinen Sinn daraus erschließen. Auch seine Blicke hinüber zum leeren Bürostuhl einige Meter weiter bleiben ergebnislos.

Er fragt sich, ob Carin Asana etwas dazu in der anstehenden Sitzung sagen wird. Ein fast absurder Gedanke. Asana ist keine Frau für Sentimentalitäten. Sie lebt, was sie verkauft: Image ohne Makel, Fassade ohne Risse, Gefühle als Produkt. Für die banalen Schicksale ihrer Angestellten ist in ihrer Welt vermutlich wenig Platz.

Ty öffnet eine neue Aufgabe. Eine Werbung für neue Außendekoelemente, die auf den beigefügten Bildern wenig dekorativ wirken: eckige, weiße Klötze, die an geschliffene Steine erinnern. In Reihen angebracht sollen sie dem öffentlichen Raum durch ihre immer sauberen, mit Antibeschichtung behandelten Oberflächen zu einem ordentlichen, gepflegten Eindruck verhelfen. Und bei Dunkelheit leuchten die integrierten LED-Elemente in changierenden Farben. Ty fliegen erste Ideen durch den Kopf, die er zugleich in kleine Textblasen auf seinem Sync-Board tippt. Das Ganze ist Standardwerk für ihn. Er kennt genug abgedroschene Maschen, um dieses völlig unnötige Zeug zu bewerben. Dafür wurde er ausgebildet.

»Deine Nachbarschaft verdient es: die neuen Polycubes«, tippt er, schiebt die Idee an den Rand und tippt in die nächste Textblase: »Weil jeder für unsere Stadt verantwortlich ist: Polycubes.« Er erinnert sich an eine Vorlesung während seines Studiums, in der er lernte, dass Patriotismus, wenn er auf die richtige Art und Weise ausgespielt wurde, immer greift. Niemand kann sich der Verantwortung entziehen, seiner Stadt oder seinem Viertel oder seinem Wohnblock einen Dienst zu erweisen. Die Ausführungen zur Logik eines Ortes und emotionaler Raumverbundenheit sind aber nur noch verschwommene Fetzen in seinem Gedächtnis. Er braucht sich nicht daran erinnern, um zu wissen, dass in dieser Stadt jeder eingebläut bekommt, dass die Stadt das Größte und Wichtigste sei. Und die Substitute sind der Beweis dafür. Er kennt die Argumente, in- und auswendig. Er beginnt, eine Zeichnung auf das Board zu kritzeln. Irgendeine Skizze, die später einmal in einen Film oder in ein Foto umgewandelt wird. Er stellt sich eine der Evergreen-Rasenflächen vor, umsäumt von Polycubes. Sie könnten auch in einer Reihe zwischen Evergreen-Rasen und Häuserwand aufgebaut werden. Ihm schwebt ein vages Bild vor, das er einmal in einem Buch über altertümliche Gartenarchitektur gesehen hat: Blumenbeete. Nur das heutzutage niemals jemand eine echte Blume in die Stadt pflanzen würde. Welch Aufruhr das verursachen würde! Ty tippt den Gedanken ein, setzt an, um eine Linie zu zeichnen, als ein scheppernder Klang den Raum durchzieht: Spitzes Plastik trifft auf Metall. Sein Kopf schnellt hoch. Er sieht sofort den hochhackigen Schuh am obersten Ende der Wendeltreppe. Pechschwarzer Polyurethanlack, in dem sich das Licht der Glühbirnen schimmernd widerspiegelt. Es folgt der zweite Schuh und mit ihm der nächste Klang, der sofortige Stille über die Agentur hereinbrechen lässt. Dann, Schritt für Schritt und Klang für Klang, erscheint der Rest von Carin Asana. Sie trägt ein pastellorangefarbenes Kostüm. Der enge Rock rutscht bei jedem Schritt mit Kalkül über ihre Knie. Ihre streng akkurate Bienenkorbfrisur wippt bei jeder Stufe, die sie hinabschreitet, auf und ab. Wie zwei Kameralinsen wandern ihre Augen über die Tischreihen. Das Lächeln auf ihren Lippen, stilsicher ausgesucht, als wäre es die passende Handtasche zum Look, spiegelt Güte und Mitgefühl. Dem Moment atemloser Stille folgen, wie auf Kommando, anschwellende Arbeitsgeräusche, als ob Lautstärke ein Messwert für Produktivität wäre.

Auf der letzten Stufe bleibt Carin Asana stehen und schlägt die Hände zusammen. Die Euphorie, die nun aus ihren Augen strahlt, ist blendend.

