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Das Netz der Mullahs – Wie der Iran den Westen herausfordert Der renommierte Islam-Experte Ralph Ghadban legt in diesem brisanten Sachbuch offen, wie das Regime in Teheran seine Macht weit über die Landesgrenzen hinaus ausdehnte. Seine Analyse setzt ein beim Kampf um das Erbe des Propheten Muhammad zwischen Sunniten und Schiiten und erklärt, wie sich nach der Absetzung des Schahs während der Islamischen Revolution und dem Aufstieg Ayatollah Khomeinis das Mullah-Regime festigen konnte. Ghadban benennt darüber hinaus die heutigen Strukturen des politischen Islam, die Rolle der Mullahs und die gefährlichen Netzwerke, die Europa herausfordern und den Nahen Osten seit Jahrzehnten destabilisieren. Darin wird klar, dass die wahre Macht im Iran schon lange nicht mehr bei den Mullahs selbst liegt. Die Revolutionsgarden sind die eigentlichen Strippenzieher hinter der Fassade des Gottesstaats. Dieses Buch liefert fundiertes Hintergrundwissen zu den aktuellen Entwicklungen im Iran sowie den dort vorherrschenden Islamismus und Fundamentalismus. Und es zeigt die geopolitischen Strategien des schiitischen Machtzentrums, das nun selbst durch die Massenproteste unter Druck geraten ist. Ghadban erklärt, wie das Regime Terrororganisationen unterstützt, Einfluss auf westliche Gesellschaften nimmt und welche sicherheitspolitischen Risiken daraus entstehen. Für alle, die die aktuellen Konflikte verstehen wollen, bietet »Das Netz der Mullahs« den nötigen Hintergrund.
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Seitenzahl: 457
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ralph Ghadban
Das Netz der Mullahs
Der Iran und der politische Islam der Schiiten
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2026
Hermann-Herder-Straße 4, 79104 Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
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ISBN Print 978-3-451-03586-9
ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-83938-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-451-84147-7
Einführung
Kapitel I. Politik und Religion
Die Quellen
Die Tradition
Das Herrschaftssystem
Der Kampf um die Beute
Der Streit um die Macht
Die Mawâli
Kapitel II. Die Religion der Verlierer
Der Kampf um die Erbfolge
Die Niederlage der Aliden
Die Sunniten und der Koran
Die Schiiten und die Fälschung des Korans
Der Imam neben dem Propheten
Die Schiiten
Die Zwölferschia
Die Zaiditen
Die Fatimiden
Die Nizariten
Die Drusen
Die Qarmaten
Die Nusairis
Die klassische Periode
Die sunnitische Restauration
Kapitel III. Der Iran als schiitischer Staat
Die Mongolen
Die Safawiden
Der Schiismus und die Reformen
Die Libanesen und der Aufbau der religiösen Institution
Die Sklavenarmee: die Ghulâm
Kapitel IV. Der Gelehrte und der Schah
Die politische Entwicklung
Die religiöse Entwicklung
Rationalisten und Traditionalisten
Die Verselbständigung der Gelehrten
Die Frage der Koranfälschung
Kapitel V. Der Iran und die Moderne
Der Iran und der Westen
Die Kolonialpolitik
Russland und Großbritannien
Der westliche Imperialismus
Der Aufstand 1890
Die Modernisierung
Kapitel VI. Die Zeit der Revolutionen
Die Revolution 1905
Islam und Demokratie
Die Zerschlagung der Revolution
Rückkehr und Scheitern der Konstitutionalisten
Kapitel VII. Die Pahlevi-Dynastie
Das Ende der Qadjarendynastie
Der Aufstieg Reza Khans
Der Nationalstaat
Die Verdrängung der Mullahs
Reaktionen der Mullahs
Kapitel VIII. Muhammad Reza Pahlevi
Der Zweite Weltkrieg
Die liberale Phase 1941–1953
Mossadeqs Revolution
Der Wiederaufstieg der Mullahs
Kapitel IX. Der Weg zur Revolution
Die Reformen
Khomeini
Khomeini als Anführer der Opposition
Wilâyat al-faqîh
Khomeini und die arabischen Islamisten
Khomeini und die Amal
Khomeini und die Muslimbrüder
Kapitel X. Die Islamische Revolution
Die gescheiterte Modernisierung
Khomeini und die Linke
Die Guerilla
Die Revolution
Kapitel XI. Die Herrschaft der Mullahs
Die Täuschung
Der Sieg der Mullahs
Terror als Politik
Kapitel XII. Die Hisbollah
Die Entstehung der Hisbollah
Ein Staat im Staat
Die Eroberung des Staates
Kapitel XIII. Der Iran als Terrorstaat
Die Revolutionsgarde (IRGC)
Die Reformer
Wilâyat al-faqîh und die IRGC
Weltherrschaft und Untergang
Ausgewählte Bibliographie
Anmerkungen
Über den Autor
„Im Denken Mohammads (ebenso wie im Denken seiner Gegner) war die neue religiöse Gemeinschaft schon lange als eine politisch organisierte Gemeinschaft gedacht worden, nicht als eine Kirche innerhalb eines säkularen Staates. In seinen Darlegungen der prophetischen Geschichte war dies ein wesentlicher Bestandteil des göttlichen Plans bei der Sendung von Propheten“, schreibt der Islamwissenschaftler Hamilton Gibb in seinem Buch Mohammedanism.1 Die Muslime haben den Islam immer als Leitung Gottes für ihre Seeligkeit im Dieseits und im Jenseits betrachtet: al-islam dîn wa dunia – der Islam ist Religion und Welt, hieß es. Daher war die Befolgung der Offenbarung Gottes im Koran, aus deren Normen die Scharia abgeleitet wurde, unerlässlich für das Heil der Menschen.
In der Moderne stellte sich infolge des Kontakts mit den Europäern die Frage des Säkularismus. Wie viel Religion verträgt die Politik? Die Muslime reagierten unterschiedlich. Manche wollten ihre Religion an die Moderne anpassen – das waren die Nationalliberalen. Andere lehnten die Moderne ab, sie wollten den reinen Islam der Altvorderern nachahmen – das waren die Islamisten. Doch letztendlich wollten beide Richtungen die alte Glorie ihrer Zivilisation wiederbeleben. Nach der Abschaffung des Kalifats im Jahr 1924 durch Mustafa Kemal Atatürk spitzte sich die Konfrontation zwischen beiden Lagern zu. Die Islamisten, verkörpert in der 1928 entstandenen Muslimbruderschaft, prägten einen neuen politischen Slogan. Es hieß nicht mehr, der Islam sei dîn wa dunia (Religion und Welt), sondern dîn wa dawla (Religion und Staat), man wollte schließlich das Kalifat wiederherstellen. Das war der sogenannte politische Islam. Hassan al-Banna, der Gründer der Muslimbruderschaft, formuliert dies häufiger, z. B. auf dem fünften Kongress der Bewegung 1938: „Wir glauben, dass die Bestimmungen des Islam und seine Lehre die Angelegenheiten der Menschen im Diesseits und im Jenseits betreffen. Wer glaubt, diese Lehren hätten nur mit dem Gottesdienstlichen und Spirituellen zu tun, irrt sich. Der Islam ist eine Glaubenslehre und Gottesdienst, eine Heimat, eine Staatsangehörigkeit, eine Religion und ein Staat, Geist und Praxis, Buch und Schwert.“2
Zuvor hatte der Nationalliberale Ali Abdel Raziq 1924 in seinem Buch Der Islam und die Grundlagen des Regierens von dem Islam und der Gemeinschaft (al-islam wa-l-umma) geschrieben. Er sprach hier von einer Religion und ihrer Religionsgemeinschaft, die an keinen Staat gebunden ist und keine politischen Ansprüche besitzt, weder das Kalifat noch der islamische Staat seien im Islam religiös begründet, betonte er. Der erste Teil seiner These ist richtig, denn trotz der vielen Normen haben wir im Koran keine Vorgaben für ein Verfassungsrecht. Die drei Verse über die Beratung, schûra, (2:333, 3:159 und 42:38) und der eine Vers (4:59) über den Gehorsam gegenüber den Herrschenden machen keinen Staat. Der Gehorsam gegenüber dem Propheten, der in vielen Versen vorkommt, bezieht sich auf seine Qualität als Gesandter Gottes, sie ist nicht vererbbar.
