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Alice schwebt durch ihren scheinbar ereignislosen Alltag, immer auf der Suche nach einem guten Kaffee, Inspirationen und der Liebe. 200 Tage begleiten wir Alice Wellenhase durch ihr Leben in Berlin. Episoden des „la vie quotidienne“ wechseln sich ab mit Erinnerungen an Usbekistan und Russland, grotesken Träumen und erotischen Abenteuern, die Grenzen sind fließend und verschwimmen, wie im Leben jedes Menschen. Später kommt ihre Mutter hinzu ... und wir sind Alice ganz nah und mittendrin.Mal stürmt Alice spritzig-witzig und voller Power durch ihr Dasein, dann wieder lässt sie sich melancholisch-veträumt durchs Leben treiben. Alice bewegt sich durch Raum und Zeit, sie ist ein Soliton, ein Wellenpaket, das beim Zusammenstoß mit anderen solitären Wellen Energie austauscht. Ein Wunderland zwischen Alltag und Traum. Das aktuelle Werk der Künstlerin und Fotografin Marina Lioubaskina entzieht sich bewusst jeder Kategorisierung. Autobiografisches vermengt sich mit Fiktion, anekdotisch wird vom Leben der russischen Künstlerszene im heutigen Berlin erzählt, unterbrochen von Berichten aus dem Russland der Kriegs- und Nachkriegsjahre und dem Usbekistan zu jener Zeit, als das Land zur Sowjetunion gehörte. Mit Leichtigkeit, Ironie und Wortwitz fügt die Ich-Erzählerin Alice all dies zusammen ... ein großes Lesevergnügen. „Ihre Prosa ist originell, dynamisch in ihrer Entwicklung, und nicht vorhersehbar im positiven Sinne. Für mich ist das wahre zeitgenössische Prosa, nach der wir uns alle sehnen ...“ – Vladimir Sorokin
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2020
Marina Lioubaskina
Alice-Soliton
konkursbuch
Verlag Claudia Gehrke
Alice schwebt durch ihren scheinbar ereignislosen Alltag, immer auf der Suche nach einem guten Kaffee, Inspirationen und der Liebe. 200 Tage begleiten wir Alice Wellenhase durch ihr Leben in Berlin. Episoden des „la vie quotidienne“ wechseln sich ab mit Erinnerungen an Usbekistan und Russland, grotesken Träumen und erotischen Abenteuern, die Grenzen sind fließend und verschwimmen, aus einem Traum wacht man im Alltag auf, wie im Leben jedes Menschen. Später kommt ihre Mutter hinzu ... und wir sind Alice ganz nah. Mal stürmt Alice spritzig-witzig und voller Power durch ihr Dasein, dann wieder lässt sie sich melancholisch-verträumt durchs Leben treiben. Sie bewegt sich durch Raum und Zeit, sie ist ein Soliton, ein Wellenpaket, das beim Zusammenstoß mit anderen solitären Wellen Energie austauscht. Ein Wunderland zwischen Alltag und Traum.
„Ihre Prosa ist originell, dynamisch in ihrer Entwicklung, und nicht vorhersehbar im positiven Sinne. Für mich ist das wahre zeitgenössische Prosa, nach der wir uns alle sehnen ...“ – Vladimir Sorokin
Das aktuelle Werk der Künstlerin und Fotografin Marina Lioubaskina entzieht sich bewusst jeder Kategorisierung. Autobiografisches vermengt sich mit Fiktion, anekdotisch wird vom Leben der russischen Künstlerszene im heutigen Berlin erzählt, unterbrochen von Berichten aus dem Russland der Kriegs- und Nachkriegsjahre und dem Usbekistan zu jener Zeit, als das Land zur Sowjetunion gehörte. Mit Leichtigkeit, Ironie und Wortwitz fügt die Ich-Erzählerin Alice all dies zusammen ... ein großes Lesevergnügen.
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Zum Buch
Zur Einstimmung
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Ausklang
Autorin und Übersetzerin
Anmerkungen der Übersetzerin
Impressum
„Auf den Feldern, so weit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Ständen durcheinanderliegen, Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hülfe reichen, von dem, was sie zur Erhaltung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte.“
Heinrich von Kleist, „Das Erdbeben in Chile“
Alternative Buchtitel:
SOLITARY WAVE
DER ENGEL HAT ROTE BEINE
ALLTAG
SPAZIERGANG
Alle Personen und Handlungen und der gesamte Inhalt des Buches sind voll und ganz der Fantasie der Autorin entsprungen.
Barmherziger, lieber Gott unser aller, nicht zu durchschauendes Universum, gib den Seelen ein Zuhause und wärme sie: Alexandra, Alexandra, Fedor, Georgi, Andrej, Nikolaj, Ksenia, Elena, Ekaterina, Tamara, Swetlana, Elena, Vera, Saja, Esaja, Andrej, Anton, Wassili, Valentina, Kun-Tse, Kusma, Grigori, Iwan, Haile, Iwan, Iwan, Oleg, Michail, Mira, George, Gilia, Felix’ Vater, Lao-Tse, Bosor, Elena, Papas Brüder, Papas Eltern, Papas Schwestern, Tanjas Vater und Mutter, Isabella, Schota, Viktor, Bacha, Viktor, Isaak, Viktors Vater, Klaus, Anna, Heatht, Paul, Herr Rugel, Valerij, Vladimir, Oleg, Wjatscheslaw, Mahatma, Wjatscheslaw, Leonid, Kim, Friedrich, Nikolaj, Peter, Emma, Siddartha, Vladimir, Josif, Menkaur, Nina, Nina, Ramanudzhi, John, Katsushika, Pulat, Eva, Lorenzo, Said, Rustem, Leonardo, Agafja, Lakshmi, Olessja, Ibrahim, Artur, Gogi, Li, Georgina, Enrico, Felicitas, Jefim, Adolf, Isaak, Mohammed, Salomon, Hufu, Oksana, Fritz, Zarathustra, Pelageja, Larisa, Axel, Georgi, Valentin, Klaus, Adolat, Hanna, Atschila, Sumrat, Issat, Muamar, Salomat, Ferdinand, Hafra, Axel, Vlades, Inkas Vater, Andrzej, Tuchto, Elena und alle anderen Dahingegangenen (?) und nimm sie in die andere (?) Welt auf. Sie ist natürlich herrlich.
