14,99 €
Der 7-jährige Tino ist erschüttert, als er erfährt, dass sein geliebter Großvater Alberto nicht weiß, wann er geboren ist, und deshalb noch nie Geburtstag gefeiert hat. Dabei ist das doch der eine, wundervolle Tag, der einem allein gehört und an dem man sich so sehr geliebt fühlt! Nur hat Alberto als Kind im spanischen Bürgerkrieg sein Gedächtnis verloren, und damit auch dieses besondere Datum. Nie hat er nach Spuren seiner Vergangenheit gesucht, aber jetzt, am Ende seines Lebens, überredet Tino ihn zu einer Reise quer durch Spanien, zurück zu jenem Waisenhaus und den Menschen, die vielleicht mehr über Alberto wissen könnten als er selbst.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2016
Diana Rosie
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Alberto ist ein alter Mann, doch wie alt, das weiß er nicht, denn er kann sich nicht an die Zeit erinnern, bevor er in den Wirren des Spanischen Bürgerkriegs in ein Waisenhaus kam. Dass er sein Geburtsdatum nicht kennt, hat ihn nie gestört, doch als sein Enkel Tino entdeckt, dass er noch nie seinen Geburtstag gefeiert hat, dass er noch nie eine Glückwunschkarte bekommen und noch nie die Kerzen auf einem Kuchen ausgeblasen hat, ist dieser wild entschlossen, dies zu ändern. Gemeinsam begeben sich Großvater und Enkel auf eine Reise in die Vergangenheit.
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Für John, der Sonne in mein Leben bringt
Alberto griff durch das Dickicht der Blätter und pflückte die Zitrone von ihrem Stiel. Die saftige Frucht war so groß wie seine Hand. Prüfend betrachtete er ihre wächsernen Poren, ehe er sie an seine Nase hob und daran roch. Er nickte zufrieden und legte sie in den Beutel zu den Muskattrauben, die mit Staub überzogen waren. Er wusste, wie sehr der Junge es liebte, die harte Schale der Trauben abzuziehen und das süße Fruchtfleisch herauszusaugen.
Bevor er sein Tagwerk beendete, warf er einen letzten Blick über die Steinterrassen seines Besitzes. Unterhalb der Zitronenbäume reihten sich alte Mandelbäume aneinander, die Äste schwer von Früchten. Eine Ebene tiefer wurzelten alte, knorrige Rebstöcke Zeile um Zeile tief im trockenen Boden.
Zuunterst, im sanften Schatten hoher Pinien, lag Albertos Garten, in dem Kräuter und Blumen wuchsen. Dieser schmale Streifen Land bereitete ihm mehr Mühe als der Rest, und es ermüdete ihn zusehends, das Wasser aus der steinernen Bewässerungsrinne heranzuschleppen. Doch jedes Mal, wenn er einen großen Strauß duftender Blumen pflückte, um sie auf das Grab seiner Frau zu legen, sagte er sich, dass dieser Garten das Letzte wäre, das er aufgeben würde.
Als seine Frau noch am Leben gewesen war, waren sie immer Hand in Hand zu ihrem Stück Land hinausgewandert. Mehr als drei Kilometer hatte er sich ihre amüsanten Geschichten über die Kinder und die Fremden angehört, in deren Ferienvillen sie sauber machte. Heute allerdings schmerzten seine Gelenke bei jedem Wechsel der Jahreszeiten, und oft wunderte sich Alberto darüber, wie müde er war. Trotzdem hatte seine Dankbarkeit sich zunächst in Grenzen gehalten, als eine seiner Töchter und deren Mann ihm vor ein paar Jahren das gebrauchte Moped vor die Tür gestellt hatten. »Apus Put-Put«, wie der Junge es nannte. Nun benutzte er es regelmäßig, um auf sein Stück Land hinauszufahren, und auch, wenn er gelegentlich in der Stadt zu tun hatte.
Der alte Mann schnallte den Beutel auf die Gepäckablage seines Mopeds, kippte mit der Ferse den Ständer nach hinten und stieg auf. Um den Zweitakter zu starten, trat er kurz und heftig in die Pedale, ehe er langsam auf die Hauptstraße einschwenkte.
Während er in der tief stehenden Abendsonne gemächlich nach Hause tuckerte, malte Alberto sich aus, wie sein Enkelsohn ihm in Zukunft dabei helfen würde, die Zitronen zu pflücken und die Mandeln zu ernten. Gemeinsam würden sie die Cafés und Restaurants an der Küste abfahren, um dort ihre Waren zu verkaufen. Der Junge sei ihm selbstverständlich nur eine willkommene Hilfe während der Schulferien, wie er seiner Tochter gegenüber beteuerte, aber sie beide wussten genau, dass es mehr war als das.
Als er ins Dorf zurückkam, stellte er das Moped in der Gasse vor seiner Wohnung ab und kettete es an ein Eisengitter. Den Beutel in der Hand, stieg er die gefliesten Stufen zu seiner Eingangstür hinauf und war überrascht, sie offen vorzufinden. Er erwartete den Jungen erst am Wochenende.
Die trüben Augen des alten Mannes benötigten einen Moment, um sich in dem kühlen, dunklen Raum zurechtzufinden. Seine Tochter saß am Tisch und nestelte an einem weißen Taschentuch in ihrer Hand. Neben ihr stand stocksteif ihr Sohn und starrte seinen Großvater aus großen, braunen Augen erschrocken an.
Aufmunternd lächelte Alberto dem Jungen zu, der sich für einen flüchtigen Moment zu entspannen schien.
Die Stimme des alten Mannes klang heiser, aber sein Tonfall war sanft. »Rosa? Was ist los?«
Seine Tochter blickte kurz auf. »Es hat einen Unfall gegeben.«
Alberto nahm ihr gegenüber auf dem Korbstuhl Platz, der leise unter seinem Gewicht knarrte. »Juan Carlos?«
Als sie den Namen ihres Mannes hörte, nickte seine Tochter und hielt das Taschentuch vor ihr Gesicht, um die Tränen zu verbergen, die ihr in die Augen stiegen. Ängstlich blickte das Kind zu seiner Mutter. Alberto wünschte sich, seine Frau wäre hier. Sie hatte immer gewusst, was zu sagen war, um eine heikle Situation zu entschärfen, oder wie man mit einer simplen Berührung Mitgefühl ausdrückt. Für Alberto waren diese kleinen, warmen Gesten der Liebe und der Unterstützung ein Rätsel. Deshalb wartete er, bis seine Tochter sich wieder beruhigte.
