Alex im Bel-Air - Merle Stein - E-Book

Alex im Bel-Air E-Book

Merle Stein

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Beschreibung

Er hatte wieder Heimatboden unter den Füßen. Er war wieder zurück, diesmal wahrscheinlich für immer. Die vertraute Landschaft bot sich nach Passieren der Grenze seinen Blicken dar und ein zufriedenes Gefühl übermannte ihn. Alexander war ein Weltenbummler. Einer, der seine Freiheit liebte. Einer, den es nie lange an einem Ort hielt. Alex war aber auch einer, der sich mit ganzem Herzen seiner Heimat Luxemburg verbunden fühlte. Vorerst würde er Ferien machen, lange, wohlverdiente Ferien und diese in vollen Zügen genießen. Hierfür war seine Wahl auf das »Hotel Bel Air« in Echternach gefallen. Aber es kam anders. Ganz anders, als er in die Geschichte der Marie Deprieux geriet. Eine Geschichte, die nach 45 Jahren ihr Tribut einfordert.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Ein paar entspannte Tage

Ein netter Stadtbummel

Eine merkwürdige Unterhaltung

Ein Neffe und ein Pater

Eine Einladung und seltsame Vorkommnisse

Der Einbruch, ein gemütlicher Abend und ein Brief

Ein schrecklicher Vorfall

Maries Kinder

Puzzleteile fügen sich zusammen

Die Versammlung soll Klarheit bringen

Ein Unheil kommt selten allein …

Das »Ding«

August Deprieux stellt sich vor

Ein Ausflug nach Esch-Sauer

Cassandra auf dem Weg der Besserung

Paris ruft: Probleme in der Firma

Ein Besuch bei Cassandra

Wiedersehen macht Freude

Ein paar entspannte Tage

Er hatte wieder Heimatboden unter den Füßen. Er war wieder zurück, diesmal wahrscheinlich für immer. Die vertraute Landschaft bot sich nach Passieren der Grenze seinen Blicken dar und ein zufriedenes Gefühl übermannte ihn. Alexander war ein Weltenbummler. Einer, der seine Freiheit liebte. Einer, den es nie lange an einem Ort hielt. Alex war aber auch einer, der sich mit ganzem Herzen seiner Heimat Luxemburg verbunden fühlte.

Seine kleine Wohnung in Hamburg, der Stadt, an der er großes Wohlgefallen hatte, hatte er in den vergangenen Tagen aufgelöst. Er hatte beschlossen wieder im Land seiner Kindheit und Jugend Fuß zu fassen. Vorerst aber würde er Ferien machen, lange, wohlverdiente Ferien und diese in vollen Zügen genießen. Hierfür war seine Wahl auf das »Hotel Bel Air« in Echternach gefallen. Ihm war zu Ohren gekommen, dies sei der ideale Ort, die Seele so richtig baumeln zu lassen. Das Hotel lag etwas außerhalb des Städtchens abgeschieden im Grünen. Umgeben von einer schönen Parkanlage und in einem Waldstück war es eine Oase der Entspannung. Nach der kleinen Erholungspause wollte er sich dann nach einem geeigneten Wohnsitz umschauen. Zwischendurch konnte er bei seiner Tante, bei der er aufgewachsen war, wohnen.

Bester Laune summte er vor sich hin. Nur noch wenige Kilometer trennten ihn von seinem Ziel. Er fuhr durch die kleine Abteistadt, in der zu dieser Tageszeit reger Verkehr herrschte. Nach einem letzten Blick auf die Sauer, die sich in ihrem Bett in sanftem Bogen ihren Weg durch die Wiesen bahnte, bog er nach links ab Richtung Berdorf. Unvermittelt tauchte, gut verborgen zwischen ausladenden Bäumen, das »Bel Air« vor seinen Augen auf. Eine leichte Müdigkeit überfiel ihn. Angekommen! Tessa kam ihm in den Sinn. Tessa, seine gute treue Freundin aus der Jugendzeit. Sie wusste nichts von seinem Kommen, seinen Plänen. Das sollte eine Überraschung werden. Tessa, das war klar, würde er als Erste anrufen.

