Alistair - Bärbel Sánchez - E-Book
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Alistair E-Book

Bärbel Sánchez

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Beschreibung

Die Legende der Tower-Raben trifft auf eine spannende Verbrecherjagd im London zur Zeit Königin Viktorias. Kann man die Vergangenheit verändern und das Alter aufhalten? Wenn ja – zu welchem Preis? Alistair, der einstige Tower-Rabe, ist auf der Suche nach seinem Gefährten Sherlock, nachdem sie bei einem Überfall getrennt worden sind. Um Sherlock wiederzufinden, muss Alistair nicht nur herausfinden, was die wahren Absichten des Alchemisten der Königin sind, sondern noch dazu auf zwei sehr eigenwillige Kinder aufpassen. Als auch noch Sherlocks und Alistairs alter Bekannter Moriarty auftaucht, wünscht der Tower-Rabe sich nichts sehnlicher, als dass Professor Challenger die Steine von Theia nur dort gelassen hätte, wo sie waren …

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Alistair

und die Steine von Theia

Bärbel Sanchéz

Alea Libris Verlag

1.Auflage,2025

© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11,

72827 Wannweil

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Stefanie Tscherner | www.lyra-lektorat.de

Korrektorat: Lisa Heinrich

© Cover- und Umschlaggestaltung: Juliana Fabula | Grafikdesign – www.julianafabula.de/grafikdesign

Unter Verwendung folgender Stockdaten: shutterstock.com: Tanawat Thipmontha, KDdesign_photo_video, Bardocz Peter, Scruptha, CastecoDesign, Bratishko Konstantin | freepik.com

Schriftarten: Raven Inline, Garamond

ISBN: 9783988270511

Druck: Bookpress.eu Roman Kowalski, Lubelska, 37c, 10-408 Olsztyn, Polen

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Personen und die Handlung des Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Contents

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Epilog

Kapitel 1

Erwachen in den Docks

DemPfeifeneinerPeitsche folgte ein heiserer Schrei. Hufe knallten auf das Pflaster. Ich konnte den Schweiß von Pferden riechen. Um mich herum war es dunkel, irgendetwas klebte an mir und nahm mir die Sicht. Ich wurde hin und hergeschaukelt. Bei jeder Bewegung schmerzte mein Körper. Meine Gedanken rasten. Ich saß in einer Kutsche fest, aber ich wusste nicht, warum und wohin meine Entführer mich bringen würden. Der Wagen neigte sich gefährlich nach links, als er um eine Kurve bog. Der Lärm der Hufe und das Klappern der Räder mussten in der Nacht weithin zu hören sein. Doch das half mir auch nicht weiter.

Ich hatte jegliche Orientierung und auch das Gefühl für die Zeit verloren. Endlich klarte der Nebel in meinem Kopf auf und ich erinnerte mich an das Geschehene: Sie hatten mir einen Sack übergeworfen. Diese Kerle hatten es tatsächlich gewagt, mich in einen stinkenden Sack zu stecken. Nach und nach kam mein Gedächtnis wieder in Schwung: die zertrümmerte Tür, der Überfall in der Baker Street, Männer, die mich packten. Dann war es dunkel.

Der Geruch von billigem Ale verriet mir, dass ich auch jetzt nicht allein war. Jedes Mal, wenn die Kutsche um eine scharfe Kurve bog, stieß ich mir den Kopf an den Körpern, zwischen denen ich eingeklemmt war. Sie schienen das lustig zu finden, lachten und gaben mir zusätzlich noch einen Stoß. Mir wurde schwindlig. Aber sie wussten nicht, wen sie da gefangen hatten. Mir würde schon etwas einfallen, hier rauszukommen und dann würden sie dafür bezahlen.

Wir mussten uns abseits der Hauptstraßen bewegen, denn außer dem Schlagen der Hufe hörte ich keinen Laut. Wohin würden sie mich bringen?

In meinem Kopf dröhnte es. War ich zu leichtsinnig geworden? Ich hatte so eine Ahnung gehabt, dass etwas nicht stimmte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie uns tatsächlich in unserem Zuhause überwältigen würden. Doch so leicht hatten sie mich nicht bekommen. Erst ein Schlag mit dem Knüppel hatte mich erledigt. Ich verstand nur nicht, was diese Männer mit mir vorhatten.

Der Kutscher rief den Pferden etwas zu, die Räder schleiften über das Kopfsteinpflaster, dann kamen sie zum Stehen. Ich spürte einen kalten Luftzug und üble Gerüche stiegen mir in den Schnabel.

»Los, ihr faulen Hunde, bewegt euch und macht keinen Krach!«

Fast hätte ich das lustig gefunden, denn das Geschrei des Kerls, der die Anweisungen gab, musste weithin zu hören sein.

Ich wurde hochgerissen, der Sack, in den sie mich gesteckt hatten, pendelte hin und her, weil diese Idioten offenbar schon nicht mehr gerade laufen konnten. Ich wusste nicht mehr, wo oben oder unten war. Zudem konnte ich mich in dem Ding nicht bewegen. Türquietschen, schlurfende Schritte, ich fiel auf harten Boden. Schmerz erschütterte meinen ganzen Körper und ich bekam kaum noch Luft.

»Sperrt ihn in den Käfig, damit er nicht wegflattert! Wer weiß, was er alles so draufhat. Umsonst will ihn der Boss bestimmt nicht haben.«

Das schreckliche Lachen, das folgte, ließ mir die Federn gefrieren. Es verhieß nichts Gutes, sondern schien geradewegs aus der Hölle zu kommen.

Eisen schlug aneinander, eine Tür fiel krachend ins Schloss. Jemand klapperte mit einem Schlüssel und ich hörte, wie ein Schloss einrastete. Hätte ich doch bloß sehen können, wohin sie mich gebracht hatten. Von hier wegzukommen, würde schwerer werden, als ich gedacht hatte. Der Boden unter mir war hart und kalt. Auf einer Seite spürte ich durch den Sack hindurch Metall. Ich konnte meinen Kopf in dieser Lage nicht bewegen, sonst hätte ich versucht, irgendwo eine Lücke zu entdecken.

Ein Flüstern drang durch die Gitterstäbe.

»Jetzt kannst du hier verrecken. Du wirst langsam sterben, damit du es auch richtig genießen kannst. Ich hätte dir ja gleich den Hals umgedreht. Aber du sollst ja etwas Besonderes sein, habe ich gehört. Ein feiner Vogel. Komisch, dass wir dich ausgerechnet hierherbringen sollten. Aber Befehl ist Befehl. Na, und wenn die beiden anderen nicht singen, bist du dran.«

Wieder ertönte dieses grausige Lachen. Wieder hörte ich eine Tür zuschlagen und das Rattern der Kutsche, die sich entfernte. Dann wurde es still. Totenstill. Ich saß in der Falle. Als erstes musste ich herausfinden, wie diese Falle aussah.

Der Sack war aus grobem Stoff. An einigen Stellen hingen die Fäden lose und ich fand einzelne Löcher, die ich vielleicht vergrößern konnte. Sie hatten mich ganz in den Sack hineingesteckt und fest verschnürt, sodass ich mich kaum bewegen konnte. Ich versuchte, die Schnur zu lockern, indem ich mich hin- und herbewegte und meine Flügel gegen den Stoff drückte. Schmerz durchlief meinen ganzen Körper, mit meinem rechten Flügel stimmte etwas nicht. Trotzdem musste ich versuchen, mit meinem scharfen Schnabel ein Loch in den Stoff zu reißen, um hier hinauszukommen und so schnell wie möglich zu verschwinden.

Die feuchte Kälte setzte sich in meinem Gefieder fest. Wenn ich es hier hinaus schaffte, würde ich als erstes mit meinem Schnabel meine Federn ordnen. Ich nahm den Geruch von Moder und kaltem Rauch wahr, doch so roch es überall in London. Diese Finsternis um mich herum verhinderte jede Orientierung.

In so einer misslichen Lage hatte ich mich nicht mehr befunden, seit ich den Tower verlassen hatte. Einen Gedanken bekam ich nicht aus dem Kopf und der Kerl vorhin hatte es mir ebenfalls zugeflüstert: Warum hatten sie mich hierhergebracht und mir nicht gleich den Hals umgedreht? Kannten sie tatsächlich mein Geheimnis?

Ich versuchte mich zu bewegen. Ein Hüpfen nach vorn, ein Hüpfen zur Seite. In dem Sack konnte ich meine Flügel nicht ausbreiten, doch ich fühlte, dass der rechte steif nach unten hing. Auch das noch, hoffentlich war er nicht gebrochen. Sie hatten mich sehr unsanft an den Flügeln gepackt, um mich in den Sack zu bekommen und natürlich hatte ich dabei heftig um mich geschlagen, wobei ich einen von ihnen an der Nase getroffen habe. Trotzdem hatte es mir nichts genutzt.