»Meine Lieben … Ich darf euch heute in der Skylounge empfangen.« Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Das heißt: Ihre Lippen verziehen sich, werden breiter, die Winkel gehen nach oben, aber ihre Augen bleiben kühle Laserkanonen. »Wir haben viel zu besprechen, es gibt viel zu tun. Verschwenden wir keine Zeit. Gruppe D?« Sie zieht ihre Augenbrauen hoch, ohne dass sich ihre Stirn in Falten legt. Auch der Rest ihres Gesichtes bleibt glatt und faltenlos. Eine ebene Fläche, weißlich vom Puder, das sie in mehreren Schichten aufgetragen hat. Die perfekte optische Präsenz am Arbeitsplatz.

Um Ty herum stehen Mitarbeiter auf. Er lässt anderen den Vortritt, wartet darauf, dass Carin Asana damit beginnt, die Wendeltreppe wieder hinaufzusteigen. So wird sie keine Gelegenheit haben, seine unschönen Augenringe zu bemerken. Oder die Sommersprossen, die er immer noch nicht losgeworden ist. Angespannt schaut er den anderen dabei zu, wie sie die Stufen erklimmen. Ihm schwant schon seit Langem, dass dieser Job kein gutes Ende für ihn nehmen wird. Früher oder später wird Asanas kritisches Auge seine optischen Makel ins Visier nehmen, und sie wird ihn ins Archiv oder in die Buchhaltung versetzen oder gleich feuern. Eine ihrer immer und immer wiederholten Phrasen besagt, dass in der Werbebranche optische Präsenz am Arbeitsplatz mehr als fünfzig Prozent der Arbeitsleistung beeinflusst. Den Grund dafür nennt sie nie. Carin Asanas schwarze Lackschuhe verschwinden am obersten Ende der Treppe. Ty schwingt sich aus seinem Stuhl und folgt der Parade.

Die Skylounge erstreckt sich über die gesamte zweite Etage der Agentur. Erreicht man das Ende der Wendeltreppe, könnte man glauben, man hätte das oberste Stockwerk des Gebäudes passiert und befinde sich nun auf dem Dach und unter freiem Himmel. Schaut man hinauf, so sieht man in endlose Weite. Natürlich nur virtuell. Die halbrunde Decke ist überzogen von einem riesigen Lux-Bildschirm, der die perfekte Simulation eines Himmels abspielt. Einzig und allein die blaue Strahlkraft des Himmels und das perfekte Weiß der Wolken enttarnen die Simulation. Niemals könnte der Himmel über dieser Stadt so aussehen. Nicht einmal, davon ist Ty überzeugt, wenn das Gebäude hoch genug wäre, um die Smogdecke zu durchstoßen.

»Ihr Lieben …« Ty hört Carin Asana erneut die Hände zusammenklatschen und lässt sich schnell auf einen leeren Stuhl am langen Tisch nieder, der in der Mitte des weitläufigen Raums steht. »Wie ihr wisst, ist es nicht mehr lange bis zur Regenwoche. Ich freue mich, euch mitzuteilen, dass wir einige lukrative Verträge abschließen konnten und mit einigen der stärksten Marken kooperieren. Natürlich bedeutet das eine Menge Arbeit, aber wie ihr wisst, wird nur aus harter Arbeit etwas wirklich Schönes wachsen.« Eine kurze Pause verleiht ihrer Floskel Nachdruck. »Ich wünsche mir, dass unsere Kampagnen stark und auffällig sind. Und ich weiß, dass wir das erreichen. Und ihr wisst, dass von einem Erfolg mit so großen Kunden unsere Zukunft abhängt. Ob wir wachsen und expandieren, oder ob wir in dem wogenden Meer mit unserer Konkurrenz untergehen, hängt von eurem Engagement und von eurem Herzblut ab.« Sie lasert mit einem Blick die Gesichter der Anwesenden, aber Ty ist sich nicht sicher, ob sie auch nur eines davon wirklich registriert.

»Wir werden mit SkyLit-Commercials die Zukunft der Werbebranche bestimmen«, sagt sie und füllt dabei ihre Stimme mit epischer Euphorie. »Also müssen wir der Welt zeigen, wie wir uns die Zukunft vorstellen.« In einer dramatischen Geste ballt sie die Faust. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, ertönt Applaus. Irgendjemand jubelt sogar. Ty schlägt mechanisch die Hände gegeneinander.

»Und nun … bevor wir über die einzelnen Projekte im Detail sprechen, noch eine kleine organisatorische Sache. Ich habe die Aufgabenbereiche von …« Sie wirft einen schnellen Blick auf ihr Portphone, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Ty erkennt nicht, ob sie wirklich nach dem Namen sucht oder ob sie hier nur etwas verdeutlichen will. Schließlich fährt sie fort: »… Milo Terstaan142 neu zugewiesen. Ihr findet die Informationen in eurer SkyLit-App.«

Wie auf Befehl greifen die Hände der Anwesenden nach den Portphones, die vor ihnen auf dem Tisch liegen. Auch Ty verspürt den Reflex. Ehe er sich versieht, stiert er auf das Display und direkt auf das kleine, elendige LoveMatch-Symbol in seiner Task-Zeile. Fast hätte er vergessen, dass sie sein Profil herabgestuft haben. Er will fluchen und kann es sich gerade noch verkneifen. Als er, wie verlangt, die SkyLit-App öffnet, hört er ein Räuspern aus Carin Asanas Kehle. Die Blicke heben sich von den Displays und bündeln sich auf Asanas Lippen.