Sie wischte sich mit dem Taschentuch über die Augen putzte sich die Nase. »Er ist bei einer Explosion verletzt worden«, erklärte sie. »Ein Boiler in Señor Medinas Haus. Keiner weiß genau, was passiert ist. Juan Carlos kennt sich doch so gut aus mit alten Rohrleitungen.«
Alberto nickte, wartete, dass seine Tochter fortfuhr. Der Junge verharrte so still und reglos, dass der alte Mann fast seine Anwesenheit vergessen hatte.
Rosa holte tief Luft. »Er liegt im Krankenhaus. Mit schweren Verbrennungen. Im Moment ist er stabil, aber es ist ernst. Morgen früh werden sie mehr wissen.«
»Juan Carlos ist ein starker Mann«, erwiderte Alberto so mitfühlend, wie seine rauhe Stimme es zuließ.
Seine Tochter sah ihn an, seufzte. »Du hast ja recht, Papá. Doch heute Nacht braucht er mich. Im Moment ist seine Mutter bei ihm, und ich muss auch gleich wieder zurück ins Krankenhaus – aber das ist kein Ort für ein Kind.«
Alberto sah seinen Enkel an und lächelte ihm aufmunternd zu. Der Junge verzog keine Miene. »Natürlich kann er hierbleiben.«
»Ich hatte keine Gelegenheit mehr, eine Tasche zu packen. Du könntest in unsere Wohnung …«
Alberto schüttelte den Kopf. »Nicht nötig. Wir kommen zurecht. Aber jetzt geh zu deinem Mann.«
Mit einem matten Lächeln sah Rosa ihren Vater an. »Danke.«
Alberto stand auf und legte eine große, wettergegerbte Hand auf die schmale Schulter seines Enkelsohns. Der Junge blickte zu ihm hoch.
Auch Rosa stand auf, drehte sich um und schloss ihren Sohn in die Arme. Alberto sah, wie der Körper des Kindes sich der Umarmung der Mutter hingab und wie es sein Gesicht in ihren dunklen Locken vergrub. Rosa hielt ihren Sohn für einen Augenblick fest, ehe sie sich entschlossen aufrichtete, die Tränen wegblinzelte, über das weiche, braune Haar des Jungen strich und ihn munter anlächelte. »So, jetzt sei ein braver Junge und sei lieb zu Apu, Tino. Und mach dir keine Sorgen wegen deinem Papá – Großmutter und ich werden die ganze Nacht bei ihm bleiben.«
Dann wandte sie sich wieder zu ihrem Vater um und gab ihm einen zaghaften Kuss auf die stoppelige Wange. »Dank dir, Papá«, flüsterte sie.
Als sie die Wohnung verließ und die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, sah der alte Mann, wie der Junge sich verkrampfte. Rasch packte er den Beutel, ergriff Tino bei der Hand und führte ihn in die Küche. Dort holte er die Zitrone und die Weintrauben aus dem Jutesack und legte das Obst in das Spülbecken.
Automatisch beugte sich das Kind vor, drehte den Wasserhahn auf und begann, den Staub von den Trauben zu waschen.
Alberto nahm das Brot, das er an diesem Morgen im Dorf gekauft hatte, und brach ein Stück von dem länglichen Laib ab. Dann griff er in den Schrank über seinem Kopf und holte eine kleine Tafel Schokolade heraus, von der er ebenfalls ein paar Rippen abbrach und sie tief in die weiche Krume schob. Er schaltete den Grill seines alten Backofens ein, öffnete die Tür und legte das Brot auf das Gitter.
Der Junge war inzwischen fertig mit dem Waschen der Trauben. Sein Großvater reichte ihm ein Geschirrtuch zum Trocknen, während er Wasser heiß machte. Als Tino seine Arbeit beendet hatte, holte er eine Schüssel aus dem Zimmer nebenan und legte vorsichtig die Weintrauben hinein.
Alberto bereitete dem Jungen eine Tasse Tee zu, dünn, mit viel Milch und Zucker, und brühte für sich selbst einen starken Kaffee auf. Tino ließ die Glasschüssel mit dem Obst nicht aus den Augen, als er sie zum Tisch trug. Dort setzte er sich, und sein Großvater stellte die Tasse vor ihn hin. Alberto spürte den Blick zweier großer brauner Augen in seinem Rücken, während er zum Herd zurückging und das Brot herausholte.
Er schien unempfindlich gegen die Hitze zu sein, als er das heiße, knusprige Stück in eine Papierserviette wickelte, dem Kind brachte und ihm gegenüber wieder Platz nahm. Tino hielt das Brot fest und schaute es an, als wüsste er nicht, ob er Hunger hatte oder nicht. Doch als langsam der schwache Duft der warmen, geschmolzenen Schokolade aus dem aufgebackenen Brot in seine Nase stieg, begann er, zaghaft an der knusprigen Kruste zu knabbern.
Alberto trank seinen Kaffee und sah seinem Enkel zu, wie er auf das heiße Gebäck pustete und sich durch die Kruste bis in das mit geschmolzener Schokolade gefüllte Innere vorarbeitete. Er erinnerte sich daran, welchen Trost ihm als Kind dieser simple Genuss gespendet hatte.
Während der Junge vor sich hin kaute, stand Alberto auf und ging durch die winzige Wohnung ins Bad, das am Ende eines kleinen Flurs lag. Dort drehte er die Wasserhähne der Badewanne voll auf. Rostig braunes Wasser floss gurgelnd in die Wanne. Er schaute in das Badezimmerschränkchen, das halb leer war bis auf sein Rasiermesser, den Rasierschaum, Zahnbürste, Zahnpasta und eine kleine Plastikflasche mit Aspirin, das er auf Anraten seiner Tochter nehmen sollte, es jedoch nur selten tat. Was er suchte, war das Schaumbad, das er für die Besuche des Jungen immer im Haus hatte.
Als das Wasser endlich sauber aus dem Hahn floss, steckte er den Stöpsel in den Ausguss der Wanne und goss ein wenig von dem Schaumbad hinein. Dann kehrte er zu dem Jungen zurück, der sein Brot inzwischen aufgegessen hatte und nun mit beiden Händen den Becher Tee hielt.
Alberto legte dem Kind eine Hand auf den Kopf und strich sanft über das weiche Haar.
Tino wandte seinem Großvater das Gesicht zu.
»Alles in Ordnung?«, fragte Alberto mit belegter Stimme.
»Ja, Apu.« Tino nickte und versuchte ein zaghaftes Lächeln.
