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Er stiehlt sein Kaninchen – und verliert sein Herz an ihn. Ein queeres Drama über Selbstfindung, Freundschaft und die Liebe zur Musik für Fans von Sophie Bichon und Alice Osemans »Heartstopper« »Das ist dein Moment. Vollkommen egal, wie viele Menschen dir jetzt zuhören: Spiel so, dass ich die Augen nicht von dir lassen kann.« Die Liebe zur Musik bestimmt Kasimirs Leben, nirgends entfaltet der verschlossene junge Mann seine Gefühle so frei wie am Klavier. Bis sein Traum, als Pianist mit seinen Liedern die Herzen zu berühren, an einem erfolglosen Talentwettbewerb zerbricht. Er verliert sein Selbstvertrauen, seine Ambitionen – und die Kontrolle, als er seinem siegreichen Konkurrenten Leo nach Jahren wiederbegegnet. Doch Kasimir hatte nicht mit seinen widersprüchlichen Gefühlen gerechnet ... »Ein besonderes Buch mit besonderen Figuren, dass mich unglaublich überrascht hat.« ((Leserstimme auf Netgalley)) »Von mir eine klare Leseempfehlung, wer mal eine emotionale und wirklich schöne Geschichte zum Thema Musik, Freundschaft und gleichgeschlechtliche Liebe sucht.« ((Leserstimme auf Netgalley)) Wattpad verbindet eine Gemeinschaft von rund 90 Millionen Leser:innen und Autor:innen durch die Macht der Geschichte und ist damit weltweit die größte Social Reading-Plattform. Bei Wattpad@Piper erscheinen nun die größten Erfolge in überarbeiteter Version als Buch und als E-Book: Stoffe, die bereits hunderttausende von Leser:innen begeistert haben, durch ihren besonderen Stil beeindrucken und sich mit den Themen beschäftigen, die junge Leser:innen wirklich bewegen!
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Veröffentlichungsjahr: 2023
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Bei »All Eyes On Me« handelt es sich um eine bearbeitete Version des auf Wattpad.com von CicerArieti ab 2019 unter demselben Titel veröffentlichten Textes.
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »All Eyes On Me« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
© Piper Verlag GmbH, München 2023
Redaktion: Cornelia Franke
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Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt
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Cover & Impressum
Triggerwarnung
Programm
Widmung
Auftakt
Exposition
1. Takt
2. Takt
3. Takt
4. Takt
5. Takt
Durchführung
6. Takt
7. Takt
8. Takt
9. Takt
10. Takt
11. Takt
12. Takt
13. Takt
Reprise
14. Takt
15. Takt
16. Takt
17. Takt
18. Takt
19. Takt
20. Takt
21. Takt
22. Takt
23. Takt
24. Takt
Coda
25. Takt
26. Takt
27. Takt
28. Takt
29. Takt
30. Takt
31. Takt
32. Takt
Schlusstakt
Zugabe
Inhaltswarnung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Textes findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.
Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.
Kanon in D-Dur – Johann Pachelbel
Nocturne in Es-Dur, Op. 9 Nr. 2 – Frédéric Chopin
Barcarole, Op. 37a Nr. 6 – Pjotr Iljitsch Tschaikowski
Breathe – Seeb feat. Neev
Klaviersonate Nr. 14, Op. 27 Nr. 2 – Ludwig van Beethoven
Ungarischer Tanz Nr. 5 – Johannes Brahms
Scarbo, Gaspard de la nuit – Maurice Ravel
Moment musical Nr. 3, D. 780 Op. 94 – Franz Schubert
Born to Die – Lana Del Rey
When the Rain Begins to Fall – Jermaine Jackson & Pia Zadora
Another Place – Bastille
Someone You Loved – Lewis Capaldi
Prélude in g-Moll, Op. 23 Nr. 5 – Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow
Präludium und Fuge in c-Moll, BWV 871 – Johann Sebastian Bach
Summertime – George Gershwin
Consolation Nr. 3, S. 172 – Franz Liszt
Humoreske Nr. 7 – Antonín Dvořák
Experience – Ludovico Einaudi
Castles – Freya Ridings
Natural – Imagine Dragons
Zu finden auf Spotify und YouTube
Für alle Angsthasen.
Es war mucksmäuschenstill.
Kein Uhrzeigerticken, kein Magengrummeln. Nur diese Melodie, die ihm mit spielerischer Aufdringlichkeit durch den Kopf tanzte. Sie wollte ausbrechen aus seiner Fantasie, seinen Gefühlen einen Klang verleihen. Über die Tasten toben, die ihm einst die Welt bedeutet hatten.
»Ach, Sie sind am vierzehnten Februar geboren, Herr Hasenick?«, meinte die ältere Dame, die ihm im weißen Kittel gegenübersaß und in seinen Bewerbungsunterlagen blätterte. Ihre Fingerkuppen entlockten dem Papier ein so angespanntes Knarzen, dass die Aufregung wieder die Musik in seinen Ohren verdrängte. »Ich wünsche Ihnen alles Gute zum zwanzigsten Geburtstag.«
»Danke«, murmelte er und löste seinen Blick von ihren matt schimmernden Fingernägeln, um etwas Anstand zu zeigen. Sie konnte nichts dafür, dass sein Sachbearbeiter beim Jobcenter allmählich die Geduld mit ihm verlor. Aber warum musste es ausgerechnet eine Tierarztpraxis sein? Es gab keinen Ort, an dem er sich weniger gern aufhielt als in einem medizinischen Behandlungsraum. Selbst das Büro, in dem sein Vorstellungsgespräch stattfand, roch nach Desinfektionsmitteln.
Kasimir massierte nervös seine Finger unter dem Tisch, während die Tierärztin in Ruhe seinen Lebenslauf sichtete. Warum dauerte es dieses Mal so lange? Er musste sich auf den Weg machen, sonst war alles, worauf er über Monate hingearbeitet hatte, bedeutungslos. Das Lied in seinem Kopf, das nächtelange Üben. Alles.
»… interessieren, Herr Hasenick?«
»Wie bitte?«, erwiderte er. Die Dame verschränkte ihre Hände ineinander und bedachte ihn mit einem reservierten Blick, der ihm seine Unaufmerksamkeit tief ins Gewissen presste.
Komm, konzentrier dich. Bloß ein paar Minuten.
»Ich fragte, aus welchem Grund Sie sich für ein Praktikum in der Veterinärmedizin interessieren«, wiederholte sie. »Haben Sie Haustiere? Oder sind Sie im Umgang mit Kleintieren anderweitig vertraut?«
»Ich, ähm … war mal in einem Streichelzoo.«
»Beschäftigt?«
»Nein … zum Streicheln.«
Die Tierärztin kräuselte die Lippen, und Kasimir war sich sicher, dass sich sein Vorstellungsgespräch soeben verkürzt hatte. Das war auch besser, immerhin zitterten seine Finger unter Stress so stark, dass eine Assistenz im OP in einer Katastrophe enden würde. Es existierte nur ein Szenario, in dem sein Körper mentaler Belastung standhielt. Und dieses ereignete sich in einer halben Stunde im Altstadtzentrum.
Die Dame hob die Brauen und widmete sich erneut seinen Akten, denen kaum ein positiver Aspekt zu entnehmen war. Demotiviert, unkonzentriert und nicht teamfähig – allerdings in salbungsvolleren Worten.
