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Die eine wollte nie Mutter sein, die andere wünscht sich nichts sehnlicher … Jahrelang litt Claire unter erfolgloser Kinderwunschtherapie, die nur Schmerz und Enttäuschung brachte – nun hat sie keine Kraft mehr, es erneut zu versuchen. Eine Entscheidung, die ihren Mann Ben schwer erschüttert. Als seine beste Freundin Romily davon erfährt, bietet sie dem Paar unweigerlich an, ihre Leihmutter zu sein. Doch Romily hat nicht mit den allumfassenden Gefühlen gerechnet, die sie für das in ihr heranwachsende Baby empfindet – und für Ben … Dabei kämpft Claire schwer damit, dass eine andere Frau das Kind gebären wird, das sie sich immer gewünscht hat. Diese zwei vollkommen gegensätzlichen Frauen werden verbunden in der Liebe zu den wichtigsten Personen in ihrem Leben – können sie gemeinsam in eine glückliche Zukunft blicken? »Eine bittersüße Geschichte über Freundschaft, gebrochene Herzen und große Liebe!« Closer Magazine Für Fans von Jodi Picoult und Kristin Hannah: ein emotionaler Roman über Mutterschaft, Freundschaft und zwei Frauen, die alles für ihre Familien tun.
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Seitenzahl: 524
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Über dieses Buch:
Jahrelang litt Claire unter erfolgloser Kinderwunschtherapie, die nur Schmerz und Enttäuschung brachte – nun hat sie keine Kraft mehr, es erneut zu versuchen. Eine Entscheidung, die ihren Mann Ben schwer erschüttert. Als seine beste Freundin Romily davon erfährt, bietet sie dem Paar unweigerlich an, ihre Leihmutter zu sein. Doch Romily hat nicht mit den allumfassenden Gefühlen gerechnet, die sie für das in ihr heranwachsende Baby empfindet – und für Ben … Dabei kämpft Claire schwer damit, dass eine andere Frau das Kind gebären wird, das sie sich immer gewünscht hat. Diese zwei vollkommen gegensätzlichen Frauen werden verbunden in der Liebe zu den wichtigsten Personen in ihrem Leben – können sie gemeinsam in eine glückliche Zukunft blicken?
Über die Autorin:
Julie Cohen wurde in Maine, USA, geboren und studierte Literatur an der Brown und der Cambridge University. Wenn sie nicht gerade an ihren Romanen arbeitet, unterrichtet sie kreatives Schreiben an der University of Reading und engagiert sich als Vizepräsidentin der Romantic Novelists’ Association für Inklusion und Diversität. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Berkshire.
Die Website der Autorin: julie-cohen.com
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihren Roman »All unsere Träume«.
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eBook-Neuausgabe Juli 2024
Die Originalausgabe erschien erstmals 2013 unter dem Originaltitel »Dear Thing« bei Bantam Press, London.
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2013 by Julie Cohen
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2014 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: A&K Buchcover, Duisburg, unter Verwendung eines Bildmotives von Midjourney
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (lj)
ISBN 978-3-98952-411-8
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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
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Julie Cohen
All unsere Träume
Roman
Aus dem Englischen von Ute Brammertz
dotbooks.
Für Anna, Ian und Kieran
Liebes Kleines,
ich will dir eine Geschichte erzählen.
Vor langer, langer Zeit, als wir noch an Märchen glaubten, da lebten einmal ein Prinz und eine Prinzessin. Der Prinz war stattlich und klug, und die Prinzessin war schön und gut, und sie liebten einander sehr.
Was ist Liebe? Danach wirst du vielleicht fragen, wenn du älter bist. Manche Menschen halten sie für etwas Magisches. Andere halten sie für etwas Biologisches. Jedenfalls schienen der Prinz und die Prinzessin wie füreinander geschaffen zu sein. Es lässt sich schwer erklären, warum: Er mochte Fußball, und sie mochte Konzerte. Ihr gefielen alte Dinge, und ihm gefielen neue. Ihr gemeinsames Leben bestand aus einer Reihe von Kompromissen. Vielleicht ist genau das mit einem Happy End gemeint – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Der Prinz hielt um die Hand der Prinzessin an. Ihre Hochzeit war ein wunderbarer Tag voller Silber und Gold und Blumen und Freude. Der Prinz tanzte zu »Boogie Wonderland« und warf beinahe den Tisch am Kopf der Tafel um. Ich wünschte, du wärst dort gewesen und hättest es gesehen. In gewisser Weise warst du dort. Die Prinzessin und der Prinz dachten ganz gewiss an dich. Sie wollten dich bereits. Ein perfektes Kind, das ihre Liebe vollkommen machen würde.
Doch die Jahre vergingen – und du kamst nicht.
Ein richtig gutes Märchen ist das nicht, was?
Am Tag, bevor Claire den Test machen sollte, floh sie . aus dem Musiktrakt, um noch einmal nachzusehen. Auf dem Weg über das von Raureif überzogene Gras, an dem Tierschuppen vorbei, bekamen ihre Wildlederstiefel nasse Flecken. Zwei Jungen aus der Unterstufe sahen nach ihren Meerschweinchen, ihr Atem bildete aufsteigende Wölkchen. Sie hob eine Hand zum Gruß und eilte weiter auf das Wäldchen zu, das die Schule auf allen Seiten umgab.
Auf dem Sportplatz spielte eine Gruppe Mädchen Hockey. Sobald Claire in dem Gehölz war, wurden ihre Anfeuerungsrufe leiser. Sie schloss die Hand fester um die Gegenstände in ihrer Tasche und beschleunigte ihre Schritte. Sie ging um Rhododendronbüsche herum. Der Duft von Kiefernnadeln hüllte sie ein. Dann erreichte sie das verrostete Eisentor, das in einer Ecke am Ende des Schulgeländes verborgen war. Sie stieß das Tor auf und betrat den Friedhof.
Die Schüler von der St. Dominick’s kamen nur selten hierher. Als Claire einmal ein halbes Dutzend Abiturienten mitgenommen hatte, weil sie den Ort inspirierend fand, erzählten sie ihr, dass es Gruselgeschichten gebe über den Friedhof der Nonnen. Eine handelte von einer klagenden Frau, in einer anderen ging es angeblich um einen gespenstischen Nebel. Doch bei Tageslicht war der Friedhof nicht Furcht einflößend: Sonnenstrahlen drangen durch die hohen Kiefern und fielen auf die grauen Steine. Diese waren alle unterschiedlich geformt und unterschiedlich groß, manche ganz alt, andere aus jüngerer Zeit. Obwohl die St. Dominick’s School nun schon seit vielen Jahren keine Nonnen mehr beherbergte, wurden Ordensschwestern, die weggezogen waren, gelegentlich noch hier begraben, wo sie ihr gottgeweihtes Leben begonnen hatten. Die neueren Gräber am äußeren Rand bestanden aus flachen Granitblöcken. Neben dem einen oder anderen standen Plastikblumen in Körbchen.
Sie ging in die Mitte des Friedhofs. Die Inschriften auf den Steinen waren hier kaum zu entziffern. Irgendwo in den Bäumen schwatzte eine Elster.
Claire trug eine Wolljacke. In der linken Tasche befand sich ihr Handy. In der rechten waren zwei sorgsam in Toilettenpapier eingewickelte Gegenstände. Bevor sie sie herausholte, blickte sie sich um, obwohl sie wusste, dass sie allein war. Nicht einmal der Geist einer Nonne sah ihr dabei zu, als sie jetzt die Schwangerschaftstests auspackte.
Gesehen hatte sie die blauen Striche bereits. Sie waren praktisch sofort erschienen, nachdem sie den Test durchgeführt hatte, doch das war auf der Lehrertoilette gewesen, wo die Lichtverhältnisse nicht gut waren. Sie musste sichergehen, dass es nicht reines Wunschdenken war. Jetzt hielt sie den ersten Test hoch und betrachtete die Striche eingehend.
Positiv. Ein klares, dunkles Positiv. Das Gleiche beim zweiten Test. Sie hatte sich nicht getäuscht.
Sie sank auf das Gras, ohne auf Raureif und Kälte zu achten, und starrte auf die Tests in ihrem Schoß.
Sie sollte Ben anrufen. Und ihre Moni. Eigentlich sollte sie noch gar keinen Test machen. Ben und sie waren übereingekommen, dass es am klügsten war, bis zu dem richtigen Test morgen früh in der Fruchtbarkeitsklinik zu warten.
Doch sie konnte nicht warten. Während sie die siebte Klasse ermahnte, doch bitte besser aufzupassen, während der Proben für das Frühjahrskonzert, während der Lehrerkonferenz – die ganze Zeit hatte sie nur an eines gedacht: ihren winzigen Embryo, ihren und Bens.
Bitte bleib, hatte sie gedacht. Genau wie in jeder Minute der letzten zehn Tage, seitdem er in ihre Gebärmutter eingepflanzt worden war.
Bitte bleib. Auf der Fahrt in die Schule. Beim Zähneputzen. Beim Abspülen der Gläser. Bleib bei mir. Beim Abendessen mit Ben. Der erste Gedanke beim Aufwachen und vor dem Einschlafen.
Halt dich fest und lebe. Ich möchte dich kennenlernen.
Sie ließ das Handy in der Tasche. In diesem Augenblick, nach allem, was geschehen war, wollte sie mit ihrem Geheimnis allein sein. Sich selbst gut zureden, dass sie es tatsächlich geschafft hatte.
