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Claudia ist auf dem Heimweg, in Gedanken noch bei dem Mann, mit dem sie zwanzig Jahre zuvor eine dramatische Affäre hatte. Plötzlich - ein weißes Gesicht am Rande der Autobahn, ein winziger Augenblick der Verblüffung, und sie verliert die Kontrolle über ihren Wagen. Dieser Unfall setzt das Leben von sieben Menschen zurück auf Anfang, führt ihre Schicksale zusammen und verändert sie und ihre Welt radikal. Am Ende dieser Nacht wird ein Junge, der sich selbst verloren hatte, erwachsen geworden, ein kleines Mädchen verschwunden sein, werden alle mit der Einsicht leben müssen, dass nichts mehr so sein wird, wie es war. Eine Geschichte über die Frage, inwieweit man seine Biografie selbst gestalten kann.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2011
Inhalt
1 DER UNFALL2 NACHTS3 VOR DEM MORGEN4 AM NÄCHSTEN MORGEN5 SIEBEN WOCHEN SPÄTERLesetippsEin Stern aus Schlieren auf der Windschutzscheibe.
Die Fliege war im Moment ihres Aufpralls zerplatzt, schon auf der Herfahrt. Trotzdem hält Claudia das Lenkrad jetzt fester in den Händen. Als ob das noch etwas nützen würde.
Im Rückspiegel sieht sie die Kopfstütze des leeren Kindersitzes. Sie ist allein im Auto, allein mit dem Fahrgeräusch auf der nächtlichen Autobahn, mit der leise quietschenden Schaukel aus dem Theaterschnürboden. Sie fliegt.
Eine Stunde zurück. Mit Anselm beim Wein nach der Vorstellung. Sie ist das nicht gewöhnt. »Ich trinke doch nichts, eigentlich«, hat sie gesagt und ist in sein Lachen eingefallen, und sie sind zwanzig Jahre jünger, eine Stunde zurück. Über den Gläsern ihre Augen in seinen wie damals, zwanzig Jahre zurück. Als ob nichts gewesen wäre.
»Und dann hast du dieses alberne Gummimesser genommen, weißt du noch?«
»Jedes Mal beim Zustechen hat es schon vorher gewackelt und … «
»… und einmal hast du es falsch herum genommen und dir an die Schläfe gesetzt und … «
»… und: Bumm!«
Was haben sie gelacht. Wie konnten sie nur?
Bis zum Auto hat er sie gebracht. »Sehe ich dich wieder?«
Hinter der Heckscheibe die Kopfstütze vom Kindersitz. Nicht ja nicht nein hat sie gesagt, aus seinen Augen den letzten Blick wahrgenommen und ist dann eingestiegen. Aus dem Schnürboden hat sich die Schaukel tief in ihren Kopf hinabgesenkt. Seitdem fliegt sie.
Und fliegt noch, als der Junge mit der Maske wieder in der Dunkelheit untergeht. Fliegt durch den Stern aus Schlieren hinaus ins All. Sie ist schwerelos. Ist das alles los. Von dort, wo ihre schweren Beine zurückgeblieben sind, weht ihr eine Stimme hinterher.
»Hören Sie mich?«, schlägt ihr die Stimme gegen die Wangen.
»Hallo! Hören Sie mich? Mein Name ist Alma Lund. Ich bin Ärztin. Der Rettungswagen wird gleich hier sein.«
Als ob das noch etwas nützen würde.
Sie kauert neben der Verletzten am Boden, hält ihre Hand, fühlt den Puls. Der ist ungleichmäßig, von Zeit zu Zeit setzt er aus, um dann stolpernd wieder spürbar zu werden. Die Frau hat Schnittverletzungen im Gesicht, aber die viel schlimmeren Verletzungen vermutet Alma im Bereich der unteren Wirbelsäule.
Wo bleibt der Rettungswagen? Im Kopf entwirft Alma eine Schilderung des Unfallhergangs, so wie sie ihn beobachtet hat. Beobachten musste. Jasper kommt nicht vor in dieser Schilderung, er darf nicht vorkommen. Jasper hat sie verloren. Wann? In dem Moment, als er über die Leitplanke sprang und auf die Fahrbahn rannte, mit dieser lächerlichen Maske vor dem Gesicht, hatte sie ihn schon längst verloren. Hat sie ihn hierher getrieben, auf die Autobahn?
Sie verbietet sich weitere Gedanken über ihren Sohn und konzentriert sich auf das, wofür sie ihren Eid abgelegt hat. Vorsichtig bettet sie den Kopf der Verletzten in ihren Schoß, schlägt ihr sanft gegen die Wangen und versucht, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen.
