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Terroristen bedrohen Fug 8894 für eine relativ geringe Forderung. Scheinbar werden sie nicht ernst genommen. Also verändern sie ihre Strategie und fassen Flug 2447 ins Auge, diesmal mit einer größeren Forderung. Es gibt erneut unerwartete Schwierigkeiten. Nun sind sie wild entschlossen, den Flug 2104 auf dem Weg von Berlin nach London zu entführen. Diesmal haben sie an alles gedacht und Umstände geschaffen, die den Sicherheitsbehörden keinen Spielraum ermöglichen. Es gibt keine Alternativen für die Behörden, um die Tat zu verhindern. Die Terroristen sind den Behörden immer um einige Schritte voraus. In Marrakesch verlassen Passagiere die Maschine und werden von zwei Autobussen durch die Entführer weggebracht. Trotz Beschattung verlieren die verfolgenden Behörden die Passagiere aus den Augen. Neue Forderungen und neue Druckmittel treffen ein. Was wollen die Terroristen wirklich? Wo wurden die Passagiere hingebracht? Was für ein Schicksal erwartet sie?
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Michelle Werner
Airport 2013
Entführung nach Marrakesch
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dienstag, 17. September 2013 – 10:50
Dienstag, 17. September 2013 – 11:23
Dienstag, 17. September 2013 – 13:15
Freitag, 20. September 2013 – 08:37
Freitag, 20. September 2013 – 09:26
Montag, 23. September 2013 – 09:01
Dienstag, 24. September 2013 – 15:10
Dienstag, 24. September 2013 – 15:15
Dienstag, 24. September 2013 – 15:31
Dienstag, 24. September 2013 – 16:55
Dienstag, 24. September 2013 – 16:35 (OZ)
Dienstag, 24. September 2013 – 16:53
Dienstag, 24. September 2013 – 17:17
Dienstag, 24. September 2013 – 17:23
Dienstag, 24. September 2013 – 17:55
Dienstag, 24. September 2013 – 18:22
Dienstag, 24. September 2013 – 19:30
Dienstag, 24. September 2013 – 20:05
Dienstag, 24. September 2013 – 20:20
Dienstag, 24. September 2013 – 20:57
Dienstag, 24. September 2013 – 21:19
Dienstag, 24. September 2013 – 22:20
Dienstag, 24. September 2013 – 23:10
Dienstag, 24. September 2013 - 23:50
Mittwoch, 25. September 2013 – 00:12
Mittwoch, 25. September 2013 – 04:25
Mittwoch, 25. September 2013 – 05:03
Mittwoch, 25. September 2013 – 08:09
Mittwoch, 25. September 2013 – 09:15
Mittwoch, 25. September 2013 – 10:45
Mittwoch, 25. September 2013 – 12:50
Mittwoch, 25. September 2013 – 13:09
Mittwoch, 25. September 2013 – 13:35
Mittwoch, 25. September 2013 – 13:48
Mittwoch, 25. September 2013 – 14:10
Mittwoch, 25. September 2013 – 15:25
Mittwoch, 25. September 2013 – 16:25
Mittwoch, 25. September 2013 – 18:10
Mittwoch, 25. September 2013 – 18:25
Mittwoch, 25. September 2013 – 18:40
Mittwoch, 25. September 2013 – 20:05
Mittwoch, 25. September 2013 – 21:15
Mittwoch, 25. September 2013 – 23:40
Donnerstag, 26. September 2013 – 00:45
Donnerstag, 26. September 2013 – 01:35
Donnerstag, 26. September 2013 – 01:50
Donnerstag, 26. September 2013 – 02:14
Donnerstag, 26. September 2013 – 02:24
Donnerstag, 26. September 2013 – 02:55
Donnerstag, 26. September 2013 – 03:35
Donnerstag, 26. September 2013 – 03:49
Donnerstag, 26. September 2013 – 04:15
Donnerstag, 26. September 2013 – 04: 31
Donnerstag, 26. September 2013 – 04:55
Donnerstag, 26. September 2013 – 05:40
Donnerstag, 26. September 2013 – 06:12
Donnerstag, 26. September 2013 – 06:55
Sonntag, 29. September 2013 – 16:25
Sonntag, 29. September 2013 – 18:45
Impressum neobooks
Ein weißer Kleintransporter von FedEx trifft vor dem Spencer House in London ein. Da es Botendienste immer sehr eilig haben, bleibt er gleich vor der Einfahrt, beim Einfahrtsschranken, der das Gelände absichert, stehen. Der Fahrer betritt das 4-stöckige, eher unscheinbare Spencer Haus und sucht nach dem Büro der IATA.
Hier gibt es ein Firmenschild: International Air Transport Association. Der Fahrer tritt ein und gibt das Kuvert ab. Die Sekretärin, Daisy Farnsworth ist etwas verwundert, denn Botendienste kommen hier sehr selten vorbei, weil hier eigentlich ein Schulungszentrum ist. Wenn aber Botendienste kommen, dann verlangen diese immer die Unterschrift des Kunden auf einem elektronischen Gerät. Dieser Fahrer legt allerdings nur das Kuvert hin, dreht sich um und geht.