Behutsam legte Claire beide Hände auf den Bauch. »Hallo«, sagte sie leise.
Sie hob das Gesicht und ließ sich von der Wintersonne die Haut wärmen.
»Bloß eine?« Mit gerunzelter Stirn blickte Romily über den Pausenhof zu dem kleinen Mädchen und seiner Mutter, die am Eingang warteten. »Du hast doch so viele Kinder eingeladen.«
»Ich hab beschlossen, nur eine Freundin einzuladen«, sagte Posie gelassen.
»Was ist denn aus den ganzen Einladungen geworden,
die du mitgenommen hast? Die Wegbeschreibung hat mich viel Zeit gekostet. Hast du sie denn nicht verteilt?«
Posie öffnete ihre Schultasche. Am Boden lagen zerknitterte rosafarbene Briefumschläge.
»Du hast sie überhaupt nicht verteilt?«
»Doch. Eine.« Posie nickte in Richtung des Mädchens.
»Ich dachte, Amber kommt.«
»Nein.«
»Du hast mir letzte Woche erzählt, dass sie deine beste Freundin ist.«
Posie fing an zu summen. Ihr dichter blonder Pony war zu lang. Romily konnte ihre Augen kaum sehen. Allerdings sah sie, wie die Mutter des anderen Mädchens auf die Uhr blickte, also legte Romily den Arm um Posies Schulter und ging auf die beiden zu. Posie nahm ihre Freundin bei der Hand, und die beiden hüpften davon.
»Hi«, sagte Romily zu der Frau und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich heiße Romily Schön, dass Ihre Tochter zu Posies Geburtstag kommen kann.«
»Es kam ein wenig überraschend«, erwiderte die Frau. »Sie hat mir erst gestern davon erzählt.«
»Tut mir leid«, sagte Romily. »Posie hat nur Ihre Tochter eingeladen. Wenn Sie möchten, kann ich sie in meinem Wagen mitnehmen und nach dem Abendessen wieder zurückbringen. Wir fahren zu Posies Taufpaten nach Sonning. Da ist mehr Platz.«
Der Mutter war der Zwiespalt anzusehen, in dem sie steckte: einerseits die Aussicht, zwei Stunden für sich zu haben, andererseits das Risiko, ihre Tochter mit einer quasi Fremden ziehen zu lassen. Romily überlegte, ob sie ihren Ausweis zücken sollte. Die Menschen neigten dazu, schneller Vertrauen zu fassen, wenn sie den Doktortitel vor ihrem Namen sahen. Jedenfalls bis sie herausfanden, dass sie ihren Doktor in Entomologie hatte und ihre Arbeitszeit mit toten Insekten verbrachte.
»Mum«, sagte das kleine Mädchen, das zurückgehüpft kam, »es fängt an zu regnen.«
»Also gut«, sagte die Mutter. Rasch tauschten sie und Romily Telefonnummern und Adressen aus, das übliche Ritual unter verantwortungsbewussten Erwachsenen. Dann eilte die Mutter zu ihrem Auto, um den Kindersitz zu holen. Im Gesicht der Frau spiegelten sich erneut Zweifel, als sie Romilys ramponierten grünen Golf sah.
»Ich fahre vorsichtig«, versicherte Romily ihr. »Ich habe den Wagen bloß schon lange nicht mehr gewaschen.«
»Bis sieben also!« Die Mutter gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange und reichte ihr eine Plastiktüte mit dem eingepackten Geschenk. »Sei schön brav.«
Als sie wenig später im nachmittäglichen Stau standen, betrachtete Romily im Rückspiegel die Mädchen auf der Rückbank. Posies Freundin war kleiner als sie und trug ihre Haare zu ordentlichen Zöpfen mit rosafarbenen Schleifen gebunden. Sie saß mit ineinander verschränkten Händen da und sah aus dem Fenster, während Posie leise vor sich hin sang. Die Schuluniform des anderen Mädchens war gebügelt, seine Schuhe glänzten. Romily konnte sich nicht daran erinnern, die Kleine je zuvor gesehen zu haben.
Dann öffnete der Himmel seine Schleusen, und Romily musste sich darauf konzentrieren, durch die verstopften Einbahnstraßen aus der Stadt hinauszukommen. Als sie Brickham hinter sich ließ, wurde es sofort ländlich, auch wenn die Felder durch die Autofenster jetzt nichts weiter als grüne verschwommene Flecken waren. Ihr bester Freund Ben und seine Frau Claire wohnten am Rand von Son- ning, einem hübschen kleinen Dorf an der Themse mit Reetdachhäusern, bewohnt von Pendlern, die täglich zur Arbeit nach London fuhren. Dank langer Übung nahm sie die schwierige Rechtskurve beim Abbiegen in den schmalen Feldweg ohne Probleme und hielt auf der Kiesauffahrt neben Claires Audi.
»Oh, Bens Auto ist nicht da«, sagte Posie.
»Er wird schon kommen«, antwortete Romily, der dieser Umstand ebenfalls aufgefallen war. »Er hat mir heute Morgen eine SMS geschrieben.«
»Kommt schon!« Posie war aus dem Wagen, bevor Romily sich nur abschnallen konnte, und rannte auf die Eingangstür des Hauses zu, als wollte sie unter dem Regen hindurchlaufen. Sie öffnete die Tür ohne anzuklopfen und trat ein. Ihre Freundin folgte ihr, wobei sie einen großen Bogen um Pfützen machte, während Posie einfach hindurchgelaufen war. Romilys Pulli wurde an den Schultern klitschnass, als sie ihnen folgte, den Karton mit den Party-Utensilien in den Händen.
Drinnen drang ihnen der Duft von Frischgebackenem und Blumen entgegen. Die Luft war warm. »Wow, das ist aber ein schönes Haus!«, sagte Posies Freundin und betrachtete die offen liegenden Balken, den Wohnraum mit seinen weichen elfenbeinfarbenen Sofas und dem kleinen Flügel. Rosa- und lilafarbene Luftballons hingen an den Türrahmen und an Lampen.
»Du kannst dein Geschenk hierhin stellen«, wies Posie ihre Freundin an und zeigte auf einen Beistelltisch. »Wir können überall im Haus spielen, wo wir wollen, aber zuerst müssen wir die Schuhe ausziehen. Romily, könntest du bitte die Tiere aus dem Auto holen?«
»Es sind Tiere im Auto?« Romily hatte den Karton abgestellt und sich bereits den ersten Stiefel ausgezogen. Ihre nassen Haare klebten ihr auf der Stirn.
»Ja, ich habe sie heute Morgen auf den Rücksitz gelegt, weil sie mit zur Party kommen wollten. Sie sind in der Tüte.«
»Der Tüte«, wiederholte Romily und versuchte sich zu erinnern, ob sie eine gesehen hatte oder nicht. Sie hatte keine Lust, wegen einer imaginären Tüte voller Leoparden zum Wagen zurückzulaufen. Darauf war sie schon einmal hereingefallen. »Was für Tiere sind es denn?«
»Rita und Lorna und Joe. Du weißt schon.«
»Ach ja. Posie, bist du dir sicher, dass sonst niemand kommt?«
»Deshalb habe ich doch die Tiere mit dabei.«
»Herzlichen Glückwünsch, meine Süße!« Claire erschien in der Küchentür und kam mit ausgestreckten Armen durch den Wohnraum auf Posie zu. »Wie alt wirst du noch mal?«
Posie schlang ihr innig die Arme um die Taille und küsste sie auf die Wange. »Sieben.«
»Oje, wie konnte ich das nur vergessen? Hallo«, sagte sie zu Posies Freundin, die scheu lächelte. »Und wie heißt du?«
»Amelia«, sagte das Mädchen.
»Komm!« Posie rannte die Treppe hinauf, und ihre Freundin folgte ihr. Claire sah ihnen nach. Sie trug eine schmal geschnittene Hose und eine Seidenbluse. Ihr Diamantring glitzerte, als sie sich die honigblonden Haare nach hinten strich und sich Romily zuwandte.
»Hi, Romily.«
»Hi.« Romily war sich ihrer ungekämmten Haare und der schief gekrempelten, feuchten Jeans bewusst. Sie hüpfte auf einem Bein, während sie sich den Stiefel wieder anzog.
»Danke, dass die Kinder hier sein dürfen. Und für die Ballons und alles. Ich habe Posie erklärt, dass es auch für dich ein Schultag ist, aber sie bestand darauf, und Ben hat gesagt ... «
»Keine Ursache. Wie viele kommen denn?«
»Das war’s schon.«
»Ich dachte, sie wollte eine große Party schmeißen.«
»Dachte ich auch. Ist ... « Romily zögerte.
»Ben musste heute für eine Besprechung nach London, aber er hat gesagt, dass er wieder zu Hause ist, bevor es Kuchen gibt.«
»Oh – ich wollte bloß fragen, ob es in Ordnung ist, wenn ich mir einen Regenschirm von dir ausleihe.« Romily hatte den Stiefel endlich an und deutete auf den antiken Schirmständer neben der Tür. »Posie hat etwas im Auto vergessen.«
»Natürlich, bedien dich. Ich setze Wasser auf«
Draußen hatte sich stürmischer Wind zu dem strömenden Regen gesellt, und Romily hatte sich den wahrscheinlich einzigen kaputten Regenschirm ausgesucht. Sie schaffte es kaum, ihn hochzuhalten, als sie zu ihrem Golf zurückging, um die Tüte mit Posies Stofftieren zu holen. Beim Zuschlagen der Autotür glaubte sie, Reifen auf dem Kies knirschen zu hören, doch als sie aufblickte, war Bens Wagen noch immer nicht da. Auch keine anderen Eltern mit weiteren Kindern. Ein Windstoß erfasste den Regenschirm und riss ihn ihr aus der Hand, sodass sie ihm über den makellos gepflegten Rasen nachjagen musste, während ihr die Tüte mit den Tieren gegen die Beine schlug. Als sie wieder ins Haus kam, war sie dreckig, nass und noch zerzauster als zuvor.