»Hallo! Hören Sie mich?«
Dabei rattert der Unfallhergang durch ihren Kopf. Die Frau hat mit ihrem Wagen unvermittelt eine Vollbremsung gemacht, der Wagen ist ausgeschert, ins Schleudern geraten, mit dem Heck gegen den Brückenpfeiler geschlagen. Dabei wurde die Frau durch die Windschutzscheibe geschleudert, mit dem Rücken zuerst ist sie auf der Fahrbahn aufgeschlagen. Puls instabil, Verletzungen im Gesicht und vermutlich im Lendenwirbelbereich. Jasper würde sie weglassen.
Aus der Ferne zuckt Blaulicht heran, ehe sie das Martinshorn hört.
Nie in seinem Leben ist er so gerannt. Er hasst es zu rennen. Das ist ihm alles zu nah hier, zu echt. Wie kriegt er das wieder weg? Herunterfahren und neu starten. Geht aber nicht. Seine Hände greifen ins Leere, und er rennt, rennt, rennt. »Früher starten, Jasper«, sagt sein Sportlehrer immer. Blanker Hohn, wenn er wieder mal gegen den Kasten geknallt ist. Wie er eben gegen die Leitplanke geknallt ist. Immer noch pocht es im Schienbein. Aber er ist drüber, dreimal, Seite, Mitte, Seite. Und weg.
Er wollte das nicht. Wollte nur seine Mutter los sein. Wenn das Auto ihn erwischt hätte, wär’s auch egal gewesen. Hat ihn aber nicht erwischt. Hat er gewusst. Sieg! Sieg auf der ganzen Linie. Du bist draußen, Mama. Jetzt bin ich am Drücker. Jasper ist früher gestartet. Ist schon so weit weg. Rennt und rennt.
Der Schweiß rinnt ihm über die Stirn, über die Wangen. Das Plastik der Maske klebt fest an der Haut. Er will sie abreißen.
Ein Heulen kommt näher. Martinshorn. Polizei? Er lässt die Finger von der Maske. Lässt sie, wo sie ist. Das ist nicht Jasper. Das ist der Joker.
Steht auf der Brücke über der Autobahn.
Ist stehen geblieben mit dem Quietschen, Splittern, Scheppern.
Hat die weiße Maske mit dem Lachmund gesehen.
Zwei Arme darunter und zwei Beine. Sind gelaufen die Beine, gesprungen und dann fort. Ist das gewesen ein Clown?
Hat sich abgestützt am Geländer der Brücke und hinunter gesehen auf die Autobahn. Ist eine Frau gekommen und hat sich gebeugt über das Bündel neben dem Autowrack.
Ist das Frau Doktor Lund?
Ist ihm übel geworden.
Frau Doktor Lund.
Hält das Bündel im Schoß. Das blutet.
Muss er jetzt zur Arbeit und kann nicht, sind die Füße zu schwer. Setzt er Fuß vor Fuß.
Wird zu spät kommen.
Claudia.
Messerscharf brennt jeder Buchstabe auf dem Handrücken. Ohne seine Frage zu beantworten, ist sie eingestiegen und davongefahren und er hat es widerhallen hören zwischen Schädel und Sohlen: ja, ja, ja, ich sehe dich wieder.
Und als ob von höherer Stelle ein Schalter umgelegt worden wäre, ist er in seinen Wagen eingestiegen und ihr hinterher durch die schlafende Stadt gefahren hinaus auf die Autobahn. Dabei ist sie längst weg, er kann sie nicht sehen, natürlich nicht, aber er fährt in der Gewissheit, ihr zu folgen. Sie muss hier lang gefahren sein. Er braucht nur ihrem Atem zu folgen, der liegt vor ihm auf der dunklen Fahrbahn wie eine Leuchtspur, wie sein eigener Atem, der ihm voranfliegt. Claudia.