Ein paar Stunden nach seiner Ankunft legte Alex die Zeitung zur Seite und betrachtete im Foyer die Gäste des »Bel Air«. Hinten in der Ecke versuchte ein junges Paar seine lebhaften Zwillinge im Zaum zu halten, alle vier hatte er schon zuvor in der Schwimmhalle getroffen. An der Bar nahm ein gutaussehender älterer Herr seinen Drink, den der Barmann mit Professor anredete. Daneben genoss ein französisch sprechendes Paar seine Cocktails, an einem Tisch nahe der Bar hatten vier Asiaten Platz genommen und vorne, neben der Tür, saß eine attraktive Rothaarige mit großer Sonnenbrille allein vor einem Kaffee. Ihr Alter war schwer zu schätzen.

Seine Gedanken wurden durch ein freundliches »Guten Abend, dürfen wir uns zu Ihnen setzen?« unterbrochen.

»Aber gerne.« Alex lächelte. Er erhob sich höflich, rückte der Dame mittleren Alters, die ihn angesprochen hatte, den Sessel zurecht und stellte sich vor: »Alex Möller.«

»Angenehm. Rose Varell«, erwiderte diese. »Darf ich vorstellen: meine Freundinnen Emma van Steeden und Ulla Heinz.«

»Stören wir auch nicht?«, wollte Frau van Steeden wissen.

»Aber nein, wie könnten drei so nette Damen mich stören?«, entgegnete Alex.

»Sie sind aber ein Charmeur«, sagte Ulla mit einem schelmischen Lächeln.

Die Frauen bestellten Cocktails und plauderten munter drauflos. Alex tat, als vertiefe er sich wieder in seine Zeitung, hörte aber dem Geplapper interessiert zu. Die Damen schienen seit gestern hier zu sein und versuchten offensichtlich den Ablauf des morgigen Tages zu planen. Rose Varell wandte sich wieder Alex zu: »Junger Mann, sind Sie schon länger hier? Haben Sie vielleicht ein paar Tipps, was es hier so an Sehenswertem zu entdecken gibt?«

»Aber Rose, bitte!«, maßregelte Ulla ihre Freundin. »Belästige den Herrn doch nicht dauernd.«

Alex grinste. »Belästigt fühle ich mich überhaupt nicht! Und um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin heute erst hier angekommen. Da ich Luxemburger bin, wäre es mir eine Ehre, Ihnen die schönen Seiten meines Heimatlandes zu zeigen.«

»Oh, ein Einheimischer!« Rose klatschte begeistert in ihre Hände. Irgendwie erinnerten ihn die drei an die »Golden Girls« aus der TV-Serie, die seine Tante immer so gerne sah. Da fehlte nur noch die alte Mutter aus der Sitcom, die das agile Freundinnentrio in jeder Folge regelmäßig aufmischte.

»Und was verschlägt Sie als Einheimischer in dieses Hotel, wenn ich mir die Frage erlauben darf?«, fragte Rose weiter.

»Ferien. Ich mache Ferien. Ich habe eben meinen Haushalt in Hamburg aufgelöst, wo ich lange Zeit gelebt habe. Normalerweise wohne ich, wenn ich im Lande bin, bei meiner Tante Milla in Esch/Alzette, im Süden unseres schönen Landes. Aber augenblicklich ist sie nicht zu Hause. Sie kreuzt mit der ›MS-Deutschland‹ durchs Mittelmeer. So kam mir die Idee, eine Weile in unserer reizenden ›Kleinen Luxemburger Schweiz‹ auszuspannen.«

Doch der Wissensdurst von Rose war noch nicht gestillt: »Was machen Sie denn beruflich?«, fragte sie.