Romily zog die Stiefel wieder aus und versuchte, so gut es ging, ihre Kleidung und ihre Haare glatt zu streichen. Sie holte die Kuscheltiere aus der Tüte und postierte sie neben der Tür, wo Posie sie sehen würde, sobald sie nach unten kam. Von Weitem hörte sie die Mädchen lachen. Hätte sie gewusst, dass Ben erst später hier sein würde, hätte sie sich vorhin an der Schule ein bisschen mehr Zeit gelassen. Oder sie hätte sich vielleicht vorsorglich ein paar Gesprächsthemen überlegt.
Das Unangenehmste daran, mit Claire allein zu sein, war, dass es Claire überhaupt nicht unangenehm zu sein schien, dachte Romily, während sie Joe, die Giraffe, hinstellte. Und das bedeutete, dass das ganze Unbehagen an Romily hängen blieb.
Romily hob den feuchten Karton vom gefliesten Fußboden auf, durchquerte auf ihren Ringelsöckchen das Wohnzimmer, vorbei an dem glänzenden Flügel und der geschmackvollen Mischung aus modernen und antiken Möbelstücken, und betrat die nach Zucker duftende Küche. »Der Kuchen riecht wunderbar«, schwärmte sie beim Eintreten.
»Danke!« Claire stülpte einen Teewärmer über die Kanne. »Den Kuchen habe ich schon gestern Abend gemacht, aber ich habe Kekse im Ofen.«
»Ich weiß wirklich nicht, wie du das alles schaffst.« Romily stellte den Karton auf den Küchentisch, der künstlich auf alt gemacht war. »Musstest du heute nicht arbeiten?«
»Ach, den Keksteig hatte ich in der Gefriertruhe. Ich habe ihn letzte Woche vorbereitet, weil ich wusste, dass ich heute keine Zeit haben würde.« Claire ließ den Finger in einer entschuldigenden Geste an der Schläfe kreisen, womit sie wohl andeuten wollte, leicht verrückt zu sein.
Romily öffnete den Karton. »Ich habe hier Tiefkühlpizzen und Pommes fürs Abendessen – viel zu viel für nur zwei Mädchen. Und ein paar Süßigkeiten und Limonade.«
»Wunderbar.«
Nichts im Vergleich zu selbst gebackenen Keksen und Kuchen, dachte Romily. Claire hingegen nahm die noch verpackten Gaben freudestrahlend entgegen und holte ein paar Backbleche heraus, bevor sie Romily eine Tasse Tee eingoss und zwei Löffel Zucker hinzugab, so wie Romily es mochte. Claire tat die Tiefkühlkost auf Backbleche, damit sie später nur noch in den Ofen geschoben werden musste, zog sich den Stuhl gegenüber von Romily heran und stellte ihre Tasse auf einen Untersetzer. »Es hatte nur eine Freundin Zeit?«
»Sie hat einfach nicht mehr eingeladen. Ich habe ihr zwanzig Einladungen mitgegeben. Deswegen wollten wir ja hier feiern, bei uns in der Wohnung wäre ja nicht genug Platz gewesen. Und ich hab mich schon gewundert, warum sich die Eltern gar nicht gemeldet haben, aber ich hatte zu viel um die Ohren, deswegen habe ich nicht nachgefragt ... Ich bin schrecklich chaotisch, ich weiß.«
»Red keinen Quatsch!«
Romily seufzte. »Was soll’s, so haben wir weniger Abwasch.«
»Hast du Partyspiele rausgesucht?«
»Ahm, nein. Ich dachte, sie könnten einfach, du weißt schon, miteinander spielen. Dann das Abendessen, Kuchen, Happy-Birthday-Singen und ab nach Hause. Irgendwann Geschenke auspacken. Ich habe eine Pinata besorgt.« Sie holte das Pappmascheepferd voller Süßigkeiten und ein buchförmiges Geschenk für Posie unten aus dem Karton. Beides war zerknittert und ein wenig feucht, entweder vom Regen oder den auftauenden Pommes frites.
»Ich habe oben ein paar Sachen zum Verkleiden rausgelegt«, sagte Claire. »Und ich habe mir gedacht, vielleicht würden sie sich gern die Nägel lackieren?«
»Das könnte eine ziemliche Kleckerei geben«, sagte Romily mit einem zweifelnden Blick auf die makellose Küche.
»Macht nichts. Ich hab nur nichts Großes vorbereitet, weil ich dachte, du hast bestimmt genaue Vorstellungen ... «
Romily versuchte, sich Feiern ins Gedächtnis zu rufen, die sie in letzter Zeit mit Posie besucht hatte. Aus dem Stegreif fiel ihr keine einzige ein, nicht seit der großen Party in dem Pfarrsaal mit der Hüpfburg, bei der alle wild herumgeschrien hatten. Posie hatte die meiste Zeit unter dem Tisch verbracht und so getan, als wären die anderen Kinder menschenfressende Ungeheuer. Romily hatte versucht, Posie hervorzulocken, wenn auch nur halbherzig, denn im Grunde hielt sie die anderen Kinder ebenfalls für Ungeheuer.
»Am besten entscheiden wir das ganz spontan«, sagte sie. Claire nickte, und sie verfielen in Schweigen.
Romily zermarterte sich das Hirn, worüber sie sich unterhalten konnten, irgendein Thema, das nicht das Thema war. Denn wenn Claire darüber hätte reden wollen, dann hätte sie es bestimmt gleich getan, oder nicht?
Und sollte Romily überhaupt etwas davon wissen? Wusste Claire, dass Ben es ihr gesagt hatte?
Es war ja nicht so, als würde Romily stundenlang mit Ben über persönliche Probleme reden – sie hatten andere Dinge zu besprechen -, aber Ben und Claire machten das mit der künstlichen Befruchtung nun schon so lange mit, dass es einfach immer wieder zur Sprache kam. Und er war so aus dem Häuschen wegen dieses Embryos.
»Und?«, brachte sie endlich hervor. »Wie geht’s dir so? In der Schule alles okay?«
»Mir geht’s gut, danke«, sagte Claire. »In der Schule läuft es prima.«
»Das ist gut.«
Claires Lippen umspielte ein Lächeln, als hütete sie ein Geheimnis. Offensichtlich fand sie Romilys Unsicherheit amüsant. Vielleicht wusste sie ja, dass Romily von der Sache mit dem Baby wusste. Doch auch das konnte Romily nicht fragen.
Romily zog mit dem Finger Kreise auf der hölzernen Tischplatte. »Ahm. Hast du in letzter Zeit mal irgendein gutes Konzert besucht ...?«
In diesem Moment steckte Posie den Kopf in die Küche. »Tante Claire? Können wir den Tieren Tee servieren? Können wir dein Teeservice nehmen?«
»Natürlich. Ich gieße euch ein bisschen Limonade in die Kanne. Wollt ihr die Decke vom Sofa holen und auf dem Boden ausbreiten? Dann ist es wie ein Picknick.«
»Phänomenal!« Sie verschwand, und Claire stieß ein helles, zauberhaftes Lachen aus, das so glücklich klang, dass Romily sie eingehender musterte. Sie sah tatsächlich gut aus. Vielleicht sogar noch besser als sonst. Irgendwie strahlend. Romily hatte sich sagen lassen, dass das vorkam.
»›Phänomenal‹«, wiederholte Claire. »Was sie für einen Wortschatz hat! Ich weiß nicht einmal, ob meine Siebtklässler dieses Wort kennen.«
»Sie liest viel«, sagte Romily, auch wenn Claire das bereits wusste. Posie war ihr Hauptgesprächsthema.
»Ich hole das Teeservice für die Mädchen. Könntest du vielleicht die Kerzen auf den Kuchen stecken?« Claire wies auf den Kuchenständer, der sich auf der Arbeitsfläche befand. Der Kuchen war eine unglaubliche Kreation, ein hoher Gugelhupf, mit rosafarbenem Zuckerguss, der mit zarten rosafarbenen Blättchen übersät war.
»Was für eine Art Kuchen ist es?«
»Ein Angel Cake mit Rosenaroma im Zuckerguss.«
Romily pulte ein Blättchen von dem Zuckerguss und probierte. »Gezuckerte Rosenblütenblätter? Die hast du aber nicht selbst gemacht, oder?«
»Wir hatten letztes Jahr viele Rosen.« Claire verteilte geschickt warme Kekse auf einem Teller.
»Ich hoffe, du hast sie nach Blattläusen inspiziert.« Romily holte die erste Kerze aus der Packung und steckte sie aufs Geratewohl oben auf den Rand. »Es war ein gutes Jahr für Läuse. Andererseits schmecken sie wahrscheinlich ganz gut. Von ihnen stammt Blatthonig.«
»Das werde ich mir merken. Du kannst Kuchen mit Blattlausgeschmack zum Geburtstag haben.« Claire verließ die Küche, und Romily fragte sich, ob es sich bei der Bemerkung um einen liebevollen Witz oder um eine Spitze gehandelt hatte.
