Alien Nummer 1 - Werner Westsee - E-Book

Alien Nummer 1 E-Book

Werner Westsee

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Beschreibung

Ein Job in einer Galaxie, die nicht einmal einen eigenen Namen, sondern nur eine lange Nummer besitzt, auf einem Planeten in einem entlegenen Spiralarm, ist kein Zuckerschlecken. Martin Müller zeigt Aliens, die in Körpern japanischer Touristen stecken, die Sehenswürdigkeiten von München. Plötzlich steht er vor einer zusätzlichen Herausforderung: Er hat nur einen Tag Zeit, kleine und große Unstimmigkeiten vor zwei Kontrolleuren zu verbergen und ihnen stattdessen den bizarren und seltsamen Alltag der Eingeborenen auf diesem Planeten zu servieren. Nicht ganz einfach, aber durchaus machbar, da man für die Beschreibung der Kontrolleure - ähnlich wie bei den meisten Eingeborenen - Bezeichnungen wie intelligent und gewitzt nicht benötigt.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Werner Westsee

Alien Nummer 1

Realsatire im Science-Fiction-Modus

Copyright: © 2016 Werner Westsee

Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Sabine Abels – www.e-book-erstellung.de

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

Softcover 978-3-347-48186-2

Hardcover 978-3-347-48187-9

E-Book 978-3-347-48188-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Ein Job in einer Galaxie, die nicht einmal einen eigenen Namen, sondern nur eine lange Nummer besitzt, auf einem Planeten in einem entlegenen Spiralarm, ist kein Zuckerschlecken. Martin Müller zeigt Aliens, die in Körpern japanischer Touristen stecken, die Sehenswürdigkeiten von München.

Plötzlich steht er vor einer zusätzlichen Herausforderung: Er hat nur einen Tag Zeit, kleine und große Unstimmigkeiten vor zwei Kontrolleuren zu verbergen und ihnen stattdessen den bizarren und seltsamen Alltag der Eingeborenen auf diesem Planeten zu servieren. Nicht ganz einfach, aber durchaus machbar, da man für die Beschreibung der Kontrolleure – ähnlich wie bei den meisten Eingeborenen – Bezeichnungen wie intelligent und gewitzt nicht benötigt.

Die Krone der Schöpfung

Diesseits und jenseits dieser Welt gibt es nur einige wenige Gewissheiten. Eine davon ist die unbestreitbare Tatsache, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist. Schon ein einfacher Vergleich mit unserer nächsten Verwandtschaft, den Affen, offenbart auch für mentale Tiefflieger sofort die wesentlichen Unterschiede. Diese Unterschiede bestehen nicht nur im Gebrauch von Kleidung und Krawatten, sondern auch in einem überragenden geistigen Leistungsvermögen, welches weit über das Kleine Einmaleins hinausgeht. Man denke nur an die unübertroffenen kulturellen Leistungen des großen Goethe, nach dem sogar einige Gymnasien benannt wurden, die unleugbare Existenz des vielleicht noch größeren Großen Latinums et cetera.

Obwohl die Sachlage somit auch für ungebildete Individuen offensichtlich ist, vermuten einige Leute, darunter sogar Krawattenträger und erstaunlicherweise selbst Träger des Großen Latinums, dass es außerhalb dieser Welt beziehungsweise der Erde andere Lebewesen gibt, die nicht nur zu annähernd affenähnlichen Leistungen in der Lage sind, sondern diese sogar noch überbieten. Damit nicht genug, gehen sie vereinzelt so weit zu behaupten, es könnte Lebewesen geben, die selbst die großen menschlichen Geister, wie zum Beispiel Hegel und Heidegger, übertreffen.

Diese Überlegungen sind natürlich so absurd, dass selbst Lebewesen mit geringen geistigen Kräften, also affenähnliche Subjekte oder, etwas präziser und konziser ausgedrückt, Lebewesen ohne Abitur sie leicht als Humbug durchschauen.

Da wir uns unserer Sache also absolut sicher sein können, können wir uns den Spaß erlauben einmal, wenn auch nur für kurze Zeit, anzunehmen, es gäbe jenseits des Krawattenhorizonts noch andere Zivilisationen, von denen einige wenige uns – nicht erschrecken, es ist ja nur Spaß – geistig so weit überlegen sind wie zum Beispiel ein Abiturient einem Hauptschüler oder (nur für wirklich große Geister überhaupt vorstellbar) vielleicht sogar noch weiter.