»Gut. Dann trink jetzt deinen Tee aus. Es ist Zeit für die Wanne.«
Frisch gebadet und schon ein wenig schläfrig, kletterte der Junge in einem der gestreiften Schlafanzüge seines Großvaters, der ihm die viel zu langen Ärmel bis über die Ellbogen hochgekrempelt hatte, ins Bett. Der alte Mann setzte sich zu ihm, steckte das Laken fest und breitete eine leichte Decke über ihn.
»Apu?«, flüsterte der kleine Junge.
»Ja?«
»Wird Papá sterben?«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte Alberto nach einer kurzen Pause. Während seine Tochter schlechte Nachrichten oft beschönigte, war er zu seinen eigenen Kindern immer vollkommen ehrlich gewesen.
Der Junge sah ihn aus großen Augen an.
»Ich bin kein Doktor. Aber im Krankenhaus gibt es viele Ärzte. Sie werden alles tun, was in ihrer Macht steht, damit es deinem Papá bald wieder bessergeht.«
Tino ließ nicht locker. »Aber kommt er wieder ganz in Ordnung?«
»Dein Vater ist ein guter Mensch. Und er hat noch so viel vor sich im Leben. Dich aufwachsen zu sehen, zum Beispiel. Ich weiß, er wird kämpfen, so hart er kann«, sagte Alberto.
Der Junge nickte nachdenklich.
»Apu?«
»Ja?«
»Wie alt warst du, als dein Papá starb?«
Die Frage traf Alberto völlig unvorbereitet, und einen Moment lang betrachtete er seinen Enkelsohn, während er sich eine Antwort zurechtlegte.
»Ich kann es dir nicht sagen«, entgegnete er schließlich und schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Wieso nicht?«
»Tja«, begann Alberto, »es war Bürgerkrieg …«
»Spanien war im Krieg? Gegen wen hat es gekämpft?«
»Gegen sich selbst«, sagte der alte Mann.
»Wie kann ein Land sich selbst bekämpfen?«
»Wenn Menschen unterschiedlicher Meinung sind, endet das oft in einem Streit. Das hast du bestimmt schon in der Schule erlebt.«
Tino nickte.
»Bei einem Streit ergreifen manche Leute die Position des einen, manche die des anderen.«
Wieder nickte der Junge.
»Und in diesem Fall war das ganze Land gespalten, hat für zwei verschiedene Seiten Partei ergriffen und sich gegenseitig bekämpft.«
»Und wer war auf der richtigen Seite?«
»So einfach war das damals nicht. Es war ein Kampf zwischen den Reichen und den Armen. Zwischen Menschen, die an Gott glaubten, und denen, die es nicht taten. Zwischen Menschen, die Traditionen bewahren, und anderen, die moderner werden wollten.«
»Ich wäre auf der Seite der Armen gewesen, die an Gott glaubten«, erklärte das Kind.
»Tja, dann wärst du auf beiden Seiten gewesen«, erwiderte der alte Mann.
»Wie kann das sein?«
»Damals war die Kirche sehr reich und mächtig. Die armen Arbeiter und Bauern wünschten sich sehnlichst Veränderungen herbei, sie wollten eigenes Land haben und bessere Arbeitsbedingungen. Die Kirche aber wollte keine Veränderung. Deswegen standen diese beiden Parteien im Krieg auf verschiedenen Seiten.«
Tino schüttelte den Kopf. Das überstieg seinen Horizont.
»Zu der Zeit, glaube ich, fiel einem die Entscheidung nicht schwer. Man war entweder für die Freiheit und wollte frei sein von Armut, von gierigen Brotherren, sogar von der Kirche. Oder man wollte, dass die Dinge so blieben, wie sie waren, und dass die Regierung das mit starker Hand durchsetzte.«
»Und was ist passiert? Wer hat gewonnen?«
»Die Leute, die wollten, dass alles so blieb, wie es war. Ein Mann namens General Franco hat den Krieg gewonnen.«
»Regiert er immer noch in Spanien?«
»Nein«, sagte Alberto. »Franco ist vor vielen Jahren gestorben, und Spanien hat sich seitdem sehr verändert.«
»Apu?«, sagte der Junge.
»Ja?«
»Auf welcher Seite warst du?«
»Ich war damals noch ein kleiner Junge. Ich war auf keiner Seite.«
»Aber du hast dir bestimmt gewünscht, dass eine Seite eher gewinnt als die andere.«
»Na ja«, erwiderte Alberto nachdenklich, »ich bin in einem kirchlichen Waisenhaus aufgewachsen. Und dort hat man mir beigebracht, dass man an Gott glauben muss und dass jeder, der das nicht tut, ein schlechter Mensch ist. Aber später, als der Krieg vorbei war, hatte ich viel mit Bauern und Arbeitern zu tun, die auf der anderen Seite gekämpft hatten. Ich wusste, was es heißt, Hunger zu haben, und ich kann verstehen, dass sie für ein besseres Leben gekämpft haben.«
»Aber, Apu, man kann doch nicht gleichzeitig auf zwei Seiten sein.«
Der alte Mann seufzte. »Ich verabscheue Gewalt, aber ich schätze, hätte ich für eine Seite kämpfen müssen, wären es die Rojos gewesen. Die Roten.«
»Die Rojos? Welche Seite war das?«
»Die Republikaner. Diejenigen, die was verändern wollten.«
»Wieso die Rojos, Apu? Warum diese Seite?«
»Nur so ein Gefühl, dass es die richtige Seite war. Wenn du vor einer schwierigen Entscheidung stehst, kannst du entweder auf deinen Kopf oder auf dein Herz hören. Ich bin kein gebildeter Mann, also höre ich auf mein Herz.«
Der alte Mann lächelte dem Jungen zu und küsste ihn auf den Scheitel.
»Jetzt ist aber Zeit zum Schlafen«, sagte er.
»Aber du hast mir noch nichts von deinem Papá erzählt, Apu.«
»Da gibt es nichts zu erzählen. Wahrscheinlich ist er im Krieg umgekommen. Wie viele Menschen.«
»Wahrscheinlich?«
»Ich kann mich nicht erinnern.«
»Du erinnerst dich nicht daran, wann dein Papá in den Himmel kam?«, fragte der Junge.