Der zweite Teil seiner These ist zweifelhaft, sie wird vom Koran widerlegt und stellt den misslungenen Versuch dar, eine Trennung zwischen Religion und Politik im Islam zu erzwingen. Im Koran ist die Rede von einer islamischen Gemeinschaft (umma), die von Gott ausgewählt ist, um alle anderen Menschen zu unterwerfen. Zwar geht es nicht um ein politisches System, aber ganz gewiss um ein Herrschaftssystem (Kapitel I). Die Forschung zum frühen Islam dreht sich also nicht um die Frage, ob Religion und Politik getrennt sind, sondern darum, ob die Politik den Islam erzeugt hat oder umgekehrt; es geht um die Frage der politischen Religion. Egal, wer in dieser Debatte recht hat, im Fall des Schiismus besteht kein Zweifel über die Reihenfolge. Mit dieser islamischen Sekte, die eher eine selbständige Religion ist, haben wir eine politische Bewegung vorliegen: die Anhänger Alis, die Aliden, die sich nach ihrer Niederlage in Karbala im Irak eine Religion erschaffen haben. Der Schiismus in allen seinen Varianten wurde zur Ideologie der Opposition. Viele Gruppierungen wie die Zaiditen, Fatimiden, Nizariten usw. enstanden. Die Gelegenheit, die Welt des Islam zu beherrschen und zu prägen, haben sie allerdings alle verpasst. Die sunnitische Restauration warf sie Jahrhunderte zurück (Kapitel II).
Mit den Safawiden wurde ein schiitischer Staat errichtet, Gelehrte aus dem Libanon wurden geholt, um die Kaste der Mullahs zu organisieren. Die politische Macht schaffte ihr religiöses System (Kapitel III). Das hatten die Sunniten bereits im 8. Jahrhundert getan, wobei es ihnen aber gelungen war, die Gelehrten im Dienst der Politiker zu halten. In Persien hingegen konkurrierten die Mullahs mit dem Schah um die politische Macht (Kapitel IV). In der Moderne gelang es den Mullahs zur Kolonialzeit, eine selbständige Institution zu werden, die sich als Gegenmacht zum Schah etablieren konnte (Kapitel V). Ende des 19. Jahrhunderts kontrollierten die Mullahs die Macht – und scheiterten damit (Kapitel VI). Reza Schah Pahlevi versuchte, einen modernen Nationalstaat nach dem Vorbild der Türkei zu gründen und verdrängte die Mullahs (Kapitel VII). Die Alliierten beendeten sein Experiment, sie zwangen den Iran im Kalten Krieg in die Rolle eines Handlangers des Westens. Sie fürchteten die Befreiungsbewegung säkularer Nationalisten wie Muhammad Mossadeq und sympathisierten mit den Mullahs, die gegen die Kommunisten waren, was zum Wiederaufstieg der Mullahs führte (Kapitel VIII). Dank der Schwächung der Nationalisten und anderer Säkularisten waren es die Mullahs, die die Opposition gegen den Schah anführten (Kapitel IX).
Als der Widerstand gegen den Schah wuchs, ließ der Westen ihn fallen, die Mullahs kamen an die Macht (Kapitel X). Sie beseitigten alle ihre Mitstreiter und herrschten am Ende allein (Kapitel XI). Ihr bewaffneter Arm im Nahen Osten und der Welt wurde die Hisbollah (Kapitel XII), im Iran nahm von Anfang an die Revolutionsgarde diese Funktion ein. Sie steht angeblich im Dienst der Mullahs, weshalb von einer Theokratie gesprochen wird, was irreführend ist. Im Iran ist es inzwischen umgekehrt: Die Mullahs stehen im Dienst der Revolutionsgarde, längst hat sich hier eine Militärdiktatur etabliert (Kapitel XIII).
Unser Wissen über die Entstehung des Islam verdanken wir ausschließlich islamischen Quellen. Diese wurden über zweihundert Jahre nach den Ereignissen, über die sie berichten, in Schriftform niedergelegt. Und in dieser Zwischenzeit war viel geschehen. Ein riesiges Reich war entstanden, der Kampf um Macht und Reichtum hatte zu mehreren Bürgerkriegen geführt, und die Gemeinschaft der Muslime hatte sich in Parteien und Sekten gespalten. Jede Partei versuchte, die eigenen Ansprüche religiös zu begründen, und schilderte die Geschichte zu ihren Gunsten. Dann kam es zu einer umfassenden Revolution. Nach hundert Jahren Herrschaft wurde im Jahr 750 die Dynastie der Umayyaden von der Dynastie der Abbasiden hinweggefegt und ihre Familienmitglieder ausgerottet. Die Sieger versuchten, die umayyadische Darstellung der Geschichte zu verwischen. Da die Redaktion der islamischen Werke nun aber unter der Aufsicht der Abbasiden geschah, standen diese Werke generell unter dem Verdacht der Parteilichkeit.
Dazu kommt, dass sehr lange die mündliche Tradition vorherrschte, schriftliche Dokumente hingegen eher selten waren und noch nicht als ausschlaggebende Beweise dienten. Als Form der Weitervermittlung alles Vergangenen – ob Politik, Kultur oder Religion – galt das Mündliche in der Form von Überlieferung (hadîth), Nachricht (khabar) oder Bericht (riwâya). Das einzige Schriftdokument auf Arabisch war bislang der Koran. Die ältesten gefundenen Manuskripte bestehen aus Koranfragmenten, die 1972 auf dem Dachboden der Großmoschee von Sanaa im Jemen gefunden wurden. Die ältesten Fragmente stammen vom Ende des 7. Jahrhunderts und entsprechen noch nicht der heute gültigen Form.1 Die arabische Schrift, die sich langsam aus der nabatäisch-aramäischen Schrift entwickelte, hatte ihre Reife noch nicht erreicht. Konsonanten und diakritische Punkte fehlten, für die 28 Buchstaben des Alphabets standen lediglich 15 Zeichen zur Verfügung, das geschriebene Wort konnte unterschiedlich gelesen werden. Die sicherste Form der Überlieferung war die mündliche. Da die Lesung unterschiedlich ausfallen konnte, werden von den Muslimen noch heute offiziell sieben bis vierzehn Lesarten des Korans akzeptiert.
Aus all diesen Gründen verwundert es nicht, wenn in den Werken für fast jedes Ereignis mehrere Versionen nebeneinanderstehen. Wenn wir bei unserem Blick auf die Geschichte die nichtislamischen Quellen der eroberten Völker in Betracht ziehen,2 dann staunen wir, dass dort bis Mitte des 8. Jahrhunderts nirgendwo die Rede vom Islam und den Muslimen ist. Die Quellen berichten über wilde, unzivilisierte Beduinen, die aus der Wüste kamen. Sie nennen sie Ismaeliten, Hagarener, Sarazenen, muhadjirûn, tayaye oder Araber.3 Diese würden die Menschen berauben, töten oder versklaven, heißt es; die Quellen berichten also über die politische Eroberung und ihre negativen Begleiterscheinungen.
Theologisch nahmen die Christen keinen großen Anstoß am Glauben der Eroberer, die den Monotheismus betonten, die Trinität ablehnten und Jesus als Mensch betrachteten. Viele christliche Sekten taten dies bereits seit Jahrhunderten und wurden von den Orthodoxen als Häretiker bezeichnet.4 Das könnte erklären, warum die Eroberten nicht auf die Idee kamen, einen religiösen Aufstand gegen ihre Eroberer anzuzetteln. Der letzte Kirchenvater Johannes von Damaskus, der viel Ahnung vom Islam hatte, weil er für mehrere Jahre die Nachfolge seines Vaters Sergius als Finanzminister des Kalifen Abdel Malik ben Marwan (685–705) und seines Nachfolgers al-Walid (705–715) antrat, geht in seinem Werk Quelle des Wissens (743) auf die hundert christlichen Häresien ein. Als hundertste und letzte nennt er die der Ismaeliten. Die Begriffe Islam und Muslime kommen in seiner Abhandlung nicht vor.
Offensichtlich diente Johannes einem Dienstherrn, ohne zu bemerken, dass dieser eine neue Religion hatte. Johannes behauptet, dass Muhammad ein Pseudoprophet und nicht von Gott inspiriert sei und dass er seine Lehre von einem arianischen Mönch übernommen habe. Der Arianismus war eine christliche Häresie, die die Göttlichkeit Jesu leugnete, was möglicherweise darauf hindeutet, dass Johannes den islamischen Glauben in eine ähnliche Richtung einordnete. Er erwähnt Suren im Koran, die heute nicht mehr existieren, und gibt den Christen theologische Ratschläge für die Diskussion mit Häretikern.
Diese außerislamischen Quellen informieren zwar über die Ereignisse, sie liefern aber leider nur dürftige Informationen, wenn es um Personen geht, vor allem in der Eroberungsphase. Der erste Hinweis auf die historische Existenz Muhammads finden wir in der sogenannten Doctrina Jacobi,5 wo ein Jude die Attacken der Sarazenen im Süden Palästinas erklärt. Sie würden, so heißt es hier, von einem falschen Propheten angeführt, denn Propheten würden nicht mit Schwertern bewaffnet erscheinen und vergössen kein Blut. Dieser Prophet verkünde die baldige Ankunft des Messias Christus und behaupte, die Schlüssel des Paradieses zu besitzen. Der Bericht stammt aus dem Jahr 634. Von anderen Berichten wissen wir, dass die Sarazenen die eilig zusammengestellte Garnison von Gaza mit fünftausend Mann vernichtend geschlagen haben. Die islamische Tradition datiert den Tod von Muhammad auf das Jahr 632, es scheint aber, dass er zwei Jahre nach seinem Tod noch immer in Südpalästina kämpfte.