Auf dem Kuvert stehen allerdings Name und Anschrift der IATA und daher zerbricht sie sich jetzt nicht den Kopf über diese eigenwillige Zustellung. Der Vermerk ‚urgent‘ veranlasst sie dazu, das Kuvert gleich zu öffnen, um herauszufinden, wem diese Nachricht gehört.
Die Nachricht:
> > > > DB Bismarckplatz 1, Auszahlung von jeweils 10.000
> > > > an 10 Passanten, spätestens bis 12 Uhr 50.
> > > > Wenn nicht, Gefahr für 8994.
Ende der Nachricht.
Daisy versteht kein Wort, zumal sie kaum ein Wort Deutsch spricht. Das Wort Gefahr ist ihr hingegen vertraut, weil es in ihrem Wohnhaus einen Aufzug aus Deutschland gibt und dort prangt ein Schild in deutscher Sprache.
Was sie aber noch viel mehr beunruhigt, ist das Ende des Textes: ‚8894‘. Sofort weiß sie, dass dies eine internationale Flugnummer ist. Sofort läuft sie zum Direktor. Mister Graves ist zwar gerade in einer Besprechung, aber er weiß, dass Daisy die Prioritäten beurteilen kann.
Graves spricht einigermaßen gut Deutsch, da er einige Jahre im IATA-Büro in Frankfurt gearbeitet hat. Er liest den kurzen Text, lässt das Dokument auf seinen Schreibtisch fallen und tippt eilig etwas in seinen Computer. Dann wirft er einen Blick auf seine Armbanduhr.
„Es ist zu spät. Flug 8894 ist vor 20 Minuten, also um 10 Uhr 39 in Marrakech gestartet. Die Maschine war für 10 Uhr 50 zum Start geplant. Offenbar waren die Passagiere schon vorher an Bord und die Crew hatte ein Startfenster genutzt“ kommentiert Graves die Lage.
Graves überlegt kurz, ob es Sinn machen würde, die Maschine in Casablanca oder Agadir landen zu lassen. Nach seinem Wissensstand war es aber so gut wie unmöglich, in Marokko irgendetwas geheim zu halten. Da könnte die Maschine genauso gut nach Marrakech zurückkehren und dann wären die Täter alarmiert.
Vielleicht gibt es eine Zwischenlandung? Der Computer sagt ihm, dass es ein Direktflug ist, geschätzte Ankunftszeit in London Gatwick ist 14 Uhr 20. Es ist ein Airbus A 320 von easyFly.
Graves führt noch ein eiliges Telefonat und gibt Daisy das Dokument, um es an die Flugaufsicht zu faxen. Dann soll sie das Dokument gleich wieder zu ihm bringen.
Vor dem Haus wartet dann schon der von Graves alarmierte Streifenwagen mit Blaulicht. Graves wird so schnell wie möglich zur Flugaufsicht gebracht, wo ihn bereits Mr. Densham erwartet. Dieser ist die Ruhe selbst, denn für ihn sind solche Zwischenfälle fast tägliche Routine.
Er hat die Nachricht inzwischen studiert und herausgefunden, dass es um die Deutsche Bank in Essen geht. Sie ist am Bismarckplatz 1. Densham gibt das Schriftstück sofort zur kriminaltechnischen Untersuchung, aber dies hilft ihnen im Moment nicht weiter.
Die Deutsche Bank wird ebenfalls von Densham informiert. Nach der telefonischen, ersten Reaktion sieht es nicht so aus, als würde die Bank auf die Forderung eingehen. Im Übrigen halten sie das für einen dummen Scherz, denn die Beträge sind für ein Bedrohungsszenario lächerlich klein.
Densham lässt sich dadurch zwar nicht aus der Ruhe bringen, aber für einen Scherz hält er diese Aktion nicht. Fast jeden Monat erlebt er den einen oder anderen Scherzbold und oft bleibt ihm nichts anderes übrig, als seinem Instinkt zu vertrauen. Die Zeit ist meistens ein knappes Gut. Die Möglichkeiten, einen Sachverhalt zu prüfen sind besser, wenn man ausreichend Zeit zur Recherche hat.
Hier wurden sie praktisch zeitgleich mit dem Abflug der Maschine informiert, was nur bedeuten kann, dass sich die Täter ihrer Sache sicher sind. Die Frage ist allerdings tatsächlich, warum nur insgesamt 100.000 eingefordert werden. Eine Hand voll Teile eines Flugzeugs kostet schon mehr als diese geforderte Summe, ganz zu schweigen von den Schadenersatzforderungen der Hinterbliebenen im Falle einer Katastrophe.
Densham weiß aus seiner Erfahrung auch, dass das Dogma ‚sich nicht erpressen zu lassen‘ sehr oft gebrochen wird, auch wenn dies nicht an die Öffentlichkeit durchsickern darf. Die Abwägung der materiellen Interessen ist das Fundament jedes Geschäftsbetriebes und dies ist hier auch nicht anders.
Inzwischen ermittelt sein Team bei FedEx, wobei sich der Paketdienst als sehr kooperativ erweist. Zuerst wurde über Daisy geklärt, welcher Paketdienst die Zustellung ausgeführt hat. Danach kann mittels der elektronischen Geräte schnell geklärt werden, dass nur drei Mitarbeiter dafür in Frage kommen.