»Ich habe noch eine kleine Überraschung für euch.« Sie schmunzelt. Ihr dürrer Finger tippt auf das Sync-Board, das vor ihrem Platz in den Tisch eingelassen ist. Plötzlich verdunkelt sich der Raum. Ty schaut instinktiv nach oben. Der virtuelle Himmel hat sich plötzlich zugezogen. Dicke, schwarze Wolken schieben sich immer dichter zusammen, nur in weiter Ferne sieht man das Blau des Himmels, das sich immer weiter mit Dunkelheit vollsaugt. Dann glaubt Ty, einen Regentropfen aus dem Wolkendickicht fallen zu sehen. Rasend schnell kommt er näher, bis Ty erschrocken den Kopf wegzieht, aus Angst, der Tropfen könne sein Auge treffen. Er hört ein erstauntes »Ah!« und ein fasziniertes »Oh!«. Dann amüsiertes Auflachen. Irgendjemand hält es für notwendig, schon wieder zu applaudieren. Immer mehr virtueller Niederschlag ergießt sich über ihre Köpfe. Die Illusion ist verblüffend echt. Während Ty in den falschen Himmel stiert, schließt er für einen kurzen Moment, von dem er hofft, dass ihn niemand registriert, die Augen. Fast kann er sich erinnern, wie es sich anfühlte, als das letzte Mal echter Regen auf sein Gesicht geprasselt war.

Ein Bild blitzt auf. Er sitzt auf einem Flachdach, er ist jung, er ist nass bis auf die Knochen. Er weiß, dass sein Bruder irgendwo in der Nähe ist. Und er weiß, dass da eine Stimme aus dem Hintergrund nach ihm ruft. Doch das Bild ist zu alt, zu verwaschen von der Zeit. Er öffnet die Augen wieder, senkt den Blick, schnell, bevor jemand bemerkt, was er treibt.

»Ich hoffe, dass das eine kleine Inspiration für euch ist«, hört er Carin Asana mit lieblicher Stimme sagen. »Ich habe euch bereits einige Aufgaben zugeordnet. Unsere größte Kampagne ist diesmal der neue Toshio-Regenschirm. Und vergesst nicht, dass LoveMatch wieder einen Preis ausschreibt für das beste Product Placement ihrer App. Also denkt immer daran: Nur euer Engagement ebnet den Weg für SkyLit-Commercials …« Dramatische Pause »… in eine erfolgreiche Zukunft.«

5.

Während Ty über die Wendeltreppe aus der Skylounge verschwindet, wirft er einen letzten Blick hinauf in den virtuellen Regenhimmel. Es ist so selten, dass er solch ungeheuerliche Wolkentürme zu Gesicht bekommt. Die Wetterkontrolle über der Stadt funktioniert tadellos. Schon seit Jahrzehnten kontrolliert die Firma Weather-X jede einzelne Wolke, jede Sekunde Sonnenschein und jede Regenwoche, in der es tagelang ungehindert aus dem Himmel schüttet. Ty erinnert sich an einen Ausflug in der Grundschulzeit, in dem sie eine Wetterbasis besucht hatten. Man hatte ihm erklärt, dass Raketen, gerade mal so groß wie sein Arm, in den Himmel geschossen werden, die dort jegliche Wolkenstrukturen auflösen. Für mehr Wärme und Licht werden Satelliten im Weltraum justiert, die die Kraft der Sonnenstrahlen über Spiegel vervielfachen. Und dann sind da natürlich noch die Temperaturregulatoren, die in jede Straße und in jedes Gebäude integriert sind. Die anderen Mechanismen waren noch zu kompliziert oder zu geheim für Grundschüler.

»So können wir dem Griff der Jahreszeiten entkommen und eine unabhängige Zivilisation entwickeln«, erklärte ihm eine Angestellte in hellblauen Overalls, deren Lächeln so überschwänglich war, dass Ty sich fragte, ob man ihr dafür auch eine Rakete ins Gesicht geschossen hatte. In einem Vortrag lernten sie, wie früher die Welt unterjocht war von den Kräften der Jahreszeiten. Eisige Winter und sengende Hitze im Sommer, dann das immer instabiler werdende Klima in den Zeiten der globalen Unkontrolle, bis irgendwann die Wetterkontrolle eingeführt wurde und das Blatt sich wendete. Als eine Mitschülerin fragte, wieso es dann immer noch Winter und Sommer und Herbst und Frühling gäbe, erklärte die Angestellte mit ihrem Raketenlächeln, dass die Jahreszeiten in der heutigen Welt dazu dienten, Abwechslung ins Leben der Städter zu bringen.

