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Kritik an der eigenen Religion und ihren führenden Protagonisten ist untrennbar mit der Geschichte des Islams verbunden. Ebenso aber auch ihre vehemente Zurückweisung, Eindämmung und schließlich völlige Unterdrückung durch konservative und reaktionäre Kräfte. Mit dem Scheitern sowohl des arabischen Nationalismus wie auch des politischen Islams hat sich spätestens seit dem Arabischen Frühling eine neue innerislamische Islam- und Religionskritik herausgebildet. Ralph Ghadban erläutert ihre Wurzeln, nennt ihre Protagonisten und erklärt ihre Themen. Und er zeigt, warum es gerade für uns im Westen äußerst wichtig ist, diese Stimmen wahrzunehmen.
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Seitenzahl: 455
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ralph Ghadban
Allahs mutige Kritiker
Die unterdrückte Wahrheit über den Islam
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2021
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Satz: ZeroSoft, Timisoara
ePub Konvertierung: ZeroSoft, Timisoara
Umschlaggestaltung: Verlag Herder
Umschlagmotiv: © Nikola Vukojevic / iStock / Getty Images
ISBN E-Book (ePub) 978-3-451-81871-4
ISBN E-Book (E-PDF) 978-3-451-82331-2
ISBN Print 978-3-451-38591-9
Einleitung
1. Religionskritik und christliche Theologie
Die Religionskritik
Die christliche Theologie
Trennung von den Juden
Die Bekämpfung der Gnosis
Die Entstehung der Orthodoxie
Der theologische Übergang zum Islam
Die Bewährungstheologie
Der Arianismus
Die Monophysiten
Der Abrahamismus
Die Judenchristen
Zusammenfassung
2. Geschichte und Heilsgeschichte
Die Geschichte
Die zweifelhafte Geschichte
Das unsichtbare Mekka
Der Hedschas – der falsche Ort?
Der Koran
Misstrauen in der Gelehrsamkeit
Die Heilsgeschichte
Alte und neue Forschung
Die Wirren des 7. Jahrhunderts
Die Araber
Die Apokalyptik
Die Invasion der Araber
Religion oder Politik?
Zusammenfassung
3. Die islamische Theologie
Die Koranforschung
Die fehlende Tradition
Die politische Religion
Keine theologische Reflexion
Der Kalif als Stellvertreter Gottes
Der Kampf um die Macht
Die letzte Konfrontation unter Christen
Eine neue Religion: der Islam
Die islamische Theologie
Freier Wille und Prädestination
Die Theologie der Mu‘taziliten
Zusammenfassung
4. Ahl al-sunna – Die Verdrängung der autonomen Vernunft
Der fiqh – Das islamische Recht
Hadith und Sunna
Die Rechtsschulen
Die Islamisierung
Sakral und profan
Die Vertreibung der Vernunft
Die Orthodoxie
Rückschritt anstatt Fortschritt
Die Hoffnung: Al-firqa al-nâdjiya
Das Paradies – Die Kufr-Frage
Mehrheitsislam anstatt Orthodoxie
Zusammenfassung
5. Die Religionskritik in der Moderne
Die Rückkehr der autonomen Vernunft
Die Religionskritik der Nahda
Die Religionskritik im Nationalstaat
Die Kritik an der Sunna
Die Koranisten
Der Verzicht auf die Sunna
Zusammenfassung
6. Die Religionskritik unter dem Islamismus
Die Spaltung der Nahda
Die Nahda und die Salafisten
Die Reaktion der ahl al-sunna
Der indische Subkontinent
Der Wahhabismus
Die Frage der Orthodoxie
Der Aufstieg des politischen Islam
Der Kampf um den Nationalstaat
Die liberale Religionskritik
Zusammenfassung
7. Die neue Religionskritik
Der Arabische Frühling
1. Die Offenbarung
2. Der Koran
3. Das Paradies
4. Muhammad
5. Die Sahaba
6. Die Sunna
7. Die Orthodoxie
8. Die Institutionen
9. Die Menschenrechte
10. Ijtihâd und ta’wîl
11. Die Reform
12. Die Nichtmuslime
13. Die Geschlechter
14. Politik
15. Die Religion
16. Zivilisation
17. Die Gewalt
18. Vom Zweifel zur Apostasie
8. Eine Religion ohne Politik
Paradigmenwechsel
Das Dilemma der Tradition
Die neue Religionskritik
Eine neue Theologie
Der Abschied
Anhang
Bibliografie
Videografie
YouTube-Autoren
Glossar
Anmerkungen
Vita
Die Wahrnehmung des Islam durch die westliche Öffentlichkeit und Politik fand spät statt und war einseitig. Die islamische Welt war weit weg und spielte im westlichen Alltag keine Rolle. Selbst nach Beginn der modernen Migration nahm man die Muslime als Angehörige einer anderen Religion nicht wahr. Bis heute hat der Islam keine volle institutionelle Anerkennung erfahren. Am Anfang ging man wie selbstverständlich davon aus, dass die Muslime, wenn sie überhaupt im Westen blieben, sich automatisch in unserem freiheitlich-demokratischen System integrieren und die Trennung von Religion und Politik hinnehmen würden. Mit der Verbreitung des Islamismus änderte sich die Situation. Das geschah in Deutschland nach dem Sieg der Islamischen Revolution 1979 in Iran. Der Islam wurde im folgenden Jahrzehnt in der Öffentlichkeit sichtbar, immer mehr bevölkerten die kopftuchtragenden Frauen und die Männer mit gestutzten Bärten nach dem Vorbild des Propheten Muhammad die Straßen. Endlich nahm die Öffentlichkeit den Islam wahr, allerdings eine bestimmte Form, den politischen Islam, auch als Islamismus bekannt. Diese einseitige Wahrnehmung wird auch dadurch bestärkt, dass die Islamisten den organisierten Islam und den institutionellen Islam der fiqh-Räte im Westen beherrschen und sich als alleinige Ansprechpartner der Regierungen anbieten. Was sich tatsächlich in der islamischen Welt auf religiöser Ebene abspielt, bleibt, außer von einigen Fachleuten, gänzlich unbemerkt. Insbesondere die von Muslimen ausgeübte Religionskritik des Islam, die nach dem Arabischen Frühling 2011 ein riesiges Ausmaß erreicht hat, wird völlig übersehen. Das vorliegende Buch versucht, diese Lücke zu schließen.
Die Religionskritik ist vielfältig, sie kann von außerhalb oder innerhalb der Religion ausgeübt werden; im ersten Fall handelt es sich gewöhnlich um konkurrierende Religionen und hat neben sachlicher Kritik oft einen polemischen Charakter. Im zweiten Fall geht es auch um Konkurrenz, aber innerhalb derselben Religion, es geht um ihr Verständnis, was oft zu blutigen Kämpfen zwischen verschiedenen Sekten führt, ein Kampf um die richtige Lehre wird ausgetragen, um die Orthodoxie. Für die Entstehung einer orthodoxen Lehre in den monotheistischen Religionen ist die Entwicklung einer systematischen Theologie als Disziplin notwendig. Eine Disziplin, die die Fragen des Glaubens mit der Vernunft behandelt, indem sie Glaubensinhalte definiert, in einer systematischen Verbindung zusammenführt und mit anderen Wissenschaften sowie der historischen Glaubenspraxis überprüft und aktualisiert. Das hat das Christentum entwickelt, das Judentum hat es in der Moderne nachgeholt, der Islam hat es bis heute nicht erreicht. Die Theologie als Disziplin ist von den theologischen Inhalten zu unterscheiden, jede Beschäftigung mit dem einzigen Gott, dem Schöpfer, ist theologisch, sie findet auch ohne die systematische Theologie statt. In den nichtmonotheistischen Religionen ohne Schöpfergott gibt es für beide keinen Platz. Den drei monotheistischen Religionen gehört allerdings fast die Hälfte der Menschheit an.
Für eine bessere Einordnung und ein Verständnis der neuen Religionskritik wird diese in die Kulturgeschichte des Islam eingebettet. Das ist auch notwendig, weil eine neue Darstellung dieser Geschichte unternommen wird. Es wird auf die übliche historische Schilderung des Islam verzichtet, weil sie ein falsches Bild liefert; denn dabei handelt es sich um eine religiöse Geschichte, die die islamische Tradition konstruiert hat und die von der traditionellen Orientalistik übernommen wurde; sie ignoriert die historischen Fakten. Mit ihr kann man weder die Entstehung noch den Charakter der islamischen Herrschaft verstehen, und sie kann auch nicht das Scheitern der islamischen Theologie erklären. Deshalb will diese Arbeit die von der religiösen Erzählung unterdrückte historische Wahrheit zur Geltung bringen. Sie stützt sich dabei auf den letzten Stand der Forschung und liefert darüber hinaus eine eigene Interpretation der Ereignisse.