Alle drei Personen leugnen, eine nicht autorisierte Lieferung durchgeführt zu haben. Sie begründen dies auch glaubhaft damit, dass sie sonst ihren Job verlieren würden. Erst die Zusicherung der vernehmenden Beamten, dass die Aussagen nicht an den Arbeitgeber weiter gegeben werden, führt zu neuen Erkenntnissen.
Ein älterer Mann, etwa 68 bis 70 Jahre, mit Vollbart und einem alten Brillengestell hatte das Kuvert einem Fahrer übergeben und wortlos 100 Pfund hingehalten. Auf diese Weise brauchte der Auftraggeber kein einziges Wort zu sprechen.
Der Fahrer meint, dass er wahrscheinlich ein irischer Staatsbürger wäre, aber mehr Angaben konnte auch er nicht machen. Trotz der versprochenen Geheimhaltung wurden alle drei Mitarbeiter noch während der Vernehmung von ihrem Dienstgeber per SMS freigestellt.
In großer Eile wird der Ort der Übergabe von einer Spezialeinheit untersucht. Sie finden in einem öffentlichen Mülleimer den falschen Bart und die Kleidung des Auftraggebers. Die Auswertung der Kameras, welche in der Umgebung aufzeichneten, ergeben leider keinerlei verwertbare Hinweise. Offenbar ist der Täter ortskundig und weiß, wie er sich unentdeckt zurückziehen kann.
Die aufgefundenen Kleidungsstücke werden wahrscheinlich DNS-Spuren liefern, aber frühestens in zwei oder drei Tagen, wenn überhaupt. DNS-Tests kann man eben nur schwer beschleunigen.
Die beste Möglichkeit würde darin bestehen, die Empfänger des Lösegeldes zu beschatten. Allerdings müsste dazu eine Geldübergabe stattfinden. Das Geld könnte man ganz mühelos aus der Asservatenkammer erhalten, aber es war in der verbleibenden Zeit nicht möglich, das Geld nach Essen zu schaffen, jedenfalls nicht bis zum Bismarckplatz.
Natürlich kann man das über Konten irgendwie bewerkstelligen, doch dies trifft den Kern des Problems nicht.
Warum wird diese Erpressung in London in Szene gesetzt, mit einem deutschen Text, zu Lasten einer deutschen Bank? Dass der Flug von MA (Marokko) nach LGW (London Gatwick) geht, passt noch am ehesten mit der IATA in London zusammen.
Die einfachste Erklärung, wäre, dass jemand in Essen dringend Geld benötigt und sich dazu eines Freundes in England bedient hat. Die Verbindung zu Marokko bringt eigentlich auch keine schnellen Zugriffsmöglichkeiten. In Marokko jemanden zu finden, der bei einer Schurkerei mitmacht ist wahrlich nicht schwer. Der oder die Täter konnten dies schon vor Monaten bei einer Urlaubsreise arrangiert haben.
Inzwischen hat das Team, von Densham die Passagierliste gecheckt. Es sind offenbar fast nur Urlauber aus England, die sich auf der Rückreise von ihrem Urlaub befinden. Erkennbare Auffälligkeiten gibt es nur wenige, außer vielleicht ein Ire und ein Tscheche, aber auch sie sind bislang unauffällig, jedenfalls soweit dies aus den Datenbanken ersichtlich ist.
Densham entscheidet sich, mit dem Piloten der Maschine Verbindung aufzunehmen und diesen um Hilfestellung zu ersuchen. Dies ist vorerst der kniffligste Teil, denn wenn Komplizen des Täters an Bord sind, könnte die Situation blitzschnell eskalieren. Der Pilot ist naturgemäß wenig begeistert, aber er weiß auch, dass er jede verfügbare Hilfestellung brauchen kann, um wieder aus der heiklen Lage zu kommen. Er verspricht, gleich einen unauffälligen Rundgang durch die Maschine zu machen und die Augen dabei offen zu halten.
Die Rückmeldung des Kapitäns Harper ergibt, dass der Tscheche nur ein Bein hat und ein Rollstuhl für ihn mitfliegt. Er scheint also nicht in Frage zu kommen.
Beim irischen Staatsbürger ist der Sachverhalt nicht ganz so simpel. Er wirkt nervös und angespannt. Dies ist insofern ungewöhnlich, als neben ihm seine etwa 10-jährige Tochter sitzt. Normalerweise pflegen Attentäter nicht mit ihren Töchtern zu reisen, aber andererseits zeigen Väter in Gegenwart der Kinder auch keinerlei Nervosität.
Und dann gibt es noch einen sehr auffälligen Mann im hinteren Teil auf Sitzplatz F14, der mehrere Narben im Gesicht hat. Laut Kabinenpersonal hat er schon mehrere Drinks intus, also irgendwie mehr als das Übliche. Er wirkt gereizt und hat praktisch als Einziger keinerlei Urlaubsbräune.
Die anderen Passagiere weisen prima vista keinerlei Auffälligkeiten auf. Auch aus technischer Sicht scheint keine Störung vorzuliegen.
Densham beauftragt seine Crew, weitere Erhebungen zu den beiden auffälligen Touristen durchzuführen.