Ich bohrte meinen Schnabel in das feuchte, kratzige Tuch. Noch einmal und noch einmal, bis mein Kopf schmerzte. Das Ergebnis war ein kleines Loch, durch das diffuses Licht von einer Gaslaterne irgendwo in der Nähe schwappte. Es war immer noch Nacht und somit noch nicht viel Zeit vergangen, seit sie mich aus der Baker Street verschleppt hatten.

Wütend zog ich an den Fäden, doch sie waren zu fest geknüpft. Mit großen Mühen passte dann wenigstens mein Kopf durch das Loch. Tief atmete ich die schmutzige Londoner Luft ein. Der Käfig stand inmitten eines von Mauern umgebenen Innenhofes. Lumpen, Flaschen und zusammengeschnürte alte Zeitungen waren in unmittelbarer Nähe aufgetürmt. Holzkisten mit zerbrochenen Wein- und Ölflaschen lagen über den ganzen Hof verteilt. Im Schein der Gaslaterne, die sich redlich mühte, das Dunkel in fahles Licht zu verwandeln, erkannte ich die Umrisse der umliegenden Gebäude. Wo war das Tor, durch das sie mich hergebracht hatten? Durch das Loch, das ich gerissen hatte, war nicht viel zu erkennen.

Bloß nicht verzweifeln. Meine Lage war ernst, aber nicht aussichtslos. Mein Flügel war zwar lahm, aber mein Kopf funktionierte noch. Erster Schritt: Mich aus diesem unsäglichen Sack befreien. Wütend riss ich an dem feuchten Tuch, das an mir klebte. Da klirrte es irgendwo in einer der dunklen Ecken des Hofes, in die das Licht nicht vordringen konnte. Dann ein leises Fluchen. Ich erstarrte.

Waren diese Männer immer noch in der Nähe? Ich hörte keine Stimmen. Etwas schlich über den Hof. Ich hörte es ganz deutlich, nur sehen konnte ich es nicht. Es bewegte sich wie eine Katze, doch es war keine. Katzen haben so eine besondere Ausstrahlung. Sie schauen einen harmlos an und wollen scheinbar nur spielen. Im gleichen Moment strecken sie ihre Krallen aus, denn sie wollen dein Leben. Das Ding, das sich auf mich zubewegte, war etwas anderes. Es bewegte sich geschmeidig, doch weniger heimtückisch. Meine Sinne waren angespannt. Jetzt fühlte ich es ganz genau. Es war ein Mensch.

Kapitel 2

Elza auf der Flucht

ElzabrauchteeinVersteck. Sie war zwar über die Mauer geklettert, um einen Unterschlupf zu finden, aber der Hof mit seinen zerfallenen Schuppen und Verschlägen kam ihr eher wie eine Falle vor. Sie wollte gerade wieder verschwinden, als sie die Männer hörte. Zum Glück hatten sie so einen Lärm gemacht. Elza fand ein Versteck hinter einem Stapel Holzkisten. Die Männer schienen sich nicht darum zu kümmern, dass sie die Bewohner der umliegenden Häuser auf sich aufmerksam machten. Doch nichts regte sich in den heruntergekommenen Unterkünften, vielleicht hatten die Leute dort auch nur Angst vor Ärger oder kannten diese Männer.

Elza jedenfalls kannte sie. Wenn die Crooks, diese Gauner, ihr zu nahe kämen, wäre alles vorbei. Sie versuchte durch einen Schlitz im Kistenstapel zu sehen. Wenn sie auch nur eine falsche Bewegung machte und der Stapel kippte, wäre ihre Deckung dahin. Sie hielt den Atem an.

Einer der Männer – groß, in einen langen schwarzen Mantel gehüllt und einen Schlapphut auf dem Kopf – warf einen Sack in einen Käfig nahe der Mauer. Er wies die Männer zurecht und war wahrscheinlich deren Anführer. Elza lief ein Schauer über den Rücken, als sie sein eiskaltes Lachen hörte. Sie hatte es schon einmal gehört.

Der Mann trat noch einmal gegen den Sack, dann schloss er die Eisentür, steckte den Schlüssel in seine Tasche und lief eilig über den Hof. Mit lautem Krachen schlug das Tor gegen den Pfosten. Anscheinend hatten die Crooks nun doch jemanden aufgeweckt, denn irgendwo wurde quietschend ein Fenster geöffnet.

Elza hörte, wie ein Schwall Wasser oder auch etwas anderes aus einem der Häuser auf das Pflaster klatschte. Einer der Männer fluchte laut. Dann war es wieder still. Das Licht der Gaslaterne, die direkt an der Mauer stand, durchdrang kaum die Dunkelheit. Im Nebel bildete es nur hellgraue Kegel. Elza wartete noch eine Weile, bis sie sicher war, dass die Männer sich entfernt hatten.

Vorsichtig schlich Elza über den Hof, auf dem Unmengen von Unrat verteilt waren. Ein Windstoß trieb ihr einen Fetzen Papier ins Gesicht. Jedes Geräusch könnte sie verraten. Bloß nicht irgendwo anstoßen. Vor ihr tauchte der Käfig auf und darin der Sack, den der Mann mit dem Schlapphut hineingeworfen hatte. Der Sack war nicht allzu groß.

Elza hockte sich vor das Gitter. Sie schaute sich mehrmals um, aber nichts rührte sich. Nur aus dem Sack kam ein leises Klappern. Was war das? Vorsichtig steckte sie eine Hand durch die Stäbe, der Zwischenraum war gerade groß genug. Da entdeckte sie das Loch in dem Tuch. Etwas Schwarzes, Glänzendes schimmerte hindurch. Es bewegte sich. Elza war unsicher, ob sie nachschauen sollte, was dieser Sack enthielt. Besser wäre es, wenn sie so schnell wie möglich von hier verschwinden würde. Doch ihre Neugier siegte, sie wollte wissen, warum sich diese Männer die Mühe gemacht hatten, dieses Ding in einen Käfig zu sperren. Als sie versuchte, den Knoten zu lösen, mit dem der Sack verschlossen war, spürte sie einen scharfen Schmerz im Daumen. Erschrocken zog sie die Hand zurück, fast hätte sie laut aufgeschrien. Während sie sich das Blut vom Finger wischte, kniff sie die Augen zusammen, um in der Dunkelheit mehr ausmachen zu können. Aus dem Stoff ragte der Kopf eines Raben.

Noch immer konnte ich nicht viel erkennen. Dieser Mensch machte sich an dem Sack zu schaffen. Wollte er mir helfen oder war er einer von denen? Vorsichtshalber benutzte ich meinen Schnabel. Auch diesmal würde ich mich nicht kampflos ergeben. Offenbar zeigte mein Schnabelhieb Wirkung. Der Mensch fluchte leise und zog seine Hand zurück. Offensichtlich wollte er auch keinen Lärm machen. Die Stimme war nicht die eines Mannes, sie klang zart, wenn auch ziemlich wütend. Ich musste endlich wissen, was da vor sich ging. Also steckte ich meinen Kopf durch das Loch und sah zuerst ein paar Schuhe oder das, was von ihnen übrig war. Eine große Zehe bohrte sich durch das brüchige Leder; die Sohlen der Schuhe waren mit einem Strick zusammengebunden, sodass sie sich nicht gänzlich ablösten. Lange rote Locken fielen dem Lumpenwesen über das Gesicht, das vor Schmutz starrte. Große grüne Augen schauten mich trotzig an und da erkannte ich, dass dieses Wesen ein Mädchen war. Sie steckte in einem zerlumpten Mantel, der ihr viel zu groß war. Von irgendwoher hatte sie einen Fetzen Stoff genommen, den es sich gerade um den Daumen wickelte, und starrte mich an.

»Warum hast du das getan? Ich wollte dir nur helfen!«

Ich wusste nicht, wie ich es ihr sagen sollte. Sie würde erschrecken, wenn ich sie so einfach ansprach. Menschen werden immer panisch, wenn sie sich etwas nicht erklären können. Es half allerdings auch nichts, wenn ich nur ein paar Krah-Krah-Laute herausbrachte. Sie starrte mich wütend an, aber sie stand immer noch neben dem Käfig und war nicht weggelaufen. Es war meine einzige Chance.

»Woher soll ich denn wissen, dass du mir helfen willst? Du kannst ja auch einer von denen sein, die mich hierhergebracht haben.«

»Hm, trotzdem. Ich hätte dich einfach liegen lassen sollen.« Dann stutzte das Lumpenwesen plötzlich und sah mich ungläubig an. Es zeigte mit dem umwickelten Finger auf mich. »Wieso redest du eigentlich mit mir? Du bist ein Vogel! Tiere können gar nicht sprechen, die bellen, krächzen, wiehern und so weiter. Ich verschwinde lieber. Das wird mir zu unheimlich.«

Das Kind schaute mich wütend und etwas verwundert an, bevor sie sich abwandte. Es schien mir aber nicht allzu ängstlich zu sein. Ich musste mir eingestehen, dass ich seine Hilfe brauchte und zwar dringend.