Die franko-saudische Mission „Oasis d’Arabie“ für Archäologie und Inschriftenkunde zum Beispiel hat die islamische Darstellung des vorislamischen Arabien gründlich revidiert. Das Bild eines heidnischen Arabien, das von der islamischen Offenbarung Muhammads gerettet wurde, stimmt nicht. Siebzig Jahre vor seiner Ankunft stand ganz Arabien unter der Herrschaft eines christlichen Königs, berichten die Archäologen Robin und Tayran.[1] Muhammad kannte die jüdischen und christlichen religiösen Strömungen, er hat ihre Terminologie verwendet, sich dabei an ein Publikum gewandt, das mit der Bibel vertraut war; das erklärt, warum die biblischen Erzählungen im Koran einen allusiven Charakter haben. Der Paganismus herrschte nicht in Arabien, die Heiden waren nicht die Hauptfeinde Muhammads, sondern die vielen anderen monotheistischen Sekten.
Robin und Tayran kommen zu dem Schluss: „Wie wir sehen, das Bild eines Arabiens, beherrscht vom Paganismus am Vorabend des Islam, hat keine reale historische Grundlage. Es ist ein Konstrukt der islamischen Apologetik, um den Verfall der djâhiliya[2] im Kontrast zur heilsamen Tätigkeit des Propheten des Islam zu unterstreichen. Wir können hinzufügen, dass die ersten Theologen, deren Ahnen sehr oft Juden und Christen waren, es für besser hielten, wenn die Feinde Muhammads die Polytheisten waren.“[3]
Nach der Schilderung der Entstehung der christlichen Theologie und Orthodoxie, die als historische Vorbilder für den Islam gelten, werden wir die christlichen Strömungen, die von der christlichen Orthodoxie ausgeschlossen wurden, als Übergangstheologie darstellen, in deren Schoß der Islam als Bewegung der Gläubigen an den Einzigen Gott entstanden ist. Diese Bewegung, die sich lange nicht als selbstständige Religion verstanden hat, bildete durch rasche Eroberungen ein Imperium, das Imperium formte seine eigene Religion, so entstand der Islam als politische Religion; er war von Anfang an mit der Politik eng verbunden.
Nach drei Jahrhunderten bewegter Geschichte hat es die Politik geschafft, eine Art von Klerus, die Gelehrten (Ulema), zu formen, der ihrer Herrschaft dienlich war. Entsprechend wurde versucht, den Lauf der Geschichte und der Religion auf ein einziges offizielles Narrativ zu reduzieren. Da inzwischen vieles geschehen war und geschrieben wurde, musste diese Version mit Gewalt durchgesetzt werden, man hat sie deshalb sakralisiert und die Abweichler und Kritiker als Apostaten verfolgt. Es ging seitdem darum, sich an diese Erzählung zu halten.
Dafür wurden die Chancen der Weiterentwicklung einer Theologie mit den Mu‘taziliten, den ersten islamischen Theologen, abrupt unterbunden. Die Vernunft wurde vertrieben, man musste sich nach der angeblichen Lehre der Altvorderen, salaf, richten und sie weitergeben; anstatt Reflexion war die Nachahmung für Jahrhunderte angesagt. Das war auch die Version des Islam, die die Orientalisten beschäftigte, sie diente als Grundlage für ihre Forschung. Diese Version des Islam stellte jedoch eine zweite Unterdrückung der Wahrheit dar, sie blendete nämlich die realen Auseinandersetzungen innerhalb der islamischen Kultur aus. Sie war eine Idealisierung der Geschichte. Die Unterdrückung der Theologie verhinderte die Entstehung einer Orthodoxie. Es war daher nicht möglich, sich von abweichenden Texten abzugrenzen und sie außer Kraft zu setzen. Der Kalif al-Mutawakkil (822–861), der die Mu‘taziliten bekämpfte, hatte den Kopisten verboten, deren Werke und die Werke der Philosophen zu kopieren und zu verbreiten; vieles ging deswegen verloren, aber bei Weitem nicht alles. Diese Texte wanderten ins Dunkel des kulturellen Raums, wurden verdrängt, sind aber nicht verschwunden. Man hat sich mit der Anerkennung alter etablierter Rechtsschulen begnügt, anstatt der Orthodoxie entstand ein Mehrheitsislam, den wir als traditionellen Islam kennen; inhaltlich widersprüchlich, zusammengehalten durch die politische Macht.
Die Traditionalisten haben sich mit diesen Texten beschäftigt, um sie zu entkräften, wie Ibn Hazm al-Andalusi (994–1064), der erwähnt, dass Omar, Ali und Osman, die engen Mitstreiter Muhammads, ihn auf der Razzia von Tabbouk töten wollten, um gleich die Erzähler dieser Geschichten ohne Begründung zu verurteilen.[4] Später wollte man mit al-Dhahabi (1274–1348) diese Texte systematisch verstecken, wenn möglich vernichten, damit man in dem erwähnten Fall an die Gerechtigkeit der Gefährten des Propheten, sahaba, glaubt.[5] Die Geschichte wurde sakralisiert, nicht nur die sahaba, sondern auch die Gelehrten, die salaf, natürlich auch der Prophet und sein Leben, sira, sowie seine Aussagen und Taten, die sunna; alles, was zum traditionellen Islam gehört, wurde sakralisiert, jede Kritik führte zur Apostasie und Verfolgung. Der Zugang zu den Texten wurde gesperrt, ein frommer Muslim musste sich an die Anleitung seines Scheichs halten, eine selbstständige Beschäftigung mit den Texten war unerwünscht, bei Fragen sollte man sich an die Gelehrten wenden, die inzwischen komplizierte religiöse Wissenschaften entwickelt hatten.
Durch Autoren wie Ibn Hazm werden allerdings die Fakten bestätigt, sie liefern in der Moderne das Material für die Religionskritik. Den Religionskritiker und Atheisten Ibn al-Rawandi (827–911) zum Beispiel kennen wir über seine Kritiker; sie haben seine Ideen ausführlich dargestellt, um sie zu widerlegen. Gerade nach der harten Erfahrung mit dem salafistischen und politischen Islam, die mit den Taliban, Daesh und Boko Haram einen unvorstellbaren Tiefpunkt erreicht hat, fragen sich viele Muslime, ob dies die Religion ist, die ihr Leben erfüllt. Der Zweifel ist wie immer der Beginn der Erkenntnis. Man macht sich auf die Suche nach Antworten und wühlt im tabuisierten dunklen Raum der Tradition. Die letzte Erfahrung mit der Muslimbruderschaft an der Macht 2012/13 in Ägypten brachte das Fass zum Überlaufen, die Muslime haben erlebt, was der Islamismus bedeutet; seitdem ist ein Damm gebrochen, und die Religionskritik hat mithilfe der sozialen Medien nie gekannte Dimensionen erreicht. Wir erleben eine wirkliche Revolution, die den Arabischen Frühling fortsetzt. Die Würde des Menschen steht nach all den terroristischen Aktionen im Vordergrund, die Muslime wollen ihre Religion humanisieren, sie wollen eine Religion für den Menschen und keine politische Religion. Manche haben jedoch die Hoffnung aufgegeben und verlassen den Islam. Der zweite Teil des Buches berichtet über diese Debatten.
In ihren Bemühungen können die Muslime mit keiner Unterstützung aus dem Westen rechnen, im Gegenteil, die liberalen Muslime im Westen müssen es sich gefallen lassen anzuhören, sie seien mit ihrer Islamkritik Islamophobe und Rassisten. Mit dem Multikulturalismus haben die Menschen im Westen die Orientierung verloren, viele glauben tatsächlich, dass die Islamisten, die sie hofieren, der Islam sind. Indem es ein Fenster zu den arabisch-islamischen Ländern öffnet, will dieses Buch deshalb die Sicht auf den Islam erweitern, damit die Islamdebatte in Deutschland an Provinzialität verliert und in Zeiten der Globalisierung sich der grundsätzlichen Probleme der Muslime widmet, anstatt sich ständig die Inhalte von den lokalen islamischen Verbänden aufzwingen zu lassen.
„Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“, schreibt Karl Marx in seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“.[6] Der Mensch macht die Religion und nicht umgekehrt. Staat und Gesellschaft haben ein „verkehrtes Weltbewusstsein“ erschaffen, das ist die Religion. Sie ist „die allgemeine Theorie dieser Welt … , ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist … Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks.“ Der Ansatz von Karl Marx gehört zur sogenannten „neuzeitlichen Religionskritik“, die im 19. Jahrhundert entstand und die Religion in Zusammenhang mit Geschichte und Gesellschaft stellte.[7]
In seinem Beitrag behauptet Marx, dass für Deutschland die Kritik der Religion im Wesentlichen beendet sei, wobei er an das Werk Ludwig Feuerbachs „Über das Wesen des Christentums“ dachte, der die besonderen Wahrheiten des Glaubens mit den allgemeinen Wahrheiten und Gesetzen der Vernunft konfrontierte.[8] Diese Behauptung erweist sich als unzutreffend und war voreilig. Bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass sich die „neuzeitliche Religionskritik“ hauptsächlich mit dem Christentum befasste, sie war eine Christentumskritik. In der Tat beobachten wir heute eine unaufhaltsame Säkularisierung in der deutschen wie auch in anderen westeuropäischen Gesellschaften. Die Privatisierung der Religion und die Abkoppelung von der Politik und dem öffentlichen Leben haben sich, wie Marx vorausgesehen hat,[9] im Westen überall durchgesetzt. Gleichzeitig aber wächst durch die Migration eine andere Religion, der Islam, unter dessen Mitgliedern die Religiosität weitverbreitet ist und dessen besondere Glaubenswahrheit keine Form der Religionskritik verkraftet. Die trotzdem von manchen Muslimen geübte Religionskritik in der Form der Islamkritik wird von der Mehrheit der Muslime bekämpft. Merkwürdigerweise wird diese Mehrheit auch von säkularen Europäern unterstützt, die den Bezug zur eigenen Geschichte und Kultur verloren haben und nicht mehr realisieren, wie sehr sie ihre Freiheit der Religionskritik verdanken.