Was könnten jene fiktiven fremden Gestalten wohl denken und tun, wenn sie die Erde entdecken und der Fülle unserer geistigen Kultur gegenüberstehen würden? Man kann sich leicht vorstellen, wie ihnen Schauer der Ehrfurcht über die schuppige Haut jagen, während sie vor Bewunderung in die Knie gehen, sofern sie über so etwas überhaupt verfügen. Die nachfolgende, zu 110 Prozent frei erfundene Geschichte soll von so einer Begegnung erzählen.

Höchst offizielle Bestätigung:

1. Hiermit wird offiziell, alltagstauglich und unwiderruflich bestätigt, dass die nachfolgenden Geschichten frei erfunden sind und mit dem echten Leben im All und auch außerhalb nicht das Geringste zu tun haben.

2. Es gibt weder

a) intelligentes Leben auf diesem Planeten noch außerhalb noch

b) einen Hohen Rat noch

c) die Vereinten Zivilisationen.

3. Insbesondere wird darauf hingewiesen, dass sich die effektive Arbeitsweise des werten Hohen Rates von dem in diesem Beitrag beschriebenen Sachverhalt um Megaparsec unterscheidet und dass es nur der vollkommen überzogenen aktuell grassierenden und nicht mehr lange dauernden Pressefreiheit zu verdanken ist, dass Beiträge wie dieser nicht sofort und unwiderruflich auf dem All-Index landen.

Irgendjemand anders, jedenfalls nicht der nichtexistente

Hohe Rat der Vereinten Zivilisationen

Wunderkinders

Dr. Martin Müller war ein typischer Durchschnittsdeutscher. Er war nicht nur hochgebildet, sondern mit 1,85 m auch hochgewachsen, hatte eine sportliche Figur und die blauen Augen passten gut zum blonden Haar. Gut zum Durchschnitt passte auch sein Alter, denn er war weder jung noch alt, Durchschnitt eben, in diesem Fall: deutscher Durchschnitt.

Martin Müller saß in einem Café am Münchner Flughafen. Er war gerade aus Japan angekommen und wartete nun darauf abgeholt zu werden. Es war früher Vormittag. Am Flughafen herrschte, obwohl es Sonntag war, schon reger Betrieb und das Geräusch der startenden Flugzeuge war deutlich zu hören. Eigentlich sollte Hypo ihn abholen, aber Hypo würde etwas später kommen. In der Branche, in der Müller arbeitete, war man an so etwas gewöhnt. In der Regel lief es nur ausnahmsweise so wie geplant.

Während er noch vor sich hin philosophierte, sah er sie schon kommen: zwei junge sportlich aussehende Japaner, Mitte 20, im Schlepptau ein weiterer Japaner mittleren Alters. Die jüngeren beiden gingen langsam und blickten sich immer wieder um, um sicherzustellen, dass der Dritte nicht verloren ging. Alle drei trugen einen blauen Anzug und eine Krawatte. Den beiden jungen Japanern baumelte zusätzlich eine Kamera vor der Brust.

Der Ältere führte eine kleine Tasche mit sich. Die gute Kleidung konnte nicht verbergen, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte. Er humpelte stark; im Vergleich zu Martin Müller war er deutlich kleiner, etwas füllig, hatte schwarze Haare und sah überhaupt so aus, wie man sich einen durchschnittlichen Japaner vorstellt. Als er näherkam, sah Martin noch etwas: dem Mann fehlte die typische japanische Augenfarbe. Mindestens eines seiner Augen war blau – außen rum. Und sein Kopf war rot.

Der ältere Japaner steuerte direkt auf Martin zu und ließ sich dann, ohne zu grüßen, begleitet von einem leichten Stöhnen, auf den freien Stuhl neben ihm fallen. Kaum hatte er mit dem Stöhnen aufgehört, legte er auch schon los: »Dreckstouristen. Immer stellen an Unsinne und wenn Unsinne keiner, dann trink und dann Unsinne vieles. Und bade aus wer? Hypo, wieder immer!« Was ihm neben der typisch japanischen Augenfarbe offensichtlich noch fehlte, war die typisch japanische Höflichkeit und die üblichen Grundkenntnisse der deutschen Sprache.