»Warte! Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen. Aber nach allem, was mir heute passiert ist, benutze ich lieber erst meinen Schnabel, bevor ich mich vorstelle und große Erklärungen abgebe. Bitte hilf mir aus diesem Käfig.«

Ich versuchte es mit einem treuherzigen Blick. Nun, da ich sie näher anschaute, erkannte ich es: Das Mädchen hatte eine noch frische Wunde auf der Stirn und war sehr dünn und blass, vielleicht zwölf Jahre alt. Mit Kindern kannte ich mich nicht besonders aus.

Ich hoffte sehr, dass ich sie überzeugt hatte. Das Kind strich bedächtig seine langen, verfilzten Locken aus dem Gesicht und sah mich herausfordernd an.

»So, so, du willst also, dass ich dir helfe? Was habe ich davon? Du bist schon ein seltsamer Vogel. Jedenfalls sollte ich hier lieber schnell verschwinden.«

Sie betrachtete ihren Daumen.

»Auch wenn du es eigentlich nicht verdient hast, ich kann mir das Ding an deinem Käfig ja mal anschauen.«

Sie beugte sich vor und betrachtete das Schloss, das an einer Kette am Käfig hing, dann schüttelte sie den Kopf.

»Ich weiß nicht, ob ich das aufbekomme. Meine Erfahrungen im Schlösserknacken konnte ich erst in den letzten Tagen sammeln. Es kommt darauf an, wie kompliziert der Mechanismus ist.«

Das Mädchen suchte in seinen Taschen und zog eine Haarnadel hervor. Geschickt bog sie die Nadel zurecht und führte sie in das Schloss ein. Erst rührte sich gar nichts, dann knackte es leise und die Kette mit dem Schloss fiel herunter. Die Tür meines Gefängnisses sprang auf. Fast hätte ich einen freudigen Schrei ausgestoßen, aber das Mädchen drohte mir mit dem Finger.

»Mach keinen Krach, wer weiß, ob sich die Crooks hier noch herumtreiben.«

Während ich versuchte mich aus dem Sack zu befreien, hackte ich wütend auf dem schmutzigen Stoff herum. Schlimm genug, dass ich überhaupt in diesen Sack gesteckt worden war. Jetzt kam ich nicht mal allein wieder heraus.

»Könntest du mir bitte noch einmal behilflich sein?«

Unwillig holte sie einen kleinen Dolch aus ihrer Tasche.

»Pass auf, dass ich dich nicht steche und halt still.«

Sie zerschnitt die Schnur und half mir aus dem Sack heraus. Beim Versuch, die Flügel zu heben, wäre ich fast in Ohnmacht gefallen. Ich hatte ja schon geahnt, dass etwas mit meinem Flügel nicht stimmte, aber so konnte ich auf keinen Fall fliegen. Wie sollte ich bloß hier wegkommen? Ich hüpfte vor dem Käfig ein Stück im Kreis, soweit es der herumliegende Unrat zuließ. Meine Lage war noch schlimmer als ich befürchtet hatte.

Elza war unschlüssig. Sie fand es schon unheimlich, dass dieser Vogel nicht nur krächzte, sondern dass er wie ein Mensch mit ihr sprach. Noch nie hatte sie sich Gedanken über Gezwitscher, Gekläffe, Gebrumm oder sonst etwas gemacht. Tiere waren ganz nett anzuschauen, aber mehr auch nicht. Martha redete zwar mit ihrer Katze, die sie so sehr liebte und die im Haus herumschlich, aber geantwortet hatte diese Katze Martha nie, nur geschnurrt oder miaut. Raben hatte sie bisher nur von Weitem auf dem Bäumen im Park gesehen oder wenn sie sich auf der Wiese neben dem Haus um Futter stritten. Ihr heiseres Krächzen machte Elza Angst und wenn sie im Schwarm über die Bäume im Park flogen, fühlte sie sich von ihnen beobachtet.

Doch dieser Rabe hier war anders. Was war mit ihm geschehen? Sollte sie nicht lieber schnell verschwinden, statt sich um einen ihr völlig fremden Vogel zu kümmern? Ihre eigenen Probleme waren schon groß genug. Sie konnte sich nicht noch um ein Tier kümmern.

Sollte der Rabe doch sehen, wie er hier allein wegkam. Elza betrachtete ihren verletzten Daumen. Etwas Blut war durch den Stoff gesickert. Dieser Ort war nicht sicher, sie musste einen besseren Unterschlupf finden. Wenn die Männer der Lady sie fanden, war sie geliefert. Doch jemanden einfach so hilflos liegen zu lassen, egal ob Mensch oder Vogel, wäre herzlos. Außerdem war sie neugierig. Warum hatten sich die Männer die Mühe gemacht, den Raben hierher zu bringen? Sie hätten ihn ja auch einfach in den Fluss werfen können.

Der Rabe machte einige seltsame Bewegungen und sie betrachtete ihn genauer. Er war größer als die Raben, die sich in der Nähe ihres Zuhauses herumtrieben, und hatte glänzendes schwarzes Gefieder, nur am Kopf waren ein paar Federn grau. Ihr schien es, als schaute er sie aufmerksam, aber auch etwas belustigt an.

Sie hatte ihm aus dem Sack herausgeholfen, aber nun sollte er flattern, wohin er wollte und sie in Ruhe lassen.

Ich hüpfte genau vor ihre Füße, hielt meinen Kopf schief und schaute sie von unten an, das fanden die Menschen, die den Tower besuchten immer sehr amüsant an uns Raben.

»Ich bin dir sehr dankbar, dass du mich aus diesem grässlichen Sack befreit hast. Allerdings hat sich an meiner Lage noch nicht viel geändert, wenn ich das so sagen darf.«

Das Mädchen schien unschlüssig, was sie mit mir tun sollte. Ohne ihre Hilfe kam ich hier nicht weg, also musste ich sie überzeugen, dass sie mir half, möglichst weit weg von diesem düsteren Ort zu kommen.

»Wie du vielleicht bemerkt hast, scheint mein Flügel gebrochen zu sein. Von allein komme ich nicht über diese Mauer.«

Sah ich da Mitleid in ihrem Gesicht? Ich tat so, als wollte ich einen Flugversuch unternehmen und hüpfte einen Schritt auf sie zu. Dann ließ ich die Flügel traurig hängen. Das Mädchen beugte sich zu mir herunter. Mein kleines Schauspiel hatte wohl gewirkt und ich machte ihr einen Vorschlag.

»Mir scheint, dass du auch vor irgendwem wegläufst. Ich habe eine Idee, wo wir beide unterschlüpfen könnten. Damit wäre vermutlich auch dir geholfen. Trotz der widrigen Umstände sollten wir aber auch das gute Benehmen nicht außer Acht lassen und uns vorstellen.«

Mit großer Mühe hüpfte ich auf eine schmale Kiste, die neben dem Käfig stand und bewegte mehrmals meinen Kopf nach oben und unten.

»Mein Name ist Alistair, Privatdetektiv und Sekretär von Mister Holmes. Gewöhnlich logiere ich in der Baker Street. Und wie ist dein Name?«

Das Mädchen starrte mich ungläubig an. Ich hoffte, ich hatte nicht zu sehr übertrieben.

»Ich fass es nicht: Privatdetektiv von Sherlock Holmes – wer ist das überhaupt? Aber falls du tatsächlich eine Idee hast, wo wir für eine gewisse Zeit einen sicheren Ort finden könnten, nun ja, das käme mir sehr gelegen.«

Sie deutete einen Knicks an.

»Ich heiße Elza. Ich logiere momentan nirgendwo und außerdem muss ich von hier auch ziemlich schnell verschwinden. Es wird bald hell und dann kommen die Hafenarbeiter und Männer, denen ich nicht begegnen darf. Ich könnte mich dazu herablassen, dich mit über die Mauer zu nehmen, wenn du wirklich einen Ort weißt, an dem ich mich ein paar Tage verstecken kann. Ich muss nachdenken und ehrlich gesagt: Hunger habe ich auch.«

Es würde nicht einfach werden. Das Mädchen hatte nicht gerade die besten Manieren, aber ich war mir sicher, dass sie nicht aus Wapping oder dem Londoner Osten kam. Das war ihr trotz der Lumpen und des ungehobelten Benehmens anzumerken. Sie war es gewohnt, ihre Wünsche zu äußern und gewöhnlich tat man wohl auch, was sie wollte. Aber hatte ich eine Wahl? Ich musste erst einmal einen sicheren Ort finden und nachdenken: Wer hatte die Baker Street überfallen und warum? Was war mit Holmes und Watson passiert?

Und ich brauchte dringend Unterstützung, um mehr über den Überfall herauszufinden und den beiden eine Nachricht zukommen zu lassen. Ich musste zu Marley. Wenn mir einer helfen konnte, dann er. Marley spann seine Fäden in ganz London. Sein Hausboot lag nicht weit von den Docks an der Themse am Blackfriars Pier. Dort konnte ich mit seiner Hilfe die Lage erkunden und herausfinden, was mit Sherlock passiert war.