Die neuzeitliche Religionskritik wird von der deutschen, französischen und englischen Aufklärung abgeleitet. Sie war von Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit geprägt und atheistisch orientiert.[10] Der Philosoph Herbert Schnädelbach schreibt: „Aufklärung ist Religionskritik.“[11] Sie verwirklicht sich in dem „Kampf mit dem Aberglauben“, wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel in der „Phänomenologie des Geistes“ schreibt; eine Auffassung, die von vielen anderen Autoren geteilt wird. Max Weber sieht in der Dynamik der „abendländlichen Rationalisierung“ jedoch nicht eine Abschaffung der Religion, sondern deren Rückzug ins Private.
Für Hegel ist die Religionskritik der Religion grundsätzlich entgegengesetzt, und sie beginnt deshalb mit der Aufklärung. Das entspricht aber nicht den historischen Gegebenheiten, weil im Bereich des Religiösen von Anfang an eine Aufklärung als Religionskritik stattfand, sie war religionsintern. Diese Kritik wurde erstmalig bei den Griechen von der entstehenden Philosophie an der mythischen Religion geübt und beabsichtigte, die Religion zu reformieren und nicht zu vernichten. Xenophanes (ca. 570–470)[12] war der erste, der die Weichen für die spätere philosophische Religionskritik legte. Mit seiner anthropomorphen Erklärung holte er die Religion vom Himmel auf die Erde: Die Götter unterscheiden sich voneinander wie die Menschenrassen, die sie verehren. „Die Äthiopier stellen sich ihre Götter schwarz und stumpfnasig vor, die Thraker dagegen blauäugig und rothaarig.“[13] Viel wichtiger waren seine Vorstellungen von einem überhöhten einzigen wahren Gott, der hellsichtig, mächtig, vollkommen und gerecht ist. Er ersetzte zwar nicht die vielen Götter, bildete trotzdem einen monotheistischen Ansatz, der in Platos Demiurg mündete. Dieser Monotheismus durchdringt die Philosophie bis zur Moderne. „Die Philosophie von Heraklit bis Hegel war immer zugleich eine Geschichte der philosophischen Gotteslehre, das heißt eines meist sogar expliziten Monotheismus, und der stand nicht im Widerspruch zum traditionellen Wissenschaftsverständnis – im Gegenteil: Man brauchte die Gottesbeweise, um in einer ‚ersten Philosophie‘ das System des Wissens begründen und abschließen zu können.“[14]
Es sei hier an René Descartes, den Begründer des Rationalismus erinnert, der nach seiner berühmten Erkenntnis „Ich denke, also bin ich“ (cogito ergo sum) die Frage nach der Garantie der Richtigkeit seiner subjektiven Erfahrung stellte und ob er nicht in die Irre geführt wird. Er kommt zum Ergebnis, dass der Gedanke an die Vollkommenheit auf die Existenz eines Gottes hinweist, der die Echtheit des Denkens garantiert.
Die monotheistischen Offenbarungsreligionen – das Judentum, das Christentum und der Islam – waren nach Schnädelbach „Gegenreligionen“ und wie die Philosophie auch gegen den Mythos gewandt. Sie wollten über die Illusion, die Irreführung, die Lügen und den Götzendienst des Mythos aufklären. Diese religionsinterne Aufklärung setzte sich allerdings nur bei dem Christentum mit der Entwicklung einer Theologie fort. Viel später, im 18. Jahrhundert, geschah dasselbe beim Judentum. Beim Islam startete eine Theologie im 9. Jahrhundert und wurde nach ein paar Jahrhunderten völlig verdrängt, bis heute hat sie im islamischen Kulturkreis nicht wieder Fuß fassen können.
Der Gegenstand des Glaubens im Islam ist ein Text, der Koran, der als das Wort Gottes gilt und aller Kritik entzogen wird. Im Christentum wird an eine göttliche Person geglaubt, von deren Wirken verschiedene Berichte vorliegen. Kein kanonisches Evangelium erhebt den Anspruch, das Evangelium zu sein; was ihre Bezeichnung zeigt, sie heißen das Evangelium in der Fassung des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.[15] Das erklärt, warum sich das Christentum viel weniger aufklärungsresistent erwies als der Islam. Ein weiterer entscheidender Punkt, der die Entstehung der Theologie begünstigte, ist die Reflexivität, die wegen der Verankerung der Vernunft in der Offenbarung durch die Konkurrenz mit der hellenistischen Philosophie gefördert wurde. Die Theologie ist die Reflexion und die rationale Durcharbeitung des Geglaubten.
Eine Darstellung der christlichen Theologie erweist sich als notwendig, um die Entstehung des Islam, seiner theologischen Ansätze und deren Scheitern zu verstehen. Sie hilft auch, die Bestrebungen der modernen Islamkritik besser einzuschätzen.
Das Christentum entstand im Schoß des Judentums, es war sozusagen eine jüdische Sekte. Die zwei Grundaxiome des Judentums bilden[16] der Monotheismus und der Bundesnomismus, das heißt, dass die Selbstverpflichtung des Volkes Israel, das Gesetz zu befolgen, als Voraussetzung für ihre Auserwählung durch den Bund mit Gott ist. Das Heil bedeutet dann nicht, sich den Bund durch Befolgung des Gesetzes zu erwerben, sondern innerhalb des Bundes und seiner Verpflichtungen zu bleiben. Daher galt die Gnade Gottes dem Volke Israel.
Alle im Rahmen des Judentums entstandenen Strömungen lasen das Alte Testament mit den Augen des Glaubens und nicht als Historiker; sie hörten im Text die Stimme des Herrn und sahen nicht die Widersprüche, die mit dem Bundesnomismus verbunden sind; und falls doch, erfanden sie Methoden, um sie zu übersehen. Erst Jesus, Paulus und Johannes erkannten diesen tiefen Gegensatz in der alttestamentlichen Religion, der zwischen Gesetz und Verheißung beziehungsweise Gnade, zwischen nationaler Kultreligion und prophetisch-, sittlich-, universalistisch-eschatologischer Religion besteht.[17]
Die Christen haben tatsächlich zu dem übernommenen jüdischen Monotheismus Jesus als Erlöser, der neben Gott rückt, hinzugefügt und damit das zweite Grundaxiom des Judentums, den Bundesnomismus, zu einem Erlöserglauben modifiziert. Durch diesen Erlöserglauben wurde das Judentum für alle Menschen geöffnet. So wurde das Urchristentum auf weite Strecken „universalisiertes Judentum“.[18] Der Preis dafür war der Verzicht auf das Gesetz zugunsten einer überhöhten und radikalen Moralität der Demut und der Nächstenliebe. In seiner Verkündung des Evangeliums betonte Paulus, dass die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Christus für alle Glaubenden gilt; sie ist seine Gnade aufgrund der Erlösung in Jesus Christus. Das bedeutet, dass die Erlangung von Heil nicht mehr an Gesetz, Ritualgebote, Speise- und Reinheitsgebote und Beschneidung gebunden ist.
Das blieb nicht ohne Konsequenzen. Die Heidenmission von Paulus trat in Konflikt mit der Mission unter den Juden.[19] Die Heidenchristen verzichteten auf Beschneidung und Speisegebote und wurden als Unreine von den gemeinsamen kultischen Zeremonien mit den Judenchristen ausgeschlossen. Übrigens konnten selbst die Juden sie als legitime Variante des Judentums nicht akzeptieren. Auf dem Apostelkonzil (46/48) trafen beide Parteien, angeführt von Paulus und Petrus, in Jerusalem zusammen und einigten sich darauf, sowohl Heidenchristen als auch Judenchristen als Christen zu betrachten. Trotzdem blieben die Heidenchristen von der gemeinsamen Ritenausübung ausgeschlossen und standen außerhalb der jüdischen Tradition.
Diese judaistische Krise im 1. Jahrhundert förderte die paulinische Theologie, formuliert in 13 Briefen (48–61), die der Loslösung vom Judentum eine theologische Begründung lieferten. „Die Offenbarung Gottes in Christus tritt bei Paulus in einen Gegensatz zur Offenbarung Gottes in der Thora. Das wirkt oft so, als trete bei Paulus eine Gnadenreligion an die Stelle einer Gesetzesreligion.“[20] Die Gebote Gottes werden durch den Geist in die Herzen der Menschen gegeben. Weiter legten die Heidenchristen eigene Aufnahmeriten fest: Die Taufe ersetzte die Beschneidung, und das Abendmahl löste die Opfermahle der jüdischen Tradition ab. Mit dieser eigenen Zeichensprache entfernte man sich von dem jüdischen Umfeld. Das war nicht mehr eine jüdische Sekte, eine Jesusbewegung; sondern eine neue Religion war am Entstehen.