Die Islamwisenschftlerin Patricia Crone fasst unser Wissen über Muhammad zusammen:6 Seine Existenz als historische Figur ist ausreichend belegt. Sein Glaube ist im Koran überliefert, wobei dessen Inhalt unklar, brüchig und voller Andeutungen ist. Bis heute können die muslimischen Gelehrten bis zu einem Drittel des Korans nicht eindeutig erklären. Der Koran liefert keine Informationen über Muhammad. Seine Hinweise über die Landschaft seiner Entstehung im Hidjaz sind verwirrend. Da ist die Rede von einer Landwirtschaft mit Weizen, Trauben und Oliven, Produkten, die weit im Norden angebaut werden. Außerdem ist Mekka eine öde Gegend, nicht einmal eine Oase. Mekka wurde vor dem Islam nirgendwo erwähnt, und selbst nach dessen Entstehung blieb es völlig irrelevant, die erste Münze in der Stadt wurde zweihundert Jahre nach den Eroberungen geprägt. Deshalb spricht Crone vom Hidjaz als terra incognita, der Kontext für das Leben des Propheten und seiner Botschaft ist völlig unbekannt.
Beim fehlenden Kontext werden wir uns in unserer Behandlung der Frage von Religion und Politik an die islamische Tradition halten. Diese mündliche Tradition war bemüht, das sich im Entstehen befindende islamische Recht und die Entwicklung der Glaubenslehre zu rechtfertigen bzw. zu gestalten sowie die Ansprüche der sich um die Macht streitenden Parteien zu legitimieren. Als sich im 9. Jahrhundert die Tradition infolge ihrer schriftlichen Fixierung stabilisierte, war der alte fehlende koranische Kontext durch einen neuen ersetzt worden.7 Wir werden uns an diesen Kontext halten, da er die Perspektive der Muslime, die in einem fest etablierten islamischen Großreich lebten und selbstbewusst auf ihre Geschichte und Religion zurückblickten widerspiegelt. Das gilt gleichermaßen für Sunniten wie auch für Schiiten. Zwar entwickelten die Schiiten später als Pendant zur Herrschaft des sunnitischen Kalifats ihre Imamat-Theorie, sie behielten jedoch dieselben theologischen Grundlagen und denselben politischen Charakter der Religion.
Eine weitverbreitete Meinung unter Orientalisten sieht in Abdel Malik ben Merwan den Begründer des Islam im neuen Kontext. Er hat die Verwaltungssprache arabisiert, den Felsendom gebaut, den Koran reformiert und den arabischen Dinar geprägt. Unter seiner Herrschaft erscheint der Name Muhammad auf Grabsteinen und Münzen. Bislang war nur die Hälfte des Glaubensbekenntnisses (schahâda) erwähnt worden, nämlich: „Es gibt keinen Gott außer Allah“, nun kam die zweite Hälfte dazu: „Muhammad ist sein Prophet.“
Eines ist aber sicher, Abdel Malik war bemüht, das Rechtssystem nach den Vorgaben des Korans auszurichten. Ein Prozess, der erst in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts unter den Abbasiden gelang. Er begann damit, fromme Leute mit religiösen Kenntnissen ins Richteramt zu holen – das islamische Recht bzw. die Scharia existierte noch nicht –, die nach den Vorgaben des Korans, der noch nicht kanonisiert war, Recht sprechen sollten. Sie merkten schnell, dass der Koran widersprüchliche Aussagen beinhaltet, und sie wussten nicht, welche für die Rechtsprechung verbindlich sein sollten. Um das Problem zu lösen, erfanden sie die Wissenschaft der Abrogation (al-nâsekh wa-l-mansûkh).
Schon zu Lebzeiten Muhammads hätten seine Zuhörer die Widersprüche seiner Botschaft festgestellt. Gott habe deswegen einen Vers herabgesandt, der besagt: „Wenn wir einen Vers tilgen oder in Vergessenheit geraten lassen, bringen wir dafür einen besseren oder einen, der ihm gleich ist. Weißt du denn nicht, dass Gott zu allem die Macht hat?“ (2:106) Dieser Vers dient als Grundlage der Wissenschaft der Abrogation und rechtfertigt ihre Interpretationen. Die ältesten Schriften zum Thema Abrogation, die die Tradition im 9. Jahrhundert erwähnt, stammen von Qutâda (gest. 736), al-Zuhri (gest. 741) und al-Khurasâni (gest. 752). Die Sterbedaten der Autoren deuten auf die Zeit hin, in der Lösungen gesucht wurden. Auch wenn keine Bücher von ihnen existieren, werden ihre Aussagen in späteren Schriften wiedergegeben.
Um die Abrogation zu veranschaulichen, nehmen wir das Beispiel von Wein (khamr) und seinem Verbot, das mit fünf Versen im Koran behandelt wird. Ein Vers besagt: „Und (wir geben euch) von den Früchten der Palmen und Weinstöcke (zu trinken), woraus ihr euch einen Rauschtrank macht, und (außerdem) schönen Unterhalt.“ (16:67) Weintrinken wird hier positiv geschätzt. Der nächste Vers warnt jedoch die Gläubigen, betrunken zum Gebet zu kommen (3:43). Dann wirkt Gott unentschieden, Weintrinken ist eine schwere Sünde, manchmal aber auch nützlich (2:219). Am Ende wird der Alkohol verboten (5:90). Die Reihenfolge erklären die Gelehrten mit dem pädagogischen Wirken Gottes, der stufenweise dem Menschen das Verbot beibringt.
Das Verbot gehört zum Recht Gottes (hudûd), das verpflichtend ist. Die Strafe muss vollzogen und kann von den Menschen nicht annulliert werden. Gott hat im Koran aber kein Strafmaß erwähnt, was die Gelehrten bis heute beschäftigt. Dagegen hat Gott den Weinkonsum im Jenseits wieder erlaubt: „Das Paradies, das den Gottesfürchtigen versprochen ist, ist so beschaffen: In ihm sind Bäche mit Wasser, das nicht faul ist, andere mit Milch, die (noch) unverändert (frisch) schmeckt, andere mit Wein, der zu trinken ein Genuss ist, und (wieder) andere mit geläutertem Honig.“ (47:15)
Um diese Inkohärenz im Koran zu erklären und ihre Interpretationen zu begründen, erfanden die muslimischen Gelehrten eine weitere Wissenschaft, die die Umstände der Offenbarung untersuchen soll (asbâb al-nuzûl). Sie kamen zu dem Schluss, dass es im Koran zwei Perioden gibt. Die erste ist die mekkanische, wo Muhammad dreizehn Jahre gepredigt hat, die zweite ist die medinensische, in der er im Laufe von zehn Jahren die erste politische Gemeinschaft der Muslime gebildet und Arabien unterworfen hat.
In der ersten Periode hatten Muhammad und seine ca. hundert Anhänger keine Macht. Deshalb war die Anwendung von Gewalt verboten. Die verkündete Botschaft war friedlich, tolerant, sogar freundlich: „Sag: Wir glauben an Gott und (an das) was (als Offenbarung) auf uns, und was auf Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und die Stämme (Israels) herabgesandt worden ist, und was Mose, Jesus und die Propheten von ihrem Herrn erhalten haben, ohne dass wir bei einem von ihnen (den anderen gegenüber) einen Unterschied machen. Ihm sind wir ergeben.“ (3:84) Die Glaubensfreiheit wurde toleriert, die Ungläubigen werden von Gott zur Rechenschaft gezogen, Muhammad ist nur ein Warner und hat nicht über sie zu richten.
In der medinensischen Periode wird Vers 3:84 von folgendem Vers abrogiert: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten!“ (9:29) Die Leute der Schrift, d. h. die Christen und die Juden, müssen jetzt unterworfen werden und Kopfsteuer bezahlen. Mit Vers 9:5 sind die Glaubensfreiheit und die Rechenschaft vor Gott im Jenseits vorbei, abgerechnet wird im Diesseits. Es heißt: „Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, dann lasst sie ihres Weges ziehen! Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben.“
Vers 9:5 wird Schwertvers genannt, er hat allein 124 tolerante Verse getilgt. Unter diesen toleranten Versen befindet sich auch Vers 29:46, mit dem manche Muslime für den interreligiösen Dialog werben. Er lautet: „Und streitet mit den Leuten der Schrift nie anders als auf eine möglichst gute Art (oder: auf eine bessere Art) – mit Ausnahme derer von ihnen, die Frevler sind! Und sagt: ‚Wir glauben an das, was (als Offenbarung) zu uns und was zu euch herabgesandt worden ist. Unser und euer Gott ist einer. Ihm sind wir ergeben.‘“ Er wurde aber von vielen Gelehrten auch abrogiert.