Heute weiß Ty, dass Frühling, Sommer, Herbst und Winter bloße Marketingstrategien sind. Vier Jahreszeiten, in denen man jeweils eine neue Kollektion verkaufen kann, vier Mal die Möglichkeit, neue Freizeitbeschäftigungen anzubieten, vier Mal mehr Umsatz. Und mit den Regenwochen gibt es noch eine fünfte Jahreszeit oben drauf. Der perfekte Zyklus.

»Viel perfekter, als die Natur es jemals hätte erschaffen können«, beendete damals das Raketengrinsen ihren Vortrag.

Tys Abstieg über die enge Wendeltreppe zurück in die untere Etage mündet in einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern, die sich am Treppenende angesammelt hat.

»Ty!«, hört er die Stimme von Kev Weller772, einem zwei Meter großen Hünen, mit Schultern so breit, dass Tys hagerer Körper sich zweimal dahinter verstecken könnte. Er arbeitet in der Disposition, irgendwo am anderen Ende des Raumes. »Alles gut bei dir? Hast du das von Milo gehört?« Kev macht einen Schritt auf ihn zu, greift mit seiner Pranke um ihn herum und schiebt ihn in die Gruppe hinein.

»Nicht wirklich …«, murmelt Ty.

»Nadia sagt, er wurde zugedröhnt mit Air im Ruheraum gefunden«, doziert eine kleine Schwarzhaarige mit rundem Gesicht.

»Nicht ganz«, antwortet ein düster dreinblickender Kollege. »Ich habe gehört, er hat eine Überdosis genommen.« Seine Augen haben diese starre Feindseligkeit, die ein natürliches Misstrauen gegenüber allem und jedem verraten.

»Oh …« Die Schwarzhaarige macht große Augen.

»Dem sind einfach die Lungen weggeplatzt«, erläutert der Misstrauische.

»War wohl schon länger auf Air. Hast du das gewusst?«, fragt Kev und sieht Ty eindringlich an.

»Ähm. Nein.« Ty erwidert den Blick nur kurz. Er steigt nicht dahinter, was Kev von ihm will. Das ganze grundlose Integrieren, Involvieren und freundliche Zulächeln verwirrt ihn.

»Also ich habe gehört, dass Milo im Büro Air verticken wollte«, weiß eine dürre Blonde mit Schlauchbootlippen zu berichten.

»Was, wirklich?«, fragt die Schwarzhaarige schockiert nach.

»Glaubt mir, der betrachtet schon das Evergreen von unten«, sagt der Düstere.

»Ganz schön schlimme Sache …«, murmelt Kev und Ty wundert sich über dieses Mitgefühl.

»Hast du nichts gehört, Ty? Du saßt doch fast neben ihm.« Schlauchbootlippe stiert ihn fragend an.

Ty schüttelt den Kopf. »Nee. Nix gehört. Naja … in letzter Zeit hat er öfter gefehlt, aber …«

»Wusste ich’s doch«, fällt Schlauchboot ihm ins Wort. Ihren richtigen Namen hat Ty vergessen. Irgendwas mit J … oder Y?

»Hat sich Air in den Randbezirken besorgt und dafür die Arbeit geschwänzt.«

Jula? Yera? Oder war es ein I am Anfang …?

»Wahrscheinlich war er zu drauf, um noch zurückzufahren.«

Jora? Yulia? Ilana?

»Oder er hat es sich im Asox geholt und ist auf nem schlechten Trip hängen geblieben!«

Der Gedanke lässt Ty erstarren. Das Bild vom Vorabend zwängt sich ihm auf. Die Leiche mit den ausgemergelten Händen und der so unnatürlich frischen Hautfarbe. Hätte er, wenn er nur aufmerksamer hingeschaut hätte, Milos Leiche erkannt? Er versucht sich an das Gesicht zu erinnern, aber alles, was er sieht, ist der offene Mund und die starren Augen. Und diese rosige Haut …

Plötzlich spürt Ty einen kräftigen Schlag in den Rücken. »Oder?«, fragt Kev. Vermutlich war der Schlag nur ein gut gemeinter Klaps.

»Äh. Ja?«, antwortet Ty, obwohl er keine Ahnung hat, worum es geht.

»Gut, ich hol nur eben meine Tasche. Heute gibt es Steak.«

Ty schaut ihm perplex hinterher. Anscheinend hat er gerade zugestimmt, mit in den FoodCourt zu gehen. Wo er sich noch dreißig Minuten mehr Geschwafel reinziehen darf. Ihm entfährt ein Seufzen.