»Wie gesagt, ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen und kann mich an die Zeit davor nicht erinnern. Es ist so, als ob mein Gedächtnis ausgelöscht worden wäre. Ich habe ja versucht, mich zu erinnern, aber ich kann nicht. Weder an ein Gesicht noch an einen Namen. Ich habe versucht, etwas über meine Vergangenheit herauszufinden, aber im Krieg sind viele Unterlagen vernichtet worden.«
»Wie alt warst du denn, als du in dieses Waisenhaus gekommen bist?«
»Ungefähr in deinem Alter vielleicht … ich weiß es nicht.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte der Junge und schüttelte verwirrt den Kopf.
»Ich weiß nur, in welchem Jahr ich in das Waisenhaus kam. Ich weiß aber nicht, in welchem Jahr ich geboren wurde.«
Tino dachte einen Moment lang mit heftig gerunzelter Stirn nach.
»Aber dann«, meinte er schließlich, »dann weißt du ja nicht einmal, wie alt du bist? Auch jetzt nicht?«
»Nein.«
»Und du weißt nicht, wann du Geburtstag hast?«
»Nein«, erwiderte Alberto, »ich habe keinen Geburtstag.«
Isabel
Mir wird schwer ums Herz, als ich den armseligen Inhalt der Gemüsekiste sehe. Wie soll ich damit beinahe hundert Waisenkinder satt bekommen? Mit so wenig?
»Jorge!«, rufe ich durch das geöffnete Küchenfenster.
»Señorita?«, ertönt die Antwort, während gleichzeitig Jorge im Fensterrahmen auftaucht.
»Ist im Garten noch Gemüse? Schau dir mal die Lieferung an, die wir gerade bekommen haben – davon kriege ich sie doch niemals alle satt.«
»Viel mehr ist nicht mehr da, Señorita, aber ich schaue mal, was ich machen kann.«
»Danke, Jorge.« Ich lächle. Wenigstens einer, auf den ich mich verlassen kann.
In der Speisekammer sind noch ein paar alte Kartoffeln. Mit den Eiern kann ich daraus Klößchen machen. Dem Herrn sei Dank für unsere Hühner.
Bevor sie starb, hat meine Mutter mir beigebracht, aus fast nichts eine ganze Mahlzeit auf den Tisch zu zaubern. Als Älteste der Familie hat mir diese Fähigkeit geholfen, meinen Vater und meine fünf Geschwister zu versorgen. Später, als meine Schwester fünfzehn Jahre alt wurde, habe ich alles an sie weitergegeben, was man wissen muss, um einen Haushalt zu führen. So konnte ich ruhigen Gewissens von zu Hause fortgehen – und mein Vater hatte ein hungriges Maul weniger zu stopfen.
Eines Tages, meine Schwester und ich waren auf dem Markt gewesen, hatte ich mit angehört, wie zwei Frauen sich unterhielten.
»Hast du gewusst, dass das alte Haus auf dem Hügel jetzt ein Waisenhaus ist?«, hatte die eine Frau zur anderen gesagt.
»Ja«, hatte die zweite Frau erwidert. »Und ich habe gehört, dass sie dort Kinder von beiden Seiten aufnehmen.«
»Auch Kinder von Republikanern?«
»Ganz recht. Sie wollen ihnen die Fehler ihrer Eltern vor Augen führen. Und die Priester werden dafür sorgen, dass Gott einen Platz in ihrem Leben findet.«
»Na, das ist doch gut. So haben wenigstens die Kinder eine Chance auf Erlösung. Kannst du dir so was vorstellen? Diese armen Würmer wachsen auf ohne Glauben und ohne die Gnade der Kommunion! Das ist doch abscheulich. Was sind das bloß für Eltern …«
Ich hatte die beiden Frauen unterbrochen und sie gefragt, ob das Waisenhaus ihrer Meinung nach noch Personal suche, und sie sagten mir, wo ich hingehen sollte, um mich zu bewerben.
Eine Señora Peña stellte mich schließlich ein, eine stämmige Frau mit rotem Gesicht, deren Mann Verwalter bei den Nationalisten war. Das Waisenhaus hatte bereits die ersten Kinder aus der ganzen Region aufgenommen, und sie brauchten dringend jemanden, der kochen und die Küche organisieren konnte.
Je länger der Krieg nun schon dauert, desto mehr Kinder kommen und desto mehr schrumpfen die Essensrationen. Jede Mahlzeit ist eine Herausforderung, aber ich bemühe mich nach Kräften, diesen Kindern ein so nahrhaftes Essen wie möglich zu servieren.
Während ich das Abendessen vorbereite, kommt die Señora in die Küche gewatschelt und stellt ein großes, silbernes Tablett auf den Tisch.
»Der Bischof hat seinen Kaffee mit dem Padre beendet und macht jetzt seinen Rundgang durch die Klassenzimmer. Er wünscht den Speisesaal zu besichtigen, während die Kinder beim Abendessen sind. Also sorg dafür, dass das Essen pünktlich auf den Tisch kommt und dass auch genügend da ist.«
»Jawohl, Señora«, antworte ich. Es hat wenig Sinn, ihr die halbleere Gemüsekiste zu zeigen; für so kleine Mägen ist das mehr als ausreichend, würde sie nur sagen.
»Und räum den Saustall hier auf, für den Fall, dass er auch die Küche sehen will.« Sie wedelt mit ihrer plumpen Hand in Richtung Tablett, ehe sie die Küche wieder verlässt.
Ich mache die Klößchen fertig und bereite einen Eintopf mit dem Gemüse aus der Kiste zu. Jorge bringt noch eine Handvoll Karotten, die ich dankbar annehme und in den Eintopf schneide.
»Jorge, jetzt hast du dir aber eine Tasse Kaffee verdient«, sage ich und greife nach der Kanne mit dem Kaffee.
»Es gibt Kaffee?«, fragt Jorge überrascht.
»Der Bischof ist hier«, erwidere ich.
»Aha«, meint Jorge, nickt und setzt sich an den Küchentisch.
Während die Klößchen ziehen, der Eintopf vor sich hin schmort und das Wasser kocht, räume ich das gute Kaffeegeschirr weg, das immer für den Bischof aufgedeckt wird. Als ich die Teller hochhebe, blitzt ein Stück Stanniolpapier auf. Ich erkenne sofort, was für ein Papier das ist, das unter einem Unterteller hervorlugt. Normalerweise ist Schokolade darin eingewickelt.
Ich halte die Luft an, ziehe vorsichtig an dem Silberpapier und bete, dass es nicht leer ist. Ist es nicht. Irgendjemand hat ein paar Rippen Schokolade dort versteckt und vergessen.
»Schau mal, Jorge«, flüstere ich und zeige ihm die Schokolade.