»Ich mache dir einen Vorschlag: Du hilfst mir hier raus und bringst mich zum Hausboot eines Freundes. Dort sind wir erst mal in Sicherheit, jedenfalls für die nächsten Tage, hoffe ich. Die Crooks, die mich hierhergebracht haben, brauchen vermutlich eine Weile, um meine Spur zu finden. Sie denken nur an das Geld, das sie bekommen könnten und warten auf Befehle von jemand anderem. Ich muss herausbekommen, von wem.«

Elza war gerade der Hölle entronnen, doch die Crooks waren noch immer hinter ihr her. Sie wusste nicht, wohin. London war riesig. Der Atem der Stadt legte sich über die Gassen, verschlang das Licht. Die Stadt sog die Menschen an und spie sie wieder aus, wenn sie ihrer überdrüssig wurde. Überall lauerten ihre emsigen Helfer, die Menschenfänger. Unter den Straßen und Mauern verlief ein Labyrinth von Gängen, Kellern und Höhlen. Dort feierte die Stadt ihr zweites Leben und nahm Menschen auf, die keine Behausung fanden oder auch nicht gefunden werden wollten. Nur wenige kannten sich dort aus und diejenigen, die dort gewesen waren, erzählten Geschichten von unheimlichen Wesen und dem Schatten, Londons dunkler Seele.

Elza vertraute niemandem mehr. Die letzten Tage hatten ihr gezeigt, dass sich hinter jedem freundlichen Gesicht eine böse Absicht verbergen konnte. Ausgerechnet dieser seltsame Rabe wollte ihr helfen. Was er sagte, klang durchaus vernünftig. Doch war nicht auch das nur eine Falle? Ein Hausboot schien ihr nicht der schlechteste Ort, um einmal in Ruhe schlafen zu können. Sicher gab es da auch etwas zu essen. Es klang verlockend. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ein Stück Brot in der Hand gehabt hatte.

Ob es wohl die gleichen Männer gewesen waren, die sie verfolgt und den Raben hier eingesperrt hatten? Der Gedanke bereitete ihr Unbehagen. Sie glaubte, einen der Männer erkannt zu haben, den mit dem Schlapphut. Er war auch in dem Haus gewesen, aus dem sie geflohen war.

Elza hatte noch nichts zu meinem Vorschlag gesagt. Die Locken hingen ihr ins Gesicht und ich konnte ihren Blick nicht deuten. Noch war ich mir nicht sicher, ob mich das Mädchen tatsächlich mit über die Mauer nehmen würde. Ich versuchte es deshalb noch einmal sehr freundlich, denn eine andere Idee, von diesem schrecklichen Ort wegzukommen, hatte ich nicht.

»Es wird dich keine Mühe kosten, mich nach draußen zu bringen. Aus den Lumpen, die hier herumliegen, könntest du eine Art Umhängetuch knoten, in das du mich hineinsetzen kannst. Dann behindere ich dich beim Klettern nicht. Du musst nur auf meinen Flügel aufpassen, dass er nicht noch mehr gequetscht wird. Wirst du es so über die Mauer schaffen?«

Das Mädchen schaute mich skeptisch an, dann gab sie sich anscheinend einen Ruck.

»Also gut, ich versuche es. Aber sei bloß still und krächze nicht herum. Ich habe mich vorhin schon umgeschaut. Das Tor ist verschlossen und auf der anderen Seite sind nur alte Verschläge, da geht es auch nicht weiter. Sei bloß still und krächze nicht herum. Wenn wir hier rauswollen, muss ich über die Mauer klettern, einen anderen Weg gibt es nicht. Ich hoffe, du bist nicht zu schwer und lass bloß deinen Schnabel stecken!«

Ihr befehlender Tonfall gefiel mir ganz und gar nicht, aber da ich keinen anderen Ausweg sah, hielt ich mich zurück und gab lieber keinen Laut von mir.

Elza schaute sich um und fand eine alte Decke, die noch nicht vor Schmutz starrte. Sie knotete sie geschickt zusammen und warf sich die so entstandene Trage quer über die Schulter, dann nahm sie mich vorsichtig auf. Ich rückte mich in dem Stoff zurecht, sodass mein Flügel nicht anstieß. So würde es wohl gehen, obwohl mich das Tuch sehr an diesen Sack erinnerte. Elza schaute sich noch einmal um und lauschte. Es war beunruhigend still. Außer dem Schnarren des Windes, der alles, was er zu fassen bekam, durch die leeren Londoner Gassen trieb, hörte ich nichts.

Elza schlich zur Mauer. Überall lagen alte Holzkisten herum. Sie betrachtete sie kritisch, nahm aber dann einige davon und baute daraus eine Treppe, bemüht, keinen Lärm zu machen. Sie war sehr umsichtig, stellte ich fest und sie hatte gute Einfälle.

Doch als Elza die erste Kiste bestieg, wackelte diese bedrohlich. Das Mädchen wollte gerade nach oben klettern, da hörte ich Stimmen. Ich war mir nicht sicher, ob sie es auch gehört hatte, deshalb stieß ich mit meinem Schnabel an ihr Ohr. Unwillig drehte sie den Kopf, sie hatte es offenbar auch gehört. Ich spürte ihr Herz rasen, ihre Haut war kalt und feucht.

»Los, dort hinter in den Verschlag«, zischte ich.

»Weiß ich selbst«, zischte sie zurück.

Ich hoffte, dass Elza nicht über das Gerümpel stolperte oder auf dem herumflatternden Zeitungspapier ausrutschte, aber sie bewegte sich gewandt über alle Hindernisse. Als die Stimmen lauter wurden, öffnete sie vorsichtig die Tür zu dem halb verfallenen Verschlag, der vielleicht früher als Pferdestall genutzt worden war. Die Tür bewegte sich nur langsam und gab ein gequältes Geräusch von sich. Ich hielt die Luft an, hoffentlich waren sie noch weit genug weg. Gerade hatten wir die Tür hinter uns geschlossen, als ich die Männer laut fluchen hörte. Dann klang es, als würde eine Mülltonne umgeworfen und ein Hund bellte lautstark. Auch das noch. Hunde waren mir ein Gräuel.

Elza legte den Finger an den Mund und sah sich ängstlich um. Sie zeigte auf eine kleine Treppe, die weiter nach unten führte. Das war nicht ideal, denn im Notfall konnten wir von hier nicht einfach flüchten. Wir saßen in der Falle.

In der hintersten Ecke sah ich weitere Kisten mit leeren Flaschen darin. Darüber lag ein großes Stück Segeltuch. Elza schien es im selben Moment entdeckt zu haben. Wir schlichen zu den Kisten und das Mädchen zog das Tuch über unsere Köpfe. Jetzt konnten wir nur noch hoffen und den Atem anhalten. Wieder sah ich nichts, doch die Männer kamen näher und ich hörte deutlich, was sie sprachen.

»Dieser Teufel!«

»Aber zwanzig Pfund wert. Die Lady ist diesmal sehr großzügig.«

Ich hörte, wie jemand von außen an dem Eisentor rüttelte, das zum Hof führte.

»Mach das Tor auf, verdammt. Das Mädchen muss sich irgendwo verstecken. Weit kann sie nicht gekommen sein, die Leute hier legen sich nicht mit der Lady an. Die würden diesem Balg nicht einmal einen Schluck Wasser geben.«

Doch das Tor gab nicht nach, die Eisenstäbe quietschten nur. Die Männer mussten es vorhin wieder verschlossen haben, nachdem sie mich hierher gebracht hatten.

»Pass doch auf, du Trottel. Hast du etwa keinen Schlüssel?«

»Die Lady hat mir keinen gegeben. Konnte ja nicht wissen, dass wir hier suchen müssten.«

Dann waren hier offensichtlich noch andere Kerle am Werk oder sie hatten den Schlüssel verloren. Ich hörte, wie der Hund jaulend nach oben sprang, aber offensichtlich das Tor nicht überwinden konnte.

»Verdammter Hundesohn, dann klettere doch drüber. Wir müssen sie finden. Vielleicht springt auch noch mehr dabei raus.«

Elza zitterte oder war ich das selbst? Hoffentlich behielt sie die Nerven. Ich hörte ein Fluchen, das Tor gab einen metallischen Klang von sich und der Hund heulte erneut auf. Einer der Kerle musste ihn getreten haben. Der Lärm würde noch die ganze Straße aufwecken. Das verringerte unsere Chancen, unbemerkt von hier fortzukommen. Aber zumindest würde es die Crooks vertreiben.

»Ich komme da nicht drüber. Die Stäbe sind angespitzt. Willst du, dass ich mich aufspieße? Die Kleine ist nicht in diesem Hof. Da ist nur altes Gerümpel von den Lumpensammlern. Die ist nicht so leichtsinnig und klettert da drüber. Die weiß genau, dass sie dann in der Falle sitzt. Lass uns woanders suchen.«

»Na, du bist nur zu faul nachzusehen«, hörte ich den anderen Mann fluchen.

