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Als Max Rossmann die geheimnisvolle Folksängerin Alice Bay in einem halb leeren Musikclub spielen sieht, bricht er bei einem ihrer Lieder unvermittelt in Tränen aus. Ist es möglicherweise, weil die Musikerin mit den dicken Brillengläsern denselben Vornamen wie seine Exfreundin trägt, der er nachtrauert? Er nutzt seine Stelle als junger Lokalreporter bei der konservativen Tageszeitung «Der Anzeiger» für ein Interview, die beiden kommen sich näher – bis die Musikerin spurlos verschwindet. Dass dafür seine Exfreundin Alice Zidane wieder in sein Leben tritt, macht es ihm nicht einfacher, seinen Tagesgeschäften nachzugehen: eine Kunstgalerieeröffnung, eine Serie von rätselhaften Hunderissen rund um die Stadt, das Jubiläum der Vereinigung der Antiquare. Auch ein anonymer Anrufer macht ihm das Leben schwer – und plötzlich ist Alice Bay wieder da. Ein wunderbar atmosphärisches Buch über eine Jugend zwischen Liebesnöten und politischen Zwängen, zwischen Ohnmacht und Coolness, unterlegt mit dem melancholischen Soundtrack der Siebzigerjahre.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2022
Über dieses Buch
Als Max Rossmann die geheimnisvolle Folksängerin Alice Bay in einem halb leeren Musikclub spielen sieht, bricht er bei einem ihrer Lieder unvermittelt in Tränen aus. Ist es möglicherweise, weil die Musikerin mit den dicken Brillengläsern denselben Vornamen trägt wie seine Exfreundin, der er nachtrauert? Er nutzt seine Stelle als junger Lokalreporter bei der konservativen Tageszeitung «Der Anzeiger» für ein Interview, die beiden kommen sich näher – bis die Musikerin spurlos verschwindet.
Dass dafür seine Exfreundin Alice Zidane wieder in sein Leben tritt, macht es ihm nicht einfacher, seinen Tagesgeschäften nachzugehen: eine Kunstgalerieeröffnung, eine Serie von rätselhaften Hunderissen rund um die Stadt, das Jubiläum der Vereinigung der Antiquare. Auch ein anonymer Anrufer macht ihm das Leben schwer – und plötzlich ist Alice Bay wieder da.
Ein wunderbar atmosphärisches Buch über eine Jugend zwischen Liebesnöten und politischen Zwängen, zwischen Ohnmacht und Coolness, unterlegt mit dem melancholischen Soundtrack der Siebzigerjahre.
Foto Ayșe Yavaș
Frank Heer, 1966 in Uzwil bei St. Gallen geboren, ist Redaktor für Musik und Film bei der «NZZ am Sonntag». Er schreibt als Freelancer für Publikationen wie «Das Magazin», «Die Zeit» oder «Schweizer Familie». Von 1995 bis 2005 lebte er als Korrespondent in New York. 2005 erschien bei Hoffmann & Campe sein Romandebüt «Flammender Grund». Frank Heer ist nebenberuflich Musiker und veröffentlichte mit verschiedenen Formationen zahlreiche Tonträger. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.
Frank Heer
Alice
Roman
Limmat Verlag
Zürich
«What do you wanna do?» he asked me.I said, «be a star.» «How big of a star do you wanna be?» «How big is the limit?» I asked.
Judee Sill (1972)
Ich zog die Schuhe aus und ging die Treppe hoch, vorbei am kleinen Bleistiftakt (füllige Frau, seitwärts liegend, den Hintern dem Betrachter zugewandt) und dem Stillleben mit Fasan und etwas Obst. Im Gang passierte ich das Schlafzimmer der Eltern, das große Badezimmer, das Büro des Vaters. Am Ende des Korridors öffnete ich die Tür zu meinem alten Zimmer. Ich trat ein, warf einen Blick auf den Schreibtisch, zögerte, dann setzte ich mich und ging durch die Schubladen. Pfadfinderdolch, Taschenlampe, Kassetten, Maultrommel, Postkarten, Led-Zeppelin-Aufnäher, Ausgaben der Schülerstimme, ein Passfoto von Alice: lauter Dinge, die mich nichts mehr angingen. In einem Wildlederbeutel fand ich eine Streichholzschachtel, auf dem die Skyline von Manhattan abgebildet war. Als ich sie aufstieß, fiel mir ein Haschkrümel in die Hand, schwarz und winzig wie der Kopf einer Fliege. Ich legte ihn zurück in die Schachtel und steckte sie ein.