Befand sich der Islam in Mekka in einer Reihe mit anderen monotheistischen Religionen, so steht er in Medina über ihnen und knüpft direkt an Abraham an. „Abraham war weder Jude noch Christ. Er war vielmehr ein Hanif, ein Muslim und kein Heide.“ (2:143) Weiter: „Als (einzige wahre) Religion gilt bei Gott der Islam.“ (3:19) Und schließlich heißt es: „Ihr (Gläubigen) seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist. Ihr gebietet, was recht ist, verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Gott. Wenn die Leute der Schrift (ebenfalls) glauben würden (wie ihr), wäre es besser für sie. Es gibt (zwar) Gläubige unter ihnen. Aber die meisten von ihnen sind Frevler.“ (3:110) Damit ist der Übergang von einer Religion in Mekka zu einem politischen Herrschaftssystem in Medina geebnet.
Neben der Erhöhung der Religion und ihrer Gläubigen finden auch Schritte statt, die das politische Herrschaftssystem begründen. Erstens wird die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, verfestigt. Neben ihrer religiösen Überlegenheit soll die religiöse Bindung Vorrang vor der Blutbindung zu Familie und Stamm haben: „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht eure Väter und eure Brüder zu Freunden, wenn sie den Unglauben dem Glauben vorziehen!“ (9:23) Die Umma soll sich von den anderen abgrenzen: „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht Leute zu Vertrauten, die außerhalb eurer Gemeinschaft stehen!“ (3:118) Oder: „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden!“ (4:144) Oder auch: „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden und Beschützern!“ (5:51) Die Muslime sollen unter sich bleiben: „Und die gläubigen Männer und Frauen sind untereinander Freunde und Beschützer.“ (9:71)
Als Muhammad nach Medina kam, traf er ein Arrangement mit den lokalen Stämmen, in dem die Gemeinschaft der Muslime wie ein Stamm unter Stämmen auftrat. Diese Vereinbarung wird von manchen fälschlicherweise Verfassung von Medina genannt. Zweitens wird die Führung der Umma geregelt, die der Prophet übernimmt. In ca. vierzig Versen werden die Muslime aufgefordert, Gott und seinem Propheten zu gehorchen, ein schwieriges Unterfangen in einer segmentierten tribalen Gesellschaft. In einem Vers wird der Kreis erweitert: „O die ihr glaubt, gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und den Befehlshabern unter euch.“ (4:49) Die Auswirkungen dieses Verses sind bis heute verheerend. Er hat alle möglichen Despotien legitimiert. In einer Überlieferung (hadîth) sagt der Prophet: „Wer mir gehorcht, der hat Gott gehorcht, und wer mir nicht gehorcht, ist Gott gegenüber ungehorsam geworden. Und wer dem Emir gehorcht, hat mir gehorcht, und wer dem Emir nicht gehorcht, ist mir gegenüber ungehorsam geworden.“ Die Salafisten akzeptieren deshalb eine muslimische nichtreligiöse Herrschaft wie z. B. die der Familie ibn Saud in Saudi-Arabien und der Emire am Golf, solange sie für die Anwendung der Scharia sorgen. Während die radikalen Sunniten das Kalifat anstreben, warten die Schiiten auf die Rückkehr des Imam al-Mahdi.
Die dritte Grundlage des Herrschaftssystems ist der Djihâd. Einmal in Medina eingetroffen, wird den Muslimen erlaubt, Gewalt anzuwenden: „Die Erlaubnis (sich zu verteidigen) ist denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah.“ (22:39) Bald ging Gott von der Defensive in die Offensive über und machte den Djihâd zu einer Pflicht: „Euch ist vorgeschrieben, (gegen die Ungläubigen) zu kämpfen, obwohl es euch zuwider ist.“ (2:216) So wird er auf den Rang anderer fundamentaler religiöser Pflichten wie z. B.: „Euch ist das Fasten vorgeschrieben“ (2:182), gehoben. Der Djihâd ist ein Hauptthema in der medinensischen Periode. Die Zahl der Verse, die den Djihâd bzw. den Krieg (harb) und den Kampf (qitâl) behandeln, liegt bei ca. 164. Innerhalb von zehn Jahren hatten die Muslime 65 Razzien gestartet, 27 davon hat Muhammad persönlich angeführt und in neun hat er direkt gekämpft.
Die Gelehrten unterschieden später zwischen dem großen Djihâd – das ist der Kampf mit sich selber, um ein guter Gläubiger zu werden – und dem kleinen Djihâd, der den Kampf gegen die Ungläubigen vorschreibt. Letztere Pflicht ist allgemein und betrifft nicht jeden (fard kifâya), wenn der Schutz der Gemeinschaft von genug Muslimen wie z. B. einer ständigen Armee gewährleistet wird. Bei großer Gefahr wie einer Invasion und wenn der Imam dazu aufruft, müssen sich alle Muslime an dem Kampf gegen den Besatzer beteiligen. In diesem Fall ist der Djihâd eine individuelle Pflicht (fard `ain). In Abwesenheit des Imams oder des Kalifen bzw. einer religiös legitimierten Herrschaft, die in einem Staat verkörpert ist, haben die Islamisten erklärt, dass für alle Muslime die individuelle Pflicht (fard `ain) besteht, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, und haben damit den Terrorismus gerechtfertigt.
Nach den großen Eroberungen erlebte die islamische Welt von der Mitte des 8. bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts ihre Blütezeit, ihre Zivilisation erreichte ihren Höhepunkt. Ein Hauptgrund dafür war die Öffnung der großen Zivilisationen der Zeit, der byzantinischen, der persischen und der indischen. Es entstand ein Reich vom Atlantik und Südeuropa bis nach China und Indien. Ohne Hindernisse konnten Menschen, Waren und Ideen zirkulieren. Die griechische Philosophie wurde über die Araber an Europa weitervermittelt, die Zitrusfrüchte aus China im Mittelmeerraum verbreitet, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Der Wohlstand war sehr hoch und die Reichtümer enorm. Doch paradoxerweise führte dies nicht zu Frieden und Stabilität, sondern zur Verschärfung des politischen Kampfs um die Aneignung der Reichtümer.
Der Historiker Maurice Lombard stellt die These auf, dass die Blüte der islamischen Zivilisation auf der Größe der erbeuteten Gold- und Silbermengen beruht.8 Der riesige Markt des Reichs war mit einem Netz von Städten übersät, die durch Karawanen verknüpft waren. Der rege Handel und die blühende Zunftwirtschaft brauchten große Geldmengen. Sie wurden in der Eroberungsphase (7. und 8. Jh.) vor allem durch Ausplünderungen der in den Palästen von Persien thesaurierten Goldmenge gewonnen, wo die Geldzirkulation mit dem silbernen Dirhem herrschte und das Gold gehortet wurde. Im 9. und 10. Jahrhundert waren die Goldreserven der Klöster durch ihre Besteuerung seit der Regierungszeit Abdel Maliks die Quelle. Vorher waren sie steuerfrei. Im 10 und 11. Jahrhundert wurden die Schätze der Pyramiden entdeckt. Ein Fund im Wert von einer Million Dinar, das sind vier Tonnen Gold, wurde gefunden. Goldgräber kamen von überall, eine eigene Zunft wurde gegründet, und der Staat besteuerte ihre Einkünfte mit zwanzig Prozent. Allein die Menge des Goldes aus dem Grab von Tutanchamun war doppelt so groß wie die Goldreserven der königlichen Bank von Ägypten im 20. Jahrhundert.
Wegen der kargen Umgebung in der Wüste waren die Ressourcen der Beduinen begrenzt. Um Vieh und Frauen zu erbeuten, überfielen sie sich gegenseitig. Ihre Kriege waren Razzien, die selten mehr als einen Tag andauerten. Deshalb nennt die Literatur diese Überfälle die Tage der Araber (ayyâm al-`arab). Darüber hinaus überfielen die Beduinen die Bauern, wagten es jedoch selten, eine Stadt anzugreifen, da sie die besser ausgerüsteten und trainierten Garnisonen fürchteten. Mit den Eroberungen änderte sich die Lage, riesige Reichtümer wurden erbeutet, Hunderttausende von Menschen wurden versklavt.
In den ersten schriftlichen Werken, wie dem kitâb al-tabaqâtal-kabîr von Ibn Saad (gest. 844), wird ausführlich darüber berichtet, später auch in anderen Werken.9 Als der dritte Kalif Uthman (644–656) getötet wurde, hinterließ er beispielsweise dreißigeinhalb Millionen silberne Dirhem und 200 000 goldene Dinar. Der Gefährte des Propheten Talha ibn al-Zubair hinterließ u. a. 52 Millionen Dirhem. Ein anderer Gefährte, Talha ben Abdullah, hinterließ 1 200 000 Dirhem und 200 000 Dinar. Hier wird nur das Bargeld erwähnt ohne die Ländereien und die Viehherden.