Die Autonomie des Christentums und seine endgültige Trennung vom Judentum geschah mit der Redaktion der Evangelien, die eine eigene Grunderzählung liefern. Zwischen 60 bis 64 wurde die Apostelgeschichte verfasst, sie befasst sich mit der christlichen Mission. Zwischen 40 und 90 entstanden die vier Evangelien: Das Markusevangelium markiert die rituelle Abgrenzung gegenüber dem Judentum,[21] das Matthäusevangelium[22] die ethische Abgrenzung, das Lukasevangelium die narrativ-historische Abgrenzung[23] und das Johannesevangelium bringt das Bewusstwerden der inneren Autonomie der urchristlichen Zeichenwelt zum Ausdruck. Mit ihm erreicht die Vergöttlichung des irdischen Jesus ihren Höhepunkt.[24] Nach der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung der Juden aus Jerusalem durch die Römer im Jahre 70 wurde das Judenchristentum in Palästina geschwächt. Das Christentum als universelle Religion konnte sich entfalten.
Diese Krise des Urchristentums im 1. Jahrhundert zeigt, wie die neue Religion durch den Glauben an Jesus Christus als Erlöser eine theologische Arbeit leisten musste, um ihr Profil zu schärfen und sich vom Judentum zu lösen. Am Ende dieser Phase hatte sich das Christentum die Option für den Logos der antiken Philosophie zu eigen gemacht. Das Evangelium von Johannes beginnt mit: „Im Anfang war das Wort [Logos], und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“[25] Dies verankerte die Vernunft neben dem Glauben, öffnete aber die Tür für Fremdeinflüsse, die auch bedrohlich waren. Im 2. Jahrhundert tauchte die Gefahr der Gnosis auf, die das an Autonomie Erreichte zu vernichten drohte. Diese Herausforderung zwang die Kirchenväter, die theologischen Ansätze weiterzuentwickeln, um schließlich die Theologie als selbstständige Disziplin zu etablieren.
Die Gnosisbewegung breitete sich im Römischen Reich aus und interpretierte alle religiösen Traditionen in ihrem dualistischen Sinn um. Gut und Böse, Licht und Finsternis, Geist und Fleisch bilden unversöhnliche Gegensätze. Ihr Schöpfungsmythos besagt, dass die Welt durch einen Unfall des Demiurgen, eines untergeordneten Gottes entstand. Gegen seinen Willen geriet ein göttlicher Funke in den Menschen, der seine Herkunft allerdings vergaß. Die Gnosis hilft dem Menschen, sich daran zu erinnern. „Gnosis bedeutet Heilsgewinn durch Erkenntnis. Gegenstand der Erkenntnis ist die Wesensidentität des transzendenten Selbst im Menschen mit der transzendenten Gottheit jenseits der Welt.“[26] Nur durch einen Offenbarer kann die Erkenntnis stattfinden; für viele Christen war Jesus als Sohn der vollkommenen Gottheit diese Person. So konnte sich die Gnosis innerhalb der christlichen Gemeinden verbreiten.
Die Gnosis wurde durch die Verfolgung der Christen durch die Römer indirekt gefördert. Die Christen beabsichtigten in keiner Weise einen politischen Umsturz, geschweige denn eine Revolution. Mit seiner Aussage „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Matthäus 22,21) hatte Jesus nicht nur die Trennung von Politik und Religion gepredigt, sondern das Handeln des Staates legitimiert. Paulus warnte sogar vor Ungehorsam: „Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widersetzt sich Gottes Ordnung.“ (Römer 13,2) Was trotzdem zur Verfolgung der Christen führte, war ihre Andersartigkeit; sie bestanden darauf, anders zu sein als die anderen; das war ihr Hauptverbrechen.
Der römische Staat, in religiösen Fragen sehr tolerant, war nun mit dem exklusiven Monotheismus der Christen konfrontiert, der alle anderen Götter, auch die politischen des römischen Pantheons ablehnte und sogar auf der rigorosen Ablehnung des Kaiserkultes bestand. „Durch das Fernbleiben von öffentlichen Festen, von Schauspielen und den beliebten Opfermahlzeiten wurden die Christen nicht weniger missliebig als durch ihre gelegentlich demonstrierte Ablehnung von Kriegs- und Verwaltungsdienst. Verdächtig aber wurden sie durch ihre geheimnisvollen Gottesdienste und Riten.“[27] Diese Beschreibung traf auch auf die Juden zu, sie waren aber eine Randerscheinung im Reich und beschränkten sich auf eine einzige Ethnie, während die Zahl der Christen ständig zunahm und ihre Organisation das gesamte Imperium überzog.
Die Christenverfolgung begann nach dem Brand von Rom unter Nero (54–68), wiederholte sich unter den meisten Kaisern und endete mit dem Toleranzedikt des Galerius (311), der den Christen erlaubte, „wieder Christen [zu] sein und ihre Versammlungsstätten wiederaufbauen [zu] können, jedoch so, dass sie nichts gegen die öffentliche Ordnung unternehmen“.[28] In dieser Zeit war der staatliche Wille zur systematischen Verfolgung meistens nicht vorhanden, was die Antwort des Kaisers Trajan (98–117) an den Statthalter von Bithynien Plinius illustriert: „Es soll nicht nach ihnen [die Christen] gefahndet werden; wenn sie angezeigt und überführt werden, soll man sie bestrafen, jedoch so, dass, wer leugnet, Christ zu sein … aufgrund seiner Reue Gnade findet. Anonym eingereichte Anzeigen aber dürfen bei keiner Anklage berücksichtigt werden.“[29]
Diese Haltung bedeutete, dass, wer nicht auffiel, das Risiko des Martyriums reduzierte und in Frieden leben konnte. Eine Art der Privatisierung der Religion war die Folge, daher waren Formen des Christentums gefragt, die dies unterstützten. Das traf auf manche Formen des Gnostizismus zu, die deshalb im 2. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung erlebten. Sie lehrten, dass ein Christ kein öffentliches Bekenntnis vor irdischen Behörden ablegen müsse, er dürfe sogar in kritischen Situationen seine christliche Identität verleugnen und, um nicht aufzufallen, an allen heidnischen Gastmählern, wo Götzenopferfleisch verzehrt wird, teilnehmen.[30] Weiter stellten die Gnostiker grundlegende Glaubenssätze infrage. Wegen ihrer Abwertung der Welt und des Leibes lehrten sie, dass der Erlöser einen Scheinleib habe oder nur vorübergehend mit einem Leib verbunden gewesen sei. Alttestamentlicher Schöpfungsglaube und neutestamentlicher Inkarnationsglaube wurden geleugnet.
„Die allmähliche Umformung des Glaubens in ein schillerndes Gefüge von Bildern, die zunehmende Auflösung der biblisch bezeugten Ereignisse in bloße Mythen und Metaphern stürzten die Kirche in ihre bislang schwerste Krise. Eine Besinnung auf bleibende Fundamente und maßgebliche Orientierungspunkte des Glaubens wurden nötig, sollte das Christentum nicht unmerklich seine Identität verlieren.“[31] Dieser Aufgabe widmete sich Bischof Irenäus von Lyon (135–200), er war der erste bedeutende katholische Theologe. Sein Hauptwerk heißt: „Aufdeckung und Widerlegung der falschen Gnosis“, auch als „Gegen die Häresien“ gekennzeichnet. Er schreibt: „Sie reden zwar Ähnliches wie die Gläubigen, verstehen aber darunter ganz anderes, sogar das Gegenteil.“ Unter dem Motto „Der Herr hat gelehrt, der Apostel hat überliefert“ stellte er die Kirche in ihrer Ursprünglichkeit gegen die Irrlehren der Gnostiker und verlieh ihr als Erster eine Vorrangstellung als Bewahrerin der Tradition. Zusätzlich zu seiner Lehre der „Überlieferung“ begründete er den „Kanon der Wahrheit“ aus Altem und Neuem Testament.
Irenäus ist der Begründer der christlichen Theologie, sie war eine Reaktion auf die Gnosis und erforderte einen rationalen intellektuellen Ansatz, um die Auseinandersetzung mit den Gnostikern zu führen; diese betrachteten sich nämlich wegen ihres philosophischen Hintergrunds als die geistige Elite des Christentums. Es stelle sich akut das Problem von Ratio und Glauben. Reicht allein der einfache Glaube (simplicitas fidei), oder muss er reflektiert werden? Schon Paulus und den Aposteln fiel hinsichtlich des Glaubens der Niveauunterschied unter den Gläubigen auf, der in den Gemeinden manche Konflikte verursachte.[32] Paulus warnte vor der Versuchung, den Glauben philosophisch zu untersuchen, er bemängelte aber zugleich, dass viele hinter dem verpflichtenden Erkenntnisstand zurückblieben. Sie begnügten sich mit dem schlichten, einfachen Glauben an Jesus Christus und Fragen der christlichen Lebenspraxis, Gemeindeordnung und Liturgie, sie praktizierten einen Gemeindeglauben ohne gelehrte Theologie.