Das Zimmer war mit einem größeren verbunden, in dem sich eine Kommode, ein Schrank und das Bett befanden. Auf der Matratze lag der Mantel, bis zum Kragen zugeknöpft. Der Raum hatte einen schmalen Balkon mit Ausblick in den Garten. Ich öffnete einen Flügel der Fenstertür und trat hinaus. Der Swimmingpool war zugedeckt, auf der Plache hatte sich Laub angesammelt.
Das Haus meiner Eltern gehörte zu den äußersten im Quartier, danach kam ein weites leeres Feld, dessen Ende Telefonmasten markierten, die einer Kantonsstraße folgten. Dahinter begann das seltsame Land der Nutzwälder und Maisfelder, der aufblasbaren Tennishallen und Vita-Parcours, der Bauernhöfe und Pferdeweiden.
Ich hörte den Vater nach dem Hund rufen, ungeduldig und schärfer im Ton als gewöhnlich, dazwischen kurze Pfiffe, gefolgt von Stille. Schließlich fiel die Haustür ins Schloss.
Als ich seine Schritte hörte, nahm ich den Mantel vom Bett und ging nach unten. Mutter hatte in der Küche gedeckt, es gab Kaffee und Zitronenkuchen. Der Vater war ohne den Hund zurückgekommen.
«Wie läuft es bei der Zeitung?», fragte er zerstreut.
«Gut», nickte ich.
«Was schreibst du gerade?»
«Nichts Besonderes.»
«Niemanden im Visier?»
«Nein.»
Der Küchenboden sowie die Wand über dem Herd waren mit froschgrünen Kacheln besetzt, die Geschirrschränke aus dunklem Holz. An der Wand hing eine Quarzuhr. Es war 16:43 Uhr. Unter dem Kühlschrank stand der Napf für den Hund. Er war voll.
«Es wäre nicht das erste Mal», sagte die Mutter.
«Das macht überhaupt keinen Sinn, er muss doch Hunger haben …», sagte der Vater.
«Wir essen fast nur noch in der Küche», sagte die Mutter, ohne jemanden anzusehen. «Der Tisch im Esszimmer ist zu groß für uns beide.»
«Ich kann mir das nicht erklären», schüttelte der Vater den Kopf. Wieder stand er auf, um in den Garten zu gehen. Ich kann mich nicht erinnern, mit meinen Eltern jemals in der Küche gegessen zu haben. Es fühlte sich seltsam an. Das Esszimmer war ein paar Schritte entfernt, es gab sogar eine Durchreiche.
«Hast du den Mantel gefunden? Vater hat ihn gestern aus der Reinigung geholt.»
Zum ersten Mal fielen mir die hellbraunen Flecken auf ihren Handrücken auf. Das Neonlicht machte sie älter. Nur die Haare waren noch immer kastanienbraun und tadellos frisiert. Sie hat ihren Stil nie geändert. Stets war sie angezogen, als erwarte sie Besuch: Bluse, dunkler Jupe, Strümpfe, Schuhe mit hohen Absätzen. Ein wenig Puder im Gesicht. Wenn ich es mir genau überlege: Ich hatte sie noch nie im Nachthemd gesehen. Oder ohne eine ihrer klobigen Halsketten.
Meine Eltern sprachen nur das Nötigste miteinander. Immer ging es um Praktisches. Du machst dies, ich mache das. Ihr Konsens war die Musik. Die Stereoanlage musste den Vater ein Vermögen gekostet haben, auch wenn sie nur sonntags zum Einsatz kam. Dann zog er eine der Platten aus dem Regal, Bruckner, Beethoven, Tschaikowsky, legte sie auf den Teller, reinigte das Vinyl mit einem Tuch und senkte den Tonarm. Nach ein paar Takten sagte sie: Mach ein bisschen leiser, Walter. Er: Dann gehen die Nuancen verloren. Sie: Es ist zu laut. Er trank seinen Cognac, sie ihren Hagebuttentee. Er in Pantoffeln und Manchesterhose, sie in Schuhen mit hohen Absätzen. Als sei sie nur zu Besuch. Jeden verdammten Sonntagnachmittag das gleiche Theater, mit oder ohne Zuschauer. Als Kind hatte ich mir immer einen Bruder gewünscht. Einen Verbündeten gegen die Rituale der Eltern. Stattdessen gab es eine Schwester, sie starb zwei Monate nach der Geburt.
«Ich kann mir das nicht erklären», sagte mein Vater, wie er wieder in der Küche stand. Er starrte verzweifelt auf das Futter im Napf. «Armstrong hat noch nichts ge-fressen.»
«Es wäre nicht das erste Mal», sagte die Mutter, «sicher fehlt ihm der Auslauf. Hunde brauchen Bewegung. Du gehst zu wenig nach draußen mit ihm.»