In Liebe und Zärtlichkeit
Ihre A.
Er beugte sich vor und biss sich den Schwanz ab. Ich saß hinter dem durchsichtigen Vorhang und betrachtete das alles beiläufig (bei welchem Lauf?). Durch den leichten Stoff hindurch, der sich in der Meeresbrise sanft bewegte, wirkte der Schwanz in seinem Mund wie die schlagende Schwanzflosse eines silbern schimmernden Fisches. Wahrscheinlich deshalb, weil er das Gehirn des Fisches verletzt hatte, das sich zwischen dem Ober- und Unterkiefer befand, tropfte eine gelblich-rötliche Flüssigkeit wie ein dünnes Rinnsal mit ein paar Klümpchen darin über sein Kinn in Richtung seines Adamsapfels und weiter, bis zu der Stelle, wo vor Kurzem noch sein Ding gewesen war, eine Flüssigkeit, die aussah wie die Schluckimpfung gegen Grippe, die sie uns in der Schule jedes Jahr zu Beginn des Winters verpassten, oder vielleicht am Ende des Herbstes (endlich fällt mir auf, wie sie dauernd einer nach dem anderen kommen, Herbst, Winter, Frühling, Sommer, und wir fahren immer ans Meer, braten in der Sonne, pulen den Sand aus unseren Genitalien und der Analöffnung, planschen im Salzwasser, fressen allinclusive, na ja, und trinken natürlich, jeder nach seinem Geschmack, manche was Stärkeres, bis zum völligen Abwinken). Ich kotzte.
Wer war er überhaupt? Warum hatte er sich an mich gehängt? Er war mir schon vom Hotel aus gefolgt. Ich sah mich nicht um. Ich hörte das Schlurfen und Klatschen seiner Badelatschen auf dem in der Hitze glühenden Asphalt. Schon gestern Abend hatte er mich mit seinem Blick durchbohrt, in der Bar. In meinen Ohren hatte sich der Song über Lady Jane eingenistet. Für lange. Für alle Ewigkeit. Natürlich hätte ich zu ihm gehen und ihm vorschlagen können, mit ihm zu schlafen, aber etwas hielt mich davon ab, entweder die Angst vor den Gewissensbissen und dem Schuldgefühl danach oder der Tampon in meiner Scheide. Vermutlich eher der Tampon, denn ich musste ihn wechseln wegen der Empfindungen, die ich plötzlich hatte. Sein bohrender Blick hatte mich so erregt, dass ich einen gewaltigen Orgasmus bekam, als ich auf dem Barhocker hin- und herrutschte. Er sah aus wie dreiundvierzig, wie ein Engländer, ein Professor der Numismatik, vielleicht auch nicht, vielleicht irre ich mich, er könnte durchaus auch Biologe sein, angesichts seines Spiels mit den Eiern. (Ich hatte ihn beim Frühstück beobachtet. Jedes Stückchen Eierschale untersuchte er von beiden Seiten mit einer dicken Lupe, er sah aus irgendeinem Grund auch hinter die Lupe, dann legte er die Lupe beiseite und schrieb etwas in ein kleines Notizbuch mit kackfarbenem Umschlag, auf dem das Wort Muiriled geschrieben war, wahrscheinlich der Name des Unternehmens, das dieses Notizbuch hergestellt hatte, oder vielleicht der Name der Stadt, in der der Biologe geboren wurde oder in der er lebt und arbeitet. Offensichtlich unterscheiden sich die hiesigen Eier von den englischen (?), wenn er sie so genau untersucht.)
Warum nur hat er sich den Schwanz abgebissen, überlegte ich. Ich sah noch einmal zu ihm hin. Ja, es war nur der Schwanz abgebissen, vergewisserte ich mich, die Eier hingen traurig herunter, schlugen in der leichten Brise aneinander, wie Glöckchen. Er hätte sich lieber einen runterholen sollen, wenn er sich schon so weit vorgebeugt hatte. Schließlich kann sich nicht jeder derart verrenken. Er konnte es, also ist er wahrscheinlich eher ein Zirkusartist der Extraklasse (und kein hochgelehrter Professor), ein Akrobat, ein Schlangenmensch. Das heißt, sein Körper ist geschmeidig und dehnbar, seine Muskeln und Gelenke hervorragend trainiert, er kann sich in alle Richtungen biegen. Außerdem überlegte ich, warum er es ausgerechnet jetzt getan hatte und nicht früher (gestern Abend in der Bar oder gleich nach dem Frühstück … Und warum beschäftigte mich das? Was ging er mich an? Vielleicht hatte ich ja in diesem lebenswichtigen Moment eine Wirkung auf ihn? Aber vielleicht auch nicht. Und vielleicht hatte ich mir nur eingebildet, dass er mich verfolgte? Vielleicht ging er einfach so vor sich hin zum Strand, genau wie ich?) oder später (viel später, wenn ich in zwölf Tagen, genau für diesen Tag hatte ich mein Rückflugticket, nach Hause geflogen wäre und nichts von der unwahrscheinlichen Biegsamkeit seines Körpers mitbekommen hätte)?