Das änderte sich mit den Gnostikern gründlich. Sie hatten sich in den christlichen Gemeinden etabliert, fühlten sich als intellektuelle Elite allein in der Lage, die Symbolsprache der Bibel zu dechiffrieren und zur Erkenntnis zu gelangen, wodurch den einfachen Gläubigen eigentlich jegliche Heilschancen abgesprochen wurden. Angesichts des universalen Heilswillens Gottes konnte die Kirche das nicht akzeptieren. Besonders gefährlich waren die Gnostiker, weil sie sich selber auf die Worte Christi beriefen; mit dem Ideal der simplicitas fidei konnte man ihnen nicht begegnen. Schlichter Glaube immunisiere keineswegs gegen Irrlehren.
Irenäus entwarf eine antignostische Theologie, die allerdings keine neuen Erkenntnisse hervorbrachte, wie dies die Gnostiker beabsichtigten, sondern nur die Heilsbotschaft erhellte. Er betont immer wieder, dass es sich nicht um neue Erkenntnisinhalte handelte, sondern nur um eine andere, höhere Reflexionsstufe des gemeinsamen Glaubens. „Auch der begabteste Redner unter den kirchlichen Vorstehen verkündigt nichts anders als die Übrigen … Es ist ja ein und derselbe Glaube; wer viel über ihn zu sagen versteht, vermehrt ihn darum nicht, und wer nur wenig sagen kann, vermindert ihn nicht.“ (haer. 1,10,2)[33] Wichtig ist nun, dass theologisches Forschen und Fragen legitim sind, sofern sie in Zusammenhang mit der Glaubensregel stehen. Ziel war der reflektierte Glaube.
Kirchenväter wie Tertullian (150–220) und Clemens von Alexandrien (150–215) entwickelten die Theologie weiter, mit Origenes (185–254) sehen wir die Anfänge einer wissenschaftlichen Theologie.[34] Für Origenes markieren die Propheten den Anfang der Gotteserkenntnis, die Apostel vollenden die Offenbarung, die Aufgabe der Theologen besteht darin, dem übernommenen Offenbarungsgut nichts mehr hinzuzufügen, sondern es mit dem Verstand zu erforschen und darzustellen. Mit Recht kann Origenes daher als Begründer der wissenschaftlichen Theologie bezeichnet werden. Wie die Philosophie typisch griechisch war, so war die Theologie typisch christlich: „Die in der patristischen Epoche entfaltete Theologie war religionsgeschichtlich analogielos. Glaubensreflexion war ein spezifisch christliches Phänomen, das sich aus dem Wesen dieses Glaubens selbst ergab, insofern er in der Überzeugung gründete: Im Anfang war der Logos.“[35]
Fehlten Zentralinstanzen, die den Glauben normieren und verteidigen, waren die Gemeinden die Bewahrer der apostolischen Tradition. Die Gemeindevorsteher, die Presbyter, sicherten durch das Sukzessionsprinzip die Kontinuität der christlichen Botschaft, aus diesen entstand später der Klerus. Sie vermittelten eine mündliche Tradition, die durch die allmählich niedergeschriebenen Evangelien ergänzt wurden. Dazu kamen die apologetischen sowie Streitschriften der Kirchenväter. In dem Konflikt zwischen Hellenen und Hebräern, anders gesagt zwischen Heidenchristen und Judenchristen, und später mit den Gnostikern setzte sich der Konsens des Gemeindechristentums durch. Es gab weder politische noch religiöse Autoritäten, die den Gläubigen dazu verpflichten konnten, es galt das Prinzip der Freiwilligkeit.
Zusätzlich zu den oben erwähnten großen Konflikten, aus denen das Christentum als autonome Religion hervorging, waren in den Gemeinden verschiedene Traditionen verbreitet: die judenchristliche, die paulinische, die synoptische und die Tradition von Johannes; es ging nun darum, genauer zu bestimmen, was christlich sei. Der Kanon war die Antwort. Im neutestamentlichen Kanon wurden Schriften aus allen vier Traditionen übernommen sowie Schriften der Kirchenväter, die sowohl die Offenbarung erklären als auch die Auseinandersetzung mit den Häretikern führen. Man entschied, den gesamten Kanon in Altes und Neues Testament aufzuteilen, das Neue Testament in Evangelien- und Apostelteil und die vier Evangelien von Matthäus, Lukas, Markus und Johannes sowie die Paulusbriefe und die katholischen Briefe wie z. B. von Johannes zu übernehmen.
Gerd Theißen definiert den Kanon wie folgt: „Ein Kanon besteht aus den normativen Texten, die geeignet sind, das Zeichensystem einer Religion immer wieder neu zu rekonstruieren und durch Auslegung für eine Gemeinschaft bewohnbar zu machen.“[36] Er impliziert einen inneren Konsens, grenzt die Gemeinschaft nach außen ab und sichert ihre Kontinuität. Das ist die Orthodoxie der katholischen Doktrin, die jede Änderung oder Ergänzung des Kanons als Häresie und Irrlehre verurteilt. Erlaubt ist nur die Interpretation, die Exegese, die die Religion weiterentwickelt. Der Kanon war die Antwort des Urchristentums auf die Identitätskrise der Kirche. Mit der Bildung des Kanons endet auch das Urchristentum und die Ära der alten Kirche beginnt.
Die Theologie wurde zu einer institutionalisierten Religionskritik innerhalb der Kirche, sie speist sich aus der im Christentum verwurzelten Verheißung von Freiheit und Verpflichtung zur Wahrheit für jedes Individuum. Die Frage der Hellenisierung des Christentums durch die griechische Philosophie wurde ab dem 17. Jahrhundert diskutiert.[37] Es war die Rede vom „Platonismus der Kirchenväter“, von „Paganisierung“ und von dem „hebraisierenden Platon“.[38] Die letzte Fassung dieser Problematik finden wir in den programmatischen Aussagen des Zweiten Vatikanums (1965): „Von Beginn ihrer Geschichte an hat sie [die Kirche] gelernt, die Botschaft Christi in der Vorstellung und Sprache der verschiedenen Völker auszusagen und darüber hinaus diese Botschaft mit der Weisheit der Philosophen zu verdeutlichen.“[39]
Diese Freiheit und Verpflichtung zur Wahrheit „bedeutete … einen ständigen Konflikt zwischen den Ansprüchen persönlicher Frömmigkeit und den Folgen der unvermeidlichen Institutionalisierung des Christlichen in der Amtskirche und ihrer Dogmatik“.[40] Dieser Konflikt wurde zum Motor der Aufklärung. In ihrer großen Mehrheit waren die Aufklärungsphilosophen Christen. Sie dachten, das Geglaubte sei mit den Ansprüchen der mündigen Vernunft vereinbar. „Nach Kant ist ‚Religion … (subjektiv betrachtet) die Erkenntnis aller unserer Pflichten als göttlicher Gebote‘.“[41] Sie hat allerdings nicht mehr den Vorrang, ist nicht mehr die Quelle; die Religion ist der Ratio untergeordnet. Allmählich fand eine Abkoppelung von der Religion statt: Wissenschaftsfreiheit, Religionsfreiheit, Säkularisierung der Alltagskultur. „Die meisten Zeitgenossen sind keine Christen mehr, aber sie wissen gar nicht, warum sie es nicht mehr sind und was das Christentum einmal bedeutete. Es ist paradox, aber in der westlichen Moderne müsste man die Menschen überhaupt erst wieder über die Religion aufklären.“[42] Eine lebhafte Religionskritik im Sinne der Aufklärung gibt es schon lange nicht mehr, wir erleben einen schlichten Religionsverfall. Umso auffälliger erscheint im Westen die Kritik der Muslime an ihrer Religion, sie werden von manchen als fundamentalistische Aufklärer „beschimpft“.
Die Weiterentwicklung der christlichen Orthodoxie führte zu einer Spaltung der Christenheit aufgrund unterschiedlicher christologischer Vorstellungen in eine westlich-hellenistische und eine östliche-orientalische Kirche. Aus dieser orientalischen Tradition soll später der Islam entstehen. Die spätere Spaltung (1045) zwischen den lateinischen und byzantinischen Kirchen ist für unser Thema irrelevant.
Nach der Festlegung des Kanons wurden nicht nur die gnostischen,[43] sondern auch alle anderen Schriften der Anhänger Jesu, wie die Judenchristen, ausgeschlossen und als abweichende Lehre verurteilt. Die Judenchristen entfernten sich nach der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung der Juden aus Jerusalem im Jahre 70 noch weiter von den Heidenchristen und akzeptierten die Vergöttlichung Jesu Christi, die sich mit dem Johannesevangelium (90–100) endgültig durchsetzte, nicht. Man hört wenig von ihnen, ihre Spuren findet man in Ostsyrien, Mesopotamien, Jordanien und Südpalästina. Sie teilten sich in drei Sekten, die Hebräer, die Nazaräer und die Ebioniten, die ihr jeweiliges Verständnis des Christentums in Evangelien verfassten.[44] „Die Judenchristen kennzeichneten sich als Juden, die Jesus für einen menschlichen Propheten hielten, dessen Mission darin bestand, die ursprüngliche jüdische Religion zu restaurieren. Paulus und seine Nachfolger haben aber seine Botschaft korrumpiert.“[45] Auffällig ist die Ähnlichkeit ihrer Lehre mit dem Jahrhunderte später erschienenen Islam.
