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England um 1138 Nach dem Tod ihres geliebten Mannes kehrt Aljona zurück auf die Burg ihres Onkels, der sie so schnell wie möglich wieder verheiraten möchte. Die junge Witwe kann sich vor Verehrern kaum erwehren und findet dennoch niemanden, der Matthew ersetzen könnte – bis sie Philip kennen lernt. Aus ihrer anfänglichen Achtung und Bewunderung entwickelt sich eine tiefe Liebe, die sie vor ihm und der Welt verbergen muss, denn Philip ist ein Mönch. Der Krieg fordert seinen Tribut. Der Verlust ihres Vetters veranlasst Aljona zum Umdenken. Hat ihre Liebe eine Chance? Oder wird sie Philip vergessen? Welche Rolle spielt ihr Freund und Vertrauter Brian dabei? Sind sie stark genug, um die Feinde zu besiegen?
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Aljona – Eine unerfüllbare Liebe Michelle Klemm published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Copyright: © 2013 Michelle Klemm
Coverbild: © Susanne Wasowa
ISBN 978-3-8442-5442-6
England zu Beginn des Jahres 1138
Leise fielen zarte Flocken und bedeckten Stück für Stück die frische Erde mit einer dünnen weißen Schicht, ebenso die Spuren all derer, die diesen Ort bereits verlassen hatten. Nur sie beide waren geblieben, denn allmählich schwand das letzte Licht des Tages, wurde verschluckt von dem aufziehenden Nebel. Die gesamte Umgebung war trüb und grau wie ihr Inneres. Richards Blick schweifte aber nicht umher, sondern ruhte auf der schlanken Frauengestalt, die ganz in schwarz gehüllt stumm und starr in der klirrenden Kälte verharrte. Die filigranen Eiskristalle blieben in den Flechten ihres langen braunen Haares hängen. Wie ein natürlicher Schmuck verliehen sie ihr einen feenhaften Glanz und Schimmer, so als wäre sie nicht von dieser Welt. Doch selbst wenn in diesem Moment trotz der Trauer ein friedlicher Ausdruck auf ihrem Gesicht lag, war sie ab jetzt mit ernsthaften irdischen Problemen konfrontiert. Er wusste das und sie wusste es auch. Warum nur hatte der Herrgott kein Erbarmen mit ihr? Warum befahl er immer wieder genau jene Menschen zu sich, die ihr am Herzen lagen?
Ihre Mutter war bei der Geburt des zweiten Kindes gestorben. Trotz aller Fürsorge und Pflege konnte man ihr Brüderchen nicht retten. Bald nach der Geburt hörte sein kleines Herz schon auf zu schlagen. Ihr Vater, der einerseits seine Frau verehrt und sich andererseits stets einen männlichen Nachkommen und Erben gewünscht hatte, verfiel hernach in Trübsinn, nahm seine Umwelt immer weniger wahr, seine Tochter war ihm schlichtweg egal geworden, er hörte auf zu essen und zu schlafen. Das konnte nicht lange gut gehen – binnen eines Jahres folgte er seiner Frau und seinem Kind. Das Mädchen war damals gerade fünf Jahre alt und eine Waise. Sie wurde von ihrem Oheim aufgenommen, der, nachdem er ebenfalls einen seiner beiden Söhne schon früh an den Tod verloren hatte, sie liebte wie ein eigenes Kind. Es folgten glückliche Jahre: Die beiden etwa gleichaltrigen Kinder wuchsen auf wie Geschwister, spielten, tobten, übten sich gemeinsam mit dem Holzschwert und wagten wilde Ausritte zu Pferd, wobei die grünen Augen des Mädchens zu leuchten begannen und ihr langes blondes Haar im Wind flatterte. Ihrer Tante missfiel es zwar, dass die Kleine sich wie ein Junge benahm, aber das störte den Ohm nicht im Mindesten. Sie waren unzertrennlich, bis Jacob im Zuge seiner Ausbildung zum Ritter als Page, später als Knappe, die elterliche Burg verließ. Diese Laufbahn blieb ihr leider verwehrt. Stattdessen wurde sie fortan von ihrer Tante in höfischem Benehmen, Tanz, Handarbeiten sowie anderen fraulichen Tätigkeiten unterrichtet und später auf ihre Pflichten als Ehefrau vorbereitet. Da sie sich in all diesen Dingen geschickt anstellte, Talent zeigte und so zu einer jungen, wohlerzogenen Frau reifte, entwickelte sich auch zu ihrer Tante ein vertrauensvolles Verhältnis. Mehr oder weniger insgeheim trainierte ihr Onkel sie aber weiter.