Es war nicht so, als wären Claire und Romily einander fremd. Sie kannten sich schon seit Jahren. Sie waren zusammen zur Uni gegangen und Teil einer größeren, netten Clique gewesen. Im Laufe der Jahre hatten sich ihre Unifreunde natürlich feste Beziehungen zugelegt und lebten ihr Erwachsenenleben. Unter normalen Umständen hätte Romily wohl nur losen Kontakt zu Claire gehalten, genau wie mit anderen Leuten aus der Uni-Zeit. Man hätte die Status-Updates auf Facebook verfolgt – oder sich bei der einen oder anderen Hochzeit wiedergetroffen, man hätte sich nach dem Leben der anderen erkundigt, höflich genickt und sich dann mit dem Nächsten unterhalten.
Doch da war die Tatsache, dass Claire mit Ben verheiratet war.
Sie steckte die restlichen Kerzen auf den Kuchen, wahrscheinlich schiefer, als Claire es getan hätte. Durch die Glastüren zum Garten sah sie, dass es nicht mehr regnete und die Wolken sich aufgelockert hatten. Die Sonne kam durch. Sie schlenderte ins Wohnzimmer. Die Mädchen saßen auf einer Decke auf dem Boden und hatten die Tiere um sich herum aufgestellt. Claire goss rosafarbene Limonade in geblümte Porzellantassen. Posies Freundin saß, einen Seidenschal um die Schultern, adrett zwischen der Plüschgiraffe und dem Plüschlemur. Romily fiel auf, dass ihr die Schuluniform wie angegossen passte, im Gegensatz zu Posies, deren Pullover an den Ärmeln zu kurz war und ständig hochrutschte, sodass der Saum ihrer Bluse zu sehen war. Posie hatte mittlerweile ein großes Loch am Knie ihrer Strumpfhose und trug außerdem einen großen Strohhut mit Bändchen, dessen Krempe breiter war als ihr ganzer Körper.
»Lorna ist Schauspielerin«, erzählte sie ihrer Freundin und deutete auf den Teddybären im Ballettröckchen, »sie tritt in feinem Theaterstück in London auf. Und Joe ist Astronaut, und Rita ist Köchin in der Schulkantine, aber sie dressiert außerdem Elefanten. Was möchtest du sein?«
»Ähm. Eine Prinzessin?«
»Prinzessin ist langweilig. Du kannst ein ... Erzherzog sein. Und ich bin deine Frau, die Erzherzogin. Okay, möchtest du einen Keks, Erzherzog?«
Die Eingangstür öffnete sich, und drei Köpfe hoben sich in freudiger Erwartung. Posie sprang auf. »Ben!«, rief sie und rannte auf ihn zu.
Er trug einen dunklen Anzug, hatte aber die Krawatte gelockert, und in den Händen hielt er eine gewaltige Schachtel in silbernem Geschenkpapier, die so groß war, dass sie ihm beinahe bis ans Kinn reichte. Frische Luft und Sonnenlicht strömten hinter ihm durch die Tür herein sowie der Geruch nach nassem Kies. Seine braunen Haare hatten sich in der Feuchtigkeit gekräuselt. »Herzlichen Glückwunsch, Geburtstagskind!«, rief er. »Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.«
»Ein großes Geschenk!«, stellte Posie zufrieden fest. »Wow!« Sie umarmte ihn, und er zerzauste ihr das Haar.
»Größer als du, kleine Motte. Hey, Rom!« Ben winkte Romily zu, begrüßte Posies Freundin und ging dann zu Claire und küsste sie. »Ich habe mir einen Abstecher zu Hamley’s nicht verkneifen können. War allerdings verdammt schwer, mit dem Ding U-Bahn zu fahren.«
Claire gab ihm noch einen Kuss. »Stell dich nicht so an.«
Posie begann die Schachtel über den Teppich zu ziehen, bis sie bei der Teegesellschaft angekommen war. »Was ist es, was ist es?«
»Verrat ich nicht.«
»Was auch immer es ist«, sagte Romily, »es ist viel zu groß für unsere ... «
»Kann ich es jetzt aufmachen?«, fragte Posie. »Bitte?«
»Warte, ich helfe dir.« Ben hob die Schachtel mühelos hoch und trug sie in die Zimmermitte. »Los, mach schon auf. Es gehört dir.«
»Fantastico!« Posie riss an dem silbernen Papier, ohne sich Mühe zu geben, dass es ganz blieb, wie sie es sonst immer tat. Ihre Freundin gesellte sich zu ihr und betrachtete neugierig die Schachtel. »Oh, es ist ein Schloss!«
»Du hast ihr ein Schloss gekauft«, sagte Romily leise, während Ben Posie half, den Karton zu entfernen, sodass das Puppenhaus-Schloss zum Vorschein kam. Komplett mit Türmchen und Kletterrosen an den aufgemalten grauen Steinmauern.
»Es hat ein Verlies und einen Geheimgang«, erklärte er Posie, die aufquiekte und den Kopf in die Zimmer steckte.
»Das ist kolossal«, sagte sie mit gedämpfter Stimme.
»Freut mich, dass es dir gefällt, kleine Motte.«
»Es ist super-duper!« Posie schoss auf Ben zu, küsste und umarmte ihn wild und küsste und umarmte dann Claire. Anschließend kehrte sie sofort wieder zu ihrem neuen Spielzeug zurück.
»Auftrag erledigt«, sagte Ben. »Ich glaube, die Erwachsenen haben sich ein Bierchen verdient, meint ihr nicht?«
Auf dem Weg in die Küche zog er sein Jackett aus. Claire und Romily folgten ihm.
»Also, danke schön«, sagte Romily, »aber das Ding passt niemals bei uns rein. Es ist praktisch so groß wie unsere Wohnung.«
»Sie kann es hierlassen.« Ben öffnete den Kühlschrank und holte zwei Flaschen Bier heraus. Eine reichte er Romily. »Das macht uns nichts, oder, Claire?«
»Natürlich nicht.«
»Und wenn sie dann herkommt, kann sie damit spielen. Das ist wahrscheinlich sowieso besser. Spielzeug, das Kinder ständig um sich herum haben, wird ihnen bald langweilig.«
Romily hegte so ihre Zweifel, ob dieses besondere Spielzeug für Posie jemals langweilig werden würde, doch sie schwieg und trank ihr Bier. Was sollte sie auch machen? Ben dazu bringen, es zurückzugeben? Er verwöhnte sein Patenkind nun einmal gern.
»Wie fühlst du dich?«, fragte Ben Claire. »Fühlst du dich gut? Fühlst du dich schwanger?«
Claire sah von Ben zu Romily und wieder zurück zu Ben. »Meinst du nicht, wir sollten ... «
»Oh, Romily weiß alles. Ich habe es nicht für mich behalten können.« Er ergriff Claires Hand. »Ich kann es kaum abwarten bis morgen. Dann wissen wir es ganz sicher. Heute Nachmittag habe ich eine Kundin Mrs. Embryo Transfer genannt.«
»Ben!«
»Okay, hab ich nicht. Aber ich war total zerstreut.« Ben strich ihr über den Arm und legte dann eine Hand an ihre Wange. »Was meinst du, sollten wir vielleicht doch lieber jetzt gleich einen Test machen? Bloß, damit wir nicht länger auf die Folter gespannt sind? Fünfzehn Stunden können doch keinen großen Unterschied machen, oder?«
»Ich habe heute Vormittag einen Test gemacht.«
Ben starrte sie an.
»Und du hast mir nichts gesagt? Sind es schlechte Nachrichten? Gute? Hat es sich eingenistet?« Ben stellte die Flasche ab und fiel vor Claire auf die Knie. »Nun sag schon!«
»Tut mir leid, Romily«, sagte Claire über Bens Kopf hinweg. »Er ist ein bisschen theatralisch.«
»Erzähl mir was Neues«, meinte Romily.
»Claire«, sagte Ben, noch immer auf Knien, und seine Stimme klang ernst.
»Es ist nicht aussagekräftig«, erwiderte Claire. »Aufgrund von Hormonrückständen kann das Ergebnis falsch sein. Wir sollten abwarten, bis uns das offizielle Ergebnis von der Klinik vorliegt.«
»Okay. Sollten wir. Hast du aber nicht. Wie lautete also das Testergebnis?«
»Positiv.«
Ben stieß einen Freudenschrei aus und sprang auf.
»Ein richtig starkes positives Ergebnis, Ben«, sagte Claire mit strahlendem Gesicht. »Ich habe heute Vormittag in der Schule zwei Tests gemacht und dann noch einen heute Nachmittag. Sie sind alle gleich ausgefallen.«
»Wir kriegen ein Baby!« Ben hob sie hoch und wirbelte sie herum. Claire lachte. Ihre Füße flogen durch die Luft und verfehlten um ein Haar den Herd.
»Es kann immer noch vieles schiefgehen«, ermahnte sie ihn, doch er bog sie zurück und küsste sie leidenschaftlich, wie der Held in einem Schwarz-Weiß-Film.
Romilys Augen brannten. Sie hätte es sich nicht ansehen müssen, die beiden gemeinsam im Sonnenschein, der durch die Terrassentür hereinströmte. Sie hatte es schon unzählige Male miterlebt. Doch sie sah hin.
»Wie fühlst du dich?«, murmelte er.