«Du verstehst nichts von Hunden, Marianne.»
Er setzte sich erschöpft an den Tisch, während sie aufstand und das Geschirr ins Spülbecken legte. Wenn er das eine tat, tat sie das andere. Als hätten sie sich abgesprochen. Meine Eltern steckten unter einer Decke. Einer Decke der Beherrschung. Es war ein Zustand, den ich verachtete – und billigte, weil mir keine Alternative einfiel. Vielleicht richtet man sich irgendwann einfach nach den Umständen. Letztlich ist alles eine Frage des Überlebens. Man gibt nach, das ist menschlich.
«Ich geh dann mal raus», sagte ich.
Vor dem Pool zündete ich mir eine Zigarette an. In den Nachbarhäusern waren die Vorhänge zugezogen. Sie leuchteten dunkelrot oder dunkelgrün oder orange, der Himmel über den Dächern war fast schon erloschen. Es roch nach Moder und nasser Erde. Auf einer Pfütze hatte sich eine Haut aus Eis gebildet. Ich ging über den Rasen bis ans Ende des Grundstücks, wo hohe Haselnussstauden wie Speere in den Himmel stachen. Sie gehörten zum Garten einer Familie, die vor kurzem ins Quartier gezogen war. Der Hausherr, ein Sekundarlehrer, hatte an der Grenze zum Grundstück meiner Eltern einen kleinen Tümpel mit Schildkröten und Schilf angelegt, Seerosen im Sommer. Seither stritten sich mein Vater und er über den exakten Verlauf der Grenze und die toten Frösche in unserem Pool. Ich schnippte den Zigarettenstummel über den Maschenzaun in den Teich. Dann pfiff ich durch die Finger, lauschte, pfiff erneut, diesmal länger, schließlich ging ich ums Haus herum und trat auf ein schmales Sträßchen, geteert, das zu einem Spielplatz führte, wo wir uns als Kinder immer getroffen hatten. Er war durch eine Hecke geschützt. Eine Laterne tauchte die Anlage in ein bleiches Licht. Es gab eine Wippe, ein Klettergerüst aus Stahl, eine Rutsche, einen Sandkasten und eine Doppelschaukel. Ich setzte mich auf eine Bank und nahm die Schachtel mit dem Haschkrümel aus der Tasche. Neben dem Sandkasten bemerkte ich etwas Dunkles.
Erst hielt ich es für eine Jacke oder einen schwarzen Pulli, dann glaubte ich, etwas Pelziges zu erkennen. Ich stand auf und näherte mich dem Knäuel. Als ich ein Streichholz anzündete, sah ich hellrotes Fleisch, zerrissenes Fell und Gedärme überall. Ich unterdrückte einen Schrei und ließ die Flamme fallen.
Später stand ich mit dem Vater an der Hecke. Zwei Polizisten hatten Schweinwerfer aufgestellt und suchten das Gelände ab. Ein Mann in Gummistiefeln und grüner Fischerweste machte Fotos von dem, was von Armstrong übrig geblieben war. Auch vom Kopf, den die Beamten hinter der Sitzbank gefunden hatten. Dann zupfte er eine Visitenkarte aus einer seiner zahllosen Westentaschen und überreichte sie meinem Vater. Er war der Wildhüter und erklärte uns, dass es sich bereits um den fünften Riss innerhalb dreier Wochen handelte, weshalb man ihn auf den Plan gerufen habe, auch wenn man Hunderisse gewöhnlich der Polizei überlasse, das passiere immer wieder, sagte er, leider, Hunde gehörten an die Leine, doch da sich die Vorfälle nun häuften, würde er die Geschehnisse genauer untersuchen, vermute man doch, dass die Risse von ein und demselben Tier verübt worden seien. Der Wildhüter zündete sich eine Zigarillo an. «Das Seltsame an der Sache ist, dass es seine Beute frisst.»
«Ist das nicht normal?», fragte ich.
«Kommt darauf an. Wild lebende Raubtiere jagen zur Nahrungsaufnahme. Von ihrem Opfer bleibt nur wenig übrig. Wildernde Hunde dagegen folgen einem Trieb. Sie jagen, um zu jagen, nicht aus Hunger. Sie schütteln oder beißen ihre Beute zu Tode und lassen dann von ihr ab.»
«Das heißt, dass Armstrong von einem Wildtier getötet wurde?», fragte mein Vater.
«Es macht den Anschein», sagte der Mann. Er wiegte den Kopf ein paarmal hin und her, bevor er ihn entschlossen schüttelte. «Aber ich kann es mir nicht vorstellen.»