Sie hat das Beste in ihm wieder zum Leben erweckt. Lange hat es geschlummert und ist doch immer da gewesen und jetzt, vor ihren Augen, ist er wieder der jugendliche Held, als den sie ihn kennengelernt hatte, die große Hoffnung des Bielefelder Stadttheaters. »Staatsschauspiel München«, hat sie gesagt, und hat ihre Stimme nicht vor Bewunderung gezittert? »Mensch, Anselm, du hast es geschafft.«
Sie weiß nichts von seiner Kantinenexistenz und davon, dass sein Vertrag nun wohl endgültig nicht mehr verlängert werden würde. Er verbietet sich den Gedanken, gibt Gas und tastet nebenbei nach dem Radioknopf. Musik. Er pfeift mit und hört darum wohl nicht das Martinshorn, und in dem Moment, als mehrere Einsatzwagen mit Blaulicht an ihm vorbeirasen, schaltet sich der Verkehrsfunk ein und bringt die aktuelle Meldung: »A95 Richtung Garmisch–Partenkirchen zwischen Kreuz Starnberg und Seeshaupt nach einem Unfall gesperrt. Bitte folgen Sie den Umleitungshinweisen.«
Sofort nimmt Anselm den Fuß vom Gaspedal. Es soll nicht sein, oder? Der Sesam hat sich geöffnet und Claudia aufgenommen, und ehe er folgen kann, ist der Berg schon wieder verschlossen. Er steht draußen. Bloß weil irgendein Idiot mal wieder nicht das Bremspedal gefunden hat. Unsinn, nur eine kleine Pause, denkt er, nur die Rettungswagen durchlassen und dann die Umleitung suchen. Ist sie schon daheim? Claudia, ich komme und hole dich.
Er muss eingeschlafen sein.
Die Leselampe auf seinem Nachttisch brennt, das Buch ist neben das Bett gefallen, ein paar Seiten sind an den Ecken verknickt. Er hebt es auf, streicht die Seiten glatt und sieht hinüber auf Claudias Bettseite. Da liegt niemand, die Decke ist unberührt. Er sieht auf die Uhr. 23 Uhr 50. Hat er sie kommen hören? Ist er davon aufgewacht?
Nachmittags hat sie ihn angerufen, hat gesagt, dass es später wird, dass sie noch ins Theater geht. Geh ruhig schon schlafen, hat sie gesagt. Er setzt sich auf. Es ist vollkommen still im Haus.
Das muss ein langes Stück gewesen sein, er hat vergessen zu fragen, was sie anschaut. Viel Spaß, hat er ihr gewünscht und dann die Kleine ins Bett gebracht. Die Mama hat heute mal frei, hat er dem Kind erklärt, sie kommt, wenn du schläfst.
Er steht auf. Vielleicht ein Glas Wasser? Auf dem Weg in die Küche wirft er einen Blick ins Kinderzimmer, die Tür ist eine Armlänge weit geöffnet wie immer. Die Kleine liegt verkehrt herum auf der Decke, ihr Mund ist leicht geöffnet, die obere Wange weich und rund wie bei einem Baby. Im Herbst wird sie in die Schule kommen. Das wird wieder vieles ändern.
Er geht hinunter in die Küche, nimmt ein Glas aus dem Schrank und lässt Wasser aus dem Hahn hineinlaufen. Warum hat er sie nicht gefragt, welches Stück sie sieht? Vielleicht sollte er ihr Theaterkarten schenken zum Geburtstag. Das würde sie sicher freuen. Er trinkt das Glas in einem Zug leer und geht wieder hoch ins Bett. 0 Uhr 12. Gleich wird sie da sein. Bestimmt wird sie da sein. Er greift nach dem Knipsschalter und löscht das Licht.
Träumt.
Ist durch das Rosentor gelaufen, das so weit geöffnet war, wie ein Arm lang ist, wie immer. Hat den Kindern auf der Wiese beim Spielen zugeschaut.
Komm her, haben die Kinder sie gerufen, aber sie hat den Kopf geschüttelt und ist weitergelaufen, sie hat heute frei.
Schwebt über der Wiese.
Frei.
Ein Schmetterling. Pfauenauge.
Was für ein schönes Wort.
Zum Glück gab es die Speisekarte.
Sie saßen einander gegenüber an diesem Tisch, der gerade frei geworden war, als sie sich suchend durch das überfüllte Lokal drängten.
»Bitte«, sagte die Kellnerin und räumte die leeren Gläser ab, und sie setzten sich, hastig und zögernd zugleich. Griffen, als könnten sie so einen Absturz verhindern, nach den Karten, die die Kellnerin ihnen reichte, verkrochen sich darin, lasen sich fest. Bunter Salatteller mit Putenbrust und Penne all’ Arabiata und Käse Oliven Crème Caramel.
»Eigentlich habe ich gar keinen Hunger«, sagte Claudia und wollte die Worte wieder einfangen, als sie Anselms erschrockenen Blick sah. Natürlich hatte sie Hunger. Und wie. Sie konnte jetzt nur nichts essen.