Alles hat doch sicher seine Zeit. Ich schwitzte und bepinkelte mich. Ich musste mich frisch machen. Ich stand auf, zog mein langes, neues, originell gemustertes (blasse Läuse liefen auf einem roten Hintergrund herum. Vielleicht waren sie lebendig? Das bedeutet, Geld kommt ins Haus) Kleid aus Kreppstoff aus und ging barfuß durch den weichen Sand des menschenleeren Strandes zum Wasser. Als ich an ihm vorüberging, berührte ich mit den Fingerspitzen sanft seinen Kopf, auf dem es noch eine gewisse Anzahl an Haaren gab, die man in einer sehr kurzen Zeitspanne zählen könnte (einhundertachtunddreißig Härchen plus ein ausgefallenes, das am Hals klebte, bemerkte ich und wunderte mich über meine Zählfähigkeiten). Komm, gehen wir baden, schlug ich ihm vor und streifte seine Schulter wie zufällig mit meiner Hüfte, das Meer ist heute ruhig. Dreh dich doch mal um, genieß das Azurblau (die Glasur?). Aber er saß da, steif wie eine Leiche, und beachtete mich kein bisschen. Ich ging weiter, und mir kam ein romantisches Abenteuer einer längst vergangenen Liebe in den Kopf: Er hieß Norbert (Ronald? Roland? Romuald? Juri? Ich weiß es nicht mehr) und war eine Leiche, eine gewöhnliche Leiche, die unbeweglich dalag, nichts sah, nichts hörte und nichts fühlte, natürlich roch er nach Leiche, und deshalb bedeckte ich ihn und die gesamte Wohnung mit Lavendelsäckchen, und dann roch alles um uns herum nach Lavendel … und nach Leiche, die Möbel rochen nach Lavendel und nach Leiche, Kleidung und Essen rochen nach Lavendel und nach Leiche, wegen dieses Geruchs besuchten meine Freunde mich nicht mehr, wir trafen uns irgendwo in einem Restaurant, trotzdem hielten sie es nicht lange aus, weil der LavendelLeichen-Geruch mir überallhin folgte, und meine Freunde empfahlen mir, Roland ins Wochenendhaus zu bringen und die Wohnung zu desinfizieren, einen Desinfektionsdienstleister zu rufen und danach zu renovieren, zuerst alle Holzelemente aus der Wohnung herauszureißen, weil sie die Eigenschaft haben, beliebige Gerüche auf ewig zu speichern, aber mir tat es leid, mich so lange von Romuald zu trennen, denn bis zum Wochenendhaus fährt man endlos lange, es ist weit, noch hinter Versailles, während ich hier mit ihm etwas unternehmen konnte, wann immer ich wollte, und das hellte mein Leben unwahrscheinlich auf, zu jener Zeit hatte ich einen langweiligen Job im Marketing, übrigens nicht lange, denn wegen des Geruchs nach Lavendel und nach noch etwas wurde ich entlassen (Geruchsdiskriminierung), aber das störte mich nicht weiter, denn Geld hatte ich tonnenweise und ich konnte es mir leisten, fröhlich trällernd durchs Leben zu gehen, was ich auch tat, ich sang zur Stärkung des Hals-Nasen-Rachen-Raums und der Lungen in einem Chor, und jeden Sonntag machte ich zu einem Festtag für Juri und mich, ich begann den Tag damit, ihn in der Wanne zu waschen, mit den Jahren wurde er schwerer und schwerer (ich weiß nicht, warum, vielleicht blähte er sich aus irgendeinem Grund auf oder in ihm entstand eine andere Lebensform, das entzieht sich meiner Kenntnis) und es wurde immer schwieriger, ihn aus dem Bett zu heben und über den Fußboden ins Badezimmer zu schleifen, aber ich schaffte es irgendwie, und nachdem ich die Wanne mit warmem Wasser gefüllt und ein wenig Chlor dazugegeben hatte, um den Leichengeruch zu überlagern, schrubbte ich ihn sorgfältig mit einem Topfreiniger aus Metall, und mit einem in Rohrreinigungsflüssigkeit getunkten Wattestäbchen putzte ich ihm die Nase, die Ohrmuscheln und die Mundhöhle, wenn ich den Kiefer aufbekam, der Anus war schon völlig zugewachsen (mit Gras?), weil die Leiche sich nicht erleichterte, deshalb brauchte diese Stelle keine besondere Pflege, und wenn ich mit allem fertig war, cremte ich seinen Schwanz mit teurem Arganöl ein, auf seine Haare sprühte ich Comme des Garçons mit dem Duft von Weihrauch aus dem Jenseits, und dann liebten wir uns, leidenschaftlich, wild, mit einer leichten Note von Tragik und Gram, trotzdem hatten wir Spaß, aber nach fünfundvierzig Minuten (ungefähr) begann Ronald erneut, einen zu intensiven Geruch auszuströmen, deshalb lernte ich es, mit dieser Zeitspanne zurechtzukommen und mich zu befriedigen, denn wenn der Geruch sich verstärkte, wurde es langweilig, und ich schleifte ihn durch den Flur zurück ins Schlafzimmer und legte ihn bis zur nächsten sonntäglichen Auferstehung aufs Bett. Diese zärtliche Erinnerung schoss mir in einem einzigen Augenblick durch den Teil meines Gehirns, der für Erinnerungen zuständig ist.