Jorge bekommt große Augen. »Was werden Sie damit machen?«, fragt er.
Ich weiß, er hofft, dass ich mit ihm teile. Und einen Moment lang bin ich auch in Versuchung. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Schokolade gegessen habe. Wahrscheinlich nicht mehr, seit der Krieg ausgebrochen ist.
»Das werde ich wissen, wenn der richtige Moment gekommen ist«, sage ich, wickle die kostbaren Rippen in das Papier und schiebe es schnell in meine Schürzentasche.
Jorge nickt, bemüht, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Dann geh ich jetzt mal und stell die Stühle für das Abendessen raus«, erklärt er. Er zieht sein Bein nach, als er aus der Küche humpelt.
Der arme Jorge. Er hat mir mal erzählt, dass er als kleiner Junge auf dem Bauernhof einen Unfall hatte. Er sagt zwar, dass sein Hinken ihm nie etwas ausgemacht hat, aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Und auch wenn Jorge nur selten darüber spricht – andere dafür umso mehr –, weiß ich, dass es sein krankes Bein war, das ihn davon abhielt, für die nationalen Kräfte zu kämpfen. Jetzt hat er das Gefühl, seine Pflicht nicht erfüllt zu haben.
Ich weiß das deswegen, weil Señora Peña mir jeden Sonntag am Vormittag freigibt, damit ich in die Kirche gehen kann. Nach dem Gottesdienst setzen sich die Frauen im Schatten eines alten Baumes zusammen und schwatzen. Eines Tages erkundigte ich mich bei ihnen nach meinem Freund aus dem Waisenhaus, und dabei kam die ganze Geschichte heraus.
Jorge hatte einen jüngeren Bruder. Der idealistische junge Mann war in seinem Heimatort der sozialistischen Partei beigetreten. Er hatte Jorge ganz verrückt gemacht mit seinem Gerede von der Unterdrückung und den Rechten der Arbeiter. Jorge ist ein frommer Mann, und als sein Bruder anfing, über eine Gesellschaft ohne Gott zu reden, konnte Jorge seine Zunge nicht mehr im Zaum halten. Aus dem erbitterten Streit wurde eine gewalttätige Auseinandersetzung, und Jorge warf daraufhin seinen Bruder aus dem Haus.
Der junge Mann zog in die Stadt und wurde zum Aktivisten. Zwei Jahre ist es jetzt her, da hat Jorge erfahren, dass sein Bruder verhaftet worden war. Die Familie hat seitdem nichts mehr von ihm gehört. Jorge weiß noch immer nicht, ob sein Bruder als politischer Gefangener hingerichtet oder aber freigelassen wurde, als die Volksfront im vergangenen Jahr die Wahlen gewann. Doch wie auch immer, Jorge ist der Ansicht, dass die republikanische Bewegung ihm den Bruder genommen hat.
Als der Krieg ausbrach, versuchte Jorge, der Armee beizutreten, um auf der Seite der Nationalisten zu kämpfen. Wahrscheinlich hat er darin eine Gelegenheit gesehen, sich an den Republikanern zu rächen und die Rojos zu schlagen. Sie haben ihn nicht genommen, weil er hinkt. Er versuchte es in zwei verschiedenen Städten, aber man erklärte ihm jedes Mal, dass der Stolz der spanischen Nationalarmee es nicht zuließe, einen Krüppel aufzunehmen. Auch sein Argument, dass seine Leidenschaft für die Sache ihn zu einem besseren Soldaten machen würde, als wenn er zwei gesunde Beine hätte, half nicht. Sie lehnten ihn trotzdem ab.
Auf der Suche nach einer anderen Möglichkeit, den Nationalisten zu dienen, fand er schließlich Arbeit in dem Waisenhaus. Er erledigt alles, was anfällt, und sieht zu, dass er so viel Essbares wie möglich aus dem Garten herausholen kann. Ich weiß, dass er hin und wieder etwas von dem Gemüse für seine Frau und seine Kinder abzweigt, aber Jorge ist ein anständiger Mann und sorgt sich um die Waisenkinder.
Und Gott weiß, die armen Kleinen können wahrhaftig jeden brauchen, der es gut mit ihnen meint. Jede Altersgruppe ist bei uns vertreten, vom hilflosen Säugling bis zum jungen Erwachsenen, den man bald in die Welt zurückschicken wird. Viele hat man ihren Eltern weggenommen, manche mussten mit ansehen, wie ihre Eltern erschossen wurden, und alle haben Dinge miterlebt, die kein Kind jemals sehen sollte.
Die Kirche führt hier im Waisenhaus ein strenges Umerziehungsprogramm durch, das von den Priestern und Señora Peña fanatisch befolgt wird. Mit oftmals grausamen Methoden wird den Kindern eingebleut, dass ihre Eltern böse Rojos waren, deren Handlungen sie dazu verdammt haben, für ewig in der Hölle zu schmoren. Der Padre drillt die Kinder so lang, bis der faschistische Gruß perfekt sitzt.
Jorge und mir ist es nicht erlaubt, Zeit mit den Waisen zu verbringen. Wir halten uns deshalb lieber aus allem heraus und sehen stattdessen zu, dass wir aus dem Garten und den mageren Rationen, die die Kirche uns zukommen lässt, das Beste machen. Das ist unser kleiner Beitrag zum Krieg.
Und obwohl ich weiß, dass der Kampf gegen die gottlosen Republikaner richtig und gerecht ist, schmerzt mein Herz, wenn ich die Kleinen sehe. Sie haben ständig Hunger, ihre Schuhsohlen sind durchgelaufen, und wir können uns anstrengen, soviel wir wollen – sie sind immer voller Läuse. Das große, alte Haus sollte eigentlich erfüllt sein von ihrem Lachen und ihrem Spiel, aber oft ist es hier mucksmäuschenstill vor Angst. Diese Kinder haben gelernt, ihr Los zu tragen. Während das Land sich noch im Kampf befindet, ist ihr Krieg bereits verloren.
Gerade als einige der älteren Kinder und ich die letzten Schöpfkellen voll mit dünnem Eintopf verteilen, betritt der Bischof in Begleitung des Padre und Señora Peñas den Speisesaal. Rasch ziehe ich mich in die Küche zurück und mache mich an den Abwasch.
Am Fenster taucht Jorge auf. »Isabel, gerade ist noch einer gekommen.«
Ich nicke, trockne meine Hände an der Schürze ab und eile zur Hintertür hinaus. Das Letzte, was Señora Peña jetzt haben will, ist ein verdrecktes Waisenkind, das unangemeldet in den Besuch des Bischofs hineinplatzt.