»Sie ist doch eine von der feineren Gesellschaft, denkst du, die kennt sich hier aus? Aber ich denke auch nicht, dass sie rübergeklettert ist. Lass uns woanders weitersuchen.«

Die Männer schienen von ihrem Vorhaben abzulassen. Ich hörte, wie sie sich weiterhin laut fluchend vom Tor entfernten. Irgendwo wurde ein Fenster geöffnet. Eine Frau keifte.

Doch wir hatten noch einmal Glück und die Straße versank schnell wieder im Schlaf, so als wäre nichts geschehen.

Das Mädchen warf das Segeltuch ab und vergewisserte sich, dass ich noch bequem in dem Tragetuch Platz fand. Sie war umsichtiger, als ich gedacht hatte. Dann schlich sie zur Tür und versuchte durch den Spalt im Holz etwas zu erkennen.

»Schau du nach, ob die Luft rein ist. Du kannst das bestimmt besser.«

Ich wollte etwas erwidern, doch wahrscheinlich hatte sie Recht. Ein Rabe hat nun einmal bessere Sinne, das sagte Sherlock auch immer. Fast wäre mir ein tiefer Seufzer entwischt. Wo mochte Sherlock bloß sein?

In dem verschwommenen Licht draußen konnte auch ich nicht viel erkennen, obwohl ich meinen Kopf ganz dicht an den Spalt im Holz hielt.

»Wir müssen es riskieren«, beschloss ich. »Viel Zeit bis zur Morgendämmerung haben wir nicht mehr.«

»Na, dann los! Die Lady scheint ja offensichtlich viel Geld für mich zu bezahlen.«

Wer war nur diese Lady, die hinter Elza her war? Doch im Moment verkniff ich mir die Frage lieber. Erst mussten wir hier weg. Wenn wir auf dem Boot in Sicherheit waren, hatten wir noch genug Zeit für ein ausführliches Gespräch.

Ich ließ mich wieder in das Laken fallen und hoffte, dass ich nicht zu sehr hin und her geworfen würde.

Elza stieß behutsam die Tür auf und schlich zur Mauer. Zum Glück hatten die Männer die aufgetürmten Kisten nicht entdeckt. Elza bewegte sich lautlos und elegant wie eine Katze. Auch wenn ich Katzen nicht mochte, musste ich ihnen ihre Eleganz zugestehen. Die Mauer endete in Zinnen aus Backstein. Elza zog sich daran hoch und drehte den Kopf zu mir.

»Schau mal, ob die Luft rein ist«, flüsterte sie.

Der Frühnebel schwebte durch die Gasse und die Gaslaterne, die direkt an der Mauer stand, war erloschen.

»Ich kann kaum etwas erkennen, aber die Gasse scheint leer zu sein und wir sollten nicht länger warten.«

Elza zog das Tuch wieder fester um ihre Schulter und kletterte über die Zinnen. Auf der anderen Seite war eine kleine Böschung, direkt an der Mauer. Das Mädchen konnte sich einfach hinabgleiten lassen. Endlich standen wir wieder fest auf dem Boden. Elza atmete tief durch.

»Und wohin jetzt? Kennst du den Weg zum Boot deines Freundes? Ich bin einfach nur immer weiter durch die Straßen gelaufen, nur weg von dem Haus dieser Lady. Wo wir genau sind, weiß ich nicht.«

Wirklich sicher war ich mir allerdings auch nicht.

»Ich rieche die Themse. Die Docks müssten ganz in der Nähe sein.« Ich erkannte die Lagerhallen der Mudwalker, die alles aus dem Fluss fischen, was in ihren Netzen kleben bleibt. Die Gasse führte nur in eine Richtung. Wie alle anderen Wege dieser Gegend auch führte sie zum Themseufer. Jedenfalls hoffte ich es.

»Wenn wir die Themse entlang in Richtung London Bridge gehen, müssten wir bald den Weg zur Anlegestelle der Hausboote finden.«

»Das klingt so, als wärst du dir nicht sicher. Du bist doch ein Vogel. Ich dachte, die haben eine hervorragende Orientierung.«

Elza legte die Finger um ihre Augen und deutete eine Brille an, dann schüttelte sie den Kopf. Es war keine Zeit, beleidigt zu sein. Das Mädchen hatte ja Recht, aber von hier unten hatte ich nun mal keinen so guten Überblick.

»Was, wenn wir den Crooks direkt in die Arme laufen?«

Elza musste vorsichtig sein, sehr vorsichtig. Sie konnte nicht glauben, dass sie einem Vogel ihr Leben anvertraute. Aber hatte sie eine Wahl? Sie war seit ihrer Flucht aus diesem furchtbaren Haus durch die Straßen geirrt. Sie kannte in London nur die feineren Viertel und war nie allein unterwegs gewesen. Daher hatte sie auch keinen Plan, wohin sie gehen konnte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an den Ort dachte, von dem sie gerade entkommen war, diesem schrecklichen Arbeitshaus mit all den traurigen Kindern. Sie musste darauf vertrauen, dass dieser Rabe sie tatsächlich in Sicherheit bringen würde. Dann konnte sie endlich darüber nachdenken, wie sie aus dieser Misere herauskommen sollte.

Die enge Gasse war menschenleer und dunkel. Überall stand altes Gerümpel, hinter dem sich jemand verstecken konnte. Es stank nach Moder und verfaultem Fleisch. Die Fenster waren zum Teil vernagelt, kein Licht drang durch die Spalten der Bretter nach draußen. Plötzlich bemerkte Elza an der Tür vor ihr einen Schatten. Sie duckte sich unter den Vorsprung eines Fensters. Doch schon im nächsten Moment war der Schatten verschwunden. Vermutlich war es nur eine eilige Ratte gewesen.

Für eine Ratte war dieser Schatten eigentlich zu groß. Doch ich hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Am Ende der Gasse entdeckte ich eine Treppe.

»Ich glaube, die Treppe dort führt direkt zur Themse. Ich rieche schon ihren faulen Atem.«

Wir konnten beide dringend etwas Hoffnung gebrauchen.

Kapitel 3

Das Hausboot

DerNebelsetztesich in kleinen Tropfen in Elzas Haaren fest. Er stieg von der Themse auf und drängte hinein in die Gassen der Stadt. Die Feuchtigkeit, vermischt mit dem Ruß der vielen Schornsteine, schien ihr das Atmen schwerzumachen. Der Schatten war keine Ratte gewesen. Sie fühlte es, konnte aber nicht beschreiben, was genau es war. Sie fühlte Kälte, dort, wo plötzlich die roten Ziegelmauern dunkler wurden. Ein schwarzer Fleck, der dem schummrigen Licht der Gaslaternen auswich und ihr mit jedem Schritt folgte. Es gab so viele Erzählungen über diesen Schatten, der London von Zeit zu Zeit heimsuchte. Wer auf ihn traf, der verschwand für immer. Sogar ganze Häuser sollte dieser Schatten verschlungen haben. Niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob dies eine der vielen Schauergeschichten dieser Stadt war oder ob tatsächlich etwas in den nächtlichen Straßen lauerte, dem man lieber nicht begegnen sollte. Elza schüttelte sich. Es war sicher nur eine Ratte oder ein herrenloser Hund und ihre Fantasie hatte ihr einen Streich gespielt. Ihr Herz raste und ihre Beine zitterten, aber sie musste sich zusammenreißen, bis sie endlich am Fluss waren und dieses verdammte Hausboot gefunden hatten.

Dieser ganze Schlamassel war allein ihre Schuld. Sie war wütend von zu Hause weggelaufen und nun irrte sie durch diese düsteren Straßen und einzig ein komischer Rabe, den sie auch noch tragen musste, sollte ihr helfen. Doch sie konnte auch nicht einfach wieder nach Hause gehen und ihrem Vater gestehen, dass sie einen furchtbaren Fehler begangen hatte.

Nun aber musste sie sich konzentrieren und diese Angst, die sie erfasst hatte, vertreiben.

Die Stufen waren kaum zu erkennen. Sie schienen geradewegs ins Nichts zu führen. Elza griff nach dem rostigen Handlauf, der entlang der Treppe nach unten führte. Das Eisen fühlte sich glitschig und kalt an. Wenn sie wenigstens nur auf sich selbst aufpassen müsste, aber sie trug ja auch noch diesen Raben, der ihr allmählich zu schwer wurde. Unnötigerweise flüsterte er ihr auch noch zu, dass sie doch vorsichtig sein sollte.

»Das weiß ich auch. Pass du lieber auf, dass du dich nicht zu sehr aufplusterst und noch schwerer wirst«, knurrte sie ihn an.

Zum Glück dämpfte der Nebel ihre Schritte. Es kam ihr so vor, als würde sie auf Watte laufen, wie in einem Traum. Etwas rollte klirrend von ihr weg, als sie das Gleichgewicht verlor. In der Dunkelheit schrie ein Tier, vermutlich eine Katze. Elza musste über eine leere Flasche gestolpert sein und war auf ihrem Hintern gelandet. Sie sah nach unten, die Treppe endete vor einem windschiefen Haus. Ein stechender Schmerz lief durch ihre rechte Schulter. Sie hatte gar nicht mehr an den Raben gedacht, das Tuch musste beim Fallen verrutscht sein, sodass Alistair sich an ihr festgekrallt hatte.