Ich atmete tief ein, ohne stehen zu bleiben. Je näher ich dem Meer kam, desto feuchter wurde der Sand, und schließlich stand ich etwa anderthalb Meter vom Wasser entfernt auf ganz nassem Boden. Die feuchte Kühle schickte ein Beben durch meinen Körper, es begann an den Füßen und ging bis zwischen die Beine, und als eine kleine einsame Welle meine Füße erreichte und ein gewaltiges aaaachhhhhhhh in meinem Organismus entfachte, bepinkelte ich mich ein weiteres Mal, so unerwartet kam das. Die Brustwarzen richteten sich mit einem Ruck auf. Ich streichelte mir über meinen glatten Bauch. Ach, ach, ich bin jung, strotze vor Energie, ein erotisch aufgeladenes siebzigjähriges junges Mädchen. Ich drehte mich um, ich wollte sehen, ob der verrückte Akrobat mir gefolgt war, und bemerkte, dass an der Stelle, an der er gesessen hatte, eine kleine gräuliche Staubwolke aus dem Sand aufgewirbelt und wieder niedergegangen war. Ich drehte die Augäpfel nach allen Seiten. Der Zirkusartist war nirgends. Merkwürdig, hatte er sich etwa durch die Berührung meiner Hüfte in Staub aufgelöst? War er so unbeständig? So ein Quatsch! So einfach darf man doch nicht aufgeben. Zum Teufel mit ihm. Arschloch! Warum musste er sich auch den Schwanz abbeißen? Er hätte sich besser den Kopf abbeißen sollen! Schwein! Schwanzloser Idiot! Komplexbeladenes Vieh! Fuck him! Nein, das geht ja bei ihm nicht mehr. Es reicht, ich muss jetzt wirklich aufhören, an Sex zu denken! Nicht an Sex denken, ablenken! Eine Welt ohne Sex! Sexfreie Welt! Welt und Sex! Sex in der Welt! Keine Welt, kein Weltfrieden. Kein Frieden, kein Sex! Obwohl, vielleicht wird am Ende auf der ganzen Welt schließlich schlussendlich alles endgültig gut? Ich stand noch eine Weile in Gedanken und leicht verblüfft da, dann entspannte ich mich völlig, überließ mich dem zärtlichen Gefühl und ging ins Wasser, ich schwamm in dem salzigen Wasser, das mich verwöhnte und glücklich machte.
Nachdem ich dem Wasserschaum entstiegen war, grub ich mit der Hand in dem Staubhaufen, holte den Schlüssel seines Hotelzimmers heraus und verwendete ihn, um das Zimmer zu betreten. Ich wühlte seine Sachen durch, darunter befanden sich: dicke und dünne Seile, Apfelgrinde, Vaseline, Fischernetze, eine Papiertüte mit Zwiebeln, Pfeil und Bogen, zwei Gewehre und ein Revolver, eine Minipfanne, ein Topf, ein Hut und Handschuhe, ein Hasenskelett, Löffel, Gabel und ein Schweizer Messer mit zwölf Klingen, ein Schlafsack, ein paar Unterhosen, drei Hemden, eine wasserdichte Hose und ein mit Eiderentendaunen gefütterter Overall, eine ganze Sammlung kleiner Hotelpackungen mit Shampoo, Zahnpasta und Seife, eine Feldflasche, selbst genähte Stiefel mit Gummiüberschuhen, riesige Metallhaken, ein Axthammer im Lederfutteral, zusammenklappbare Skier, eine Box mit Tütensuppen, eine angefangene Tafel Schokolade, vier Schachteln Streichhölzer, ein paar Kaugummis und ein Glas, in dem früher Babynahrung war, mit schon gekauten Kaugummis (vielleicht wollte er sparen?). Ich klappte eine der Klingen des Schweizer Messers heraus und schlitzte das Futter des Rollkoffers auf. Das Notizbuch, das ich schon kannte, fiel heraus. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis zu kacken (das bringt Geld), ging auf die Toilette, setzte mich, öffnete das Notizbuch und las Folgendes:
„Ich stapfte durch den Schnee, eingehüllt in meine gesamte Garderobe, doch die Kälte drang dennoch bis auf die Knochen. Ich zitterte. Die rechte Hand, die an den Griff des Rollkoffers geklebt war, fühlte ich nicht, der Koffer und die Hand wurden zu einer Einheit, der während der Expedition lang gewachsene Bart und Schnurrbart wurden zu langen, fast bis zum Knie reichenden Eiszapfen, der Kopf beugte sich unter dieser Last nach vorn, und das Kinn stieß an die Brust, ich wusste nicht immer, wohin ich ging, aber gehen musste ich, es war noch nicht alles erledigt, ich riss mich zusammen, ich bewegte mich wie ein Roboter, gehen, gehen, bloß nicht zusammenbrechen, nicht mit den Augen am Eis festfrieren (und damit gezwungen zu sein, bis zum Beginn der Tauwetterperiode unablässig das Leben unter dem Eis zu beobachten), gut, dass ich in den letzten vier Wochen keine Ski gebraucht habe, der Schnee ist von einer Eisschicht bedeckt, und an manchen Stellen konnte ich sogar kurz durchatmen und mit den Galoschen, die ich über die Winterstiefel aus Stoff gezogen habe, die meine Mutter (meine Mutter?) genäht hatte, über das Eis gleiten. Manchmal gelang es mir, die Brauen hochzuziehen, und dabei hoben sich die Oberlider ebenfalls, öffneten so die Augen, und dann sah ich, wo ich mich befand. Dieses Mal sah ich aus den Augenwinkeln links und rechts einen unbeweglich stehenden Nadelwald, offensichtlich war ich eine Schneise entlanggelaufen, doch ich hatte die ganze Zeit gedacht, dieser Teil des Weges sei ein gefrorener Sumpf, der zugeschneit und von einer Eisschicht bedeckt war. Die Bäume waren vereist und sahen aus wie gigantischer Weihnachtsschmuck aus Glas. Geh, geh einfach weiter, reiß dich zusammen, sagte ich mir, du musst überleben, du musst es schaffen. Du hast schon viel erreicht! Bleib nicht auf halber Strecke stehen, du hast noch mehr zu tun! Ein weißer Hase sprang vor mir über den Weg. Bei der nächsten Begegnung mit ihm werde ich unbedingt schneller reagieren und ihn schießen. Ich habe schon ein paar Monate kein Fleisch mehr gegessen. Skorbut plagte mich. Die roten Eiszapfen, die aus dem Mund hingen, zogen die Unterlippe nach unten. Ich hatte keine Schmerzen. Der Frost tötete den Schmerz. Aber es war nicht gerade angenehm. Um mich etwas abzulenken, begann ich stumm, um nicht durch lautes Sprechen auf mich aufmerksam zu machen (ich konnte wegen der Eiszapfen sowieso nicht laut sprechen), aufzuzählen, was ich erreicht hatte: Waffen aller Art entwickelt, allerlei Kriege und Schlachten organisiert, die Star Wars sind auch meiner Hände Werk, die kleinen primitiven Aktionen, die