»Ach, nimm es doch nicht so schwer. Du kanntest Milo doch nicht so gut, oder?«, fragt die Schwarzhaarige und schaut ihn forschend an, die Augen gefüllt mit einer Mischung aus Mitleid und Neugier. Ein ganz billiger Versuch, ihm vielleicht doch noch Informationen abzuringen, falls er sie irgendwo versteckt hält.

»Nein. Kannte ich nicht.«

Der FoodCourt befindet sich in einer der Glastikkuppeln, die rund um das Erdgeschoss des Jade-Vision Towers aus dem Boden sprießen. Am Rand der Kuppel verläuft eine Theke, auf der verschiedene Stationen diverse Gerichte anbieten. In der Mitte der Halle reihen sich Sitzgelegenheiten nebeneinander. Obwohl es von Menschen nur so wimmelt, herrscht eine seltsame Ruhe. Ty sieht plappernde Münder und klapperndes Geschirr, doch all diese Geräusche scheinen einfach zu verpuffen. Irgendein architektonischer Trick saugt den Lärm aus der Luft, bevor er weiter als einen Meter wandern kann. Ty erinnert sich an seinen ersten Arbeitstag, als einer von Carin Asanas Lakaien ihn durch das Gebäude geführt hat. Zwischen gestressten Blicken auf sein Portphone hatte ihm der Typ irgendwas über Lüftungsschächte am Boden, der besonderen Kuppelform und dem speziell verwendeten Glastik erzählt.

Nun trottet Ty in einer kleinen Gruppe durch die Halle. Er kann es beinahe spüren, wie irgendeine ominöse Kraft ihm die Geräusche vom Körper wegsaugt. Kev läuft an der Spitze der Gruppe, dahinter folgen die kleine Schwarzhaarige, die Schlauchbootlippe und der Düstere. Das Schlusslicht bildet Ty. Er fragt sich, ob es ihnen auffallen würde, wenn er einfach stehen bleiben, sich langsam umdrehen und verschwinden würde. Hören könnten sie seine heimliche Flucht sicherlich nicht. Aber dafür bietet sich keine Chance. Obwohl Kev Weller772 sich angeregt mit der blonden Schlauchbootlippe unterhält, wirft er immer wieder Blicke über die Schulter. Als wolle er sich versichern, dass auch alle mitkommen – oder dass Ty nicht unauffällig verschwindet. Während Kev den Kopf wieder nach vorne dreht, fragt Ty sich, ob es wirklich Kevs fürsorgliches, gutmütiges Verhalten ist, dass so absonderlich ist, oder ob er selbst vielleicht einfach nur völlig sozial inkompatibel ist. Dann aber kann er sich nicht daran erinnern, dass er jemals jemanden getroffen hätte, der sich so sehr und so grundlos um das Wohl anderer bemüht. Noch dazu jemand, der offensichtlich im LoveMatch-Algorithmus den Status Alpha-Plus erreicht hat.

Die Gruppe erreicht die Station, die Steaks ausgibt. Mehrere Teller stehen nebeneinandergereiht bereit zur Mitnahme. Auf jedem liegt ein perfekt genormtes Steak. Jedes andere daneben hat die exakt gleiche Form und Farbe. Jede Abweichung von der natürlichen Steaknorm würde Ty zutiefst irritieren. Er zückt sein Portphone und hält es über einen kleinen Scanner, der in die Theke integriert ist. Ein grünes Aufleuchten und der Elektromagnet, der den Metallkern im Teller festhält, löst seinen Griff. Nachdem Ty den Teller an sich genommen hat, wird der leere Platz sofort von einem neuen Teller aufgefüllt. Werden sie nicht mitgenommen, fahren sie am Ende des Tages einfach wieder zurück in die Theke und von dort zurück in unterirdische Lagerräume. Sie werden nicht schlecht und sie werden nicht alt. Das ist das Gute an der Substitutnahrung. Und tatsächlich ist das nur einer der unzähligen Vorteile, die die Substitutnahrung mit sich bringt – wie Ty aus endlosen Schulstunden, Imagefilmen und Werbespots weiß.