Inzwischen ist es Mittag und das Ultimatum läuft nur mehr 50 Minuten. Die deutschen Kollegen von Densham haben bereits entscheidende Schritte in Essen vorbereitet. Drei Einsatzteams sind vor Ort und haben sich Beobachtungspositionen gesucht. Ein Geldtransfer zur DB ist bereits vorbereitet, sodass die Transaktion innerhalb einer Minute elektronisch ausgeführt werden kann.
Als Densham mit den bisherigen Ermittlungsschritten nicht weiterkommt, werden die entsprechenden Szenarien durchbesprochen, sodass nun alles nur mehr auf die Freigabe von Densham wartet.
In einem weiteren Gespräch zwischen Densham und der Bank wird die Durchführung der Aktion besprochen und eine Reihe von Details festgelegt. Immer wieder kommen Einwände der Bank, sei es aus sicherheitstechnischen Gründen, aus hausinternen Vorschriften und anderen bizarren Argumenten. Dennoch gibt es eine unmissverständliche Einigung am Ende des Gespräches über den Ablauf der Übergabe.
Um 12 Uhr 23 ist das Gespräch beendet und Densham gibt das ‚Go’ an die Beamten vor Ort. Man hat jetzt etwa 25 Minuten Zeit, die Aktion durchzuführen und der Banktransfer ist ebenfalls bereits durchgeführt worden.
Einige Spezialisten haben eine Verbindung zu einem Satelliten aufgebaut, der eine etwas verzögerte Übertragung vom Bismarckplatz ermöglicht, allerdings nur bis 12 Uhr 41, denn dann wird der Satellit bereits außerhalb des Beobachtungswinkels sein.
Densham setzt sich mit einigen Mitarbeitern vor den Monitor, um die Geschehnisse vor Ort zu beobachten.
Der Platz vor der Bank ist dreieckig und in der Mitte steht eine Statue, die allerdings von der Bank wegsieht. Wahrscheinlich will sich der diplomatische Bismarck die Bankgeschäfte der heutigen Zeit auch nicht mehr ansehen.
Es gibt eine Reihe von schrägparkenden Fahrzeugen vor Ort, aber es gibt so gut wie keine Passanten. Fußgänger haben hier Seltenheitswert. Wenn doch mal einer zu sehen ist, so nicht direkt vor der Bank, sondern mehr auf der anderen Seite des Platzes.
Was Densham ein wenig beunruhigt ist das Fakt, dass seitens der Bank noch niemand vor die Tür dieses Ziegelbaus getreten war. Es bietet sich sozusagen niemand für diese Geldübergabe an und es scheinen auch keine Abnehmer um den Platz zu kreisen. Nicht einmal ein Fahrzeug fährt zu oder ab. Es herrscht eine statische Ruhe und genau damit hat niemand gerechnet.
Ein Pannendienstfahrzeug fährt vorbei, wird aber auch nicht langsamer, sondern fährt einfach weiter.
Obwohl direkt vor der Bank die U-Bahnstation Bismarckplatz ist, geht auch hier niemand hinein und ebenso wenig verlässt jemand die U-Bahn.
Er hakt nochmals in der Bank telefonisch nach. Dort scheint niemand mehr ans Telefon zu gehen. „Könnte es sein, dass die Banker diese Aktion stur verweigern? Und dies, obwohl es zuvor eine mündliche Zusage am Telefon gegeben hatte?“ meint Densham halblaut. Es ist aber mehr ein Selbstgespräch, als dass er wirklich darauf eine Antwort erwarten würde.
Währenddessen ist der Satellit nicht mehr über diesem potentiellen Tatort, wodurch man auch das Geschehen nicht mehr direkt beobachten kann. Jetzt bleiben nur mehr die Beobachter vor Ort. Sie wurden angewiesen, sich sofort über Funk zu melden, wenn sich etwas anbahnt.
Die Zeit läuft ab und kein einziger Passant hat sich an das Gebäude der deutschen Bank angenähert. Ein Mann verlässt die Bank, aber er geht vom Gebäude weg; er scheint zum Essen zu gehen. Es ist jetzt 12 Uhr 50 und nichts hat sich getan!
Es konnte natürlich sein, dass der Täter die Bank aus größerer Entfernung mit einem Fernglas beobachtet hat. Als dann niemand aus der Bank kam, um das Geld zu übergeben, hat der Erpresser seine eigenen Schlüsse daraus gezogen. Oder aber die Beamten vor Ort waren zu auffällig und hatten den Täter verscheucht.
Densham macht über seinen Computer einen Statuscheck für das Flugzeug und er erhält folgende Info auf den Bildschirm:
„Sorry. We are unable to determine the current location of this flight.Itmaybethattheflightistemporarilybeyondtherangeofourtrackingnetworkorovera largebodyofwater.”
Es gibt also kein Signal von der Maschine. Dass die Maschine über dem Meer sein kann, hätte er auch so gewusst. Hoffentlich ist sie noch über dem Meer und nicht bereits im Meer!
Wenn alles nach Plan geht, dann müssten sie bald in der Gegend von Vannes sein, also vor dem kleinen Zipfel Frankreichs, der auf der Flugroute liegt.