Martin warf ihm nur einen kurzen Blick zu. Für ihn war das nichts Neues. Hypo war bei der Arbeit fast immer schlecht gelaunt und er hatte auch allen Grund dazu. Der Job von Hypo war nicht der Beste, aber jemand musste ihn machen. Martin war froh, dass er es nicht war. Momentan war Hypo anscheinend ziemlich aufgebracht. Der Gradmesser dafür war seine Sprache. Je mehr er sich ärgerte, umso schlechter wurde sein Deutsch. Wenn er erst mal eine Weile saß, würde sich das schnell wieder geben.

»Zuerst mal: Guten Morgen, Hypo« sagte Martin. »Ich frage dich besser nicht, wie es dir geht, denn es ist ja nicht zu übersehen und noch weniger zu überhören. Das sind also die beiden Neuen.« Er sah sich dabei die jungen Japaner an.

Diese waren neben Hypo stehengeblieben und machten einen etwas hilflosen Eindruck. Sie kniffen die Augen zusammen wie jemand, der dringend eine Brille braucht, diese aber vergessen hat.

Von Hypo kam nur ein leichtes Grunzen, aber Martin hatte sowieso keine Antwort erwartet. Er betrachtete die beiden jungen Japaner und sagte: »Hallo, ich bin Martin Müller. Wisst ihr, wo ihr hier seid?«

Die beiden schauten ihn nur stumm an.

»Verstehen die mich?«, wandte sich Martin an Hypo. »Ja, Worten jeder«, kam die knappe Antwort.

»Und warum sagen sie dann nichts? «

»Ich innen gesagte, dass schlage sie ich, wenn Klappe halten nicht«, brummte Hypo. »Und nicht ich wisse, ob verstehen Klappe Wort, aber Faust geschüttelt versteht.«

»Na schön, Jungs, entspannt euch. Niemand tut euch was. Und steht nicht so herum. Setzt euch bitte«, sagte Martin zu den beiden Japanern und deutete auf die leeren Stühle.

Daraufhin ergriff einer der Japaner Martins Handgelenk, schüttelte es ausgiebig und sagte: »Grüsssie du Servus« und noch während er sich setzte, fing er, ungeachtet der etwas eigenartigen Begrüßung an, in perfektem Deutsch zu sprechen: »Aus meinen Daten geht hervor, dass wir uns am Flughafen in München befinden, bei 48,353662 nördlicher Breite und 11,775028 östlicher Länge. Der Rechtswert der Gauß-Krüger-Koordinaten liegt bei 4483432.917 und der Hochwert bei 5357334.676. Der Flughafen liegt oben auf dem Globus und unten in Deutschland, in einem Bundesland, das Bayern heißt. Bayern hat eine Größe von …«

An dieser Stelle wurde er von Hypo unterbrochen: »Klappe, Lex!«, zischte er und der junge Japaner wagte es nicht, den Satz zu beenden. Dann wandte sich Hypo an Martin: »Wunderkinders geschickt, wissen viel, aber Ahnungen wenig, nur Bla-Bla; zwei Tage seit ich hören Bla-Bla. Ich nicht wolle mehr. Wann wieder Kollegen kommt?«

Martin war mit zwei Kollegen zur Klärung einiger aktuell anstehender Fragen nach Japan geflogen. Nun mussten die beiden Kollegen dortbleiben, wahrscheinlich für einen längeren Zeitraum. Das bedeutete, er und Hypo mussten jetzt den Laden schmeißen, ob sie nun wollten oder nicht. Das und einige andere eher unangenehme Dinge würde er Hypo aber lieber erst später verraten. Zunächst musste sich Hypo beruhigen. Dazu brauchte er nur etwas Zeit und einen Kaffee.

»Okay, Hypo, nur die Ruhe; ich hol uns erst mal einen Kaffee. Ihr möchtet sicher auch einen Kaffee?«, fragte er in die Runde.

Die beiden Neuen wagten nicht etwas zu sagen und schüttelten den Kopf. Martin sah Hypo fragend an. Hypo zuckte nur mit den Achseln und schüttelte seinerseits den Kopf.

»Ich bringe euch mal einen Kaffee mit, schön heiß«, meinte er und ging zur Theke.