Während Kev die Gruppe zu einem freien Tisch führt, ist Tys Blick auf den Teller gerichtet. Er inspiziert das Steak. Während die anderen sich auf Stühlen niederlassen, zückt er sein Portphone, wobei er immer noch die LoveMatch-Benachrichtigung ignoriert, und öffnet ein Suchfenster, um den Begriff »Steak« einzutippen. Sofort erscheint ein Artikel, den er hastig überfliegt. Er liest, dass die Idee für Steaks aus Zeiten vor der globalen Unkontrolle stammt. Damals hat man Steaks gewonnen, indem man das Fleisch von sogenannten Rindern schnitt. Der Gedanke lässt Ty erschaudern. Welch Grauen, etwas Lebendiges zu töten und zu essen. »Barbarisch«, flüstert er vor sich hin. Das Steak, das auf seinem Teller liegt, ist zu hundert Prozent im Labor entstanden. Er weiß, dass dazu abgespeicherte Sequenzen aus Rinderzellmaterial benutzt werden, aber echte Rinder gibt es schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Er scrollt den Artikel weiter nach unten und hangelt sich von Schlagwort zu Schlagwort. Steak wird durch gezieltes Klonen in Laborküchen hergestellt, die größten Anbieter sind MeatArt und Sub-Food. Die Beschreibung des Prozesses überspringt er. Zu viele Fachwörter. Bla, bla, bla, irgendwas mit Zellmaterial, bla, bla, bla, aus jeder isolierten Zelle kann im Fastow-Prozess das gewünschte Zellgewebe produziert werden, bla, bla mehr Fachwörter, bla. Dann ein Bild von einem rohen Lappen Fleisch. Rötlich, durchzogen von rosafarben Striemen. Ein rohes Steak aus alten Zeiten, schlussfolgert Ty. Seufzend steckt er das Portphone wieder in die Hosentasche. Nichts auf seinem Teller hat jemals gelebt. Weder das Steak, noch die dazu drapierten Beilagen aus Salat und Süßkartoffeln. Sie alle kommen aus den Laborküchen, Tech-Farmen und Genoplantagen, die wie endlose Peripherien zwischen den Stadtteilen liegen.

6.

Fünfundzwanzig Minuten zäher Gespräche und fader Steakbissen später, sitzt Ty wieder an seinem Arbeitsplatz. Auch die anderen Mitglieder der kleinen FoodCourt-Exkursion haben sich wieder im Büro verstreut. Sollte Kev Weller772 ihn nicht wieder irgendwie dazu bringen, sieht Ty keinen Grund, das Ganze je zu wiederholen. »Die Stadt ist groß genug«, hat seine Mutter einmal gesagt. Das war kurz nach der Scheidung. Natürlich hatte sie damit die Anzahl an Männern gemeint, die sie jeden Tag kennenlernen könnte, wenn sie nur wollte. Und dass sie sich an keinen davon binden müsste, wie sie es zuvor mit Tys Vater getan hatte. Schließlich wartet hinter jeder Ecke eine neue Gelegenheit. Ty weiß nicht mehr, warum sie das damals zu ihm gesagt hat. Er muss sechs oder sieben gewesen sein, auf jeden Fall ein Alter, in dem man alles für eine Wahrheit hält, was Erwachsene sagen. In den folgenden Jahren hatte seine Mutter dann ausdrucksstark bewiesen, wie groß die Stadt tatsächlich ist. Soweit er weiß, tut sie das heute noch.

Er schiebt die Gedanken an seine Mutter beiseite und sucht auf seinem Sync-Board im Wust aus Stichpunkten und Skizzen etwas, das sich weniger ungemütlich anfühlt. Ein Wort sticht ihm sofort ins Auge. Blumenbeete. Er startet eine Suche, überfliegt einen passenden Artikel. Darin liest er, dass Blumenbeete und echter Rasen einst als Dekoflächen vor und hinter Häusern zu finden waren. Neben der Platzverschwendung bargen vor allem die Beete mit ihren oft wild wuchernden Gewächsen unzählige Insekten und Kleintiere, viele davon giftig und daher lebensgefährlich. Er sieht Verlinkungen zu Artikeln wie »Spinne«, »Ratte« und »Schlange«. Stoff, aus dem Albträume sind. Er kennt diese Wesen aus Actionfilmen, in denen die Helden eine Zeitreise absolvieren und in den grausamen Jahren der globalen Unkontrolle landen. Ein Schauer läuft ihm über den Rücken. Er liest weiter. Die Pflanzen selbst waren ebenfalls oft giftig. Einige Verzehrpflanzen, die heute in steriler und sicherer Umgebung hergestellt werden, wuchsen auch in Beeten. Natürlich waren sie dort nicht nur Dreck und Schmutz ausgesetzt, sondern auch solch widerlichen Kreaturen wie »Schnecken«, »Käfern« und »Bienen«. Ganz zu schweigen von all den Schadstoffen, die die Pflanzen aus dem Boden aufnahmen. Tys Magen dreht sich um. Er fragt sich, ob Menschen früher wirklich Dinge gegessen haben, deren Wurzeln im Dreck des Bodens steckten und die sich dadurch mit Gift, Radioaktivität und werweiß, was in der Erde noch alles lauert, vollgesogen haben. Er denkt erleichtert an die Asphaltschicht, die heutzutage den Boden versiegelt.

Und doch fragt er sich, wieso man früher so unbekümmert damit lebte. Wussten die Menschen es einfach nicht besser? Wann hat man die Dinge herausgefunden, die heute selbstverständlich sind? Manchmal fragt sich Ty, wie selbstverständlich die Dinge wirklich sind. Er denkt zurück an die Zahlen und Daten über die Luftverschmutzung, die er an diesem Morgen gelesen hat. Und wie unwirklich sie erschienen, als er in die trübe Schicht aus Smog sah, die sie Himmel nennen. Verwirrt legt er das Portphone beiseite.