»Ich möchte Ihnen eine Chance geben«, sagte sie schließlich und tippte auf seine beigefügte Zeugnismappe. »Ihren Schulnoten zufolge hat Ihnen das Lernen bis zur neunten Klasse keine Schwierigkeiten bereitet. Zugegeben, ich habe selten einen solch gravierenden Leistungsabsturz in der Biografie eines Bewerbers gesehen.« Sie hielt inne und musterte ihn aufmerksam. »Ist etwas vorgefallen, das Ihren Lebenswandel beeinflusst hat?«
»Meine Eltern sind gestorben«, antwortete Kasimir und blickte beklommen zur Seite, als sich die Stirn der Dame in Falten legte. Das war zwar nicht gelogen, lag jedoch länger zurück; er hatte seine Mutter nie kennengelernt. Eine bessere Erklärung für seine Erfolglosigkeit konnte er ihr allerdings nicht liefern.
Säße er am Klavier, wäre das anders. Er könnte den Kummer über seinen eintönigen Alltag mit Legato-Bögen weit über die Notenlinien spannen. Er könnte mit scharfen Pedaltritten und der Kraft in seinen Fingern die Tonleiter erklimmen, wie früher, als er sich gewünscht hatte, Konzertsäle zu füllen. Fremden Menschen Tränen in die Augen zu spielen und Sinfonien in ihren Köpfen erklingen zu lassen, die sie bis in den Schlaf verfolgten. Damals hatte er aufwühlen, begeistern, nach den Sternen greifen wollen.
Bis ihm dieser eine Tag den Takt aus dem Herzen gestohlen hatte.
»Das tut mir leid«, meinte die Tierärztin aufrichtig und legte ihre Hände flach auf seine Unterlagen. »Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber gerade nach einem Schicksalsschlag hilft es, etwas an den Lebensumständen zu ändern. Ein geregelter Tagesablauf kann sehr viel in einer festgefahrenen Lage bewegen. Der Umgang mit Tieren ist ebenso heilsam.«
»Mag sein, aber …«, erwiderte er mit einem leisen Seufzen, als seine Fingerspitzen wie auf Knopfdruck bebten. Er hatte Angst vor den Worten auf seiner Zunge und der Resignation in ihren blassen Augen, wenn er sie aussprach. »I-Ich bin nur wegen des Arbeitsamts hier … ich habe, ehrlich gesagt, kein Händchen für Tiere.«
Kasimir verstummte. Die Dame sah ihm einen Moment schweigsam in die Augen und betrachtete dann das veraltete Passfoto auf seinem Lebenslauf, welches einen schwarzhaarigen Jungen mit Ambitionen und eisernem Willen zeigte.
Nicht ihn.
»Das ist bedauerlich«, sagte sie. »Ich hätte Ihnen gern geholfen.«
»Danke …«
Kasimir nahm die Mappe mit seinen dokumentierten Misserfolgen entgegen. Ihr abschließendes »Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute« brachte sein Gesicht zum Glühen, sodass er den Blick gesenkt hielt, als er sich sein Erscheinen quittieren ließ und mit einem knappen Abschiedsgruß den Raum verließ. Doch sobald die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, ergab sich sein schlechtes Gewissen dem Rausch der Musik in seinen Ohren.
Sie trieb ihn vorbei am Wartezimmer mit den armen Hunden und Katzen, die er für eine Träumerei ihrem Schicksal überließ. Aber er musste es versuchen. Er würde sich all seine Fehltritte verzeihen, wenn er in den Bus zum Konzerthaus stieg und das Notenblatt, das er ebenfalls in seiner Mappe bei sich trug, vor den Juroren und dem Wettbewerbspublikum präsentierte. Ein Auftritt, den nur er ihnen bieten konnte, ein Ausweg aus der Dunkelheit in seinem Kopf. Daran wollte er glauben.
Doch sein Leben war keine Sinfonie mit Paukenschlag.
Das wurde Kasimir klar, als er die Praxistür öffnete, den Bus auf der anderen Straßenseite im zähen Verkehr heranrollen sah und ihn zweifellos erreicht hätte – wäre nicht dieses eine Gesicht vor ihm aufgetaucht. Das Gesicht des Menschen, der ihm an genau diesem Tag vor fünf Jahren seine Zukunftsmelodie gestohlen hatte.
»Oh … sorry … kann ich kurz durch?«
Der Junge war außer Atem, und seine Stimme klang gehetzt, als wäre er eine längere Strecke gelaufen. Sein blondes Haar schimmerte in der späten Wintersonne, seine Wangen waren gerötet, und er verbarg sein Kinn in einem bunt geflammten Wollschal. Während sie einander in die Augen sahen, wirkte seine Mimik für einen Sekundenbruchteil wie festgefroren, dann zupfte ein feines Schmunzeln an seinen Mundwinkeln. Vor der Brust hielt er einen roten Gitterkasten, dessen Insasse im Stroh scharrte.
Kasimir stand wie angewurzelt da. Das durfte doch nicht wahr sein.
Die Musik in seinen Ohren dröhnte, der schallende Applaus zerdrosch ihm das Trommelfell. Scheinwerfer tauchten den Jungen vor ihm in gleißendes Rampenlicht, während er im Schatten des Vorhangs seine Komposition zusammenfaltete und in seiner Kunstledertasche verschwinden ließ.
Nein. Bitte nicht du.
»Hey … magst du mich vorbeilassen?«, versuchte es sein Gegenüber noch einmal, doch Kasimir brachte keinen Ton hervor. Wie bei einer anspruchsvollen Arie wirbelte der Stress durch seine Nervenbahnen bis in seine Fingerspitzen.
Nein, geh weg. Mach mir das nicht kaputt. Nicht schon wieder.
Der blonde Junge legte den Kopf seitlich, während sich seine Atmung allmählich normalisierte, und lächelte daraufhin so flegelhaft wie damals, als er die Jury um den Finger gewickelt hatte. Dieses makellose, leuchtende Siegerlächeln. Dann nickte er zu dem Tiertransportkäfig in seinen Händen. »Hazel hat Milben oder so was. Ich will sie durchchecken lassen, deswegen … darf ich kurz durch?«
Sein Blick war bittend und fordernd zugleich. Goldbraune Augen, vertrauensselig wie die eines Plüschhasen. Doch dahinter verbarg sich die List einer Schlange. Das hatte Kasimir mit voller Härte zu spüren bekommen.
»Hör mal … ich steh ein wenig unter Zeitdruck«, fuhr der Junge fort, nachdem Kasimir ihm eine Antwort schuldig geblieben war, und klimperte mit den Fingern seiner freien Hand in der Luft herum. »Ich habe ein Klaviervorspiel beim jährlichen Talentwettbewerb in der Zitadelle Harmonica. Wenn ich zu spät komme, verzögern sich die Auftritte, und alle haben schlechte Laune.«
Er sprach, als wäre er ein berühmter Pianist, der regelmäßig durch die Welt reiste und musikalische Wettbewerbe gewann. Vielleicht tat er das mittlerweile sogar. Denn vor fünf Wintern, als sie bei ebendiesem Contest miteinander konkurriert hatten, war er erst dreizehn Jahre alt gewesen und hatte Kasimir mit seiner herausragenden Darbietung zu einem ziellosen Verlierer gemacht.
Einem erbärmlichen Angsthasen.