Ich hielt lieber meinen Schnabel. Die Dunkelheit setzte auch mir zu und ich erkannte nur die Umrisse des Hauses am unteren Ende der Treppe. Noch dazu hing ich in diesen Lumpen, aus denen ich nur mit Mühe meinen Kopf stecken konnte.

Mein Gehör war durch den Schlag auf den Kopf auch noch nicht so verlässlich, wie ich nun feststellen musste. Nur meine Nase schien noch zu funktionieren, der Geruch von Bier und kaltem Rauch drang aus dem Haus. Solche Pubs wie diesen gab es entlang der Themse viele: das Dach windschief, die Fenster vernagelt. Sie hießen »Rotten Fish«, »Old Cock Tavern« oder »World’s End«. Zahllose Halunken betrieben hier einen Bierausschank, um den Bewohnern von Wapping oder Whitechapel auch noch den letzten Penny aus der Tasche zu ziehen.

Doch es war nicht nur das Bier, das in den schmutzigen, düsteren Kneipen die Runde machte, vor allem tauschte man hier die neuesten Nachrichten aus, machte Geschäfte aller Art. In den Pubs traf sich jede Nacht das übelste Gesindel: die Themsefischer und Müllsammler, die Leichenfledderer, Lastenträger und was sich hier sonst noch alles herumtrieb. Anstatt dass ich zu dem oberen Fenster des Hauses flog und die Gegend im Blick behalten konnte, musste ich damit Vorlieb nehmen, mit dem Mädchen an dem Haus vorbeizuschleichen. Es war so unwürdig für einen Raben, seine Flügel nicht benutzen zu können. Etwas bewegte sich im Wind und Elza blieb erschrocken stehen. An einem Schild, das links neben der Tür angebracht war und ein Stück von der Wand abstand, baumelten ein paar Ratten.

»Die sind tot«, sagte ich, als ich sah, wie das Kind erbleichte.

Ich war in Versuchung, die Ratten mit meinem Schnabel anzustoßen. Die würden jedenfalls nichts mehr stehlen. Elza sah mich böse an. Also ließ ich es lieber bleiben.

»Das ist der Pub, »The Rat’s End«. Wir sind an einem der übelsten Orte von London. Da haben sich die Leute wohl einen Scherz erlaubt«, versuchte ich Elza die aufgeknüpften Ratten zu erklären.

»Hier werden bald die Lumpensammler und Dregger auftauchen. Die streiten sich dann um das, was sie auf der Straße finden. Unterhalb der Treppe kommen wir zu einem Tunnel, der zur Themse führt.«

Elza verzog das Gesicht.

»Bist du sicher, dass du weißt, wo das Boot liegt?«

Das war eine gute Frage. Bisher hatte mich meine Orientierung immer zumindest in die Nähe dessen gebracht, wo ich hinwollte. Ob das mit einem gebrochenen Flügel auch noch so klappte, konnte ich nicht sagen.

»Wenn wir das Themseufer erreicht haben, ist es nur noch ein Stück. Marley ankert mit seinem Boot immer an dieser Stelle, nicht weit von den Docks. Wenn ich könnte, würde ich vorausfliegen, aber du siehst ja selbst.«

Ich bewegte vorsichtig meinen rechten Flügel. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper und mir wurde schwarz vor Augen. Ich unterdrückte ein Krächzen.

Elza sah mich schuldbewusst an.

»Ist schon gut. War nicht so gemeint.«

Wir stiegen vorsichtig die letzten Stufen zum Tunnel hinunter, dabei beobachtete ich aufmerksam die Fenster des Pubs. Doch nichts regte sich. Alles blieb dunkel.

Der Tunnel sah aus wie ein dunkler Schlund, das dämmrige Licht, das den Morgen ankündigte, wurde von den Wänden völlig verschluckt. So musste der Weg in die Hölle aussehen.

Elza zögerte einen Moment, doch dann lief sie schnell hinein. Nur um plötzlich abrupt stehen zu bleiben.

»Hörst du das auch?«

Tatsächlich, vom anderen Ende drang ein Geräusch zu uns. Ich versuchte, es zu deuten. Es klang wie ein Summen, leise, aber doch deutlich genug.

»Was ist das?«

Das Mädchen sah mich fragend an.

»Keine Ahnung. Es ist hier zu dunkel, um irgendetwas zu erkennen. Sei vorsichtig und pass auf, wo du hintrittst. Die Steine sind feucht, weil der Fluss so nah ist. Aber wir müssen hier durch. Vielleicht kommt das Summen von einem der Fischer.«

Elza nickte. Die Tropfen, die sich in regelmäßigen Abständen von der Decke lösten, trafen mit einem leisen Platschen auf den Boden. Das Kind zitterte in ihren zerlumpten Kleidern.

Kurz vor dem Ende des Tunnels hielt sie noch einmal an. Das Geräusch war jetzt viel lauter. Es hörte sich tatsächlich so an, als würde jemand ein Lied vor sich hin summen.

Der Tunnel endete unmittelbar an der Ufermauer zur Themse. Der Weg nach links führte, wenn ich nicht irrte, direkt zum Ankerplatz der Boote. Ich hoffte, dass Marley tatsächlich an diesem Tag mit seinem Boot hier angelegt hatte. Meine Zweifel behielt ich jedoch lieber für mich.

Ein frischer Wind trug den Geruch von Salz und totem Fisch vom Fluss herauf. Elza hob den Zeigefinger und bedeutete mir, ruhig zu sein. Vorsichtig schob das Mädchen den Kopf durch den Bogen am Tunnelende und hielt sich dabei an der Mauer fest. Feiner Nebel stieg von der Themse auf und verwischte die Konturen eines Menschen, der mit dem Rücken zu uns auf der Ufermauer saß.

Dieser Mensch – oder war es etwa ein Geist? – hielt einen Kescher in der Hand und summte dabei vor sich hin. Wer fing im Morgengrauen Fische in der stinkenden Themse? Doch die eigentliche Frage lautete, ob wir uns an dem Kerl ungesehen vorbei schleichen konnten.

Der Weg, der rechts vom Tunnel wegführte, war zum Teil mit Büschen bewachsen, hinter denen sie zur Not Deckung suchen konnte. Sie gab Alistair ein Zeichen. Geduckt schlich sie möglichst weit vom Ufer entfernt vorbei. Mit ihren unförmigen Schuhen war es schwierig, den Steinen auszuweichen, die überall auf dem Weg herumlagen.

Da passierte es: Es knirschte, ein Kieselstein rollte unter ihren Füßen weg. Das knirschende Geräusch hallte in der Stille des Morgens wider wie Kanonendonner. Wie konnte sie nur so unvorsichtig sein? Sie sah, wie die Gestalt sich langsam umdrehte. Das Gesicht eines Jungen, blass und schmal, aber nicht viel älter als sie selbst, grinste Elza an. Sie erstarrte. Dieser Junge kam ihr bekannt vor. Panik stieg in ihr auf, als sie sich erinnerte, an welchem Ort sie ihn zuletzt gesehen hatte.

»Na sieh mal an. Ich dachte, die Geisterstunde ist schon vorbei und die Leute hier schlafen noch in ihren verlausten Betten. Wer schleicht denn da in dieser feinen Gegend rum?«

Der Junge sprang von der Mauer und baute sich breitbeinig vor Elza auf. Er machte keine Anstalten, den Weg freizugeben. Sein langer zerschlissener Mantel war ihm offensichtlich viel zu groß. Damit er zusammenhielt, hatte der Junge einen Strick um seinen Bauch gebunden. In seiner Hand hatte er noch immer den Kescher, mit dem er nun auf mich zeigte.

»Was haste da in diesem Lumpen? Das ist doch der Kopf einer Krähe! Diese Viecher bringen Unglück und Tod. Bist du vielleicht ein Geist? Kleine Mädchen treiben sich um diese Zeit nich hier rum.«

Elza spannte sich an, als wollte sie gleich mit voller Wucht an dem Kerl vorbeistürmen. Ich krächzte so, dass es sich anhörte wie der Schlag einer alten Turmuhr. Geräusche nachahmen, das konnte ich sehr gut. Der Junge wich einen Schritt zurück, doch noch immer versperrte er uns den Weg. Ich betrachtete ihn genauer, vielleicht hatte ich ihn schon irgendwo gesehen. Seine rechte Wange wurde von einer großen, noch frischen Narbe entstellt. Die langen, schmutzigen Haare hingen ihm ins Gesicht. Doch seine Augen sahen mich trotzig an. Als Straßenjunge war er sicher nicht so leicht einzuschüchtern. Sie schafften es immerhin, jeden Tag irgendwie auf den Straßen zu überleben.