Kapitän Harper hat etwas Rückenwind und dies ist durchaus in seinem Sinn, denn er hat bisher noch keinerlei Entwarnung erhalten. Harper denkt kurz an den Iren, der auf C1 sitzt. Er sitzt in der ersten Reihe und dazu noch auf der Gangseite, also praktisch hinter der Tür des Cockpits.
Der Mann mit den Narben macht ihm weniger Sorgen, denn dieser sitzt in Reihe 14 und vor allem am Fensterplatz. Erfahrungsgemäß sitzen Attentäter nicht beim Fenster, sondern direkt am Mittelgang, um schneller eingreifen zu können.
Andererseits sind sie nur mehr eine Stunde von London-Gatwick entfernt, während sie schon mehr als zwei Stunden ohne Probleme unterwegs waren. Es wird wahrscheinlich doch nur ein dummer Scherz gewesen sein.
36 Minuten später sind sie bereits über London und ändern ihren Kurs auf 163° Süd, jetzt sind es nur mehr 20 Minuten bis zur Landung. Kapitän Harper entspannt sich langsam und freut sich auf den Abend.
Seine jüngere Schwester hat ihn und seine Frau zu einer kleinen Feier eingeladen, weil sie ihr Studium erfolgreich beendet hat. Auf diese Fete freut er sich schon seit langem, denn die Schwester hat im letzten Abschnitt ganz schön gebummelt. Sie war sogar einmal knapp dran, alles hinzuschmeißen, nur weil ihr das Glück irgendwie abhandenkam. Er hat ihr dann ziemlich die Leviten gelesen, weil…
Der Höhen- und Geschwindigkeitsmesser
„Was ist das?“ schreit Harper. „Der Höhen und der Geschwindigkeitsmesser – sie flackern – und gehen aus!“
„Bei mir auch“ – ergänzt der First Officer. Harper knallt seine Faust auf die Instrumententafel, aber dies ändert leider nichts. Mitten im Sinkflug sind dies wohl zwei der dümmsten Defekte, die auftreten können. 143 Passagiere sind an Bord und dazu die Crew, das ist ein echter Alptraum.
Die letzten acht Minuten dieses Fluges lassen auch keine Alternative zur Landung zu. Der Treibstoff ist weitgehend verbraucht, die Reserven sind kalkuliertermaßen gering und auch die Flughöhe ist bereits deutlich reduziert. Selbst wenn man durchstarten würde, stünde man in ein paar Minuten vor demselben Problem. Vor allem weiß man nicht, was noch alles ausfällt. Die nächsten beiden Sätze die ihm entgleiten, sind nicht ganz jugendfrei.
Plötzlich ist die angekündigte Drohung wieder sehr präsent, obwohl Harper schon fast sicher war, dass dies nicht erst gemeint sein konnte. Offenbar doch!
Es folgt die Info an die Chefflugbegleiterin, die Info an die Passagiere über die zu erwartende Landung, die Info an den Tower und eine sehr angespannte Betriebsamkeit im Cockpit.
Nach einer extrem harten Landung um 14 Uhr 14 bringt Harper die Maschine zum Stillstand. Das Flugzeug wird evakuiert und Harper ist froh, dass er so routiniert reagiert hat.
Natürlich ist die Aufregung unter den Passagieren sehr groß, auch wenn sich niemand ernsthaft verletzt hat, von kleineren Blessuren einmal abgesehen. Der Ärger wird allerdings noch größer, weil alle Passagiere wegen der versuchten Erpressung zur polizeilichen Einvernahme müssen. Es dauert Stunden und bringt keinerlei neue Erkenntnisse. So wie es aussieht, ist der Attentäter nicht an Bord gewesen.
Die Techniker signalisieren ein paar Stunden später, dass der Ausfall der Instrumente kein normaler technischer Defekt war, sondern wahrscheinlich Sabotage. Auch der Schaden an der Maschine ist durch die harte Landung ziemlich hoch, jedenfalls ein Vielfaches der geforderten Summe.
So sehr sich alle Beteiligten über diesen sanften Ausgang der Situation freuen, so steckt ihnen doch der Schreck in den Gliedern. Fliegen steht für die nächste Zeit nicht auf ihrem Programm, umso mehr die Passagiere den Vorfall für einen technischen Defekt halten müssen. Natürlich werden sie über keine Hintergründe informiert, auch wenn sie die Vernehmung nicht bloß für Routine gehalten haben.
Die Polizei ist in dieser Phase sehr darum bemüht, keinerlei Details durchblicken zu lassen, um den oder die Täter nicht vorzuwarnen. Abgesehen davon werden in der nächsten Zeit mehrere der Flugpassagiere observiert, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen.
Der gereizte Passagier von F14, mit den Narben im Gesicht hatte jedenfalls eine gute Erklärung zu bieten. Er war vor zehn Wochen nach Marrakech gekommen um dort einen 3-wöchigen Urlaub zu verbringen.
Am zweiten Tag seines Aufenthalts war er als Fahrgast eines Taxis in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt, der viele Verletzungen und damit auch die Narben im Gesicht nach sich zog. Das Spital entsprach ohnehin keinen europäischen Standards, brachte aber auch mit sich, dass er materiell ziemlich ausgenommen wurde. Man erklärte ihm immer wieder, was man medizinisch nur gegen Kreditkartenzahlungen für ihn tun konnte. Dabei konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sein Aufenthalt künstlich hinausgezögert wurde.