Auf dem Sync-Board schwebt immer noch in großen Lettern das Wort »Blumenbeete«. Er streicht das Wort »Blumen« durch. Unter dem Wort »Beet« beginnt er eine Zeichnung, die zeigt, wie die klinisch weißen Polycubes eine Evergreen-Rasenfläche säumen. Er stellt sich vor, wie die LED-Lichter in verschiedenen Tönen leuchten und so ein ganzes Farbenmeer in dem Polycubebeet entsteht. Ohne irgendein Anzeichen herumkreuchenden Lebens.

Der Tag endet. Er hat drei verschiedene Werbefilme in Skizzenform angefertigt und anschließend in die Produktion verschickt. Seine Arbeit ist getan. Die Ausführung geschieht irgendwo anders. Jemand wird seine Idee überprüfen, jemand anderes wird ein Set bauen, Schauspieler engagieren, das Produktionsteam ordern, Kameraleute, Fotografen, was auch immer sie noch brauchen. Was mit seiner Idee nun geschieht, liegt nicht mehr in seinen Händen. Und wenn es läuft, wie so oft, dann flimmern innerhalb von neun bis zehn Tagen seine Ideen über die Videoleinwände der Stadt. Vermutlich in irgendeiner Art und Weise, die sein Gedankengut völlig zerstückelt. Carin Asana wird ihm eine Mail schreiben und ihm einen Dank für seine großartige Inspiration sowie eine Mahnung für die fehlende Kommerzialität aussprechen. Einen Bonus wird es daher, wie immer, nicht geben.

Die Zeichnungen von den Polycubes in ihren Beeten hat er in seinen privaten Projektordner verschoben. Die wird er bei Gelegenheit Carin Asana persönlich präsentieren und sie davon überzeugen, dass seine Ideen mehr sind als ein Buffet, von dem man nehmen kann, was man will und den Rest einfach liegen lässt. Oder besser noch: Er wird die Polycubebeete gleich noch eine Etage höher vorstellen.

Während sich Fahrstuhltüren vor seinem Gesicht zusammenschieben, holt Ty automatisch sein Portphone hervor und überprüft die neuesten Nachrichten. Dreizehn Mails, fünfzehn Nachrichten im Messenger, sieben Kommentare für ein Bild, das er heute hochgeladen hat und eine einzige, miese, kleine Benachrichtigung von LoveMatch. Er beschließt, sie einfach zu ignorieren. Allzu schnell werden sich keine neuen Nachrichten dazugesellen, jetzt, wo sie ihn in den C-Algorithmus abgestuft haben. Heimlich klammert er sich an die Hoffnung, dass er, solange er die Benachrichtigung nicht öffnet, noch ein Beta bleibt.

Er tippt die Kommentare für das Bild an. Es zeigt den Blick vom Außenbalkon. Nicht ganz so, wie Ty ihn tatsächlich erlebt hat, sondern geschönt von etlichen automatischen Filtern. Der trübe Smog wirkt hier wie ein goldenes Band, die Schluchten zwischen den Häusern wie harmlose Schatten und die Hochhäuser im Hintergrund wie sanfte Riesen. Er überfliegt, was andere dazu meinen. Was das Bild aber wirklich bedeutet, können sie niemals wissen. Für sie ist es nur ein Schnipsel aus seiner Weltsicht, den sie in ihrer eigenen Welt gefunden haben. Ein vages Zeichen für Koexistenz. Mehr nicht. Er schließt das Fenster, will den Messenger öffnen, doch tippt aus Versehen auf das LoveMatch-Symbol. Schon öffnet sich die Anwendung. Doch anstatt der befürchteten Nachricht, schaut er auf ein Profilbild und eine überraschende Zahl: achtundsechzig Prozent! Und es wird noch besser. Unter dem Bild wartet eine Anfrage. »Trisha Kornell201 lädt dich zu einem Date ein. Annehmen?« Ty traut seinen Augen nicht. Dann ist er gar nicht in den C-Suchalgorithmus abgerutscht. Noch nicht. Und hier bietet sich die perfekte Chance, das zu verhindern. Achtundsechzig Prozent sind nicht unbedingt schlecht. Wenn er das sauber über die Bühne bringt, könnte er dem Downgrade gerade noch einmal entkommen. Aber ehrlich gesagt: Viel mehr kann er von einer Achtundsechzig nicht erhoffen.

»Egal«, denkt er. Eine gute Bewertung bringt ihn weiter nach vorne und lässt ihn im Rennen, irgendwann mal ein Match zu finden, das über der Neunzig-Prozent-Schwelle liegt. Er ist aufgeregt, als er auf das Wort »Annehmen« tippt.