»Soll ich?«, fragte Anselm und zwang ihr ein Nicken ab. Jetzt hatte er zu tun, der Kellnerin winken, wieder und wieder, bis sie kam und seine Bestellung aufnahm und anerkennend dazu nickte und auf sein Nachfragen einen Wein empfahl und noch Wasser anbot, ja bitte, eine ganze Flasche gleich. Die Kellnerin nahm die Karten wieder mit, und jetzt lagen ihre Hände auf der Tischplatte. Verheilt, vernarbt.
So waren sie eben aufeinandergetroffen, vor der Pförtnerloge am Bühneneingang. Anselm hatte Claudia sofort erkannt. Mehr noch: Er hatte mit ihr gerechnet. Hatte sich tatsächlich nicht getäuscht, als sein Blick während des dritten Aktes von der Bühne herab in ihre Augen fiel, die er seit zwanzig Jahren vergessen wähnte.
»Du bist das«, hatte er zu ihr vor dem Pförtner gesagt, der angestrengt zur Seite blickte. Überflüssigerweise, natürlich war sie das, auch der Pförtner hatte das bemerkt, obwohl er sie nicht kannte, wer sollte sie denn sonst sein. Damit war Anselms Vorrat für diesen Moment erschöpft, und auch Claudia sah sich überrascht davon, dass sie nichts zu sagen wusste in diesem Augenblick. Ein Augenblick, den sie vor zwanzig Jahren noch so oft und mit der wachsenden Zahl an Jahren ohne Wiederbegegnung immer seltener in Gedanken durchgespielt hatte. Je länger er gedauert hatte, desto anstrengender war die Suche nach Worten in Gedanken. Es war Anselm, dem das Naheliegendste einfiel, die Rettung: »Gehen wir noch etwas trinken?«
Der Wein kam. Anselm gab den Kenner, den blank gescheuerten Holztischen zum Trotz, ließ sich einschenken, schwenkte den Schluck im Glas und betrachtete ihn, gegen das Licht gehalten, ehe er es an die Lippen setzte, den Schluck auf die Zunge nahm, ihn dort bewegte, um ihn dann den Gaumen hinabfließen zu lassen. Schließlich nickte er. Schiller auf der Bauernbühne. Claudia applaudierte. In Anselms Blick flackerte ein Fünkchen Unsicherheit. Die Kellnerin schenkte, reglosen Blickes, beiden ein und ging.
»Zum Wohl«, sagte Anselm und hob sein Glas, suchte ihren Blick, lächelte warm: »Auf uns.« Jetzt war er der jugendliche Liebhaber.
Claudia wich seinem Blick aus. Nicht die Tatsache, dass er aus diesem Fach längst herausgewachsen war, ließ sie zögern. Sondern der Stich unter den Rippenbögen, von dem sie irrtümlich angenommen hatte, er wäre verheilt. Die Narbe auf seinem Handrücken, die sie nie gesehen hat. Es war ein Fehler, auf Anselm gewartet zu haben.
»Lieber erst Wasser?«, fragte er, sie aber hörte ihn fragen: Bereust du es?
Heftig schüttelte sie den Kopf. Sie wollte das hier. Sie hielt ihm ihr Glas entgegen. Er stieß an.
»Auf diesen Abend«, sagte sie und trank ihr Glas in einem Zug leer, »dass ich dich hier sehe. Staatsschauspiel München. Mensch, Anselm, du hast es geschafft.«
Mit dem Strahlen in seinen Augen hatte sie gerechnet. Mit der Wirkung des Weines nicht. Ihr Kopf sprang auf, und tausend Perlen flogen hoch zur Decke. »Ich trinke doch nichts, eigentlich«, sagte sie und konnte schon nicht mehr verhindern, dass sie kicherte, lachte, ihr Lachen seines mitriss und sie beide aufstiegen, über den Tisch bis zur Decke hinauf.