ich nur so, zum Vergnügen, gemacht hatte, zählte ich nicht auf, aber die Aktion ‚Twins – Big Apple 2001‘ rechne ich zu meinen Glanzstücken, das Herz juchzt vor Begeisterung! Die zwei Male ‚Little Boy – Giant fungus‘ in der Mitte des vorigen Jahrhunderts haben mir großen Spaß gemacht, waren aber überhaupt nichts im Vergleich zu ‚Twins – Big Apple‘. Plötzlich blieb ich wie erstarrt stehen. Mist!!! Die Eier!!! Ich hatte die gesammelten Mustereier nicht aus dem Kühlschrank genommen!!! Ich hätte sie, wie ursprünglich geplant, an Ort und Stelle präparieren und die Forschungsergebnisse nicht kurz, sondern detailliert aufschreiben müssen! Wie konnte ich nur das Wichtigste vergessen? Ich muss, ich muss, muss, muss, muss zurückgehen. So viele Monate schwerer Fußmarsch für die Katz! Aber ohne die Eier geht es nicht, sonst kann ich die Idee nicht umsetzen, die meine letzte sein soll. Ich muss bis zu den Eiern gehen! Das ist äußerst wichtig! In den Eiern steckt das Geheimnis des Lebens! Das Geheimnis der Welt! Und wenn ich es finde, dann fangen die jetzt noch schlafenden zehn Prozent meines Gehirns an zu arbeiten – und ich werde hundertprozentig!“
Der folgende Satz war verwischt. Da hatte der Arsch geweint, vermutete ich.
In dem Moment ging der Durchfall ordentlich los. Ich drehte das Notizbuch in meinen Händen, hatte aber keine Lust mehr weiterzulesen und zerriss es in kleine Stücke, den Umschlag knetete ich, bis er weich wurde, wischte mir damit den Po ab und spülte alles die Toilette hinunter.
In den Eiern liegt das Geheimnis des Lebens, in den Eiern liegt das Geheimnis der Welt, in den Eiern liegt das Geheimnis des Lebens. Was für ein ausgekochtes Manöver hatte sich dieser Halunke ausgedacht! Ich kehrte zum Strand zurück, wühlte in dem Staubhaufen. Und wirklich, da waren sie, seine beiden Eier. Ich spülte sie im Meer ab. In meinem Hotelzimmer goss ich Wasser in ein Glas, steckte den Tauchsieder hinein, als das Wasser kochte, legte ich die Eier hinein, kochte sie sehr, sehr hart, um möglicherweise vorhandene Salmonellen zu töten. Während die Eier kochten, bereitete ich Mayonnaise zu, es ist immer besser, Mayonnaise aus Bio-Zutaten selbst zu machen. Ich ging zum Abendessen nicht ins Hotelrestaurant, ich war satt von meinem selbst gezauberten Gericht. Trompeten erklangen.
Ich schrecke auf wie ein aufgescheuchter Vogel und starre mit runden Augen an die Stuckdecke. Was man für einen elenden Mist träumen kann, fucking Muiriled, Delirium, rege ich mich auf, und der morgendliche Traum fliegt in diesem Moment aus meinem Kopf. Ein Hochzeitsmarsch hat ihn zum Verstummen gebracht. Wir wohnen neben dem Standesamt. Ich erwache also vom Klang des Hochzeitsmarsches vor der Tür. Wollen Sie meinen Namen wissen? Sie können mich nennen, wie Sie möchten, aber in Wirklichkeit heiße ich Alice. Halb zehn, ich muss aufstehen. Aber ich habe keine Lust.
Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und stelle mir Bilder aus meiner Kindheit vor, als ich mich unter Kletten versteckte und das Gras meine beste Freundin war. Ich lebte im Gras. Ich redete mit Käfern und Raupen, aß die Blätter und Blüten, die sie aßen, und leckte den Tau von den Blättern der Pfefferminze. Ich wünschte mir so sehr, mich in einen Marienkäfer zu verwandeln und auf einer blauen (nun ja, blauen) Kornblume oder einer rosa (nun ja, rosa) Feldnelke zu landen und das Süße zu naschen, das sich in den Blüten befand, und Honig zu sammeln, um einen Vorrat für den Winter zu haben als Mittel gegen Erkältungen. Und ich machte mich klein, und mir schien, dass ich immer kleiner wurde und schon deutlich die Worte der Insekten unterscheiden konnte, die Lieder der Libellen und Kartoffelkäfer hörte. Ich kroch vorsichtig durch das Gras und gab mir Mühe, niemanden zu verletzen. Die Sonne brannte, ich legte mich, erschöpft vom Krabbeln, auf den Rücken, Blumen und Ähren nickten mir vom Himmel aus zu, sangen mir ein Schlaflied, ich schliiie… Nicht einschlafen! Ich muss aufstehen! Das Gras habe ich später verraten, ich vergaß es, begeisterte mich für die Beatles, Creedence und die Rolling Stones, für Simon and Garfunkel. Ta-da-ta-taa, Mrs. Robinson. Ich war sehr gewachsen. Und wenn ich nach unten sah, schien mir, der Boden wäre sehr weit entfernt und mein Kopf stieße an die Wolken. Später begeisterte ich mich für Geschlechtsverkehr, doch im reiferen Alter (wann ist das?) kehrte ich zum Gras zurück, doch aus Angst vor Borreliose distanzierte ich mich und liebte das Gras aus der Ferne, dafür aber umso stärker. Und die Blumen. Auf einer Allee im ehemaligen Ostpreußen bewegte sich festlich ein Trauerzug – eine nicht enden wollende Reihe von Lastwagen, die mit so vielen Blumen geschmückt sind, dass es den Anschein hat, als reichten sie hinauf in den Himmel. In dem kleinen deutschen Dorf, das nur aus einer einzigen Straße und Blumenwiesen besteht, sind alle Männer alt geworden und gestorben. Witwenstraße … Ich bin schon wieder eingeschlafen! Genug geträumt und fantasiert! Steh auf! Ich will nicht! Ich bin in letzter Zeit etwas depressiv, ich habe keine Lust, mich mit irgendetwas zu beschäftigen, außer Kaffee zu trinken und etwas Leckeres zu essen. Aber wenn man dauernd etwas Leckeres isst, wird man dick, und es wird schwierig, den hinteren zentralen Teil des eigenen Körpers mit sich herumzuschleppen. Und ich habe auch keine Lust, neue Hosen zu kaufen. Ich muss sparen. Ich zähle die Kalorien. Heute weiß ich, dass Kalorien zählen besser ist als ewig das unverdaute Essen in die Toilette zu erbrechen und so zu tun, als bemerke es niemand, weder den weißen Fleck am linken Knie auf den schwarzen Leggings von den sich ablösenden Hautschuppen vom Knien vor dem Klobecken (als würde ich ihm auf Knien Hand und Herz antragen) noch die Hornhaut am Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand von den Zähnen, aufgerieben in den vielen Jahren, in denen die Finger in den Hals gesteckt wurden.