»Rose!« Ullas Stimme klang ärgerlich, aber Rose ließ sich nicht beirren.

»Neugierig? Bin ich das?«

Alex lachte belustigt: »Nein, nein, das finde ich nicht! Fragen Sie ruhig. Ich bin ein Reisender, ein Vagabund, ich schreibe Reportagen, Reiseberichte und alle möglichen Geschichten für Magazine und Zeitschriften, auch die eine oder andere Kurzgeschichte habe ich schon veröffentlicht. Freiberuflich. Mein Traum war, so viel wie möglich von der Welt zu sehen. Und den habe ich mir erfüllt. Bevor Sie jetzt weiterfragen: Nein, ich bin nicht verheiratet. Nein, ich habe auch keine Kinder, weil ich eben ein Lotterleben führen will. Aber nun erlauben Sie mir, Ihnen auch eine Frage zu stellen, aus welcher Ecke Deutschlands kommen Sie denn?«

»Ulla und ich«, verriet Rose, »kommen aus Bremen, Emma aus Hamburg, wir sind alle drei ohne Anhang. Wir nagen nicht am Hungertuch, wissen Sie, und wollen den Rest unseres Lebens so richtig genießen.«

»Rose macht Sie noch verrückt mit ihrem Gerede«, meldete sich Frau van Steeden zu Wort, eine hochgewachsene, sehr elegante, aber zurückhaltende Person. »Wir sollten uns so langsam erheben und zu Tisch gehen«, forderte sie ihre Begleiterinnen auf. Und an Alex gewandt fügte sie hinzu: »Hat uns sehr gefreut, Sie kennenzulernen.«

Alex versprach, sich nach dem Abendessen mit ihnen zu treffen und ihnen dann einige Tipps für Ausflüge in die Umgebung zu unterbreiten.

»Sicher lernen wir uns bei dieser Gelegenheit noch ein wenig besser kennen«, fügte Rose augenzwinkernd hinzu.

Alex schaute den Damen hinterher und fragte sich, ob die distinguierte Emma van Steeden die Frau des gleichnamigen vor einigen Jahren verstorbenen Multimillionärs van Steeden aus Hamburg sei. Naheliegend wäre es schon, in diesem Fall wäre sie eine unverschämt reiche Frau. Ihr Mann wäre dann aber sehr viel älter als sie gewesen. Aber das war ja nicht selten in diesen Kreisen. Doch das würde er bestimmt noch alles bei passender Gelegenheit erfahren. Die Rothaarige am Einzeltisch hatte inzwischen ihren Kaffee ausgetrunken und erhob sich nun auch, nickte ihm leicht zu und stelzte auf sehr hohen Stöckelschuhen Richtung Speisesaal davon. Zu dem französisch sprechenden Paar hatte sich vor geraumer Zeit noch ein kleiner alter Herr gesellt, der Vater der Frau, wie Alex dem lebhaft geführten Gespräch der drei entnehmen konnte. Im selben Augenblick, als Alex dem Kellner ein Zeichen zum Bezahlen gab, betrat ein neuer Gast grüßend das Foyer. Dieses Gesicht kam Alex bekannt vor, ohne dass er es gleich zuordnen konnte. Wer war dieser Mann?

Die Damen saßen in der Piano-Bar. Rose winkte Alex zu, als er den Raum betrat. Dieser ging dann auch zielstrebig auf den Tisch der drei Freundinnen zu. »Darf ich?«

»Aber klar, sehr gerne sogar.«

Man plauderte angeregt über Gott und die Welt und war schon längst beim Du und bei den Vornamen angelangt, als Alex spontan entschied mit dem Dreiergespann am folgenden Tag nach Luxemburg-Stadt zu fahren und den Damen »d’Stad«, wie die Luxemburger ihre Hauptstadt nennen, zu zeigen. Die Frauen waren begeistert.