Im Bus zurück in die Stadt war ich der einzige Fahrgast. Ich drückte den Haschkrümel in eine Zigarette und rauchte sie auf der hintersten Bank. Beim Bahnhof stieg ich aus und schloss mein Rad auf. Die Straßen waren leer gefegt, doch die Schaufenster leuchteten, als wären sie bewohnt. Vor einem Geschäft für Musikanlagen, Videokameras und Fernsehapparate hielt ich an und betrachtete mich auf einem der Farbbildschirme. Ich trug den schwarzen Wintermantel, einen roten Schal, Jeans und weiße Tennisschuhe. Meine Haare waren kürzer als früher. Ich schnitt eine Grimasse und rückte mit dem Zeigefinger die John-Lennon-Brille nach oben, dann fuhr ich weiter. Der Gepäckträger klapperte gefährlich, als ich über das Kopfsteinpflaster hinunter zum Fluss rollte. Ich nahm eine schmale Gasse, von der ich annahm, dass sie eine Abkürzung zur Brücke war, doch auf halber Strecke bog sie nach rechts und endete in einem schlecht beleuchteten Hof. Zwischen einem Perückenladen und der Praxis für orthopädische Schuheinlagen warf ein grüner Leuchtkasten einen fahlen Schimmer auf ausgestopfte Tiere. Einen Fuchs in Kauerstellung, Vögel auf Ästen, eine Echsenart, zwei Katzen und ein Tableau mit aufgespießten Käfern. Hackmuths Tierpräparate, stand in kunstvollen Lettern auf der Schaufensterscheibe. Seit 1907.
Ich radelte ein Stück weit den Fluss entlang. Kastanienblätter bildeten nasse Haufen. Schließlich überquerte ich die Zollbrücke zur Neustadt. Ich hatte keine Lust, nach Hause zu gehen. Möglich, dass im Florida noch jemand saß, den ich kannte.
NEBEN DEM EINGANG stand die Jukebox mit den verchromten Kantenbeschlägen und dem gelb leuchtenden Bauch. Durch die Scheibe sah man die Mechanik und den sich drehenden Plattenteller. Jemand hatte Lady in Black von Uriah Heep gedrückt. Der Song war nicht auszurotten. In einer Ecke gab es eine kleine Bühne, höchstens kniehoch, auf der ein Notenständer vor einem Hocker stand, daneben ein Gitarrenkoffer.
Fast alles im Florida war schwarz: Wände, Decke, Fußboden, Tische, Stühle. Nur die Bar war dunkelrot gestrichen. Ich setzte mich an die Theke und bestellte ein Bier.
«Konzert heute?», fragte ich den Barkeeper.
Er hörte mich nicht, weil die Jukebox zu laut dröhnte.
«KONZERT HEUTE?», rief ich noch einmal.
«Ja.»
«Wer?»
Der Barkeeper zuckte gleichgültig mit den Schultern. «Alice Irgendwas …»
Eine junge Frau betrat die Bühne. Sie hob ihre Gitarre aus dem Koffer und drehte konzentriert an den Wirbeln. Dabei strich sie mit den Kuppen ihrer Finger über die Saiten. Sie trug Jeans und einen schwarzen Pullover mit Rollkragen. Auf ihrer schmalen Nase saß eine riesige Brille mit dicken Gläsern, die ihre Augen vergrößerten. Sie sah aus wie eine Bibliothekarin, ihre Haare hatten die Farbe von Honig. Sie waren lang und gewellt und schienen im Scheinwerferlicht zu glühen. Um den Hals trug sie eine Kette, an der ein Kreuz aus Holz hing.
Das Stimmen dauerte eine Ewigkeit, endlich schlug die Musikerin ein paar Akkorde an, nahm die Brille ab, legte sie in den Koffer und beugte sich zum Mikrofon. «Hallo. Ich heiße Alice Bay.» Sie sprach ihren Namen amerikanisch aus. «Könnte jemand … könnte jemand die Jukebox ausschalten … bitte.» Jemand pfiff durch die Finger. Gelächter. Als die Jukebox schwieg, räusperte sie sich und begann ein langsames Lied zu spielen. Sie sang mit geschlossenen Augen. Ihre Stimme war makellos und klar und strahlte, besonders in den Höhen, etwas Beflissenes aus. Aber da war auch etwas Dunkles in den tieferen Lagen, ein schattenhaftes Timbre, das eine merkwürdige Unruhe in mir weckte.
Ich trank mein Glas in schnellen Zügen leer.
«Noch eins?», fragte der Barmann. Ich nickte abwesend und suchte nach meinen Zigaretten, um mich an irgendetwas festzuhalten. Auch die Geschwätzigen im Publikum waren plötzlich still geworden und lauschten der Sängerin so andächtig, als seien sie Zeugen eines Wunders. Dann, während des dritten oder vierten Songs, geschah etwas Seltsames: Ich begann zu weinen.