»Wunderbar.«
»Du siehst fantastisch aus«, sagte Romily. »Du hast so eine rosige Frische. Das habe ich vorhin schon gedacht.«
Die beiden sahen Romily an, als hätten sie vergessen, dass sie überhaupt da war. Warum auch nicht? »Herzlichen Glückwunsch«, fügte sie hinzu.
Ben stellte Claire wieder auf die Füße und wandte sich an Romily. »Ich werde Daddy!«
»Herzlichen Glückwunsch, Daddy.«
»Bis dahin vergeht noch viel Zeit«, sagte Claire. »Neun Monate. Und der offizielle Test ist erst morgen. Der vielleicht etwas ganz anderes besagt.«
»Wird er nicht. Diesmal wissen wir, dass es ein guter, gesunder Embryo ist. Ein Baby.« Ben breitete die Arme aus, weit genug, um die ganze Küche zu umarmen, die ganze Welt. Claires Freude hatte schön ausgesehen, wie Romily
fand, doch seine war wirklich ansteckend. »Vergesst das Bier. Ich hole Champagner. Du kannst etwas trinken, nicht wahr, Claire? Ein Schlückchen?«
»Besser nicht.«
»Dann trinken Romily und ich ihn eben.«
»Ich muss noch nach Hause fahren.«
»Bleib über Nacht!«
»Ich muss ... ähm ... Posies kleine Freundin nach Hause bringen.«
»Amelia«, warf Claire ein.
»Genau.«
»Dann trinke ich den Nektar von den Lippen meiner Frau«, verkündete Ben und nahm Claire wieder in die Arme.
Diesmal sah Romily ihnen nicht beim Küssen zu. »Ich gebe eben den Mädchen Bescheid, dass sie sich die Hände waschen sollen, weil es gleich Pizza gibt.« Sie glaubte nicht, dass Ben und Claire sie gehört hatten, und als sie nach nebenan ging, hatten die Mädchen die Köpfe vor dem Schloss zusammengesteckt und sahen nicht auf. Romily machte einen Abstecher ins Badezimmer, wo sie feststellen musste, dass ihre schwarzen kurzen Haare alle zur einen Seite wegstanden, und das wahrscheinlich schon, seitdem sie in den Regen geraten war.
Sie frisierte sich so gut wie möglich, wusch sich dann gründlich die Hände und probierte in aller Ruhe Claires Handcreme aus. Obendrein zählte sie, mit wie vielen blauen Kacheln das Waschbecken eingefasst war (achtunddreißig), bevor sie schließlich zu ihrer Tochter zurückkehrte.
Leise schlich sie sich an Posie heran, die Hände ausgestreckt, ihre Tochter mit einer Runde Geburtstagskitzeln zu überraschen.
»Warum gehst du dann in Crossmead zur Schule, wenn du hier draußen wohnst?«, fragte Amelia gerade.
»Ach, ich habe meiner Mum gesagt, dass ich dort zur Schule gehen will.« Posies Stimme klang beiläufig. »Aber ich wohne selbstverständlich hier.«
Romily blieb stehen.
»Wer war denn dann die Frau, die uns von der Schule abgeholt hat?«, fragte Amelia.
»Das ist Romily.«
»Ist sie nicht deine Mum? Meine Mum dachte, dass sie deine Mum ist.«
»Nein, Claire und Ben sind meine Eltern. Sie sind die besten Eltern auf der ganzen Welt.«
Romily räusperte sich laut, und Posie zog den Kopf aus dem Puppenhaus.
»Die Pizza ist fertig«, erklärte Romily den beiden. »Geht euch bitte die Hände waschen.«
»Okay!« Posie trottete zum Badezimmer. Amelia folgte ihr. Sie hatte wieder diesen verwirrten Gesichtsausdruck, wie vorhin, als Romily ihr zum ersten Mal begegnet war.
Romily blieb noch lange neben dem Puppenhaus stehen – ein halbe Ewigkeit, wie ihr schien -, bevor sie sich der Party in der Küche anschloss.
Anschließend, nach den Pommes frites und dem Geburtstagsständchen, nachdem Posie die Augen geschlossen und sich etwas gewünscht hatte, wobei Romily vermutete, erraten zu können, was es war, und nachdem Posie das vergleichsweise enttäuschende Puzzle und die illustrierte Ausgabe von Alice hinter den Spiegeln ausgepackt hatte, nachdem sie Amelia zu Hause abgesetzt hatten, warf Romily ihrer Tochter im Rückspiegel ihres Wagens einen Blick zu und fragte: »Posie? Warum hast du deiner Freundin erzählt, ich wäre nicht deine richtige Mutter?«
»Ach«, sagte Posie, »das war doch bloß im Spiel.« Sie schloss die Augen und lehnte sich in ihrem Sitz zurück, als würde sie gleich einschlafen.
Romily fuhr weiter, durch das künstliche Licht und den Verkehr. Um Gesellschaft zu haben, schaltete sie das Radio ein.
Claire erwachte um fünf vor halb sieben und streckte die Hand aus, um den Wecker auszustellen, bevor er läutete. Dann zog sie den Arm wieder unter die warme Bettdecke. Sie lag in Bens Umarmung geschmiegt, seine Knie an ihren gebeugten Kniekehlen. Sein Atem strich über ihre Haare. Sie merkte, wie er kurz darauf aufwachte und sich seine Hand zu ihrem Bauch vortastete. Seine Finger spreizten sich über ihrem Nachthemd, und Wärme drang dorthin, wo ihr Baby schlief.
»Guten Morgen«, flüsterte er. »Ihr beide.«
Lächelnd schmiegte Claire ihren Rücken an seine Brust. Ihr Körper fühlte sich so lebendig an. »Was steht bei dir heute an?«, fragte sie.
»Ich esse mit den Kahns zu Mittag, und dann führe ich sie auf der Baustelle herum. Und außerdem ist Valentins- tag, also führe ich meine Frau vielleicht abends zum Essen aus, wenn sie möchte.«
»Ich möchte. Ich muss heute Vormittag in die Schule und ein paar Aufsätze korrigieren.«
»In den Ferien? Du solltest faul im Bett liegen. Es ist die einzige Zeit in deinem Leben, in der du eine Ausrede hast.«
»Und heute Nachmittag findet Laceys Babyparty statt.« Er umfasste sie enger. »Als Nächstes bist du dran.«
»Meine Mutter hält nicht viel davon. Sie meint, es sei eine amerikanische Unsitte.«
»Deine Mutter muss nichts davon erfahren.« Er küsste ihren Nacken. »Ich liebe dich. Ich finde dich unglaublich.«
»Ich liebe dich auch.« Sie drehte sich in seinen Armen um und ließ beide Hände an seiner Brust emporgleiten. Selbst nach etlichen Ehejahren staunte sie immer noch über seine Größe, seine Kraft. Wie er es schaffte, dass sie sich sicher und geliebt fühlte. Er zog sie näher zu sich.
»Wir sollten wohl etwas tun, damit es sich nicht so anfühlt, als sei dieses Baby in einem Reagenzglas gezeugt worden«, murmelte er. Er küsste sie und wich dann ein Stück zurück. »Claire?«
»Ich will dem Baby nichts antun.«
»Dr. Wilson hat gesagt, es ist in Ordnung, solange wir vorsichtig sind.«
»Ich glaube nicht, dass ich mich entspannen könnte.«
Er runzelte nicht die Stirn oder drehte sich weg, nichts dergleichen, er hielt sie nur weiterhin im Arm, doch sie sagte rasch: »Ich weiß, dass es lange her ist, seitdem wir ein normales Sexleben hatten, seitdem wir miteinander geschlafen haben, wann immer wir wollten. Ich vermisse es auch. Aber nur noch ein bisschen länger, Ben.«
»Ja. Lieber vorsichtig sein.« Er küsste sie auf die Stirn, stieg dann aus dem Bett und zog seinen Morgenmantel an. »Lass uns noch einmal die Ärztin fragen, wenn wir das nächste Mal bei ihr sind.«
»Ich bin mir sicher, dass es ganz bald in Ordnung sein wird.«
»Na ja,Vorfreude ist bekanntlich luststeigernd. Bleib liegen, ich hole dir heißes Wasser mit Zitrone.«
»Danke«, sagte Claire. Er verließ das Schlafzimmer, und sie legte sich zurück in die Kissen.
»Hast du Kinder?«
Claire rutschte ein wenig auf Laceys Sofa vor, um sich der Frau zuzuwenden, die sie angesprochen hatte. Die meisten der anwesenden Frauen kannte sie nicht. Zwei waren Kolleginnen aus der Schule – Lacey hatte erst letztes Jahr angefangen, Erdkunde zu unterrichten, ironischerweise als Vertretung für eine andere Lehrerin im Mutterschutz, aber die anderen stammten aus Laceys Freundeskreis oder gehörten zur Familie. Die Gäste saßen nach ihren Sternzeichen im Raum verteilt. Es sollte ihnen helfen, das Eis zu brechen und sich kennenzulernen.
»Nein«, antwortete Claire und zwang sich zu einem wohlwollenden Lächeln, wie sie es immer tat, wenn diese Frage von jemandem gestellt wurde, der nicht Bescheid wusste. Heute fiel es ihr viel leichter.
»Kein Wunder, dass deine Haut so toll ist! Du kriegst genug Schlaf.« Die Frau beugte sich vor. Sie hatte geglättete Haare und dunkle Augenringe. »Und – gehst du in Restaurants essen?«
»Gelegentlich.«
Die Frau stieß einen tiefen Seufzer aus. »Oh, ich träume von Restaurants! Welche mit richtigem Besteck. Und Speisekarten, die nicht dafür da sind, von Kindern ausgemalt zu werden.«
»Ich freu mich schon über einen Teller Pommes im Spieleparadies«, fügte die Frau auf Claires anderer Seite hinzu.