Gott sei Dank, die Zeiten sind vorbei! Ich bin erwachsen geworden und habe nachgedacht, obwohl das nicht einfach war. Nachdenken (bedenken, verdenken, arschdenken), meine ich. Und erwachsen werden? Wer weiß das schon? Die Jahre fliegen dahin und alles bleibt beim Alten, pflegte meine Urgroßmutter der großväterlichen Linie mütterlicherseits zu sagen, die Menopause ist da, das Alter sitzt (hängt) mir auf der Nase. Man kann nichts dagegen tun: Man wird nicht nur erwachsen, sondern man altert bis zum völligen Verblöden. Aber solange man noch lebt, will man essen und das Leben genießen. Deshalb habe ich begonnen, auf mein Herz, meine Lungen, meine Leber, meinen Magen und meinen Darm zu hören und auch auf meine Harnblase und andere notwendige Organe und habe begonnen, nur noch mein Leben zu leben. Denn wer sollte sonst mein Leben an meiner Stelle leben? Keiner! Ich habe mich endlich angeschaut und begriffen, dass ich eine Schönheit bin und keineswegs ein abstoßendes, widerwärtiges, fettes Nilpferd, ich bin ein Wunder, ich bin so großartig, dass man den Verstand verliert, und die ganze Welt liegt mir zu Füßen! Ja. Aber dennoch erinnert sich die anhängliche Wehmut gelegentlich an mich. Ohne dass ich sie einladen würde, macht sie sich in meiner Seele breit und lässt mich nicht aus dem Haus, und dann gehe ich nicht shoppen und frühstücke nicht mit meinen Freundinnen auf dem Gendarmenmarkt, dem Nollendorfplatz oder irgendwo am Kudamm. So ist es auch jetzt, nichts interessiert mich mehr, alles geht mir auf den Geist und ich bin traurig und einsam und gleich heeeuuule ich los! Na gut, ich mach’s nicht. Dann schlafe ich eben noch ein wenig. Unter der Decke ist es so gemütlich und warm … Aber wenn jetzt der Postbote kommt und an der Tür klingelt? Ich warte auf ein Paket von Nastja. Wenn der Postbote das Paket bringt, muss ich ihm unbedingt die Tür öffnen, denn wenn ich nicht öffne, nimmt er das Paket wieder mit und hinterlässt im Briefkasten eine Benachrichtigung, mit der ich das Paket auf der Post abholen und selbst nach Hause tragen muss. Aber ich habe keine Lust aufzustehen. Vielleicht kommt er ja auf die Idee, das Paket bei den Nachbarn abzugeben? Dann muss ich nicht auf die Post, sondern nur zu den Nachbarn. Nein, die Nachbarn treffen, sie anlächeln und Bla-bla-bla reden, nein, danke.
Also was nun? Ich muss wohl aufstehen. Los – Decke abwerfen! Gardinen aufziehen! Fenster auf – die Fanfaren dröhnen! Der Hochzeitsmarsch tobt! Allerdings bereits in anderer Interpretation – die Hochzeitspaare wechseln (ich muss meine Erzählung über das Orchester suchen. Wie ich plötzlich Musik höre und denke, dass ich vergessen habe, die Stereoanlage auszuschalten. Ich gehe am Fenster vorbei und sehe, dass unten ein ganzes Orchester steht und der Braut und dem Bräutigam, den Gästen und zufälligen Passanten klassische Musik vorspielt. Vielleicht arbeitet der Bräutigam (die Braut?) in dem Orchester? Und die Musiker wollen dem jungen Paar so zum Eintritt in das unbekannte Eheleben gratulieren. Obwohl dieses in Deutschland schon bekannt ist, denn bis zur Hochzeit vergehen Jahre, manchmal Jahrzehnte gemeinsamen Lebens mit gemeinsamem Haushalt und Kindern, bis die zusammen Lebenden schließlich beschließen, für sich und die Freunde und Verwandten, die zu dem Zeitpunkt noch leben, das verdiente Fest zu feiern. Aber es kommt vor, dass sie sich dann nach ein paar Monaten scheiden lassen, weil ihnen klar wird, dass ihnen das Eheleben nicht liegt. Ja, ich muss suchen, wo ich diese kleine Erzählung über das Orchester aufgeschrieben habe), und die Interpretation des Marsches variiert.
Duschen, kämmen und KAFFEE! KAFFEE trinken! Sehr langsam, das ist das Wichtigste. Ich trinke Kaffee und sehe aus dem Fenster. Das Eichhörnchen kommt heute nicht. Kein Eichhörnchen springt heute auf dem Baum herum. Wahrscheinlich hat es Angst vor Musik.