Am Ende des Stücks klatschte ich wie ein Idiot. Vielleicht tat ich es, um von meinem Tränenausbruch abzulenken, der vom Barkeeper bemerkt worden war.
«Alles in Ordnung?», fragte er.
«Was?», stammelte ich.
«Ob’s dir gut geht.»
«Mir? Klar. Nein … keine Ahnung.»
Ich hielt es für einen müden Scherz des Schicksals, dass die Folksängerin, die mich mit einem traurigen Lied aus der Fassung brachte, denselben Vornamen trug wie meine Ex.
Alice Bay spielte keine Zugaben. Sie setzte sich die Brille auf, fuhr mit einem Tuch über die Saiten und legte die Gitarre zurück in den Koffer. Als sie von der Bühne stieg, sah ich, dass sie barfuß war. Um den linken Knöchel trug sie eine türkisfarbene Kette. Ihre Füße waren schmal und weiß wie Wiesel. Sie verschwand in Begleitung eines baumlangen Kerls mit Motorradjacke und langen Haaren durch eine Tür hinter der Bar. Darüber leuchtete ein grüner Kasten: NOTAUSGANG.
Zuhause lag ich lange wach. Das Licht einer Straßenleuchte sickerte durch die Vorhänge auf das Filmposter von Spiel mir das Lied vom Tod, Weltformat, das über meinem Bett hing. In der Ecke kauerte ein Fauteuil aus rissigem Leder, dahinter stand eine kopflose Schaufensterpuppe. Sie hatte einen hellbraunen Körper mit Beinen wie Stelzen, kleine Brüste und zehenlose Füße. Ich stellte mir Alices Brüste vor, die Haare zwischen ihren Beinen, und dachte an unser Wochenende in Paris im November vor drei Jahren. Wir hatten uns Ultimo tango a Parigi mit Marlon Brando angesehen. Nach der Vorstellung war sie sauer. Alice war der Ansicht, Bertolucci habe seine Kunst missbraucht. «Wie kann ein Sozialist wie er einen Film drehen, der nicht nur zum Kotzen ist, sondern auch noch einen Kotzbrocken in der Hauptrolle hat? Statt Stellung zu zeitpolitischen Fragen zu nehmen, kapituliert er vor der eigenen Geilheit.»
«Nicht jeder Film muss politisch sein.»
«Das war eine Vergewaltigung», protestierte Alice.
Sie war so unsäglich reif. Es ging ihr stets ums Prinzip. Sie hatte es auch widerlich gefunden, dass im Redaktionsbüro der Schülerstimme ein Mao-Poster hing. «Mao! Jeder ideologisch nicht vollkommen zubetonierte Mensch sollte mittlerweile kapiert haben, dass Mao kein Popstar, sondern ein Verbrecher ist.» Und bevor ich etwas hinzufügen konnte, war sie schon beim nächsten Thema. Zum Beispiel, dass sie bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag das Gesamtwerk von Balzac gelesen haben wollte. Ich war verrückt nach ihr.
ICH HATTE DASFlorida noch nie von außen und bei Tageslicht betrachtet. Das Gebäude befand sich in einer Gegend, die man wenn möglich nur nachts besuchte. Ein hässliches Haus mit rußiger Fassade an einer stark befahrenen Straße. Großflächig bröckelte der Verputz. Die Fensterläden unter dem Dachüberstand waren geschlossen.
Drinnen stank es nach kaltem Rauch, verschüttetem Bier und Putzmittel, die Stühle standen noch auf den Tischen. Ein Typ mit Pferdeschwanz klatschte einen Lappen auf den Boden und zog nasse Bahnen durch den Raum. Auf der Bühne lag die Liste mit den Liedern, die Alice Bay gestern Nacht gesungen hatte. Ich faltete das Blatt zusammen und steckte es ein. Der Pferdeschwanz rief mir zu, dass der Laden erst ab sieben geöffnet sei. Ich rief zurück, ob ihm der Club gehöre. «So ungefähr», antwortete der Mann. Er stellte seinen Schrubber zur Seite und zupfte sich eine Selbstgedrehte vom Ohr. Ich sei Reporter bei beim Anzeiger, sagte ich ihm, und wolle ein Interview mit Alice Bay führen. Der Mann verschwand hinter der Theke und schrieb eine Nummer auf einen Bierdeckel. «Alice spielt hier nächste Woche wieder», sagte er. «Wenn’s gut läuft, jeden Freitag. Wir könnten ein bisschen Werbung gebrauchen.» Er steckte sich die Zigarette an und zog den Rauch bis in die Knie. Ich roch sofort, dass es Gras war. Er reichte mir den Joint und kniff ein Auge zu. «Eins-a-Ware.»