Da der Prophet, nachdem er nach Medina vertrieben worden war, seine Mission mit Razzien gegen die Karawanen seines Stammes Quraisch in Mekka fortsetzte, regelte Gott im Koran die Frage der Beute (8:41). Ein Fünftel der Beute (ghanîma) erhält der Prophet, der Rest wird unter den beteiligten Kriegern verteilt. Es gab auch eine andere Art von Beute, wenn der Feind floh und seinen Besitz zurückließ oder wenn der Feind sich friedlich gegen die Bezahlung eines Tributs ergab. Diese Beute heißt fai´, ihre Verteilung verläuft auch anders: Ein Fünftel erhält der Prophet, ein Fünftel seine Verwandten, den Rest erhalten die Armen und Waisen (59:7).
Zusätzlich zur Beute verpflichtet der Koran die Muslime zur Zahlung der Almosensteuer (zaqât) (2:43), das ist eine Art Einkommensteuer. Nichtmuslime müssen die Kopfsteuer (djizya) bezahlen (9:29). Die Landsteuern werden im Koran nicht erwähnt, es gab in Arabien auch keine relevante Landwirtschaft. Mit der Eroberung änderte sich die Situation. Der zweite Kalif Omar führte zwei Arten von Landsteuern ein: den Zehnt (`uschr) für die Muslime und den kharâg für die Nichtmuslime. Der kharâg war mit zwanzig Prozent doppelt so hoch wie der Zehnt.
Der Besitz der Macht brachte enorme materielle Vorteile mit sich. Muhammad hatte seine Nachfolge nicht geregelt. Folgt man der Tradition, so erkrankte er ca. zehn Tage vor seinem Tod, er hätte also Zeit genug gehabt, einen Nachfolger zu bestimmen. Die Tradition erwähnt auch, dass er ein paar Tage vor seinem Tod eine Art Testament diktieren wollte, was Omar mit dem Argument verhinderte, dass der Prophet wegen der starken Schmerzen verwirrt sei und nicht mehr klar denken könne. Selbst nach seinem Tod wurde für eine friedliche verbindliche Übertragung der Macht keine rechtliche Regelung gefunden.
Die Leiche Muhammads lag noch auf dem Sterbebett im Schlafzimmer seiner Frau Aischa, umgeben von seiner Tochter Fatima, ihrem Mann Ali, seinem Onkel al-Abbas und zwei weiteren Gefährten des Propheten, da trafen sich die Ansâr, das sind die Medinenser, die die flüchtenden Muslime aus Mekka 622 aufgenommen haben, in saqîfat bani Sâ`ida, einem Medina benachbarten Ort, um die Nachfolge zu besprechen. Omar und Abu Bakr hörten davon und eilten zu diesem Treffen.
Die Ansâr erhoben den Anspruch auf die Nachfolge, weil sie nicht nur die Flüchtlinge empfangen, sondern zudem entschieden zum militärischen Sieg des Islam beigetragen hatten. Die Geflüchteten aus Mekka, bekannt als muhâdjirûn, begründeten dagegen ihren Anspruch mit ihrer Zugehörigkeit zum Stamm Quraisch des Propheten. Die dritte Partei, die nicht anwesend war, weil sie mit Ali über die Leiche Muhammads wachte, war der Meinung, dass die Nachfolge dem Clan der Banu Haschim innerhalb des Stammes von Quraisch gebühre. Das sind die Aliden.
Der Streit drohte zu eskalieren, Omar schlug Abu Bakr als Nachfolger vor, die Anwesenden wurden überrumpelt und stimmten zu. Nach der Tradition sagte Omar später, was geschah, war ein Versehen (falta). Wichtig dabei ist, dass keine legalen Regeln für die Übertragung der Macht entwickelt wurden. Das islamische Recht hat im Laufe der Jahrhunderte zwar alles Mögliche geregelt, ein Verfassungsrecht aber hat es nie entwickelt. Es blieb dabei, dass der Stärkere recht hat und ihm gehorcht werden soll.
Der Nachfolger Muhammads trug einen Militärtitel, er war der Emir der Gläubigen, amir al-mu’minîn, er sprach auch Recht – nach dem Gewohnheitsrecht der eroberten Regionen. Die Scharia als islamisches Recht existierte noch nicht. Abdel Malik war der Erste, der den Titel Kalif trug,10 er war auch derjenige, der die Bewegung der Gläubigen als Anhänger einer neuen Religion, des Islam, erklärte und Gelehrte für die Ausarbeitung der Scharia und des islamischen Rechts anheuerte. Der Kalif war kein religiöser Anführer, er war eine weltliche Autorität, die die Umsetzung der Botschaft Gottes garantierte. Die theologische Arbeit lag in den Händen der Gelehrten, und diese waren gut beraten, die politisch-militärische Macht zu legitimieren. Diese Kombination überdauerte bis zum Ende des Kalifats 1924.
Nach dem Stammesverständnis war die Huldigung Muhammads an dessen Person gebunden, sodass sich nach seinem Tod viele Stämme frei fühlten, zu ihrem alten Glauben zurückzukehren und keine Almosensteuer mehr zu bezahlen. Andere blieben zwar Muslime, lehnten aber die Herrschaft der Quraisch, verkörpert in Abu Bakr, ab und wollten sie finanziell nicht unterstützen. Sie weigerten sich, die Almosensteuer zu bezahlen. Neben der Beute war dies die Haupteinnahmequelle des Kalifen, im Koran kommt sie 32-mal vor.
Der Kalif führte blutige Kriege gegen sie und unterwarf sie. Die islamische Tradition kennzeichnet diese Kriege als Kriege der Apostasie (hurûb al-ridda), doch es waren auch Bruderkriege, Gefährten des Propheten (sahâba) kämpften gegen andere Gefährten, sie brachten sich gegenseitig um. Allerdings legten diese Kriege einen wesentlichen Aspekt der neuen religiösen Bewegung offen, nämlich die enge Verbundenheit zwischen Religion und Politik. Wer gegen die politische Macht opponierte, war ein Abtrünniger und verdiente den Tod. Und umgekehrt: Wer die politische Macht innehatte, war im Besitz der richtigen Religion.
Die zwei Jahre seiner Herrschaft (632–634) verbrachte Abu Bakr mit Kriegen. Bevor er starb, ernannte er Omar (634–644) zum Nachfolger. Der Übergang verlief friedlich, die großen Eroberungen fanden statt, die Muslime waren mit dem Krieg und der Beute beschäftigt. Trotz dieser Ablenkung richtete Omar seinen Blick auf den inneren Frieden, den er erreichen wollte, indem er die wichtigsten Gefährten in der Stadt Medina behielt und großzügig belohnte. So konnten sie ein gutes Leben führen und blieben unter seiner Kontrolle. Das war eine Art Stadtarrest.
Omar, der von einem Sklaven getötet wurde, schaffte es vor seinem Ableben noch, ein Komitee von sechs Gefährten zu bilden, die den neuen Kalifen Uthman (644–656) wählten. Diese Gefährten waren nicht allein Wähler, sie waren zugleich auch potenzielle Kandidaten für die Macht, und sie sollten sich später gegenseitig umbringen. Begünstigt wurde dies dadurch, dass Uthman die Aufenthaltspflicht der Gefährten in Medina aufhob. Er dachte, er könne sie mit noch mehr Belohnungen ruhig halten, was sich als Irrtum erwies. Im Gegenteil: Die Begünstigung seines Clans der Umayyaden wurde ihm zum Verhängnis. Schon länger herrschte unter den Muslimen Unzufriedenheit, da man in der Begünstigung der Quraischiten einen Verstoß gegen den Koran sah. Nach dem Koran sollte die Beute nach Abzug des Fünftels für den Anführer unter den am Kampf Beteiligten verteilt, aber nicht an angesehene Quraischiten verschenkt werden. Zu Unrecht bekamen sie viele Ländereien, während der gerechte Anspruch der Krieger auf die Verteilung des eroberten Landes verweigert wurde. Das war ein Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip des Islam. Das Religiöse vermischte sich mit dem Materiellen, die Garnison von Ägypten rebellierte, kam nach Medina und ermordete den Kalifen.
Nach ihm übernahm Ali (656–661) die Macht, der aber gleich von wichtigen Gefährten und von Aischa, der Lieblingsfrau Muhammads, angefeindet wurde. Unter seinen Feinden befand sich auch Muawiya, der Gouverneur von Syrien, der Rache für seinen Verwandten Uthman verlangte. Die Regierungszeit Alis war vom ersten Bürgerkrieg überschattet. Ununterbrochen musste Ali gegen Gefährten und deren Machtansprüche kämpfen, gegen Abtrünnige unter seinen Anhängern, vor allem aber gegen seinen Widersacher Muawiya. Die Eroberungen wurden gestoppt, der innere Machtkampf beanspruchte alle Kräfte. Nach der Ermordung Alis gelangte Muawiya an die Macht und gründete die Dynastie der Umayyaden (661–750).