Als Ty in der Bahn sitzt und den verwaschenen Sonnenuntergang beobachtet, wühlt ihn ein Gefühl auf, das er nicht richtig benennen kann. Er schämt sich dafür, wie raffgierig und abgeklärt er auf die Date-Anfrage reagiert hat. Als wäre sein Liebesleben ein Arbeitsprozess, den es ständig zu optimieren gilt. Gleichzeitig ärgert er sich über die Scham – er verhält sich schließlich nicht abnormal. Jeder managt sein Liebesleben so. Oder? Die LoveMatch-Werbung, die gerade über die Bildschirme in der Metro flimmert, vermittelt ihm etwas anderes: Glückliche Paare, kompatible Biochemie, Liebe auf den ersten Klick. Keine Zwangsdates, um den Algorithmus zu verschönern.

»Zu verwirrend«, denkt er. Manche Gefühle sollte man einfach unangetastet lassen. Der Satz klingt in seinem Kopf wie noch eine Weisheit seiner Mutter, die er ihr irgendwann einmal als Wahrheit abgenommen hat. Er zückt sein Portphone und öffnet das Profil von Trisha Kornell201. Sie ist in seinem Alter, etwas kleiner, dunkelbraune Haare (offensichtlich gefärbt), blässlich graublaue Augen, die Hautfarbe etwas dunkler, vielleicht von einem Computerprogramm verändert, die Brüste quellen ihr beinah aus dem Oberteil. Ein typisches Profil. Niemand würde sich anders präsentieren. Ihre Ratings sind okay, das letzte Date schon etwas länger her, die Bewertung mittelmäßig. Er fragt sich, wieso er wirklich auf »Annehmen« getippt hat. Und wieso es ihn mit so viel Aufregung erfüllt hat, dass sein Finger gezittert hat.

Vor einer Weile hat Ty versucht, eine Zeit lang ohne LoveMatch-Dates auszukommen. Er hat Anfragen konsequent ignoriert und Memo-Mails ungelesen gelöscht, in denen man ihn daran erinnerte, dass er sich seit einigen Tagen nicht mehr eingeloggt hat und ungelesene Nachrichten auf ihn warteten. Schließlich hat er den letzten Schritt gewagt und versucht, Frauen einfach so kennenzulernen. Ohne Matchscore, ohne Date-Anfrage, ohne ein kompliziertes Filtersystem, dass ihm sagt, wer zu ihm passt und wer nicht. Die Reaktionen enttäuschten ihn zwar, waren aber keine Überraschung. Man beäugte ihn misstrauisch, man war verwirrt, perplex oder sogar verstört, man befand ihn als Perversen, als Gefahr, als Verbrecher. Manche dachten auch, er wäre einsam und brauche einen Freund oder einfach jemanden, der mal zuhört. Ty hat schnell festgestellt, dass er sich vor diesen Reaktionen im Endeffekt selbst gruselte. Er stellte zudem fest, dass er den gelegentlichen Sex brauchte, der dabei abfiel, wenn ein LoveMatch-Date gut lief, aber Einigkeit darüber herrschte, dass ein weiteres Treffen nicht stattfinden würde. Die Biochemie stimmte eigentlich immer, dafür war das Programm schließlich konzipiert worden. Höchstens intellektuelle Diskrepanzen oder eine absolut nervtötende Stimme, wie die seines letzten Dates, konnten das Spiel noch verderben.

Er legte eine Durststrecke von vier Wochen zurück, ehe er aufgab. Er sehnte sich nach dem Kontakt zu einem anderen Körper, egal wie oberflächlich. In dem Moment der Verschmelzung entsteht immer eine Nähe, die unleugbar ist. Egal wie groß oder klein die Sympathie, egal wie begehrenswert das Gegenüber, es gibt diesen einen Moment, in dem selbst der uninspirierteste Sex ihm diese Nähe gibt, die er nirgendwo anders findet. Vielleicht ist das nur das Gefühl, Macht über einen Körper zu haben. Vielleicht ist es ein Augenblick gemeinsam erlebter Schwäche. Vielleicht aber auch nur der Orgasmus, der Glückshormone ausschüttet. Also brach er das Experiment ab, beantwortete die aktuellsten drei Nachrichten in der App und erlebte am nächsten Tag den flüchtigen Moment der Nähe, nach dem er sich so verzehrt hatte. Und all die armseligen Versuche, jemanden ohne einen Matchscore kennenzulernen, waren vergessen.

Vielleicht wird bei diesem Date ja auch so ein Moment dabei herumkommen und die miesen Gedanken von Optimierungszwang und verkümmerter Sozialkompetenz werden von einer Welle aus Glückshormonen hinfort gespült, denkt er und wendet seinen Blick wieder dem schummerigen Farbenspiel zu, hinter dem sich irgendwo die untergehende Sonne verbirgt.

7.