Ich schüttelte den Kopf. «Danke. Wie seid ihr auf Alice Bay gekommen?»
«Ihr Manager hat uns eine Kassette vorbeigebracht. Klang ganz gut. Aber wenn’s so läuft wie gestern, blasen wir die Übung ab.» Er nahm einen neuen Zug und hielt den Atem an, bis ihm die Schwaden aus der Nase quollen. «Verspannter Typ.»
«Wer?»
«Ihr Manager.»
«Der mit der Lederjacke?»
«Der Lange. Hast du seine Augen gesehen? Diese Leute sind wie Gift.»
Ich steckte den Bierdeckel in die Manteltasche. «Danke.»
«Easy.»
Zu Hause wählte ich sofort ihre Nummer. Ein Mann nahm den Anruf entgegen. Ich fragte nach Alice Bay, worauf er mehrmals ihren Namen in einen Raum bellte, der hohl klang. Dann kam Alice ans Telefon. Ich sagte ihr, dass ich das Konzert am Vorabend gesehen hätte und dass ich für den Anzeiger ein Gespräch mit ihr führen wolle. «Für die Jugendseite.»
«Ein Interview?»
«Ja, genau.»
Für ein paar Sekunden war es still.
Dann fragte Alice, warum mir das Konzert gefallen habe, worauf mir keine bessere Antwort einfiel, als dass ich ihre Stimme mochte. Ich hörte, wie sie an einer Zigarette zog und den Rauch in die Muschel blies.
«Was ist mit meinen Songs? Glauben Sie, dass eine gute Stimme einen schlechten Song retten kann?»
«Um die Musik zu beschreiben, fehlen mir im Moment noch die Worte», antwortete ich etwas steif, weil ich nicht wusste, was sie mit ihrer Frage bezwecken wollte. Wollte sie mich testen?
Alice lachte. «Das versteh ich als Kompliment.»
Wir verabredeten uns für Donnerstagnachmittag. Im Tearoom Siesta, gegenüber der Redaktion.
EDI BREITSCHEITEL, BEKENNENDER Kulturbanause und mein direkter Vorgesetzter beim Anzeiger, hatte mich auf die Eröffnung einer neuen Galerie in der Altstadt angesetzt. «Dein Revier», sagte er und meinte die Kultur, nicht das Quartier. Die Galerie befand sich im Parterre eines Hauses, beste Lage, frisch renoviert, hellblaue Fassade. Der Andrang war beachtlich. Die Galeristin, eine dürre Endfünfzigerin, aufgedonnert und mit rot gefärbten Haaren, schien alle zu kennen. Der Künstler war schnell auszumachen, ein bleiches Söhnchen mit Hornbrille, kaum älter als ich, der nicht von ihrer Seite wich. Die wenigsten Gäste interessierten sich für ihn, noch weniger für seine Kunst. Auch ich hatte es aufgegeben, in dem Gedränge mehr als einen flüchtigen Blick auf die abstrakten Zeichnungen zu werfen, und verzog mich mit einem Orangensaft in eine freie Ecke am Fenster. Endlich ergriff die Galeristin das Wort, und ich nahm mein Notizbuch hervor. Sie führte aus, wie glücklich sie sei, «unsere Stadt» mit der Eröffnung ihrer Galerie um einen «Ort der Kultur zu bereichern». Es sei ihr «ein Herzenswunsch», die Kunst zu fördern, insbesondere die junge. Dabei legte sie ihren schützenden Arm um die schmale Schulter ihres Günstlings. Die Leute klatschten begeistert, und ich war froh, als ich Erwin draußen aus seinem Auto steigen sah, hastiger Blick auf die Armband-uhr, Kamera um den Hals, Zigarette zwischen den Lip-pen. Er eilte über den Vorplatz der Galerie zum Eingang und bahnte sich einen Weg durchs Gedränge zu mir. «Ich schätze, dass ich die Eröffnungsrede verpasst habe», murmelte er gleichgültig. Er ließ seinen Fotografenblick schweifen.
«Richtig», antwortete ich.
«Gott sei Dank.»
Erwin stieg auf einen Stuhl und drückte ein paarmal ab. Dann wechselte er das Objektiv.
«Die Braut habe ich mir anders vorgestellt», raunte er mir zu, als er wieder neben mir stand und sich eine Zigarette aus der Packung klopfte.
«Welche Braut?»
«Na, die Tante.»
«Die Galeristin?»
«Ja. Die Frau unseres Verlegers.»