»Ich weiß!«, sagte die erste. »Wisst ihr, wie Paul und ich unseren Hochzeitstag gefeiert haben? Mit zwei Kugeln Häagen-Dazs im Kino bei einem Disney-Film.«
»Unseren habe ich vergessen!«, rief eine andere Frau quer durch den Raum. »Harry und Abby hatten beide Windpocken. Es ist mir zwei Tage später eingefallen, und dann war es auch schon egal.«
»Schenkt dein Mann dir Blumen?«, fragte die erste Frau Claire.
»Ahm ... manchmal.« Als sie heute Morgen nach unten gegangen war, hatte ein Strauß auf dem Tisch gestanden.
»Ich habe letztes Jahr Blumen zum Valentins tag bekommen!«, sagte die zweite Frau. »Ellie hat versucht, sie aufzuessen. Wir mussten in die Notaufnahme. Dieses Jahr gab es keine Blumen.«
»Waren sie giftig?«
»Wir haben uns vor allem wegen dem Cellophan Sorgen gemacht. Sie hat drei Tage lang nicht groß gemacht. Ich hatte eine Heidenangst.«
»Einmal hat Alfie zwei Wochen lang nicht Groß gemacht. Ich hatte genug Pflaumenmus in ihn hineingeschaufelt, dass es für ein Pferd gereicht hätte.«
»Das hast du alles noch vor dir«, sagte die erste Frau zu Lacey. Lacey saß in einem geblümten Sessel in dem sonnigen, überfüllten Wohnzimmer ihrer Wohnung, die Hände über ihrem gewölbten Bauch verschränkt. Sie lächelte, als könne sie sich nichts Schöneres vorstellen, als einem Baby Pflaumenmus in den Mund zu schaufeln.
Und Claire konnte es ihr nur zu gut nachfühlen.
»Wein?« Laceys Mutter, eine nette Dame mit sehr roten Haaren, machte die Runde mit einer Flasche Pinot Grigio. Kopfschüttelnd hielt Claire ihr Glas hoch, das bereits mit Mineralwasser gefüllt war. »Sie haben einen so schönen Kuchen gebacken«, sagte Laceys Mutter. »Einfach köstlich! Nehmen Sie denn gar nichts davon?«
»Nein danke. Ich esse eigentlich keinen Kuchen.«
»Verträgst du kein Gluten?«, fragte die erste Frau. »Kein Wunder, dass du so schlank bist. Ich nehme schon zu, wenn ich bloß eine Scheibe Brot anschaue.«
»Ich versuche nur, mich gesund zu ernähren«, sagte Claire. »Aber ich backe eben wahnsinnig gern.«
»Wie soll das Baby heißen?«, wollte jemand von Lacey wissen.
»Wir nennen ihn Billy.«
Die Runde seufzte anerkennend.
»Ich mag einfache Namen«, sagte die erste Frau. »Es gibt zu viele Modenamen. Ein Mädchen in Alfies Kindergarten heißt Fairybelle.«
Die Frauen stürzten sich in eine Debatte über die Namen ihrer Kinder – wie sie beinahe geheißen hätten, wie sie Gott sei Dank nicht hießen, wie sie geheißen hätten, wenn sie ein Junge beziehungsweise ein Mädchen geworden wären. Die Frau, deren Tochter das Cellophan von den Blumen gegessen hatte, stand auf und ging auf die Toilette. Da setzte sich Georgette, die andere Kollegin von der St. Dominick’s School, auf den frei gewordenen Platz neben Claire.
»Tut mir leid«, murmelte sie. »Es geht natürlich nur um Babys.«
»Ist schon in Ordnung. Daran bin ich gewöhnt. Außerdem ist es Laceys Tag. Sie sieht fabelhaft aus, nicht?«
Sie sahen beide Lacey an. Eigentlich war sie die Art Mensch, die nicht viel Aufmerksamkeit auf sich zog: eine gute Lehrerin, die in ihrer Freizeit wandern und zelten ging.
Sie sah in der Tat fabelhaft aus.
»Trotzdem«, sagte Georgette. »Ich finde, die Leute könnten ein bisschen sensibler sein. Nicht jeder will die ganze Zeit über Babys reden.«
Georgette hatte zwei Kinder. Claire erinnerte sich noch an die Geburt des zweiten Kindes. Es war etwa zu der Zeit, als Claire selbst gerade beim dritten Versuch einer künstlichen Befruchtung war, dem letzten, bei dem der National Health Service die Kosten übernahm, bevor sie sich privat behandeln ließen. Claire hatte eine Einladung zur Taufe erhalten, doch darin befand sich eine kleine handgeschriebene Notiz: Ich kann es verstehen, wenn du das Baby-Großaufgebot lieber meidest.
Sie war nicht zu der Taufe gegangen – nicht, um das Großaufgebot an Babys zu meiden, sondern das Verständnis der anderen.
Die anwesenden Frauen beklagten sich über ihr Leben, doch unter der Oberfläche waren sie glücklich. Claire konnte es riechen, mit der Nase einer Außenstehenden. Sie verströmten warme Zufriedenheit wie einen Hefeduft. Ihr war aufgefallen, dass es immer das Gleiche war, wenn Frauen mit kleinen Kindern zusammentrafen. Das Gespräch drehte sich um die Opfer, die sie brachten, um Katastrophen, Missgeschicke und eingebildete Sorgen, aber der Sinn des Ganzen war nicht, Informationen auszutauschen. Es ging bloß um das Wir-Gefühl, das Gefühl, dazuzugehören.
Und wenn Claire ehrlich war, hätte sie alles darum gegeben, wie die Frauen in diesem Zimmer zu sein. Sie war es leid, jedes Mal einen stechenden Schmerz zu verspüren, wenn sie an einem Spielplatz vorbeikam. Jene zehrende Sehnsucht an Weihnachten. Sie war es leid, sich wie eine Versagerin zu fühlen, pünktlich einmal im Monat.
Doch das bedeutete nicht, dass sie darüber sprechen oder bemitleidet werden wollte.
Und jetzt war das auch gar nicht mehr nötig.
»Ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Mir geht es wirklich ganz hervorragend.«
Georgette riss die Augen auf. »O mein Gott, ist etwas passiert? Bist du ...?«
»Ich glaube, Lacey macht ihre Geschenke auf«, sagte Claire, und Georgette richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Gastgeberin.
Claire dachte an die warmen Momente am Morgen im Bett zurück, bevor Ben aufgewacht war und sie sich vorgestellt hatte, wie ein Baby mit bei ihnen kuschelte. Sie konnte sich Bens Gesichtsausdruck ausmalen, wenn er ihr dabei zusah, wie sie ihr Kind stillte. Warm und süß. Das würde den kurzfristigen Einbruch in ihrem Sexleben garantiert wieder wettmachen. Oder eher die zahlreichen Einbrüche im Laufe der Jahre, seitdem sie Sex nicht mehr als etwas sahen, das Spaß machte, sondern als etwas, das Babys produzieren sollte, es aber nicht tat.
Sie hatten vor langer Zeit über Namen gesprochen, als sie noch dachten, dass es leicht sein würde, Kinder zu bekommen. Damals, als sie noch aktiv versucht hatten, keine Kinder zu bekommen – sie hatte angefangen, die Pille zu nehmen, bevor sie miteinander schliefen, und zuerst hatte sie von ihm verlangt, zusätzlich auch noch ein Kondom zu benutzen. Ben hatte es »doppelt gemoppelt« genannt. Sie hatten zusammen in seinem schmalen Studentenbett gelegen oder später in ihrem ersten richtigen Doppelbett als Ehepaar und planten ihre Familie. Zuerst ein Junge namens Oliver. Ein Mädchen namens Sophie. Oder vielleicht ein Mädchen namens Olivia und ein Junge namens Sid. Die Namen hatten damals so frisch und doch traditionell geklungen. Nach all den Jahren waren sie mittlerweile zu beliebt geworden.
Jetzt hatten sie schon eine Zeit lang nicht mehr über Namen gesprochen. Es war ein so harmloses Vergnügen gewesen, doch inzwischen hatten sie das Gefühl, sie forderten das Schicksal damit heraus. Demnächst würden sie wieder darüber sprechen müssen. Sie würde gern den Namen ihres Vaters nehmen, Mark, falls es ein Junge war. Oder Lucille, falls es ein Mädchen war, nach Bens Großmutter. Altmodische Namen mit einem Bezug zur Familie.
Oder vielleicht etwas völlig Schräges wie Fairybelle. Tommeliese. Bathseba. Excalibur für einen Jungen. Excalibur Hercules Lawrence.
Claire lächelte. Vielleicht war es sogar ungefährlich, darüber zu scherzen.
»Oh, wie süß!«, rief Lacey, die eine Packung Strampelanzüge auspackte. Ihre Mutter gurrte zufrieden und reichte einen Teller mit Keksen herum. Claire spürte ein Zwicken im Unterleib, in der Nähe ihrer Blase. Zu viel Mineralwasser.
»Was hast du ihr geschenkt?«, flüsterte Georgette.
»Ein Fotoalbum. Entschuldige bitte.« Sie stand auf und schlüpfte aus dem Zimmer.