Unter ihnen, zwischen Wasser und Wein, lagen zwanzig Jahre. Sie beachteten das nicht und fingen dort an, von wo sie einmal aufgebrochen waren. »Hamlet in Bielefeld, weißt du noch?« – »Du warst eine vollkommene Fehlbesetzung, trotzdem habe ich jeden Abend in der Nullgasse gestanden und dir beim Sterben zugeschaut.« – »Du bist noch genauso frech wie damals, als du vor der Vorstellung die Flaschen vertauscht hast.« – »Dernierenscherz. Es war zum Brüllen, wie du versucht hast, den Schaum vom Tablett zu fegen.« – »Weißt du noch: Nathan?« – »Käsebrötchen in der Kantine während der Ringparabel.« – »Die Zeit hat genau für zwei Hälften gereicht und dazu ein Glas Tee.« – »Mit Milch und Zucker, zweimal umrühren. Legst du immer noch Patiencen?« – »Ich habe das System perfektioniert.«
Sie bewegten sich geschickt zwischen den Tretminen, deren Vorhandensein zu leugnen der Wein ihnen gestattete. Je gewagter ihr Tanz, desto sicherer wurden sie. Fanden wieder auf den gemeinsamen Atem, der ihre Bewegungen zu einer werden ließ, ihre Geschichten zum Augenblick. Sogar über das Messer wagten sie zu lachen, über die Gummiattrappe. Das andere umgingen sie. Tretmine. Einmal noch neben ihm aufwachen, dachte Claudia und zuckte zusammen über dem Schmerz, den der Stich unter dem Rippenbogen ihr in nie gefühlter Stärke verursachte. Im Luftholen sah sie auf die Armbanduhr.
»Oh Gott, ich muss los.«
Sie hatte erwartet, nun abzustürzen, hinein in ihr schon wieder gefülltes Weinglas. Doch ihr Atem hielt sie. Anselm hielt sie. Hatte bezahlt und hielt sie am Arm, bis sie an ihrem Auto standen und sie den Autoschlüssel aus der Tasche gekramt hatte. Der Schmerz war abgeklungen. In dem Moment, als ihr Blick auf den Kindersitz fiel, legten sich ihr seine Worte um den Hals: »Sehe ich dich wieder?«
Hat die Schürze angezogen und dem Kollegen ein Grinsen geschickt.
»Kommst du auch mal, Bela?«
»Tschuldigung, musste trampen, Nachbar krank.«
Fuhr er sonst mit dem Nachbarn hinüber zur Raststätte. Hatte der ihm den Job verschafft.
War nichts los heute Nacht. Erst mal hinsetzen, den Kopf in die Hände, die Augen zu. Die Bilder ordnen. Der Unfall. Der fliehende Clown. Frau Dr. Lund hilft. Etwas bewegt sich am anderen Ende der Brücke. Er geht hin, langsam. Sieht im Busch neben der Brücke die Maske. Sieht den Jungen weglaufen. Erkennt Jasper.
»He, Bela, Kundschaft.«
Ein Mann steht am Büffett.
»Espresso«, bestellt der Mann.
Bela nickt. Füllt Kaffeebohnen nach.
Wie still es plötzlich ist. Er bleibt stehen, geht in die Hocke. Alles tut ihm weh, die Beine, die Haut. Die verdammte Maske. Er reißt sie ab, wirft sie weg. Da sieht er den Mann auf der Brücke. Sofort springt er auf, rennt wieder, rennt gegen das Stechen in seiner Seite an. Wieso eigentlich? Wieso rennt er vor einem Fremden weg, der nichts weiter tut, als auf einer Autobahnbrücke zu stehen? Wahrscheinlich gehört er zu denen, die gerne den darunter fahrenden Autos zuwinken. Er hat das nie verstanden.
Stop. Auf Null herunter. Er stemmt die Hände in die Seite. Das Stechen ist kaum zu ertragen. Er will das nicht, hat das immer gehasst. Den Kopf in den Nacken. Ein Dach aus Baumwipfeln spitzt sich über ihm. Hier war er noch nie. Wie eine Kathedrale sieht das aus. Es wirft ihn auf die Knie. Über seinem Kopf wächst die Stille empor, höher und höher. Er hält sich die Ohren zu.
Noch mal zurück auf Start. Es fing an wie immer, nach dem Abendbrot ist er zurück in sein Zimmer gegangen, hat das Notebook aufgeklappt und noch einmal in »Ghost Family« geschaut. Die Family war in Aufruhr, aber das kannte er, seit er bei dem Spiel mitmachte. Immer musste irgendwas erledigt werden. Heute ging es wieder mal um die Sache mit dem Joker. Irgendwer aus der Family hatte die Idee ins Spiel gebracht, alle Ghosts müssten aus dem Netz heraus in die Reality, einfach, um mal zu zeigen, wie viele sie seien. Den Joker setzen, hieß die Action. Jasper hatte das gleich für eine dämliche Idee gehalten, aber die Maske hatte er sich trotzdem bestellt. Angeblich sind mehr als eine halbe Million Masken verschickt worden, weltweit.