Als es ihm zu dumm wurde, schlich er sich heimlich davon, denn er wollte nicht weiter wie eine Weihnachtsgans ausgenommen werden. Anderseits wusste er jetzt aber auch nicht, ob vielleicht die Polizei hinter ihm her war. Vielleicht würde die Polizei mit den Leuten von der Klinik zusammenarbeiten. Also musste er sich mehrere Tage verstecken, bis er einen Rückflug buchen und erreichen konnte. Auf diese Weise war er natürlich so gut wie nie an der Sonne. Daher auch seine blasse Farbe, trotz des langen Aufenthalts.
Somit waren seine Blässe und seine Narben geklärt. Unprofessionell wie die Behandlung war, wird er die Narben wohl durch sein weiteres Leben als Erinnerung mitnehmen. Seine Nervosität und Gereiztheit kamen von der Flucht vor den dortigen Behörden. Er fühlte sich erst wieder in London sicher. Eine kurze Recherche bei der Kreditkartengesellschaft bestätigte die Abbuchungen der Klinik, wodurch seine Aussagen schließlich auch bestätigt wurden.
Der nervöse, irische Staatsbürger, der auf C1, also direkt hinter der Tür des Cockpits saß, der mit seiner 10-jährige Tochter reiste, gab den Beamten eine ebenso interessante Geschichte zu Protokoll. Er lebte noch vor kurzem mit seiner Frau und seiner Tochter in der Nähe von Marseille, also in Südfrankreich. Die Ehe wurde zunehmend schwieriger und auch bei den Spekulationen mit Derivaten hatte er so manchen Misserfolg zu verzeichnen. Die Gläubiger machten ihm das Leben zunehmend schwerer und auch seine Frau drohte inzwischen mit der Scheidung. Dabei machte sie ihm unmissverständlich klar, dass er zukünftig auf seine Tochter verzichten müsste.
Da er auf Grund seiner Spekulationen nicht in der Lage sein würde, Alimente zu zahlen, sollte er mit keinerlei Besuchsrecht rechnen. In dieser Situation verkaufte er seine stillen Reserven, die er vor den Gläubigern in Sicherheit gebracht hatte und setzte sich mit der Tochter nach Marokko ab.
In seiner Verzweiflung hatte er sich auch überlegt, dass die Lebenshaltungskosten in Marokko sehr gering sein müssten, denn die Menschen dort haben auch kein großes Einkommen.
Als sie dort ankamen, fand er nach einigen Tagen einen Job in der Touristikbranche und ein Quartier, das er sich halbwegs leisten konnte. Es hatte den Anschein, dass diese Strategie erfolgreich sein würde. Für einen späteren Zeitpunkt hoffte er natürlich, dass sie sich ein besseres Quartier leisten können werden, denn das gefundene Quartier war wirklich recht bescheiden. Es bestand überhaupt nur aus einem Raum, mit notdürftiger Ausstattung.
Womit er nicht gerechnet hatte, war die Sehnsucht der Tochter nach ihrer Mutter, die von Tag zu Tag stärker wurde. Nach 5 Wochen gelang es ihm nicht mehr, seiner Tochter ausreichend Trost zu spenden und auch die Wohnsituation wurde immer ekeliger, sodass die Tränen der Tochter dann das Fass zum überlaufen brachten. Er beschloss, mit ihr nach England zu fliegen und von dort die Verhandlungen mit seiner Frau zu führen. Dabei wusste er nicht, ob ihm eine Auslieferung nach Frankreich wegen Kindesentführung drohte oder ob die Gläubiger körperliche Gewalt anwenden würden, sobald sie ihn erwischten.
Mit diesen Ängsten macht er sich dann auf den Flug nach London und er hatte wenig Hoffnung für den weiteren Verlauf seines Lebens. Dies ergab seine Stimmungslage während des Fluges. Dass er direkt hinter dem Cockpit saß, war reiner Zufall. Er hatte eine Lastminute Buchung durchgeführt, um Geld zu sparen. Die Leute, die diesen Platz ursprünglich gebucht hatten, waren offenbar verhindert, weswegen die Plätze nochmals verkauft wurden.
Da es weder eine Anzeige der Mutter gibt, noch eine Fahndung von Interpol, werden er und seine Tochter auch nach der Einvernahme nicht weiter festgehalten.
Densham erhält alle diese Informationen, aber nichts davon bringt ihn weiter. Auch die inzwischen eingetroffene DNA-Analyse der Kleider und des Bartes bringt keinen Fortschritt. Es gibt zwar Spuren auf den gefundenen Gegenständen, aber es sind weibliche DNA-Spuren. Dies deutet darauf hin, dass die Gegenstände im Mülleimer mit anderen Dingen in Kontakt kamen, sodass diese Spuren nicht weiter verwertbar sind.
Densham ist schlicht ratlos, denn das Einzige, was nach all den Bemühungen übrig bleibt, ist die Bank wegen Behinderung bei der Strafverfolgung zur Verantwortung zu ziehen. Da es sich aber um ein anderes Land handelt, ist es aussichtslos und vor allem in Bezug auf das ursprüngliche Delikt völlig sinnlos.