Es ist schwer, von einer islamischen Herrschaft unter den Umayyaden zu sprechen. Die Politik hatte die Religion weit zurückgedrängt, eine Art arabisch-ethnischer Nationalismus machte sich breit. Daher rührt der Titel des Buchs des Orientalisten Julius Wellhausen über die Umayyaden: Das arabische Reich und sein Sturz.11 Die Umayyaden wollten ihre politische Herrschaft um jeden Preis erhalten. Anstatt der im Koran empfohlenen Beratung (schûra) gründeten sie eine königliche Dynastie; die Macht wurde erblich. Sie interpretierten die Religion so, dass ihre Herrschaft von Gott stamme und die Menschen nur zu gehorchen hätten. Sie zeigten keinerlei Anstrengungen, die eroberten Völker zu bekehren. Im Gegenteil, sie missbilligten die Konversionen wegen der zu erwartenden finanziellen Verluste. Ein Konvertit zahlte nämlich keine Kopfsteuer und auch keine erhöhte Landsteuer (kharâg) mehr.
Sie stellten die Stammesbindung wieder über die religiöse Bindung. Als die Bewohner von Medina die Herrschaft des Kalifen Yazid (680–683) aberkannten, ließ dieser die Stadt stürmen und drei Tage lang von Soldaten ausplündern. Unmengen von Menschen wurden getötet, Frauen wurden vergewaltigt. Als die Nachricht Yazid erreichte, freute er sich und betrachtete das Massaker als Rache für die Niederlage seines Großvaters Abu Sufyân in Badr (624) gegen die Medinenser, die die Armee des Propheten gebildet hatten. Die Muslime hatten 624 eine Karawane von Abu Sufyân auf dem Weg von Syrien nach Mekka überfallen, viele Menschen waren getötet und die Ladung erbeutet worden. Diese Schlacht betrachten die Muslime als Wendepunkt ihrer Mission und als den Beginn des Aufstiegs des Islam.
Es war eine Ironie des Schicksals, dass die Erzfeinde des Islam, nämlich die Umayyaden, 31 Jahre nach dem Tod des Propheten die Führung des islamischen Reiches an sich gerissen hatten. Sie blieben ihrem Clan sehr verbunden und bauten die Stammesverhältnisse zu einem politischen System aus. Sie bewahrten die Araber mit ihrer tribalen Vielfalt und stellten sie als Herrscher über die eroberten Völker. Die Herrschaft der Muslime über Nichtmuslime ist im Koran verankert; die Gleichheit unter den Muslime aber auch. Letzteres haben die Umayyaden nicht respektiert. Die Konvertierten mussten sich als Klienten (mawâli) unter den Schutz von arabischen Stämmen begeben, um Muslime zu werden.
Es gab zwei Arten von mawâli: die befreiten Sklaven, die ihrem alten Herrn verbunden blieben, und die freien Verbündeten, die konvertierten und sich unter den Schutz eines Arabers stellten. Damit gewannen sie zusätzlich zum Schutz das Stammesbewusstsein (`asabiya) ihrer Beschützer, behielten aber trotzdem einen minderwertigen Status.12 So durften sie etwa keine Araberin heiraten. Mehrere Millionen Menschen wurden als Kriegsgefangene oder Bewohner von Gebieten versklavt, die mit Gewalt erobert wurden. Die mawâli standen in der Regel im Dienst ihrer Herren, deren Eigentum sie verwalteten. Die versklavten Handwerker und Bauern setzten nach ihrer Freilassung ihre Arbeit fort. Besonders aktiv waren die mawâli an den Höfen der Regierenden, die Araber brauchten gebildete Menschen für die Verwaltung und die Finanzen. In der zweiten Hälfte der umayyadischen Herrschaft übernahmen sie sogar die Erziehung der Thronfolger.
Während des zweiten Bürgerkriegs (680–692) wurde das Monopol der Araber auf das Militär durchbrochen. Bislang hatten die mawâli im Krieg in Begleitung ihrer Herren gedient. Die streitenden Parteien engagierten nun große Zahlen von ihnen als freie Krieger in ihren Armeen, insbesondere die Aliden, die Anhänger von Ali. Nach dem Sieg von Abdel Malik wurden mawâli-Regimente neben den Regimenten der arabischen Stämme eingerichtet.
Ein Bereich, den die mawâli komplett dominierten, war die Gelehrsamkeit, wo kaum Araber zu finden waren. Auch bei der Gestaltung der Religion spielten sie eine entscheidende Rolle. Unter den Begründern der vier Rechtsschulen z. B. sind nur zwei Araber zu finden: Ibn Hanbal (780–855) und Malek ben Anas (711–795).
Der Aufstieg der mawâli in allen gesellschaftlichen Bereichen außer der Politik stärkte ihre Forderung nach Gleichstellung mit den Arabern, steigerte damit aber auch ihre Unzufriedenheit und trieb sie in die Opposition. Auch kulturell begannen die mawâli gegen die Araber anzukämpfen und zu polemisieren, was nach dem Sturz der Umayyaden im Jahr 750 und in den Anfängen der abbasidischen Herrschaft riesige Dimensionen annahm. Diese ethnische Auseinandersetzung ist als schu`ûbiya bekannt. Jede Ethnie, vor allem die persische, versuchte ihre Vorzüge zu betonen und die Araber zu diskreditieren. In der späteren Phase der abbasidischen Herrschaft verschwand der Einfluss der Araber, die mawâli lösten sich in die Gemeinschaft der Muslime auf. Bis dahin blieben sie ein Hort der Opposition, oft unter dem Deckmantel des Schiismus.
Am 18. dhul hidja im Jahr 8 der islamischen Zeitrechnung (10. April 630) fand ein für die Muslime historisches Ereignis statt. Nach seiner letzten Wallfahrt nach Mekka, von der islamischen Tradition Abschiedspilgerfahrt (hidjat al-widâ`)1 genannt, kehrte der Prophet Muhammad mit seiner Gefolgschaft nach Medina zurück. Unterwegs befahl ihm Gott, an einem Ort namens „der Bach von Qomm“ (ghadîr qomm) Halt zu machen. So ließen sich dort etwa 120 000 Menschen nieder. Nach drei Tagen des Wartens erschien der Engel Gabriel dem Propheten, und folgender Koranvers wurde herabgesandt: „O du Gesandter, verkünde, was zu dir von deinem Herrn herabgesandt wurde; und wenn du es nicht tust, so hast du seine Botschaft nicht verkündigt. Und Allah wird dich vor den Menschen schützen.“ (5:67)
Daraufhin befahl Muhammad, mit den Sätteln der Kamele eine Rednerbühne zu errichten. Er stieg darauf, dankte Gott und hielt eine wichtige Rede, in der er fragte: „O Leute! Habe ich nicht mehr Anspruch auf euch als ihr selbst?“ Sie antworteten: „Ja, o Gesandter Gottes.“ Er nahm den Arm von Ali und erhob ihn, sodass seine Achsel sichtbar wurde, und setzte ihn als Kalif der Muslime nach ihm ein. Er sagte: „Wem ich der Schutzherr (waliy) bin, dem ist Ali nun der Schutzherr, und Gott beschützt, wen Ali beschützt, und feindet an, wer ihm feindselig ist. Gott steht denjenigen bei, die Ali unterstützen, und lässt im Stich diejenigen, die ihre Unterstützung verweigern.“
Die Muslime huldigten Ali, gratulierten ihm und erkannten seine Führerschaft an. Manche der wichtigsten Gefährten des Propheten sagten sogar: „Gut gemacht, o Ali! Jetzt bist du unser Schutzherr und der Schutzherr jedes und jeder Gläubigen.“2
Mit diesem Ereignis begründen die Schiiten den Anspruch Alis auf das Kalifat und auf die Führerschaft der Muslime. Er war nicht nur der zweite Mensch, der nach Muhammads erster Frau Khadija den Islam annahm, er war auch Muhammads Cousin und Schwiegersohn. Der Wunsch Gottes und seines Propheten erfüllte sich aber nicht. Nach dem Tod Muhammads wurde Ali übergangen, Abu Bakr wurde Kalif (632–634), so berichtet es die islamische Traditionsliteratur. Teile der Muslime nahmen jedoch Partei für Ali, sie bildeten den Kern der Strömung, die später religiöse Dimensionen erlangte und unter dem Namen Schiiten bekannt wurde.