»I-Ich … übernehme das«, haspelte Kasimir. Die unausgesprochenen Worte verstopften seine Kehle.
Der Junge musterte ihn skeptisch. »Was, bei dem Wettbewerb auftreten?«
Ja. Auftreten und gewinnen. Sag es ihm!
»Nein … dein Haustier«, erwiderte er zögerlich und deutete auf den roten Transportkäfig, sein Zeigefinger zitterte. »Ich kann es für dich anmelden. Dann schaffst du es zu deinem Konzert.«
»Wie, ernsthaft? Wolltest du nicht eben gehen?«, fragte der Junge und betrachtete Kasimirs penibel gebundenen schwarzen Schlips, der unter dem Reißverschluss seiner Jacke hervorlugte. »Siehst auch aus, als wolltest du dich gleich an ’nen Flügel setzen.«
Ja, das wolltest du, du elender Feigling.
»Nein«, antwortete Kasimir und schluckte den Kloß herunter, der sich in seinem Hals festgesetzt hatte. »Ich hatte ein Vorstellungsgespräch. Ich arbeite jetzt hier.«
»Echt? Wow, Glückwunsch! Dann ist Hazel deine erste Patientin, oder? Das ist ja ein toller Zufall.«
Er hob den Käfig auf Höhe seines Gesichts und lächelte das Kaninchen an. Dieses verdammte falsche Lächeln. Es zerrte an Kasimirs Nerven. Wollte dieser Kerl ernsthaft vorgeben, dass er ihn nicht erkannt hatte? Sah er so tief auf ihn herab?
»Ich … brauche noch deinen Namen«, sagte Kasimir kontrolliert ruhig, doch der angestaute Missmut verdunkelte seine Stimme. »Für die Anmeldung. Vor- und Zunamen.«
»Klar, kein Problem. Leonhard Valentin. Kann dir auch meine Nummer geben, falls was sein sollte. Und wie heißt du?«
Leonhard griff in seine Jackentasche und kramte ein Kärtchen hervor. Kasimir nahm es mit den Fingerspitzen entgegen und hielt es umschlossen, um zu verhindern, dass sie einander die Hand schütteln mussten. Diese Unbedarftheit, mit der sein einstiger Konkurrent ihm begegnete, brannte bitter in seinem Mund.
Als Leonhard den Transportkäfig auf das Steinpodest stellte, kratzte er all seinen kümmerlichen Mut zusammen. »Du … weißt genau …«
Der startende Motor des Busses unterbrach ihn, und sie wandten sich zu dem brummenden Gefährt um.
Selbst ein Bus übertönt dich, du Versager.
Kasimir biss sich auf die Lippen und schluckte alle Gefühle herunter, die seit Jahren seine Seele verfaulen ließen. Dann ergriff er den Henkel des Transportkäfigs.
»Du solltest dich beeilen«, sagte er leise und nickte zur Bushaltestelle.
»Hast recht. Danke für deine Hilfe«, erwiderte Leonhard lächelnd, ehe er sich umwandte und auf die gegenüberliegende Straßenseite lief. Kasimir beobachtete, wie er in den Bus stieg, dieser die Haltestelle verließ und vom Durcheinander des Nachmittagsverkehrs verschluckt wurde. Sekunde um Sekunde verblasste die Melodie in seinen Ohren, und das Rauschen intensivierte sich. Seine Träume, die lauter als jedes Orchester getönt hatten, erstarben binnen eines Augenblicks.
Tosend still.
♪
Der Bürgersteig war verwaist. Wie an einem Valentinstag zu erwarten, bevorzugten die Menschen den zweisamen Aufenthalt in einem Café oder schenkten einander Zärtlichkeiten im Kino und Theater. Oder sie schwiegen und hörten zu. Im Konzert.
Der eine Ort, an dem Kasimir ins Schweigen hätte einstimmen und nur die Tasten sprechen lassen sollen. Stattdessen schlurfte er resigniert durch eine Stadt, deren Treiben seine Schritte vertonte. Er schätzte das winterliche Knirschen des Streusplitts unter seinen Fußsohlen und das Vogelgezwitscher neben kreischenden Scheibenbremsen. Das Fließen der Elbe verlieh seinen Gedanken eine sonore Grundierung, wenn er über eine der Brücken aus dem barocken Herzen Dresdens trat. Aber heute gelang es ihr nicht, das Klagelied in seinem Kopf zu überstimmen.
Als er den Friedhof passierte, in dessen Kapelle er vor Jahren zum ersten Mal die Tasten eines Klaviers berührt hatte, nahm er ein leises Rascheln wahr. Er blieb stehen und musterte den roten Transportkäfig, den er an einem Plastikgriff mit sich trug. Das schwarze Fellknäuel hatte keinen Laut mehr von sich gegeben, seit ihm eine Tinktur in den Nacken geträufelt worden war. Kasimir hatte den bestbewerteten Tierarzt in seinem Wohnviertel aufgesucht, um das Kaninchen von seinen Parasiten zu befreien – und die gutmütige Veterinärin nach seinem verpatzten Vorstellungsgespräch nicht mit der Behandlung eines entführten Nagetiers behelligt. So weit, so gut.
Aber was nun?
Weder kannte er sich mit Kaninchen aus, noch wollte er sich um dieses milbenverseuchte Ding kümmern. Die Vorstellung, Leonhard Valentin sein Kuscheltier hinterherzutragen, schnürte ihm die Luft ab. Es schadete nicht, wenn dieser Pseudovirtuose ebenfalls die Erfahrung machte, das ihm Wichtigste zu verlieren. Im Gegensatz zu Kasimir konnte er es sich zurückholen.
Als er die besprayte Panzerglastür seines Wohnblocks erreichte, stellte Kasimir den Kasten ab und drückte mit der Fingerbeuge den Klingelknopf.
»Ja?«, schallte es kurz darauf.
»Ich bin’s.«
Es verging ein schweigsamer Augenblick, ehe der Lautsprecher das Signal zur Entriegelung der Eingangstür gab. Kasimir schob sie mit dem Handrücken nach innen, ergriff den Käfig und verschwand im Echo seiner Schritte im Treppenhaus.
»Schon zurück?«, hörte er seine Schwester rufen, unmittelbar nachdem er ihre gemeinsame Wohnung betreten hatte. Dumpfe Kampfgeräusche hallten durch den Flur, und der Duft heißer Schokolade stieg ihm in die Nase.
Er streifte sich seine Clarks von den Füßen und tappte vor die Wohnzimmertür. Dort saß die menschgewordene Couchkartoffel in ihrem Plüschsack und zockte ein virtuelles Kriegsepos, wenn er die Schusssalven richtig deutete. Eine aufgerissene Chipstüte vegetierte auf dem Fußboden dahin, daneben lag ihre Brille. Cecilie schwor darauf, am effizientesten halb blind zu spielen.
»Wolltest du nicht zu diesem Klavier-Contest-Dings?«, fragte sie, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. Ihr Gesicht verbarg sich hinter dem vollen, herbstlaubroten Schopf, dessen Spitzen bis zu ihrer drallen Hüfte reichten. Die Fettflecken auf ihrer hellgrauen Jogginghose verliehen dem Bild einer Endzwanzigerin im Freizeitmodus die Ehrenmedaille. »Oder war’s doch ein heimliches Rendezvous?«
»Übertrag deine unerfüllten Valentinsträume nicht auf mich«, erwiderte Kasimir und ließ seine Tasche auf den Vinylboden fallen. Ein Rendezvous. Er und ein Rendezvous.