Dort standen bereits einige Touristen und Martin musste warten. Aber das machte nichts. Er musste Hypo sowieso etwas Zeit lassen. Wenn er erst mal ein wenig saß und nicht länger herumhumpeln musste, würde in Verbindung mit einem Kaffee die negative Stimmung schnell verschwinden.

Als Martin zurückkam, stellte er den Kaffee auf den Tisch und legte eine Zeitung daneben. »Es hat ein wenig gedauert, aber dafür habe ich uns gleich eine Zeitung mitgebracht. Nach einigen Tagen im Ausland kann es nicht schaden, sich zu informieren. Ihr könnt Zeitung lesen oder euch im Flughafen umsehen, auf jeden Fall solltet ihr eure Brillen aufsetzen.«

Die beiden Japaner sahen ihn fragend an.

Martin verstand. »Hypo, hast du ihnen die Brillen abgenommen?«

Hypo nickte nur kurz und gab den Japanern die Brillen zurück.

Martin nahm einen Teil der Zeitung und begann zu lesen, zumindest tat er so, aber eigentlich beobachtete er die beiden jungen Japaner. Jeder von ihnen hatte nun eine Brille auf und sie betrachteten interessiert die vorbeigehenden Leute. Schließlich trank derjenige von ihnen, der bereits ein paar Worte gesagt hatte, von dem Kaffee – einige große Schlucke, obwohl das Zeug siedendheiß war. Die Reaktion darauf war wie zu erwarten: den letzten Schluck spuckte er wieder aus. Das meiste davon landete sogar wieder in der Tasse, nur ein kleiner Teil auf dem Tisch und auf der immer noch von seinem Hals baumelnden Kamera. Daraufhin nahm er die Krawatte und begann die Kamera zu putzen.

Hypo grunzte nur kurz, griff in seine Tasche, holte Wischtücher heraus und gab sie dem Japaner mit den Worten: »Tisch jetzt.« Dieser ließ die Krawatte wo sie war, nämlich über der Kamera hängend, und fing umgehend an, mit den Tüchern den Tisch zu säubern.

Der zweite Japaner hatte das beobachtet. Er steckte einen Finger in die Kaffeetasse hinein und zog ihn schnell wieder heraus. Hypo gab auch ihm ein Putztuch, verbunden mit einer kleinen Handbewegung. Der Japaner begriff sofort und reinigte sich den Finger. Anschließend starrte er nachdenklich in den Kaffee und fasste die Kaffeetasse dann vorsichtig von außen an.

Ein lauter werdendes Tack-Tack-Tack lenkte ihn von der weiteren Untersuchung des Kaffees ab. Eine Dame trippelte langsam vorbei; jung und hübsch und aufgetakelt. Die beiden jungen Japaner sahen sie interessiert an. Während der eine seinen Blick nicht abwenden konnte, wurde der andere kurz davon abgelenkt, dass er sich die Finger an der Kaffeetasse verbrannte. Aber nur kurz, dann fasste er die Dame wieder ins Auge. Fast synchron nahmen beide plötzlich ihre Brillen ab, begannen sie zu putzen und setzten sie nach einer Weile wieder auf.

Die Dame war mittlerweile ihren Blicken entschwunden, aber sie mussten nicht lange warten, bis eine weitere vorbeizog. Der Ablauf war derselbe: Zuerst interessierte Blicke, dann Brillen putzen. Ein wenig Unruhe kam auf, als zwei Damen in Gegenrichtung kreuzten. Sie konnten sich in diesem Fall offensichtlich nicht entscheiden, wo sie hinsehen sollten.

Nach einigem Hin und Her der Köpfe nahm der eine den Rest der auf dem Tisch liegenden Zeitung und vertiefte sich in die Neuigkeiten der örtlichen Region – oder zumindest tat er so als ob, denn erstaunlicherweise hatte er die Brille abgelegt. Außerdem hielt er die Zeitung verkehrt herum. Er sah wohl auch nicht, was seine Krawatte gerade machte: sie hing in den Kaffee.

Der andere holte sein Handy heraus und starrte interessiert auf das Display, ebenfalls ohne Brille. Martin konnte erkennen, was das Display anzeigte: nichts. Man musste den Neuen offensichtlich die hiesige Technik besser erklären, zum Beispiel, dass sie das Handy einschalten mussten, bevor sie es benutzen konnten.