Das Bad grenzte an das Schlafzimmer. Neben dem Bett war bereits eine Wiege aufgebaut und mit kuscheligen blauen Decken ausgelegt. Von der Decke hing ein Mobile aus orangefarbenen Fischen. Es hing sehr tief, damit das Baby es gut sah. Bei Claires Eintreten bewegte das Mobile sich leicht in dem Luftzug.
Aus dem Zwicken wurde ein Ziehen und dann ein Schmerz. Sie legte die Hand tief unten, wo es wehtat, auf den Bauch. Ihr war geraten worden, nicht in Panik zu verfallen, wenn sie ab und zu ein Zwicken oder Ziehen spürte. In ihrem Körper ging so einiges vor sich, doch alles war am rechten Platz. Ihr Baby hatte sich sicher in ihr eingenistet, wurde von ihrem Blut genährt und schwamm in Flüssigkeit. Claire atmete tief und gleichmäßig, wie sie es in ihrem Fruchtbarkeitsyoga-Kurs gelernt hatte, und beobachtete die Spielzeugfische bei ihrem Tanz.
Der Schmerz wurde immer stechender. Er bohrte sich tiefer, bis zu ihrem Kreuz. Claire entfuhr mitten beim Ausatmen ein Ächzen, und sie legte jetzt beide Hände auf den Bauch.
Sie schaffte es gerade noch ins Badezimmer, bevor die Blutung einsetzte.
Claire saß da und starrte auf den pinkfarbenen Duschvorhang, aber nicht allzu lange. Nicht so lange, dass es den anderen auffallen würde. Dann wurde sie rasch aktiv. Sie fand Laceys Bindenvorrat unter dem Waschbecken und nahm sich zwei. Claire glaubte nicht, dass es Lacey etwas ausmachen würde. Sie trug eine über der anderen. Dann betätigte sie zweimal die Klospülung, wusch sich die Hände und fasste sich mit den nassen Fingern an die Schläfen. Mehr nicht, sonst würde sie ihr Make-up ruinieren. Auf dem Weg durch das Schlafzimmer hielt sie den Blick von der Wiege und dem Mobile abgewandt. Sie hob in der Diele ihre Handtasche vom Boden auf, wo sie sie hatte liegen lassen, und betrat dann nach kurzem Zögern die Küche. Laceys Mutter war dort ganz allein und öffnete gerade eine weitere Flasche Wein.
»Es tut mir wirklich leid, aber ich muss los«, sagte Claire. Ihre Stimme klang in ihren Ohren zu laut, gekünstelt. »Ich möchte Lacey nicht beim Geschenkeauspacken stören. Können Sie sie einfach von mir grüßen?«
Laceys Mutter warf ihr einen besorgten Blick zu. »Ist alles in Ordnung, meine Liebe?«
»O ja, alles bestens. Ben hat eben angerufen. Er hat seinen Autoschlüssel verloren, also muss ich ihn mit dem Auto abholen.«
»Ach, wie unangenehm! Es wird Lacey bestimmt leidtun, dass Sie früher wegmussten. Möchten Sie etwas von dem Essen mit nach Hause nehmen?«
»Nein, nein, danke.« Aus dem Wohnzimmer hörte man, wie die Frauen den neuesten ausgepackten Babyartikel bejubelten. Winzige Anziehsachen, winziges Spielzeug. Alles so weich, so rein.
»Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht? Sie sehen recht blass aus. Georgette hat mir erzählt, dass Sie schwanger sind.«
»Das muss Georgette irgendwie missverstanden haben.« Claire zwang sich zu einem Lachen. »Nein, es tut mir nur leid, dass ich von der Party wegmuss. Danke, dass Sie mich bei Lacey entschuldigen.«
Sie floh zu ihrem Auto. Die frische Luft brannte in ihren Augen. Abgesehen davon spürte sie nichts.
Claire fuhr geradewegs auf die M4. Sie schaltete das Radio aus und lauschte den Geräuschen des Autos. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, doch die Baustelle der Kahns war in ihrem Navi abgespeichert, und das Fahren übernahm ihr Körper ganz mechanisch. Wenigstens dazu war er gut. Sie fuhr am richtigen Autobahnkreuz von der Autobahn und folgte den Landstraßen zwischen Hecken und um Kurven, indem sie den Anweisungen der ruhigen, unpersönlichen elektronischen Stimme folgte.
Das Grundstück der Kahns befand sich im benachbarten County Oxfordshire. Sie bog in den unbefestigten Weg ein. Der Wagen ruckelte über Furchen und Schlaglöcher, und Claire fragte sich, wo sich die nächste Drogerie befand. Sie brauchte mehr Binden.
Das Haus war bislang noch ein bloßes Gerippe aus Metallträgern. Ben trug Warnweste und Helm und zeigte Mr. und Mrs. Kahn und ihrem ältesten Sohn, die alle ebenfalls Schutzkleidung trugen, etwas auf seinem iPad. Sie lächelten und sahen zufrieden mit dem neuen Zuhause aus, das Ben ihnen entworfen hatte. Auf dem nächsten Feld entdeckte Claire die anderen drei Kinder der Kahns beim Fußballspielen.
Ben bemerkte ihr Auto und kam herüber, nachdem er sich bei den Kahns entschuldigt hatte. Er öffnete die Tür, und sein Lächeln verflog.
»Was ist los?«
»Ich glaube, du musst mich nach Hause fahren.« Sie stockte.
»Claire? Was ist denn los? Warum hast du nicht angerufen?«
»Ich musste dich sehen.«
Hergefunden hatte sie zwar, aber sie glaubte nicht, aus dem Wagen aussteigen zu können. Hier drinnen war es sicherer. Irgendwie glitt sie vom Fahrer- auf den Beifahrersitz, hievte sich über den Schalthebel und ihre Handtasche. In der Ferne erklang Gelächter auf dem Feld.
Ben stieg ein und legte ihr seine kühle Hand auf die Stirn.
»Du bist kreidebleich.«
»Es tut mir so leid«, flüsterte sie. Sie schloss die Augen und rollte sich wie ein Kind auf dem Sitz zusammen.
Sie spürte, wie Ben gegen drei Uhr morgens einnickte. Eine Zeit lang lag sie da und dachte nach, bis die Kreuzschmerzen es ihr unmöglich machten stillzuhalten. Da schlüpfte sie aus seinen Armen, stand auf und nahm ein Schmerzmittel ein. Aufpassen brauchte sie jetzt nicht mehr.
Unten machte sie sich eine starke Tasse Tee mit Milch und Zucker. Sie öffnete ihren Laptop auf dem Küchentisch und fuhr ihn hoch. Es war besser, beschäftigt zu sein, oder wenigstens ihre Hände zu beschäftigen.
Dort saß sie, den Blick auf den Computer gerichtet, als Ben um kurz nach sechs nach unten kam, wobei er sich das Gesicht rieb. Seine Augen waren verquollen, das T-Shirt und die Pyjamahose, in denen er geschlafen hatte, waren zerknittert. »Wie geht es dir?«, fragte er.
»Ich habe Ibuprofen eingeworfen.« Sie klickte eine neue Zelle in der Tabelle an und gab sorgfältig Schokoladenfondant ein.
»Ich bin froh, dass du was genommen hast. Du hast ein bisschen mehr Farbe.« Er legte die Arme von hinten um sie, während sie dasaß. »Soll ich uns Frühstück machen? Du hast gestern nichts gegessen, als wir aus dem Krankenhaus gekommen sind.«
»Okay.«
Er blickte über ihren Kopf hinweg auf den Bildschirm. »Was machst du da? Du bist doch nicht am Korrigieren, oder?«
»Ich korrigiere nicht.« Sie tippte Vanille, sah dann im Kalender nach, löschte es und tippte stattdessen Victoria. Sie vermied es, ihn anzusehen, nicht seinen zerknitterten Schlafanzug und nicht den Kummer in seinem Gesicht. Sie konnte es sich nicht leisten, ihre Meinung zu ändern.
»Was machst du dann?«
»Ich habe eine Tabelle für Kuchen erstellt«, sagte sie.
»Was?«
»Weißt du, wie viele Kuchen ich im Laufe der letzten sechs Jahre gebacken habe? Rate mal. Nicht gucken!« Sie hielt eine Hand vor den Bildschirm.
»Ich habe keine Ahnung.«
»Nur so über den Daumen. Ich habe Kuchen für all unsere Geburtstage gebacken, für Posie, für deinen Dad, an Weihnachten. Kuchen für Wohltätigkeitsbasare in St. Dominick’s und für meine Klasse. Dorffeste. Dann waren da die vielen Kaffeekränzchen für die Kinderwunsch-Selbsthilfegruppe. Und die Kuchen, die ich zu Essenseinladungen mitgebracht habe. Also – rate, wie viele.«
»Schatz, ich weiß, dass du Ablenkung brauchst. Aber du solltest dich ausruhen.«
»Ich habe sechsundachtzig Kuchen gezählt. Wobei ich eine Ladung Cupcakes als einen Kuchen gerechnet habe, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das so okay ist. Und normalerweise mache ich vier Zitronenkuchen auf einmal und friere welche ein, weil die Kinderwunsch-Frauen ständig danach fragen. Das habe ich auch als einen Kuchen gezählt.«
»Okay«, sagte Ben. »Du bist im Bereich des Kuchenbackens sehr produktiv gewesen. Du kannst das eben sehr gut.«
»Weißt du, wie viele ich gegessen habe? Natürlich nicht den ganzen Kuchen. Ich meine ein Stück davon.«
»Ich weiß es nicht.«
»Keins.« Sie deutete mit dem Finger auf einen Tabelleneintrag. »Erinnerst du dich noch an die Mokka-Walnuss-Torte mit der Espressoganache, die ich dir zum Geburtstag gebacken habe? Darauf hätte ich echt Lust gehabt.«
»Du hast sechsundachtzig Kuchen gebacken und nicht ein Stück davon gegessen?«
»Ich habe noch nicht einmal den Löffel abgeleckt.«
Daraufhin schwieg Ben.