»Keine Sorge, meine Konsole und ich sind glücklich miteinander«, murmelte Cecilie konzentriert und drückte ihren Controller so fest zusammen, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten, während sie die Kaserne des Feindes mit Handgranaten bombardierte. »Will heute noch einen Let’s-Play-Part hochladen, die Community sehnt sich nach ’nem Update. Apropos Date, wie lief das Vorstellungsgespräch in der Tierarztpraxis?«
Rhetorische Fragen verdienten keine Antworten. Diese Maxime vertrat Kasimir, seit sie ihn am Tag seines Abiballs nach seiner Lieblingsfarbe gefragt hatte, obwohl er sein gesamtes Leben Schwarz getragen hatte. Schwarz wie die sechsunddreißig Obertasten einer Klaviatur.
Er wandte sich ab und ging mit seinem Diebesgut in Richtung Küche. Neben dem Esstisch ließ er die Transportkiste auf die Fliesen sinken und trat vor die magnetüberladene Kühlschranktür, öffnete sie und schürzte die Lippen angesichts der Fülle verschiedener Fertignahrungsmittel. Keine Salatblätter. Die waren ungefährlich für den Verdauungstrakt eines Kaninchens, oder? Ein unangenehmes Jucken im Gesicht begleitete seinen Gedanken, und er rieb sich über die Augen.
»Ach, doch so schlecht gelaufen?« Cecilie lehnte im Rahmen, mittlerweile hatte sie sich ihrer Brille bemächtigt. »Muss ein Wahnsinnsjob gewesen sein, wenn dich die Absage zu Tränen rührt.«
»Ich heule nicht«, gab er zurück, woraufhin auch seine Zunge und die Innenseiten seiner Wangen prickelten. Zur Hölle, was war das? »Selbst wenn es mir gefallen hätte, was hätte ich dort machen sollen? Blutige Bauchlappen halten? Du weißt, dass ich das nicht kann.«
»Falsch, Kasimir. Du willst nicht«, sagte sie strikt. »Du willst gar nichts, außer Klavier spielen. Aber selbst davor drückst du dich, sonst wärst du jetzt nicht hier.«
Kasimir versuchte, sich den Juckreiz aus den Augen zu blinzeln, doch das war genauso vergebens wie die Hoffnung, dass seine Schwester ihn verstehen würde. Aber das lag an ihm. Er hatte sich vor allen verschlossen.
Kasimir musste mehrmals nacheinander niesen.
»Gesundheit!«, sagte Cecilie und wollte sich soeben abwenden, als das Stroh in dem Transportkäfig knisterte. Ihr Blick heftete sich an das rote Gehäuse. »Nee, oder? Sag nicht, du hast ein Tier mitgehen lassen?«
Sie trat näher heran und kniete sich davor, um durch das Gitter zu linsen. Der Anblick des Kaninchens entlockte ihr ein verzücktes Quieken, und sie fummelte prompt am Verschluss herum. Das bloße Geräusch ließ sämtliche Warnleuchten in Kasimirs Kopf aufblinken.
»Wehe, du lässt es raus«, drohte er. »Wenn auch nur ein Parasit diesen Käfig verlässt, setze ich keinen Fuß mehr in diesen Raum.«
»Na sicher«, kicherte Cecilie und öffnete das Türchen, dann schob sie ihre Hand hinein und schmunzelte. »Der ist superflauschig! Komm her und sieh ihn dir mal an.«
Als sie ihm auffordernd zuzwinkerte, erschauderte Kasimir. Nichts reizte ihn weniger. Gleichzeitig fühlte er sich verantwortlich für das Kaninchen. Er hatte es aus einer Laune heraus entführt und fand nicht einmal etwas zum Knabbern, um ihm die Geiselnahme zu erleichtern.
Er trommelte unentschlossen mit den Fingern auf die Theke, dann hockte er sich neben seine Schwester und betrachtete sein Diebesgut. Es erwies sich als pechschwarzes, zusammengekauertes Häuflein Elend, dessen seidige Ohren dicht am Kopf angelegt waren.
»Sieht aus, als hätte man ihm die Löffel kastriert«, meinte Cecilie und stupste mit dem Zeigefinger gegen die kleine Nase.
»Kopiert …«, berichtigte Kasimir und zog die Nase hoch. »Es heißt kopiert.«
»Hast du ihm schon einen Namen gegeben? Willst du ihn behalten?«
»Sicher nicht. Sie soll zu ihrem Besitzer zurück.«
»Wem gehört sie denn?«, wollte Cecilie wissen. Kasimir zögerte einen Moment, dann zuckte er mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Irgendein Typ hat sie vor der Praxis ausgesetzt.«
»Echt? Sag bloß, wegen dieses kleinen Stinkers lässt du deinen Wettbewerb sausen? Ich dachte, das wäre das letzte Jahr, in dem du teilnehmen kannst?«
Ihre leichtfertigen Worte zupften an seinem Herzen, doch Kasimir versuchte, sich den feinen Schmerz nicht anmerken zu lassen. Der Klavier-Contest, bekannt unter der Bezeichnung seines Veranstaltungsortes »Harmonica«, wurde regelmäßig am Valentinstag ausgetragen. In diesem Wettstreit ging es nicht allein um Fingerfertigkeit, sondern auch um kompositorisches Können. Vor fünf Jahren, als er zum ersten und letzten Mal teilgenommen hatte, hatte ihm das Wort »Vision« den Weg zum besten deutschen Nachwuchspianisten verbaut. Die diesjährige »Liebe« hatte ihm deutlich weniger gelegen. Trotzdem hatte er sich hingesetzt, tagelang über Akkorden gebrütet und ein Lied komponiert, das sein Verständnis von diesem Gefühl in Noten ausdrückte. Ein melodisches Bekenntnis zu dem Schwelbrand in seinem Inneren, der endlich aufflammen musste, wenn er noch etwas aus seinem Leben machen wollte.
Stattdessen hatte er ein Kaninchen geklaut.
Kasimir seufzte, er hätte sich die Mühe sparen können. Der Wettbewerb richtete sich ausschließlich an den Musikernachwuchs von zehn bis zwanzig Jahren. Er war für eine nochmalige Teilnahme einen Tag zu früh geboren worden.
»Na ja, dann machst du’s halt hobbymäßig«, sagte Cecilie und kitzelte das Kaninchen an den Pfötchen, woraufhin es sich mit dem Po gegen die Käfigwand drückte. »Kannst ihr ja deine gesammelten Werke vorspielen, vielleicht steht sie auf Klassik. Am besten, wir fahren ins Zoofachgeschäft und holen dem Racker was Leckeres zu mampfen und eine Unterkunft. Wie klingt das?«
Ja, wie klang es? Wie ein Menuett, ein Scherzo? Kasimir hörte keine Dissonanzen in ihrem Vorschlag, während er die schwarzen Knopfaugen dieses Kurzkörperkängurus beobachtete. Zwei Dinge waren jedoch sicher. Erstens, Cecilie hatte Leonhard Valentins Kaninchen bereits ins Herz geschlossen. Zweitens, Kasimir fühlte sich nicht in der Lage, es ihm zurückzugeben. Sobald er Leonhards Siegerlächeln sah, würde er sich erneut wie Abschaum fühlen, und das Lied in seinem Herzen würde diese Begegnung nicht überstehen. Es würde verstummen, ein für alle Mal.