Im syrischen Raum, der sich vom Euphrat bis zum Mittelmeer, von der Türkei bis Saudi-Arabien erstreckt, entstanden parallel christliche Gemeinden verschiedener theologischer Auffassungen. Neben den hellenisierten Christen existierten die Judenchristen, aber auch die Aramäer, bekannt als Syrer, die die Mehrheit der Bevölkerung bildeten und deren Kultur trotz Jahrhunderten der hellenistischen und römischen Herrschaft die dominante geblieben ist. Jesus sprach Aramäisch und nicht Hebräisch.
Bei diesen Orientalen herrschten andere Denkstrukturen, die in orientalischen kulturellen Traditionen wurzelten. „Grundsätzlich findet sich im syrischen, also semitischen Raum ein Denken, das sich, vergleichbar dem jüdischen Verstehen, vor allem an der Geschichte orientiert und nicht – wie in der hellenistischen Tradition – am Sein bzw. der Natur von Gott, Mensch und Kosmos. Gott handelt in der Geschichte durch die Propheten und durch Jesus. Heil findet der Mensch in der Nachfolge Jesu, in der Bewährung, und nicht – wie im griechischen Christentum – in der ‚Vergöttlichung‘ durch den Gottmenschen Jesus Christus.“[46]
Im 1. und 2. Jahrhundert waren trotz der dürftigen Quellenlage verschiedene Strömungen identifizierbar, die den Logos unterschiedlich interpretierten, aber alle Jesus als Mensch sahen; sie nannten ihn auch, wie später die Muslime, Knecht Gottes, Abd-Allah. Eine weitere Gemeinsamkeit bildet die Abgrenzung gegen die griechische Kultur und Philosophie, wie die „Rede an die Hellenen“ von Tatian dem Syrer (gest. 170) und die Schrift „Zu Autolycum“ von Theophilus von Antiochien (gest. 185) zeigen. Alle diese Strömungen verteidigten die Lehre der Einheit (Monarchianismus). Es gebe keinen Unterschied der Personen innerhalb der Gottheit, sondern nur eine Folge vorübergehender Arten des Wirkens.
Im 3. Jahrhundert gewinnt diese Lehre mit Paul von Samosata (gest. 272) an Konturen. Der Logos oder die Weisheit ist das Instrument des einen und selben Gottes für sein Wirken nach außen, das ist der „dynamische Monarchianismus“, auch „Adoptionismus“ genannt. Der Logos wohnte in Jesus wie in einem Tempel. Diese Verbindung zu Gott war wie bei allen übrigen Propheten ähnlich, bei Jesus jedoch tiefer und radikaler. Jesus wurde aus Gnade auserwählt und hatte sich durch Erkenntnis, Vollendung der Tugend und Gehorsam bewährt. Wegen seiner Bewährung wohnte der Gott-Logos in ihm. Die Erlösung der Christen ist die Bewährung, die in der Nachfolge Jesu realisiert werden soll. „Eine Erlösung im Sinne hellenistisch-christlicher Vergöttlichung durch die Vermittlung des Gottmenschen Jesus Christus oder im Sinne der lateinischen Theologie durch das Opfer Jesu Christi am Kreuz kommt nicht in den Blick.“[47]
Anfang des 4. Jahrhunderts erschien mit dem Presbyter Arius in Alexandria ein Fürsprecher dieser theologischen Positionen. Arius sah in Christus nicht den aus dem Wesen Gottes entstandenen Logos, sondern ein Geschöpf, das vollkommen ist. Wie die Katholiken glaubte er an die Präexistenz Christi, gab aber eine neue Begründung: Gott in seinem Vorherwissen sah, dass der Logos in Jesus später wohnen werde, und gab ihm diese Herrlichkeit. Das war, wie der Theologe Karl-Heinz Ohlig meint, „eine Begründung der hellenistischen Logoslehre durch die syrische Bewährungstheologie“.[48]
Das führte zu heftigen Unruhen unter den Christen. Kaiser Konstantin, der sich gerade für das Christentum als Stütze seines Reiches entschieden hat, kam die Sache ungelegen; er hatte sich gerade mit dem Donatistenstreit unter den Christen in Nordafrika auseinandergesetzt und wollte weitere Unruhen vermeiden. 325 berief er ein Konzil nach Nicäa, später als erstes ökumenisches Konzil gezählt, und setzte trotz des Bedenkens vieler Bischöfe die zentrale theologische Formel der „Wesenseinheit“ zwischen Gott und Gottessohn durch, später, nach dem Konzil von Konstantinopel 381, kam der Heilige Geist hinzu. Damit wurde das Dogma der Trinität festgelegt. Die Teilnehmer an der Synode hatten die Zeit der Verfolgung erlebt und waren dankbar für die Aufwertung ihrer Religion und wollten deshalb dem Kaiser nicht widersprechen. Ihre Stimmung gibt der Kirchenvater Eusebius von Caesarea (gest. 340) in seiner „Vita Constantini“ wieder, er verherrlicht den Kaiser Konstantin, Gott habe ihn zum Kaiser ausgerufen, und sein Reich sei ein irdisches Abbild der Herrschaft Gottes. Diese Unterwerfung räumte dem Kaiser eine Rolle in religiösen Fragen ein, er wurde ein Mitgestalter des religiösen Geschehens in der Kirche. Man spricht daher von Cäsaropapismus.
Viel bedenklicher aber war die strafende Intervention des Staates: Arius und zwei oppositionelle Bischöfe wurden verbannt – eine gefährliche Innovation. Bislang war es gelungen, die Spannungen innerhalb der Kirche ohne bedeutende Gewaltanwendung zu überwinden. In ihrem Wesen war die Kirche eine Überzeugungsgemeinschaft, exzessive Neuerungen wurden fast automatisch ausgeschieden, eine zentrale Kontrollinstanz existierte nicht. Nun bestand die Möglichkeit, staatliche Gewaltmittel zur Unterdrückung oppositioneller kirchlicher Gegner zu verwenden. Die theologischen Gegensätze wurden zu Parteikämpfen, deshalb versuchten die Streitparteien, die Gunst des Hofes zu gewinnen.
Der Staat, der durch die Erhebung des Christentums zur Staatskirche (385) die Einheit des Reiches bewahren wollte, verfehlte sein Ziel; jede Parteinahme zugunsten einer Gruppe bedeutete die Feindschaft und die Unterdrückung der anderen, eine Politik, die für die folgenden Jahrhunderte zur Regel wurde. Das haben alle Abweichler, hauptsächlich die Monophysiten, auch als Miaphysiten bekannt, mit schwerwiegenden Konsequenzen zu spüren bekommen: Die „kirchliche Opposition der ‚Monophysiten‘ hat sich seit dem 5. Jahrhundert mit nationalistischen Unabhängigkeitsbestrebungen der Kopten und Syrer verbunden und dem Arabersturm des 7. Jahrhunderts Ägypten und Syrien ausgeliefert“.[49]
Die lateinische Kirche im Westen blieb von dem arianischen Kampf in der Ostkirche unberührt und vollzog den Übergang zur Staatskirche ohne Zugeständnisse an den Kaiser. Sie behielt und stärkte ihre kirchliche Eigenständigkeit. Sie war mehr auf das Ethos als auf das Dogma ausgerichtet: Der Kaiser vertritt keine Idee der Obrigkeit, die man anbeten soll, er ist ein Mensch unter Menschen und wird an den Geboten Gottes gemessen, er verdient Gehorsam nicht kraft seines Amtes, sondern wegen seiner Taten.[50] Wegen dieser Unterschiede begann die lateinische Kirche schon im 4. Jahrhundert sich von der Gemeinschaft mit der griechischen abzulösen. Bei der germanischen Völkerwanderung im 5. Jahrhundert überlebte die lateinische Kirche den staatlichen Zusammenbruch und rettete die wertvollsten Elemente der spätantiken Kultur in eine neue Zeit hinüber.
Das auf den Konzilen verabschiedete Dogma der Trinität hatte im Orient keinen Konsens gefunden. Die adoptionistischen Vorstellungen waren tief verankert, und der Bischof Theodor von Mopsuestia (350–428) lehrte noch deutlich, dass der Gott-Logos wegen seiner Bewährung und des Wohlgefallens Gottes in Jesus wohnte. Die göttliche Natur und die menschliche Natur waren in der menschlichen Gestalt Jesu vereint, aber nicht wesensgleich. Sein Schüler Nestorius, der zwischen 428 und 431 der Patriarch von Konstantinopel wurde, war in seinem Sprachgebrauch vorsichtiger, trotzdem hatte er sich in dem Streit über die Person Marias verraten und wurde seines Amtes enthoben.