Als er nach dem Abendbrot ins Spiel geschaut hatte, war der Button mit der Jokermaske da gewesen. Aufsetzen und raus, hieß das. Jasper hatte den Button angesteuert, mit der rechten Maustaste angeklickt, hatte die Maske genommen und war hinausgegangen, den Joker setzen. Klar, dass das seiner Mutter nicht gepasst hatte. Die Begegnung war nicht vorgesehen, dumm gelaufen. Eigentlich wollte er zur S-Bahn und dann in die Stadt, aber sie hat Theater gemacht, warum hat sie bloß so ein Theater gemacht, es war die Maske, bestimmt war es die Maske, seine Mutter konnte das anscheinend nicht ertragen. Breakdown wegen dem Lächeln eines Clowns. Jasper hat das nicht gewusst.
Er ist losgerannt, wollte sie abschütteln, aber sie zeigte eine erstaunlich gute Kondition. Scheint sich auszuzahlen, das Training im Fitnessclub. Sie blieb dran an ihm. Er wollte den Joker setzen, jetzt erst recht. Es begann, ihm Spaß zu machen. Ein Ghost Family Rennen, aber hey: Das hier war echt. Das waren seine echten Beine, sein eigener Atem. »Hör mir zu!«, rief seine Mutter. Falscher Text, Mama. Hundert Dots Abzug. Zweihundert Dots für Jasper. Der hat gleich alles riskiert. Die Autobahn. Nachts war da nichts los, aber das würde sie nicht wagen. Sie würde hängen bleiben und er käme eine Runde weiter. Also ist er gesprungen.
Das mit dem Auto war eine Falle. Er kennt das Spiel. Er kennt das System. Auf Wagnis folgt Hindernis. Es kommt darauf an, schneller zu sein. Sich nicht ablenken zu lassen. Jasper war schneller. Das Auto hat sich ablenken lassen. Von der Spur drängen. Das Geräusch war dasselbe wie bei »Car Race«, das er früher gern an Mamas PC gespielt hat, als er noch klein war. Wie eine angeworfene Kreissäge, über der zwei Glaser eine Scheibe fallen lassen. Er hat sich nicht umgedreht. Ist cool geblieben. Vierhundert Dots für Jasper. Alle hat er abgehängt, alle.
Wie er da hockt am Boden dieser Baumkathedrale. Sieht so ein Sieger aus? Er nimmt die Hände von den Ohren und lauscht. Nichts. Das kennt er nicht, dass nichts zu hören ist, einfach gar nichts. An den Ohren fühlt er sich hochgezogen, er taumelt vor so viel Stille. Eine Falle?
»Hey!«, brüllt er. »Ist das eine Falle?«
Al–le, weht es als Echo um die Wipfel.
Jasper ist blank. Er muss den Joker setzen. Sofort setzt er sich in Bewegung. Da sind Geräusche, endlich wieder. Was für Geräusche? Knacken, Knistern. Zweige unter seinen Sohlen, Laub am Wegrand. Oder? Hinter ihm, neben ihm knistert es, knackt es. Er beginnt wieder zu rennen. Das hier ist zu viel für ihn. Das schafft er nicht. Fremde Geräusche, fremde Stille. Die ist am schlimmsten. Da rennt er lieber davon. Da verliert er lieber ein paar Dots. Da vorn ist die Autobahnbrücke. Am Wegrand davor leuchtet weiß die Maske. Ein Hechtsprung, ein Greifen, er hat sie.
Zuckendes Blaulicht zerreißt das Nachtdunkel. Das Geländer wächst ihm entgegen. Er zieht sich heran, beugt sich darüber. Unter ihm rast gerade ein Rettungswagen davon. Ein Polizeiauto steht quer auf der Fahrbahn. Männer in orangefarbenen Westen kehren Scherben zusammen. Jaspers Blick fällt mitten hinein in ein Augenpaar. Seine Mutter. Er setzt die Maske auf. Sie wendet sich ab.
Nur einmal und erst spät, beim zweiten Glas, hat sie ihren Mann erwähnt. Fast beiläufig, will es ihm scheinen. Sie sah nicht glücklich aus, er hat einen Blick dafür. Ach komm, Anselm, das hättest du wohl gern.
Er stellt das Autoradio aus. Aber: sah sie glücklich aus?
Der dritte Unfallwagen ist inzwischen an ihm vorbeigerast. Scheint was Größeres zu sein. An der nächsten Ausfahrt wird er herunterfahren und auf der Gegenfahrbahn zurück in die Stadt. Ciao, Bella, war schön mit dir.