»Okay«, sagte er. »Behalten wir sie.«
Moll
Beethovens Fünfte vertonte die Stimme des Schicksals mit der unbändigen Wucht eines Orchesters. Niemand konnte sich ihrer Vehemenz entziehen, sobald das Vibrato der Streicher die Gehörknöchelchen zum Schwingen brachte. Auch kein Morgenmuffel an seinem verregneten Jahrestag.
Kasimir drehte sich murrend auf die andere Seite seiner Matratze und presste seinen Kopf ins Daunenkissen. Sein Smartphone brummte beharrlich über den Fußboden, und es dauerte, ehe er es zu fassen bekam. Hatte Cecilie seinen Handywecker manipuliert und auf höchster Lautstärke neu eingestellt?
Eine gespeicherte Sprachnachricht, las er vom Display ab und rieb sich abgespannt über die Augen. Wenn sich seine Schwester entschied, ihm vor ihrer Kraftsession im Fitnessstudio eine Botschaft zu hinterlassen, konnte das nichts Gutes bedeuten.
»Liebstes Brüderchen, einen wundervollen Morgen wünsche ich dir! Du bist gewiss voller Tatendrang, den Käfig deines Langohrs zu reinigen und dir ein neues Rezept für deine Allergie-Tabletten ausstellen zu lassen! Zum Dank überlasse ich dir heute Abend meine Schicht im Restaurant. Und wenn du mich nicht blamierst, habe ich eine Geburtstagsüberraschung für dich. Ach, wo wir gerade dabei sind …«
Er zuckte zusammen, als das Tuten einer Plastiktröte sein Trommelfell attackierte.
»Happy Twenty-One wünschen dir Cecilie und dein Traumschwager Tommy! Auf dass du dieses Jahr einen Job finden mögest!«
»Danke …«, murmelte er, ließ das Smartphone auf die Matratze fallen und fuhr sich mit den Fingern durchs zerzauste schwarze Haar. Er war Cecilie dankbar, dass sie ihn mit Hausarbeiten davon abzulenken versuchte, nicht mehr an diesem dämlichen Wettbewerb teilnehmen zu können. Seit sie jedoch vor acht Monaten diesem muskelbepackten Fitnessproleten in die Arme gelaufen war und sechzehn Kilo geschmissen hatte, quoll ihre Motivation über, auch Kasimirs Leben zu verändern.
Er stand auf, trottete ins Wohnzimmer und hielt vor Cecilies Zockersofa inne. Die kümmerlichen Reste ihres veganen Eintopfs vertrockneten auf dem Couchtisch, vermutlich hatten sie und Thomas den gestrigen Abend einvernehmlich Zombie schlachtend verbracht. Kasimir klemmte die blau-weißen Schüsseln, die einst seiner Großmutter gehört hatten, zwischen seine Finger, lief in die Küche und vertraute sie der Spüle an. Als er einen Juckreiz in der Nase spürte, fiel sein Blick auf den Käfig des einzigen Hausbewohners, den er für einen größeren Schmarotzer hielt als sich selbst. Jenseits der schmalen Metallstäbe war es verdächtig ruhig.
»Nicht dein Ernst …«, wisperte er und war sich nicht sicher, ob er seine Schwester meinte, die achtlos die Gittertür hatte offen stehen lassen, oder dieses durchtriebene Hasenvieh, das die Chance zur Flucht sofort ergriffen hatte. Er sah sich in der Küche um und entdeckte Stroh und krümelige Hinterlassenschaften auf den Fliesen. Angeekelt machte er einen Bogen um die Fäkalien und durchstöberte zunächst den Flur, dann das Wohnzimmer und Cecilies kitschig möbliertes Schlafgemach. Bis auf zwei leere Proteindrinks auf dem Teppich wirkte alles wie gewohnt, demnach blieb nur ein Ort übrig, an dem Hazel sich verschanzt haben konnte.
Mit angehaltenem Atem schlich Kasimir vor seine Zimmertür und lugte hinein. Und tatsächlich, ein Knistern. Nein, eher ein Knurpsen.
Er drosch die Tür auf und fokussierte mit weit aufgerissenen Augen das flauschige Übel – das sich nicht bei der Einverleibung seiner vierseitigen Komposition unterbrechen ließ. Erst als er fluchend in die Knie ging und seine Notenblätter zusammenklaubte, hielt Hazel in ihrer Kunstvertilgung inne.
»Verdammt noch mal!«, zischte er. »Ist dir klar, wie lange ich für diese Etüde gebraucht habe?«
Hazels Blick spiegelte ein Gemisch aus Desinteresse und Ignoranz wider, während Kasimir Tränen der Frustration in die Augen stiegen, als er seine fragmentierte Partitur zu retten versuchte.
Du hättest das Stück ohnehin nie gespielt, flüsterte eine garstige Stimme in seinem Kopf, und er biss sich zerknirscht auf die Unterlippe. Worüber regte er sich auf? Dass Hazel sich wie ein Kaninchen benahm? Oder dass er es seit einem Jahr nicht fertiggebracht hatte, sie ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückzubringen? Er müsste sich nicht die Hände schmutzig machen bei der Kernreinigung des Käfigs, bräuchte keine Antiallergika zu schlucken. Wenn Hazel nicht wäre, müsste er nicht einmal die Wohnung verlassen. Damit wären alle Erwartungen an den Verlauf seines jämmerlichen Lebens erfüllt.
Hazel gluckste, vermutlich hatte sie sich an einem Papierschnipsel verschluckt. Kasimir musterte ihre dickbäuchige Gestalt seufzend.
»Was machen wir hier bloß?«, flüsterte er und legte seine Handfläche auf ihr weiches Fell. Als er daraufhin zweimal nacheinander niesen musste, widmete sie sich wieder einem Papierfetzen.
Dur
Leos Blick wechselte mehrmals zwischen dem geschwungenen Logo des Restaurants und seinem Smartphone-Display hin und her. Der anhaltende Regen und das Dämmerlicht erzeugten eine andere Atmosphäre als auf dem Vergleichsbild, doch der Schriftzug und der Fassadenschnitt waren identisch. Seine Mundwinkel zuckten nach oben. Kein Zweifel, hier war er richtig.
Er ließ das Handy in seiner Anzugtasche verschwinden und trat unter das französische Vordach, um seinen Schirm von den Regentropfen zu befreien. Die Straße hatte sich in einen flimmernden Strom verwandelt, der die Leuchtreklamen der Bars und Geschäfte reflektierte. Trotz des Wetters waren die Lokale gut besucht, vorwiegend mit Pärchen. Wie sollte es an einem Tag wie diesem anders sein?
Leo schmunzelte und sah auf seine Armbanduhr. Der dicke Zeiger näherte sich allmählich der Acht. Francesca hatte sich seit Stunden nicht bei ihm gemeldet, vermutlich war ihr etwas dazwischengekommen. Schade! Es wäre der erste Valentinstag gewesen, den sie zu zweit hätten verbringen können.