Dann kam der Tag, an dem Jacob zum Ritter geschlagen wurde. An jenem Tag stellte er ihr seinen besten Freund Matthew vor. Für beide war es Liebe auf den ersten Blick, die mehr und mehr wuchs und schon bald bat er ihren Onkel um ihre Hand. Er war nur ein einfacher Ritter und konnte ihr nicht viel bieten, doch er behandelte sie als eine ihm ebenbürtige Partnerin. So willigte er gern in die Vermählung ein. Zu selten kam es vor, dass eine Ehe aus Liebe geschlossen wurde. Obgleich das Paar eine harmonische und liebevolle Beziehung führte, wollte sich lange Zeit kein Kind einstellen. Endlich wurde die junge Frau schwanger und ihr Glück schien sich zu vervollkommnen. Leider war dieses Glück nur von kurzer Dauer, denn sie verlor das Kind. Matthew stand ihr zur Seite und tat alles, um sie wieder aufzubauen, und schaffte letztlich mit seiner starken Liebe, sie aus ihrem Tal heraus zu führen. Dennoch lastete die Sehnsucht nach einem Kind mit jedem Monat, der verging, schwerer auf ihrer Seele, selbst wenn sie sich stets bemühte, sich nach außen hin nichts anmerken zu lassen.
Das größte Problem ihrer Zeit waren jedoch, neben dem Krieg sowie gelegentlich verheerenden Feuersbrünsten, Krankheiten und Seuchen. Der harte Winter forderte seinen Tribut und so ließen die nächsten Schicksalsschläge nicht lange auf sich warten. Erst vor wenigen Wochen hatten sie ihre Tante zu Grabe getragen und nun war nach langem Todeskampf auch ihr geliebter, seelenverwandter Mann dem Fieber erlegen. Nun stand sie hier mit knapp 24 Jahren in Trauer gehüllt am Grab ihres Gatten.
Ein eisiger Wind erhob sich und machte Richard frösteln. Inzwischen war es fast ganz dunkel und das Schneetreiben dichter geworden. Im letzten fahlen Tageslicht betrachtete er noch einmal die schöne Gestalt seiner Nichte. Das einst strohblonde Haar war im Laufe der Jahre immer dunkler geworden und ihre strahlenden grünen Augen waren tränenschwer. Trotzdem war sie für jeden Mann ein erfreulicher Anblick, eine begehrenswerte junge Witwe, ein Beuteobjekt für all jene, die es mit der ritterlichen Ehre nicht so genau nahmen. Richard wusste, der beste Schutz wäre, sie so schnell wie möglich wieder zu verheiraten. Aber er kannte sie viel zu gut und wusste, dass sie dazu nicht bereit war. Niemals würde er sie zwingen, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte, dafür liebte er sie wiederum viel zu sehr. Kurzzeitig hatte er mit dem Gedanken gespielt, sie seinem eigenen Sohn zu geben. Doch er hatte sich dagegen gesträubt, genauso wie sie sich sträuben würde. Die beiden waren nun einmal mehr wie Bruder und Schwester als Vetter und Base für einander. Also gab es nur noch eine Möglichkeit: er musste sie wieder mit nach Hause nehmen und sie so lange unter seinen persönlichen Schutz stellen, wie eben nötig.
„Aljona“, wagte er endlich das Schweigen zu brechen, „du wirst noch erfrieren hier in der Kälte. Lass uns Heim gehen.“
Wie aus einem tiefen Traum gerissen, drehte sie sich zu ihm um und nickte, warf dann einen letzten Blick auf das von Schnee bedeckte Grab, bevor sie sich von ihm nach Hause führen ließ.
In der Ferne kam die Burg ihres Onkels in Sicht – Aljonas altes neues Zuhause. Als frisch Vermählte hatte sie die vertrauten, behütenden und liebgewonnenen Mauern verlassen. Nie hätte sie damit gerechnet, dass sie sich so früh und als Witwe erneut in ihren Schutz begeben müsste. Doch was blieb ihr anderes übrig? Sie war dankbar dafür, dass ihr diese Chance überhaupt geboten wurde. Andere Familien hätten sie in dieser Situation mit dem Nächstbesten, der sich um sie bewarb, verheiratet. Dies war die einzige Absicherung, die es für eine Frau gab. Aljona verabscheute dieses System, in dem eine Frau allein nichts wert war, nur eine Zierde an der Seite ihres Mannes, gut genug um den Haushalt zu führen, seine Triebe zu befriedigen und ihm Kinder zu gebären. Und eine Frau wie sie, die anders, ja richtiggehend wild war, musste gezähmt und gefügig gemacht werden durch Schläge oder Schlimmeres.