Draußen in der Auffahrt steht ein Lastwagen. Jorge spricht mit dem Fahrer, einem hochaufgeschossenen Soldaten, der sehr flott aussieht in seiner Uniform. Neben ihnen steht ein kleiner Junge voller Staub und Schmutz. Seine Hose und seine Jacke sind zerrissen, und eines seiner Knie ist mit verkrustetem Blut bedeckt. Er starrt auf seine Stiefel.
»Einen schönen Nachmittag, Señorita«, sagt der Soldat, als ich näher komme.
»Ihnen auch einen schönen Nachmittag.« Ich lächle ihn an. Die Sonne zaubert ein Funkeln in die unglaublich dunklen Augen des Soldaten. Er erwidert mein Lächeln – so warm und freundlich, dass ich kurz innehalte, als mir klarwird, wie selten ein solches Lächeln in diesen Tagen ist.
»Wer ist das?«, frage ich und deute mit einer Kopfbewegung auf den Jungen.
Der Soldat fährt dem Jungen durch das Haar. »Mein Freund hier spricht nicht viel. Er scheint auch nicht sehr erpicht darauf, mir seinen Namen zu nennen. Oder sonst etwas zu verraten. Aber er braucht dringend ein neues Zuhause. Das ist das einzige Waisenhaus, das mir eingefallen ist, also habe ich ihn hierhergebracht.«
Ich bücke mich und betrachte den Jungen. Von der Sonne gebleichte Locken umrahmen sein Gesicht.
»Hallo«, sage ich munter. »Ich heiße Isabel. Und du?«
Der Junge scheint nicht die geringste Notiz von mir zu nehmen, sondern starrt weiter auf seine Stiefel.
Ich versuche es erneut. »Wo kommst du her, Kind?«
Er ignoriert mich.
Nach einer Weile fragt Jorge den Soldaten, wo er den Jungen gefunden habe.
Der Soldat blickt sich um, und als er feststellt, dass niemand uns zuhört, sagt er leise: »Ich war gerade in der Nähe mit Nachschub unterwegs, als ich hörte, dass die Kämpfe meinen Heimatort erreicht hatten. Also machte ich einen Umweg, um mich zu erkundigen, ob meine Familie in Sicherheit ist. Padre Francisco von unserer Pfarrei hatte sich des Jungen angenommen. Er wollte mir nicht sagen, wie das Kind zu ihm gekommen war, bat mich aber, den Jungen aus der Gefahrenzone zu bringen.«
Der Soldat schaut traurig auf den Jungen hinunter.
»Er hat bisher nicht ein einziges Wort gesagt, und dabei sind wir schon fast den ganzen Tag unterwegs.«
»Wahrscheinlich hat er Dinge gesehen, über die er nicht sprechen will«, meint Jorge mitfühlend.
»Gut möglich. Unterwegs kamen wir an einer Stelle vorbei, wo kurz zuvor ein Gefecht stattgefunden hatte. Am Straßenrand lagen tote Rojos. Der Anblick schien ihn sehr aufzuwühlen«, pflichtet der Soldat ihm bei.
Als ich die Hand ausstrecke, um dem Jungen über das Gesicht zu streichen, weicht er zurück und wirft mir in seiner Angst einen kurzen Blick zu. Seine sanften braunen Augen sind grün gesprenkelt. In seiner Tasche raschelt es, und ich sehe ein Stück Papier zu Boden flattern.
Als ich es aufhebe, bemerke ich, dass es ein dreieckiger Fetzen von einem Briefumschlag ist. Auf der einen Seite ist deutlich der Name ALBERTO ROMERO zu lesen. Auf der anderen Seite steht noch mehr, aber es ist schwer zu entziffern. Doch mit Staunen erkenne ich eine Adresse in England.
Rasch schiebe ich den Fetzen in meine Schürzentasche und richte mich auf. Der Soldat raucht gerade eine Zigarette mit Jorge, und sie spekulieren, ob die Kämpfe auch uns erreichen werden. Ich glaube nicht, dass sie das Stück Papier gesehen haben.
Ich ergreife die Hand des Jungen und sage laut: »Jorge, ich nehme den Jungen mit in die Küche und mach ihn sauber. Bleib nicht zu lang, die Señora braucht dich vielleicht.«
»Danke, Señor«, sage ich, an den Soldaten gewandt.
Der Soldat lächelt, als ich mich umdrehe und weggehe.
Gehorsam trottet der Junge neben mir her. Bevor ich die Hintertür öffne, drehe ich mich noch einmal um und sehe, dass der Soldat mir noch immer nachblickt. Ich hebe die Hand zu einem kurzen Gruß, ehe ich das Kind ins Haus schiebe.
In der Küche führe ich den Jungen zu dem langen Eichentisch, wo er sich hinsetzt und sofort wieder auf seine Stiefel starrt. Ich hole das letzte Stück Brot, das ich mir für mein Abendessen aufgehoben hatte, aus dem Brotkasten. Es muss auch ohne gehen. Mit dem Finger bohre ich ein Loch in das harte Brot, greife in meine Schürzentasche und hole die Schokolade heraus. Vorsichtig wickle ich sie aus, drücke sie in das Brot und schiebe alles in den warmen Ofen.
Dann befeuchte ich ein Tuch mit Wasser und nähere mich dem Jungen, der mich misstrauisch beäugt.
»Ich will dir nur das Gesicht waschen, Alberto«, sage ich sanft.
Ich hebe sein Kinn an und säubere sein Gesicht, während er sich zögernd in seiner neuen Umgebung umschaut.
»Du bist hier in einem Waisenhaus, Alberto. Hier gibt es viele Jungen und Mädchen wie dich. Du wirst bald Freunde finden. Wie alt bist du, Alberto? Gehst du schon zur Schule? Du wirst hier Unterricht haben. Die Priester werden dir Lesen und Schreiben beibringen.«
Ich fahre fort, den Jungen zu waschen, und spreche dabei leise auf ihn ein, auch wenn er mir keine Antwort gibt. Schließlich sind Gesicht und Hände sauber, und ich spüle den schmutzigen Lappen im Becken aus. Dann hole ich das aufgebackene Brot aus dem Ofen, wickle es in ein Stück Papier und gebe es dem Jungen.
Er nimmt es vorsichtig in die Hand und hält es fest.