Zu dieser Zeit war der Schiismus jedoch weit davon entfernt, einen religiösen Charakter zu haben. Der Begriff Schia bedeutet auf Arabisch Anhänger oder Partei, in diesem Fall sind die Anhänger Alis gemeint, weswegen die Bezeichnung Aliden für ihre Kennzeichnung in dieser Zeit eher zutrifft. Die Aliden waren eine der vielen Parteien, die um die Nachfolge Muhammads nach dessen Tod im Jahr 632 kämpften. Auch später, als die Aliden eine schiitische Theologie ausarbeiteten, entwickelten sie kein eigenes Dogma, das sich vom Dogma der Mehrheit der Muslime, die später als Sunniten bekannt wurden, unterscheidet. Allein zum Kalifat entwickelten sie als Gegenpol eine Theorie des Imamats. „Kalif“ bedeutet auf Arabisch der Nachfolger des Propheten, ein Nachfolger, der aber nicht dessen Eigenschaften als Prophet besitzt. Das hinderte die Kalifen trotzdem nicht daran, sich als Vertreter Gottes auf Erden zu betrachten. „Imam“ bedeutet religiöser Anführer, hier der Gemeinschaft der Muslime, und die Schiiten verliehen ihm im Laufe der Geschichte noch mehr Eigenschaften, als sie einem Propheten zukommen.
Der Kompromiss mit der Wahl Abu Bakrs in saqîfat bani Sâ`ida , war, wie Omar sagte, ein Versehen, wurde aber trotzdem als gültig anerkannt. Nachdem Ali drei Tage später Muhammad neben dessen Sterbebett im Schlafzimmer von Aischa beerdigt hatte, stand er vor vollendeten Tatsachen. Er hatte den oben erwähnten Hadîth nicht geltend gemacht und keinen Anspruch auf das Kalifat erhoben. Allerdings billigte er die Wahl Abu Bakrs erst nach acht Tagen, manche sagen auch, erst nach sechs Monaten – freiwillig. Diese Informationen stammen aus sunnitischen Quellen. Die schiitischen Quellen erwähnen hingegen, dass Ali sich doch auf den Hadîth von ghadîr qomm bezog, um die Wahl Abu Bakrs abzulehnen. Jedoch wurde er zur Zustimmung gezwungen, Omar hatte ihm damit angedroht, sein Haus abzubrennen.
Den gennanten Hadîth erzählen die Sunniten anders. Sie stimmen mit den Schiiten darin überein, dass der Prophet in ghadîr qomm eine Rede gehalten hat. Inhaltlich habe er jedoch nicht von der Schutzherrschaft – wilâyat – Alis gesprochen. Vielmehr davon, dass er bald sterben werde und die Muslime sich um zwei Dinge kümmern sollten: den Koran und seine Familie. Dies ist zumindest die Interpretation einiger Sunniten, die meisten allerdings sind eher der Meinung, dass mit diesen zwei Dingen der Koran und die Sunna gemeint waren und nicht die Familie des Propheten. Als Hauptargument gegen die wilâyat von Ali führen die Sunniten den Koran selber an, der von der Macht unter den Muslimen als Ergebnis der Beratung – schûra – spricht. Es heißt im Vers 42:38, dass die Muslime „ihre Angelegenheiten durch Beratung untereinander regeln“. Es gibt im Koran weder eine Vererbung der Macht noch eine Bevorzugung der Familie des Propheten.
Während der zwei Jahre, in denen Abu Bakr die abtrünnigen Stämme unterwarf, blieb Ali dem Kalifen treu, und seine Anhänger traten nicht in Erscheinung. Nach dem Tod Abu Bakrs kam der Kalif Omar friedlich an die Macht (634–644), unter dessen Herrschaft die großen Eroberungen stattfanden. Ein Weltreich entstand, das sich von Tunesien bis Pakistan erstreckte und von Südarabien bis nach Georgien im Kaukasus. Enorme Reichtümer wurden erbeutet, Millionen von Menschen versklavt. Ein Sklave tötete Omar. Auf seinem Sterbebett ernannte er ein Komitee, das den dritten Kalifen Uthman (644–656) wählte – wieder wurde Ali übergangen.
Durch seinen Nepotismus bereitete Uthman die Herrschaft der Umayyaden vor. Die meisten wichtigen Posten besetzte er mit Mitgliedern seines Clans. Die Umayyaden waren die Erzfeinde des Clans der Haschemiten, zu denen Mohammed und Ali gehörten. Der Umayyade Muawiya, ein Verwandter von Uthman, war schon von Omar zum Statthalter von Syrien ernannt worden und behielt seinen Posten. Doch auch die anderen wichtigen Statthalterposten im Irak und in Ägypten ließ Uthman von Umayyaden besetzen. Diese Politik, gekoppelt an eine ungerechte Verteilung der Kriegsbeute – die Eroberungen gingen weiter –, führten zu einer Rebellion der Truppen in Ägypten. Eine zahlenstarke Gesandtschaft kam nach Medina und forderte Uthman auf, zurückzutreten. Er sagte: „Ich weigere mich, ein Hemd auszuziehen, das Gott mir anzog.“ Damit meinte er, dass seine Herrschaft von Gott gegeben sei. Die Rebellen töteten ihn und verboten seine Beerdigung auf dem muslimischen Friedhof. Zwei Tage später begruben Juden seine Leiche auf ihrem Friedhof.
Endlich kam Ali an die Macht, wenngleich mit knapper Unterstützung (656–661). Viele warfen ihm vor, den Kalifen Uthman nicht beschützt zu haben und damit für dessen Ermordung mitverantwortlich zu sein; der umayyadische Clan Uthmans verlangte Rache. Die alte Feindschaft zwischen den Clans der Umayyaden und Haschimiten verschärfte die Situation nur noch. Der erste Bürgerkrieg (al-fitna al-kubra) brach aus (656–661). Aischa, die Frau des Propheten, führte, unterstützt von einigen angesehenen Gefährten, die Armee gegen Ali. Sie wurde in der sogenannten Kamelschlacht 656 vernichtend geschlagen. Viele der Gefährten starben auf beiden Seiten. Ali nahm Aischa gefangen und stellte sie unter Stadtarrest in Medina. Im Jahr 657 traf Muawiya, der Statthalter von Syrien, der nicht nur das Kalifat Alis nicht anerkannte, sondern sich selbst zum Kalifen erklärte und den Tod seines Verwandten Uthman rächen wollte, mit seinen Soldaten auf die Armee Alis in Siffin in Ostsyrien. Die Schlacht konnte nicht entschieden werden, es kam zu einer Schlichtung, die jedoch ohne Ergebnisse blieb.
Ein Teil der Anhänger Alis war gegen diese Schlichtung, sie glaubten, Ali habe damit den sicheren Sieg verschenkt und dem Willen Gottes widersprochen. Daher kündigten sie ihm die Gefolgschaft auf – das waren die al-khawâridj, die Austretenden. 659 kam es zur Schlacht von Nahrawan, wo Ali die Austretenden vernichtend schlug. Die Überlebenden schworen, alle an der Schlichtung Beteiligten als Apostaten zu töten, weil sie sich nicht an den Willen Gottes gehalten hätten. 661 gelang es ihnen, Ali zu ermorden. Muawiya entkam ihrem Attentat und wurde Kalif. Daraufhin verzichtete im selben Jahr Hassan, der ältere Sohn Alis, auf seinen Anspruch auf das Kalifat, und Hussein, der jüngere Sohn, versprach, stillzuhalten, solange Muawiya keinen Nachfolger ernannte und keine Erbdynastie entstand. Der erste Bürgerkrieg war zu Ende, es herrschte eine relative Ruhe bis 680.
Vor seinem Tod jedoch ernannte Muawiya seinen Sohn Yazid (680–683) zu seinem Nachfolger. Die Ernennung Yazids stieß auf breite Ablehnung und war der Anlass für den Ausbruch des zweiten Bürgerkriegs (680–692). An der Spitze der Unzufriedenen standen die Aliden von Kufa. Sie bedrängten Alis Sohn Hussein, der in Medina lebte, nach Kufa zu kommen und sie bei ihrem Versuch, das Regime zu stürzen, zu führen. Hussein machte sich mit seiner Familie und einer Eskorte von etwa siebzig Mann auf den Weg. Kurz vor Kufa wurde er gewarnt, dass der Gouverneur der Stadt von seinen Plänen wusste und bereits seinen Neffen hingerichtet hatte. Dennoch setzte Hussein seine Reise fort, wurde aber von einer Patrouille gehindert, nach Kufa zu gelangen. Hussein ging weiter nördlich entlang des Euphrats und schlug sein Zeltlager in Karbala auf. Er hoffte, dass seine in Kufa ansässigen Anhänger in hoher Zahl erscheinen würden. Doch niemand kam. Stattdessen erschien die Truppe des Gouverneurs mit viertausend Soldaten und versperrte ihm den Weg zum Fluss, sodass Hussein und seine Begleiter drei Tage lang Durst litten. Da Hussein sich noch immer weigerte, dem Kalifen Yazid zu huldigen, wurde sein Lager gestürmt, alle Männer fanden den Tod, außer Husseins Sohn Ali, der später der vierte Imam werden sollte, und al-Qasim, der Sohn Hassans, des Bruders von Hussein. Die beiden kamen mit den Frauen nach Damaskus zum Hof des Kalifen, später wurden sie nach Medina entlassen. Der Kopf von Hussein wurde zum Gouverneur von Kufa gebracht, bevor er in Damaskus bestattet wurde.