Alex ahnte schon, dass sein Vorsatz, im »Bel Air« vor allem Ruhe und Entspannung zu finden, nur ein Vorsatz bleiben würde. Er wusste nicht wieso, aber er hatte auf einmal das sonderbare Gefühl, dass diese Ferien sehr aufregend verlaufen würden. Es war seltsam, aber er hatte die drei Damen in dieser kurzen Zeit schon in sein Herz geschlossen. Sicherlich würden sie viel Spaß zusammen haben.

Bald beteiligte sich auch eine ältere, elegante weißhaarige Dame vom Nachbartisch an ihrer Unterhaltung. Sie stellte sich als Madame Deprieux vor und verriet ihren neuen Bekannten, schon seit Jugendjahren Luxemburg gut zu kennen. Ihre Ferien verbrachte sie häufig im »Bel Air«. Das Hotel, dessen Geschichte und Entwicklung, all das war ihr bestens bekannt. Sie war des Lobes voll für die Gastlichkeit des Hauses, besonders für Küche und Personal. Alex musterte die Erzählerin, die sehr teuren Schmuck trug und ausgezeichnet deutsch sprach. Er kam zu der Überzeugung, dass er es hier mit vielen reichen Leuten zu tun hatte. Allem Anschein nach residierte in diesem Haus nur ein einziger armer Schlucker, und das war seine Wenigkeit. Wie sie im Laufe des Abends erfuhren, war Madame Deprieux unverheiratet und kinderlos, leitete das Famillienunternehmen, das aus diversen Firmen bestand und wohnte in einer der teuersten Gegenden von Paris.

Zu später Stunde gesellte sich Professor Lannert noch zu ihnen. Der Professor stammte aus Ettelbrück im Kanton Diekirch. Er erwies sich als ein blendender Unterhalter der Damenrunde und Alex nutzte die Gelegenheit, um sich zurückzuziehen.

Tessa hatte er telefonisch bislang noch nicht erreicht, hatte aber eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen. Bis jetzt war jedoch kein Rückruf erfolgt.

Am nächsten Morgen saß Alex wartend in der Bibliothek. Doch die Damen ließen sich zur verabredeten Zeit nicht blicken. Hatte er sich im Termin geirrt? Plötzlich horchte er auf und vernahm Kindergebrüll. Das Zwillingspärchen kam schreiend in die Bibliothek gestürmt. Als der Junge Alex erblickte, forderte er ihn aufgeregt auf: »Hilfe! Der Hund, der Hund! Schnell, bitte kommen Sie mit! Im Flur hängt der Hund!« Schrecken stand in ihren Augen. Das Mädchen weinte erbärmlich, der Junge versuchte verzweifelt Haltung zu wahren. Im selben Moment gellte ein Schrei durchs Haus. Der Rezeptionist stürmte die Treppe hoch und Alex beeilte sich zu folgen. Tatsächlich, mitten im Flur der ersten Etage, an einem Haken an der Decke aufgeknüpft, baumelte der kleine weiße Hund von Madame Deprieux. Sein Maul war vollgestopft mit Geld. Alex bückte sich, um einen am Boden liegenden Zettel aufzuheben. Darauf war zu lesen: »Als Nächste bist Du dran. Auch Du wirst eines Tages an Deinem Geld ersticken!« Alex reichte dem Rezeptionisten den Zettel und sagte: »Ich denke, Sie sollten die Polizei informieren.« Das Zimmermädchen, das den markerschütternden Schrei ausgestoßen hatte, stand jetzt sprachlos da wie zu einer Salzsäule erstarrt.