Martin hatte das Ganze aus den Augenwinkeln beobachtet. Er sah nun zu Hypo hinüber. Dieser hatte sich jetzt beruhigt. Sein Kopf hatte die rote Farbe verloren. Auch ihm war die Entwicklung nicht verborgen geblieben.

»Wunderkinders, zwei Tage«, murmelte er und zuckte mit den Schultern. »Das wird nicht gehen gut.«

»Sagt mal, Jungs, könnt ihr eigentlich mit einem Selfiestick umgehen?«, fragte Martin nun.

Der Japaner, den Hypo nun mit einem hingeworfenen Nuscheln als Lex vorstellte, antwortete: »Laut meinen Daten ist das ein Selfiestick«, sagte er und zeigte sein persönliches Exemplar.

»Ich weiß, aber könnt ihr mit ihm umgehen?«, wiederholte Martin.

»Ja, das können wir«, meldete sich nun der andere junge Japaner zu Wort.

»Fein, dann macht doch mal ein paar Fotos von euch auf dem Flughafen, aber bleibt in Sichtweite.«

»Dreißig Meter, keine Schritte weiter«, schob Hypo umgehend nach.

»Aber wring bitte vorher deine Krawatte aus«, ermahnte Martin den Burschen, dessen Schlips immer noch in der Kaffeetasse hing.

Nachdem sich die beiden Neuen etwas entfernt und begonnen hatten Fotos zu machen, wandte sich Hypo an Martin: »Du hast doch mit Zentrale gesprecht, was ist hier los eigentlich?« Er hatte sich wieder beruhigt und seine Fähigkeit, Deutsch zu sprechen, hatte sich entsprechend signifikant verbessert. »Die beiden Wunderkinders nichts auf die Reihe bringen«, fuhr Hypo fort. »Sie vollkommen ziellos durch die Gegend laufen. Wenn man nicht sie vor sich hergehen lässt, gehen verloren sie. Oder sie bleiben stehen ständig und starren in die Gegend. Deshalb habe ich die Brillen abgenommen ihnen. Der der spricht wenig, ist mir ausgebüxt schon und bis zur Straße gelaufen, bis ich ihn habe eingeholt. Er wäre beinahe von Auto überfahren worden. Es war ein Sukusi, wie mir sagte er. Warum zum Teufel jemand achtet bei einem Beinaheunfall auf die Aufschrift auf dem Auto?« Hypo rollte mit den Augen. »Der andere ist ein wandelndes Lexikon. Kaum man ihm gibt ein Stichwort, schon kommt Beschreibung wie aus Lexikon. Fast richtig immer, aber manchmal mit überraschenden Fehlern. Als ob er hat kleine Schwarze Löcher in seinem Datenbestand. Das auch gilt für seine logischen Schlussfolgerungen. Sie sind manchmal überraschend scharfsinnig, aber oft auch daneben vollkommen. Sein Faktenwissen ist für Oloid sehr umfangreich und er hat keinerlei Sperre, die ihn daran hindert, sein Wissen anzubringen. Das eine sehr ungünstige Kombination ist. Er auffallen wird wie eine Mond unter Planeten. Und was er an Wissen hat, das fehlt an Umgangsformen ihm. Nicht dass er sich nicht hält an Regeln, er kennt sie einfach nicht. Er ist wie ein Weg voller Tretminen und wird uns noch viel Ärger bereiten. Oft versteht er selbst kaum was er sagt. Frag ihn doch mal was heißer Kaffee bedeutet. Er wird dir einen Vortrag von nicht unter einer halben Stunde halten und dabei einige Fachausdrücke aus der Thermodynamik nennen, die selbst du nicht kennst. Und in dieser halben Stunde wird er sich noch fünfmal den Mund am Kaffee verbrennen und das auch nur deshalb, weil der Kaffee abkühlt, sonst noch öfter. Ich habe ihn Lex getauft. Der andere heißt Sukusi.«