Elza war wütend. »Mach den Weg frei! Vielleicht bin ich tatsächlich ein Geist und lasse dich gleich zu Stein erstarren.«

Der Junge rührte sich nicht.

»Bist du auch noch taub?«

Elza hob die Hand und stieß den Jungen an der Schulter, um ihn beiseitezuschieben. Ich versuchte, meine Augen zum Glühen zu bringen. Ein Trick, der manchmal half, um mir Menschen vom Leib zu halten. Klappte aber leider nicht immer. Ob ich es diesmal nicht schaffte oder der Junge sich davon nicht beeindrucken ließ, konnte ich nicht sagen. Jedenfalls machte er keine Anstalten, uns aus dem Weg zu gehen.

Ein Zucken ging durch seinen Körper und langsam begriff ich, dass er lachte. Elza war genauso fassungslos und blieb stehen.

»Was ist so lustig? Ich habe gesagt, du sollst uns vorbeilassen. Wir haben es eilig und wenn du keinen Ärger haben willst, dann verdufte.«

»Den Ärger habt doch eher ihr, vermute ich mal.«

Der Junge hatte die Hände in die Hüften gestemmt und war ganz nahe an Elza herangekommen. Sie wich keinen Schritt zurück, aber ich merkte, wie sie vor Wut zitterte. Ich spürte den Atem des Jungen. Er roch unangenehm.

»Niemand ist um diese Zeit unterwegs, wenn er nich gerade irgendwelche Geschäfte zu erledigen hat oder auf der Flucht oder verrückt ist. Und ich denk, ihr seid auf der Flucht. Und vielleicht, wenn ich will und der Preis stimmt, könnte ich euch sogar helfen, denn ich kenne mich hier aus. Kopf oder Zahl?«

Er hatte eine Münze aus einer seiner Manteltaschen herausgezogen und hielt sie Elza vor die Nase. Sie sah ihn wortlos an.

Wir mussten hier endlich verschwinden. Die Leute würden bald aus ihren Häusern kommen und wir standen hier immer noch herum. Ich steckte meinen Kopf noch etwas weiter aus dem Tuch und kam mit meinem Schnabel ganz dicht an sein Ohr. Ich flüsterte leise: »Lass diesen Kinderkram und halt uns nicht weiter auf.«

Nun sah der Junge doch etwas ängstlich aus. »Was ist das? Die Krähe spricht ja! Bist du eine der Themsehexen? So siehst du eigentlich nich aus. Bei der Alten warst du …«

Er schluckte die letzten Worte hinunter.

»Ich verdrück mich lieber. Vergesst, was ich gesagt habe.«

Der Junge hatte es plötzlich sehr eilig. Er schob Elza beiseite. Ich schaukelte in meinem Laken hin und her, als er dabei Elzas Schulter streifte.

»Pass doch auf.«

Elza hielt den Jungen am Mantel fest, sodass der nicht weiterlaufen konnte.

»Warte!«

Ich sah Elza verwundert an. »Du wirst dich doch nicht mit dem abgeben!«

»Weißt du tatsächlich genau, wo das Boot ist?«, zischte sie mir zu. »Wir haben nicht mehr viel Zeit und müssen schnell von hier weg. Wenn er uns zeigen kann, wo der Anlegeplatz ist, umso besser. Und dein Freund hat doch bestimmt auch ein Frühstück für ihn.«

Ich hatte ein ungutes Gefühl. Der Junge gefiel mir nicht, aber ich musste Elza Recht geben: Sicher war ich mir nicht, wo genau wir Marleys Boot finden würden. Der Junge schien sich hier wenigstens auszukennen.

»Also gut, weißt du, wo der Blackfriars Pier ist? Wir wollen dort zu einem der Hausboote. Wir müssen schnell dort hin, ehe es hier allzu geschäftig wird.«

Ich hatte mich dem Jungen zugewandt und um meine Worte zu bekräftigen, klapperte ich mit dem Schnabel.

Noch immer sah er mich und Elza ungläubig an.

»Es gefällt mir nich, dass deine Krähe so mit mir spricht, aber wenn was für mich dabei rausspringt, kann ich mir ja noch überlegen, ob ich weiß, wo die Boote sind. Umsonst ist gar nichts!«

Wenn wir nicht in so einer schwierigen Lage wären, hätte ich ihm mit meinem Schnabel in die Augen gehackt. So eine Beleidigung: Krähe! Aber unter diesen Umständen hielt ich mich lieber zurück.

Elza trat von einem Fuß auf den anderen. Sie schaute immer wieder den Weg zurück, den wir gekommen waren.

»Bring uns einfach zu den Booten. Ein Frühstück wird dabei schon für dich rausspringen. Ich denke, das ist genug. Dein Freund wird uns doch etwas zu essen geben, nicht wahr, Alistair?«

Das war das erste Mal, dass sie mich bei meinem Namen nannte. Das gefiel mir und erinnerte mich an Sherlock, meinen guten Freund. Wie es ihm wohl gerade erging? Diese Ungewissheit war schlimm.

»Ich denke schon. Marley hat immer reichlich Proviant. Also los, beeilen wir uns!«

Der Junge stand noch kurz unschlüssig da, setzte sich dann aber in Bewegung.

»Also gut. Wir müssen ein Stück weiter am Ufer entlang. Der Weg führt zu einer Treppe, über die man zu der Anlegestelle gelangt. Es gibt aber mehrere davon, du musst dann selber sehen, ob’s die richtige ist.«

Der Junge grinste und schwang seinen Kescher.

»Lass das!«

Elza verzog das Gesicht, folgte dem Jungen aber den Uferweg entlang. Mir gefiel das nicht, aber was hatte ich für eine Wahl?

Die Themse schlug kräftig an die Ufermauer, das Wasser war schwarz und bewegte einige tote Fische hin und her. Langsam wurde es heller und der Nebel verzog sich allmählich. Elza schaute nur stumm auf den Weg vor sich. Woran dachte das Kind bloß? Das Tuch drückte gegen meinen verletzten Flügel. Ich musste unbedingt an einen Ort, an dem ich mich wieder richtig bewegen konnte.

Bis auf das Schmatzen der Themse war es noch ruhig. In der Ferne hörte ich das Signalhorn eines Dampfschiffes. Der Mond war verblasst und die Morgenröte kämpfte sich durch den Dunst der Stadt. Ich hatte das Gefühl für die Zeit verloren, vielleicht waren fünfzehn Minuten vergangen, vielleicht aber auch nur fünf. Das Ufer machte plötzlich einen Bogen. Die Wellen schlugen hier stärker gegen die Mauer und ich hörte das Knarren von Holz: Boote. Hoffentlich waren es die richtigen.

Kapitel 4

Marley

Elzasetztemichauf einem Mauervorsprung ab, von dem eine rostige Leiter nach unten zum Wasser führte. Ich sah fünf stählerne Löwenköpfe aus der Mauer hervorragen. Durch die Nüstern der Löwen waren Ringe zur Befestigung der Boote angebracht. An dreien der Köpfe hingen an starken Tauen einige Kähne. Die Themse schaukelte sie leicht hin und her.

»Ist das Boot deines Freundes dabei?« Elza schaute mich skeptisch an.

Marleys Boot war zum Glück unverkennbar.

»Siehst du das eine Boot mit den vielen Blumentöpfen und der Fahne, auf die eine Spirale gemalt ist?«

Elza nickte.

»Es ist das letzte in der Reihe.«

Auf keinem der Boote brannte ein Licht.

Marley war ein guter Freund, aber er hatte auch manchmal ein aufbrausendes Gemüt. Ich musste ihn vorsichtig auf unsere Ankunft vorbereiten. Deshalb wollte ich erst einmal allein mit ihm sprechen.

»Elza, ich will erst einmal allein mit Marley sprechen. Bitte warte einen Moment vor der Tür der Kajüte.«

Elza verdrehte die Augen. »Ich weiß schon, ich muss dich hinuntertragen. Aber was wird mit dem? Er wartet sicher auf seine Belohnung.«

Sie zeigte mit dem Finger zum Ufer.

Der Junge stand unschlüssig am Rand der Treppe. Immer wieder schaute er unruhig zum anderen Ende des Weges, dorthin, wo wir hergekommen waren. Das gefiel mir nicht. Aber wir konnten auch nicht alle auf einmal zum Boot hinunter.

»Junge, warte hier oben, bis ich dich rufe. In der Zwischenzeit hältst du die Augen offen. Kennst du den Ruf des Käuzchens? Rufe dreimal, wenn hier jemand herumschleicht«, krächzte ich.

Der Junge nickte, sagte aber kein Wort.

»Wie heißt du überhaupt? Ich kann dich ja nicht ‚Junge‘ rufen.«

Er zögerte, doch dann sagte er leise: »Cody. Ich heiße Cody.«

»Also gut, Cody, wir sind gleich zurück und du bekommst auch dein versprochenes Frühstück.«

Elza stieg behutsam die Eisentreppe hinunter. Sie achtete darauf, dass das Tragetuch, in dem ich noch immer saß, nicht gegen die Eisenstäbe schlug. Ich spürte, wie schwer ihr das Hinabsteigen fiel. Das Kind musste sehr müde sein, sie hatte schließlich die ganze Nacht nicht geschlafen. Doch auch ich wäre froh, wenn wir bei Marley wenigstens für einen Weile einen ruhigen Platz finden würden.