»Aber«, sagte Claire, »darüber muss ich mir jetzt nicht mehr den Kopf zerbrechen. Ich habe entschieden, Ben. Es ist Schluss.«
»Schluss womit?« Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, weil er hinter ihr stand. Doch sie kannte ihn. Seine Hände verrieten ihr seinen Gesichtsausdruck.
»Hiermit«, sagte sie. »Mit alldem hier. Den Diäten, um den optimalen Fruchtbarkeits-BMI zu halten, den Hormonen, den Injektionen. Das Absenken und Stimulieren des Hormonspiegels. Auf Stäbchen Pinkeln. Meine Eizellen entfernt, in einem Reagenzglas befruchtet und wieder in mich eingepflanzt zu bekommen.«
»Das meinst du nicht so«, sagte Ben. »Du bist deprimiert, weil es diesmal nicht geklappt hat. Aber das nächste Mal wird es klappen, Claire.«
»Ich meine es sehr wohl so.« Sie klappte ihren Laptop zu.
Ben trat zurück. Dann zog er einen Stuhl hervor und setzte sich, ganz nahe, blickte sie an. Sie nahm ihren Mut zusammen und sah ihm ins Gesicht.
»Du musstest nicht tun, was ich tun musste«, sagte sie.
»Du musstest bloß in einen Becher ejakulieren.«
»Ich habe all das mit durchgemacht«, sagte er leise.
»Du bist nicht gerade damit beschäftigt, unser Kind auszubluten«, sagte Claire. Ben zuckte zusammen.
»Du bist ungerecht«, sagte er.
»Mir ist gerade nicht sonderlich nach Gerechtsein zumute. Nichts daran ist gerecht. Ich war gestern auf einer Babyparty, als das mit der Fehlgeburt losging.« Sie schüttelte den Kopf. »Und auf Babypartys gehe ich auch nicht mehr. Warum sollte ich mir das antun?«
»Das verstehe ich sehr gut. Aber wir dürfen nicht aufgeben. Uns bleiben immer noch viele Chancen, und wir sollten nicht überstürzt Entscheidungen treffen, solange wir gefühlsmäßig total durcheinander sind.« Er ergriff ihre Hand. »Vielleicht brauchen wir Urlaub.«
»Das hier lässt sich nicht mit einem Urlaub wieder einrenken. Wir können uns sowieso keinen leisten. Wir haben schon genug Schulden wegen der künstlichen Befruchtungen.«
»Lass das meine Sorge sein.«
»Ich habe versagt. Daran lässt sich nichts ändern.«
Er drückte ihre Hand. »Du hast nicht versagt, Claire.«
»Es ist meine Schuld, dass wir keine Kinder haben können.«
»Es ist nicht deine Schuld.«
»Es sind meine Eizellen. Keine taugt was. Du hast die Ärzte doch gehört. Wir haben mittlerweile zehn künstliche Befruchtungen versucht.« Sie hielt beide Hände empor, die Finger gespreizt. »Und dies war das erste von zehn Malen, dass wir ein positives Ergebnis hatten. Ich bin mit diesen Eizellen auf die Welt gekommen. Ich habe sie nicht kaputt gemacht. Sie sind einfach defekt. Ich bin schon das ganze Leben lang defekt.«
»Red nicht so«, sagte er. »Du bist perfekt.«
»Ich habe abgenommen. Dann habe ich zu viel abgenommen, also musste ich wieder zunehmen, und dann habe ich zu viel zugenommen, also musste ich wieder abnehmen. Ich habe Vitamine geschluckt und meditiert und eine ganze Bibliothek voller Bücher gelesen. All meine Gedanken in den letzten sechs Jahren galten der Fruchtbarkeit. Ich bin es leid, Ben. Ich kann nicht mehr. Wenn es nicht sein soll, dass wir Kinder haben, dann soll es eben nicht sein. Wir können es genauso gut akzeptieren.«
Sie erhob sich und stellte noch einmal den Wasserkocher an.
»Ich habe nicht so viel gelitten wie du, okay«, sagte Ben. »Aber das hier ist nicht ungewöhnlich. Bei der künstlichen Befruchtung gibt es nur eine Erfolgsquote von etwa dreißig Prozent. Das haben wir von Anfang an gewusst.«
»Das reicht mir nicht. Nicht mehr.«
Ben stand auf. »Ich weiß, dass du dich quälst. Aber wenn wir aufgeben, dann haben wir das Ganze umsonst durchgemacht.«
»Findest du nicht, dass es an der Zeit ist, es gut sein zu lassen und nicht noch mehr zu investieren?«
»Machen wir eine Pause und lassen es uns noch einmal durch den Kopf gehen.«
»Ich hätte es nicht lieben dürfen«, sagte sie. »Ich wusste, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass es nicht bei mir bleiben, dass es nicht unser Kind werden würde. Ich wusste, dass es nur ein Zellhaufen war. Aber ich habe es da drinnen spüren können, in mir. Ich dachte, es würde wachsen. Ich habe immer wieder meinen Bauch berührt, es war wie ein kleines Geheimnis. Ich habe es geliebt. Ich konnte nicht anders.«
Er versuchte sie zu umarmen, doch sie wich ihm aus.
»Schon gut, Ben. Ich muss es mir nicht noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Ich werde es mir nicht anders überlegen. Ich habe es heute Morgen beschlossen, während du noch geschlafen hast, und sobald der Beschluss gefasst war, dass ich aufhören würde, habe ich mich besser gefühlt, viel besser. Ich bin traurig, weil es nicht geklappt hat. Aber ich fühle mich jetzt frei. Ich komme mir vor, als wäre eine große Last von meinen Schultern genommen.«
»Aber ... all unsere Pläne.«
»Unsere Pläne sind eine Qual für mich. Ich habe so lange nur ans Kinderkriegen gedacht. Und das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist die Hoffnung. Bei jedem Versuch habe ich gehofft, diesmal würde es klappen, diesmal würde es passieren. Und dann – nichts.«
»Mir geht es auch so.«
»Dann wirst du meine Entscheidung respektieren.«
»Wir waren so dicht dran.«
»Und das macht es noch schlimmer.« Auf der Suche nach dem Zucker kniete sie sich vor den Küchenschrank. Sie spürte Ben hinter sich: seine Überraschung, seine Bestürzung.
Eine Zeit lang schwieg er. »Claire«, sagte er schließlich. Seine Stimme klang gequält. »Bitte.«
Sie schloss die Augen, immer noch auf Knien. Ihn ansehen oder zu ihm gehen konnte sie nicht. Nicht jetzt. Sie würde nur schwach werden, sie wäre schuld an ihrem eigenen Versagen.
»Ich weiß, dass ich dich hängen lasse«, sagte sie. »Aber es ist besser, es jetzt zu entscheiden, als dich immer weiter zu enttäuschen. Und es ist mein Körper, Ben. Es tut mir leid.« Sie holte den Zucker heraus.
»Warum willst du mich nicht ansehen?«, fragte er. »Was tust du da überhaupt?«
»Ich mache eine Mokka-Walnuss-Torte mit Espressoganache.«
Er ging aus dem Zimmer, und Claire stand auf. Sie begann, den Zucker abzuwiegen, Gramm für Gramm.
Das Rose and Thistle war an dem Abend wegen des Quiz zugunsten der Berkshire Air Ambulance gut besucht. Romily winkte ein paar Stammgästen zu, ließ achtlos ihre Cordjacke an ihrem üblichen Tisch neben dem Kamin zurück und ging an die Bar.
»Normalerweise ist er vor dir da«, sagte Liz, die Wirtin. Romily hegte den Verdacht, dass sie ein bisschen verknallt war. Dies war Bens Stammkneipe: niedrige Räume, Reetdach, wo man hinsah Hufeisen und getrockneter Hopfen. Wenn Romily etwas trinken und nicht Auto fahren wollte, waren es eine Busfahrt oder eine halbe Meile zu Fuß.
»Ich schenk ihm sein Pint trotzdem schon ein«, fuhr Liz fort. Sie begann, zwei Pints Tanglefoot zu zapfen.
»Du kannst dich unserem Team anschließen«, sagte einer der Stammgäste, Glenn, der zu Romily an die Bar trat. Er trug eine Barbourjacke und Cordhose. Ein Wochenend-Landjunker.
»Danke, aber wenn er nicht kommt, probiere ich es allein.«
»Du schaffst niemals die Runde mit dem Tagesgeschehen.«
»Vielleicht schaue ich ja Nachrichten. Und zwar ständig.«
Glenn schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich habe dich an den Quiz-Abenden beobachtet. Ich kenne deine Schwächen.«
»Jetzt machst du mir aber Angst.«
»Wer ist Premierminister?«
»Das ist leicht. Barack Obama.«
»Du wirst so was von verlieren, meine Liebe.«
»Wollen wir wetten?«
Glenn zögerte.
»Hab ich’s mir doch gedacht«, sagte Romily.