Marie Deprieux war, vom Frühstück kommend, inzwischen auch hinzugetreten, zeigte aber keine großen Emotionen und keinerlei Aufregung. Sie stellte nur die eine Frage: »Wie konnte jemand in mein Zimmer gelangen? Der Hund war dort eingeschlossen.« Der Direktor, der inzwischen herbeigeeilt war, versuchte sein Bestes, um die verworrene Situation in den Griff zu bekommen und die kleine Menschentraube, die sich inzwischen um den armen Hund gebildet hatte, zu beruhigen. »Ich werde alles daransetzen, um die Sache aufzuklären!«, versicherte er. Alex machte schnell ein paar Fotos mit seinem Handy und trat dann den Rückweg Richtung Treppe an. Dort stand inzwischen neugierig wartend sein Damentrio.

»Was ist passiert?«, wollte Ulla wissen.

»Haben wir etwas verpasst?«, krächzte Rose aufgeregt.

Alex erzählte ihnen alles auf dem Weg zu seinem Wagen.

»Welches Monster tut denn so etwas? Und den Rachen voll Geld hatte das unschuldige Tier? Und dieser unheimliche Zettel! Alex, das ist ja mehr als beängstigend. Die arme Frau! Und stellt euch vor, dieser Unmensch weilt wahrscheinlich noch unter uns und kann jeden Moment wieder zuschlagen. Vielleicht ist es ein Neider, der es auf Leute mit Geld abgesehen hat …«

»Rose«, unterbrach Emma van Steeden den Wortschwall ihrer Freundin, »deine Fantasie geht wieder einmal mit dir durch!«

»Emma, du nimmst mich nie ernst«, ereiferte sich ihre Vertraute, »aber du wirst schon sehen, das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte. Sie beginnt erst.«

Ulla beschwichtigte die beiden Kontrahentinnen: »Rose hat recht, komisch ist das alles schon. Dieser Zettel ist doch eine offene Drohung! Was hat der Verfasser gegen die Deprieux? Ich fand diese ältere Dame gestern Abend sehr nett. Die Frage, die wir uns aber stellen sollten, lautet: Wer tut so etwas? Und warum tut jemand so etwas?«

»Nette ältere Dame? Hm …«, grummelte Emma. Aber niemand schenkte im allgemeinen Aufbruch ihrer leisen Bemerkung Aufmerksamkeit.

Ein netter Stadtbummel

Nach einer halbstündigen Fahrt war das Ziel erreicht. Alex parkte im »Parking Knuedler«, einem unterirdischen Parkhaus unter dem »Knuedler«, wie der Volksmund den Marktplatz der Stadt nannte. Von dort aus dirigierte er sein Kleeblatt Richtung Palast, zum »Palais«, wie der Luxemburger sagt.

»Hier sind wir mitten im Altstadtviertel«, begann Alex seine kleine Stadtführung. »Das ›Palais‹ ist die Stadtresidenz der großherzoglichen Familie. Ihr eigentliches Domizil ist aber das Schloss in Colmar-Berg. Und wenn ihr euch nach rechts wendet, seht ihr dort die Abgeordnetenkammer.«

Die Damen waren beeindruckt. Das »Palais«, ein prachtvolles Gebäude, bildete den architektonischen Höhepunkt inmitten der umliegenden Häuser.

»1572 wurde das ›Palais‹ im Renaissancestil als Rathaus errichtet«, fuhr Alex im Stil eines Touristenführers mit seinen Erläuterungen fort. »Der rechte Flügel wurde 1741 im Barockstil angefügt, die Abgeordnetenkammer 1859. Seit 1890 fungiert das Hauptgebäude als ›Palais‹. 1891–1894 fand der Umbau statt, 1992–1995 erfolgte eine vollständige Renovierung.«

Die Frauen machten viele Fotos, besonders angetan waren sie von dem schmucken Soldaten, der vor der großherzoglichen Residenz auf und ab schritt, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

»Daran, dass nur ein Soldat vor dem ›Palais‹ patrouilliert«, erklärte Alex, »erkennt man, dass die großherzogliche Familie sich momentan nicht in der Stadt, sondern in Colmar-Berg aufhält. Wenn zwei Soldaten Ehrenwache halten, sind die Herrschaften anwesend, dann weht auch die Fahne auf dem ›Palais‹. Und nun könnt ihr entscheiden, ob wir jetzt über die ›Corniche‹ spazieren, die ›Kasematten‹ besuchen oder die Kathedrale besichtigen.«

»Kathedrale!«, riefen alle drei fast gleichzeitig aus.