Elza kletterte über die Planken des Bootes und blieb neben Marleys Drehorgel stehen. Vor die eisernen Räder, auf denen der Holzkasten stand, war ein großer Stein geschoben, sodass die Orgel nicht wegrollen konnte. Marley hatte den Kasten, in dem die Pfeifen eingebaut waren, bunt bemalt und noch einen großen Trichter aus Messing angebracht, den er erst vor Kurzem geputzt haben musste. Er leuchtete uns geradezu entgegen.

Ich roch schon vor der Tür die Mischung aus Tabak und gebratenem Speck. Marley ließ es sich gut gehen und ich war froh, dass er ganz offensichtlich auf dem Boot war. Elza setzte mich vorsichtig vor der Kajütentür ab. Sie war nur angelehnt und ich öffnete sie einen Spalt breit mit meinem Schnabel. Marley schien keinen ungebetenen Gast zu erwarten. Der alte Mann war leichtsinnig geworden. Die Tür gab ein knarrendes Geräusch von sich. Aus dem hinteren Teil der Kajüte hörte ich ein bekanntes Brummen.

»Zum Henker, wer ist da?«

»Beruhige dich. Ich bin es, Alistair.«

Mit einem schlurfenden Geräusch kam Marley zum Eingang. Ich hörte, wie er an etwas stieß, das krachend umfiel. Marley fluchte. Als er endlich auftauchte, hatte er sich eine grüne Decke übergeworfen; in seiner Hand hielt er einen dicken Knüppel. Seine Mütze hing ihm schief über das rechte Auge. Verschlafen sah er mich an.

»Alistair, was zum Teufel suchst du zu dieser Unzeit hier? Ist was passiert?«

Marley wirkte nicht gerade freundlich.

Doch dann fiel sein Blick auf meinen herunterhängenden Flügel. Zunächst schien er besorgt, dann sah ich den Schalk in seinen Augen aufblitzen.

»Du meine Güte, das sieht aber nicht gut aus. Hast du mit Holmes gerauft?«

Marley lachte in seinen grauen Bart.

»Das ist nicht witzig. Sherlock ist verschwunden und ich wurde verschleppt.«

Marley verschluckte sich und wurde blass. »Das ist nicht dein Ernst? Davon habe ich noch nichts gehört.«

Der Junge hatte sich an einen Pfosten gelehnt. Elza spürte seine Unruhe und folgte seinem Blick den Uferweg zurück. Bewegte sich dort am Tunneleingang etwas? Wieder dachte sie an den Schatten und hatte das Gefühl, als ob ein eisiger Wind ihren Körper streifte. Das Dämmerlicht und ihre Müdigkeit konnten sie aber auch täuschen. Ihr Magen knurrte furchtbar, vielleicht hatte sie auch schon Halluzinationen.

Das Wasser der Themse stand hoch und das Boot schaukelte leicht. Elza setzte sich auf eine kleine Bank neben der Drehorgel. Sie hatte so einen Kasten schon mal bei einem Ausflug auf einem der Marktplätze gesehen. Die Lieder, die zu den Klängen der Orgel vorgetragen wurden, klangen allesamt schaurig. Hoffentlich hatte sich Alistair nicht geirrt und sie bekam endlich etwas zu essen, einen Tee und einen warmen Schlafplatz. Im Inneren des Bootes flackerte ein schwaches Licht. Dann hörte sie, wie etwas umfiel und ein Mann fluchte. Hoffentlich hatte Alistair sich nicht geirrt. Doch bevor Elza sich größere Sorgen machen konnte, steckte der Rabe seinen Kopf durch die Tür.

»Du kannst hereinkommen, alles in Ordnung.«

Elza wollte schon die Kajüte betreten, als ihr Cody wieder einfiel. Sie sah zur Treppe hinauf, doch da war niemand, nur das Grau des anbrechenden Tages. Sie kletterte zurück auf die Mauer. Nichts. Kein Kerl im grauen Mantel. Der Junge war wie von der Themse verschluckt. In Elza stieg Angst hoch. Würde dieser Cody sie an die Menschenjäger verraten? Sie erinnerte sich an den Jungen, der damals vor ihrem Gefängnis gestanden hatte.

Sie hatte gleich ein komisches Gefühl gehabt, aber Alistair hatte ihr ja nicht glauben wollen. Sie roch Verrat drei Kilometer gegen den Wind und dieser Junge stank verdammt danach. Von Weitem hörte sie, wie die Gassen sich mit den Stimmen und Geräuschen der erwachenden Stadt füllten: Flüche drangen aus den Häusern, Fenster wurden aufgerissen, das Nachtgeschirr auf die Straßen entleert und auch das Gekläffe der Hunde zerriss allmählich die morgendliche Stille. Hastig stieg sie wieder hinunter zum Boot und riss die Tür auf, wobei sie beinahe Alistair umstieß, der noch immer in der Tür saß und wartete.

»Er wird uns verraten . Dieser Kerl ist einfach abgehauen. Er hat sich in Luft aufgelöst.«

»Und wer ist das?«

Marley zeigte mit dem Finger auf Elza.

Ich drehte mich um und nickte dem Mädchen zu. »Erzähle ich dir gleich. Setz schon mal Teewasser auf und ein paar Krümel wirst du sicher auch für uns haben. Das Kind ist hungrig und draußen steht noch einer, dem wir ein Frühstück versprochen haben. Ich war mir nicht so sicher, ob dein Boot noch an der gleichen Stelle festgemacht ist, und der Junge hat uns geholfen, den Anlegeplatz zu finden. Du hast doch nichts dagegen?«

Marley lachte laut.

»Hütest du jetzt Kinder und lässt dich von ihnen herumtragen? Ihr habt Glück, dass sich der Klingelbeutel gestern gut gefüllt hat und ich auf dem Markt war. Na, hol ihn schon, wenn es nicht noch mehr werden.«

»Hast du nicht verstanden, Alistair? Er ist abgehauen, verschwunden!« Elza zitterte am ganzen Körper.

Ich war so froh, dass ich Marley angetroffen hatte und wohl auch sehr erschöpft, daher verstand ich erst jetzt, was Elza uns sagen wollte: Der Junge war verschwunden, ohne sein Frühstück zu einzufordern. Das war seltsam, denn normalerweise verzichtete ein Straßenjunge nicht auf seinen Lohn. Ich konnte nur hoffen,dass er uns nicht die Typen auf den Hals hetzte, die uns schon die ganze Zeit verfolgten.

Elza schien dasselbe zu denken. Niedergeschlagen setzte sie sich auf einen Stuhl, Tränen standen dem Kind in den Augen. Sie sah wütend und erschöpft zugleich aus. Was war dem Kind nur passiert?

Marley legte tröstend die Hand auf Elzas Schulter.

»Beruhige dich erst einmal. Man muss ja nicht gleich das Schlimmste annehmen. Diese Jungen von der Straße sind unberechenbar. Wo habt Ihr ihn überhaupt aufgelesen?«

Der Tee dampfte und verbreitete eine wohlige Wärme. Marley hatte auch Brot und Speck und einen Laib Cheddar auf den Tisch gestellt. Ich pickte ein paar Krümel vom Käse, denn trotz aller Aufregung musste ich etwas essen, um wieder klar denken zu können.

»Der Junge lungerte am Ufer der Themse herum, dort, wo der Tunnel am Fluss endet. Wir hatten keine große Wahl. Wir mussten dein Boot so schnell wie möglich finden. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass er auf uns gewartet hat.«

Marley runzelte die Stirn. Beunruhigt schaute er durch ein kleines Fenster in Richtung Kaimauer.

»Es scheint alles ruhig zu sein.«

Dennoch schloss er die Tür und schob einen Riegel vor.

»Kann ich etwas für deinen Flügel tun? Das sieht wirklich nicht gut aus.«

»Das hat Zeit.« Ich sah, dass Elzas Kopf schon auf ihre Arme gesunken war. Wenigstens hatte sie etwas gegessen und vom Tee getrunken. »Hast du ein Bett für das Kind? Ich glaube, sie hat lange schon nicht mehr richtig geschlafen. Während sie sich ausruht, erzähle ich dir die ganze Geschichte.«

Dem Bootsmann war anzusehen, dass er vor Neugierde platzte. Marley nickte, hob Elza auf und brachte sie zu seinem Bett. Sie öffnete kurz ihre Augen und murmelte schon halb im Schlaf ein paar Worte. Marley holte eine Decke und breitete sie über dem Mädchen aus. Dann kramte er in einer Kiste und holte ein Stück Stoff hervor, das er in mehrere Streifen zerriss.

»Na, lass schon sehen. Ich stelle dir den Flügel erst einmal ruhig, damit er besser heilen kann.«