»Alberto«, sage ich leise und begebe mich auf Augenhöhe zu ihm. »Alberto, das Waisenhaus wird von Leuten geführt, die keine Rojos mögen.« Ich greife in meine Tasche, hole das Stück Papier heraus und zeige es ihm. »Wer hat dir das gegeben?«, frage ich.
Der Junge schaut mich unverwandt an, bleibt aber stumm.
»Alberto, das ist eine Adresse in England. Hast du einen republikanischen Soldaten getroffen? Hat er dir das gegeben?«
Der Junge sieht mich nur an.
Ich seufze und schiebe eine staubige Locke aus seiner Stirn.
»Alberto«, fahre ich mit ernster Stimme fort und halte ihm das Papier vor das Gesicht, »dieses Waisenhaus wird von der Kirche geleitet und von den Nationalisten unterstützt. Wenn du dich entschließt, wieder zu sprechen, dann erwähne das hier lieber nicht.«
Dann stehe ich auf, öffne die Klappe am Herd und werfe das Papier hinein, das sich sofort wellt und schwarz verfärbt, ehe kleine, orangerote Flammen das Papier verzehren, bis nur noch ein grauer Streifen Asche zurückbleibt.
Ich schließe die Klappe und drehe mich wieder zu dem Jungen um, der jedoch keine Notiz von mir nimmt. Er beißt gerade ein Stück von dem Brot ab und kaut andächtig.
Als er zu mir aufschaut, meine ich, die winzige Spur eines Lächelns zu erkennen.
Alberto hielt den Jungen fest an der Hand, während sie zusammen den Korridor entlanggingen. Der Geruch nach Desinfektionsmittel hing penetrant in der Luft, und das Kind rümpfte die Nase. Als sie am Ende des Flurs zu einem breiten, tiefen Fenster kamen, blieb Alberto stehen und schaute in das Zimmer hinein.
In der Mitte des Raums stand ein großes Metallbett, auf dessen weißen Laken eine reglose, in weiße Binden gehüllte Gestalt lag. Schläuche und Kabel ragten aus den Bandagen und führten zu einer Maschine neben dem Bett. Eine Frau in blauem Kittel und blauer Hose mit Haube und Mundschutz legte gerade eine Infusion.
Auf einem Stuhl neben dem Bett saß die Mutter von Juan Carlos. Ein fast durchsichtiger, gelber Umhang verhüllte das schwarze Kleid, das sie wie üblich trug, ihre schwarzen Halbschuhe steckten in Überschuhen aus Plastik. Auch sie trug einen blauen Mundschutz und eine Haube. Sie hielt die Augen geschlossen, und Alberto konnte nicht erkennen, ob sie in ein Gebet versunken war oder döste.
Die Frau, die sich gerade über den bandagierten Kopf beugte und leise auf den Verletzten einsprach, war Albertos Tochter. Sie trug dieselbe Schutzkleidung wie ihre Schwiegermutter und hatte die langen, dunklen Locken unter eine Haube geschoben.
Alberto war so versunken in den Anblick seiner Tochter, dass er nicht mitbekam, wie Tino seine Hand losließ, sich auf die Zehenspitzen stellte und in das Zimmer hineinspähte. Erst als er ihn erschrocken nach Luft schnappen hörte und zu ihm hinunterschaute, bemerkte er, dass Tinos Mund weit offen stand und Tränen über seine Wangen liefen. Juan Carlos’ Mutter schreckte hoch und sah gerade noch, wie der alte Mann das widerstrebende Kind vom Fenster wegzog.
Alberto führte den Jungen zu einer Sitzgruppe in der Nähe, half ihm auf einen Stuhl und setzte sich neben ihn.
»Apu, war das wirklich Papá?«, fragte Tino flüsternd.
»Ja, das war er«, erwiderte Alberto sanft.
In dem Moment ging die Tür auf. Tinos Mutter kam aus dem Zimmer. Der Junge sprang auf und lief auf sie zu. Sie nahm den Mundschutz ab und bückte sich, um ihren Sohn in die Arme zu schließen.
Alberto stand ebenfalls auf. Seine Tochter flüsterte leise ein paar Worte, ehe sie die Tränen auf den Wangen ihres Sohnes abwischte und ihn zu Alberto zurückführte.
»Und?«, fragte er.
Rosa seufzte. Er sah ihr an, wie erschöpft sie war.
»Der Arzt hatte befürchtet, dass Juan Carlos in der Nacht einen Schock erleiden könnte. Aber die letzten paar Stunden hat er gut überstanden, und jetzt ist er stabil, sagen sie. Natürlich bekommt er starke Schmerzmittel, und er ist auch nicht bei Bewusstsein, aber wir reden abwechselnd mit ihm, damit er weiß, dass er nicht allein ist.«
Alberto nickte.
»Ich habe auch mit den Schwestern gesprochen. In den nächsten Tagen ist es überlebenswichtig, dass jedes Risiko einer Infektion vermieden wird, sagen sie.« Sie verstummte und blickte auf ihren Sohn, der mit beiden Händen ihre Hand umklammerte. »Ich kann Juan Carlos nicht allein lassen. Könnte Tino noch eine Weile bei dir bleiben?«
»Du weißt, dass er so lange bleiben kann wie nötig.«
Rosa nickte ihrem Vater dankbar zu und lächelte matt.
Tap. Tap. Tap. Immer wieder schlug der lange Stock gegen die obersten Äste, und ein harter, brauner Schauer aus Nüssen prasselte in das grüne Fangnetz unter dem Baum. Tino wartete, bis die letzte Mandel heruntergefallen war, und sortierte hier und da ein grünes Blatt aus, ehe er die Nüsse einsammelte und in einen großen Plastikeimer füllte. Dann trat er zurück an den Rand des Netzes, während sein Großvater mit dem Stock zu den nächsten mit Früchten beladenen Ästen ging und dort dagegen schlug.
Als der Behälter randvoll war, legte Alberto den Stock beiseite. Er nickte dem Jungen zu, hob den Kübel auf und schleppte ihn an den Rand der Terrasse, wo die beiden sich im Schatten eines Zitronenbaumes niederließen. Die Sonne brannte noch immer heiß vom Himmel, und die blassbraune Erde auf dem terrassenförmigen Land war durchzogen von Rissen wie ein Kuchen, der zu lang im Backrohr gewesen war.
Alberto öffnete die Flasche Wasser, die er mitgebracht hatte, und reichte sie dem Jungen, der einen tiefen Schluck daraus trank. Der alte Mann gönnte sich selbst nur ein paar Tropfen und stellte die Flasche wieder in den Schatten. Dann machten er und Tino sich daran, ihre Ernte aus den harten, ledrigen Hüllen zu schälen. Die grünen Häute warfen sie neben sich auf den Boden, während sie die Nüsse mit den charakteristischen löchrigen Schalen in einen Leinensack steckten.