Alex deutete auf ein Haus auf der gegenüberliegenden Seite des »Palais«. »Anschließend lade ich euch noch ins ›Chocolate House‹ ein – auf das dickste Stück Kuchen, das ihr jemals gegessen habt.«

Sie marschierten Richtung Kathedrale. »Dies ist ein römisch-katholisches Gotteshaus«, brachte Alex sein Wissen seinem aufmerksamen Publikum nahe. »Spätgotik. Besitzt aber auch Elemente und Verzierungen im Renaissancestil. 1613 legten die Jesuiten den Grundstein. 1870 bekam die Kirche den Rang einer Kathedrale.« Sie betraten das Innere der Kathedrale. »Dies«, Alex deutete auf eine Marienstatue mit Jesuskind auf dem Arm, »ist die Trösterin der Betrübten. Die Statue ist 73 Zentimeter hoch und aus Lindenholz geschnitzt. 2008 konnte sie dank Spenden restauriert werden. Sie ist alljährlich der Mittelpunkt der Oktavewallfahrt und trägt dann ein edles Gewand. Sie ist unsere Schutzpatronin. Und seht her, sie trägt den vergoldeten Stadtschlüssel von 1667. 1624 wird sie zum ersten Mal erwähnt und 1749 wurde sie in der damaligen Jesuitenkirche aufgestellt.«

Ehrfürchtig wurde dann noch die prächtige Ausstattung in dem Gotteshaus bestaunt. Anschließend tauchten sie ins Gewühl der Stadt ein und ab da waren Corniche und Kasematten vergessen. Keine Sehenswürdigkeit

konnte mehr mit dem Flair der schönen kleinen Geschäftsstraßen und den exquisiten Angeboten der Modeboutiquen wetteifern. Irgendwann am späten Nachmittag erreichte der kleine Zug, die Damen nun vollbeladen mit Paketen und Tüten, die Chocolaterie. Durch Zufall ergatterte das Quartett noch einen Platz auf der kleinen Außenterrasse. Alex hatte nicht übertrieben, was die Portionen in diesem Etablissement betraf. Während sie ihren Kuchen mit Genuss verschlangen, ihre heiße Schokolade tranken, hatten sie ihren Spaß beim Beobachten des Wachpostens gegenüber. Der musste, ohne auch nur die geringste Regung zu zeigen, das Fotografieren und die Zurufe der vielen Touristen über sich ergehen lassen.

Auf der Rückfahrt überquerten sie den »Pont Grand-Duchesse Charlotte«, im Volksmund »Rote Brücke« genannt, eine rote Stahlkonstruktion, die das Zentrum mit dem Europaviertel auf dem Kirchbergplateau verbindet. Das Bauwerk überspannt das Pfaffental. Emma wunderte sich über die hohe Schutzwand auf der Brücke und Alex erzählte, dass gerade diese Brücke, aus welchen Gründen auch immer, Selbstmörder magisch anzog. Die landeten dann zerschmettert auf den Dächern und in den Gärten der darunter stehenden Häuser. Um dies zu verhindern, sei 1990 diese Schutzwand errichtet worden. Sie erreichten den Kirchberg mit all seinen faszinierenden Bauten, eine total andere Welt als die Altstadt.

»Hier müsste man eine Tagestour einplanen, um alles Wichtige zu sehen«, stellte Alex fest, bevor er auf die Autobahn abbog. Emma wollte noch etwas über die Kasematten hören.

»Die Kasematten?«, sagte Alex. »Tja, was soll ich erzäh