Er faltete seinen Schirm zusammen und strich sich das blonde Haar aus der Stirn, ehe er ins Foyer des Restaurants trat. Augenblicklich umspielte eine wohlige Wärme seine Wangen. Der Duft verglühenden Kerzenwachses, das dezente Klirren von hochwertigem Silberbesteck – die Atmosphäre war wie geschaffen für einen Abend im Klang des Pianos. Wenn Francesca nicht geflunkert hatte, würde er sogar auf einem nagelneuen Steinway A-188 spielen dürfen. Und er wusste, mit welchem Stück er die Gäste des Valentinsdinners als Erstes beeindrucken wollte.
»Excusez-moi, Monsieur. Haben Sie eine Reservierung?«
Leo drehte sich ruckartig um. Ein älterer Herr mit schwarzer Fliege und Jackett hatte sich ihm zugewandt. Angesichts der schlichten Eleganz seiner Kleidung kam sich Leo in seinem grün karierten Tweedsakko overdressed vor.
»Oh, äh … nein, ich bin nicht zum Essen hier. Ich habe ein Engagement als Pianist.«
»Ah, Herr Valentin?«, erwiderte sein Gegenüber und hob verblüfft die Augenbrauen. »Meine Güte, Sie sind noch so jung. Ich hatte ein ganz anderes Bild vor Augen. Aber Ihre Managerin erwähnte bereits am Telefon, dass Sie ein Ausnahmetalent sind.«
Leo verzog die Lippen zu einem kümmerlichen Schmunzeln. Francesca wusste, wie sie seine Qualitäten verkaufen musste, um ihm hochdotierte Jobs wie diesen zu vermitteln. »›Ausnahmetalent‹ ist etwas übertrieben …«
»Laut Ihrer Sedcard nicht«, antwortete der Oberkellner und griff einen Dokumentenstapel vom Empfangstresen, den er demonstrativ in die Höhe hielt. »Dreifacher Sieger des Jungpianisten-Talentwettbewerbs Harmonica, und das mit wie viel Jahren? Sechzehn?«
»Neunzehn«, korrigierte Leo lächelnd. Er war es gewohnt, dass man ihn aufgrund seiner Größe und der Unreinheiten in seinem Gesicht jünger einschätzte, aber die blieben heute unter einer Schicht kaschierender Hautcreme verborgen. »Meine Managerin meinte, sie hätte Ihnen eine Liedauswahl für das Abendprogramm zugeschickt?«
»Ja, richtig«, erwiderte der Mann eilig, sortierte eine Liste aus dem Stapel und reichte sie Leo. »Ihr Repertoire ist beeindruckend, wir hätten gern mehr Stücke ausgewählt. Ich hoffe, Sie sind mit dem Programm einverstanden.«
Auf sein Nicken ging Leo konzentriert die Einträge durch. Wenn er sich nicht täuschte, waren es acht Zeilen. Die meisten von ihnen waren ausgesprochen lang.
»Ist alles in Ordnung?«
»Mhm …«, brummte Leo und sah nach einigen Sekunden auf. Auf den fragenden Blick seines Gegenübers überspielte er sein Zögern mit einem Lachen. »J-ja, überhaupt kein Problem. Die Lieder sind super.«
»Sehr schön. Wenn Sie möchten, können Sie sich schon mit dem Flügel vertraut machen. Meine Kollegin bringt Ihnen ein Getränk Ihrer Wahl, ehe das Vorspiel beginnt.«
»Danke«, antwortete Leo, in der Gewissheit, dass der Oberkellner seine unterschwellige Nervosität nicht bemerkt hatte. Zum Glück ließ ihn die Überzeugungskraft seines Lächelns nie im Stich.
♪
Der Gastraum des Prélude erstrahlte in altfranzösischem Glanz. Rundtische mit weißen Damastdecken und purpurne Seidengardinen verliehen dem Saal ein verträumtes Ambiente; der Funkenflug zwischen den Paaren tat ein Übriges. Leo bemühte sich, keines von ihnen in seiner Zweisamkeit zu stören, während er sich zum Flügel vorarbeitete. Etwas wehmütig stimmte es ihn schon, dass Francesca sich nicht bei ihm meldete. Aber das würde er gleich selbst in die Hand nehmen.
Als er die Freifläche mit dem Instrument erreichte, ließ er sich auf dem Klavierhocker nieder und zückte sein Smartphone, um die Liste der Musikstücke abzufotografieren und an Francesca weiterzuleiten. Erst dann betrachtete er die Politur des tiefschwarzen Flügels und hob achtsam das Verdeck an. Die Klaviatur glänzte makellos, wahrscheinlich wurde sie selten bespielt.
Als er zu einer Probetonleiter ansetzen wollte, vibrierte sein Smartphone in der Hosentasche. Das war flott gegangen.
»Pachelbel und Chopins Nocturne in Es-Dur«, tönte es ihm entgegen. Francescas launische Stimme versetzte Leos Puls einen Schubs. Hach, Nörgel-Franna.
»Alles klar, danke. Und der Rest?«
»Sage ich dir vor Ort. Bin in zwanzig Minuten da.«
»Echt? Du kommst noch?«, erwiderte er, die Freude schob seine Stimmlage in die Höhe.
»Ja, sicher. Dachtest du, ich lass dich allein, nur, weil der Wettbewerb nicht stattfindet? Allmählich solltest du mich kennen, Bambino.«
Francesca telefonierte über die Freisprechanlage ihres Autos, ein konstantes Rauschen verfälschte ihre Worte. Trotzdem fühlte er jedes einzelne wie einen Stromschlag im Herzen. »Klasse. Ich freu mich.«
»Heb dir deine Euphorie für später auf. Konzentrier dich darauf, einen vernünftigen Job abzuliefern, capito?«
»Si, Signora«, bestätigte er und ließ seinen Blick durch das ausgebuchte Restaurant schweifen. Er konnte es kaum erwarten, all diesen Menschen einen unvergesslichen Abend ins Gedächtnis zu spielen. Jetzt, da er selbst vollgepumpt mit Glückshormonen war. »Haben sie All Eyes On Me im Programm aufgeführt?«
Ein ausgedehntes Seufzen am anderen Ende der Leitung versetzte Leos Hochstimmung einen Dämpfer. »Nein, haben sie nicht.«
»Oh … okay. Meinst du, ich kann es trotzdem spielen?«
»Wozu? Niemand will eine No-Name-Komposition von einem No-Name-Komponisten hören. Wenn du nicht wie ein Verrückter daran hängen würdest, hätte ich das Lied längst vergessen.« Leo zog die Unterlippe zwischen die Zähne. »Spar dir deine Energie für Stücke auf, die deine Aufmerksamkeit verdienen …«
Ein Scheppern unterbrach ihre Äußerung, gefolgt von scharrenden Stuhlbeinen. Leo wandte den Blick zu einer langen Tafel an der Fensterfront. Drei Gäste der Sitzgruppe hatten sich erhoben, eine Dame wischte sich eine dunkle Flüssigkeit von ihrem Kleid. Zu ihren Füßen lag ein Tablett mit umgekippten und teils zerbrochenen Gläsern, deren Scherben von einer Servicekraft zusammengesammelt wurden.
»Was war das?«, hörte Leo Francesca durch das aufkommende Gemurmel fragen. Die anderen Restaurantgäste beobachteten den unbeholfenen Kellner missbilligend.
»Jemandem ist ein Tablett runtergefallen.«
»Im Ernst? Ich dachte, das Restaurant hat einen Michelin-Stern. Was für Stümper beschäftigen die dort?«
»Keine Ahnung …«, murmelte Leo, während er den Kellner im Auge behielt. Die Ärmel seiner Dienstbekleidung waren ihm zu kurz, und das rabenschwarze Haar fiel ihm zerzaust in die Stirn. Er kam Leo bekannt vor. Verdammt bekannt sogar.