Das vom Botendienst überbrachte Kuvert hatte übrigens nur die Abdrücke vom Botenfahrer, von Daisy Farnsworth und von Mr. Graves.
All dies bedeutet für Densham nicht, dass sich ein dummer Scherz in Luft aufgelöst hat. Daran hätte er vielleicht noch glauben können, wenn der Airbus dieses Problem bei der Landung nicht gehabt hätte. Es waren auch verschiedentlich Personen daran beteiligt, wie der Täter in Marrakech, der Mann, der das Kuvert an den Botenfahrer ausgeliefert hatte, die Person, die das Dokument verfasste und möglichweise auch jemand, der sich in Essen auf die Ausfolgung des Geldes vorbereitet hatte.
„Nein“, denkt Densham, „dies ist kein Ende, sondern erst der Anfang. Wovon auch immer!“ Es werden jetzt unendlich viele Protokolle angefertigt werden müssen, Sicherheitsvorschriften bedürfen ebenfalls eines Checks und gegebenenfalls einer Überarbeitung. Die Fluggesellschaften, die Banken, die Sicherheitsbeauftragten, die Passstellen – es gibt einfach eine Menge Arbeit und trotzdem keinen konkreten Ansatz.
Da es weder ein Täterprofil noch eine Signatur des Täterkreises gibt, kann man eigentlich nur aufmerksam in Bereitschaft stehen. Dieses Warten auf ‚Irgendwas‘ macht Densham am meisten zu schaffen.
Es wird viele Wochen dauern bis alle Untersuchungen zu Ende gebracht sind. Irgendwann werden dann einige sicherheitstechnische Änderungen eingeführt, die zukünftigen Fällen zugute kommen sollen.
Daisy Farnsworth, die Sekretärin der IATA, nimmt die heutige Post entgegen. Während sie zu ihrem Büro geht, sortiert sie die Post bereits. Plötzlich bleibt sie, wie zu einer Salzsäule erstarrt, stehen. Ihr Blick fällt auf ein großes Kuvert, welches genauso aussieht, wie jenes vom Dienstag dieser Woche. Diesmal kommt es allerdings per Post und nicht durch den Botendienst. Ansonsten ist äußerlich alles ident. Es wurde offenbar in London aufgegeben.
Auch hier prangt wieder der Zusatz ‚urgent‘ auf dem Kuvert. Mr. Graves ist noch nicht im Haus, aber er wird jeden Moment erwartet. Meistens kommt er um 8 Uhr 45, spätestens 8 Uhr 50, aber in der Regel ist er sehr pünktlich. An den Tagen, an denen Daisy selbst spät dran ist, wünscht sie sich, dass er ein wenig unpünktlicher wäre, zumal er auch sehr streng zu seinen Mitarbeitern ist. Heute aber sehnt sie ihn geradezu herbei. Sie deponiert die Post auf seinem Schreibtisch und platziert das besondere Kuvert ganz oben.
Nach ihrer Meinung macht es keinen Sinn, das Kuvert jetzt zu öffnen und vielleicht wieder Fingerabdrücke zu hinterlassen, zumal er schon in unmittelbarer Nähe des Büros sein müsste.
Als Mr. Graves um 8 Uhr 50 noch nicht da ist, wird Daisy noch nervöser. Sollte sie vielleicht doch…
Das Telefon läutet und es ist der ersehnte Mr. Graves am Apparat. Höflich wie er ist, entschuldigt er sich für seine Verspätung. Es würde wohl ausnahmsweise 15 bis 20 Minuten später werden. Es wäre heute nicht sein Tag, denn irgendwie ist er heute ziemlich tollpatschig.
Während Mr. Graves Atem holt, bemüht sich Daisy zu Wort zu kommen. Vor lauter Aufregung stottert sie nur und Mr. Graves versteht gar nichts, jedenfalls nichts, was er als verständlichen Inhalt identifizieren kann.
Er fordert sie auf, Ruhe zu bewahren und tief durchzuatmen. Als sie schließlich die dringliche Lage geschildert hat, tritt er bereits bei der Bürotür herein. Er wollte sich eigentlich noch ein neues Hemd und eine neue Krawatte besorgen, aber unter diesen Umständen musste es eben auch mit dem Kaffeefleck am Hemd gehen.
So bekleckert hat sie ihren Chef noch nie gesehen, daher platzt ihr trotz der Anspannung ein lautes Lachen heraus. Schnell entschuldigt sie sich dafür und holt aus ihrem Büro ein Hemd sowie eine Krawatte für ihn. Soviel Zeit muss jetzt sein, denn „professionelles Aussehen ist die Grundlage für professionellen Erfolg“, sagt Mr. Graves immer.
Die Nachricht:
> > > > Für Unbelehrbare – Gefahr für W6 2447
> > > > Auszahlung 1.000.000,- an Rotes Kreuz in
> > > > Bern.
Ende der Nachricht.