Ein Schild taucht auf im Dunkel, wird größer, die Ankündigung einer Raststätte. Sofort bekommt Anselm ungeheure Lust auf einen Espresso. Umkehren kann er dann immer noch. Er hält sich ganz rechts, zählt in Gedanken mit, noch 300 Meter, noch 200. Ein landendes leuchtendes Ufo ist die Raststätte rechts vor ihm. Er setzt den Blinker, überflüssig, da ist niemand hinter ihm. Auch auf dem Parkplatz regt sich nichts. An dessen Ende stehen ein paar LKW, gedämpftes Licht hinter den Scheiben in den Führerhäusern. Früher hat er es sich abenteuerlich gedacht, so zu leben: unterwegs, auf einem Thron über der Straße.
Er parkt vor dem Eingang zum Ufo, stellt den Motor ab und bleibt noch sitzen, die Arme auf das Lenkrad gelegt. Bläulich schimmerndes Licht hinter den großen Scheiben, zwei Angestellte am langgezogenen Tresen, einer bindet sich gerade die Schürze zu. An den Tischen sitzt niemand. An einem der Tische wird er gleich sitzen. Oder er bleibt am Tresen. Es wird so sein wie ein Bild von Edward Hopper, das Licht, die für sich bleibenden Menschen im Raum, lauter Außerirdische und jeder von einem anderen Stern. Er liebt Hopper, und er liebt die Vorstellung, Figur in einem der Stücke zu sein, die dessen Bilder für ihn sind.
Er zieht den Schlüssel ab und steigt aus. Die Nachtluft ist warm, es riecht nach Sommer. Sofort fällt Anselm in seinen Sommernachtsgang. Er schlendert zum Eingang hinüber, zieht die Tür auf und verschafft sich mit drei festen Schritten einen Auftritt. Am Tresen, dort, wo ein paar leere Barhocker warten, bleibt er stehen, abwartend, lässt es offen, ob er sich setzen wird.
Einer der beiden Angestellten hebt den Kopf.
»He, Bela, Kundschaft«, wirft er dem anderen hin. Der sieht Anselm abwartend an.
»Espresso«, bestellt Anselm und sieht zu, wie der andere Kaffeebohnen einfüllt, wie er eine Tasse aus dem Regal fischt, ein Tuch nimmt und die Tasse innen auswischt. Kroate, vermutet Anselm, Albaner vielleicht. Ungar? Wohl kaum. Trotz seines Namens kann Anselm nichts Musikalisches an Belas Auftreten erkennen.
Krachend zermalmt das Mahlwerk die Bohnen, zischend fährt der Wasserdampf hinein, dann läuft der nachtschwarze Espresso gleichmäßig aus zwei Düsen in die Tasse. Beinahe andächtig sehen Bela und Anselm dabei zu. Als Bela ihm die Tasse hinstellt, schiebt Anselm sich auf den äußersten Barhocker. Schweigend rührt er Zucker in den Espresso, schweigend beginnt Bela, weitere Tassen zu polieren. Eine Zeit lang gefällt sich Anselm in dieser Rolle, kurz ist er versucht, ein Glas Whisky zu bestellen. Doch dann sieht er Claudia und sich selbst, in ihren Augen: einer, der es geschafft hat. Was haben sie gelacht, eben beim Wein. Der Kellner sieht von seinen Tassen hoch.
»Sie müssen noch weit?«, fragt er.
Seine Stimme hört sich an, als müsse er sich dringend einmal räuspern. Ein unbestimmter Akzent klingt mit.
Anselm fasst ihn ins Auge. Er wirkt unterbeschäftigt. Vermutlich sind die Trucker bereits vor Längerem in ihre Kojen gekrochen. Er nickt.
»Wann sind Sie los?«, fragt Bela.
»Vor zwanzig Jahren.« Anselm lacht auf, als er Belas erschrockenes Gesicht sieht.
»Lange Reise«, sagt der und schwingt sich das Tuch über die Schulter. Anselm rührt in seiner leeren Tasse.
»Gab ein paar Umwege.«
»Und jetzt?«
»Dauert’s wohl nicht noch mal so lange. Obwohl …«
Eben noch hat er Claudia einfach nachfahren wollen. Hat sich auf die Spur ihres Atems gesetzt.
»Eine Frau?«, fragt Bela.