Ihr Matthew war ganz anders gewesen. Er hatte sie geliebt und geachtet, ihre Meinung und ihr Rat waren ihm wichtig. Wenn sie mit ihm zusammen war, musste sie sich nicht verstellen, er akzeptierte sie so, wie sie war, in jedweder Hinsicht. Er kannte ihre gefühlvolle ebenso wie ihre kämpferische Seite und schätzte sie gleichermaßen. Doch nun war er nicht mehr da und ihr Schicksal äußerst ungewiss. Zwar war ihr Oheim Richard ein kluger, gütiger und starker Mann, der versuchen würde, sie vor allem Unheil zu bewahren. Gewiss war jedoch, dass es auch in seinen Diensten genügend unverheiratete Männer gab, die sich um sie reißen würden. Wie lange könnten sie beide diesem Druck standhalten? Vieles hatte sich verändert. Sie war nicht mehr das kleine Mädchen von damals, selbst wenn es sich jetzt wieder genauso anfühlte wie an dem Tag vor circa 19 Jahren, als sie hier Zuflucht und ein liebevolles Zuhause gesucht hatte. Langsam näherte sich der Tross seinem Ziel. Sie ritt, wie es sich gehörte, im Damensattel hinter ihrem Oheim und ihrem Vetter, die den Zug anführten, und nicht an deren Seite. Die Etikette musste gewahrt werden, zumindest nach außen. Oder würde es etwa so weitergehen, dass sie zukünftig hinter ihren Herren zurückstehen musste? Sie war gespannt darauf, welche Pläne ihr Ohm mit ihr hatte. Bald würde sie es erfahren.
Der Empfang auf der Burg war herzlich, wenn auch sehr bedrückend. Die meisten der Bewohner und Bediensteten kannte sie von früher und alle bekundeten ihr ihr aufrichtiges Beileid. Aljona war müde von der Reise. Außerdem hatte sie sich den ganzen Tag über gequält, um Haltung zu bewahren. Am liebsten hätte sie sich vom Abendessen entschuldigt, um sich in ihre Gemächer zurückzuziehen, um die immer noch kalten und steifen Glieder in Decken gehüllt zu wärmen, um endlich allein zu sein und sich ihrer Trauer hinzugeben. Allein dies blieb ihr verwehrt, da zu ihren Ehren sowie zum Gedenken an ihren verstorbenen Gatten und treuen Freund ihres Vetters ein Festessen in der großen Halle bereitet wurde. Schon beim Anblick der Speisen zog sich ihr Magen krampfhaft zusammen, nur mühsam brachte sie ein paar Bissen hinunter. Jacob, der zur Rechten seines Vaters saß, während sie zu seiner Linken Platz genommen hatte, schien es ähnlich zu gehen. Doch es gab noch einen anderen Grund, weshalb es ihr nicht möglich war, sich schon frühzeitig von der Gesellschaft zu verabschieden: Ihr Onkel hatte sie für nach dem Fest zu sich gebeten. Was er wohl so Wichtiges mit ihr zu bereden hatte, das nicht bis zum nächsten Tag warten konnte?
Das Holz im Kamin knackte laut und die sorgfältig aufgeschichteten, inzwischen halb verkohlten Scheite fielen in sich zusammen. Wie verabredet war Aljona ihm in seine privaten Gemächer gefolgt, nachdem er die Tafel aufgehoben hatte. Er bot ihr den Platz ihm gegenüber an und schenkte selbst einen Becher Gewürzwein ein. Danach eröffnete er das Gespräch mit der Frage nach ihrem Befinden, die sie ihm wahrheitsgemäß beantwortete. Bis dahin war noch alles in Ordnung, aber nach seinen letzten Worten waren ihre Gesichtszüge gefroren. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund starrte sie ihn an, unfähig etwas zu erwidern. Eine ohrenbetäubende Stille erfüllte das Zimmer. Er wusste gleich, dass dies der falsche Zeitpunkt war, um eine solche Unterhaltung zu führen. Die Wichtigkeit der Angelegenheit duldete jedoch keinen Aufschub. Sie mussten gemeinsam beraten und entscheiden, wie Aljonas Zukunft hier aussehen sollte.
„Um Himmels Willen, sieh mich nicht so an“, sagte er.
Sie klappte den Mund zu, schluckte hinunter, was immer sie gern geantwortet hätte, und blickte ihn weiter an, ohne sich überhaupt Mühe zu geben, ihre Fassungslosigkeit zu verbergen.
„Ich konnte mir schon denken, dass das für dich keine Option ist“, fuhr er fort, „aber ich wollte, dass du es wenigstens in Erwägung ziehst. Ich habe mir während der ganzen Reise den Kopf darüber zerbrochen, wie ich dich am Besten davor bewahren kann, dass du irgendjemanden heiraten musst, der dich nicht verdient.“