Lex und Sukusi also. Na schön. Martin wandte sich den jungen Japanern zu. Sie hatten sich mitten im Gang platziert. Es handelte sich um einen breiten Gang, aber durch einige stehengelassene Koffer war eine Engstelle entstanden. Sie machten dort ein paar Selfies. Leider hatten sie das Handy falsch montiert. Ob das Handy überhaupt eingeschaltet war, konnte Martin nicht erkennen. Alle übrigen Leute mussten sich jedenfalls an Lex und Sukusi vorbeidrücken, dabei wurden sie von diesen intensiv begutachtet. Zwischendurch wurden immer wieder die Brillen geputzt. Eine neue Situation entstand, als jemand vom Flughafenpersonal mit einem kleinen Elektroauto die Engstelle passieren wollte. Die Fahrerin fuhr langsam auf die beiden Japaner zu und hatte wahrscheinlich erwartet, dass sie die Engstelle räumen würden, das taten sie aber nicht. Sie starrten sie nur an und rührten sich kein Stück. Das Fahrzeug blieb stehen und die Fahrerin sagte etwas zu Lex und Sukusi. Diese blieben weiterhin stehen. Die Frau wusste anscheinend nicht, was sie nun machen sollte. Sie stieg erst einmal aus. Dann sprach sie wieder mit den beiden. Einer von ihnen ging daraufhin auf sie zu, schüttelte ihr das Handgelenk und fing an zu sprechen.

Das reichte. Martin stand auf und ging zu ihnen hinüber. Als er nahe genug heran war, hörte er Lex: »Obwohl also ein Meter der vierzigmillionste Teil des Erdumfanges ist, beträgt der Erdumfang keine 40 Millionen Meter. Ursache hierfür waren verschiedene Messfehler, die bei der Vermessung durch die Franzosen gemacht wurden. Deshalb …«

An dieser Stelle unterbrach ihn Martin: »Schon gut. Wir machen trotzdem besser den Weg frei. Entschuldigen Sie bitte vielmals« Er zog Lex und Sukusi vom Gang weg zu einer Bank an der Seite und ließ eine völlig verdutzte Fahrerin zurück.

Die stieg ein, rammte einen der herumstehenden Koffer und fuhr beinahe einen Touristen um.

»Sag mal, wieso seid ihr nicht einfach zur Seite gegangen?«, fragte Martin.

»Das hat uns die Fahrerin auch gefragt«, antwortete Lex. »Ich habe ihr gesagt: Wir können nicht zur Seite gehen, weil da die Koffer stehen. Dann sagte sie: Dann gehen Sie bitte zurück. Worauf ich erwiderte: Dreißig Meter, keine Schritte weiter. Sie fragte daraufhin: Dreißig Meter? Anscheinend kannte sie die Begriffe nicht. Ich habe ihr zunächst einmal erklärt, woher der Begriff Meter stammt. Das wusste sie anscheinend nicht. Bevor ich ihr den Wert Dreißig erklären konnte, hast du uns schon weggezogen. Und nun ist sie weggefahren. Ich fürchte, du hast sie vertrieben. Schade. Dreißig unterscheidet sich interessanterweise signifikant von Zahlen wie zwanzig oder vierzig. Man schreibt Dreißig mit scharfem S. Ursache hierfür …«

»Das kannst du mir später erzählen«, unterbrach ihn Martin. »Ihr setzt euch jetzt auf diese Bank und bleibt hier sitzen, bis ich euch abhole. Habt ihr das verstanden?«

Beide schüttelten den Kopf und setzten sich.

Martin ging zu Hypo zurück.

»Was war los denn?«

»Sie sind deswegen nicht nach hinten ausgewichen, weil sie dann mehr als dreißig Meter von uns weg gewesen wären. Zumindest machen sie das, was man ihnen sagt«, antwortete Martin.

Hypo hatte sich schon wieder einigermaßen beruhigt. Trotzdem war es besser, noch eine Weile zu warten. »Ich muss mal ein wenig nachdenken«, sagte Martin deswegen, statt ihm die Situation zu schildern, und starrte in seine Kaffeetasse.