Diesmal hat Mr. Graves Handschuhe angezogen, bevor er das Kuvert öffnete. Am Computer macht er sich schlau, um welchen Flug es diesmal geht. „Es geht um die Wilson Air Ungarn – der Flug geht von Budapest nach Thessaloniki – ein Airbus 320-200 – Abflug 17 Uhr 00“ informiert er Daisy.
Beide atmen tief durch, denn es ist jetzt kurz nach 9 Uhr und diesmal bleibt genug Zeit, hoffen sie jedenfalls. In den verbleibenden knapp 8 Stunden kann man vielleicht doch entscheidende Schritte unternehmen. Vor allem ist der Flieger noch am Boden und dies verbessert die Ausgangslage wesentlich.
Natürlich kontaktiert er Mr. Densham, der ihn fast schon wie einen alten Bekannten begrüßt. Lieber allerdings wäre es Densham, keinen solchen Anruf zu bekommen. Konnte es nicht einfach mal eine Einladung ins Pub sein? Musste immer das Schicksal an seinem Nervenkostüm rütteln?
Densham ließ sich die Nachricht mit dem Kuvert von einem Streifenwagen bringen, nachdem Daisy die Botschaft gefaxt hatte. Es ist ein witziger Anblick, wie Daisy mit Handschuhen am Fax herum hantiert. Diesmal hat Mr. Graves etwas zu lachen, aber er entschuldigt sich auch sofort.
Densham fällt zunächst das Wort ‚Unbelehrbare‘ ins Auge. Dies entspricht offenbar der Verärgerung des Täters, weil seine letzte Drohung nicht gebührend respektiert worden war. Wenn er oder einer seiner Kumpane die Szene vor dem Bismarckplatz verfolgt hatte, so konnte er daraus nur schließen, nicht ernst genommen worden zu sein.
Die Notlandung in London ist von der Presse, auf ausdrücklichen Wunsch der Polizei, nicht publiziert worden, also wusste der Täter auch nicht definitiv, ob seine Maßnahme gefruchtet hatte. Es sei denn, jemand aus seiner Bande wäre vor Ort gewesen.
Der Täter ist jedenfalls verärgert und genau dies hätte Densham gern vermieden. Gekränkte, oder verspottete Täter reagieren sehr unberechenbar und mitunter echt skrupellos. Densham hatte schon mehrfach erlebt, wie Täter im sogenannten psychologischen Nebel keinem vernünftigen Verhandlungselement mehr zugänglich waren. Manchmal endet alles in einem Amoklauf, in ungezügelter Aggression, oder in Verzweiflungstaten, die weitere Opfer fordern. Soweit möchte es Densham keinesfalls kommen lassen. Zumindest, wenn es nach ihm geht, aber leider tut es dies eben nicht immer.
Aus den 100.000,- vom Anfang der Woche ist nun der 10-fache Betrag geworden. Der Schaden an der notgelandeten Maschine beläuft sich nach ersten Schätzungen auf mehr als 2 Millionen.
Was aber, wenn es nur ein Schmalspurbandit ist, der einfach 10 oder 20.000 abkassieren will? Es gibt relativ oft Fälle von Menschen, die in finanziellen Engpässen stecken und die nur aus ihrer persönlichen Klemme kommen möchten. Natürlich werden solche Dinge nicht publiziert, denn man will die Leute gar nicht auf die Idee bringen, dass fliegen unsicher wäre bzw. dass eine Erpressung zum Erfolg führen kann.
Densham fliegt schon seit Jahren nicht mehr, genau genommen seit er diesen Job macht, denn Erpressungsversuche bei Fluglinien sind inzwischen häufiger als Banküberfälle. Meistens sind die Täter nur so naive und schlichte Wesen, dass man sie spätestens nach der Geldübergabe schnappt.
Es gibt sogar einen eigenen Fond, in welchen die Fluggesellschaften freiwillig einzahlen, um sich solche lästigen kleinen Dinge vom Hals zu halten. Densham weiß seit langer Zeit, dass die Probleme nicht im Flugwesen liegen. Aus einer Sicherheitstagung weiß er, dass es ähnliche Vorkommnisse auch bei Passagierschiffen, Frachtschiffen, Eisenbahngesellschaften und sogar bei Paketdiensten gibt.
Dass es mehr Flugzeuge betrifft, liegt allerdings an der bescheidenen Phantasie der Menschen, die nur daran denken, dass ein Flugzeug herunterfallen kann. Bei anderen Transportmitteln rechnen die Täter mehr damit, dass man die Züge oder Schiffe anhalten kann. Dies ist zwar auch nur eine Illusion, denn ein Kreuzfahrtschiff braucht mehrere Kilometer um anzuhalten, aber die Menschen denken nun mal so.
Auf dieser Erde und in diesem Leben gibt es wohl keine Sicherheit. Das Problem dahinter ist die Armut der Menschen, sei es auf den anderen Kontinenten oder auch hier in Europa. Wer einigermaßen mit seinen materiellen Mitteln auskommt, der geht kein so hohes Risiko ein, jedenfalls wenn er bei klarem Verstand ist. In der Öffentlichkeit werden zumeist nur jene Fälle diskutiert, die auf Gier beruhen, aber das ist in Summe betrachtet eine Minderheit. Die meisten Fälle – was auch seine Praxis bestätigt – beruhen auf Verzweiflung und Not.