Er weigerte sich, Maria als Mutter Gottes (Theotokos) zu bezeichnen, sie habe nur den Menschen Jesus geboren, daher die Bezeichnung Christotokos. Scharf unterscheidet er zwischen dem Menschen Jesus und dem Gott-Logos, beide Naturen sind getrennt, und mit dieser Trennung wird der blasphemische Glaube, Gott habe am Kreuz gelitten und sei gestorben, gemieden. Auf dem Konzil von Ephesos 431, das vor der Ankunft der fünfzig orientalischen Bischöfe eröffnet wurde, die auf der Seite Nestorius’ standen und als Gruppe der Orientalen bezeichnet werden, warfen die Teilnehmer Nestorius Adoptionismus vor und setzten ihn von seinem Amt ab. Einmal eingetroffen wurden auch über dreißig Bischöfe der Gruppe der Orientalen abgesetzt.[51] Die Beschlüsse des Konzils konnten aber nicht umgesetzt werden.
Das Konzil von Ephesos scheiterte an der Opposition der Orientalen, ein Schisma drohte der Kirche, der Kaiser berief ein neues Konzil nach Chalcedon ein (451). Der Einfluss des Kaisers war in religiösen Fragen maßgebend und wechselte zwischen den drei untereinander konkurrierenden theologischen Zentren Antiochien, Alexandrien und Rom. Im Jahre 451 triumphierte Leo, der Papst von Rom: Das Glaubensbekenntnis der zwei Naturen Christi (Duophysitismus) wurde angenommen und die Beziehung zwischen diesen beiden Naturen geregelt. Die menschliche und die göttliche Natur Christi stehen „unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar“. „Unser Herr Jesus Christus ist ein und derselbe … vollkommen in der Gottheit und vollkommen in der Menschheit … wahrer Gott und wahrer Mensch … der Gottheit nach wesensgleich mit dem Vater, der Menschheit nach uns wesensgleich.“[52] Eine Niederlage für Antiochien, Nestorius wurde verbannt und seine Anhänger verfolgt. Sie flüchteten in das sassanidische Reich und gründeten die ostsyrische bzw. assyrische Kirche. Das war das erste Schisma im Christentum, vor dem Hintergrund ähnlicher Glaubenssätze entstanden zwei Kirchen.
Weitere Schismen sollten folgen. Unzufrieden mit der neuen Doktrin waren auch die Anhänger des Kyrill von Alexandrien, der die Vereinigung beider Naturen in einem einzigen Subjekt Jesus bei gleichzeitiger Verschiedenheit der Naturen betonte. Eine Position, die sein Nachfolger Dioskur ebenfalls vertrat: Die Taten Jesu könnten nicht in zwei unterschiedlichen Naturen aufgeteilt werden; sie gingen alle von einer Person, einer Inkarnation, nämlich der des fleischgewordenen Logos aus. Das war der Monophysitismus, für den Maria als Mutter Gottes als Selbstverständlichkeit galt. Der Marienkult war in Ägypten und Syrien tief verwurzelt, und so fand diese Lehre eine weite Verbreitung insbesondere unter dem Mönchtum, das in Palästina das Dogma von Chalcedon ablehnte. In diesem Kulturkampf zwischen Orient und Okzident brachte Chalcedon den Sieg der europäischen Kultur über die orientalische. Die Griechen und die Römer siegten über die Syrer und Ägypter.
Die Exkommunikation und die Absetzung des Patriarchen Dioskur von Alexandrien durch das Konzil und der Versuch des Kaisers, den Chalcedonier Proterius der koptischen Kirche aufzuzwingen, endete in einer Katastrophe. Bei seiner Ankunft wurde Proterius von einer Volksmeute, die von den Mönchen aufgehetzt worden war, in Empfang genommen, ermordet und in Stücke gerissen. Die Anti-Chalcedonier spalteten sich ab und gründeten ihre eigene Kirche.
In Syrien tobte zwischen beiden Parteien ein Kampf um die Bischofssitze mit wechselhaftem Erfolg, der bis tief in das 6. Jahrhundert andauerte. Bei dieser Auseinandersetzung kam Kaiserin Theodora (ca. 500–548), eine Fürsprecherin des Monophysitismus, der Bitte von Harith ibn Jabala, des Vorstehers der arabischen ghassanidischen Stämme, nach und weihte zwei Bischöfe: Theodor von Arabien als Metropoliten von Bosra in Südsyrien und Jakob von Edessa als ökumenischen Metropoliten. Die Ghassaniden waren die Verbündeten der Byzantiner und mit dem Schutz der Südgrenze zu Arabien beauftragt. Jakob Baradai nutzte seine Position als Metropolit, wanderte durch Syrien, gründete Gemeinden und weihte Priester und Bischöfe. Eine neue, nach ihm benannte monophysitische Kirche entstand, die jakobitische Kirche.
Die Lektion aus dem Konzil von Chalcedon: „Bevor ein neues Jahrhundert vergangen war, wurde die bittere Erinnerung an die Erniedrigung, die die nicht-griechisch-römische Kultur in Chalcedon erfahren hatte, in den zwei folgenden Jahrhunderten zu einem allgemeinen Zustand, aufgrund dessen viele Nordafrikaner und Westasiaten dem Christentum absagten, um die Religion des neuen Propheten von Mekka und Medina anzunehmen.“[53]
Shlomo Pines[54] hat aus mehreren christlichen, jüdischen und muslimischen Quellen ausreichend Daten gesammelt, die auf die Existenz einer Form von Monotheismus in den ersten Jahrhunderten hinweisen, die Abraham als Gründer der Religion und Vorbild für alle Menschen darstellen. Bei Tertullian (150–230) finden wir die älteste Erwähnung; er berichtet über eine Diskussion mit einer Gruppe von Menschen, die dem Beispiel Abrahams folgen. Sozomenos (gest. 450), der in Gaza lebte und ein ausgezeichneter Kenner der arabischen Stämme war, spricht in seiner Kirchengeschichte von dem „ismaelitischen Monotheismus“, dem Vorläufer des mosaischen Judentums. Ihr Monotheismus wurde jedoch durch ihre sehr lange Nachbarschaft mit den Heiden korrumpiert und hatte seine ursprüngliche Reinheit verloren. In der letzten Zeit allerdings hatten diese paganisierten Abrahamisten von Judenchristen erfahren, dass sie über Ismael, den Sohn von Hagar, die Nachfahren Abrahams seien, und viele hatten eine jüdische Lebensart übernommen, die nach ihren Vorstellungen der Religion Abrahams entsprechen sollte. Diese Geschichte wird auch von dem armenischen Bischof und Historiker Sebeos im 7. Jahrhundert erwähnt.
Der Koran unterstreicht diese Verbindung. In Vers 67 der dritten Sure heißt es: „Abraham war weder Jude noch Christ; vielmehr war er lauteren Glaubens (hanîf), ein Muslim und keiner derer, die Gott Gefährten geben.“ Im folgenden Vers (3:68) wird die Aussage deutlicher: „Diejenigen Menschen, die Abraham am nächsten stehen, sind wahrlich jene, die ihm folgten, sowie dieser Prophet und die Gläubigen. Und Allah ist der Gläubigen Hort.“ Die Araber, die ihre Abstammung in der „Genesis“ der Bibel entdeckt und akzeptiert hatten, neigten deshalb dazu, die Religion ihres Ahnen Abraham, den reinen unverfälschten Monotheismus, zu befolgen. Der Abrahamismus war eine Form von Monotheismus, die die eigene ethnische Identität der Araber am besten ausdrückte. Er unterscheidet sich nicht sehr von der Auffassung der Judenchristen.
Jehuda Nevo, der jahrelang epigrafische und archäologische Spuren im Negev untersuchte, fand, dass ab der Epoche Sozomenos’ Mitte des 5. Jahrhunderts der Name Abraham immer öfter in den Inschriften auftauchte, was in keinem Verhältnis zu seinem bescheidenen Erscheinen in den hellenistischen Gebieten Syriens steht. Zu demselben Zeitpunkt verschwanden langsam die heidnischen Inschriften, Ende des 6. Jahrhunderts endgültig. Mitte des 7. Jahrhunderts waren auf den Felsen im Negev monotheistische Sprüche zu lesen, wie übrigens in anderen, früher heidnischen arabischen Gebieten in Syrien, Jordanien, dem Irak und dem Hedschas. Das entspricht der Zeit der Entstehung und Herausbildung des Islam. Tausende von Inschriften wurden bis zum Ende des 2. Jahrhunderts der Hidschra, der islamischen Zeitrechnung, gefunden.[55] Das Glaubensbekenntnis, das darin zum Ausdruck kommt, ist weder christlich noch jüdisch, beinhaltet jedoch Elemente, die für beide Religionen akzeptabel sind. Es handelt sich hauptsächlich um Bittgebete, die den Volksglauben reflektieren.