«Was sagst du? Unseres Verlegers?»
Erwin sah mich entgeistert an. «Wusstest du nicht?»
«Nein.»
«Was denkst du, warum wir hier sind? Er hat die Hütte gekauft und renoviert. Und seiner Gemahlin die Galerie im Parterre geschenkt. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die etwas von Kunst versteht. Schau dir das Gekritzel an.»
Nun dämmerte mir, woher ich das Haus kannte. «War hier mal eine Buchhandlung?»
«Was fragst du mich? Ich bin der Fotograf.»
«Natürlich, jetzt fällt es mir ein. Ein Antiquariat!»
«Mag sein. Brauchen wir noch Nahaufnahmen?»
«Nacktaufnahmen?»
«Na, von der Tante.»
«Ach so … Keine Ahnung. Ich bin hier nur der Reporter.»
Am Abend spielte im Industriequartier Die letzte Chance. Das Konzert fand im Keller eines alten Fabrikgebäudes statt, vor dem ein paar Dutzend Fahrräder standen. Aus dem Erdgeschoss grollten die Bässe. Im Treppenhaus roch es nach Heizöl und Zigaretten, entlang der Wände brannten Friedhofskerzen. Vor dem einzigen Klo bildete sich eine Schlange. Die Band spielte in einem engen Kellerraum mit gewölbter Decke, der so voll war, dass ich die Musiker kaum sehen konnte. Der Sound war laut und hart und schnell, und der Sänger wieherte wie ein Pferd. Ein paar Leute tanzten, die meisten quatschten. Ich drängte mich zur Bar. Ein blondes Mädchen im Wildledermantel bat mich um Feuer. Sie war hübsch und machte ein langes Gesicht.
«Gefällt dir die Musik?», schrie ich ihr ins Ohr.
«Was?»
«GEFÄLLTDIRDIEMUSIK!»
Sie zuckte mit den Achseln und schrie zurück: «ICHKENNEDENBASSISTEN.» Dann begann sie, in ihrer Umhängetasche zu wühlen, kramte ein Bündel Flugblätter hervor und reichte mir eines. Ich versuchte zu lesen, was darauf stand, doch es war zu dunkel, also steckte ich den Zettel ein. Ich nahm die Treppe in den ersten Stock, wo es eine provisorisch eingerichtete Cafeteria gab. An den Wänden hingen Plakate. Auf einem stand: Die Menschen sind ihrer Anlage nach nicht für die Ordnung gemacht, sondern werden zur Ordnung erzogen. Sie glauben an die Notwendigkeit einer zentralen Autoritätsstruktur. Eine solche Ordnung muss zerschlagen …
«Max?»
Ich drehte mich um. «Jolanda?»
Ich kannte sie vom Gymnasium, Parallelklasse, sie hatte gelegentlich für die Schülerstimme geschrieben. Politik, Umwelt, Kunst.
«Bist du wegen des Konzerts hier?»
Ich nickte.
«Und? Gut?»
«In Ordnung. Ein bisschen wie Roxy Music …»
«Kenn ich nicht.»
«Arbeitest du hier?»
«Manchmal. Ich bin im Vorstand. Da packt man an, wo was anfällt.»
«In der Cafeteria?»
«Auch, aber eigentlich organisierte ich die Gesprächsreihe für die Autonome Schule.»
«Autonome Schule?»
«Ja, so nennen wir das hier. Eine Art selbst organisiertes Bildungsprojekt. Du solltest mal was schreiben über uns. Wir bieten auch Deutschkurse für Ausländer. Kostenlos. Und eben: Bildung. Letzten Sonntag ging es um Selbstermächtigungsstrategien, heute Abend hatten wir ein Referat zum Thema «Faschismus heute». Leider war der Anlass schlecht besucht. Vermutlich wegen des Konzerts im Keller … obschon man im Prinzip beides hätte tun können, also erst Referat, dann Konzert … Es ist übrigens nicht alles politisch, was wir machen. Hast du das Programm gesehen?» Jolanda reichte mir ein Faltblatt. «Bist du zum ersten Mal hier?»
«Ja.»
Sie seufzte. «Ich war den ganzen Abend in der Cafeteria. Hast du dich im Haus umgesehen?»
«Wollte ich gerade.»
«Ich mach hier sowieso dicht. Ich zeig dir, was es so gibt.»
Jolanda wischte die Tische sauber, und ich half ihr, die schmutzigen Tassen und Gläser auf die Theke zu stellen. Dann führte sie mich in den obersten Stock. Wände und Türen waren mit Plakaten verhängt oder bunt gestrichen.
«Kannst du davon leben?», frage ich.
«Wovon?»