Die Sonne scheint direkt in die Augen, das tut weh. Ich müsste die Jalousien herunterlassen. Ich habe keine Lust aufzustehen. Das hieße ja, die Füße vom anderen Stuhl zu nehmen, sich danach zu erheben, zum Fenster zu gehen … Keine Lust. Ich drehe lieber meinen Kopf ein wenig Richtung Schatten. Ich meditiere. Der Kaffee macht meinen Kopf frei, der Verstand wird hell, leicht, einfach durchsichtig und kristallklar. Noch ein Schlückchen Kaffee. Was für ein Glück, dass ich in Berlin lebe … in dieser Wiege … in der Wiege … Wiege wovon? Des Genusses etwa? Hm, hm … Dieser Geruch … Der Müll riecht. Ich müsste ihn rausbringen. Morgen bringe ich ihn raus. Na ja, falls ich morgen irgendwohin gehe. Aber am Mittwoch muss ich ihn wirklich rausbringen, denn Frau Roth kommt, um sich Bilder anzuschauen. Hoffentlich kauft sie etwas. Es reicht, sortier deine Gedanken! Sieh im Kalender nach, welche Pläne du noch für die nächsten Ta… Prpfffffffffffff – der Kaffee spritzt aus dem Mund, das Klingeln des Telefons hat mich erschreckt, ich war zu sehr in Gedanken. Ich komme ja schon!
„Ja, hallo, Wellenhase am Apparat!“
„Hier auch Wellenhase.“ Mein deutscher Ehemann Karl ruft aus Moskau an. Er arbeitet dort. „Habe ich dich geweckt?“
„Nein, wie kommst du darauf? Ich bin gerade reingekommen. Ich war Farben kaufen. Ich male jetzt.“
„Toll!“
Karl glaubt mir. Er ist mein Mann. Warum habe ich ihn geheiratet? Weil er bei unserem Spaziergang durch Dresden nach dem Besuch der Gemäldegalerie die ganze Zeit wie ein durchgeknallter Hase mit beiden Beinen gleichzeitig gehüpft ist, und darum beschloss ich, ihn zu heiraten, weil er Sinn für Humor hat, und Sinn für Humor ist eine äußerst wichtige Komponente der menschlichen Existenz, eine der wichtigsten, zumindest für mich.
„Wie hat dir die Sixtinische Madonna gefallen?“, fragte Karl.
„Super! Sie hat mir natürlich super gefallen. Raffael ist so … im Dunst. Dunstiger Raffael. Ich besitze die Ansichtskartensammlung ‚Gerettete Schätze‘, da ist die Sixtinische Madonna auch dabei. Als Kinder haben wir uns in der Kunstschule gestritten, ob der Mann, der die Hand nach vorn streckt, sechs Finger hat oder ob es nur an der Perspektive der Hand liegt. Heute habe ich nachgeschaut: Es ist die Handfläche. Ich bin enttäuscht! Ja, die sowjetischen Soldaten haben diese Kunstschätze während des Krieges gerettet. Mein Großvater hat auch gekämpft, er ist bis Berlin gekommen.“
„Wie alt ist dein Großvater?“
„Vierundneunzig. Er ist noch vor der Revolution geboren.“
„Vor welcher Revolution? Vor dem Putsch von 1917?“
„Ja, vor der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution.“
(Als mein Großvater Kuzma Iwanowitsch klein war, arbeitete seine Mutter Elena Antonowna als Köchin bei den Fürsten Golizin auf deren Gut bei Smolensk.
„Kuzma, komm her, nimm dir eine Pirogge!“
Klein-Kuzma eilt zu seiner Mama, die nackten Fersen blitzen auf, er greift sich die heiße Pirogge, pustet darauf, beißt ab, wirft sie aus einer Hand in die andere und lacht.)
Drring!! Ich schaue durch das runde Loch mit dem Glas in der Tür (unser Haus ist alt, und die Türen darin sind auch alt, sie haben sogar einen Briefschlitz, um Briefe in die Wohnung zu werfen, und eine einfache Glasscheibe anstelle eines richtigen Türspions) und schaue in ein anderes Auge.
„Post“, sagt das Auge.
Ich öffne. Es ist wirklich der Postbote. Gut, dass ich es geschafft habe, mich zurechtzumachen. Zumindest äußerlich. Das Herz pocht – das ist ein niemals verschwindendes Überbleibsel aus der vergangenen Zeit der Perestrojka (oder der Zeit nach der Perestrojka?), als in Russland plötzlich alle damit aufhörten, beim Klingeln einfach so die Tür zu öffnen, sondern lange dastanden und ängstlich fragten, wer da sei, und durch den Türspion (wenn es einen gab) der neuen Metalltüren mit dem Zerber-Schloss äugten. Ich habe mich wundervoll gekleidet: weite gelb-rot-karierte Hosen, ein grün-orange-gestreiftes T-Shirt, Socken (keine Hausschuhe) mit einer Schweineschnauze auf den Zehen und Schmetterlingen darauf. Mir scheint, dass die Farben rot, orange und gelb einander sehr ähnlich sind und zueinander passen. Es sind warme Farben. Manchmal sind sie kalt. Gut, vertiefen wir uns nicht in die Details der Farbenlehre, ich verstehe sowieso nichts davon. Völlig egal. Ich wollte nur festhalten, dass meine morgendliche Toilette mir vollends gelungen war. Die Schmetterlinge auf den Socken passten zum Beispiel sehr gut zum Wetter – ein heißer Tag Ende Mai. Es macht nichts, dass es Wollsocken sind, dafür habe ich warme Füße, ungeachtet dessen, dass das Rosa der Schweineschnauze etwas kühl ist und die Schmetterlinge von einer unfreundlich schwarzen Farbe. Ich habe die Socken in Moskau von einer Babuschka an der Metrostation Akademitscheskaja bei siebenundzwanzig Grad minus gekauft. Nachts sind meine Füße besonders kalt. Vielleicht habe ich in den Füßen keine Blutgefäße? Ich ziehe die linke Socke aus und schaue nach, es sieht so aus, als seien da welche. Na gut.