Die Schlacht von Karbala, die 680 stattfand, glich eher einem Massaker. Und bis heute gedenken die Schiiten dieser Tragödie. Jährlich wird der Märtyrertod von Hussein am Tag von Aschura als Passionsspiel inszeniert. Die Schlacht von Karbala bildete den Ausgangspunkt für den Schiismus als religiöses Phänomen, das zuvor gar nicht existiert hatte.3 Und noch ein zweites Ereignis prägte die schiitische Religiosität. Gemeint ist der Zug der Büßer, al-tawwâbûn. Die Anhänger Alis in Kufa begannen, ihre mangelnde Unterstützung für al-Hussein zu bereuen, was sie schließlich in eine schwere Krise stürzte. Sie suchten ihr Gewissen durch Buße zu beruhigen. Nachdem sie die Idee eines Massenselbstmordes verworfen hatten, entschieden sie sich für ein kollektives Selbstopfer auf dem Schlachtfeld durch die Hand des Feindes. Und so zogen sie Ende 684 nach Karbala im Norden, wo sie eine Nacht mit Klagen und Weinen verbrachten. Daraufhin zogen sie weiter Richtung Syrien, wo bereits eine syrische Armee auf sie wartete und sie Anfang 685 niedermetzelte. Bei den Aschura-Riten geißeln sich die Schiiten selbst und verwunden sich mit Schwertern. Das blutige Ritual ist aber weniger Ausdruck des Trauerns, sondern vielmehr eine Demonstration der Buße für die unermessliche Schuld, die sich die Gemeinschaft damals in Karbala aufgebürdet hatte, verbunden mit der Hoffnung auf einen gnädigen Gott, der ihre Strafe mindert.
Neben den Aliden waren auch die Haschemiten in Mekka mit dem Kalifen Yazid unzufrieden und beanspruchten die Macht für sich. Kurz nach dem Tod von Hussein erkannte Abdullah ben al-Zubayr die Herrschaft des neuen Kalifen ab. Wenig später taten die Bewohner von Medina dasselbe. Yazid schickte eine Armee, die Medina, wie schon erwähnt, 683 verwüstete und weiter südlich zog, um Mekka zu belagern. Während der Belagerung wurde die Nachricht vom Tod Yazids bekannt, die Armee zog sich nach Syrien zurück, al-Zubayr erklärte sich zum Kalifen und wurde von den Gouverneuren der Provinzen anerkannt. Nur in Damaskus herrschten noch die Umayyaden. Als Muawiya II. nach ein paar Monaten starb, drohte die Dynastie zu erlöschen, der Kopf des Umayyaden-Clans, der betagte Marwan, ließ sich als Emir der Gläubigen huldigen.
Marwan herrschte weniger als ein Jahr (684–685). Es gelang ihm jedoch, genügend Anhänger um sich zu sammeln und seine Gegner in der blutigen Schlacht von mardj râhit nordwestlich von Damaskus zu schlagen. Vor seinem Tod hatte er nicht nur Syrien, sondern auch Ägypten zurückerobert und damit seinem Sohn Abdel Malik ben Marwan (685–705) eine solide Basis für die Weiterführung des Kampfs hinterlassen. Dieser Kampf sollte bis 692 andauern, bis Abdel Malik al-Zubayr besiegte und tötete. Das Gegenkalifat (683–692) war ausgelöscht, Abdel Malik blieb der alleinige Herrscher.
Endlich war die Herrschaft der Umayyden etabliert. Gegen ihre Gegner, vor allem gegen die Schiiten, gingen sie brutal vor. In der Zeit des ersten Bürgerkriegs begann jedoch auch die bereits erwähnte Emanzipation der mawâli aus ihren Klientelverhältnissen. Freiwillig konnten sie sich den verschiedenen Streitparteien anschließen. Und unter dem Kalifat der Umayyaden neigten sie eher dazu, sich auf die Seite der Schiiten zu schlagen, weil diese die Opposition zum Regime am besten verkörperten. Die Unterdrückung der unzähligen schiitischen Aufstände trieb immer mehr mawâli in ihr Lager, sodass sie bei der kommenden abbasidischen Revolution eine bedeutende Rolle spielen konnten. Unter der Führung von Abu Muslim al-Khurasâni, einem persischen mawla (gest. 755), beendeten die Abbasiden im Jahr 750 die Herrschaft der Umayyaden. Der Clan der Umayyaden wurde fast vollständig ausgerottet, einer jedoch entkam, Abdel Rahman I. (756–788), der nach Spanien floh, wo er ein umayyadisches Emirat errichtete. Ab 929 hieß es dann Kalifat und wurde erst nach einem langen Bürgerkrieg aufgelöst (1009–1031).
Die Herrschaft der Abbasiden (750–1258) sollte bis zum Ansturm der Mongolen bestehen. Als diese Bagdad erobertern, wurde der letzte abbasidische Kalif Musta’sim umgebracht. Mit seinem Tod endete die Herrschaft des Stammes der Quraisch und dessen verschiedenen Clans der Umayyaden, der Aliden und der Haschemiten, die nach dem Tod Muhammads von 632 bis 1258 um die Macht rangen.
Der Islamwissenschaftler Mohammad Ali Amir-Moezzi schreibt: „Was dem Islam jedoch spezifisch ist, ist zuerst die Natur der Gewalt. Es geht um Bruderkriege, die zum Tod einer beträchtlichen Zahl von wichtigen historischen Persönlichkeiten geführt haben. Und dann die jahrhundertealte Langlebigkeit der blutigen Konflikte unter den Muslimen.“4 Auch der Historiker Fred Donner spricht von Bruderkriegen und versucht die Wildheit und Brutalität dieser Kriege zu erklären. Sie sind nicht allein auf die Unzivilisiertheit der Beduinen zurückzuführen, sondern auch auf die religiöse Ideologie, die sie begleitete. Sie haben in ihren Konflikten, den Feind immer dämonisiert: Ob Apostat, Beigeseller oder Ungläubiger, der Feind war der Dämon und musste vernichtet werden.5
Unter diesen politischen Verhältnissen hatte sich eine neue Religion gebildet, unter diesen politischen Verhältnissen sind auch ihre heiligen Texte entstanden. Die Politik spielte bei der Gestaltung ihrer Inhalte eine maßgebliche Rolle, gerade wenn es um die Veränderung und Manipulation ihrer ursprünglichen Form ging. Die originale Fassung ist bis heute schwer zu identifizieren.6 Die fehlenden schriftlichen Dokumente erschweren diese Aufgabe, und auf die nach so vielen Kämpfen und Umwälzungen zwei Jahrhunderte später entstandene Traditionsliteratur ist in dieser Hinsicht kein Verlass.
Die islamische Tradition erwähnt, dass zu Lebzeiten Muhammads die Offenbarung auf Hilfsmittel wie Steine, Holz, Palmblätter und Knochen geschrieben wurde, wahrscheinlich als Stütze für das Gedächtnis der Koranleser, also derjenigen, die den Koran memorierten. In den Kriegen kamen viele dieser Koranleser um, sodass ein Verlust des Korans drohte. Unter dem Kalifen Abu Bakr begann man mit der Sammlung des Korans. Diese Sammlung erbte Omar, nach dessen Tod sie bei seiner Tochter Hafsa landete, die auch eine der Frauen des Propheten war. Die wichtigste Sammlungsaktion erfolgte unter dem dritten Kalifen Uthman, der eine Kommission bildete, das Manuskript von Hafsa holte und all diejenigen, die im Besitz von Koranteilen waren, aufrief, mit zwei Zeugen vor die Kommission zu treten. Eine kanonische Version des Korans wurde verfasst, in vier Exemplaren niedergeschrieben und an die Provinzen verschickt. Uthman ordnete die Vernichtung aller anderen vorhandenen Koranexemplare bei den Gefährten des Propheten an. Selbst das Urexemplar von Hafsa wurde nach deren Tod 665 vernichtet.7 Seitdem gilt bis heute der uthmanische Koran. Von dem uthmanischen Koran gibt es aber keine Spur.8
„Die religiöse Funktion der politischen Macht in all ihren Aspekten bildet eine fundamentale Gegebenheit des Islam.“9 Das ist in der Verschriftlichung des Korans offensichtlich. Anfangs gab es eine schwer einzugrenzende Periode, in der eine Unterscheidung zwischen den Aussagen des Propheten – Hadîth – und dem offenbarten Wort Gottes im Koran unscharf war. Um einen offiziellen Text für die politische Macht herzustellen, musste eine Selektion zwangsweise stattfinden. Da die Macht in die Hände der Umayyaden fiel, fanden alle Koranreformen unter ihrer Ägide statt. Sie wollten über eine eigene religiöse Schrift verfügen, unterscheidbar von den Schriften ihrer Untertanen, den Juden und Christen, die ihrem Verständnis der politischen Herrschaft entsprach und diese gleichzeitig stabilisierte.10