Wegen ihrer unscharfen Konturen nennt Nevo diese Religion „unbestimmter Monotheismus“.[56] Man vermisst nicht nur die Hinweise auf das Christentum und Judentum, sondern auch auf den Islam. Weder Muhammad noch der tawhîd (die Einsheit Gottes) werden erwähnt. Gott wird Allah, aber überwiegend rabb genannt. Die Bezeichnung, die überall anzutreffen ist, heißt „rabb Musa wa ‘Isa“, „Gott der Herr von Moses und Jesus“, das klingt sehr judeo-christlich. Die erste islamische Inschrift stammt aus dem Jahr 112h./730c.,[57] zum ersten Mal wird in einem populären Text Muhammad als Prophet erwähnt; das ist ein Ergebnis, wie wir unten sehen werden, der Reform von Abdel Malik ibn Marwan (685–705).
Die Nähe zwischen Judeo-Christentum und Islam ist inzwischen in der Forschung allgemein bekannt und von einer Mehrheit von Wissenschaftlern anerkannt. Die vielseitige Beziehung des Judeo-Christentums zum Islam bedarf allerdings weiterer Untersuchungen. Manche Äußerungen im Koran z. B. bezüglich der Trinität scheinen verwirrend: „Und wenn Allah sagt: O Jesus, Sohn der Maria, hast du zu den Menschen gesagt: ‚Nehmet mich und meine Mutter als zwei Götter neben Allah an?‘“ (5:116) Man weiß nicht genau, auf welche Tradition der Koran sich beruft. Bekanntlich ist der Heilige Geist der Dritte in der Trinität und nicht Maria. Das war auch die Auffassung aller christlichen Zeitgenossen Muhammads, ob hellenisierte Christen oder monophysitische Orientalen. Der Prophet scheint offensichtlich in einem Milieu aufgewachsen zu sein, in dem er mit Juden und Judenchristen zusammentraf. Im Koran sind die Spuren der mehrheitlichen Christen sehr knapp; seine Auseinandersetzung und Polemik mit den Juden ist ausführlich und eher von einem judeo-christlichen Standpunkt. Jesus wird als Gesandter nur für die Juden dargestellt, in seiner Bedeutung folgt er Moses und wird als Mensch betrachtet. Moses wird im Koran 153 Mal erwähnt, Jesus 25 Mal. Materialien aus dem Neuen Testament kommen lediglich in acht Suren vor, aus dem Alten Testament in fast allen Suren des Korans.[58] Patricia Crone, die das Thema behandelte, kommt zu dem Schluss: „Kurz gesagt, die Sicht des Gesandten von Jesus suggeriert, dass sie von einer Gemeinde beeinflusst wurde, in der Jesus zwar verehrt wird, aber Abraham der vorbildliche Prophet bleibt. Diese Beschreibung trifft nur auf die Judenchristen zu.“[59]
In den ersten Jahrhunderten vor der Festlegung des Dogmas der Trinität auf der Synode von Nicäa 325 bestand das Christentum aus zwei Lagern: Das eine betrachtete Jesus als den inkarnierten Gott, wobei die Beziehung zwischen der menschlichen und göttlichen Natur in Jesus noch nicht festgelegt war. Das andere Lager betrachtete Jesus als Menschen, der wegen seiner Bewährung von Gott als Tempel für seinen Geist (Logos) auserwählt wurde. Diesen Geist nannte man Christus, er war präexistent. Keine Einigkeit bestand darüber, ob die Inkarnation Christus mit der Taufe Jesu oder schon bei seiner Geburt stattfand. Zu dem zweiten Lager gehörten die meisten Judenchristen; genau wie die meisten Orientalen befolgten sie die Adoptionstheorie des dynamischen Monarchianismus. Patricia Crone findet die Bezeichnung eher vernebelnd statt erklärend und verwendet einen eigenen Begriff: „Gast-Christologie“ (host christology).
Crone verteidigt den Standpunkt derjenigen, die von einem einzigen Evangelium in verschiedenen Versionen für die drei judeo-christlichen Sekten sprechen. Es soll das von Elchasai verfasste Evangelium der Hebräer sein, das auf dem Evangelium von Matthäus beruht und adoptionistische christologische Ergänzungen beinhaltet. Im Neuen Testament steht in den drei synoptischen Evangelien bezüglich der Taufe bei Johannes dem Täufer, nachdem Jesus aus dem Wasser ausstieg, übereinstimmend: „Eine Stimme ertönte aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ In der Version der Ebioniten heißt es: Als der Herr aus dem Wasser kam, stieg der Geist Gottes auf ihn herab und sagte ihm, dass er in allen Propheten auf ihn wartete, jetzt, wo er gekommen ist, kann er in ihm für die Ewigkeit wohnen, er ist sein erstgeborener Sohn. Die Versionen der beiden anderen judeo-christlichen Sekten weichen davon wenig ab. Die Nazoräer glaubten, der Geist Gottes sei in allen Propheten moderat, in Jesus aber voll hinabgestiegen. Die Hebräer, auch Elchasaiten genannt, weil sie seinem Evangelium folgten, glaubten, dass alle Propheten letzten Endes identisch waren, bewohnt vom selben göttlichen Geist. Sie brachten dieselbe Botschaft hervor, nur der letzte Prophet aber sei der Messias, in dem der Geist Gottes für die Ewigkeit weilen wird. Elchasai war ein Judenchrist, der in Mesopotamien im Reich der Parthen lebte und 116 bis 117 sein Buch, bekannt als das Evangelium der Hebräer, auf Aramäisch verfasste. Ein Jahrhundert später wurde das Buch auf Griechisch übersetzt und erreichte Palästina und Rom, wo es die Aufmerksamkeit der Väter der Kirche auf sich zog.[60] Jahrhunderte später erfahren wir im Koran: „Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer, sondern Allahs Gesandter und das Siegel der Propheten.“
Die Religionskritik begann mit der Philosophie, die ausschließlich griechisch war. Martin Heidegger schreibt: „Die Philosophie ist im Ursprung ihres Wesens von der Art, dass sie zuerst das Griechentum, und nur dieses, in Anspruch genommen hat, um sich zu entfalten.“[61] Die Philosophie konfrontierte den Mythos mit der Vernunft und entwickelte eine Gotteslehre mit monotheistischen Tendenzen, um das Verhältnis zwischen der geistigen und der materiellen Welt zu erklären. Das Christentum, das mit der Inkarnation Gottes als Christus die Beziehung zwischen Jenseits und Diesseits zu lösen glaubte, schaffte das schwere Problem des Verhältnisses zwischen der göttlichen und menschlichen Natur in Jesus. Die Kirchenväter begannen, die Glaubensinhalte mit dem Mittel philosophischer Begrifflichkeit und Theorien zu erläutern, zu verteidigen, aber auch zu begründen. So entstand das hellenisierte Christentum, das die Untersuchung des Glaubens mit der Vernunft zu einer Disziplin erhoben hat: die Theologie. Das hellenisierte Christentum breitete sich im Westen aus und grenzte sich mit den Konzilen von Nicäa (325) und Chalcedon (451), die die zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar in Christus beschlossen bzw. bestätigt haben, von den Orientalen ab.
Diese Art von Dualismus hat die überwiegende Mehrheit der orientalischen Christen nicht akzeptiert. Für die Monophysiten, entstanden als Reaktion auf das Dogma von Chalcedon, ist Jesus in allen seinen Handlungen einfach der inkarnierte Gott. Vorher wurden nach der Synode von Nicäa alle Christen, die dem Adoptionismus anhingen, ausgegrenzt und zu Häretikern erklärt. Sie betrachten Jesus als erschaffenen Menschen, der wegen seiner Bewährung von Gott für seine Inkarnation auserwählt wurde. Dass der göttliche Geist in Jesus wie in einem Tempel wohnte, glaubten nicht nur die syro-aramäischen Adoptionisten, sondern auch die drei Sekten der Judenchristen. Unter den Arabern im südlichen Palästina, in Jordanien und dem Hedschas war eine abrahamitische Religion verbreitet, die ab dem 5. Jahrhundert eng an das Judenchristentum angelehnt war. In diesem Milieu soll der Islam entstanden sein.
Die Rede von islamischer Theologie setzt selbstverständlich die Existenz einer Religion voraus. Vor allem ist die Geschichte ihrer Entstehung von Bedeutung, weil sie über die neuen theologischen Gegebenheiten aufklärt, die eine neue Religion rechtfertigen. Eine grundsätzliche Frage wurde aber bis heute nicht geklärt: Seit wann gibt es den Islam? Josef van Ess (geb. 1934), der weltweit bedeutendste Forscher auf dem Gebiet der islamischen Theologie und Philosophie, der sein Hauptwerk „Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra“ zwischen 1991 und 1997 in sechs Bänden veröffentlichte, gab 2010 in einem Interview folgende Antwort: „Diese Frage ist überhaupt nicht zu beantworten. Zumal man ja schon unterschiedlicher Meinung darüber ist, seit wann es den Koran gibt. Eines ist klar: Als es den Koran gab, gab es noch lange nicht den Islam.“ Weiter sagte er: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Islam von Muhammad noch gar nicht intendiert war. Anfangs wird bloß eine Gemeinde gebildet, die sich eines besonders sittlichen oder frommen Lebenswandels befleißigen soll und die sich als ‚die Gläubigen‘ bezeichnet: ‚al-Mu’minûn‘.“