Mein Päckchen ist da! Nastja aus Petersburg hat es geschickt. Roter Kaviar, schwarzer Kaviar, Auberginenkaviar und Zucchinikaviar, alles, wie es sein soll. Oh, sogar Salzgurken! Ein Glas mit Gürkchen, eingewickelt in sechs Slips mit hübschem Muster – Blumenprint nennt man das heute. Zwei Dosen Sprotten, eine Salami und Pralinen, einzeln eingewickelt in Papier mit russischen Bären und Matrjoschkas darauf. Und was ist in der Schachtel? Oooh! Ein smaragdgrüner Penis! Ich rufe Nastja an.
„Nastja, danke für die Delikatessen, ich bewirte die ganze Welt. Aber was ist das Smaragdgrüne?“
„Ein großer Masturbator!“
„Aaah!“
„Ich habe so einen in Beige, der schnurrt und schnurrt. Wie geht es dir?“
„Na ja, ich hab so meine Depressionen.“
„Das liegt an den Sonnenflecken. Die Menschen verlieren Kraft. Alles steht still und bewegt sich nirgendwohin. Die totale Klimaerwärmung. Obwohl, bei uns ist es kalt und regnet wie aus Eimern, mit Hagelkörnern so groß wie Eier. Ich bin auch traurig, Motja ist gestern ins Krankenhaus eingeliefert worden mit einer Lungenentzündung. Er ist wegen einer Augenuntersuchung hingegangen, und sie haben ihn gleich zum Röntgen geschickt und an den Tropf gehängt. Der Doktor war auf einmal so hellsichtig. Platz hat das Krankenhaus nicht, er liegt auf einem viel zu kurzen Sofa auf dem Flur, seine Beine ragen über die Armlehne.“
„Alles für das Volk! Richte ihm einen Gruß aus. Ich wünsche ihm gute Besserung.“
„Okay. Ich muss auch los. Ich bringe Motja warme Sachen, auf dem Flur herrscht Durchzug. Ein geeigneter Platz für einen Lungenkranken. Ich mache Frikadellen für ihn und gehe los. Und dann kümmere ich mich um die Fotografien. Auf welchen Termin wurde die Ausstellung bei Wanja Zerepeli jetzt wieder verlegt?“
„Auf September, glaube ich. Es ist noch etwas Zeit. Welche Arbeiten wirst du einreichen?“
„Eine Bekannte von mir, Japanerin, schneidet allerhand Grimassen. Das habe ich fotografiert. Es ist lustig. Hast du dir etwas überlegt?“
„Entweder das ‚Sitzende Weib‘ im Pelzrahmen oder die ‚Jahreszeiten‘. Da stecke ich mir Gurken in den Mund. Und … wie heißen die gleich … Avocados. Ich weiß noch nicht genau, ich muss noch überlegen. Ich muss ja schließlich alles aus Berlin nach Russland schleppen, also sollte ich etwas Leichtes auswählen. Vielleicht packe ich auch einfach Fotografien in eine Rolle und das war es. Mit den Leinwänden muss man sich immer abschleppen, und dann kommt ein Wind auf und die Bilder fliegen einem aus der Hand, fliegen in den Himmel und wackeln dort wie Deltagleiter herum und stürzen dann auf die Erde … Soll ich dir mal die Geschichte erzählen, die ich mir gestern ausgedacht habe?“
„Na los!“
„Also. Folgende Geschichte: Da fängt zum Beispiel plötzlich eine Liebesgeschichte in Briefen an zwischen zwei Leuten. Das ist natürlich nicht neu. Aber was ist heutzutage schon neu? Alles ist alt, uralt, steinalt und völlig langweilig. Es kotzt einen an. Na ja, bei der Elektronik wird tröpfchenweise mal was Neueres herausgebracht, bloß nicht alles auf einmal. Solche leicht zu lenkenden und zu bedienenden kleinen Flugapparate (sehr kompakt) für den individuellen Gebrauch gibt es bis jetzt nicht für die breite (schmale) Masse zu einem erschwinglichen Preis zu kaufen. Es gibt sie nicht. Vielleicht beschäftigt sich jemand mit diesem Problem, wie man die Straßen der Städte dieser Welt von der unendlichen Anzahl der Transportmittel befreien kann, aber die oben erwähnten Apparate findet man im freien Verkauf nicht. Man flöge in diesem durchsichtigen Apparat in Form des eigenen Körpers über dem Tverskaja-Boulevard in Moskau und freute sich. Und unten ist ein achtstündiger Stau. Der Rhythmus des Lebens! Und dann werden diese Luftverkehrsmittel üblich und breiten sich aus. Ooooooh! Einer möchte eines von der Größe eines Luftschiffs und verdeckt den ganzen Himmel. Welche Lösung gibt es da? Ja … Ich wollte dir doch eine Geschichte erzählen.
Also – eine Liebesgeschichte in Briefform. Na gut, in E-Mail-Form. Du streckst den Finger in die Höhe. Darauf setzt sich eine E-Mail, du öffnest und liest sie. Oder lieber SMS? Eine Liebesgeschichte in SMS-Form? Nein, da verlieren sie die Lust zu schreiben. Dann also altmodisch, aber dafür sehr romantisch: Sie schreiben sich per Hand. Schicken die Briefe mit der Post. Die Briefträger werden sich wundern und freuen, dass jemand an ihren aussterbenden Beruf denkt.
Aber wer könnte dermaßen romantisch sein, um Papier, Umschläge und Briefmarken zu kaufen und einen Stift in die Hand zu nehmen, vergessenes Utensil wegen des Tippens auf Tastaturen von Computern und diesen ganzen i-Geräten von Kindheit an?