Die Sonne kam langsam durch die Wolken. Ihre Strahlen fielen durch das Fenster und in die Kaffeetasse von Martin Müller. Sie bildeten ein vollkommenes Muster in der Tasse und ein eher unvollkommenes Muster in Martins Kopf. Das Muster in der Tasse hatte einen Namen: Kataka-Irgendwas. Martin fiel der Name momentan nicht ein. Wenn er an etwas anderes dachte, würde es ihm wieder einfallen. Martin dachte daran, welch seltsames Schicksal ihn hierher verschlagen hatte, an den äußersten Rand des Universums. In eine Galaxie, die nicht einmal einen eigenen Namen, sondern nur eine lange Nummer hatte und auch die war ihr nur vorläufig zugeteilt worden. Auf einen Planeten, der in einem namenlosen Spiralarm vor sich hindümpelte. Ein blöder Planet mit einem noch blöderen Namen: Oloid. – Der allerdings auch seine Vorteile besaß. Der Hauptvorteil hieß Susan. Martin dachte kurz an Susan, aber dann verdrängte er den Gedanken wieder. Es war besser, sich nicht ablenken zu lassen. Eventuell stand mehr auf dem Spiel, als er dachte. Es bestand das Risiko, dass er diesen blöden Planeten bald verlassen musste. Und damit Susan. Sie war einer der Gründe, die das Projekt zum Scheitern bringen konnten. Und mit einer zwar geringen aber durchaus realistischen Wahrscheinlichkeit könnte bald darauf die aktuell dominante Art – sie nannten sich Mensch – den Planeten auf eigenen Wunsch ebenfalls verlassen. Sie würde untergehen und keine Ahnung davon haben, dass die Rettung schon vor Ort war und nur an Trivialitäten gescheitert ist.

Auf den meisten Planeten gab es Geschichten von Helden und Kämpfen. Je ängstlicher die Bewohner waren, umso mehr dieser Erzählungen gab es. Die vielen Geschichten auf diesem Planeten handelten meist von edlen Kämpfern, schönen Frauen und Idealen, die es zu verteidigen galt. Das war die übliche Gemengelage, aus der ein Krieg entstand. Die Folge davon war in der Regel der Untergang eines oder beider Kontrahenten. Im Gegensatz dazu gingen die Ideale meist schon vor Kriegsbeginn unter – oft waren die schönen Frauen der Auslöser. Troja war über Helena gestolpert, die Nibelungen über Krimhild und Oloid war bereits einmal haarscharf daran vorbeigeschrammt, über Susan zu stolpern.

Es begann meist unspektakulär. Es ging um Nichtigkeiten und Trivialitäten. Eine schöne Frau und ein paar grabschende Touristen in Verbindung mit einem leicht übergewichtigen Sumoringer konnten ausreichen, um den Untergang einzuleiten. Oder in etwas anderer Zusammensetzung: eine Katze, ein Hund und der obligatorische Sumoringer. Oder ein grabschender Tourist, einige Oloiden und ein Dirndl mit Füllung. In der Folge konnte sich Sprengstoff bilden. In diesem Fall saß der Sprengstoff in Sichtweite auf einer Bank und hatte offensichtlich keinerlei Durchblick. Ob dies von Vorteil war, musste sich erst noch herausstellen. Aber grübeln brachte nichts. Es galt den heutigen Tag ohne größere Zwischenfälle abzuarbeiten. Da war es besser, wenn Martin möglichst entspannt an die Sache heranging. Etwas leichtere Kost für die Synapsen war deshalb angesagt. Martin dachte daran, wie er auf diesem Planeten gelandet war.

Auszug aus dem Handbuch der Planetenerforschung:

Rechenfehler

Bei der Entdeckung der Planeten wurden viele neue Erkenntnisse gewonnen. Viele Leute hatten den Eindruck, dass nicht alle vom Hohen Rat veröffentlicht wurden. Man hatte eher den Eindruck, dass viele nicht veröffentlicht wurden. Die Informationslage besserte sich erst, als unter immer noch ungeklärten Umständen das »Handbuch der Planetenerforschung« bekannt wurde. Es enthielt neben vielen sachlichen Informationen auch einige Bemerkungen zu den Verhaltensweisen des Hohen Rates und landete deshalb umgehend auf dem Index verbotener Schriften. Eine bessere Werbung war natürlich kaum vorstellbar. Nicht unerwartet wurde es daher zum meistgelesenen Buch im All.

Die nachfolgenden auszugsweisen Zusammenfassungen gehen unter anderem auf die Geschehnisse rund um den Planeten Oloid etwas näher ein.

Computer verrechnen sich selten, aber hin und wieder tun sie es. Nur deshalb war das Frachtschiff der Vereinten Zivilisationen nicht dort im Raum aufgetaucht, wo es hätte auftauchen sollen. Das war nichts Aufregendes. Kleinere Abweichungen waren nicht so selten wie viele dachten. Meistens sorgte die Bordelektronik dafür, dass man zumindest in der angepeilten Galaxie landete und dort nicht in einem Stern oder einem Weißen Loch, sondern in einer etwas gesünderen Umgebung. Manchmal, wenn auch sehr selten, tat die Bordelektronik das nicht. Warum sie es manchmal nicht tat, hatte man bis jetzt noch nicht herausgefunden, da in diesen Fällen die fehlerhafte Software samt der Hardware immer verloren gegangen war.