»Franna«, sprach er monoton ins Mikrofon seines Handys. »Der Typ, der All Eyes On Me geschrieben hat. Erinnerst du dich an den?«
»Wie kommst du jetzt darauf?«, erwiderte sie und grübelte kurz, ehe sie antwortete. »Langer, magerer Emo, ziemlich nichtssagend. Wieso?«
»Was glaubst du, wie alt er jetzt ist? Und was er macht?«
»Woher soll ich das wissen? Hast du nichts Besseres zu tun, als dir über dieses blöde Lied den Kopf zu zerbrechen?«
Nein. Nie.
Leo verfolgte gebannt, wie der schwarzhaarige Kellner von einer adrett uniformierten Kollegin zurechtgewiesen wurde. Ihr Gesichtsausdruck zeigte Verärgerung, seiner hingegen keine Regung. Wie damals, als er das gesamte Auditorium ins Staunen versetzt hatte. Und wie vor einem Jahr.
Als er ihm sein Kaninchen gestohlen hatte.
»Leo?«, drang Francescas Stimme an sein Ohr. »Alles in Ordnung bei dir?«
»Ja. Alles bestens«, erwiderte er und beobachtete, wie der getadelte Kellner mit gesenktem Haupt den Speiseraum verließ. »Ich glaube, das könnte ein sehr interessanter Abend werden.«
Moll
Kasimir betrachtete die Dampfschwaden, die aus dem Kanalisationsgitter im Hinterhof des Restaurants traten. Es sah aus, als nähme der Untergrund einen letzten Atemzug, ehe er sich dem Regenfall ergab. Das unnachgiebige Plätschern übertönte die Hektik hinter der angelehnten Personaltür. Nur das Geräusch berstenden Glases hallte in seinem Gewissen nach.
Er lehnte den Hinterkopf gegen die Fassade und atmete lauwarmen, bitteren Zigarettenqualm aus. Kaum zu glauben, dass er den Gestank ausgebrannter Lungen früher verabscheut hatte. Heute brauchte er ihn, um sich nicht zu verabscheuen. Sein Erzeuger hatte ebenfalls geraucht, wahrscheinlich lag es in seiner Natur, dieselben Fehler zu begehen wie dieses Monster.
Kasimir tippte den verbrannten Tabak von seiner Kippe und zog sein Smartphone aus der Hosentasche. Die Pop-up-Benachrichtigung auf dem Display verdeutlichte ihm, dass seine Schwester an seiner Abendgestaltung teilhaben wollte.
»Naaaaaa? Wie läuft’s?«
»Erwartungsgemäß«, sendete er zurück und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Die Erwiderung ließ keine Minute auf sich warten.
»Oje. Lass mich raten … 3 Gläser? :-P«
»5. Und ein Teller.«
»Wow *-* Du bist der geborene Garçon, Brüderchen.«
»Was du nicht sagst?«
Sie antwortete mit einer langen Kette heiterer Smileys, Cecilies berüchtigte Kopf-hoch-Kombination. »Verstehst du dich wenigstens mit meinen Kollegen? Schon mit Ella gequatscht?«
»Ja … Freundschaft fürs Leben.«
»Aaaach komm, Kasi. Sie ist cool drauf … und gut aussehend … und SINGLE :)))«
Seufzend betrachtete Kasimir das rötliche Glimmen seines Zigarettenstummels. Er hatte in einundzwanzig Jahren kein einziges Mal Gefühle für eine Frau entwickelt, und er hatte es seiner Schwester nie erzählt. Das war seine Sache, und das blieb sie auch.
»Kein Interesse.«
»Schon klar. Du hast nur Augen für das EINE, stimmt’s?«
Das zweideutige Emoji, das Cecilie ihrer Nachricht beifügte, entlockte ihm erstmals an diesem Abend ein Schmunzeln. Natürlich hatte seine Aufmerksamkeit zuallererst dem hochklassigen Steinway gegolten, als er das Lokal betreten hatte. Der letzte Kontakt seiner Finger mit glatt polierten Tasten lag über ein Jahr zurück, doch die Virtuosität, die ihn und sein Spiel ausgemacht hatte, schlummerte in seinem Inneren.
»Gib doch nach Ladenschluss ein Liedchen zum Besten. Ella findet Klavier spielende Jungs sexy … ;-)«
Kasimir beließ es bei ihrer Anspielung, steckte sein Handy zurück in die Hosentasche und schnippte seine Kippe aufs Pflaster. Die Glut ergab sich sofort der nassen Tristesse des Straßenmorastes, als hätte sie niemals Licht gespendet.
♪
Der Temperaturwechsel legte sich schwer auf Kasimirs Lider, als er in seinem eng anliegenden Kellnerchic in den Gastraum zurückkehrte. Vielleicht schickte man ihn nach Hause, wenn er den Geschirrbestand weiter dezimierte. Oder zurück in den Hinterhof, Scherben entsorgen. Hauptsache, weit weg von diesem bunten Potpourri aus Menschen und Gesprächen.
»Da bist du ja endlich.«
Ellas Stimme jagte Kasimir einen Schauer über den Rücken. So hingebungsvoll ihm Cecilie ihre Kollegin auch angepriesen hatte, er schwärmte definitiv nicht für ihren Befehlston.
»Das waren deutlich mehr als zehn Minuten«, meckerte sie und drückte ihm ein Tablett in die Hand. Zwei Schoppen Rotwein, eine Apfelschorle. »Du bist für die Fensterplätze zuständig, Kasimir. Tisch siebzehn sollte seine Bestellung eigentlich vor dem Auftritt bekommen.«
»Wer?«
Ella verdrehte die Augen und zeigte zur anderen Seite des Speisesaals, dorthin, wo der schwarze Flügel stand. »Der Pianist. Er ist mit einer Dame hier. Wäre nett, wenn du wenigstens ihr die Getränke bringst … hörst du mir überhaupt zu?«
Kasimirs Blick haftete an dem jungen Mann, der sich am Klavier niedergelassen hatte.
»Das …«, begann er, brachte seinen Satz jedoch nicht zu Ende. Befand er sich im Delirium? War irgendetwas mit den Zigaretten gewesen?
»Keine Ahnung, wer dich engagiert hat«, meinte Ella kopfschüttelnd und ließ ihn mit seinem Tablett zurück.
Das war Leonhard Valentin.
Der Klavierschüler, der seinen Zukunftstraum in tausend Teile gesprengt hatte. Der Junge, dessen Haustier er entführt hatte und den er nie wiedersehen wollte. Doch das erübrigte sich in dem Moment, als sich ihre Blicke trafen und ein selbstgefälliges Schmunzeln über Leonhards Lippen schlich. Er wusste genau, wie er Kasimir den Hasenraub heimzahlen konnte. Und das tat er auch.
Mit der klangvollsten aller Strafen.
Dur
Leos Gefühle überschlugen sich, als die ersten Noten aus den schwingenden Saiten sprangen. Sie tänzelten um seine Fingerspitzen, hüpften über die Klaviatur und breiteten sich in all ihren kunterbunten Farben im ganzen Saal aus. Alle Gespräche waren verstummt, selbst in der Küche ruhten die Kochlöffel im Klang der Melodie. Die Gäste lauschten ihr, verfielen ihrer diffizilen Schönheit. Sogar ihr eigener Komponist.