Kurz kreuzen sich ihre Blicke. Ohne dass Anselm nickt, sagt Bela: »Verstehe.«
Jetzt betrachtet Anselm ihn doch genauer. Sieht den kleinen, fast mageren Mann mit dem schütteren Haar, dessen Grau das einst wilde Schwarz noch anzusehen ist. Ein paar Jahre älter als er selber, schätzt Anselm, Ende fünfzig wohl. Vielleicht sieht er aber auch älter aus, als er tatsächlich ist.
»Und du?«, fragt er und bereut im selben Moment, in die herabsetzende vertrauliche Anrede gefallen zu sein, so ein echt deutsches Arschloch gewesen zu sein. Dass ihm das passiert ist. Bela tut, als hätte er es nicht bemerkt.
»Verheiratet, vier Kinder«, sagt er, »kleinste sechs, größter fünfzehn. Keiner hier. Alle zu Hause.«
»Wo ist das?«
»Weit. Sieben Jahre.« Abwartend sieht Bela auf Anselm. Der lacht, streckt ihm die Hand entgegen.
»Anselm«, sagt er, und Bela ergreift lächelnd die Hand und nennt seinen eigenen Namen. Hinter dem Tresen steht ein ausrangierter Hocker, den zieht er heran und setzt sich, Anselm gegenüber. Aus dem hinteren Eck des Restaurants sieht der Kollege zu ihnen herüber.
»Mach uns noch zwei Espressi«, sagt Anselm zu Bela, »ich lade dich ein.«
Der nickt, steht wieder auf, macht sich an die Arbeit. Währenddessen sieht Anselm dem Kollegen zu, wie er von Tisch zu Tisch geht und all die leeren Stühle unter die Tischplatten schiebt.
»Ist wohl nichts los heute«, sagt Anselm, und der andere zuckt die Schultern. Der Espresso ist fertig, Bela sitzt ihm wieder gegenüber, zwei Tassen stehen zwischen ihnen.
»Die Frau«, sagt Anselm und reißt ein Zuckertütchen auf, »die ist mein Anruf aus Hollywood. So was passiert dir nur einmal im Leben. Wenn überhaupt. Verstehst du?«
Bela nickt, aber er sieht nicht so aus, als ob er das versteht.
»Wieso Hollywood?«, fragt er.
Anselm zerknüllt das leere Zuckertütchen.
»Das ist nur ein Name. Für die ganz große Chance.«
»Deutschland«, sagt Bela, »so wie Deutschland, ja?«
»Na, ja«, Anselm nimmt die Tasse und trinkt sie aus, »Deutschland ist so.« Er dreht die Tasse um. Ein letztes braunes Tröpfchen schlägt auf der Untertasse auf und zerrinnt. »Und das ist Hollywood«, er deutet auf die Espressomaschine, »immer noch alles möglich.«
»Wenn genug Bohnen drin«, sagt Bela, »Deutschland reicht. Hier gibt Geld für meine Arbeit, zu Hause nur Arbeit. Und Rückweg ist kürzer.«
»Sieben Jahre?«
Anselm grinst. Bela nicht. Er sieht an ihm vorbei nach draußen, ins Nachtdunkel über dem Parkplatz.
»Du siehst deine Familie nicht oft, oder?«, fragt Anselm.
Bela schweigt. Ohne dass er sich dagegen wehren kann, taucht ein Bild vor Anselm auf, ein Fenster, durch das er in ein Wohnzimmer sieht, auf einen Esstisch mit einer Familie darum, Claudia, wie sie Brot schneidet. Wie sie Holz nachlegt im Kamin, in dem ein Feuer brennt.
»Weißt du, ob deine Frau dir treu ist?«, fragt Anselm.
Bela fährt zusammen. »Halt die Klappe.«
Er steht auf, zieht das Tuch von der Schulter und beginnt wieder, Tassen und Gläser zu polieren. Seine Arbeit, für die er bezahlt wird, denkt Anselm und fasst nach seiner Gesäßtasche, um die Geldbörse herauszufischen. Da steht der andere Kellner hinter ihm.
»Die Unfallsperre ist aufgehoben«, sagt er, »vielleicht geht doch noch was heute Nacht. Hast du eigentlich was mitgekriegt, Bela?«
»Nein.« Er sagt es knapp. Zu knapp, findet Anselm.
»Ich schon«, sagt er und wendet sich Belas Kollegen zu, »da war ganz schön was los. Jede Menge Rettungswagen. Dann kam die Meldung wegen der Totalsperre. Eigentlich wollte ich umdrehen und zurück.«
Der Kollege nickt. »Jedenfalls ist jetzt wieder alles frei.«