«Von der Arbeit hier.»
Jolanda lachte. «Ich studiere Architektur. Aber ich glaube nicht, dass ich jemals Architektin werden möchte.»
«Warum nicht?»
«Ich interessiere mich für Häuser, die schon gebaut sind, nicht für Häuser, die gebaut werden müssen. Dafür, was haften bleibt von den Menschen, die in den Räumen leben, über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Und was an den Menschen haften bleibt, von den Wänden, zwischen denen sie leben. Oder lebten … Macht das Sinn?»
«Klar. – Was war das früher mal?»
«Das Gebäude hier? Eine Staubsaugerfabrik. Ging in den Sechzigern Pleite und stand lange leer. Dann hat die Stadt das Grundstück im Baurecht erworben. Wir können bleiben, bis klar ist, was damit passiert. Soviel ich weiß, steht es unter Denkmalschutz. Vermutlich werden Büros einziehen. Die Bürgerlichen wollen uns hier raushaben, so viel steht fest … Das ist übrigens die Werketage. Achtundzwanzig Künstlerinnen und Künstler teilen sich zwölf Arbeitsplätze in fünf Ateliers. Und eine Töpferei. Und da vorne, am Ende des Gangs, ist das Kominform.»
«Kominform?»
Jolanda lachte. «Das kommunistische Informationsbüro.»
«Verstehe.»
Im dritten Stock saß eine Gruppe von Frauen und Männern auf der Treppe, die aufgebracht diskutierten. Jolanda flüsterte. «Das ist die Theaterwerkstatt. Die proben seit Monaten ein Stück von Augusto Boal. Übrigens: Ich mag deine Filmrezensionen.»
«Du liest den Anzeiger?»
«Meine Eltern haben ihn abonniert. Ich möchte mir ein Bild von der Welt machen. Ich finde, wer nur linke Zeitungen liest, ist borniert … Sag mal, bist du noch zusammen mit Alice?»
«Nein. Das ist schon länger vorbei.»
«Ihr wart ein gutes Paar.»
Fast hätte ich Danke gesagt.
Ich hatte Alice im Herbst 1971 kennengelernt. Ich war neunzehn, und es war mein letztes Jahr am Gymnasium, wo ich die Leitung der Schülerstimme übernommen hatte. Die Zeitung war das Sprachrohr des Autonomen Studentenrats, der sich gegen den Krieg in Vietnam oder für eine Hanfplantage zu Forschungszwecken (haha) im Gemüsegarten der Schule starkmachte. Die Wände im Redaktionszimmer waren mit Plakaten und Pamphleten tapeziert, im Kühlschrank gab es Bier und Afri Cola. Eines Mittags stand eine Schülerin namens Alice Zidane an meinem Pult. Sie sprach ihren Vornamen Französisch aus. Ich hatte sie hie und da im Filmclub gesehen: kurze dunkelbraune Haare, sportlich, widerspenstiger Blick, meistens alleine. Sie drückte ihre Filterlose in meinem Aschenbecher aus und sagte, sie interessiere sich für Journalismus und wolle sich bei der Schülerstimme nützlich machen. «Außerdem mag ich deine Filmrezensionen. Sie tragen zur Entschleierung des Blicks auf die Welt bei.»
Ich verstand nicht wirklich, was sie mit der Entschleierung des Blicks auf die Welt meinte, doch ich mochte den Satz und verliebte mich sofort in sie.
Ich tat, was ich konnte, um sie zu beeindrucken: Zeigte ihr das Fotoarchiv und die Dunkelkammer. Schenkte ihr den kurzen Brief zum langen Abschied von Peter Handke (den Fänger im Roggen hatte sie schon gelesen). Führte sie an die Stelle im Schulgarten, an welcher der Studentenrat die Hanfplantage anzulegen plante. Nahm ihr After the Gold Rush von Neil Young auf Kassette auf. Wir trafen uns immer öfter. Alice hielt gerne lange Monologe über tiefschürfende Dinge, über die ich noch nie nachgedacht hatte. Sie interessierte sich für Psychologie und schwärmte von Paris, wo sie ein Jahr lang mit den Eltern gelebt und wo der Vater, Architekt, an La Défense mitgearbeitet hatte. An einem Abend im Dezember sahen wir uns Zabriskie Point im Filmclub der Schule an. Ich war begeistert von der Explosion der Villa am Ende des Films: Wie der Inhalt eines Kühlschranks in Zeitlupe zur Musik von Pink Floyd über die Leinwand schwebte. Alice unterstrich den konsumkritischen Subtext. Eigentlich sei es ein Film über das Weglaufen, sagte sie. «Die Explosion ist nicht die Message, sondern der Showdown.»