Leo presste seine Lippen fest zusammen, um sich das Grinsen zu verkneifen. Er war es. Himmel, er war es, er stand da wie eine Statue und starrte zu ihm hinauf. Was ihm wohl gerade durch den Kopf ging? Ob er Leo verwünschte für seine Dreistigkeit? Hoffentlich. Sein Herz sollte rasen und gleichzeitig von den traumverlorenen Klängen beruhigt werden. So wie Leos, als er dieses Stück zum allerersten Mal gehört hatte. Dieses tobende, flammende, tiefsensible Lied.
All Eyes On Me.
Leos Finger erzählten die Geschichte eines von Fallen gespickten Weges, den man bezwingen musste, um über eine Klippe zu springen und sich in den Tiefen des Ozeans zu verlieren. Sich in der Stille wiederzufinden. Und schließlich, um die Sonne durch die Oberfläche schimmern zu sehen, aufzutauchen und die Freiheit zu atmen. Das erlösende Gefühl, es geschafft zu haben. All das umfasste dieses Stück. All das umfasste seine Fantasie.
Während er spielte, erhob sich Applaus von den Tischen. Überwältigender Applaus. Er konkurrierte mit den Tönen in Leos Händen, doch er ließ sie nicht im Jubel ersticken. Dieses Lied hatte seiner Passion Leben eingehaucht, seiner Kreativität Flügel verliehen. Er musste es bis zur letzten Note fühlen, und wenn er darum kämpfen musste. Genau wie dieser Junge vor sechs Jahren gekämpft hatte.
Als der finale Akkord unter seinen Fingern erklang, klopfte Leo das Herz bis zum Hals. Er hatte alles gegeben, um diesem Kunstwerk die Bühne zu bieten, die es verdiente. Dutzende Menschen waren von ihren Stühlen aufgestanden und klatschten ihm Beifall. Exakt wie damals, als dem Schöpfer die fehlerfreie Darbietung seines Meisterstücks geglückt war. Er musste dieselbe Euphorie verspürt haben wie Leo in diesem Moment, denselben Dopaminschub bei seiner Verbeugung. Bloß der Ausgang jenes Abends dürfte ihm nicht gefallen haben.
Nachdem Leo sich ausgiebig bei seinem Publikum bedankt hatte, trat er vom Plateau und schob sich zwischen den Tischen hindurch. Die Lobpreisung der Gäste tönte in seinen Ohren, als er Francesca an ihrem reservierten Platz am Fenster entdeckte. Sie hatte sich erhoben und erwartete ihn applaudierend. Leider nicht, um das Stück zu rühmen.
»Du bist ein unverbesserlicher Querulant«, sagte sie und umschloss ihn mit einer solch festen Umarmung, dass ihm die Luft wegblieb. Die Spitzen ihres duftenden brünetten Haars hinterließen ein Prickeln auf seiner Wange. »Wozu vereinbaren wir überhaupt Programmpunkte mit deinen Klienten, wenn du dich nie daran hältst?«
»Tut mir leid … es kam so über mich«, japste er, woraufhin sie ihn von ihrer Umklammerung erlöste und mit einem kritischen Blick bedachte. Das gedimmte Licht der Kronleuchter spiegelte sich in ihren Augen und brachte das Rouge auf ihren bronzefarbenen Wangen zur Geltung. Leo musste sich zusammenreißen, ihre Schönheit nicht mit einem schwärmerischen Seufzen wertzuschätzen. Sie gab nichts auf seine Komplimente, ihrem festen Freund Marco sei Dank.
»Es kommt jedes Mal ›so über dich‹, Leonhard Valentin.«
»Ich kann nichts dagegen tun«, erwiderte er, die Euphorie kitzelte an seinen Mundwinkeln, während er sich auf seinen Platz setzte. »Es ist genial.«
»Aber nur, wenn du es spielst«, sagte Francesca, strich ihr rotes Paillettenkleid glatt und ließ sich graziös zurück auf ihren Stuhl sinken. »Als dieser Sonderling damals die Klaviatur damit gequält hat, klang es nicht annähernd so gefühlvoll. Kein Wunder, dass man nichts mehr von ihm gehört hat.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das nach heute Abend ändert.«
»Inwiefern?«
»Lass dich überraschen«, meinte Leo zwinkernd. Francesca hob die Augenbrauen. Der schimmernde Lidschatten setzte ihre olivgrüne Iris in Szene, das Kirschrot ihres Lippenstifts färbte auf Leos Seele ab.
»Deine Überraschungen bedeuten nie etwas Gutes«, murrte sie und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. »Hauptsache, du bringst den Rest deines Vorspiels vernünftig über die Bühne …« Sie hielt inne, Zufriedenheit glättete die Falten auf ihrer Stirn. »Na endlich, da kommt er.«
»Wer?«
»Der Kellner mit meinem wohlverdienten Roches Noire.«
Leo fiel es zunehmend schwerer, sich auf ihr bezauberndes Antlitz einzulassen. Das Pochen in seiner Brust verstärkte sich, aber Francesca war nicht der Grund dafür.
»Sag mal«, murmelte er und nestelte an seiner Stoffserviette herum. »Was hat dich an diesem Typen damals eigentlich so gestört? Warum, glaubst du, hat er nicht gegen mich gewonnen?«
»Fängst du schon wieder damit an?« Sie rollte mit den Augen, nahm ihr Glas entgegen und betrachtete die Flüssigkeit abschätzig. »Zunächst einmal kam er an wie ein gerupftes Huhn. Zerzaust und finster gekleidet, sah noch schlimmer aus als dein geschmackloser Sturz in den Farbtopf. Dann diese Attitüde.« Sie kräuselte die Stirn, wahrscheinlich sollte ihr Gesicht grimmig aussehen. »Er hat im Vorfeld mit keinem geredet und ist direkt nach der Ergebnisverkündung verschwunden. Und zum Spiel muss ich nichts sagen. Charakterlos, fad … seine Präsentation hat keinerlei Emotionen in mir geweckt. Die einzige Leistung dieses Amateurs war, seinen Tinnitus sauber zu Papier zu bringen.«
Autsch!
Leo betrachtete schmunzelnd sein Gedeck. Aus dem Augenwinkel erkannte er, dass die Fingerspitzen des Kellners zitterten, eine Hand hatte er zur Faust geballt.
»Danke, das wäre alles«, meinte Francesca beiläufig und scheuchte ihn mit einer Handbewegung fort, ehe sie Leos Blick suchte. »Wieso bist du so besessen von diesem Lied? Ich kann mich nicht einmal an den Namen dieses Pseudokomponisten erinnern, du etwa?«
»Hm … nö«, erwiderte Leo und ergriff den Stiel seines Weinglases, um es zum Anstoßen anzuheben. »Na dann, auf den Niemand …«
Er hatte seinen Trinkspruch noch nicht vollendet, als ihm der Kellner plötzlich das Glas aus der Hand riss und es fest umklammerte. Bedrohlich. Er sagte kein Wort, doch seine Unterlippe bebte vor Anspannung. Und als Leo sein Lächeln nicht unterdrücken konnte, bekam er die Emotionsbandbreite seines Idols am eigenen Leib zu spüren.