Die Abweichung war diesmal nicht klein, sondern gewaltig. Sie betrug eher 540 Grad als 180 Grad. Zumindest war man in einer friedlichen Umgebung gelandet. Allerdings war die Galaxie, in der man sich nun befand, genauso unbekannt wie dieser Teil des Universums. Bevor man das ursprüngliche Ziel ansteuern konnte, musste man deshalb erst einmal feststellen, wo man war, und sicherstellen, dass die nächste Berechnung stimmte. Das dauerte eine Weile und man hatte Zeit, sich etwas umzusehen.

Dabei entdeckte man überraschenderweise in nächster Umgebung ein Sonnensystem mit einigen Planeten. Einer davon war blau. Überraschenderweise ist etwas übertrieben. In einer Galaxie ein Sonnensystem mit Planeten zu entdecken löste genauso viel Überraschung aus, wie in einem Wald einen Baum mit Ästen zu entdecken. Dass einer der Planeten blau war, war ein eindeutiger Hinweis darauf, dass es sich um ein durchschnittliches Planetensystem handelte.

Die Farbe Blau deutete auf das Vorkommen von Atmosphäre und Wasser hin und das bedeutete zumeist, dass es dort Lebewesen gab. Oder so. Auch das war nichts Aufregendes. Man kam nicht umhin, den Planeten näher zu untersuchen. Das war das Standardvorgehen bei der Entdeckung von bewohnbaren Planeten. Außerdem war es Vorschrift. Größe, Temperaturen, Lebewesen, All-Koordinaten usw. waren zu notieren. Routine. Meistens Langeweile pur. Wie üblich weigerten sich die Offiziere, die Arbeit zu übernehmen, und so wurde einer der Küchengehilfen mit dem Job beauftragt. Er fand das, was er erwartet hatte: Wasser, Lebewesen und Langeweile pur.

Manche Lebewesen waren im Wasser, manche außerhalb des Wassers. Wahrscheinlich waren sie, wie das meistens der Fall ist, im Wasser entstanden und hatten es später irgendwann verlassen. Zumindest ein Teil der Lebewesen. Eine Art war dominant und hatte auch bereits etwas Technik entwickelt. Sie konnten schon selbstständig Feuer machen und nutzten das Feuer unter anderem, um ihre Transportkisten anzutreiben. Viel weiter waren sie allerdings noch nicht gekommen. Vielleicht würde aus dem Planeten einmal ein Mitglied der Vereinten Zivilisationen werden, vielleicht würden sie aber auch vorher untergehen. In ein paar 1000 Generationen würde man wohl mehr wissen und bis dahin den Planeten seinem Schicksal überlassen. Es war ein durchschnittlicher Planet mit durchschnittlichen Lebewesen. Man würde sie in Ruhe lassen und warten, bis sie sich von selber meldeten. Oder auch nicht. Das Interessierte niemand. Routine eben.

Nur der Vollständigkeit und der Vorschrift halber wurden alle Daten des Planeten aufgenommen. Auch die Daten der Lebewesen. Das war ziemlich einfach, da die Daten bereits digital vorlagen, der fortgeschrittenen Technik sei Dank. Der Bordcomputer überprüfte die Informationen auf Besonderheiten jenseits von Durchschnitt und Langeweile. Natürlich fand er bei den meisten Planeten nichts außer Durchschnitt, Langeweile und Wasser, aber diesmal meldete er sich und verwies auf zwei Besonderheiten dieser Lebewesen: Erstens hatte der Computer Mühe, einem Teil der Kleidung, von den Einheimischen Krawatte genannt, irgendeine Funktion zuzuordnen, und zweitens hatten die Wesen auf diesem Planeten einen neuen, bisher unbekannten mathematischen Körper entdeckt, den sie Oloid nannten. Das war bemerkenswert, befand sich doch das ansonsten vorhandene mathematische Niveau auf derselben niedrigen Höhe wie die vorhandene Technik. Das Oloid