»Apu?«, fragte der Junge, während sie arbeiteten.
»Ja.«
»Wenn du schon nicht weißt, wann du geboren bist, bekommst du dann trotzdem Geschenke zum Geburtstag? Feierst du überhaupt?«
»Nein.«
»Aber du kannst dir doch einen anderen Tag aussuchen, irgendeinen, selbst wenn du dich an das richtige Datum nicht erinnerst.«
»Hmm.«
»Ich habe jedenfalls bald Geburtstag. Ich werde acht Jahre alt.«
»Ich weiß.«
»Apu?«
»Ja.«
»Möchtest du dir vielleicht meinen Geburtstag mit mir teilen? Wir könnten zusammen feiern.«
Der alte Mann unterbrach seine Arbeit und betrachtete den Jungen. »Das ist wirklich lieb von dir«, sagte er.
Alberto erinnerte sich an die Jahre, als seine Frau vergebens Ähnliches versucht hatte. Die Regierung hatte zwar ein Geburtsdatum in seine Papiere geschrieben – den ersten Januar –, aber er hatte diesen Tag nie als seinen Geburtstag angesehen. María Luisa hatte daraufhin ein paar andere Daten vorgeschlagen, darunter auch solche, die eine Bedeutung für sie beide hatten. Er jedoch hatte ihre Vorschläge jedes Mal als albern und sinnlos abgetan. Doch als dann ihre Kinder zur Welt kamen, hatte er sich gefreut über die Geschenke und Feiern, die ihre Mutter für sie organisiert hatte, und war glücklich gewesen, dass dies für sie selbstverständlich war. So sollte eine Kindheit aussehen.
»Außerdem bin ich inzwischen zu alt für Geburtstagspartys«, fügte er lächelnd hinzu.
»Aber Apu«, fuhr Tino fort, »jeder Mensch sollte Geburtstag haben. Sogar die Großmamá feiert jedes Jahr – deshalb wissen wir auch, dass sie schon alt ist.«
»Brauche ich denn einen Geburtstag, um zu wissen, dass ich alt bin?«, fragte Alberto.
»Nein«, stimmte der Junge ihm zu, »aber wünschst du es dir denn nicht, einen Geburtstag zu haben?«
Der alte Mann zuckte die Schultern. »Ich habe es die ganzen Jahre über ohne ausgehalten.«
»Jeder sollte einen Geburtstag haben, Apu.«
»Ich verstehe immer noch nicht ganz, warum.«
»Weil das ein Tag ist, der dir ganz allein gehört. An dem Tag kommen alle dich besuchen. Sie bringen Geschenke mit und was zu essen, und du bist mit Leuten zusammen, die dich liebhaben. Das ist ein ganz besonderer Tag, Apu.«
Amüsiert betrachtete Alberto den Jungen.
»Du kannst das nicht wissen, Apu, weil du nie Geburtstag gefeiert hast. Du weißt nicht, wie sich das anfühlt. Ich will aber, dass du das einmal erlebst.«
Alberto nickte. »Tja, vielleicht hast du recht. Aber dann bräuchte ich ja ein Datum.«
»Du kannst doch an meinem Geburtstag mitfeiern.«
»Nein, nein.« Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Das ist dein Ehrentag, nicht der meine. Es ist schön, dass du mir das anbietest, aber dieser Tag gehört dir ganz allein.«
Tino runzelte die Stirn, während er sich abmühte, die harte Hülle von einer Mandel abzuziehen.
»Dann müssen wir uns eben auf die Suche machen und herausfinden, wann du Geburtstag hast«, sagte er.
An diesem Abend setzte Alberto sich in seinen alten Polstersessel und gönnte sich ein Glas Brandy. Cristina, seine zweite Tochter, war gut verheiratet und lebte mit ihrem Mann in Madrid. Jedes Jahr am Dreikönigstag kam sie mit ihrer Familie zu Besuch. Und jedes Mal brachten sie Alberto eine teure Flasche Brandy mit, die er verlegen annahm und immer ganz allein für sich genoss.
Aus dem Fernsehapparat drangen lautstark die Ergebnisse der Zahlenlotterie, aber Alberto achtete nicht darauf. Das Gespräch über seinen Geburtstag ließ ihn nicht mehr los, allerdings verstand er nicht, warum es ihn so aus der Fassung gebracht hatte. So viele Jahre hatte er nicht gewusst, wann er geboren worden war. Warum sollte ihn dieser Umstand jetzt beunruhigen? Lag es daran, dass er alt wurde? Dass er es wissen wollte, bevor er starb?
Plötzlich ertönte nebenan ein durchdringender Schrei.
Alberto eilte zur Tür und knipste das Schlafzimmerlicht an. Der Junge saß kerzengerade im Bett, Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Zuvor waren sie noch in Rosas Wohnung gewesen und hatten eine Tasche mit Kleidung gepackt, so dass der Junge jetzt seinen eigenen Schlafanzug trug. Neben ihm auf dem Bett lag, achtlos hingeworfen, ein alter, brauner Teddybär mit abgewetztem Fell.
Alberto schob den Bären beiseite, damit er sich setzen konnte, nahm den Jungen in den Arm und strich über sein feuchtes Haar.
»Hast du schlecht geträumt?«, fragte er mit rauher Stimme.
Der Junge brach in Tränen aus und klammerte sich an seinen Großvater.
Alberto schaukelte den Jungen beruhigend hin und her.
»Erzähl es mir«, bat er ihn flüsternd.
Von Schluchzen geschüttelt, vergrub der Junge seinen Kopf noch tiefer an der Brust seines Großvaters. »Da war Papá. Er hat versucht, sich aus seinen Verbänden zu befreien, aber er wickelte sich nur noch mehr darin ein. Ich habe geschrien, dass sie ihn herauslassen sollen, aber keiner hat mich gehört. Apu, sie haben einfach nicht auf mich gehört.«
»Schsch«, sagte der alte Mann und drückte das Kind noch ein wenig fester an sich, wiegte es hin und her und versuchte, es mit Worten zu beruhigen, von denen er glaubte, dass sie richtig waren. »Die Ärzte und Schwestern helfen deinem Papá, wieder gesund zu werden. Sie kümmern sich sehr um ihn. Und bald werden sie ihm auch die Verbände abnehmen, und dann siehst du ihn wieder.«
